Höchst verdächtig , bestätigte Franz ; ich trage darauf an , daß der Inculpat auf das allerschärfste inquiriret und auf jede Weise zu einem offenen und umfassenden Geständniß persuadiret werde . Ja , er soll gestehen ; er soll gestehen ! rief das übermüthige Mädchen in die Hände klatschend ; er soll sich über diese verrätherische Röthe seiner Wangen verantworten . Angeklagter , ich frage Sie auf Ihr Gewissen : kennen Sie eine Dame mit braunem Haar und Augenpaar ? Aber , wie Sie auch fragen , Fräulein Sophie ? erwiderte Herr Bemperlein , noch röther werdend , als vorhin . Eure Rede , Angeklagter , sei ja , ja ! oder nein , nein ! Was darüber ist , ist vom Uebel . Nun denn : ja ! sagte Herr Bemperlein lachend . Haben Sie , als Sie von dem braunen Haar und Augenpaar sprachen , an diese Dame gedacht ? Ja , antwortete Herr Bemperlein nach einigem Zögern . Da haben wir ' s ! Er hat an sie gedacht ! Er hat an sie gedacht ! rief Fräulein Sophie und schnippte vor Vergnügen mit den Fingern . Aber wer ist sie ? warf Franz ein . Wir werden es gleich erfahren . - Angeklagter , wohnt sie in dieser Stadt ? Ja . Franz , nimm zu Protokoll : sie wohnt in dieser Stadt . Angeklagter : sehen Sie sie oft ? Nein . Hm ! haben Sie sie heute gesehen ? Aber , Fräulein So - Keine Ausflüchte ! Haben Sie sie heute gesehen ? Nun , ich merke schon , ich komme besser weg , wenn ich nur gleich Alles offen gestehe , sagte Herr Bemperlein , der trotz seiner Bemühung , unbefangen auszusehen , immer befangener geworden war . So hören Sie denn , gestrenger Herr Untersuchungsrichter und Sie , diabolisch lächelnder Herr Beisitzer , die sonderbare Geschichte , die mir heute passirt ist und die eigens darauf angelegt scheint , mich aus einer Verlegenheit in die andere zu bringen . Erzählen Sie , Bemperchen ! erzählen Sie , rief Sophie ; die Sache wird romantisch . Nun denn , Sie wissen , Fräulein Sophie , daß Grenwitzens heute Morgen in die Stadt gekommen sind . Wir sind davon unterrichtet . Weiter , Angeklagter ! Sie wissen aber noch nicht , daß die Baronin gleich nach ihrer Ankunft an mich geschrieben und mich gebeten hat , sie noch im Laufe des Tages zu besuchen . Sie habe über eine Sache von der äußersten Wichtigkeit mit mir zu sprechen . Die Sachen der Baronin sind immer von der äußersten Wichtigkeit , meinte Franz . Das wußte auch ich und beeilte mich deshalb nicht eben mit meiner Visite . Gegen Abend indessen , kurz vorher , ehe ich hierher kam , war ich dort . Nun , um welche Bagatelle handelte es sich ? Ich habe es nicht erfahren , denn ich hatte nicht das Glück , vorgelassen zu werden . In der Hausthür begegnete ich Herrn Timm , der in solcher Eile war , daß er mich fast über den Haufen lief und eben nur noch Zeit hatte , zu sagen : Wie zum Teufel kommen denn Sie hierher , Bemperlein ? Im Vorzimmer , in welches mich der Bediente gewiesen hatte , traf ich Mademoiselle Marguerite . Hat sie braune Augen , Bemperchen ? Sie hat braune Augen , Fräulein Sophie , sehr schöne braune Augen , die in diesem Augenblicke um so glänzender erschienen , als sie voll heller Thränen standen . O ! sagte Fräulein Sophie , weshalb denn ? Weiß ich es ? Ich war , weil ich Niemand im Zimmer vermuthete , ohne anzuklopfen eingetreten . Bei meinem Erscheinen fuhr die junge Dame , welche mit dem Kopf auf dem Tisch schluchzend dasaß , empor und suchte , so gut es gehen wollte , ihre Thränen zu verbergen . Sie erwiederte auf meine Frage , ob die Baronin zu sprechen sei : sie wolle gehen und nachsehen . Sie ging aber nicht , wenigstens nur bis an die nächste Thür , wo sie stehen blieb , um abermals in Thränen auszubrechen . Sie können sich meine Verlegenheit denken . Ich kann Niemand weinen sehen , geschweige denn ein so junges , armes , hülfloses Geschöpf , wie Mademoiselle Marguerite . Ich trat also auf sie zu , faßte sie bei der Hand - ich konnte bei Gott nicht anders - und sagte - was sollte ich sonst sagen ? - weshalb weinen Sie , Mademoiselle ? Ihre Thränen flossen nur noch reichlicher . Ich wiederholte meine Frage wieder und wieder . Je suis si malheureuse ! war Alles , was sie endlich herausschluchzte . Dabei blieb es . Das arme Kind that mir von Herzen leid . Ich fragte , ob ich ihr helfen könne ? Sie schüttelte weinend den Kopf . Ich suchte sie zu trösten , und sagte Alles , was man in einer solchen Situation zu sagen pflegt . Nach und nach wurde sie ruhiger , trocknete sich die Augen , drückte mir die Hand und sagte : Oh vous êtes bon . Damit schlüpfte sie aus der Thür . Ich war so klug , als ich vorher gewesen war . Nach einigen Minuten kam nicht sie , sondern Baron Felix , um mir zu sagen , daß seine Tante unendlich bedauere , mich heute Abend nicht mehr sehen zu können . Sie sei von der Reise zu angegriffen . Ich möchte morgen wieder kommen . Da Baron Felix es ebenfalls sehr eilig zu haben schien , empfahl ich mich schleunigst . Als ich schon in der Thür war , rief er mir nach : Apropos , Herr Bemperlein , wissen sie nicht , wann der Doctor Stein zurückkommen wird ? Ich glaube , in diesen Tagen , erwiderte ich und ging . Da haben Sie meine romantische Geschichte . Die Manches zu denken giebt , sagte Franz . Ich möchte nebenbei auch wohl wissen , wann Oswald zurückkommen wird . Er sollte eigentlich schon hier sein . In diesem Augenblick kam das Mädchen herein , um Franz eine Karte zu bringen . Ist der Herr noch draußen ? rief Franz aufspringend . Nein , Herr Doctor . Er fragte ob Sie allein wären . Ich sagte , Herr Bemperlein sei noch im Zimmer . Da sagte er , er wolle ein ander Mal wieder kommen , und ging fort . Wer ist es ? fragte Sophie . Oswald ! erwiderte Franz . Fatal ; ich hätte ihn gern gesprochen . Sechszehntes Capitel Oswald war vor einigen Stunden in Grünwald angekommen . Der frühe Herbstabend brach bereits herein , als er sich auf der Chaussee der alten Stadt näherte . Die hohen Thürme dämmerten wie Ossianische Riesenleiber durch den wogenden grauen Nebel ; Nebel zog auf den tiefen Wiesen zwischen der Chaussee und dem Meere ; Nebel wallte auf der weiten Wasserfläche zwischen dem Festlande und der Insel . Oswald hüllte sich fröstelnd dichter in seinen Mantel und drückte sich in die Ecke des Cabriolets . Was wollte er in Grünwald ? Er wußte es selber nicht . Auch die kleinen von den Nordoststürmen kahlgefegten Bäume an der Westseite , die an seinem dumpfen Blick in öder Monotonie vorüberhuschten , wußten es nicht ; auch die starkknochigen Postgäule , die von der Nässe triefend , vornübergebeugten Kopfes mechanisch dahintrotteten , wußten es nicht ; auch der alte , schnauzbärtige Conducteur , der vor lieber langer Weile eine Passagierliste zum hundertstenmale aus der Seitentasche herausholte und durchblätterte , wußte es nicht . Es wußte es eben Keiner , es hätte denn die Krähe sein müssen , die sich im Walde verspätet hatte und jetzt einsam und melancholisch über den Postwagen weg zur Stadt zog und im Nebel verschwand . Einsam und melancholisch ! und doch durfte sie sicher sein , in den Thürmen der altersgrauen Kirchen , auf den langen Dächern der hohen Giebelhäuser eine Schaar von Brüdern und Schwestern zu finden , die sie mit heiserem Gekrächz willkommen heißen würden ; und irgendwo ein Mauerloch , in welchem sie über Nacht , während der kalte Nachtwind durch die Schalllöcher und um die Schornsteine pfiff , von dem sommerlichen Leben im grünen Tannenwalde behaglich träumen konnte . Wer aber harrte seiner in der ganzen öden Stadt ? wo sollte er einen Ruheort finden ? Und die Bäume tanzen immer gespenstiger an dem Wagen vorüber ; und die Gäule schütteln immer ungeduldiger die schweren Kummete , und der Nebel ballt sich immer dichter und finsterer zusammen , und durch den dichten , finstern Nebel schauen trübäugig einzelne Lichter , und jetzt schlägt der Huf der müden Pferde auf das Pflaster , und jetzt rollt der Wagen über die Zugbrücke , durch das enge Thor in die engen , winkligen , schlechtgepflasterten Straßen der Stadt und hält vor dem Postgebäude still . Die plötzliche Ruhe nach dem viele Stunden lange Klappern , Schütteln und Stoßen ist unendlich süß für den , welcher das Ziel seiner Reise erreichte , und unbeschreiblich unheimlich für den , dessen Reise kein Ziel hatte , oder dem das erreichte Ziel kein erwünschtes ist . Er möchte , das Klappern , Schütteln und Stoßen begönne von Neuem , und es klapperte , schüttelte und stieße ihn weiter und weiter , von allen Menschen weit in die ewige Nacht . Ein ödes , unwohnliches Gemach ; zwei eben angezündete Kerzen auf dem Tisch vor dem Sopha ; ein Koffer auf dem Gestell , eine Hutschachtel auf dem Stuhl daneben ; rings umher Stille , nachdem der Tritt des Kellners auf dem langen , schmalen Corridor verhallte - Oswald fand diese Situation wenig dazu angethan , einen Melancholischen heiter zu stimmen . Er beeilte sich , aus dem Gemache und aus dem Hause zu kommen . Es war ursprünglich seine Absicht gewesen , Franz aufzusuchen , den einzigen in Grünwald , von dem er eines herzlichen Empfanges , eines freudigen Willkommens versichert sein durfte ; aber er gab diese Absicht bald wieder auf und wanderte ziellos und zwecklos durch die Straßen . Er hatte sich niemals eben sehr heimisch gefühlt in Grünwald ; aber so wildfremd , wie heute , war ihm die Stadt selbst in den allerersten Tagen seines ersten Aufenthalts nicht erschienen . War es nur die Folge seiner düsteren Stimmung , war es der dunkle , neblige Abend - er erkannte die Straßen , die Plätze , durch die er doch schon so oft gewandert war , gar nicht wieder , und wenn er sich wirklich an Dies oder Jenes zu erinnern glaubte , so war es nur , wie man in einem Traum Unbekanntes und Weites , Nahes und Fernes chaotisch durcheinander mischt . Endlich gerieth er in eine der Straßen , die nach dem Hafen führen . Hier war er mehr zu Hause , denn der Hafen mit seinem Gewimmel von Booten und Schiffen , seinem Meerdunst und Theergeruch , seinen monoton klingenden Matrosenliedern und rastlos klopfenden Hämmern und Beilen und knirschenden Sägen war ihm der liebste Punkt der Stadt und das beinahe tägliche Ziel seiner Spaziergänge gewesen . Aber auch an dieser sonst belebtesten Stelle der alten Hansestadt war es heute Abend öde und todt . Hier und da schimmerte durch ein Kajütenfenster ein Licht ; dann und wann erscholl von dem Verdeck eines Schiffes das Bellen eines Hundes oder der heisere Ruf eines Matrosen - sonst Nacht und Schweigen überall . Er wanderte auf dem weit in ' s Meer hineingebauten Damme , an welchem nach der Seeseite zu Fahrzeug neben Fahrzeug ankerte , bis zu der äußersten Spitze . Hier stand er , in dumpfes Brüten und Sinnen versunken , lange Zeit und schaute mit untergeschlagenen Armen in die dichte Finsterniß hinaus , die auf dem Meere lagerte , und horchte auf das leise , gleichförmige Plätschern des Wassers , das unter ihm unaufhörlich an den Quadern des Dammes leckte und züngelte . War , was da vor ihm lag , sein vielgeliebtes Meer , auf dem sich seine Träume , seine Hoffnungen so oft dem Fluge der Möven gewiegt hatten ? war es der dunkle Abgrund , in den seine Hoffnungen und Träume wie die Schätze eines gescheiterten Schiffes auf immer unwiederbringlich gesunken waren ? Drüben , jenseits der schwarzen Wasserwüste , lag die Insel , so nah und doch so fern , wie die Zeit , die er dort verlebte , die kurze Spanne Zeit , die Alles umschloß , was er von Glück und Frieden je im Leben gekannt hatte . Ein Fährboot , das von der Insel herüberkam , fuhr dicht an der äußersten Spitze des Dammes , auf der er stand , vorüber . Er hörte das taktmäßige Eintauchen der schweren Ruder in ' s Wasser und das eigenthümliche dumpfe Kreischen derselben gegen die Pflöcke ; er hörte die verworrenen Stimmen der nächtigen Passagiere . Er ging in die Stadt zurück , und kam über den Marktplatz . Er blieb vor dem Hause stehen , in welchem Berger gewohnt hatte . Es war kein Licht in den Fenstern . Er konnte bei dem Schein einer Laterne sehen , daß die grünen Jalousien geschlossen waren , wie in einem Hause , in welchem der Besitzer gestorben ist . Von dem Thurm der Nicolaikirche tönten die feierlichen Accorde eines Chorals , mit dem man , alter Sitte gemäß , in Grünwald allabendlich um neun Uhr dem dahingeschwundenen Tag Lebewohl sagt . Oswald hörte zu , bis der letzte Ton verklungen war . Er dachte an den Tod und an das große Geheimniß , welches das Grab nicht erschließt , sondern nur noch dunkler macht , und wie glücklich doch die Menschen sein müßten , die in dem Glauben an den Heiland und Erlöser ihre Zuversicht finden . Das langgezogene Heraus ! des Postens vor der Hauptwache riß ihn aus seinen Träumereien . Eine quäkende Stimme kommandirte : Gewehr auf ! Gewehr ab ! Helme ab zum Gebet ! Frömmigkeit auf Commando - Herzensergießung nach dem Paragraphen des Wachtdienstes ! In einem wohlgeordneten Staate muß Alles geregelt sein . Warum bist du , sprach Oswald weiter bei sich , während er nach dem Thore schritt , nicht ein Pedant unter Pedanten , da dir das Schicksal nun einmal mißgönnt , unter Römern ein Römer zu sein ? Weshalb sträubst du dich gegen den Kamm , über den sich alle diese guten Schafe geduldig scheeren lassen ? Du könntest es ja doch auch bequemer haben , wie Andere ! Es mag sich Alles in Allem , gar nicht so schlecht in dem Großvaterstuhl eines Amtes , wie Berger es ausdrückt , sitzen ; die Schlafmütze einer Würde mag vor manchem Rheumatismus , der einen sonst aus der windigen Welt anweht , schützen , und wer ein tugendsam Weib hat , der lebt noch einmal so lange , und wenn er dann nun doch endlich gestorben , so blasen sie hoch vom Thurm , daß die ganze Stadt es vernimmt und für das Heil seiner Seele betet . Ueber ihm rauschten die Bäume , mit denen die Vorstadtsstraße , in welcher die Pensionsanstalt des Fräulein Bär lag , besetzt war . Der Nachtwind hatte die Nebeldecke zerrissen und die Sichel des zunehmenden Mondes schwankte durch die gespenstisch flatternden Wolken . Ein Reiter jagte nach der Stadt zu an ihm vorüber . Das Thier schnaufte und die Funken sprühten . Im nächsten Moment hallte der Hufschlag auf dem Pflaster schon dumpf und fern , wieder lauter und wieder dumpfer und verhallte endlich ganz . » Gewiß Jemand , der nach dem Arzt reitet - ein Gatte vielleicht , dessen Frau in Kindesnöthen , ein Vater vielleicht , dessen einziger Sohn im Sterben liegt . « - Oswald dachte an die Nacht , in welcher Bruno starb , und an den grausigen Ritt über die Haide von Grenwitz nach Faschwitz . Wenn Bruno am Leben geblieben wäre ! Es war Oswald , als würde dann Alles anders gekommen sein ; als wäre er erst durch den Tod des vielgeliebten Knaben so grenzenlos arm geworden ; als hätte er mit ihm gegen eine Welt in Waffen ankämpfen können . Mit ihm und für ihn ! Für Bruno wäre ihm kein Opfer zu schwer gewesen , selbst nicht das Opfer seiner Liebe zu Helene . Bruno , aber auch nur ihm , hätte er das schöne Mädchen gern und willig gegeben . Gegeben ? was hatte er denn zu vergeben ? er , der Bettler ? Da stand er vor dem Hause , welches er suchte , und lehnte sich an das eiserne Gitter des Gartens . In dem Hause war kein Fenster mehr erleuchtet . Die Bewohnerinnen mußten schon zur Ruhe gegangen sein . Er dachte an die Sommernächte , wenn er im Park von Grenwitz stundenlang nach dem offenen Fenster mit den heruntergelassenen Vorhängen emporschaute , aus dem die Töne des Claviers durch die stille , weiche Luft zu ihm herüberwehten ; und dann noch stundenlang , wenn das Licht hinter den rothen Vorhängen erloschen und die Musik verstummt war , zwischen den Beeten und unter den Buchen des Walles auf und nieder wandelte , manchmal bis der erste Purpurstreifen des Frühroths den östlichen Horizont säumte und die Vögel in dem dichten Gezweig über ihm schlaftrunken zu zwitschern begannen . Ein Windstoß sauste durch die beiden hohen Pappeln rechts und links von der Pforte und zischelte unheimlich in den dürren Blättern . In dem Hause klappte ein Fensterladen - ein Hund in einem Nachbarhause begann zu heulen . Oswald schauderte , wie im Fieber . Die momentane Aufregung nach einer langen Fahrt im Postwagen war vorüber ; er fühlte sich matt und krank . Er knöpfte seinen Ueberrock fester zu und wandte sich , in die Stadt zurückzukehren . Ein Wagen kam ihm im schnellsten Rollen entgegen . Ein Reiter mit einer Laterne in der Hand sprengte vorauf - derselbe wohl , der vorhin , wie toll , durch die schwarze Nacht in die Stadt gejagt war . Sollte es wohl Doctor Braun sein , der da fährt ? - der Gedanke , den Freund möglicherweise nicht zu Haus zu treffen , erweckte in Oswald den Wunsch , ihn zu sehen und zu sprechen . In wenigen Minuten - denn die Entfernungen in Grünwald sind nicht eben bedeutend - stand er vor dem Hause , welches ihm vom Kellner als Franz ' Wohnung bezeichnet war . Das Mädchen , welches die Hausthür öffnete , sagte , der Herr Doctor sei nebenan beim Geheimrath ; er sei des Abends stets beim Geheimrath . Oswald erfuhr , daß Herr Bemperlein im Salon sei - Bemperlein , der Einzige , mit Ausnahme des alten Baumann , der von seinem Verhältnisse zu Melitta wußte , der Einzige , vor dessen Begegnung er zurückbebte , dessen vorwurfsvoller Blick - im Fall er von den letzten Ereignissen noch nicht unterrichtet war - ihm gleicherweise peinlich sein mußte . Auf der Straße besann er sich erst , daß sein Fortgehen , nachdem er einmal dagewesen war , geradezu unerklärlich und lächerlich sei . Das verstimmte ihn womöglich noch mehr , als er es schon war . Er hätte sich am liebsten in den Tiefen der Erde verbergen , im Schlaf das Elend des Lebens vergessen mögen ? Im Schlaf ? weshalb nicht im Wein , wenn der Schlaf nicht zur Hand ist ? » The best of life is but intoxication , « sagt Lord Byron und dort , wo die einsame Laterne in der düstern Halle zwischen den Steinpilastern hervordämmert , ist der Eingang zum alten Rathskeller . Hinab die lange breite Treppe mit den niedrigen Stufen , hinab in den Bauch der Erde , wo man nichts fragt nach Gefühlen , die das Herz schwer , und nach Gedanken , die den Kopf wirbeln machen . Siebenzehntes Capitel Oswald kannte von seinem ersten Aufenthalte her das Local wohl . Er war gelegentlich mit Berger in dem Keller gewesen , ohne sich um die übrige Gesellschaft , die er noch etwa vorfand , zu kümmern . So hauchte ihn denn die feuchtkühle , mit dem Modergeruch der jahrhundertjährigen Mauern und der frischen Blume heurigen Weines angefüllte Atmosphäre , die ihn empfing , befreundet an , und er fand , ohne viel zu suchen , den Weg zu der niedrigen Thür , die links in die Trinkstube führte . Es war in diesem Augenblicke außer dem Aufwärter Niemand in dem langen , gewölbten , spärlich erhellten Raum , als ein einzelner Gast , der mit dem Rücken nach der Thür saß und sich durch Oswalds Eintreten keineswegs in seiner Beschäftigung stören ließ . Oswald , der , etwas von ihm entfernt , an einem kleinen runden Tische Platz genommen hatte , bemerkte nicht ohne einige Verwunderung den Berg von Schalen , der sich vor dem unermüdlichen Esser bereits aufgethürmt hatte und noch lange nicht seine höchste Höhe erreicht zu haben schien . Zum mindesten lehnte sich der Mann nur von Zeit zu Zeit in seinen Stuhl zurück , um mit augenscheinlichem Behagen ein Glas Wein zu schlürfen , und ging dann stets wieder mit einem Eifer an ' s Werk , der für die Güte der Austern nicht minder , als für die Vortrefflichkeit des Magens ihres Consumenten sprach . Die letzte Schale klappte auf den Berg herunter und die letzten Tropfen flossen aus der Flasche in ' s Glas . » Sic transit gloria mundi , « sagte der Mann . - Indessen , diese Gloria ist leicht wieder aufzufrischen . Carole , bringen Sie mir noch ein Dutzend dieser wackern Meeresbewohner und eine halbe Flasche dieses höchst schätzenswerthen Josephhöfers . Oswald horchte auf . Die Stimme war ihm sehr bekannt , sie erinnerte ihn an vergangene glücklichere Tage . Diese klare , frische Stimme hatte ihn schon manchmal erquickt und ermuthigt , wie den Gefangenen der Wind , der durch das offene Fenster seines Kerkers streicht ; sie verfehlte auch heute nicht die gewohnte Wirkung auf sein verdüstertes Gemüth . Unter Allen war dieser Mann gerade derjenige , dessen Gesellschaft ihm heute Abend willkommen war . So stand er denn auf , trat auf ihn zu und begrüßte ihn mit Lebhaftigkeit . Ah ! dottore , dottore ! rief der Austernesser , in die Höhe fahrend und die dargebotene Hand ergreifend . Sie hier ? Nun das ist doch mal ein gescheidter Einfall des sonst so dummen Zufalls ! Carole , eine ganze Flasche statt einer halben und einige Dutzend statt eines ! Bin ich Ihnen in diesem Augenblicke wirklich eine persona grata , Timm ? sagte Oswald , neben Albert Platz nehmend . Persona grata ? In diesem Augenblick ! rief Albert Timm ; Don Oswaldo , Don Oswaldo ! Ich habe Sie , bei Gott , seitdem wir in Grenwitz von einander Abschied nahmen , schmerzlich vermißt , und freue mich , freue mich sehr , daß Sie endlich wieder hier sind . Wo zum Kuckuck haben Sie denn nur so lange gesteckt ? Ich habe mich bei aller Welt nach Ihnen erkundigt . Seit wann sind Sie zurück ? Seit drei Stunden etwa . Und sind natürlich so nüchtern , wie Sie aus dem Postwagen gestiegen sind , Sie sehen wenigstens gerade so aus ; Carole , Carole ! wo der Schlingel bleibt ! Endlich ! Hier , Dottore , ist Speise für einen gesunden Magen und ein Labetrunk für ein krankes Herz ! Stoßen Sie an ! Willkommen in Grünwald ! Eine Liebe ist der andern werth , Timm ! sagte Oswald , während Albert die Gläser wieder füllte . Ich kann Ihnen sagen , daß ich mich von ganzem Herzen freue , gerade Ihnen an dem ersten Abend , den ich wieder in dieser Stadt verlebe , zuerst begegnet zu sein . Lassen Sie uns noch einmal anstoßen : auf gute Kameradschaft ! Ein Wort , ein Mann ! rief Timm , kräftig in Oswalds dargebotene Hand einschlagend . Wir wollen redlich zusammenhalten . Weiß es Gott , es ist in diesem Krähwinkel kein Ueberfluß an Leuten , mit denen man zusammenhalten könnte und möchte . Aber dieser Bund zweier edlen Seelen muß auch in einem edleren Stoff gefeiert werden . Carole ! eine Flasche Sect - Röderer und frappé - sonst bei den Gebeinen meines Roller , schlägt der Blitz meines Zorn in Deinen kahlen Schädel ! Und nun kommen Sie , Dottore mio , und erzählen Sie mir von Ihren Irrfahrten . Oder erzählen Sie mir das auch ein ander Mal und sagen Sie mir zuvörderst , denn das interessirt mich vor allem , ob die Fama nicht gelogen hat , die von den letzten Scenen des Trauer- Schau- und Lustspiels Ihres Grenwitzer Lebens so pudelnärrische Dinge in die Welt ausposaunt hat ? Ehe ich diese Frage beantworten kann , sagte Oswald , den die Austern , der Wein , Timm ' s Gesellschaft und die ganze Atmosphäre nach und nach in eine behaglichere Stimmung versetzten , muß ich vor Allem wissen , was denn die Fama berichtet hat ? Wollen Sie es wirklich wissen ? Ohne Zweifel . Nun denn , mein wackerer Junker aus der Mancha , - es hört ' s kein profanes Ohr in diesen der Freundschaft und Liebe geweihten Hallen - stoßen Sie an und trinken Sie aus ! aus , bis auf den letzten perlenden Schaum : ihr Wohl ! ihr - kleingeschrieben ! das Wohl der Einzigen , Holden , Süßen , des Mädchens mit dem bläulich schwarzen Rabenhaar und den dunklen , meerestiefen Augen ! Aus ! sage ich , bei den Gebeinen der zehntausend Jungfrauen von Köln , aus ! Wie , edler Don , schämt Ihr Euch nicht , die Dame Eures liebeüberfließenden Herzens zu verleugnen ? und wem gegenüber zu verleugnen ? mir , dem weisen Merlin , der ich das Gras kann wachsen und die Augen kann seufzen hören ! Habe ich das Seufzen Eurer schönen Augen nicht gehört in den sonnigen Tagen , die nicht mehr sind , als Ihr und sie , zwei Kinder seltener Art , unter den Rosenbüschen der Unschuld spieltet , und glaubtet , es beobachte Euch keiner , selbst nicht der Schöpfer Himmels und der Erden , der Euch den warmen Odem einblies , mit dem Ihr kosend von süßer Minne flüstertet ? Und habe ich es nicht gehört , wie Euch die Schlangenzungen umzischelten ? habe ich es nicht gesehen , mit welchem ingrimmigen Haß Euch die Basiliskenblicke anstierten ? O , ich habe dies Alles und noch mehr gesehen und gehört , und ich wußte im voraus , daß es so kommen würde , aber ich schwieg , denn Reden ist wohl Silber , aber Schweigen ist Gold , und wer sich in Herzensangelegenheiten mischt , dem wäre besser , er ginge hin und setzte sich in die Nesseln . Sagen Sie , Timm , haben Sie - haben Sie sie gesehen , seitdem sie in Grünwald ist ? Ich habe sie gesehen , hoher Herr ! nicht einmal , sondern viele Male , an der Seite anderer junger Huldinnen , unter denen sie erschien , wie die glühende Rose von Saron zwischen bescheidenen Gänseblümchen , dahinschreitend über Grünwalds Pflaster , durch Grünwalds Gassen - und die Pflastersteine auf den Straßen und die Mauersteine in den Häusern , sie bekamen Sprache und redeten und sangen : Gepriesen seist du , Gebenedeite unter den Weibern ; Hallelujah ! Sie ist bei Fräulein Bär , nicht ? fragte Oswald , der es für thöricht hielt , einem so scharfsinnigen Beobachter , wie Albert , gegenüber , seine Liebe für Helene ganz und gar in Abrede zu stellen . Ja , sie ist bei der Bärin , dieser Perle aller weiblichen Argusse . Dort weilt sie und sitzt am Fenster und sieht die Wolken ziehen über die Wipfel der Pappeln hin - und wenn Sie des Mittags zwischen zwölf und eins dort vorübergehen wollen , so können Sie selbst sie dort sitzen sehen , wie ich sie sah , so oft ich zu dieser Stunde dort vorüberkam . Und immer hob sie ihre dunklen Augen , und immer blickte sie mich fragend an : Kannst Du von ihm mir keine Kunde sagen ; von ihm , dem einzig heißgeliebten Mann ? Ha , Oswald , ich , ein prosaischer Klotz , spreche in Versen , wenn ich des holden Kindes denke , und Sie , der Sie ein Dichter sind , wollen leugnen , daß Sie sie lieben von ganzem Herzen , von ganzer Seele und von ganzem Gemüthe ? Schämen Sie sich , Sie sind nicht werth , daß ich mich so viel um Sie kümmere , wie ich es thue ; daß ich in diesen Wochen vielleicht jeden Tag öfter an Sie gedacht habe , als Sie während der ganzen Zeit an mich . Aber Undank ist der Welt Lohn und - he , Carole , wo bleibt der Sect ? - ich werde mir in Zukunft über Sie und Ihr Schicksal nicht weiter den Kopf zerbrechen . Timm stützte den Kopf in die Hand , wie es Oswald schon während der letzten zehn Minuten gethan hatte . Eine Pause trat ein , während der kahlköpfige Carl eine Flasche Champagner in einem Kübel mit Eis brachte , sie ein paar Mal in dem Eise umdrehte und sich darauf geräuschlos , wie er gekommen war , wieder entfernte . Ich bin nicht undankbar , Timm , sagte Oswald herzlich , indem er sein und Alberts Glas aus der Flasche füllte ; ich bin es wirklich nicht , bin ' s auch in diesem Falle nicht . Und wenn ich an Ihre Freundschaft bis jetzt nicht so recht glaubte , so kam es daher , weil ich mir bewußt war , sie so wenig verdient zu haben . Stoßen Sie mit mir an ! Sie wissen , mit einem Melancholicus , wie ich einer bin , darf man es nicht so genau nehmen