immer war sie einer Blüte zu vergleichen gewesen , welche lange in einem Gebetbuch gelegen hat und welcher Saft , Form und Duft vollständig ausgepreßt ist . Obgleich sie eine sehr gute Partie war und manch ein Elternpaar , manch ein liebevoller Papa , manch eine zärtliche Mama sie gern als Schwiegertochter an das Herz geschlossen hätten , so hatte doch keiner der Herren Söhne genug Geschmack für die medizinischen Wissenschaften , um Osteologie an dem armen magern Kind zu studieren . Wie ein vergessener vergoldeter Apfel hing sie am Weihnachtsbaum des Lebens und schrumpfelte immer mehr ein , während ihr Temperament den Umständen gemäß immer mehr litt . Auch Leon von Poppen hatte keine Lust , in den verhutzelten Apfel zu beißen , obgleich er ihm auf so wünschenswertem , wertvollem Präsentierteller unter die Nase gehalten wurde . Bis dato hatte er noch jedesmal zum großen » chagrin « seiner Mama das edle vorstehende Glied seines Gesichtes gerümpft und sich - mit seiner Jugend entschuldigt ; die Baronin jedoch hatte die Hoffnung , ihren Sohn glücklich zu machen , noch lange nicht aufgegeben . Die drei Damen saßen um den Teetisch ; die Lampe warf ein magisches Dämmerlicht durch das Gemach - es fehlte nicht an Gesprächsstoff , und Lydda schickte öfters verstohlene Blicke nach der Tür , durch welche der junge Baron in jedem Augenblick eintreten konnte . Auch die Baronin sah von Zeit zu Zeit nach der Uhr und nach derselben Tür ; aber Leon erschien nicht . Wenn er endlich doch Vernunft annehmen wollte ! dachte die zärtliche Mutter . Frau von Flöte sagte : » Liebste Freundin , die Konsistorialrätin Krokisius war heute morgen bei mir . Die arme gute Seele hat recht ihre Not . Sie wissen , Beste , was für ein christliches Haus die Leute machen , wie sie ihre Kinder erzogen haben . Nun das Unglück ! Vor anderthalb Jahren ist der älteste Sohn Otto - du erinnerst dich seiner , Lydda - , ein reizender brauner Lockenkopf - « » Ein naseweiser Schlingel - « » Ganz richtig , mein Kind , es hat sich leider ausgewiesen , daß er nicht viel taugte . Ach die armen Eltern - Gott will die Seinen prüfen . Der junge Mensch hatte solche schöne Aussichten , der Vater ist so gut angeschrieben in den maßgebenden Kreisen . Nun ist alles nichts . « » Was ist denn geschehen , Liebe ? « fragte die Baronin , höchst gleichgültig ihren Hund streichelnd . » Mein Gott , der junge Mensch geht , wie gesagt , zur Universität und gerät in die allerschlechteste Gesellschaft , in die allerschlechteste . Unchristliche Gesellen drängen sich an ihn ; der Jüngling fällt in die Stricke der Versuchung , die Schlingen der Verführung ; vergessen ist das fromme , gottesfürchtige Vaterhaus - der Herr Konsistorialrat wird nicht das Glück haben , seinen Sohn hier in Amt und hohen Würden zu sehen . Er ist unter die Philosophen gegangen - nicht der Herr Konsistorialrat ; er hat eine Doktorschrift geschrieben - es soll etwas ganz Abscheuliches sein - die arme Konsistorialrätin ! « Es war ein Vergnügen zu sehen , wie bei der Berichterstatterin die Venusstatue , immer unter der Maske der Heiligen , mehr oder weniger bemerklich zum Vorschein kam ; in Mienenspiel , Augenspiel und Gesten mehr als in Worten . Die Tochter hatte ein recht scharfes Auge für diese Momente und verfehlte nicht , sie jedesmal durch ein unbeschreibliches Sinkenlassen des Kopfes und Ineinanderflechten der dünnen Finger sanft , aber vorwurfsvoll zu rügen . Grund dazu hatte sie öfters , als die Mutter weiter erzählte : » Das ist aber noch nicht das Schlimmste . Der verlorene Jüngling hat es gewagt , sich zu verlieben - auf die niedrigste Art sich zu verlieben . Seine Wäscherin - ein Mädchen aus der Plebs - was weiß ich - eine - « » Mama ! « » Ja , du hast recht , süßes Herz ; wir wollen nicht weiter darüber reden ; aber ich sage es immer wieder und ich habe es auch der Konsistorialrätin gesagt : das kommt alles nur von dem Umgang mit dem Krämer , dem Wechsler - was weiß ich - , dem Bankier Wienand . Was nur die fromme Seele , der Herr Konsistorialrat , mit dem Bankier zu schaffen hat ? - der unglückliche junge Mensch ist auch nicht aus dem Hause fortgeblieben . Es ist ein gefährliches Haus , man findet daselbst sehr gute Gesellschaft und sehr , sehr schlechte . Ich begreife nicht - « » Ich auch nicht ! « rief die Baronin , welche der Name Wienand aus jeder Art von Schlummer und Schlaf , aus jeder Art von Apathie , aus der tiefsten Ohnmacht erweckt und in die Höhe gejagt hätte ; denn mit diesem Namen war der ihrer Schwägerin aufs unzertrennlichste verknüpft . Ihr ganzer Anzug schien sich wie das Gefieder eines gereizten Truthahnes zu sträuben ; alles an ihr und sie selber schwoll an , und die majestätischen Falten der schweren seidenen Robe wollten sich auf keine Weise zur Ruhe bringen lassen durch die aufgeregten fleischigen Hände . » Ich kann es auch nicht begreifen , wie man mit den Leuten verkehren kann , die in jenem Hause ein und aus gehen « , rief die Baronin von Poppen . » Der Hausherr ist ein arroganter , aufgeblasener Geldmensch , die Tochter - « Lydda von Flöte seufzte und lispelte : » Kindisch , süß und albern ! « » Freifräulein Juliane von Poppen aber ist die Schwester meines Mannes , welche einen Stolz darin findet , ihren und unsern Namen in allen Gassen zum Gespött und Gelächter des Pöbels zu machen . « Die Baronin Viktorine wußte in der Tiefe ihrer Seele sehr gut , daß der sich nicht immer lächerlich macht , von welchem man solches behauptet . Sie hatte aber einmal ihre Ansicht von der Sache , und der tausendfache Widerspruch , auf den sie dabei stieß , machte sie nur immer erbitterter gegen die Verwandte , immer giftiger in ihrem Haß . » Weshalb « , fuhr sie fort , » stellt man solch ein armes Geschöpf nicht unter Vormundschaft ; weshalb hat die Polizei nicht acht auf die Leute , von denen sie benutzt und ausgeplündert wird ? Da sitzt irgendwo in der Stadt ein halb toller Mensch , ein überstudierter Narr - hahaha , eine Jugendliebschaft , wenn ich nicht irre . « » Oh ! « seufzte schamhaft Lydda von Flöte . » Mit dem hält sie Verkehr , bringt halbe Nächte bei ihm zu . « Sancta Venus legte sich zurück und lachte wie zu der gottlosen Zeit , als sie noch tiefst ausgeschnittene Kleider und Rosen in den Locken und nicht den Rosenkranz in der Hand trug ; Lydda ließ den Kopf sinken und faltete die Hände . » Bringt halbe Nächte mit ihm und einem schuftigen Schreiber zu , wie in den Jahrhunderten , wo man noch Gold machte und den Stein der Weisen suchte . Ich glaube fast , es gibt keine Mörder- und Diebshöhle in der Stadt , in welche sie nicht hinauf- oder hinuntergestiegen ist . Mit allem Gesindel ist sie bekannt - eine wahre Zigeunerkönigin . « Frau von Flöte billigte jeden harten Ausdruck der erregten Dame ; Lydda zog sich immer schüchterner in sich zusammen , so daß sie zuletzt alle Ähnlichkeit mit einer neunundzwanzigjährigen Jungfrau verlor . Es war ein Glück , daß in diesem Augenblick Leon von Poppen eintrat . Seine Erscheinung brachte den Redefluß der Mama zum Stillstand und errettete das Fräulein vom gänzlichen Verschwinden in ihr selbst . Lydda von Flöte raffte sich zu einer matten pikierten Lebendigkeit auf , ihre Mutter ließ den Mund hängen wie eine büßende Magdalena und neigte das Haupt zur Seite wie Lais . » Leon , mein Sohn , ich hatte dich doch gebeten , früher zu kommen ! « sagte Viktorine . » Nicht möglich , chère maman . Unerträgliche Abhaltungen - insupportable Schwere des Daseins - starker Mann mit hundertundfünfzig Zentner Überfracht auf der Brust , und zwar kein Papiermaché - ah ! « Der junge Baron war außergewöhnlich weich und wehmütig gestimmt . Er hatte im Spiel verloren , er hatte eine Erscheinung gehabt und litt an Kopfschmerz , Weltschmerz und allgemeiner Körperschwäche . Matt sank er in einen Sessel zwischen seiner Mutter und der Mutter Lyddas , zum großen Verdruß der Jungfrau , von welcher er sich so weit , wie irgend schicklich war , entfernt hielt . Der goldene Apfel hing so lose am Zweige , daß er dem Unvorsichtigen bei der leisesten Berührung auf die Nase gefallen wäre , und Leon von Poppen hielt etwas auf seine Nase , obgleich sie weder zu den griechischen noch zu den römischen gehörte . » Wie ist es mit der Madonna , Herr von Poppen ? « fragte Lydda . » Ah , gnädiges Fräulein - richtig , Madonna nach Murillo , gestochen von Theresa del Po - ich erinnere mich ! Ich hoffe , das Blatt Ihnen verschaffen zu können ; aber - ah , wenn Sie wüßten , was mir alles auf der Seele liegt ! « » Armer Baron , Sie sehen in der Tat angegriffen aus « , sagte bedauernd die Mutter Lyddas . » O wenn Sie doch recht ernstlich den Weg suchen wollten , der zur süßesten Ruhe , zum himmlischsten Frieden führt . « Herr Leon schnitt nach innen eine gräßliche Grimasse , die sich nach außen durch einen kläglichen Seufzer kundgab . Der Teufel hole das Weib mit ihrer himmlischen Ruhe , ihrem ewigen Frieden , dachte er . Ich weiß wohl , was sie darunter versteht , aber ich danke . Laut sagte er : » O Gnädige , wenn Sie wüßten , welche Mühe ich mir gebe , den Weg zum Heil zu finden ! Vergangene Nacht träumte mir , ich sei der heilige Simon Stylites und stehe in Syrien auf einer achtzig Fuß hohen Säule ekstatisch auf einem Bein , balancez à vos dames . « Empört fuhr die gnädige Frau rauschend empor , Lydda stieß einen pfeifenden Zorneslaut aus , die Baronin starrte mit offenem Munde den Spötter an . » Komm , mein Kind « , rief Frau von Flöte , » wir wollen gehen ; der Herr Baron ist in zu scherzhafter Stimmung für uns . Arme Poppen , der Herr gebe auch Ihnen Kraft in allen Ihren Leiden ; Sie haben gleichfalls an Ihrem Herrn Sohn eine sehr schlechte Erziehung gemacht . Komm , Lydda . « Majestätisch segelten die beiden Damen aus der Tür , nachdem sie den unglücklichen Leon noch mit einer vollen Breitseite aus ihren heiligen Zorn sprühenden Augen bedacht hatten . Die Baronin wollte ihnen nacheilen ; aber ein Starrkrampf schien sie auf dem Diwan festzuhalten . Ihr Hündchen heulte kläglich , sie hatte sich beim Versuch , sich zu erheben , darauf gesetzt , und sie wog nicht wenig . Leon gähnte bedeutend und schritt mit gekreuzten Armen durch das Gemach . Den Sturm , der nun über ihn naturgemäß losbrechen mußte , abzuwenden , zu neutralisieren , ließ der Baron als geschickter junger Diplomat und Naturkundiger jetzt selbst ein kleines Gewitter los , ehe die Mama wieder zu Atem gekommen war . » Du hast mir das Leben gegeben , Mama « , sagte er tragisch , » ich lege es dir wieder zu Füßen . Mach mit mir , was du willst ; opfere mich auf jede beliebige Weise dahin , nur nicht durch diese schrecklichen Weiber . Die Kraft der menschlichen Natur hat leider ihre Grenzen , und ich verkünde hiemit feierlich , daß meine Kräfte zu Ende sind . Mama , das Leben und das Schicksal haben mich mager genug gemacht ; aber ein Skelett heirate ich darum doch nicht . Steh doch endlich auf , Mama , das Hundegeheul ist zu widerlich ! Armer Azor , ja winsele nur , aber das Geschick lastet nicht schwerer auf dir als auf mir ; ich wollte , ich könnte mit dir tauschen . « Die Baronin schluchzte krampfhaft in ihr Taschentuch : » Leon , Leon , was war das ? O Leon , was hast du getan ? O du bist unerträglich ! « » Vraiment , maman , ganz einverstanden ; aber auch du ein wenig . Komm her , Azor . Armes Tier - ganz platt - platt gedrückt , wie ich selbst . « » Du hast die Damen aufs tödlichste beleidigt . Weißt du , daß du das getan hast ? « Leon zuckte die Achseln . » Sie meinten es so gut mit dir . « » Danke , ich meine es ebenso mit ihnen . « » Sie können dir deine Karriere vollständig verderben ; sie sind so einflußreich . « » Besser ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende , sagte irgend jemand , welcher damit das Richtige traf . « » O Leon , Leon ! « » O Mama , Mama ! « » Du bist doch sonst immer ein gutes Kind gewesen ! « » Ich hoffe es auch ferner zu bleiben ; aber ich habe nicht den geringsten Sinn für das Studium der Anatomie . « » Solch ein schönes Vermögen ! « » Ach , das Gold ist nur Schimäre . « » Solch ein liebenswürdiger Charakter ! « » Alle Götter der Oberwelt und der Unterwelt ruf ich an , daß sie einen andern - meinen schlimmsten Feind - damit beglücken mögen . « » Leon , du wirst bald genug einsehen , was du heute abend verloren hast . « » Fünfzig Friedrichsdor und mein Herz « , murmelte das » gute Kind « , doch so , daß die Mama nicht verstand , was es sagte . Der Baron hatte nicht Lust , das unerquickliche Gespräch länger fortzusetzen ; er schellte und überließ die tränenüberströmte Mutter den Tröstungen und der Sorgfalt der lieblichen Elise . Leise schlich er fort und ließ sich von dem Esel , dem Baptiste , zu seinen eigenen Gemächern im obern Stock leuchten . Hier , wo von den Wänden aus goldenen Rahmen die berühmtesten Tänzerinnen in allerlei gewagten Stellungen , leichtverhüllt , auf ihn herabschauten ; wo bronzene Tiergruppen von ihren Konsolen aus ihren Herrn an die Freuden des Sports erinnerten ; wo ein wirres Durcheinander aller möglichen und unmöglichen Gegenstände Tisch und Stuhl bedeckte , hier warf sich Leon von Poppen auf ein Lotterbett und machte es sich immer klarer , daß er rasend verliebt sei in - Helene Wienand , den reizenden Zögling der » unberechenbaren « Tante Juliane . Das war ihm heute ungemein klargeworden , und zwar auf merkwürdig einfache Weise , ohne dramatische Zufälle irgendwelcher Art. Am hellen nüchternen Tage , zwei Stunden nach dem Diner , war an dem eigentümlichen Gewächs , welches der Baron sein Herz nannte , diese neue Blüte aufgesprungen , die nun inmitten mancher verwelkten andern sehr buntfarbig und mit etwas sonderbarem Duft prangte . Sehr oft war Leon mit Helene zusammengetroffen , ohne auf das kleine unscheinbare Mädchen zu achten . Sehr oft war im Kreise der Genossen die Rede von der Tochter des Bankiers gewesen , und der Baron hatte mit den andern die gewöhnlichen Bemerkungen und Witze darüber gemacht ; - nun hatte Amor Fleck getroffen , und der goldbefiederte Pfeil zitterte in der Wunde . Hinter dem Stamm einer Linde auf der Promenade hervor hatte der geflügelte Taugenichts gezielt . Unter der Linde hielt das Coupé des Bankiers , und im Vorbeigehen hatte Leon den Papa Wienand mit seiner Tochter aus dem Wagen steigen sehen . Solide war alles an dem Geldmann : untadelhaft seine Erscheinung , untadelhaft seine Equipage und die beiden Rappen sowie der bärtige Kutscher . Über alle Beschreibung aber war die Gestalt Helenes auf dem Wagentritt und das Füßchen , welches sie im Niedersteigen zeigen mußte . Es kam über Leon von Popken gleich einer Offenbarung ; hier war alles , was das Herz wünschen konnte - Schönheit , Reichtum , vornehmes Wesen , Geschmack und Bildung . Wie der Kastellan von Coucy drückte der Freiherr von Poppen die Hand auf das Herz ; er grüßte tief und achtungsvoll , und verbindlich erwiderte der Bankier den Gruß , als er seine Tochter die Allee hinabführte . Wie festgewurzelt stand Leon noch einige Augenblicke . Bin ich denn blind gewesen ? dachte er . Sind wir alle blind gewesen ? Zum Teufel , ihr Herren von der Garde , ihr Herren vom diplomatischen Korps , ich verbitte mir in Zukunft alle Lazzis über diese junge Dame . Per Bacco , allesamt sind wir mit Blindheit geschlagen gewesen . Beflügelten Schrittes eilte der Baron von dannen , aber nun trat ihm allmählich allerlei vor die Seele , welches seine Gehobenheit beeinträchtigte . Die Tante Juliane stieg geisterhaft drohend aus dem Boden und erhob den Krückstock ; auch an Lydda von Flöte dachte Leon von Poppen und schauderte . Die Bekannten , welche ihn zum Spieltisch zogen , hatten Grund , sich über seine Zerstreutheit zu wundern . Wir wissen , in welcher Stimmung der Erbherr des Poppenhofes aus dem Café de l ' Europe in die mütterliche Behausung heimkehrte und wie er den Sperling aus der Hand fliegen ließ , der Taube auf dem Dache wegen . In den wunderlichsten Verrenkungen und Lagen überlegte der Baron auf seinem Sofa seine Aussichten ; aber wenn er sich auch auf den Kopf gestellt oder eine noch ungewöhnlichere Stellung angenommen hätte , seine Gedanken würden dadurch nicht klarer , seine Anschauungen nicht ruhiger geworden sein . Er fand keine Ruhe in seinen vier Wänden . Wiederum schlich er aus dem Hause , abermals nach dem Café de l ' Europe . Letzteres war wenigstens der Wienandschen Wohnung gegenüber gelegen , und er konnte von hier dann und wann einen Blick auf die erleuchteten Fenster gegenüber werfen , bis das Licht nach elf Uhr erlosch und das große Gebäude in Dunkelheit versank . Leon von Poppen wurde wieder sehr aufgeregt und heiter in dem Kreise jüngerer und älterer Sünder , welche das bekannte Etablissement allnächtlich mit ihrer Gegenwart beehrten . Er war ungemein geistreich und witzig , aber ein ganz klein wenig weniger frivol als gewöhnlich . Man stellte die Vermutung auf , Fräulein Lydda von Flöte habe endlich - nachgegeben ; man ließ es nicht an ironischen Glückwünschen fehlen . Leon ließ alles über sich ergehen ; er lachte mit den Lachenden und parierte mit großem Glück manch gutgezielten Stoß , der boshaft gegen ihn geführt wurde . Er war wie in einem leichten Rausch und tat alles , diesen Rausch zu erhöhen . Je näher die Mitternacht kam , desto nervöser wurde er , desto eigentümlicher wurde seine Stimmung . Seit der Nacht , in welcher Eva Dornbluth durchbrannte , hatte er so etwas nicht gefühlt . Dem berühmten Kaffeehause gegenüber saß der Bankier in seinem Kontor nach dem Garten hinaus vor dem Hauptbuch . Er hatte die Faust auf den gewaltigen Folianten gelegt ; sein Auge blitzte Triumph . Es war eine Freude , dem breitschultrigen Mann in das charakteristische Gesicht , die eisernen , energischen Züge zu schauen . Man sah auf den ersten Blick , daß dieser Mann einen langen , mühevollen Weg voll viel Schweiß und Arbeit zurückgelegt hatte und sich nun dem Gipfel nahe fühlte . Sein Haar war grau , gefurcht die Stirn , manche Sorge war über dies Haupt hingegangen ; aber es hatte sich nicht gebeugt - - Triumph ! Sechzehntes Kapitel Viel Schutt und Trümmer fallen auf Helene Wienands Gärtchen sowie in den Hof von Nummer zwölf in der Musikantengasse Mitternacht ! Dunkelheit auf Erden ! Ein heftiger Wind blies seit einigen Tagen , Herbstahnungen bringend , über die Stadt ; aber droben am Himmelsgewölbe gingen die Sterne ruhig ihren Gang , und wie ihr Lauf bestimmt war , so waren auch die Geschicke der Menschen bestimmt , eins durch das andere , alle durch den mächtigen Willen , welcher darüber » regiert « und welcher ad libitum den einen zum Atheisten , den andern zum Akosmisten macht . Zwischen Tag und Nacht laufen sich die Menschen zu Tode wie die Maus in der Rolle ; o Mitternacht , wie feierlich und ernst klingt dein dröhnender Fußtritt ins Ohr - ein neuer Tag ! - und noch immer will das Rad nicht zur Ruhe kommen . Lauf , lauf , arme Maus ! Mitternacht ! Der Polizeischreiber Fiebiger hatte einen Tag voll drängender , häßlicher Arbeit zurückgelegt ; der Jammer der Menschheit war ihm fast an die Kehle gestiegen und hatte ihm den Atem bis zum Ersticken geraubt . Nun lag er auf seinem harten Lager und wehrte sich wieder einmal gegen die Gebilde des Tages , welche ihn bis in den Schlummer verfolgten , gegen die Geister der großen Foliobände , die noch viel , viel inhaltvoller waren als die Folianten im Arbeitszimmer des Bankiers Wienand , obgleich auch in den Zahlen der letzteren für das Auge des Kenners , des Eingeweihten manch ergreifender Bericht über menschliches Glück oder Unglück niedergelegt war . Robert Wolf lag wachend ; er hatte sich halb aufgerichtet , indem er sich auf den Ellbogen stützte , und blickte durch die Risse im alten Fenstervorhang nach den Sternen , vor welchen der Wind die Wolken herjagte . Vor einem Jahre noch hatte er den Septemberwind durch die Bäume des Winzelwaldes rauschen gehört . Wie anders war alles seit den Tagen geworden ! Der Jüngling blickte nach denselben Gestirnen , welche der Sternseher Heinrich Ulex in der nämlichen Stunde durch seinen Tubus beobachtete . Sie hatten beide das Recht zu wachen , der Forscher wie der Jüngling , jeder hatte Rätsel in sich und außer sich zu lösen . Die Liebe ist auch eine Wissenschaft , ein Streben , Forschen , Suchen nach dem Wahren , die Wissenschaft ist auch Liebe ; beide blicken empor im Streben und Suchen und Sehnen - beide blicken nach den Sternen . Aber der Wind ballte die Wolken immer mehr zusammen und jagte sie in immer schwärzern Massen vor die Sterne . Der Forscher schob sein Rohr zusammen und strich über die heiße Stirn ; der Bankier Wienand schloß das schwere Hauptbuch und schrob die Lampe nieder ; auch ihm fielen die Augen zu ; der Polizeischreiber murmelte ängstlich im Schlaf : » Da , da , haltet ihn - zu spät - schickt nach dem Henker . « Stern auf Stern verschwand am Firmament , erregt und schmerzlich beängstigt , beobachtete Robert , wie die Finsternis ein blitzendes Licht nach dem andern auslöschte . Die späten Schwärmer im Café de l ' Europe wurden allmählich immer stiller ; sie gähnten in den Kissen der türkischen Diwans , streckten die Beine immer weiter von sich und bliesen immer apathischer den Rauch der feinen Zigarren von sich . Der Kellner war im Winkel eingeschlafen . Mitternacht ! Noch stand der Sternseher am offenen Fenster und atmete das wilde , aber nicht kalte Wehen ein ; er lauschte den zwölf Schlägen , die eine Uhr nach der andern bis in weite Ferne wie ein Echo aufnahm und wiederholte . Robert schob den Vorhang ganz zurück ; kein Stern , nicht das winzigste Fünkchen war mehr zu erblicken am Himmel und auf Erden . Das Sausen in den Lüften wurde immer stärker , es fuhr durch die Höfe , um die Ecken , es fing sich in den Winkeln , umtanzte die Wetterfahnen , klapperte mit den Ziegeln , neckisch , mutwillig und leichtfertig , doch nicht boshaft . Nun schlief der Bankier bereits sicher und fest ; er war ein starker Mann , und wenn er sein Hauptbuch geschlossen hatte , so waren die Sorgen selten so kühn , sich an sein Kopfkissen zu wagen ; Herz und Hirn waren bei ihm aus gleich fester Masse , sie waren beide aus dem Kitt geformt , welcher die Gesellschaft zusammenhält . Leon von Poppen hatte wieder einmal die magern Arme auf die Marmorplatte des Tisches im Café de l ' Europe gelegt und den Kopf , der ein ganz anderes Gehirn als das des Bankiers barg , auf die Arme . Er schlief einen ähnlichen Schlaf wie der abgejagte Garçon in der Ecke . Ein Uhr ! Es kam Robert Wolf ein Gedanke an den fernen Bruder , an Eva Dornbluth aus dem Kantorhaus zu Poppenhagen . Er dachte an beide jetzt nicht mehr mit dem fieberhaften Groll früherer Tage . Wo mochten sie jetzt weilen ? Wie mochte es ihnen gehen ? Unendliche Räume überflog der Gedanke . Ein Uhr und ein Viertel ! Schwer fing es endlich an , sich auf die Augenlider des Jünglings herabzusenken ; der Schlaf wollte den Sieg über die unruhige Seele gewinnen . Der alte Ulex schloß sein Fenster ; es verflossen noch fünf Minuten . Da ging plötzlich in der Ferne nicht sehr fern von dem Garten des Bankiers Wienand , neben dem hohen Schornstein und Fabrikgebäude , welche den Astronomen allnächtlich ärgerten , ein Leuchten auf , wie der Schein einer Laterne , und zitterte einige Augenblicke an einer Hauswand , ohne daß Ulex viel darauf achtete . Es verschwand , um gleich darauf von neuem und stärker emporzuzucken . Es erregte bald die ganze Aufmerksamkeit des Alten . Nun glitt der Schein an den Fenstern einer andern Hauswand empor , nun fiel plötzlich ein feuriges Licht über die weiße Statue der Hebe neben der Holunderlaube - ein Schrei klang in der Ferne ; - es zuckte ein Flämmchen über ein Dach , leckend und züngelnd . Dem Flämmchen aber nach brach die Flamme , hellodernd , blutigrot , gefräßig-gierig in der vollen Pracht ihrer furchtbaren Majestät - Feuer ! Feuer ! » Feuer ! Feuer ! « rief der Sternseher in den Hof von Sankt Nikolaus hinab , und in der Tiefe wiederholten Männer- und Weiberstimmen den unheilvollen Schrei . Sturmgeläut , Hörner und Trommeln ließen sich in der Ferne vernehmen ; denn damals löschte man Brände noch nicht im tiefsten Schweigen wie heute . Auch auf dem Hofe von Nummer zwölf der Musikantengasse wurde es lebendig , Lichter erschienen in der Wohnung der Familie Tellering ; hervor stürzten der Schreiner und sein Sohn , die blanken Äxte über der Schulter . Von seinem Lager fuhr der Polizeischreiber Fiebiger auf ; Robert hatte die Kleider bereits in aller Hast übergeworfen . Der rote Schein fiel jetzt schon drohend in die Hinterfenster des Hauses des Partikuliers Mäuseler . Wie jedes andere schlafende Haus überkam auch die Nummer zwölf der Musikantengasse der furchtbarste Schrecken bei dem plötzlichen Alarm , und es zeigte sich , daß Leute , die durchaus nicht im Rufe standen , Kopf zu haben , ihn dessenungeachtet verlieren konnten . Bei blitzschnell hereinbrechender Not und Verwirrung zeigt sich am besten , was der Mensch ist und was er kann . Julius Schminkert , der diesmal ausnahmsweise sich vor Mitternacht im Bett befunden hatte , bewies sich in seiner ganzen Größe . Er hatte durchaus nichts von Wert zu verlieren ; so fuhr er denn in Hosen und Rock , kaltblütig und besonnen , und benutzte jede Gelegenheit , sich dem Gemeinwohl des Hauses zu widmen , aufs beste . Um den Schreiber und seinen albernen Jungen bekümmerte er sich nicht ; er hörte ihren gestiefelten Schritt eilig hinter der Wand neben seinem Gemach und wußte , daß beide seiner nicht bedurften . Der erste , welchem er seine Energie widmete , war der halbtote Hausherr , der Rentier Mäuseler . Besinnungslos irrte der Biedermann auf seinem Vorplatze umher , in flanellenen Unterhosen und halbangezogenem Schlafrock , den Tabakskasten unter dem linken Arm , den Waschnapf in der rechten Hand . Merkwürdigerweise bezwang der darstellende Künstler seine Lust , dem Trübsalsbilde den Waschnapf aus der Hand zu nehmen und den Inhalt desselben über das ehrwürdige Haupt des ehrenwerten Bürgers zu gießen , vollständig , bemächtigte sich dafür aber ebenso vollständig alles dessen , was vom Rentier noch übrig war , und benutzte die Gelegenheit , um sich für seine lärmenden Dienstleistungen den Erlaß der rückständigen Miete eidlich versprechen zu lassen . Die Kassette mit den Wertpapieren des Hausherrn unter dem einen Arm , den Hausherrn selbst unter dem andern , die halbohnmächtige Madam Krieg am Rockschoß nachschleifend , stieg Julius zur Wohnung des Fräulein Aurora Pogge hernieder und erschien kühl lächelnd inmitten angstvollen mausehaften Umherlaufens und durchdringendsten Gekreisches und Gepiepes von Katze , Herrin und Dienerin . Alle Türen waren geöffnet , der Fußboden aller Gemächer , der Vorplatz wie die Treppe bereits bedeckt mit Plunder aller Art , welchen die unglücklichen Frauenzimmer in ihrer Ratlosigkeit aufgegriffen und umhergestreut hatten . In dem jungfräulichen Gemache Auroras setzte der Schauspieler den Rentier auf dem grünen Sofa unter dem Bilde des seligen Proviantkommissärs nieder ; und trotz ihrer Verstörtheit besaß Aurora noch schämige Kraft genug , den verwegenen Julius an den Haaren aus ihrem Schlafgemach zu ziehen , in welches er ungebeten seine vorwitzige , unheilige Nase steckte . Der Mime warf der erzürnten Schönen eine Kußhand zu , wies mit einer andern Handbewegung auf den ächzenden Hausherrn und schwebte aus dem Gemache . Hier hatte er nichts mehr zu tun , und beflügelten Schrittes eilte er die Treppe hinunter , getrieben von der süßen Hoffnung , sich der holden Angelika und ihrem Vater nützlich und angenehm zu machen . Wann hätte er eine günstigere Gelegenheit dazu finden können ? Auf den ersten Stufen der Treppe stieß sein Fuß an ein in blauen Samt gebundenes Buch , auf dessen Deckel zwei Tauben am Fuße eines Kreuzes sich schnäbelten . Er hob es auf , warf einen Blick hinein und stieß , scheu über die Schulter sehend , einen Ruf des Entzückens hervor . Er hatte ein Manuskript gefunden , von dessen Existenz