gewiß wenigstens nicht besser . « » Drum hätte Jos studieren sollen . Wer fähig ist , die Kluft zwischen Arm und Reich zu übersehen , dem bietet nur die Bildung einen Notsteg mit schützendem Geländer . « » Man denkt gern an die Jahre des Lernens « , sagte der greise Pfarrer lächelnd . » Man bekommt noch spät beim Gedanken an die damalige Tatenlust neuen Mut . Ich hab ' noch in Konstanz studiert und könnte lang erzählen , welche Klüfte zu überbrücken ich da einem Gebildeten zugetraut hätte . Aber wir wollten davon reden , was denn auch jetzt beim Studieren herauskäme außer Lateinischem und Griechischem . So ein armer Tropf wie der Jos müßte Geistlicher werden wohl oder übel , denn beinahe alle Stipendien sind nur unter dieser Bedingung zu gewinnen , und ein Weltlicher kann überhaupt nur schwer Unterstützung finden . Das Volk ist nun einmal schon so . « » Wissen Sie , warum ? « » Ich hab ' in Konstanz studiert und brauche wenigstens mir selber da nichts vorzuwerfen . Gut ! Unser Mann kommt also nach Brixen . « » Warum gerade nach Brixen ? « » Er muß die echteste Lehre haben , um so bald als möglich einen ordentlichen Platz zu bekommen , wo er sich wenigstens ohne Schulden durchbringt . Der Arme wird immer auf Unterstützung sehen müssen , und es ist dafür gesorgt , daß er sie nicht überall findet . Der , dem sein Wissen eine Art Selbständigkeit gibt , mag sich mit dieser behelfen , so gut er kann , oder aus der Not eine Tugend machen , wenn man kleinlichen Beamtenehrgeiz und Veräußerlichung Tugend nennen will wie unser Kaplan , der sich am Schlusse jedes Jahres öffentlich auf der Kanzel damit großtut , unter seinen Amtsbrüdern im Verhältnis zur Zahl der anbefohlenen Schäflein am meisten Hostien verbraucht zu haben . Fragt man , ob nun mit den vielen Beichten auch Besserung , mit den unzähligen Liebesmahlen auch Liebe ins Dorf gekommen sei , so sagt euch der immer zur Rede , aber nie zur ordentlichen Antwort bereite Mann , es sei ihm auch gelungen , den Söhnen sterbender Väter noch ein paar fromme Stiftungen vor der Nase wegzuschnappen . « » Sie sehen schwarz , ich habe doch auch studiert . « » Aber nicht so arm und abhängig nach rechts und links , wie so ein armer Tropf es tun müßte . Drum glaub ' ich trotz allem Schönen , was man mit Recht von der Bildung sagt und von den Brücken , die sie bauen soll , für einen wie den Jos ist ' s besser , wenn er hier für Kopf und Hand Beschäftigung findet « Jetzt rückten auch Hans und der Vorsteher etwas näher zum Tisch , wie Spieler , die nach langem Harren und vergeblichem Hoffen wieder einmal eine gute Karte zum Mittun bekommen . Hans hatte sich eine Weile mit der Vorstellung zu versöhnen bemüht , daß Jos noch ein Vierteljahr , dreizehn lange Wochen liegen , er unterdessen ohne den Knecht sich behelfen oder einen anderen anstellen solle . Machte ihm schon die Frage , welches klüger sei , nicht wenig Kopfarbeit , so war es doch viel mehr noch Mitleid mit dem nicht ohne seine Schuld Unglücklichen , was den redlichen Burschen so schnell ernüchtern ließ . Erst zuletzt hörte er wieder , wovon geredet wurde , gerade als der Pfarrer aussprach , was für den Burschen das beste wäre , und schnell wollte er sagen , die Sorge für den Jos sei seine Sache und brauche kein Mensch ihn zu bedauern . Aber der Vorsteher , bemüht , das Gespräch nicht mehr aus bekannten Gleisen in Höhen entgleiten zu lassen , die für ihn geradezu unerreichbar waren , kam dem stets etwas langsamen Hans mit einem Antrage zuvor : » Jos « , rief er fröhlich , » wär ' am Ende ganz der Mann , der mir schon lange fehlt . Guter Kopf , ein wenig stolz , fertige Hand zum Schreiben und die Geduld eines Schneiders ! Ist ' s nicht , als ob er von Gott schon lang zu meinem Schreiber bestimmt wäre ? Meine Buben überlassen ihm das Amt von Herzen gern . Einträglich ist ' s genug , und nebenbei kann er auch noch mit der Nadel arbeiten . Was sagt ihr zu meinem Plan ? « » Er ist gar nicht übel « , sagte der Pfarrer , » und die Zeit , wo er doch als Knecht nicht arbeiten kann , ist gerade recht , ihn zu versuchen . « » Da hab ' ich denn doch auch noch ein Wörtlein mitzureden « , meinte Hans . » Aber « , versetzte der Pfarrer bittend , » wenn er allenfalls den Jahreslohn schon empfangen hat , so wirst du das doch nicht wie ein Bleigewicht auf ihn werfen , daß es ihn in Knechtschaft niederdrücke für immer ? « » Davon ist keine Rede . « » Und die Arbeit auf dem Stighof können Hunderte so gut verrichten als er . « » Das « , fiel Hans etwas spitz ein , » weiß denn unsereiner doch wohl selber am besten . « » Allerdings - aber jedenfalls ist er zu ersetzen , drum soll ihm niemand im Wege sein , wenn er einen wichtigen Schritt machen kann . Er ist in der Gemeinde von vielen schief angesehen . Eine einträgliche Stelle , man könnte fast sagen , die erste nach dem Vorsteher , wird ihm Vertrauen und Achtung gewinnen . « Das nun hätte Hans dem Pfarrer allenfalls auch unterschrieben , wenn er etwas lieber mit Feder und Papier zu tun gehabt hätte . Ihm aber hatte die edle Schreibkunst immer für halbes Hexenwerk gegolten , und obwohl er sonst dem Knechte wirklich mehr zutraute als sich selbst , ward ihm doch schwarz und weiß vor den Augen , als dem Bürschchen , welches er noch vor kurzem mit drei Worten in Stall und Feld schicken konnte , ein so wichtiges Amt zugestanden wurde . Erst jetzt schien ihm Jos ganz unentbehrlich , und klagend fragte er : » Was soll denn aber ich machen ? « » Dorotheens Bruder « , tröstete der Doktor , » ist viel stärker als Jos , ich würde gleich den anstellen , damit er auch wieder einen sicheren Weg vor ihm hätte . « » So , den ? « fragte Hans beinahe verächtlich . » Ja , den « , sagte der Doktor ruhig . » Zur Arbeit ist er sicher so gut als der ehemalige Schneider . Dorotheen gegenüber ist er auch viel weniger gefährlich als Jos , welcher nach den Äußerungen am unglücklichen Kirchweihtag ein Aug ' auf das flinke Mädchen geworfen hat . « Das wirkte auf Hansen wie ein Schlag . Er hatte sich daran gewöhnt , das Mädchen von ihm abhängig zu denken , obwohl er es Dorotheen niemals empfinden ließ . Das böse Gerede , worin Zusel ihn wegen der Magd gebracht hatte , machte ihm weit weniger Kopfweh als diese Rede . Ja jenes schmeichelte ihm noch , da er den darin liegenden Stachel in seiner Gutmütigkeit kaum bemerkte ; die leicht hingeworfene Bemerkung des Doktors aber wirkte um so stärker , da ihm Jos nun alles ein anderer Mann war , als während er ihn noch zum größten Teil vom Stighof abhängig dachte . Nun erst war ihm von der Kirchweih alles , gar alles klar . Es litt ihn nicht mehr im Herrenstüble , welches jede Minute noch heißer zu werden schien . Er mußte ins Freie , mußte sich ein wenig erspazieren wie immer , wenn er etwas nur mit Nachdenken nicht zu verwinden imstande war . Er mochte ziemlich weit in der Nähe herumgehen , denn er kam erst vor dem Nachtessen heim , eine Weile nach Dorotheen , die den Jos besucht hatte , und beinahe in besserer Stimmung als sie . Das war übrigens diesmal bald geschehen . Nach der Kirchweih hatte Dorothee manches in sich verarbeiten müssen , aber sie war doch imstande , sich so zu beherrschen , daß die Stigerin nicht im entferntesten auf den Gedanken kam , auch sie konnte bei der Geschichte mit Jos auf die oder jene Weise beteiligt sein ; heute aber fiel ihr das seltsame Benehmen des Mädchens denn doch auf , und zwar umso mehr , da sie keinen Grund dafür von Dorotheen erfragen konnte . Das allerdings betonte Dorothee etwas stark , daß sie den Bruder erst am dritten Tage , und noch dazu in einem fremden Hause , das heiße bei der Stickerin und ihrem Jos , angetroffen habe . Die Stigerin , die schon lange an einem großen Erdäpfel herumschälte , ohne dabei das Mädchen aus den Augen zu lassen , fand diese an Dorotheen gar nie bemerkte Empfindlichkeit um so unerklärlicher , weil es mit dem Bruder wenigstens nie mehr als mit den anderen Eigenen zu tun gehabt hatte . Die Frau sprach das offen aus , worauf denn Dorothee zu verstehen gab , daß das noch nicht alles sei , daß sie aber lieber gleich schlafen gehen als noch von allem reden möchte . Sicher hätte Dorothee auch weit etwas Ärgeres noch viel lieber getan . Für wie kindisch wäre sie wohl gehalten worden , wenn jemand erfahren hätte , daß ihr Jos so weh getan mit der Mitteilung seines Entschlusses , das Dienen eine gute Sache sein zu lassen und wenigstens nie mehr auf den Stighof zu gehen . Ihr erster Gedanke war , an dem sei nur einzig der Hansjörg schuld . Man hörte es aus allen seinen Reden , daß er den Stighans durchaus nicht leiden konnte . Er sagte offen , der Hans habe mit dem Krämer unter einer Decke gespielt , und ihm wäre selbst das Fortgehen nicht so schwer geworden als der Gedanke , daß er nun dem einen Dienst tun und für ihn durch Feuer und Wasser gehen müsse . So redete ihr Bruder heute vor allen Burschen , welche den Jos besuchten ; was erst mochte er ihm heimlich schon aus- und einzureden versucht haben ? Er war ja den ganzen Abend mit Jos im Gespräch über einen Plan , den er eine kleine Verschwörung gegen den Krämer nannte . Die anwesenden Handwerker , bisher von dem Blutsauger abhängig , sollten sich zusammentun und einen Handel mit ihrer Arbeit anfangen . Hansjörg versprach , durch Schleichhandel das , was das Land nicht selbst hervorbringe , so billig als einer zu besorgen . Dann wurde auch berechnet , daß man schon soviel bares Geld zusammenbringe , als ein kleiner Anfang brauche . Hansjörg schien vor Begierde zu brennen , dem Krämer diesen Possen zu spielen , und Dorothee hätte daraus die Abneigung des Jos gegen den von ihr erwähnten Knechtsdienst erklärt , wenn er seine Antwort ihr nicht gleichsam wie eine Beleidigung mit der Gewalt und Beredsamkeit eines recht Zornigen entgegengeworfen hätte . Was wollte die Rede sagen , er möge nicht länger auf dem Stighof das fünfte Rad am Wagen sein ? Es war gerade , als ob sie glauben sollte , er komme wegen ihr nicht mehr , und doch tat das gewiß niemand weher als ihr . Sie drei hatten so froh zusammen gelebt , und nun sollte das aus sein und sie zittern müssen für die trotzigen Waghälse , sooft Gott den Tag schickte . Daß aber Dorothee von dem jetzt nicht reden mochte , war um so erklärlicher , weil sie sich nebenbei wieder mit dem Gedanken zu beruhigen suchte , daß das auch einer jener vielen an langen Sonntagen unter lebhaften Burschen entstandenen Pläne sein könne , die schon am anderen Morgen bei ruhiger Überlegung nur noch belächelt werden . Das Nachtmahl ward schweigend genommen , und schon kam Dorothee gähnend und sich recht schläfrig stellend aus der Küche zurück , als Hans scheu und leise , wie wenn er einen Fehler einzugestehen hätte , der Stigerin erzählte , wenigstens ein Vierteljahr werde Jos noch daheim bleiben müssen . » Ohne Brot und sich selbst überlassen ! « jammerte Dorothee , die sich jetzt nicht mehr zu beherrschen vermochte . » Wohin « , fuhr sie strenge fort , » wohin kann die Not und das Mißtrauen ihn in der langen Zeit noch treiben ? « Hans hatte dem Mädchen durchaus nicht erzählen wollen , für welchen Prachtkerl der Jos bei rechten Männern gelte . Es war ihm schon peinlich , neben der lieben Dorothee nur daran zu denken . Dem letzten Ausrufe gegenüber jedoch zwang es ihn mit Gewalt zum Reden . Jedes Wort traf ihn wie ein Stich , und gleichsam aufschreiend versetzte er : » Dem Jos ist ' s ja sein Glück . Man hat mir ' s deutlich gesagt , er sei zu gut zum Knecht . Gemeindeschreiber soll er werden , der erste Mann nach dem Vorsteher , und weiß Gott was noch . Der Pfarrer und die Herren selber haben ' s gesagt . « Dorothea sah den Burschen erstaunt an . Sie schien Ton und Gehalt seiner Rede nicht wohl vereinbaren zu können . Hans war sich im Leben noch nie so klein vorgekommen wie jetzt , als er auf einmal etwas in ihrem Gesichte leuchten sah , als ob ihr ganzes Wesen juble : » Das hab ' ich mir gedacht ! « Da mußte gleich auch er etwas tun , um dem Jos die Freude des Mädchens nicht ganz allein zu lassen . » Als Knecht ist Jos verloren « , sagte er trocken . » Ich hab ' schon an einen anderen gedacht und will gern hören , was du dazu sagst . « » Wer ist es ? « » Hansjörg . « » Gott Lob und Dank ! « rief das Mädchen , und das Weinen wär ' ihm fast gekommen vor Freude . Nun war doch alles , alles recht . Hansjörg kam auf einen guten Weg und war dem Jos nicht mehr gefährlich . Dorothee wußte selbst nicht , welches sie besser freue . Beides aber machte sie so glücklich , daß sie dem Hans hätte um den Hals fallen mögen . Jetzt mußte noch alles heraus , was sie gedrückt und gequält hatte . Sie weinte Tränen der Freude , während sie erzählte , wie viel sie um der beiden Burschen willen schon litt , besonders nachdem sie dieselben beisammen gesehen habe . Das sei für alle ein großes Glück , daß die wieder getrennt würden , und noch auf eine Weise , daß man ' s gar nicht besser hätte wünschen können . So gut hätten es nur die Reichen ! Die könnten überall helfen , wenn sie nur wollten ; doch es gebe nicht viele , auf die man sich verlassen könne und von denen etwas zu hoffen sei . Hans freute sich wieder an Dorotheens Freude . Er sah sich dem Jos gegenüber im Vorteil und begann den guten Burschen fast zu bemitleiden . In dieser Stimmung erzählte er alles , was er heute von ihm gehört hatte . So plauderten die zwei , die sich noch vor kurzem stumm und mißtrauisch gegenübersaßen , so froh und offen , daß es endlich der alten Stigerin zu gemütlich wurde . Man könnte vor Glück noch gar betrunken werden , sagte sie ; der Anfang scheine schon gemacht , und da man morgen keine Zeit hätte , den Rausch auszuschlafen , so sei wohl das klügste , wenn man sich jetzt eine gute Nacht wünsche . Dorothee tat das ebenso schnell , als sie seit Jahren jeden Befehl der Stigerin auszuführen gewohnt war . Sie ging um so lieber , weil die Rede der strengen Frau sie denn doch ein wenig unangenehm berührt und abgekühlt hatte . Jetzt unterschied sie schärfer als je zwischen Mutter und Sohn . Die erstere war streng , blieb beim alten , und ihre Güte war vielleicht nur Ausdruck ihres stolzen und dabei behaglichen Wesens . Wie anders bei Hansen ! Der war ihr noch selten so groß erschienen wie jetzt . Selbst neben den Jos durfte sie ihn herzhaft stellen , ohne daß er viel verlor . Sie dachte überhaupt mit ganz anderen Empfindungen an den ehemaligen Knecht , seit er ihr nur noch durch sein unerklärliches Benehmen Sorge machte . Erst im Traum sah sie ihn wieder deutlich vor sich , aber nicht mehr als armen Schneider , sondern als Besitzer des Stighofs . Er war von einer ganzen Menge von Leuten umringt , die alle Rat und Hilfe bei ihm suchten . Er gab nicht nur Geld , sondern auch was aus mehr als einer augenblicklichen Not helfen konnte . Sein Wort wirkte auf alle . Streitende gingen versöhnt , Traurige getröstet von ihm , und so beredt wie er war kein Mensch , als wer eben von ihm redete . Nur sie durfte ihm nicht sagen , was ihr fehle . Sie wußte es aber auch eigentlich selbst nicht , und doch war ihr so weh , daß sie weinte . Als Jos dadurch auf sie aufmerksam wurde , erschrak sie so , daß sie erwachte . Hansen tat es später doch weh , daß das Mädchen sich mehr über die schönen Aussichten des Jos zu freuen schien als um ihres Bruders willen . Unwillig schlug er die Türe seines Zimmers zu und verbrachte eine schlaflose Nacht . Vierzehntes Kapitel Zusel und Angelika Dorothee kam durch Zusels fromme Freundinnen immer ärger ins Geschrei . Sogar der Zusel war zuweilen bang vor dem , was durch sie angerichtet wurde , wenn sie schon fest glaubte , daß Dorothee wenigstens alles tun würde , wodurch sie den unbeholfenen Burschen möglicherweise fangen könnte . Bestand aber ein sündhaftes Verhältnis noch nicht , so durfte doch auch das Entstehen desselben verhindert werden . Das war Zusels Trost , neben der Hoffnung , daß sie sich bald in Ehren aus der Sache ziehen und dann auch ihre Werkzeuge wieder wegwerfen könne . Sehr bedenklich aber war es , daß trotz allem Dorothee noch immer auf dem Stighof blieb . War denn die Stigerin unempfindlich für die Ehre des Hauses , oder hatte die Magd auch sie schon gewonnen ? Der Krämer , der immer gut unterrichtet sein wollte , behauptete freilich das Gegenteil , aber seiner Tochter war das nur ein schlechter Trost . Sie hätte , besonders da sie einmal die schlimmen Folgen des durch sie erregten Lärms empfand , auch etwas von der beabsichtigten Wirkung erleben mögen . Allerdings galt jetzt das sündhafte Verhältnis der beiden auf dem Stighofe für eine ausgemachte Sache ; nun aber begannen die Leute sich auch an das wunderfreundliche Paar Augen zu erinnern , welches Zusel Hansen am Kirchweihtage gemacht hatte . Dorothee lief damals von dem Burschen weg und kam doch hernach mit ihm ins Geschrei . Zusel , hieß es , war also nicht imstande gewesen , etwas zu erlächeln . Hans habe nicht so unrecht . Vielleicht komme er mit einer Armen - wenn ' s nur eine brave Person sei - weit besser durch die Welt , als wenn mit dem Halben von dem , was der Krämer erschachert , seine Zusel auf den Stighof gebracht würde . Dort sei gewiß jetzt kein unredlich erworbener Kreuzer , und schon das sei mehr für ein Ehepaar , das von vorn anfange , als wenn mit ein paar tausend erheirateten Gulden der Unstern ins Haus hineinkommen tät , wie man das schon so oft erlebt habe . Hübsch nun wäre die Zusel allerdings , aber sie wisse schon auch davon , und daß sie sich es dann zuweilen so sehr anmerken lasse , sei entschieden nicht hübsch . Zudem wisse jeder , daß man keinem ein schönes Weib und ein hübsches Roß mißgönnen dürfte , weil sie beide vornezu verdient werden müßten . Hauptsache sei für einen Besitzer des Stighofes im Grunde doch unbescholtener Name , schönes Gemüt und eine geschickte Haushälterin . Das Geld komme weniger in Betracht als die Frage , was denn sonst aus der Verwandtschaft Gutes oder Böses zu erben wäre . So sei zu urteilen ; und wenn man so urteile , müsse man die Zusel eine schöne Sache sein lassen . Freilich aber sei damit noch nicht gesagt , daß Hans darum nun gleich mit der Magd hätte anbinden sollen . Zusel , der solche Bemerkungen von den Betschwestern beinahe täglich zugetragen wurden , prüfte ängstlich , was daran wahr sei . Nebenbei suchte sie zu berechnen , welchen Eindruck nun alles zusammen auf Hansen und seine Mutter machen werde . Das konnte sie dann recht unglücklich machen . Ihre Neigung zu Hansen war doch von der Art , daß sie nicht nur ihn fangen , sondern durch eigenen Wert gewinnen wollte . Derlei Bemerkungen taten ihr daher doppelt weh . Dem und jenem wollte sie wieder eine Rede bei passender und unpassender Gelegenheit gehörig heimzahlen , wobei sie stets ungemein leidenschaftlich zu Werke ging . So verwickelte sie sich bald überall in böse Händel und wurde von den früheren Freundinnen und von allen , die es wahrhaft gut mit ihr meinten , fast ängstlich gemieden . Wenn sie nachsann , was alles in wenigen Wochen durch sie und wegen ihr geschah , dann hätte sie versinken mögen vor Scham ; und laut - um ihre Gedanken zu verscheuchen - sprach sie den Vorsatz aus , in Zukunft nur sich Hansens wert zu machen , den sie aber um jeden Preis nun haben müsse . Der wunderliche Bursche tat jetzt wieder so hölzern und fremd , als ob er nie mit ihr von der Kirchweih heim sei . Woher sollte das kommen als von dem Gerede , welches über sie umlief ? Was war also gewonnen , wenn auch Dorothee schließlich noch vom Platze kam ? Ein Gewissen freilich brauchte sie sich daraus nicht mehr zu machen . Dorothee hätte Hansen einzig nur um des Geldes willen genommen , was bei ihr - der Vater mochte schon seine Rechnungen haben - wahrhaftig nicht der Fall war . Je länger sie der Sache nachsann , desto klarer ließ es die Eigenliebe erscheinen , daß nur uneigennützige Neigung zu dem guten Burschen sie so unvorsichtig und leidenschaftlich habe werden lassen . Denn - wieviel Herzeleid hatte nicht dieser Hans ihr schon gemacht ! Hansjörg mußte einst seinetwegen fort , und ihr selbst ließ er seit Wochen keine ruhige Stunde mehr ! Auch ihrer armen Schwester schon war es früher nicht besser gegangen . Ach , jetzt auf einmal dachte sie mit ganz anderen Empfindungen als sonst an Angelika , ihre Leidensgefährtin , deren sonderbares Wesen sie früher nicht begriff , nun aber ganz gut zu verstehen meinte . Ja , Angelika war allein fähig , auch sie zu verstehen und ihr zu sagen , woran sie sich halten , wie sie sich wieder aufrichten könne . Ihre jetzigen Freundinnen , die sie eigentlich recht von Herzen verachtete , hatten sich wie Bleigewichte an ihre Schwäche gehängt und sie noch tiefer niedergedrückt . Der Vater verstand sie auch nicht , und von den mütterlichen Verwandten war schon gar nichts zu erwarten . Also zu Angelika , der edlen , die das nämliche ertrug und doch noch aufrecht zu stehen vermochte ! Ihre Angst vor Angelikas strengem Wesen half die Gemeinheit und der Leichtsinn ihrer jetzigen Freundinnen überwinden . » Alles Geschwätz , alle Schmeichelei dieser Elenden für ein Wort von ihr , der es mit Hansen gerade ging wie mir , obwohl sie ihn vielleicht eher verdient und glücklicher gemacht hätte als ich ! « rief sie eines Tages und ging , ohne sich wie sonst noch besser anzukleiden , zum Hause hinaus . Vergebens fragte der Krämer zweimal , wohin sie wolle . Dem Mädchen kam sein Gang wie ein Ergeben in sein Schicksal vor . Es dachte sich schon in der Lage der Schwester und fand dabei eine innere Beruhigung , die ihm während der Blütezeit seiner Hoffnungen gefehlt hatte . Das stattliche , überall neu angeschindelte Haus , in welchem die Schwester wohnte , nahm sich noch viel stolzer aus neben dem alten Stadel , der jetzt nur noch als Holzbehälter und zum Aufbewahren der Wagen und Schlitten benutzt wurde . Zusel ging jeden Schritt langsamer . Was für eine Ausrede für ihr Kommen sollte sie brauchen ? Aber sie kam ja nur ins Haus ihres Schwagers , zu eigenen Leuten , sagte sie sich , emporblickend zu den Reihen grün angestrichener Fensterläden und zum hohen Dachstuhl , wo noch der Busch zu sehen war , welchen die Zimmerleute nach Vollendung ihres Werkes aufgesteckt hatten . Es tat ihr wohl , ihre Schwester in diesem schönen Hause zu wissen . Ihre Entsagungswilligkeit schwand schneller noch , als sie kam . Zusel dachte an Stighansens stattlichen Hof - vielleicht zum erstenmal - und stellte sich vor , wie prächtig es nun wäre , wenn sie beide , die Kinder des vom Neide so vielgeschmähten Krämers , so stolz neben der Gasse im Herrendorfe wohnen und den Neidhämmeln hinter schneeweißen Vorhängen auf die Gasse herab nachlachen könnten . In so einem Hause konnte man sich schon auch etwas gefallen lassen , und für gar zu unglücklich brauchte sich Angelika doch nicht zu halten , wenn ihr auch manches an ihrem Gatten nicht gefiel . Sie war doch etwas wunderlich , altmodisch , und ein lustiger Mann wie der Andreas konnte mit ihr unmöglich gut auskommen . Mit solchen Gedanken beschäftigte sich das Mädchen , noch immer stille stehend , und vielleicht wäre sie gar nicht mehr zu der wunderlichen Schwester hinein , wenn sie nicht den neugierigen Blicken einiger Vorübergehender zu entrinnen gewünscht hätte ; sie ging schnell durch den Schopf , öffnete geräuschlos die Türe und ließ sich durch den Empfang der Schwester , wie wenig ermutigend er auch sein mochte , nicht im mindesten erschrecken . Die auf dem Wege zusammengestellte Einleitung hatte sie freilich vergessen , aber die wäre doch in der jetzigen Stimmung auch nicht mehr zu brauchen gewesen . » Du wohnst recht schön hier « , begann sie , nachdem sie sich für den etwas kühlen Gruß der Schwester bedankt hatte . » Hohes Haus , großes Kreuz drin « , antwortete die Schwester , indem sie sich wieder mit der Umkleidung der Puppe zu beschäftigen begann , die ihr wunderliebliches Kind ihr lächelnd reichte . » Ich möchte dir tragen helfen « , sagte Zusel wehmütig . » Gelt « , fuhr sie , sich zu einem heiteren Tone zwingend , fort , » du meinst , wir Ledigen sollten gar nicht wissen , wie wohl euch Eheleuten ist , wenn ihr mit euern Kindern wieder zu spielen beginnt . Ja , Schwester , ich möchte dir tragen helfen an deinem Kreuz und trage vielleicht auch schon mehr daran , als du glaubst . « » Jedermann hat zu tragen genug an den Früchten seiner eigenen Torheit . « Dieser ernste Ton in einer so freundlichen Stube , neben so holdem Kinde , mitten im Wohlstand , den die Verschwendung des Mannes ja noch kaum zu verkleinern vermochte ! » Bist du denn noch immer nicht glücklich ? « fragte Zusel eigen weich . » Wer ist das und weiß es ? Wer ? Etwa dein - unser Vater ? Er hat mehr , als er sich früher träumte , aber um so größer sind seine Wünsche jetzt . Du könntest der Stolz der Gemeinde sein , aber eben weil du das fühlst , bist auch du nicht glücklich . « » Du nimmst die Sache zu ernst . « » Für dich wohl , denn du spielst . Mit dem Größten und Heiligsten , selbst mit deiner , nicht nur mit der Ehre und Zukunft anderer spielst du . Das hab ' ich nie getan und muß doch schon so schmerzlich büßen . « » Ich weiß , was du meinst , aber ich halte mich nicht für schuldig . Nur eine Kleinigkeit , einen Schneeballen gleichsam hab ' ich fallen lassen . Was kann ich dafür , daß er im Rollen zur Lawine heranwuchs , die mich selbst gewaltsam mit fortriß ? « » Laß mich gehen , ich kenne das « , sagte Angelika bitter . » Mich haben alte Weiber erzogen , die ärgsten Schwätzerinnen im Lande , nur haben sie die Sache feiner zu treiben verstanden als die Leute , mit denen du jetzt umgehst . Ja , da konnte man etwas lernen . Alle Gemeindeangelegenheiten sogar wurden von Vorsteherin und Rätin verhandelt und dabei geprüft , was wohl am besten zum Einschlag in ihren Zettel passe , denn immer hatte man Günstlinge , denen man gern das Wasser auf ihre Mühle richten , und andere , denen es zerstörend durch den angesäten Acker geleitet werden sollte . Waren einmal die Weiber eins , dann hatte die Meinungsverschiedenheit der Männer nicht mehr viel zu bedeuten . Die ganze Gemeinde hatten meine Basen und ihr Kreis am kleinen Finger . Alle menschlichen Fähigkeiten , Kräfte und Leidenschaften , Stand , Besitz , Abstammung , kurz alles ward hier geschätzt , gezählt , abgewogen und verhandelt , ohne Liebe , rein nach Willkür , wie es jetzt auch die Betschwestern tun möchten , nur etwas anständiger noch , da man damals noch nicht jeden Gegner gleich einen Gottlosen nennen durfte . Alles kam auf diesen Markt , jede Veränderung im Dorf mußte , es mochte eine Hochzeit oder ein Testament sein , zuerst hier gutgeheißen werden . Schon da aber hat mich das angewidert , und die Leute , die sich ziehen und treiben ließen wie Schafe , sind mir so erbärmlich vorgekommen , daß ich ' s ums Leben nicht geglaubt hätte , eines Tages meine stolze , eigensinnige Schwester in einem noch schlechteren Netze zappeln sehen zu müssen . Nicht einmal an meiner