begreife heut ' noch nicht , wie er Fräulein von Waldes Herz gewinnen konnte . « » Also wissen Sie das auch ? « fragte Elisabeth . » Ach , Kindchen , das ist ja längst ein öffentliches Geheimnis ... Sie liebt ihn so tief und hingebend , wie ein Weib nur lieben kann . Diese unselige Neigung aber , in der sie jetzt lebt und atmet wie im Sonnenlichte , sie wird dereinst den düstersten Schatten werfen auf das Leben der ohnehin so schwer Heimgesuchten ... Dies ganze traurige Verhältnis und seine Zukunft durchschaut und ahnt Herr von Walde , aber da er seiner Schwester nicht die Augen öffnen kann , ohne sie tödlich zu verwunden , so bringt er seiner brüderlichen Zärtlichkeit die schwersten Opfer und geht lieber , da ihm der Aufenthalt in seinem eigenen Hause zu unerträglich wird . « Während dieses Gesprächs hatten Miß Mertens und Elisabeth längst das Schloß verlassen und stiegen bergauf . Bald stieß Reinhard zu ihnen , der einen Gang nach dem Dorfe gemacht hatte . Miß Mertens erzählte ihm das Zusammentreffen mit Herrn von Walde und seine letzten Aeußerungen bezüglich seiner Reise . » Gesagt hat er mir noch nichts , « meinte Reinhard , » aber er sah vorhin gerade so aus , als möchte er am liebsten auf der Stelle Lindhof verlassen ... Schöne Wirtschaft das ! ... Der Herr des Hauses ist das fünfte Rad am Wagen in seinem Verwandtenkreise ; er muß die Sippschaft ernähren , und als Dank dafür machen sie ihm das Herz seiner Schwester abspenstig ... Herr Gott , steckte ich doch nur zwei Tage in seinen Schuhen , ich wollte den unsaubern Geist austreiben , daß auch nicht eine Spur übrigbliebe ! ... Uebrigens hoffe ich , daß Herr von Hollfeld wenigstens wieder auf einige Tage nach Odenberg geht . Sein Verwalter hat soeben die Nachricht gebracht , daß die Wirtschafterin ihm plötzlich auf und davon gegangen ist ; es bleibt keine , der saubere gnädige Herr ist zu geizig ... Es sollen auch noch andere Unannehmlichkeiten drüben vorgefallen sein . « Burg Gnadeck war erreicht , und der Gast wurde von Ferbers sehr herzlich begrüßt . Wie heimlich und traut umfing Miß Mertens ' Stübchen die neue Bewohnerin ! Es blinkte in Sauberkeit ; auf Bett und Tisch lagen frische , weiße Decken , eine hübsche Schwarzwälderuhr tickte leise neben dem zierlich geordneten Schreibtische , und einige Reseden- und Rosenstöcke auf dem Fenstersimse hauchten ihren Duft durch den kleinen Raum . Durch die offene Thür sah man in das Wohnzimmer der Familie . Dort auf dem gedeckten Tisch entzündete Elisabeth die Spiritusflamme in der Theemaschine , während Miß Mertens rasch ihre wenigen Habseligkeiten in Kommode und Schrank einräumte . Unterdes hatte sich auch der Onkel in Begleitung Hektors und der langen Pfeife eingefunden . Auch Reinhard blieb da , und so saß bald eine fröhliche Gesellschaft zusammen . Der Oberförster war sehr rosiger Laune . Elisabeth saß neben ihm . Sie bemühte sich aus allen Kräften , auf seine Neckereien einzugehen , aber noch nie war es ihr so schwer geworden , und er , der ein sehr feines Ohr für die leiseste Modulation ihrer Stimme hatte , bemerkte das sehr bald . » Holla , Goldelse , was ist mit dir ? « rief er plötzlich , » da ist etwas nicht in Ordnung . « Er faßte sie am Kinn und sah ihr in die Augen . » Richtig , hast einen Schleier über den Augen und auf der Seele ! ... Potztausend , du siehst ja auf einmal ganz anders aus ! ... Was soll ' s mit dem trübseligen Nonnengesichte da ? « Elisabeth wurde feuerrot unter seinem forschenden Blicke . Sie bot alles auf , um durch munteren Scherz einer Beichte zu entgehen , allein es gelang ihr sehr schlecht , und zuletzt blieb ihr nichts übrig , als sich an das Klavier zu setzen , dort neckte und störte er sie ja nie . Wie wohl that es ihrem gepreßten Herzen , als es aufgehen durfte in vollen rauschenden Akkorden , als die Töne schmerzlich hinausklangen in die beginnende Abenddämmerung , ein Echo jenes tiefen Wehes , das sie erfüllte , seit sie wußte , daß Herr von Walde Thüringen wieder verlassen wollte ... Vorbei war es mit jenem Grübeln und Sinnen , jenem Haschen nach dem unklaren , fremdartigen Etwas , das plötzlich wie ein liebliches Rätsel zwischen ihren Tongedanken aufgetaucht war ! Es sprach jetzt mit eigener , fester Stimme , in gewaltigen Klängen , vor denen das einstige , harmlose Saitenspiel ihres Innern zu einem unhörbaren Säuseln erstarb ... Ein Wunderland voll goldener Verheißungen that sich vor ihr auf - ihr Auge irrte trunken darüber hin ; aber nie , nie sollte sie jenen Boden betreten ; denn über die finstere Kluft zu ihren Füßen führte keine Brücke ... Der Schleier , unter dem ihre Seele in glücklicher Unwissenheit bis dahin gelegen , war zerrissen , sie erkannte mit Lust und unsäglichem Schmerze , daß - sie liebte . Wie lange sie gespielt hatte , sie wußte es nicht . Aber sie erwachte jäh aus dem gänzlichen Vergessen der Außenwelt , wie ein Lichtstrom aus dem Wohnzimmer herüberquoll und grell über Beethovens bleiche Büste floß . Die Mutter hatte die große Lampe angezündet , und Elisabeth sah jetzt , daß der Onkel neben ihr im Fenster saß ; er mußte sehr geräuschlos eingetreten sein . Als ihre Hände von den Tasten herabglitten , strich er leise mit der Hand über ihr Haar . » Siehst du , Kind , « sagte er endlich mit bewegter Stimme , nachdem das letzte Vibrieren der Saiten verhallt war , » wenn ich nicht schon gemerkt hätte , daß etwas ganz Absonderliches in dir vorgeht , so wüßte ich ' s jetzt durch dein Spiel ; das waren ja Thränen , nichts als Thränen . « 13 Mit Miß Mertens ' Einzuge in der alten Burg hatte sich das Ferbersche Familienleben womöglich noch freundlicher gestaltet als bisher . Die Gouvernante fühlte sich seit langer , trostloser Zeit zum erstenmal wieder heimisch angeweht und von Liebe umgeben . Ihr warmes Fühlen , bis dahin ängstlich bewacht und zurückgehalten , brach jetzt hervor und ließ sie im Vereine mit ihrem reichen Wissen höchst liebenswürdig erscheinen . Sie trachtete sich nützlich zu machen , wo sie konnte . Namentlich beschäftigte sie sich viel mit dem kleinen Ernst , der unter ihrer Anleitung eifrig englische und französische Vokabeln lernen mußte ; auch Elisabeth suchte von dem Aufenthalte der Miß Mertens auf Gnadeck so viel Vorteil wie möglich zu ziehen . Sie studierte emsig , denn das war ja die beste Abwehr für alle trübe Grübelei . Die Uebungsstunden bei Fräulein von Walde hatten mittlerweile ihren regelmäßigen Fortgang . Hollfeld , der nur auf einen Tag nach Odenberg gegangen war , kam nach wie vor als eifriger Zuhörer und bot alles auf , einen Moment des Alleinseins mit Elisabeth zu gewinnen . Er hatte es schon einigemal so schlau einzurichten gewußt , daß Helene während der Pause aufgestanden war , um irgend einen besprochenen oder von ihm gewünschten Gegenstand in einem anderen Zimmer zu holen ; allein er erreichte einen Zweck nicht , denn Elisabeth ging zugleich hinaus und ließ sich von dem Bedienten ein Glas Wasser geben . An ein Begegnen auf dem Nachhausewege durfte er auch nicht denken , da Miß Mertens regelmäßig mit Ernst kam , um das junge Mädchen abzuholen ... Dieses stete Vereiteln seiner Wünsche machte ihn endlich ungeduldig und rücksichtsloser . Die Hand fiel von dem Gesichte , er trug seine Leidenschaft unverhohlen zur Schau , und nur ihrer Kurzsichtigkeit verdankte es Helene , daß ihr eine schmerzvolle Entdeckung vorderhand noch erspart blieb ... So wurden Elisabeth die Gänge ins Schloß immer peinlicher , und sie dankte Gott , als endlich das beabsichtigte Fest heranrückte , denn mit ihm hörten dann wenigstens die täglichen Uebungsstunden auf . Es war am Tage vor dem Geburtsfeste des Herrn von Walde , als Reinhard nachmittags bei einem Besuche auf Gnadeck erzählte , daß bereits ein Gast unter im Schlosse angekommen sei » Der Flederwisch hat uns noch gefehlt ! « meinte er ärgerlich . » Wer ist denn das ? « fragten lachend Frau Ferber und Miß Mertens zugleich . » Ach , eine sogenannte Freundin von Fräulein von Walde , eine Hofdame aus L. Sie will beim Arrangement des Festes helfen ; gnade Gott den armen Leuten , die kehrt das Unterste zu oberst ! « » Ah , Fräulein von Quittelsdorf ! « rief Miß Mertens noch immer lachend . » Nun ja , die hat allerdings Quecksilber in den Adern , sie ist entsetzlich oberflächlich , aber von Herzen nicht böse . « Später ging Elisabeth in Reinhards Begleitung hinunter nach Lindhof . Als sie in die Nähe des Schlosses kamen , wurde gerade Herrn von Waldes Reitpferd an die große Freitreppe mitten der südlichen Fronte geführt . Gleich darauf trat er selbst aus der Glasthüre , mit der Reitpeitsche in der Hand , und stieg die Stufen hinab ... Elisabeth hatte ihn nicht wieder gesehen seit jenem Nachmittage , wo er ihr so rauh und rücksichtslos begegnet war : er erschien auffallend bleich und finster . In dem Augenblicke , als er sich auf das Pferd schwang , erschien eine junge Dame in weißem Kleide auf der Treppe . Sie war sehr hübsch und eilte mit graziösester Leichtigkeit hinunter , um das Pferd auf den Hals zu klopfen und ihm ein Stück Zucker zu reichen . Fräulein von Walde , die an Hollfelds Arm mit ihr zugleich herausgetreten war , blieb oben stehen und winkte ihrem Bruder grüßend mit der Hand zu . » Die junge Dame ist Fräulein von Quittelsdorf ? « fragte Elisabeth . Reinhard bejahte mit einem mißvergnügten Gesichte . » Ihre äußere Erscheinung gefällt mir , « meinte das junge Mädchen . » Herr von Walde scheint sich gern mit ihr zu unterhalten , « fügte sie leise hinzu . Der Reiter bog sich in diesem Augenblicke vom Pferde herab und schien nachdenklich auf das zu hören , was ihm die junge Dame vorplauderte . » Je nun , er will nicht grob sein und läßt sich das Geschwätz einen Moment gefallen , « sagte Reinhard weiterschreitend . » Die spricht das Blaue vom Himmel herunter und ist im stande , dem Pferde in die Zügel zu fallen , wenn er davon will , ehe sie mit ihrem Kapitel fertig ist . « Inzwischen waren sie in das Vestibül getreten . Elisabeth verabschiedete sich hier von Reinhard und begab sich hinauf in das Musikzimmer , wo sich alsbald auch Fräulein von Walde und Hollfeld einfanden . Erstere ging noch einmal in ihr Ankleidezimmer , um ihre ein wenig derangierten Locken in Ordnung bringen zu lassen ; diesen Moment benutzte Hollfeld und trat eilig auf Elisabeth zu , die sich in die Fensternische zurückgezogen hatte und in einem Notenhefte blätterte . » Wir wurden neulich abscheulicherweise gestört , « flüsterte er . » Wir ? « fragte sie ernst und mit Nachdruck und trat einen Schritt zurück . » Ich hatte allerdings Ursache , mich über Störung zu beklagen , und muß gestehen , daß ich sehr entrüstet war , meine Lektüre unterbrochen zu sehen . « » Ah , jeder Zoll eine Fürstin ! « rief er scherzhaft , aber mit unterdrückter Stimme . » Ich habe übrigens durchaus nicht beabsichtigt , Sie zu beleidigen , im Gegenteil , wissen Sie nicht , was die Rose sagt ? « » Gewiß , sie hat sicher gemeint , es sei tausendmal schöner am Zweige zu sterben , als zu einem so unnützen Zwecke abgerissen zu werden . « » Grausame ! ... Sie sind hart wie Marmor ... Ahnen Sie denn gar nicht , was mich täglich hierher zieht ? « » Ohne Zweifel die Bewunderung für unsere großen Tonmeister . « » Sie irren sich . « » Dann jedenfalls zu Ihrem Vorteile . « » O nein , denn damit käme ich um keinen Schritt weiter . Die Musik ist lediglich für mich die Brücke - « » Von der Sie sehr leicht ins kalte Wasser fallen dürften . « » Und würden Sie mich untergehen lassen ? « » Ja , ganz sicher ... Ich bin nicht ehrgeizig genug , um mir die Rettungsmedaille verdienen zu wollen , « antwortete Elisabeth trocken . Fräulein von Walde kam zurück . Sie schien verwundert , die beiden im Gespräche zu finden , denn bis dahin war ja noch nie ein Wort zwischen ihnen gewechselt worden . Ihr Blick streifte prüfend über Hollfelds Gesicht , das den Ausdruck eines lebhaften Verdrusses noch nicht ganz zu unterdrücken vermochte , dann setzte sie sich schweigend an das Klavier und präludierte , während Elisabeth die Noten zusammensuchte . Hollfeld nahm seinen gewöhnlichen Platz ein und stützte melancholisch den Kopf auf die Hand . Noch nie aber hatten seine Blicke so glühend und verzehrend auf Elisabeth geruht , als in diesem Augenblicke . Sie bereute , sich in ein Gespräch mit ihm eingelassen zu haben ; ihr Bestreben , ihn durch Kälte und Schroffheit zurückzuweisen , schien eine ganz entgegengesetzte Wirkung gehabt zu haben . Furcht und Widerwillen bemächtigten sich ihrer beim Anblicke seiner auffallend erregten Gesichtszüge , und obgleich das triumphierende Lächeln des Onkels vor ihr aufstieg , gewann doch der Entschluß , lieber den Stunden zu entsagen , als sich noch länger diesen unverschämten Blicken auszusetzen , immer mehr Boden in ihrer empörten Seele . Die Stunde nahte ihrem Ende , als Fräulein von Quittelsdorf rasch eintrat . Sie trug ein kleines Wesen im weißen Tragkleidchen auf dem Arme und drückte mit der einen Hand den Kopf desselben an ihre Schulter . » Frau Oberhofmeisterin von Falkenberg empfiehlt sich gehorsamst , « sagte sie zeremoniell , und bedauert unendlich , ihres Zipperleins wegen sich morgen nicht einfinden zu können ... Dafür aber gibt sie sich die Ehre , ihr geliebtes , blühendes Enkelkind zu schicken - « In dem Augenblicke machte das Geschöpfchen auf ihrem Arme einige verzweifelte Bewegungen und sprang plötzlich mit einem lauten Quieken auf den Boden , wo es sofort , das lange Kleid nachschleppend , unter einem Stuhle verschwand . » Nein , Cornelie , du bist doch zu kindisch ! « rief Fräulein von Walde lachend und ärgerlich zugleich , als Alis angstvolles Gesicht , von einer bebänderten Kinderhaube umgeben , scheu unter dem Stuhle hervorguckte . » Das sollte die gute Falkenberg wissen , da wäre es sicher aus mit deinen Schelmenstreichen am Hofe zu L. « Bella , die mit hereingekommen war , wollte ersticken vor Lachen und suchte sich erst zu mäßigen , als ihre Mutter , erstaunt über den Lärm , eintrat und ihr das Unschickliche einer so lauten Lustigkeit zu Gemüt führte . Die Baronin drohte Fräulein von Quittelsdorf lächelnd mit dem Finger , als ihr Helene deren tollen Einfall mitgeteilt hatte , und näherte sich darauf Elisabeth . » Fräulein von Walde wird Ihnen wohl noch nicht mitgeteilt haben , « sagte sie in ziemlich gnädigem Tone zu dem jungen Mädchen , » daß sich alle Geladenen zu dem Feste morgen um vier Uhr unten im großen Saale einfinden werden ? Ich bitte , die Stunde ja nicht zu versäumen . Das Konzert wird jedenfalls gegen sechs Uhr zu Ende sein ; ich bemerke Ihnen dies nur , damit Sie die Ihrigen nicht früher zu Hause erwarten . « Helene sah bei diesen Worten verlegen auf die Tasten , während Fräulein von Quittelsdorf sich neben die Baronin postierte und Elisabeth neugierig ins Gesicht starrte . So hübsch auch die schwarzen Augen waren , die auf ihr ruhten , so fühlte sich das junge Mädchen doch verletzt durch das unausgesetzte Fixieren . Sie verbeugte sich leicht vor der Baronin mit der Versicherung , daß sie sich pünktlich einfinden werde , und heftete dann einen festen , ernsten Blick auf die hübsche Zudringliche . Die Wirkung war eine blitzschnelle . Fräulein von Quittelsdorf wandte den Kopf weg und drehte sich verlegen und wie ein ungezogenes Kind auf dem Absatze herum . In demselben Augenblicke entdeckte sie Herrn von Hollfeld in der Fensternische . » Wie , Hollfeld , « rief sie , » sind Sie es selbst , oder ist ' s Ihr Geist ? Was thun Sie hier ? « » Ich höre zu , wie Sie sehen . « » Sie hören zu ? ... Ha , ha , ha ! ... Und genießen Unverdaulichkeiten wie Mozart und Beethoven ? ... Wissen Sie nicht mehr , daß Sie mir noch vor vier Wochen beim letzten Hofkonzert versichert haben , Sie litten jedesmal nach dem Genusse klassischer Musik an verdorbenem Magen ? « Sie hielt sich die Seiten vor Lachen . » Ach , lassen Sie jetzt die Possen , beste Cornelie , « sagte die Baronin , » und helfen Sie mir lieber mit Ihrem erfinderischen Geiste beim Festprogramm ... Und auch du , lieber Emil , würdest mir einen großen Gefallen thun , wenn du mitkommen wolltest ... Du weißt ja , ich bin jetzt in die traurige Notwendigkeit versetzt , eine männliche Stütze neben mir haben zu müssen , wenn meine Anordnungen respektiert werden sollen . « Hollfeld erhob sich mit sichtlichem Widerstreben . » Nun , dann nehmt mich auch mit ! ... Wollt ihr so grausam sein , mich die ganze , lange Zeit bis zum Thee allein zu lassen ? « rief Helene vorwurfsvoll und stand auf . Sie sah verstimmt aus , und es kam Elisabeth zum erstenmal so vor , als hafte ihr Blick neidisch auf Corneliens flinken Füßen , die ohne weiteres Hollfelds Arm genommen hatte und zur Thür hinaushüpfte . Elisabeth machte den Flügel zu und wurde eiligst entlassen . In den Gängen des Schlosses , die das junge Mädchen passieren mußte , herrschte ein reges Leben . Mehrere Bediente schleppten Körbe voll Silberzeug und Porzellan in ein Zimmer neben dem großen Saale . Aus den Küchenfenstern im Souterrain quollen Duftströme aller möglichen gebackenen und gebratenen guten Dinge , und in einem offenstehenden Domestikenzimmer lagen ganze Berge grünen Laubwerks und bereits fertiger Guirlanden und Kränze . Und er , zu dessen Verherrlichung sich aller Hände heute rührten und regten , er ritt einsam draußen , mit umdüsterter Seele auf Mittel und Wege sinnend , wie er dem fried- und freudelosen Leben in seinem Hause entfliehen könne ! Elisabeth ging hinüber in das Dorf , um einen Auftrag ihres Vaters auszurichten . Vor einigen Tagen nämlich hatte ein heftiger nächtlicher Gewittersturm dem baufälligen Erker im Garten wieder dergestalt zugesetzt , daß man fürchten mußte , er werde bei der leisesten Erschütterung zusammenstürzen und die ihm naheliegenden , kaum erst mit so großer Mühe hergestellten Gartenanlagen mit seinen Trümmern zerstören . Zwei Lindhofer Maurer hatten endlich Ferber versprochen , die Ruine nächsten Montag abzutragen ; da ihnen aber in bezug auf das Worthalten nicht zu trauen war , wie der Oberförster nach gemachter Erfahrung versicherte , so sollte Elisabeth sie nochmals an ihre Zusage erinnern und ihnen die Notwendigkeit ihres Kommens vorstellen . Das Resultat ihrer Wanderung war ein befriedigendes . Einer der Arbeiter hatte ihr sogar bei allem , was ihm heilig und teuer , geschworen , zu kommen , und nun schritt sie durch den stillen , einsamen Wald nach Hause . Ungefähr in der Mitte des Pfades , der vom Dorfe nach dem Forsthause lief , bahnte sich ein schmaler , nach der Burg Gnadeck aufwärts führender Weg ab . Er wurde selten betreten und wäre deshalb für ein fremdes Auge gar nicht sichtbar gewesen , denn an vielen Stellen überwucherte ihn das Gestrüpp , und das modernde Laub lag so locker aufgeschichtet zwischen den knorrigen Baumwurzeln , als sei es noch nie von der Sohle eines Menschen berührt worden . Elisabeth liebte diesen Pfad und wählte auch jetzt ihn zum Rückwege . Noch nie war ihr ein menschliches Wesen begegnet ; heute aber war sie noch nicht weit in die grüne Dämmerung vorgedrungen , als sie die Bemerkung machte , daß ungefähr zwanzig Schritt vor ihr , und zwar rechts , drunten am Abhange , neben dem Stamme einer mächtigen Buche , etwas wie ein Arm sich langsam vorwärts strecke und dann wieder zurücksinke . Sie konnte diese Bewegung um so deutlicher erkennen , als an jener Stelle die Bäume weiter auseinander traten und eine kleine Lichtung begrenzten , deren grüner heller Rasenfleck wie eine Oase mitten im Waldesdüster lag . Elisabeth schritt unhörbar und langsam weiter und kam dadurch immer näher in das Bereich jener Buche , bis sie plötzlich erschrocken stehen blieb . An dem Baume lehnte ein Mann . Er kehrte ihr den Rücken zu ; sein Haupt war unbedeckt und zeigte einen Wust ungekämmter , struppiger Haare . Einen Augenblick stand er unbeweglich , als lausche er auf irgend ein Geräusch ; dann trat er einen Schritt vor , hob den ausgestreckten Arm in die Höhe , richtete die Mündung einer Pistole hinaus nach der Waldblöße , als wolle er auf einen gegenüberstehenden Baum schießen , und ließ nach einer Weile den Arm niedersinken . » Er übt sich , « dachte Elisabeth , aber sie dachte es nur , um sich zu beruhigen , denn eine unbeschreibliche Angst hatte sich ihrer plötzlich bemächtigt ; sie wußte nicht , sollte sie vor- oder rückwärts laufen , um von dem Unheimlichen nicht bemerkt zu werden , und blieb deshalb gerade wie festgewurzelt stehen . Da schlug Pferdegetrappel an ihr Ohr . Der Mann drüben richtete sich wie elektrisiert in die Höhe . Wenige Augenblicke darauf erschien jenseits der Lichtung ein Reiter . Langsam schritt das Pferd über den weichen Wiesenboden - sein Herr hatte , in Gedanken verloren , den Zügel fallen lassen ... Der Mann mit der Pistole trat rasch zwei Schritt vor , hob den Arm in der Richtung des Reiters und wandte dabei den Kopf etwas seitwärts ... Elisabeth erkannte sofort in den todblassen , von Haß und Grimm entstellten Zügen den ehemaligen Verwalter Linke , und jener dort , den sein Pferd immer näher vor die Mündung der todbringenden Waffe trug , war Herr von Walde ... In diesem Augenblicke ging eine merkwürdige Verwandlung in Elisabeth vor . Hatte sie noch eben mädchenhaft ängstlich vor der Begegnung mit jenem unheimlichen Menschen gezittert , so überkam sie jetzt ein wunderbarer Mut , eine unbegreifliche Ruhe und Beherrschung ihrer selbst in dem Gedanken , daß sie berufen sei , zu retten ... Lautlos glitt sie vorwärts und stand plötzlich , wie aus der Erde gewachsen , neben Linke , der das Auge gespannt auf sein Opfer richtend , ihre Nähe nicht ahnte ... Mit aller Kraft , deren sie fähig , packte sie seinen Vorderarm und riß ihn zurück . Die Pistole entlud sich mit einem lauten Knalle und die Kugel schlug zischend seitwärts in einen Baum , während der Elende entsetzt zur Erde taumelte . Zu gleicher Zeit scholl ein lauter weiblicher Hilferuf durch den Wald ... Der Mörder richtete sich auf und floh in das Gestrüpp ... Drüben bäumte sich das Pferd im ersten Schrecken , dann aber flog es , von seinem Herrn angetrieben , über die Wiese und stand mit einigen Sätzen nahe bei Elisabeth , die sich totenbleich an der Buche festhielt , denn nun , nachdem die Gefahr vorüber , machte die weibliche Natur ihr Recht geltend . Das junge Mädchen zitterte am ganzen Körper , aber ein glückliches Lächeln verklärte ihr ganzes Gesicht , als sie Herrn von Walde gerettet vor sich sah . Er sprang bei ihrem Erblicken bestürzt vom Pferde ; sie aber , die eben noch eine so außerordentliche Selbstbeherrschung an den Tag gelegt , stieß einen lauten Schrei aus und drehte sich tödlich erschrocken um , als sich von rückwärts zwei Arme um ihre Schulter legten ; sie blickte in Miß Mertens ' tief erregte Züge . » Um Gotteswillen , Elisabeth , « rief die Gouvernante atemlos , » was haben Sie gethan , er konnte Sie ermorden . « Herr von Walde drang durch den Rest von Gestrüpp , der ihn von den beiden trennte . » Sind Sie verletzt ? « fragte er rasch und heftig Elisabeth . Sie schüttelte mit dem Kopfe . Ohne ein Wort weiter zu sagen , hob er sie vom Boden auf und trug sie nach einem umgestürzten Baumstamme , wo er sie niederließ . Miß Mertens setzte sich zu ihr und lehnte den Kopf des jungen Mädchens an ihre Schulter . » Nun sagen Sie mir , was geschehen ist , « sagte Herr von Walde zur Gouvernante . » Nein , nein , « rief Elisabeth angstvoll , » nur hier nicht , wir wollen gehen , der Mörder ist entkommen ; er lauert vielleicht im nächsten Gebüsche und führt sein Vorhaben doch noch aus ! « » Linke wollte Sie ermorden , Herr von Walde , « sagte Miß Mertens mit zitternder Stimme . » Der Elende ! Der Schuß galt also mir , « entgegnete er ruhig , ohne das mindeste Anzeichen von Bestürzung . Er ging hierauf tief in das Gebüsch , durch welches , nach Miß Mertens ' Angabe , Linke entflohen war . Elisabeth zitterte , als er im Dickicht verschwand , und war eben im Begriffe , alle Selbstbeherrschung zu verlieren und ihm nachzuspringen , als er zurückkehrte . » Sie können ruhig sein , « sagte er zu dem jungen Mädchen ; » es ist keine Spur von ihm zu entdecken , der schießt heute sicher nicht zum zweitenmal ... Nun erzählen Sie mir den Vorfall , Miß Mertens . « Sie war , wissend , daß Elisabeth heute über das Dorf zurückkehre , ihr auf dem schmalen Waldwege entgegengegangen . Langsam vom Berge niedersteigend , hatte sie dieselbe Entdeckung gemacht , wie das junge Mädchen . Die Absicht des Erbärmlichen war ihr sofort klar geworden , aber der Schrecken hatte sie dergestalt übermannt , daß sie im ersten Augenblicke weder Zunge noch Fuß zu bewegen vermochte . So hatte sie in tödlicher Angst wie eingewurzelt gestanden , als plötzlich Elisabeth , die sie vorher nicht gesehen , hinter dem Mörder erschienen war . Im Entsetzen über die Gefahr , in welche sich das junge Mädchen begeben , war ihr der Hilferuf entflohen , den man mit dem Schusse zugleich gehört hatte ... Sie erzählte dies alles in fliegenden Worten . » Wo nahmen Sie nur den Mut her , Elisabeth , « sagte sie schließlich , » den Menschen zu packen ? ... Ich schauderte schon bei dem bloßen Gedanken an die Berührung und hätte es sicher beim Schreien bewenden lassen . « » Wenn ich schrie , « entgegnete Elisabeth einfach , » dann konnte eine unwillkürliche Bewegung Linkes infolge des Schreckens das Unglück gerade herbeiführen . « Herr von Walde hörte der Schilderung mit großer Ruhe und Aufmerksamkeit zu . Nur als Miß Mertens beschrieb , wie Elisabeth den Mörder mit Blitzesschnelle gefaßt hatte , wechselte er jäh die Farbe und warf einen langen , ängstlich forschenden Blick auf das junge Mädchen , als wolle er sich versichern , daß es auch wirklich unverletzt aus der Gefahr hervorgegangen sei ... Er bog sich zu ihr nieder , nahm ihre Rechte und führte sie an seine Lippen ; sie fühlte dabei ein leises Beben seiner Hand . Miß Mertens , welche bemerkte , daß diese Dankesäußerung Elisabeth sehr verlegen machte und ihr eine Purpurglut auf die Wangen trieb , verließ ihren Platz , hob die Pistole vom Boden auf , die Linke auf seiner Flucht von sich geworfen hatte , und gab sie Herrn von Walde . » Abscheulich ! « murmelte er . » Der Elende hat sich auch noch einer Waffe bedient , die mir gehört . « Elisabeth erhob sich jetzt auch und versicherte auf Miß Mertens ' Befragen , daß sie von den Wirkungen des Schreckens ganz und gar nichts spüre und den Rückweg antreten könne . Beide wollten sich von Herrn von Walde verabschieden ; allein er band sein Pferd an der verhängnisvollen Buche noch fester an und sagte in scherzhaftem Tone : » Linke ist , wie wir uns heute überzeugt haben , sehr rachsüchtiger Natur ; es dürfte leicht sein , daß er meine Lebensretterin noch grimmiger haßt , als mich selbst ... ich kann nicht zugeben , daß Sie ihm ohne männlichen Schutz begegnen . « Sie stiegen den Berg hinauf . Miß Mertens eilte voraus , um auch Herrn von Walde zur Eile anzutreiben , denn es mußten ja doch Schritte zur Verfolgung des Verbrechers geschehen ; allein ihre Bestrebungen waren umsonst . Er schritt langsam und schweigend neben Elisabeth , die eine Zeitlang mit sich kämpfte , endlich aber in leisem , verzagtem Tone ihn bat , er möge jetzt nicht wieder allein zu seinem Pferde zurückkehren , sondern dasselbe holen lassen . Er lächelte . » Mein Belisar ist wild und eigensinnig , Sie kennen ihn ja , « sagte er . » Er geht nur mit mir und würde es sehr übel vermerken , wenn ihn ein anderer , als sein Herr , nach Hause bringen wollte ... Jener feige Mensch wird übrigens , wie ich Ihnen schon gesagt habe , heute auf keinen Fall einen zweiten Angriff gegen mich wagen ... Nun , und wenn auch , ich bin ja gefeit ! ... Ist nicht heute ein guter Stern über mir aufgegangen ! « Er blieb stehen . » Was meinen Sie , « fragte er plötzlich mit gedämpfter Stimme , während sein Auge aufleuchtete und das ihre forschend suchte , » soll ich wohl den entzückenden Wahn festhalten , daß er mich durch mein ganzes Leben begleiten werde ? « » Wenn Sie Wagestücke in diesem Sinne ausführen wollen , dann ist