hat ein jeder seine kuriosen Stunden , und so muß man sie auch dem Alten gönnen . ' s wird sich schon wenden . Munter ! « Ja munter ! Alle jene , welche dem Chevalier von Glaubigern jede Berechtigung zur Melancholie absprachen , hatten recht , und die gnädige Frau hatte gleichfalls recht , und der Herr Ritter hatte sehr unrecht , sich durch die unbegreiflichsten , nichtsnutzigsten Lappalien die behaglichsten Tage ganz mutwillig zu verderben . Wahrlich , es ist niemand verpflichtet , seinen Lebenstag dem des andern unterzuordnen , wie niemand verpflichtet ist , über einen Gewinn außer sich zu geraten , den vielleicht erst eine ferne Zukunft auf ihrem Wege findet . » Haben Sie Geduld mit mir , Frau Adelheid « , sagte der Ritter . » Mir ist wieder einmal ganz wie dem Oliver Cromwell zumut gewesen . « » Von dem Menschen hab ich noch nie etwas gehört « , antwortete die Gnädige . » Nun , er war ein gewaltiger Kriegsmann und Regent , aber auch zuweilen voll finsterer Phantasien und voll Sorgen um Vergangenes und Zukünftiges . Und als es mit ihm zum Sterben ging , da hat er seinen Leibpastor gefragt , ob ein Mensch , der einmal in der Gnade Gottes gewesen , je wieder aus derselben herausfallen kann . Nein ! hat der Pastor geantwortet , und das hat dem Cromwell merkwürdig wohlgetan , und meine Meinung ist , daß die Geschichte für jedermann paßt , denn in der Gnade waren wir alle einmal , wenn wir nur immer an den dunkelen Tagen daran denken könnten . « » Das ist in der Tat eine vortreffliche Geschichte , Liebster , und sehr brauchbar in allen möglichen Ärgernissen « , meinte die gnädige Frau und fügte dann wie gewöhnlich hinzu : » Verlassen Sie sich darauf , Glaubigern , ich werde sie mir merken ; aber jetzt tun Sie mir auch den Gefallen und führen Sie das Frölen ein wenig in die frische Luft , Die gute Seele liegt mit seit einigen Tagen gleichfalls wieder schwer auf der Seele und dem Leibe . « » Mit Vergnügen ! « sprach dann der Chevalier , doch er hätte hinzufügen können : Wahrlich , es geht keine Müdigkeit über die des Starken und Tapfern ! - - Jetzt führte der Herr von Glaubigern mit dem gnädigen Fräulein die Tonie Häußler spazieren , und die Stunden der Gnade , die ihm in den sechs Jahren , von denen hier die Rede ist , zuteil wurden , folgten einander immer lichter und lieblicher auf dem Fuße . Zwischen seiner braven und sehr gescheiten Pedanterie und der Rokokozierlichkeit des Fräuleins von Saint-Trouin wurde das Kind aus dem Siechenhause zu einer feinen Jungfrau und zu einer Dame im höchsten Sinne des Wortes ; denn Mutter Natur ging glücklicherweise auch mit allerwegen und ließ ihr Kind nicht aus den Augen . Nun mochten die Schalmeien und Jagdhörner der Königin Marie Antoinette klingen , wie sie wollten ; der Chevalier fand nichts daran auszusetzen ; ja er fand sogar selber ein still inneres , träumerisches Behagen daran . Er hatte nichts dagegen , daß seinem jetzigen Liebling die oft so graziösen Nebelbilder verlorenen Glanzes und untergegangener Sitte vor der Phantasie vorübergaukelten . » Sie wächst in allen Dingen in die Anmut hinein ! « rief er . » Die Blüten schlagen über ihrem Haupte zusammen . Und man spricht von der Armut der Erde , während so etwas auf ihr möglich ist ! Alles begreift sie auf den ersten Wink - Herrgott , und wenn ich daran denke , wie der Bursch , der Hennig , der Esel , mir und sich den hellen Angstschweiß über denselben Wissenschaften ausgepreßt hat , so möchte ich ihr zu Ehren den Jungen heut noch rechts und links ohrfeigen ! Und sie allein darf das Frölen Frölen nennen , ohne auf der Stelle zu Asche zu werden ! Es ist ein Wunder , ein Wunder , ein Wunder - ein Wunder ! Sie ist die Lehrerin , und wir sind die Schüler . Achtundsechzig Jahre bin ich alt geworden und habe mich abgequält , um zu erfahren , was mir fehle ; bis sie gekommen ist , um es mir und um es uns allen zu sagen . Denn allen hat das gefehlt , was sie nach Krodebeck bringt , sie haben sich nur nicht gleich mir gemüht und abgeängstet . « Daran mußte wohl etwas Wahres sein ; es war jedenfalls ein Vergnügen , zum Exempel auf die Gefühle und die Mimik der gnädigen Frau in dieser Hinsicht zu achten . Wenn die schlanke Gestalt des jungen Mädchens mit holdem Lächeln sich ihr entgegenbeugte oder an ihr vorbeischritt , so war das Mienenspiel der Frau Adelheid ungemein drollig anzuschauen . Sie sah ihr entgegen , sie sah ihr , fast verstohlen , seitwärts ins Gesicht , sie sah ihr nach , und dann - ja , dann schien sie noch lange nicht fest überzeugt zu sein , recht gesehen zu haben , und die Ausrufe , in welchen sich dieser Gemütszustand Luft machte , waren nicht weniger seltsam als ihre Gebärden . » Sie wächst mir in allen Dingen aus meinem Leben hinaus ! « rief die Gnädige kopfschüttelnd . » Hätte ich die Angst nicht um das , was daraus werden mag , so würde ich es mir nur allzugern gefallen lassen . Jaja , Mamsell Molkemeyer , es ist gar nicht beneidenswert , unter lauter Narren und Phantasten allein die Augen klar und verständig offenzuhalten . « » An Ihrer Stelle , gnädige Frau , schickte ich die Jungfer morgen aus dem Hause « , sprach die Mamsell , worauf die Frau von Lauen mit einem unbeschreiblichen Blick auf ihre Vertraute erwiderte : » Dann würden Sie mit der Familie Buschmann freilich wohl das Reich auf dem Lauenhof allein haben . Ich glaube , wir zögen ihr alle nach , und was mich anbetrifft , so könnte ich schon des Anstands halber nicht zurückbleiben , da der Herr Ritter den Zug anführen würde . Übrigens , Mamsell , verfügen wir uns für jetzt zu unseren Käsen zurück , wie der Herr von Glaubigern sagen würde , Sie alberne Person . « Über die Blicke , das Flüstern und das halbverlegene Kichern des Dorfes Krodebeck haben wir bereits das Nötige gesagt und könnten darüber schweigen , wenn nicht auch hier das Wunder eingetreten wäre , daß Antonie Häußler im Spiel des Zeus mit der Welt die beste Hand erlangte . Einen Teil des Dorfes , als dessen Protagonist der Pastorenfranz gelten konnte , jagte sie in Furcht , und den andern gewann sie einfach durch ihre Liebenswürdigkeit : - die Gleichgültigen kamen hier wie überall nicht in Rechnung . Die Menschen finden sich in den Willen der Götter viel leichter , als sie je zugestehen werden ; die allerhöchsten Herrschaften erfreuen sich eben eines sehr lauten und herzlichen Gelächters , wie man auf Erden aus alten und neuen Historien zur Genüge lernen kann . Wir , mit einer umfangreichen Erfahrung in dieser Hinsicht - was nämlich das Lachen der Götter anbetrifft - begnadet , finden durch dieselbe leicht den Weg zu der Schicksalsverknüpfung des Kindes aus dem Siechenhause mit dem Junker Hennig von Lauen , einem Verhältnis , dessen Bedeutung wohl nicht zu verkennen ist . Die jungen Leute waren nicht immer eines Sinnes während ihres zeitweiligen Zusammenlebens , wie man solches auch von den besten Kameraden nicht verlangen kann . Aber sie waren oder wurden vielmehr gute Kameraden in der vollsten Meinung des Wortes . In den ersten Jahren von Hennigs Schulleben zankten sie sich um alles und jedes sowohl innerhalb als außerhalb der Mauern des Lauenhofes , jedoch am meisten außerhalb derselben , und dem Pastorenfranz ließ sich gerade nicht nachrühmen , daß er beflissen gewesen sei , die Steine des Anstoßes ihnen aus dem Wege zu räumen - im Gegenteil . Aber in allen den häufig wiederkehrenden Stunden und Tagen , in welchen das zärtliche Verhältnis des Junkers zu dem Pastorenfranz auf dem Nullpunkt stand , bedauerte Hennig auf das innigste , daß Tonie Häußler kein Knabe sei , damit man ein ewiges Freundschaftsbündnis mit ihr schließen und den Franz für ewige Zeiten seinem Schicksal überlassen könne . In allen den Tagen , in welchen die alte Freundschaft zum Franz in gewohnter Blüte stand , hatte Hennig weniger dagegen einzuwenden , daß sie ein Mädchen sei und bleibe , zumal da sie in dieser Form und Erscheinung häufig genug sehr nützlich war , um vor der Mama , dem Herrn von Glaubigern und dem » Frölen Trine « für manche Dinge und Angelegenheiten als freundlicher Schutzgeist einzustehen , für welche der Junker trotz allem Kopfzerbrechen und allen Schulbubenausflüchten so leicht keine Entschuldigung gefunden hätte . Man ist ja dem , der mit sanft abwehrenden Händen zwischen Schuld und Sühne tritt , immer dankbar , wenn es gleich jedermann dringend anzuraten ist , seine Rührung und Dankbarkeit ja nicht laut und naiv merken zu lassen . Hält man in solchem Fall den Mund und hält man die Träne zurück , so zeigt man erstens Charakter und kann zweitens , im Fall der andere je in ähnlicher Art unseres Beistandes bedürfen sollte , viel ruhiger und stoischer das Schicksal walten und der ewigen Gerechtigkeit freien Lauf lassen . Doch jede Vakanz , die Hennig in Krodebeck zubrachte , verlängerte die jedesmalige Dauer des Einverständnisses zwischen ihm und dem jungen Mädchen und verringerte in demselben Verhältnis die freundschaftlichen Neigungen zu dem armen Franz Buschmann . Als Tonie Häußler sechzehn und Hennig achtzehn Jahre alt geworden waren , gab es kaum noch irgendwelche Schatten zwischen ihnen , und - » das habe ich immer gefürchtet , und das ist mir das fatalste bei der ganzen Geschichte , und jetzt mag der Ritter beweisen , daß er jede Verantwortung auf sich nimmt ! « sagte die gnädige Frau . Sie hatte leider nicht den geringsten Grund zu ihren Befürchtungen ; die Götter schufen sich eben nur einen Grund zum Lachen , und - wer will ihnen das verdenken in ihrer langweiligen ewigblauen Seligkeit ? - Daß dieses Lachen nicht immer das angenehmste ist , wird auch das Ende dieses Teiles lehren . Wenn aber die Götter den Ihrigen alles Gute im Traum verleihen , so gehörte Hennig in dieser Zeit zu ihren bevorzugtesten Lieblingen . Was er unmittelbar von dem Chevalier und dem Fräulein von Saint-Trouin nicht hatte annehmen wollen und können , das nahm er zum größten Teil von Antonie gern und willig hin . Er fand , daß es gar nicht übel und im letzten Grunde ein gar nicht unberechtigter Wunsch der beiden Alten gewesen sei , daß er das Leben ein klein wenig mit Zierlichkeit anzufassen sich befleißige , und so suchte er mehr und mehr in Gegenwart des jungen Mädchens selbst Bäume und Felsen mit Zierlichkeit zu erklettern . Er stolperte jetzt längst nicht so oft wie früher über seine eigenen Füße ; er schämte sich eben vor dem leichtfüßigen guten Kameraden und ärgerte sich zu sehr an dem Pastorenfranz , der in den heimatlichen Gefilden stets eine Ehre dreinsetzte , sich so rüpelhaft als möglich aufzuführen . Das war alles damals ! - Damals schien die Sonne in der rechten Weise ; damals machte der Regen auf die rechte Art naß . Damals vernahm das junge Ohr noch nicht das dumpfe Rollen in der Ferne , bei dessen Ton die Alten stehenbleiben , stutzen und schweigend horchen . Die Räder des goldenen Wagens , auf dem Oberon und Titania über die Welt fahren und dann und wann auch wohl ein begünstigtes Menschenkind als blinden Passagier mitnehmen , glänzen , aber sie poltern nicht wie die Räder jenes anderen , schlimmen Karrens , der nur blinde Passagiere befördert und dessen Lenker sich wenig darum kümmert , wie tapfer Hüon und wie schön Rezia ist . Sie erlebten große Wunder in all der Unbefangenheit , die eben dazu gehört , um Wunder zu erleben . Der Glaube , welchen das alte Fräulein von Byzanz so lange festgehalten hatte , daß nämlich die Welt ein Zaubergarten von Rechts wegen sein müsse , stand für die jungen Leute als erster und letzter Glaubensartikel unumstößlich fest , und sie hatten ihn nicht einmal wie Fräulein Adelaide von Saint-Trouin in den schlimmen und schlechten Anfechtungen des Tages mühevoll festzuhalten ; denn sie stellten sich unter einem Zaubergarten doch etwas anderes vor als jenes Paradies , aus welchem der Papa der würdigen Dame vordem emigrieren mußte . Von allen Fluren und Hügeln , aus allen Wäldern Krodebecks rund um sie her , erscholl ihnen tausendstimmig das Kredo der Jugend . Aus jedem Buche , welches sie lasen , lachte ihnen das Wunder entgegen . Bei Gott , sie waren nicht so dumm , sich mit dem Herrn von Florian und der Frau von Genlis zu begnügen . Sie begnügten sich nicht einmal mit der Bibliothek des Herrn von Glaubigern und den Herren Schiller und Goethe , denn da hätte es doch keine Leihbibliotheken in Halberstadt geben müssen . Der Chevalier und das Fräulein erfuhren längst nicht von jeder Lektüre , die Meister Hennig verstohlen herbeischaffte , und als echten Kindern der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts behagte ihnen - d.h. nicht dem Chevalier und dem Fräulein - die Lyrik und der Roman der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts ungemein , und sie erlitten durchaus nicht den ästhetischen und moralischen Schaden dadurch , welchen sehr ehrenwerte Leute nicht voraussagen werden , weil sie auch diese Erzählung nicht lesen . Viel größeren Schaden als alle Lektüre hätte ihnen aber fast der junge Gottesgelehrte Franz Buschmann getan . Er erlebte kein Mirakel in Krodebeck , und so setzte er natürlich auch alles daran , bei den andern den Glauben daran zu untergraben ; nur gelang es ihm glücklicherweise nicht ganz so , wie er wünschte . Die Unbefangenheit der armen Tonie zerstörte er freilich allmählich , und er schien kein größeres Vergnügen zu kennen , als sie in Zorn und Tränen zu sehen . Als dann endlich die Seele des jungen Mädchens zu allen Lebensgefühlen erwacht war , winkte das Schicksal von neuem : die Götter ließen lachend auch dieses Spielzeug aus den Händen fallen ; Herr Dietrich Häußler kam als ein großer Mann nach Krodebeck zurück , doch nicht , um daselbst zu wohnen und Gutes zu tun , sondern um , nach so langem Verschollensein , ganz und gar wie früher vollkommen das Gegenteil von dem zu tun , was man von ihm zu erwarten sich seltsamerweise immer noch berechtigt glaubte . Neunzehntes Kapitel Es ist jetzt mehr Sitte als Notwendigkeit ( wie ältere Sachverständige schnöde behaupten ) geworden , daß diejenigen jungen Leute , die sich dem Landbau widmen , wenn ihre Vermögensumstände oder ihre Hoffnungen es erlauben , ein Jahr oder ein halbes auf einer Universität zubringen , weniger der Wissenschaften und des Herrn von Liebig als des Gaudeamus igitur wegen , wie die oben angeführten Sachverständigen gleichfalls behaupten . Auch für den Junker von Lauen war dieser heißersehnte Zeitpunkt nunmehr herangekommen , das Halberstädter Gymnasium lag hinter ihm , und nach abgehaltenem Familienrat stand es fest , daß er im Oktober nach Berlin gehen werde . Man befand sich , nach der Juden Zeitrechnung , im sechsten Jahrtausend der Welterschaffung , und so war es in der Tat hohe Zeit , daß das , was Adam sehr verdrießlich und ganz als Autodidakt begonnen hatte , endlich in ein System gebracht werde . » Es ist vor allem unsere Pflicht und Aufgabe , uns auf der Höhe der Situation zu erhalten « , meinte der Ritter von Glaubigern . » Der größere Grundbesitz hat auch hier dem kleineren mit einem guten Beispiel voranzugehen - weshalb sollten wir den jungen Menschen nicht nach der Hauptstadt senden ? Er mag gehen und wird nachher sich der Verwaltung des alten Erbteils seiner Väter mit desto größerem Eifer widmen und den Römischen Kaiser in partibus , Joseph II. , Maria Theresia regnante , das heißt unter der obersten Leitung seiner braven Frau Mutter , desto freudiger und nutzbringender agieren . « » Ich sehe kaum einen Grund davon ein ! « hatte Fräulein Adelaide gesagt ; aber die gnädige Frau war natürlich wieder auf die Seite des Chevaliers getreten , und mit innerlichem Jauchzen hatte Hennig seinen Willen durchgesetzt , obgleich ihm die eigentliche Wissenschaft des Pflügens , Düngens , Säens und Erntens bereits wie im Spiel in die Hand gewachsen war , wie vordem allen seinen Ahnen , die nie eine Universität besuchten und doch den Lauenhof stets auf der Höhe ihrer Zeiten erhielten . Doch wir befinden uns augenblicklich erst in der Weizenernte . Der Pastorenfranz war zum erstenmal von Halle heimgekommen , wo er ein Stipendium und einen Freitisch genoß und seine kostbare Gesundheit durch allzu eifrige Hingabe an seine Studien in Gefahr setzte , wie seine Mama behauptete . Daß er studierte , daß er ohne alle Widersetzlichkeit Theologie studierte , war zu einer Tatsache geworden , und daß er sich von dem Freitisch und seinen Studien in Krodebeck mit aller Hingabe erholte , war gleichfalls eine Tatsache . Den Freitisch lästerte er ganz offen und ohne Zwang ; über seine Studien dagegen sprach er sich natürlich nur ganz im Vertrauen gegen Hennig mit Verdruß und Verachtung aus . » Aber man frißt sich durch « , setzte er jedesmal hinzu ; » Behaglichkeit ist die Hauptsache , die Gnade wird sich späterhin auch wohl einstellen , und Hennig , ich verlasse mich fest auf dich und rechne auf Krodebeck , wenn der Alte einmal - na , du verstehst mich ! « Der Junker verstand ihn freilich und ärgerte sich häufiger denn je an ihm ; weniger über Insinuationen gleich der eben angeführten , die er im Grunde doch für ganz natürlich und wohlbegründet erachtete , sondern über die wirklich wunderbare Behaglichkeit , mit der ihn der junge Gottesgelehrte dann und wann auf die Felder hinausbegleitete und seiner harten Arbeit zusah . Während Hennig im Schweiße seines Angesichts den Verwaltern und Knechten seiner Mutter half und , hochrot vor Eifer , riesige Garben der heißen Augustsonne entgegen auf die Wagen schwang , lag Franz gewöhnlich unter einem Busch lang ausgestreckt neben dem Viktualienkober und rief nur von Zeit zu Zeit kauend hinüber : » Ich bewundere , aber ich begreife dich nicht , mein Sohn . Jetzt komm endlich her und erquicke dich ; denn siehe , es stehet geschrieben : Du sollst dem Ochsen , der da drischet , nicht das Maul verbinden ! « » Keine Zeit ! ... Nachher ! « ächzte der Junker dann wohl grimmig durch die Zähne , und Franz Buschmann drehte sich faul auf die andere Seite , seufzte : » Des Menschen Wille ist selbst bei einer solchen Hitze sein Himmelreich ! « , zog einen abgegriffenen Band der » Abenteuer des Chevalier Faublas « aus der Tasche und blickte aus der idyllischen Gegenwart wohlig über denselben hinweg in eine stille , friedliche , nahrhafte und gottselige Zukunft . Auch Antonie begleitete im leichten Sommerkleid und gelben Strohhut die Ernteleute des Lauenhofes häufig auf die Felder hinaus ; aber sie suchte sich nützlicher zu machen als der ekstatische Studiosus der Theologie , und sie gereichte jedenfalls den Knechten und Mägden sowie dem Junker zu größerem Trost und Vergnügen als der junge gefräßige Gottesgelehrte . Eine lächelnde freundliche Hebe , trug sie den Arbeitern die Krüge mit dem Erntebier zu und lächelte nur dann nicht , wenn sie notgedrungen den Busch des Pastorenfranz streifen mußte und es breitmäulig aus dem Schatten klang : » Mir auch einen Tropfen zur Labe , Fräu-lein Häußler ! « » Sei kein Flegel , Buschmann ! Ich meine , du kannst den Weg zur Tränke selber finden ! « rief dann wohl Hennig aus den Garben herüber . » Tonie , kümmere dich nicht um den Dickhäuter ; schon in Halberstadt haben wir gewußt , daß ihm eine ganze Seite in der Zoologie allein gehöre . Lustig , Tonie , du bist ein gutes Mädchen , du bist wahrhaftig ein gutes Mädchen , und , bei den lateinischen Göttern , was mich angeht , so fühle ich mich wie ein Gott in meinen Armen und Beinen . Hurra , es geht doch nichts über Krodebeck in den Erntetagen ! « Es war eine gute Zeit . Wenn die gnädige Frau auf die Felder hinauskam , segnete sie sich mit Fug und Recht über das fette Jahr und sang helle Jubellieder in der Tiefe ihrer Seele . Und wenn in der kühlern Abenddämmerung der Ritter von Glaubigern und das Fräulein von Saint-Trouin nachfolgten , so freuten auch sie sich und hatten gleichfalls allen Grund dazu . Sie konnten auch Jubelhymnen in der Tiefe ihrer Seele anstimmen , und zwar über ihre beiden Zöglinge . Sie wußten beide , was schön und gut sei , wenn auch auf verschiedene Weise , und sie standen oft beide still und stumm , während ihr Herz über die jungen Leute lachte . In diesen Augenblicken pflegte das Fräulein dem Chevalier die goldene Dose zu bieten : » Ein schöner Abend , Herr von Glaubigern ! « Und der Ritter , zierlich mit spitzen Fingern zugreifend , erwiderte : » Ein sehr schöner Abend ! Wahrlich , mein Fräulein , wir haben wohl beide häufig nicht gedacht , daß die Sonne uns so freundlich untergehen werde ! « » Mein lieber Herr von Glaubigern ! « sprach Adelaide , » wem hat man das zu danken ? Wie häufig und wie unverständig ist man mir unter den frivolsten Vorwänden in den Weg getreten ? Ja , und was würde sowohl aus dem Hennig wie aus dem Kinde geworden sein , wenn ich in allen Dingen meinem bessern Verständnis und meinen Gefühlen hätte folgen dürfen ? Nun , ich will nicht alte Wunden von neuem aufreißen , mein verehrter Herr Chevalier ; es ist in der Tat ein recht schöner Abend für uns , obgleich hoffentlich die Sonne doch noch nicht so tief steht , um auch diese ziemlich verständliche und recht ironische Bemerkung in betreff meiner Lebensjahre zu motivieren . « » Oh ! « seufzte der Ritter , und von jedem andern hätten wir sagen dürfen , er habe einen grunzenden Seufzer laut werden lassen , und zwar mit vollkommenster Berechtigung . Der Chevalier aber grunzte überhaupt nicht und also auch nicht in diesem Falle . Es war eine herrliche Zeit , eine Zeit der Erfüllung . Niemand , selbst der Ritter von Glaubigern nicht , hatte eine Ahnung davon , welches Gewölk hinter den Bergen brauete und welch hinkender , hämischer Schritt langsam und unaufhaltsam sich näherte . Nicht einem klang dieser metallische Schritt , der halb Hufschlag war , in den guten Stunden durch die Seele , selbst nicht durch die ängstliche Seele des Chevaliers und Leutnants Karl Eustach von Glaubigern . Es war eine sehr vergnügte Zeit ; allein vorüber mußte auch sie gehen . Allmählich verklang das Schärfen der Sensen , das Rufen und Singen der Arbeiter und Mägde auf den Feldern von Krodebeck . Die Felder wurden leer , und Wagen auf Wagen schwankte zum Dorfe hinab . Endlich kam der Abend , an welchem die letzten Garben auf den letzten Wagen geladen wurden und auch diese Ernte vollendet war . Der Morgen war sonnig und heiß wie gewöhnlich gewesen ; gegen Mittag hatte sich ein leichter Dunst über das Land gelegt , und als am Abend die bebänderte , mit Goldflittern und künstlichen und wirklichen Blumen geschmückte Erntekrone auf der höchsten Garbe des letzten Erntewagens aufgepflanzt wurde , änderte sich die Atmosphäre in eigentümlicher Weise . Über den Wald im Westen schob sich ganz plötzlich eine seltsame gelbliche Wand empor , in welche die Sonne , eine feurig rote Kugel , hinunterglitt . Mit ungemeiner Schnelligkeit wogte der Dunst heran ; der Höhenrauch verhüllte die Ferne und die Nähe , legte sich schwer und betäubend auf Augen und Hirn und machte sich den Lungen so sehr bemerklich , daß selbst die stattlichen , starken Gäule des Lauenhofes in ihren Geschirren unruhig wurden , die Köpfe in die Höhe warfen und laut und unmutig schnoben . Natürlich sah auch das Volk von den Stoppeln auf und umher , und alle tauschten die uralten Bemerkungen Fragen und Antworten über den geheimnisvollen Dunst und Nebel aus ; allein der Schleier , der sich über die geleerten Felder legte , fiel nicht zugleich über ihre Seelen . Im Gegenteil schien er den halben Rausch , in welchem sie sich alle befanden , nur noch zu erhöhen . Sie schrien und jauchzten und umtanzten die Wagen ; sie jagten einander durch den wehenden Duft . Der Pastorenfranz lief den kreischenden Mägden nach , und Hennig hob , wie ein junger Herkules auf der Deichsel zwischen den Pferden stehend , in seinen starken Armen Antonie als Erntekönigin auf den für sie bereiteten Sitz , gerade unter der bunten , bebänderten Krone . Was für Wetter der Höhenrauch auch bedeuten mochte , der Segen des Landes war vor allen bösen Mächten in Sicherheit gebracht , und der größte und höchste Jubeltag des Bauern war nach langem , hartem Mühen zwischen Furcht und Hoffnung dem Jahre abgewonnen . Noch lag die gelbrote Kugel in dem gelben Dunst , und etwas Schöneres als das Gesicht der Erntekönigin auf dem schwankenden Sitz in diesem magischen Lichte gab es nicht auf Erden . Und sie allein blieb in ihrer freundlichen Ruhe unter den vielen aufgeregten Menschen . Still lächelnd blickte sie von ihrem hohen Sitze hin über das Land , über all die leeren Felder . Das Lächeln verschwand , die Sonne ging unter , mit einem Male hatte der unheimliche Rauch , der sich auf die Fluren von Krodebeck gelagert hatte , die rechte Färbung angenommen : alles Bunte und Leuchtende versank in dem trüben Grau , der Horizont verengerte sich mehr und mehr , und lachend rief Hennig von Lauen zu der Spielgenossin hinauf : » Hallo , Tonie , ist das nicht , als ob der Herbst dem Sommer die Lichter ausbliese ? Wie schade , daß der Ritter und das Frölen zu Hause sitzen , wir kommen dadurch um einen ganzen Sack voll Philosophie und Klagelieder Jeremiä ! Munter , sagt meine Alte ; jetzt geht ' s nach Haus , nun schreit euch alle aus und bringt dem guten Jahr ein Vivat ; nachher tanzen wir in den Winter hinein ! « Das Wort ließ sich niemand unter den Ernteleuten zum zweiten Male sagen . Sie schrien allesamt mächtig und aus sehr gesunden Lungen , und dreimal hallte die Gegend von ihrem Hochrufen wider . Nun schwang sich Hennig auf den Sattelgaul , die Knechte und Mägde ordneten sich zum Zuge vor und hinter dem Wagen . Das schwere Viergespann zog an ; tief in den Ackerboden unter der schweren Last einschneidend , drehten sich knarrend die Räder , und von den Stoppeln schwankten die letzten Garben dem Feldwege zu , der nach dem Dorfe hinabführte . Mit hellem Gesang zog man einher , nachdem man auf ebenerem Boden angelangt war . Selbst der Pastorenfranz sang mißtönig mit , trottelte aber doch ziemlich verdrossen nach ; denn heute an dem arbeitvollen Tage hatte er bei niemand die Beachtung gefunden , welche er doch stets verdiente , und auch jetzt in dem Triumphzuge spielte er keine hervorragende Rolle und fühlte das . Die Mägde neckten ihn , die Knechte sahen mit einem gewissen Hohn auf ihn herab , und der Junker in seiner Pracht auf seinem Lieblingsgaul schien gar nicht mehr zu wissen , daß der Buschmann auch noch in der Welt sei . Und je näher man dem Dorfe kam , desto mehr wuchs die Erregung des Volkes . Längst reichte das im Chor angestimmte Lied nicht mehr aus , um dem Jubel Luft zu machen . Wild und toll jauchzten einzelne in die Melodie hinein , und der Junker auf dem Sattelpferde tat mit Hollageschrei und Peitschengeknall das Seinige , die schwere , graue Atmosphäre zu erschüttern . Der Lärm des Ernteheimzuges hätte einen Toten auferwecken können , und doch stand da , wo der Feldweg auf die große Straße trifft , eine alte Frau mit einem Tragkorb auf dem Rücken , gestützt auf ihren Stab , und schien nicht das mindeste davon zu vernehmen . Mit gesenktem Haupte , wie in das tiefste und betrübteste Nachdenken versunken , stand Jane Warwolf aus Hüttenrode da , hexenartiger als je in der gelbgrauen Beleuchtung . Sie erhob den Kopf erst , als sie zurücktreten mußte , um nicht unter die Hufe der Pferde zu geraten , und sah mit einem Gesicht auf den lustigen Haufen , über welches jedermann , der sonst ihren Humor kannte , sich billig verwundern mußte . » Glück auf , Jane Warwolf ! « rief Hennig . » Da bist du wie gewöhnlich zur rechten Zeit . Du willst natürlich den Tanz eröffnen und sollst deinen Willen haben - der Ritter wartet längst mit Sehnsucht und weißen Handschuhen . Marsch , Alte , ins Glied ! Fühlung , Fühlung ! Wärst du früher gekommen , hätten wir dich sicher als Königinmutter da oben hinauf neben die Tonie gesetzt ! « » Glück auf , Herr von Lauen ! « sprach die Alte finster und gebärdete sich in allem ganz anders , als jedermann erwartete . Denn statt munter vorzuspringen und trotz ihrer siebenzig wohlgezählten Lebensjahre als die Ausgelassenste in den Zug und Gesang einzufallen , stapfte sie krummen Rückens neben dem Gaule Hennigs her und sagte nur : » Mir ist nicht tanzlustig zumute , Herr von Lauen . « Dazu starrte sie schief von unten auf mit einem solchen Ausdruck von Sorge , Gram , Haß und Schrecken nach dem hohen Sitz der schönen Erntekönigin , daß diese , welche sich gleichfalls grüßend von ihrem Thron zu