Frau , der Caplan selbst war durch sie gerührt . So verschieden die drei Menschen waren , so verschieden sie auch in diesem Augenblicke empfanden , sie fühlten sich eng verbunden in einer gemeinsamen Idee , und grade die Hindernisse und Schwierigkeiten , welche der Gründung einer katholischen Capelle mitten in dem protestantischen Lande im Wege stehen konnten , reizten den Baron zunächst . Es begann mit diesem Plane ein neues Leben für ihn , weil sich ihm mit demselben wenigstens für einige Zeit eine lebhafte und vielseitige Thätigkeit darbot . Die Bedenken der Behörden , die bittenden Einwendungen seines protestantischen Pastors regten seine angeborne Herrschsucht auf , und es galt endlich , vor Allem dem Zorne und der Betrübniß seiner Schwiegereltern zu widerstehen , die von einem Religionswechsel ihrer Tochter nicht reden hören wollten . Aber alle diese Hindernisse führten Mann und Frau nur näher zu einander und steigerten den Eifer der Neubekehrten . Angelika war eine starke enthusiastische Natur . Sie wuchs mit jedem Tage mächtiger zur Selbstbestimmung heran , sie stand bald neben ihrem Gatten , als wäre sie ihm gleich an Jahren und Erfahrung , und ihr fester Sinn fing an , ihn zu beherrschen , ohne daß er es gewahrte , ohne daß sie sich dessen klar bewußt war . In Thätigkeit , in Liebe , in religiösen Uebungen kam der Herbst heran , und mit ihm der Jahrestag ihrer Hochzeit , der von dem Freiherrn und von Angelika zu einer dreifachen Feier ausersehen war . Der Baron hatte die Wochen vor demselben theils in der Hauptstadt , theils in der Kreisstadt der angrenzenden katholischen Provinz , in welcher der Fürstbischof residirte , zugebracht . Er kehrte mit der frohen Nachricht heim , daß der Bau der Capelle zugestanden sei und daß der Fürstbischof selbst sich habe bereit finden lassen , der Weihung des Platzes und der Grundsteinlegung beizuwohnen . Weil man es wußte , wie wenig die Gutsleute dem Capellenbaue geneigt waren , hatte der Freiherr für die Einsenkung des Grundsteins einen Maurer mit seinen Gehülfen aus der Stadt nach Richten beordert . Der Freiherr hatte viel zu melden von seinen Mühen und Erlebnissen , der Caplan wies mit Freude die Documente vor , welche man in das Fundament der Capelle zu versenken beabsichtigte . Es waren die Geschlechtstafeln der Herren von Arten und eine Chronik über das Geschlecht , die er während des Sommers ausgearbeitet hatte . Man beschäftigte sich lange damit , Angelika war von ganzer Seele dabei . Und hast Du mir nichts Neues mitzutheilen ? fragte er endlich die Baronin , nachdem die Männer ihre Angelegenheiten durchgesprochen hatten . Nichts als diesen Brief und die Versicherung , daß ich ruhig bin in meinem Gewissen wie in meinem Herzen . Sie reichte ihm den Brief ; er war von dem Grafen , ihrem Vater , und von ihrer Mutter geschrieben . Die Mutter beschwor die Tochter noch einmal mit den dringendsten Bitten und Vorstellungen , nicht abzufallen von dem rechten Glauben . Was die Mutterliebe Zärtliches , was die religiöse Ueberzeugung Eifriges und Flehendes einem Kinde sagen konnten , war in dem Briefe enthalten . Der Graf hatte nichts als seinen Zorn . Er drohte der Tochter mit völliger Verstoßung , er erklärte , ihr soweit als möglich ihr Erbe entziehen zu wollen , wenn sie sich beikommen lasse , sich von dem protestantischen Bekenntnisse abzuwenden . Er wolle seine Enkel nicht als Pfaffenknechte sehen , schrieb er ; er habe das Vermögen seines Hauses davor zu wahren , daß es durch sie nicht etwa einmal ein Raub der ultramontanen Kirche werde . Er sei ein Protestant , er könne nur eine Protestantin seine Tochter nennen , die Katholikin sei sein Kind nicht mehr . Der Freiherr las das Schreiben und blickte Angelika voll Besorgniß an . Er wußte , mit welcher Liebe sie an ihren Eltern gehangen hatte , und war also bekümmert um den Eindruck , welchen das Schreiben auf sie gemacht haben würde . Aber sie ließ seiner Sorge keinen Raum . Sei ohne Furcht für mich , sagte sie . Es steht geschrieben , das Weib soll Vater und Mutter verlassen und dem Manne folgen . Meine Eltern haben mich Dir gegeben , daß ich Dir folge in Deine irdische , vergängliche Heimath , wie sollte ich anstehen , Dir in die wahre , ewige Heimath zu folgen ? Und habe ich nicht Vater , nicht Mutter mehr auf dieser Welt - ihre Stimme zitterte , in ihren Augen perlten Thränen - , so habe ich Dich und habe unsern Heiland , und werde , so Gott will , auch bald das Kind haben , es zu ihm hinzuführen . Ich bin nicht allein , nicht verzagt ; ich bin glücklicher , als ich je zu werden glauben konnte . Zwölftes Capitel Am Morgen des Hochzeitstages schien die Herbstsonne hell über das Thal und über Schloß Richten . Es waren viele Gäste im Hause . Der Fürstbischof war gekommen , von seinen Vicaren begleitet , und auch die beiden Agnaten des Freiherrn waren gekommen , der Feier beizuwohnen . Es waren zwei alte , unvermählte Herren . Das Geschlecht stand in diesem Augenblicke nur auf sechs Augen , die Geburt eines Erben wurde sehr ersehnt . Angelika war die Heldin des Festes . Liebe , Verehrung , Freundschaft und Theilnahme umgaben sie , wohin sie blickte . Ganz früh in der Stille ihres Gemaches hatte sie eine lange Unterredung mit dem Caplan gehabt . Er hatte ihr , nachdem sie ihm gedankt für die Belehrung und die Stütze , die er ihr gewährt , für die tragende Freundschaft , die er ihrem Manne bewiesen , einen peinlichen Auftrag auszurichten . Er sollte ihr die Absichten ihres Gatten in Bezug auf Paul , den Sohn Paulinen ' s , mittheilen und ihr die Erfüllung der Wünsche des Barons an das Herz legen . Der Freiherr wünschte den Knaben unter seinen Augen im Schlosse erziehen , ihn ebenfalls zum Katholicismus übertreten zu lassen , und ihn der Kirche zu weihen . Bereitwillig , wie sich Angelika seither den Bedürfnissen und Verlangnissen ihres Mannes gezeigt hatte , lehnte sie doch diesen Vorschlag gleich und sehr entschieden ab . Es dürfe , sagte sie , im Hause ihres Gatten nicht ein Zeugniß seines Fehltrittes , ein Zeugniß seiner Schuld erhalten bleiben , das in seinen rechtmäßigen Kindern die unbedingte Verehrung für den Vater beeinträchtigen könne . Sie bat den Caplan , ihren Mann dahin zu bestimmen , daß für des Knaben Zukunft gewissenhaft gesorgt und seine Erziehung einem bewährten Manne übergeben werde ; aber sie wies jede Gemeinschaft mit dem Kinde ein für alle Mal von sich ab , und der Caplan , der ohnehin ihrer Ansicht gewesen war , versprach ihr , die Zustimmung des Freiherrn für ihre Wünsche zu gewinnen , noch ehe man zu der heiligen Handlung schreiten werde . Die Capelle des Schlosses war auf das reichste mit Blumen geschmückt . Die Decken , welche die verstorbene Mutter und die Schwester des Freiherrn mit eigener Hand gearbeitet hatten , zierten den Altar . Trotz des hellen Tages brannten die Kerzen auf den silbernen Leuchtern , als um zehn Uhr der Bischof , gefolgt von seinen beiden Vicaren , in die Capelle eintrat . Gleich darauf führte der Freiherr seine Gattin herein . Sie war weiß gekleidet und trug einen Strauß von weißen Rosen vor der Brust . Amanda ' s Rosenkranz und Crucifix hingen an ihrem Arme . Sie hatte das Gebetbuch , das ihr zu ihrer Erweckung geholfen hatte , in der Hand . In tiefer Andacht verrichtete sie ihr Gebet . der Caplan , als Hausgeistlicher , las die Messe , der Fürstbischof selbst fungirte bei den Ceremonien in Bezug auf die Neubekehrte , welche , ernst und bleich , das schönste Bild einer jungfräulichen Mutter , die geweihte Kerze aus der Hand des Bischofs empfing . Sie erhielt die Firmung , das Chrisma , die weiße Stirnbinde , welche das heilige Tauföl vor der entweihenden Berührung der Hände bewahrt , wurde ihr umgelegt , der Caplan dankte in einer Rede , welche für den Freiherrn und seine Frau noch eine besondere , nur ihnen verständliche Bedeutung hatte , dem Herrn des Himmels und der Erde für die Gnade , welche dem freiherrlichen Hause durch die Bekehrung der Freifrau widerfahren sei , und Angelika ' s Lippen bebten nur leise , als sie sich mit einem Eide von ihren bisherigen Glaubensgenossen für immer schied . Aufgelöst in begeisterter Erhebung , empfing sie gemeinsam mit dem Freiherrn die Absolution und das Abendmahl , und als sie sich so weit gesammelt hatten , um Herr über ihre Haltung zu werden , begab man sich nach Rothenfeld , um den Grundstein zu dem Gotteshause zu legen und einzuweihen . Alles war schon am Tage vorher dafür vorbereitet worden . Die Maurer hatten ihr Werk gethan , der Platz war vom Schloßgärtner mit jungen Bäumen abgesteckt , mit Blumen verziert . Aber die Gutsleute und die Bauern hielten sich fern . Sie sahen , wie der Zug in den vier Wagen durch das Dorf fuhr . Neugierig standen einige Frauen und die herzu gelaufenen Kinder , und starrten das bischöfliche Kreuz und den Bischof in seinem Ornate und die Vicare und den Caplan und den Meßner und die Chorknaben an , welche hier auf offener Straße die silbernen Weihrauchfässer schwangen und die lateinischen Gesänge und Gebete ertönen ließen . Es war Niemandem in den Dörfern wohl dabei zu Muthe . Der Freiherr und seine Frau und der Caplan kamen den Leuten in der fremden Umgebung auch wie Fremde vor , und dem Freiherrn selber gefielen an dem Tage die Blicke nicht , mit denen man an ihm vorüberging . Aber er hatte nicht viel Zeit , daran zu denken ; die Anerkennung , welche die geistlichen Herrschaften ihm zollten , die sichtliche religiöse Befriedigung Angelika ' s und die innere Genugthuung , welche er bei diesem Acte der Selbstherrlichkeit empfand , nahmen ihn völlig dahin . Man speiste nach der Grundsteinlegung in dem großen Saale des Schlosses , der nur bei besonderen Festen geöffnet wurde . Noch während der Tafel mußte die Baronin sich erheben . Sie befand sich übel , ihre Stunde war gekommen , ihr höchster Wunsch erfüllte sich früher , als sie geglaubt hatte . An demselben Tage , an welchem sie in die Gemeinschaft der katholischen Kirche aufgenommen ward , an dem sie sich im Glauben ihrem Manne neu verbunden hatte und der Grundstein zu der Kirche gelegt worden war , gebar sie ihm den Sohn , den er ersehnt hatte . Jetzt ist der letzte Schmerz von mir genommen ! rief der Baron am Lager seiner Gattin niederknieend ; jetzt sehe ich , daß mir verziehen ist ! Ich bin neu geboren durch Dich und Deine Liebe , ich bin erlöst durch Dich ! Dieses Kind ist mir das Pfand dafür - und Renatus Salvator soll er uns heißen ! Noch ehe der Bischof Schloß Richten verließ , ward an dem Neugebornen das Sacrament der heiligen Taufe vollzogen , und mit stolzer Freude blickte der Freiherr auf den Sohn , auf den Erben seiner Güter und seines Namens nieder . Was konnte ihm neben diesem Kinde , neben dem jungen Freiherrn von Arten-Richten , neben dem Erstgebornen seiner Angelika jetzt noch der Knabe sein , der fern von ihm mit fremdem Namen aufwuchs und an dessen Mutter er nicht mehr zu denken hoffte ? Das Kind , welches hinter den goldenen Fenstern des stolzen Schlosses spielen , das hier seine Heimath und seine Zukunft haben sollte , schlummerte in seiner Wiege , wohl gebettet , wohl versorgt . Der Knabe Paul hatte seinen eigenen Weg zu suchen in der Welt , die nirgends eine Heimathstätte , nirgends ein Vaterhaus für ihn umschloß . Die Bekehrung und der Uebertritt der Baronin von Arten bildeten , nachdem man dieselben erfahren hatte , eine Weile den Gegenstand der Unterhaltung in den Kreisen , welchen die Familien von Berka und von Arten angehörten ; aber die Zeit war zu bewegt , die Menschen waren zu mächtig von den großen Ereignissen , welche sich jenseit des Rheines immer deutlicher und entschiedener entwickelten , erschüttert und hingenommen , als daß die Vorgänge in einer einzelnen Familie , wie angesehen dieselbe auch in ihrer Heimath sein mochte , nicht darüber hätten in den Hintergrund treten und bald vergessen werden sollen . Was man in der nächsten Umgebung , auf den Gütern des Freiherrn davon dachte , wie die Gutsleute die Bekehrung der Baronin und den beabsichtigten Kapellenbau ansahen , darüber erfuhr man im Schlosse nichts Gewisses , und man kümmerte sich auch zuerst nicht viel darum . Allerdings hieß es , daß der protestantische Pfarrer in Neudorf , dessen Patron der Freiherr war , gegen seine vorgesetzte Behörde des beklagenswerthen Ereignisses Erwähnung gethan und die Weisung erhalten habe , nur um so eifriger für das Seelenheil der ihm anvertrauten Gemeinde zu sorgen ; aber wenn er sich dessen auch gegen seine benachbarten Amtsbrüder und gegen den Amtmann , der seinen Wohnsitz in Rothenfeld hatte , vielleicht auch gegen den Schulzen berühmte , so fand sich doch Niemand , der sich berufen gehalten hätte , diese Nachricht auf das Schloß zu bringen ; und von den Tagen , in welchen Eisenbahnen und pfeilschnelle Telegraphen die Vorgänge aus den entlegensten Gegenden in die Zeitungen und mittelst derselben durch die ganze Welt verbreiten , war man damals noch weit entfernt . Die Zeitungen beschäftigten sich in jenen Tagen fast ausschließlich mit den Angelegenheiten der Potentaten , mit den eigentlichen Staatsactionen . Sie erschienen nur ein Paar Mal in der Woche , wurden von der Post nur ein Mal in der Woche nach der Kreisstadt befördert , aus welcher der reitende Bote des Freiherrn sie nach Richten abholte , und hatte man sie im Schlosse gelesen , so wanderten die kleinen Löschpapierblätter durch die Wohlgeneigtheit des Gutsherrn zu dem Pfarrer und zu dem Amtmann , kamen danach in die Hände des Schullehrers , des Schulzen und des Krügers , um endlich in das Schloß zurückzukehren , wo sie , nach Jahrgängen wohl geordnet , in dem Nebenzimmer des prächtigen Bibliotheksaales unter andern zurückgestellten Drucksachen ihre Ruhestätte fanden . Mochte man also auf den Gütern denken , was man wollte : im Schlosse ging Alles seinen ruhigen und würdigen Gang , seit die Gemüthsverfassung des Barons sich wieder gefestigt , und die Baronin ihr Kindbett überstanden hatte . Der Winter , welcher im verwichenen Jahre die Eheleute ohne inneren Einklang in dem Hause von Fräulein Esther gefunden hatte , sah sie diesmal in jener Vereinigung und Lebensweise , welche der Baron für sich gehofft hatte , als er die Zusage von Angelika ' s Hand erhalten ; und die Besitzesfreude , welche sich in ihm und in seiner Frau geregt , als sie in der Erwartung eines Erben von der Residenz auf ihre Güter zurückgekehrt waren , hatte jetzt , da der Knabe trefflich gedieh , erst ihre volle Kraft für beide Eltern gewonnen , eine Kraft , die sie zu rüstigem Schaffen , zum Säen , Bauen und Erhalten antrieb . Alles , was man bisher geplant und gewünscht hatte , nahm man jetzt in Angriff und wollte man schnell vollenden . Man bedurfte jener Entsagung nicht , mit welcher der Besitzlose sein Tagewerk bewältigt , weil seine Vernunft ihm sagt , daß die Leistung eine für das Allgemeine und darum auch für ihn selber geforderte sei , wennschon er vielleicht nicht dazu berufen ist , ihre Frucht ausgiebig zu genießen . Man befand sich in der glücklichen Lage , mit dem Herzen schaffen , sich und den Seinen da eine Genugthuung , einen Erfolg , eine Glücksvermehrung sichern zu können , wo der weniger Begünstigte eine Pflicht erfüllt ; und bei Allem , was man vornahm , erhöhte der Gedanke , daß es Renatus und seinen Kindern einst zu Gute kommen werde , den Eifer und den Aufwand , mit welchem man zu Werke ging . Vor Allem war es natürlich die Gründung des Gotteshauses , welche der Baronin am Herzen lag , und da man an der Schwelle des Winters den Bau nicht mehr hatte in Angriff nehmen können , so beschäftigte man sich an den langen Abenden nur noch mehr mit den Planen für denselben . Dem Freiherrn erwuchs daraus eine vielseitige Anregung und Beschäftigung . Kunstliebend und prachtliebend wie er war , wollte er nicht nur einen dauerhaften Bau hinstellen , sondern zugleich in dieser Kapelle etwas Ansehnliches und Schönes schaffen , und auch die Baronin wünschte , daß das katholische Gotteshaus , welches man auf den Gütern begründete , schon in seiner äußeren Erscheinung jenen zugleich Ehrfurcht erweckenden und freundlich entgegenkommenden Charakter an sich tragen sollte , welchen sie in dem Geiste des Katholicismus für sich so beglückend kennen gelernt hatte . Man zog Baumeister , Bildhauer und Maler zu Rathe , ließ Zeichnungen und Kupferstiche kommen , änderte bald Dies , bald Jenes an dem ersten Plane , bis über dem vielen Sehen und Vergleichen des Bedeutendsten und Schönsten der erste Entwurf , welcher auf eine hübsche Kapelle , auf ein mäßiges Gotteshaus angelegt gewesen war , mehr und mehr zusammenzuschrumpfen und den Erbauern kleinlich zu dünken begann . Erst hatte man sich gesagt , daß man , weil man keinen Thurm zu errichten beabsichtigte , die Kapelle mit einer würdigen Fronte ausstatten , daß man ihr eine angemessene Größe geben , sie mit einigen Säulen und einer Statue von außen schmücken müsse , und daß man ihr innen die Zierde eines guten Bildes über dem Altare nicht versagen dürfe . Nach einiger Zeit kam man zu der Ansicht , daß mit diesen Ornamenten auch ein größerer Bau ansehnlich zu verzieren sein würde , und da die Baronin sich an dem Gedanken zu erfreuen schien , so überraschte der Freiherr sie am Weihnachtsabende , an welchem sie die Trennung von ihren Eltern schmerzlicher als sonst empfinden mußte , mit dem Anerbieten , den ersten Bauplan völlig aufzugeben und statt der Anfangs beabsichtigten Kapelle lieber gleich eine Kirche zu errichten , deren Thurm weithin sichtbar und durch Jahrhunderte ein Zeuge für die Bedeutung des Geschlechtes werden sollte , das ihn aufgerichtet hatte . Freilich mußte man sich daran erinnern , daß eine Kirche eine Gemeinde fordere und daß eine solche unter den protestantischen Landleuten nicht vorhanden sei . Aber da man es überhaupt nicht auf ein gemeinnütziges Werk , sondern lediglich und ausschließlich auf eine Selbstbefriedigung abgesehen hatte , so ließ man sich durch den Gedanken an die einsame Kirche nicht abschrecken . Die Baronin sah im Gegentheil eine Hoffnung aus dem Baue emporkeimen , der sie sich als Neubekehrte willig überließ , und sie wurde nicht müde , es sich vorzustellen , wie das goldene Kreuz des Thurmes , einst zum Ernste mahnend , über der Gegend leuchten und wie die zur Messe rufenden Glockenklänge dann heimathlich und ladend durch das Land ertönen würden . Natürlich galt es nun , sich mit dem Architekten in ein neues Einvernehmen zu setzen . Es mußten ein neuer Plan , neue Kostenanschläge gemacht werden , und diese letzteren stiegen nach dem neuen Entwurfe fast um das Sechsfache ; aber bei den Mitteln , über welche der Freiherr gebot , brauchte man davor eben nicht zu erschrecken . Wenn man die Summe auf die sechs Jahre vertheilte , welche der Architekt zur Vollendung des Baues gefordert hatte , so war es kaum nöthig , sich irgend welche wesentliche Beschränkungen aufzulegen , und der Freiherr hob dies gegen Angelika ganz besonders hervor , weil er eben in diesem Augenblicke eine Veranlassung zu ausgedehnter Gastfreiheit zu haben glaubte . Es war zu Ende des Januar , an einem scharfen , kalten Winterabende , als man dem Baron unter den Zeitungen und Postsachen , welche der Bote aus der Stadt abgeholt hatte , einen Brief überbrachte , dessen Handschrift und Wappen er zu kennen schien . Auf der Adresse stand die Weisung , daß der Brief durch einen Expressen nach Schloß Richten zu bestellen sei , und der Baron mußte die Schreiberin des Briefes - denn derselbe stammte offenbar von einer Frauenhand - werth und in Ehren halten , weil es ihn so unmuthig machte , daß man trotz der ausdrücklichen Anweisung zu besonderer Beförderung , derselben nicht Folge geleistet und den Brief mehr als vierundzwanzig Stunden hatte liegen lassen . Er stampfte ärgerlich mit dem Fuße , und noch ehe er das Siegel eröffnete , schellte er seinem Schreiber , gab ihm in kurzen Worten den Befehl , den Postmeister sofort bei seiner Behörde zu belangen , und rief , als der Schreiber sich entfernte , ihm noch ausdrücklich nach , es dem Postmeister anzuzeigen , daß man eine Klage gegen ihn eingereicht habe . Er war es eben nicht gewohnt , auf Unpünktlichkeit und Versäumniß zu stoßen , wo er zu befehlen hatte . Dann ließ er sich an dem kleinen Marmortische nieder , welcher vor dem Kamine stand , erbrach das Schreiben , und Angelika , welche , mit einer Filetarbeit beschäftigt , an der entgegengesetzten Seite des Tisches saß , bemerkte an den Mienen ihres Gatten , daß der Inhalt des Briefes ihm nahe ging und offenbar seine ganze Theilnahme in Anspruch nahm . Er schüttelte während des Lesens ein paar Mal leise das Haupt , seufzte danach und reichte endlich , nachdem er ihn beendet hatte , den Brief mit dem Ausrufe : Die arme Frau ! der Baronin hin . Von wem sprichst Du ? fragte Angelika . Von der Herzogin , entgegnete der Baron ; aber lies nur selbst , denn die ruhige , würdevolle Fassung ihres Briefes wird Dir , ich weiß es , den gleichen Eindruck machen , wie mir . Der Brief war in französischer Sprache geschrieben . » Mein theurer Baron ! « hieß es in demselben : » Trotz der langen Zeit , welche seit unseren letzten Spaziergängen in den friedlichen Gärten meines schattigen Vaudricour verflossen ist , haben wir sicherlich beide nicht aufgehört , mit jener Freundschaft und jener Achtung an einander zu denken , welche zu den unschätzbaren Gütern gehören , die kein äußeres Ereigniß uns zu rauben vermag ; und Sie werden , wenn Sie sich meiner erinnerten , sicherlich nicht geglaubt haben , daß ich in einem Lande geblieben sein könne , welches in den Grundvesten seiner religiösen , seiner politischen und seiner moralischen Existenz so gewaltig erschüttert , so völlig vernichtet worden ist , wie mein unglückliches Vaterland . Ich habe Frankreich seit fast zwei Jahren verlassen , habe , weil ich den Ereignissen , welche nicht ermangeln können , sich in Frankreich zu vollziehen , nahe zu bleiben wünschte , zuerst in Coblenz , dann in Hannover und in Dresden gelebt . Aber die Zeit des Wartens , wie kurz oder lang sie sein mag , ist immer traurig und schwer zu tragen , und wennschon ich überzeugt bin , daß von Deutschland her unserem unglücklichen Könige jetzt endlich Hülfe und Befreiung , unserem Vaterlande Erlösung aus den Händen jener Rotte von gottlosen Empörern kommen wird und muß , welche es nicht scheuen , ihre Hand zerstörend an das Heiligste zu legen , so macht das Zögern mit dieser Hülfe mich doch sorgenvoll und oftmals so verzagt , daß ich mich nach der Nähe eines Freundes sehne , dessen Theilnahme mich trösten , dessen gleiche Weltanschauung mich im Hoffen und Ausharren ermuthigen kann . Graf Veuilletot , der das Vergnügen gehabt hat , Sie im vorigen Jahre zu sehen , sagte mir in Dresden , daß Sie sich in Berlin niedergelassen , daß Sie sich verheirathet und an der Seite Ihrer jungen und edeln Gattin ein seltenes Glück gefunden hätten . Das gab mir zuerst den Gedanken , Sie und Ihre Nähe aufzusuchen und mit Ihrem Rathe nach irgend einem Asyle auszuspähen , in welchem ich mit meinem Bruder - denn der Marquis hat mich natürlich nicht verlassen - die Zeit bis zur Herstellung der Ordnung und Gesetzlichkeit in Frankreich , in einsamer Zurückgezogenheit erwarten kann . Ich verließ also Dresden , um Sie wieder zu sehen . In Berlin erfuhr ich aber , daß Sie , des Stadtlebens bald müde geworden , Ihren Aufenthalt wieder auf Ihren Gütern genommen hätten , und wie sehr es mich auch schmerzte , Sie nicht in der Residenz zu finden , so freute ich mich doch an dem Gedanken , daß die Baronin trotz ihrer Jugend zu jenen Ausnahmenaturen gehöre , welche das zurückgezogene Leben an der Seite eines verehrten Gatten den Zerstreuungen und dem Geräusche der großen Welt vorzuziehen wissen . Eine solche Frau wird einer Verwandten , einer alten Freundin ihres Mannes seine Freundschaft , wird einer aus ihrer Heimath Vertriebenen das Weilen in der Stille seines Schlosses nicht mißgönnen . Eine Frau wie die Baronin wird es fühlen , wie man sich nach einem langen Wanderleben auf ein Ausruhen unter einem friedlichen Dache sehnt , und ich frage daher ohne Weiteres bei Ihnen an , mein theurer Freund und Vetter , ob Sie mir und dem Marquis Ihre Gastfreundschaft gewähren wollen , bis wir in Ihrer Nähe in ländlicher Stille eine zeitweilige Heimath für uns gefunden haben werden . - Freilich bin ich nicht mehr die lebensfrohe Margarethe , die Sie einst in Vaudricour gekannt haben ! Das Unglück hat mich schnell und früh gealtert , aber ich bringe Ihnen doch ein Herz mit , das noch nicht verlernt hat , sich an fremdem Glücke zu erfreuen . Alles , wonach ich jetzt verlange , ist Ruhe ! Deßhalb sende ich Ihnen meinen Brief durch einen Expressen und erwarte Ihre Antwort sobald als möglich . Haben Sie ein Obdach für mich und meinen Bruder , und ist die Baronin nicht unwillig , die Verwandten ihres Gatten kennen zu lernen , so folgen wir Ihrer Zusage auf dem Fuße , und wie Sorge und Kummer und Jahre mich auch verändert haben mögen , so werden Sie hoffentlich in mir stets wieder erkennen Ihre Freundin und Cousine Margarethe , Herzogin von Duras , geborene von Lauzun . « Angelika faltete den Brief , nachdem sie ihn gelesen hatte , wieder zusammen , steckte ihn in sein Couvert und sagte , indem sie ihn dem Freiherrn hinreichte : Welch ein Schicksal , heimathlos zu werden mit einem der schönsten Namen Frankreichs ! Und heimathlos zu werden , fügte der Freiherr hinzu , wenn man in dem anmuthigsten der Schlösser , unter dem sonnig milden Himmel des südlichen Frankreichs gelebt hat ! Ich vermag mir die Herzogin in ihrer jetzigen Lage kaum vorzustellen , so sehr ist ihr Bild in meiner Erinnerung mit der ganzen edelen und schönen Umgebung verschmolzen , in welcher ich sie sonst gesehen habe . Er öffnete den Brief noch einmal , sah nochmals nach dem Datum desselben und bemerkte darauf : Wer mir es gesagt hätte , daß ich Margarethe von Duras hier in Richten als eine Flüchtige , als eine Heimathlose aufzunehmen haben würde ; oder wer es unserm Urgroßvater hätte prophezeien wollen , daß eine Enkelin seiner Erdmuth , deren Verbindung mit den Duras ihn so sehr erfreute , einst nach Deutschland kommen würde , um Schutz zu suchen unter dem Dache ihres mütterlichen Geschlechtes ! Er versank in Schweigen , auch die Baronin war innerlich bewegt . Sie kannte die Herzogin nicht , aber sie hatte von ihr bisweilen sprechen hören , wenn der Baron sich seiner ersten Reisen erinnerte oder wenn gelegentlich von den Familienbeziehungen des Arten ' schen Geschlechtes die Rede gewesen war . Sie wußte , daß eine Großtante ihres Mannes einen Herzog von Duras geheirathet , der einst in außerordentlicher Mission an einem der deutschen Höfe gelebt und das schöne Freifräulein in einem deutschen Badeorte kennen gelernt hatte . Ihr Nachkomme , der Herzog Edmund , hatte ein Fräulein von Lauzun geheirathet , war kurz nach seiner Hochzeit gestorben und hatte die Herzogin Margarethe als eine junge und kinderlose Wittwe zurückgelassen , die klug genug gewesen war , die Vorzüge ihrer Stellung zu würdigen und sie vorsichtig zu benutzen . Als Baron Franz seine erste Reise gemacht hatte und auf dieser nach Frankreich gelangt war , hatte er von seinem Vater die Weisung erhalten , sich dort auch der verschwägerten herzoglichen Familie vorzustellen , und da man von beiden Seiten gern bereit war , eine Verwandtschaft anzuerkennen , von der man keinerlei unbequeme Ansprüche zu befahren hatte , während das verwandtschaftliche Verhältniß mancherlei Erleichterungen für den Verkehr darbot , so hatte die Herzogin sich den jungen deutschen Vetter gern gefallen lassen , ohne zu berechnen , in wie fernem Grade er zu ihr gehörte . Der Baron aber war entzückt gewesen , bei seiner Cousine eine so freundliche Aufnahme zu finden , ohne daran zu denken , daß mit dem Tode des jungen kinderlosen Herzogs der Zusammenhang der Herren von Arten mit den Herzogen von Duras eigentlich völlig erloschen war . Er hatte danach in seiner ersten Jugend einige sehr genußreiche Wochen in dem Schlosse der Herzogin zugebracht , man hatte sich auch später , als er abermals nach Paris gekommen war , in der Hauptstadt und am Hofe wiedergesehen und gelegentlich einen Brief mit einander gewechselt . Aber dieser Verkehr war allmählich seltener geworden und hatte endlich völlig aufgehört , obschon der Freiherr sich stets mit Vergnügen und mit Antheil der Herzogin erinnerte . Er liebte es , zu erzählen , wie sie fast immer Vaudricour bewohnt habe , wie selten sie nach Paris gekommen sei , obschon ihr , einer Duras-Lauzun , die beste Aufnahme und eine einflußreiche Stellung sicher gewesen wären , und wie sie es verstanden habe , ihr Schloß zu dem Sammelplatze alles dessen zu machen , was damals in Frankreich auf Jugend und Geist , auf Rang und Bildung Anspruch erheben dürfen . Auch jetzt wieder war es eine Erinnerung an die Vergangenheit ,