ist eine sonderbare alte Frau , sagte der Doctor . Sehen Sie , wie schön der Mond sich dort über den Waldrand erhebt , und wie duftig der Nebel über den Wiesen liegt ! - eine sonderbare Frau . Ich erinnere mich jetzt , daß sie mir auch sonst schon aufgefallen ist , sie sieht aus wie - nun , wie nur gleich ? Wie eine alte , alte Frau aus irgend einem Grimm ' schen Märchen , die sich gelegentlich in die allerschönste Prinzeß von der Welt verwandelt . Ja , ganz recht , sie hat ein wunderbares Feuer in ihren eingesunkenen Augen . Es ist einem , als ob das alte Gesicht nur eine Maske für eine noch immer jugendliche Psyche sei . So ist es auch , sagte Oswald , und er erzählte dem Doctor die sonderbare Unterhaltung , die er mit Mutter Clausen gestern Morgen auf der Haide gehabt , und wie ihm die Rede der alten Frau so natürlich und wahr erschienen sei , wie der Gesang der Haidelerche , und welchen widerwärtigen Eindruck hernach die Predigt des eitlen Pastors auf ihn gemacht habe . Ja , ja , sagte der Doctor , Goethe ' s Wort bleibt ewig wahr : Es ärgert die Menschen , daß die Wahrheit so einfach ist . Um den Leuten weiß zu machen , sie sei ein wunder wie großes Wunder , behängen sie dieselbe mit allerlei bunten Fetzen und Lappen , und führen sie dann in Prozession umher . Solche Menschen aber , wie unsere Alte da , lesen nur ein Capitel in dem großen Buche des Alls , aber sie lesen wieder und immer wieder , sechzig , siebzig Jahre lang , bis sie es auswendig wissen . Und da das Ganze ja doch aus einem Geiste geschrieben ist , so kommen sie schließlich weiter , wie die große Heerde der Halb-Viertel- und Achtel-Gebildeten , die in unruhiger Hast das Buch von vorn bis hinten und wieder zurück durchblättern , überall etwas heraus klauben und am Ende denn doch so klug oder so dumm bleiben , wie sie im Anfang waren . Ja wohl , sagte Oswald , ein lebendiger Beweis für die Richtigkeit Ihrer Bemerkung ist zum Beispiel die Baronin von Grenwitz . Was hat diese Frau nicht alles gelesen : deutsch , französisch , englisch , schwedisch ; Heiliges und Profanes , die besten und die dümmsten Bücher . Einmal treffe ich sie über Rousseau ' s Confessions , das andere Mal über einem Romane von Van der Velde ; heute liest sie Schleiermachers Reden über Religion und morgen die letzte Schauergeschichte von Dumas oder Eugen Sue - sie urtheilt in einzelnen Dingen vollkommen richtig ; aber so wie die Rede auf die summa arcana , die höchsten Geheimnisse des menschlichen Denkens kommt , oder so wie sie auch nur die Menge einzelner richtiger Beobachtungen in einem allgemeinen Satze formuliren soll , beginnt sie zu faseln und bringt so alberne , abgedroschene , aristokratische Gemeinplätze zu Tage , daß einem Hören und Sehen vergeht . Diese Disposition der gnädigen Frau kann , deucht mir , gerade nicht zur Erhöhung der Annehmlichkeit Ihrer Stellung in Grenwitz beitragen , bemerkte der Doctor . Allerdings , sagte Oswald leichthin ; ich suche indessen diesen Zusatz von Wermuth dadurch abzuschwächen , daß ich den philosophischen Expectorationen der Dame so viel als möglich ausweiche , und mich überhaupt in meinem Verhältnisse zu der übrigen Familie auf das Nothwendige beschränke . Sollten Sie die Grenzen , die Sie sich dabei im Interesse Ihrer Zeit und Ihrer guten Laune ziehen zu müssen glaubten , nicht etwas zu eng gesteckt haben ? sagte der Doctor , die Asche seiner Cigarre an der Lehne des Wagens abklopfend . Wie das ? fragte Oswald nicht ohne einige Verwunderung . Sie verzeihen meine Indiscretion , sagte der Andere , sich noch etwas mehr zu Oswald herüber wendend , und ihn mit seinen hellen , klugen Augen voll ansehend . Sie wissen , daß wir Aerzte , wir mögen wollen oder nicht , zu der leidigen Rolle des Vertrauten in allen Familien , wo wir ein- und ausgehen , verdammt werden . Auf einem oder dem anderen Punkte hängt schließlich alles mit der physischen Natur , die wir zu controliren haben , zusammen , und so kommt denn nach und nach auch Alles vor unser Forum , selbst solche Dinge , die vor jedes andere eher zu gehören scheinen , als vor das ärztliche . Und wenn die Sache schließlich in gar keinem Zusammenhange mit der Diätetik des Leibes und der Seele steht , so denken die Leute : hast du ihm so viel gesagt , kannst du ihm das auch noch sagen . So konnte denn auch heute die Baronin die Bemerkung nicht unterdrücken - ich bin hier nicht darauf aus , Ihnen etwas Schmeichelhaftes oder Unangenehmes zu sagen , sondern einen Wink zu geben , den Sie beachtet oder unbeachtet lassen mögen , wie es Ihnen gut erscheint , - daß also Sie , der Sie die Gabe angenehmer Unterhaltung - ich brauche hier die Worte der Baronin - in einem so hohen Grade besäßen , und sich in den Formen des Umgangs mit solcher Leichtigkeit bewegten , es verschmähten , von diesen Gaben den rechten Gebrauch zu machen , was um so mehr zu bedauern wäre , als durch diese Zurückhaltung - ich spreche immer noch in den Worten der Baronin - Malte , der nun einmal ein häuslicher Knabe sei und sich im Schooße der Familie am wohlsten fühle , um einen Theil der Vortheile käme , die er aus Ihrer Gesellschaft und aus dem intimen Verhältnisse mit Ihnen ziehen könnte und ziehen würde . Es ist doch sonderbar , sagte Oswald nach einer kleinen Pause , welch ' sonderbare Käuze wir Adamskinder sind . Das , was Sie mir da sagen , hab ' ich mir schon mehr als einmal gesagt ; habe mir gesagt , daß , nachdem ich mich einmal dazu verstanden habe , dem Wohle einer Familie meine Zeit und meine Kraft zu verkaufen , ich mich auch wohl zu anderen Concessionen würde verstehen müssen - und jetzt , da ich dasselbe von Ihnen höre , berührt es mich doch unangenehm ... Aber seien Sie versichert , daß ich wahrlich nicht Ihnen , daß ich einzig und allein mir zürne , und zwar deshalb zürne , weil mich ein in so freundlicher Absicht ertheilter Wink auch nur einen Augenblick stutzig machen konnte . Ich war gewiß , sagte der Doctor , daß ich es mit einem Manne zu thun hatte , der die Spreu vom Weizen zu sondern weiß ; wäre ich das nicht gewesen , seien Sie überzeugt , ich hätte geschwiegen . Wiederum trat eine Pause in dem Gespräch der jungen Männer ein ; der Doctor bereute im Stillen , daß ihm seine Gutmüthigkeit , wie schon so oft , das undankbare Geschäft des ungebetenen Rathgebers aufgenöthigt hatte ; Oswald verfolgte den in ihm angeregten Gedanken und schien ganz vergessen zu haben , daß die hohen Stämme der Tannen sehr schnell an ihm vorüberglitten und die raschen Pferde des Doctors den Weg zwischen Grenwitz und Berkow fast schon zurückgelegt hatten . Er fuhr erschrocken in die Höhe , als er rechts vom Wege durch die Zweige ein Licht schimmern sah . Er wußte , es kam aus dem Fenster der Försterwohnung von Berkow . Auf der entgegengesetzten Seite führte ein schmaler Pfad zu der Lichtung im Walde , auf der Melitta ' s Eremitage stand . An derselben Stelle des Weges , an der sie eben jetzt anlangten , hatte ihn gestern der Wagen des Barons erwartet . Bitte , lassen Sie hier halten , sagte er hastig zum Doctor . Ich sehe zu meinem Schrecken , daß wir beinahe bis Berkow gekommen sind . Es ist die höchste Zeit , daß ich zurückkehre . Der Wagen hielt ; Oswald stieg aus . Ich hoffe , sagte er , dem Doctor die Hand reichend , daß dies nicht die einzige und nicht die längste Strecke gewesen ist , die wir auf unserem Lebenswege zusammen fahren oder gehen werden . Ich hoffe und wünsche dasselbe , antwortete der Andere , es scheint mir , als ob wir in unserm Denken und Fühlen manches Gemeinsame haben , und einer wahlverwandten Natur zu begegnen , ist ein viel zu kostbares Glück , als daß man es leicht verscherzen dürfte . Jedenfalls komme ich bald wieder in diese Gegend . Leben Sie wohl indessen . Der Wagen rollte davon , bald verhallte der Hufschlag in der Ferne ; das Licht in der Försterwohnung erlosch - Oswald war allein mit der Nacht und dem Schweigen . Und alsbald trat das Bild Melitta ' s vor seine Seele und glitt vor ihm her den schmalen Waldpfad entlang , auf dem er jetzt heimlich und leise , wie ein Wilddieb , hinschritt . Da trat er hinaus auf die Lichtung , und blieb erschrocken , wie wenn ein Blitz an seiner Seite eingeschlagen hätte , stehen - aus dem Fenster der Eremitage schimmerte Licht ! Melitta , die er auf dem Schlosse glaubte , war hier , hier - fünfzig Schritte von ihm entfernt - er brauchte nur über den Wiesenteppich zu gehen und die paar Stufen der Treppe zu ersteigen - - die Thür zu öffnen - Oswald lehnte an dem Stamm der Buche , sein wild schlagendes Herz ein wenig zu beruhigen . Und wenn ihn hier Jemand sähe , wenn er Melitta ' s Ruf leichtsinnig auf ' s Spiel setzte ! Athemlos horchte er in die dunkle Nacht hinein . Nichts vernahm er , als die wunderlichen geheimnißvollen Stimmen , die man am Tage niemals hört , und die mit der Nacht geboren werden : ein Raunen und Flüstern oben in den Zweigen , ein Rascheln und Knistern in dem trocknen Laub am Boden - das dumpfe Gebell eines Hundes drüben aus dem nahen Dorfe . Ein Nachtaar kam auf seinem wirren Fluge bis dicht an sein Gesicht geflattert und schoß dann wieder davon . Sonst rings umher tiefe drückende Stille . Da schlug ein dumpfer , drohender Laut an sein Ohr . Er kam aus der breiten Brust von Melitta ' s Dogge , die vor dem Eingange der Eremitage Wache hielt . Der treue Wächter mußte die Nähe eines Fremden gespürt haben , denn er erhob sich , sprang die Treppe hinab und umkreiste das Haus , wie ein Schäferhund seine Hürde . Bonceur , rief Oswald leise , als das Thier in seine Nähe kam , ici ! Das kluge Thier stutzte bei dem wohlbekannten Ruf , den es so oft aus seiner Herrin Munde vernommen , und kam , Oswald erkennend , in raschen Sprüngen auf ihn zu , und legte ihm als Willkomm die mächtigen Tatzen auf Brust und Schulter . So , sagte Oswald , das schöne Thier streichelnd : so , Bonceur , Du erlaubst also , daß ich zu Deiner Herrin gehe ? Komm ? Den Hund an den zottigen , langen Haaren festhaltend , schritt Oswald über die Wiese . Auf der Treppe übertönten die Tatzen Bonceurs den leichten Schritt Oswald ' s ; so schlich er sich auf der Galerie , die sich um das Häuschen zog , hin , bis er an das Fenster kam . Das Fenster stand auf , durch den venetianischen Epheu hindurch , mit dem es dicht berankt war , sah Oswald hinein in das Zimmer . Auf dem Tisch brannte eine Lampe , deren Glocke mit einem rothen Schleier bedeckt war , so daß der Venus heiliges Bild in dem warmen Licht wie lebend erschien . Zu den Füßen des Bildes saß Melitta , Oswald halb das Gesicht zukehrend an dem Tische . Sie hatte ein Buch vor sich aufgeschlagen , aber offenbar las sie nicht ; die feine Hand , auf die sie den Kopf stützte , in dem dunklen reichen Haar begraben , schien sie in tiefe Träumereien versunken . Ein unaussprechlich rührender Ausdruck , halb von thränenreicher Schwermuth , und halb von unaussprechlicher Seligkeit lag auf ihren reinen , kindlich weichen Zügen . Oswald vermochte es kaum über sich , das einzig schöne Bild , das sich ihm in dem Rahmen des kleinen Fensters zeigte , zu zerstören . Endlich nannte er leise ihren Namen . Melitta hob den Kopf in die Höhe und die großen Augen auf das Fenster heftend , lauschte sie einen Moment . Aber dann lächelte sie wehmüthig , als wollte sie sagen : es war nur ein Traum und stützte das Haupt wieder in die Hand . Melitta , ich bin ' s. - Diesmal hatte sie es nicht geträumt . Mit einem Freudenschrei fuhr sie empor , nach der Thür , Oswald entgegen - sie schlang ihren Arm um seinen Hals , preßte ihre glühenden Lippen wieder und wieder auf seinen Mund , sie legte ihren Kopf an seine Brust - sie schaute durch Thränen lächelnd zu ihm auf : Sieh , Oswald , ich dachte nur eben an Dich ! ich dachte : wenn er Dich liebt , so wird , so muß er heute kommen , und kommt er nicht , liebt er Dich nicht . Oswald , nicht wahr , Du liebst mich ? nicht , wie ich Dich liebe , aber doch ein wenig , nicht wahr , mein Oswald ? Sprachlos vor Rührung und Seligkeit umschlang Oswald das geliebte Weib . Melitta , Du bist so grenzenlos gut und schön , daß , wer Dich liebt , Dich grenzenlos lieben muß ! Vor der Thür der Eremitage , auf einer Strohdecke , den riesigen Kopf zwischen den Vordertatzen , liegt Boncoeur . Die schnelle Bewegung seiner Ohren , sobald ein Geräusch aus dem Walde herübertönt , zeigt , daß er gute Wache hält . Er würde den , der es wagte , in dies Heiligthum der Liebe zu dringen , zerreißen . Zweiundzwanzigstes Capitel Es waren seit diesem Abend einige Tage verflossen . Bemperlein war mit Julius nach Grünwald abgereist und hatte von dort aus schon an Melitta und an Oswald geschrieben , der Ersteren , um zu melden , daß sein Zögling in der sehr liebenswürdigen Familie eines Beamten , der zwei Söhne fast in demselben Alter , wie Julius habe , glücklich untergebracht sei ; an Oswald , daß er eine höchst interessante Unterredung mit dem Professor Berger gehabt habe , deren Inhalt er seinem neuen Freunde mittheilen wolle , wenn er in nächster Woche nach Berkow zurückkäme , um definitiv Abschied zu nehmen . Nur so viel wolle er sagen , daß er in seinem Entschlusse fester als je sei und kaum die Zeit erwarten könne , sich Hals über Kopf in seine neuen Studien zu stürzen . Den Tag nach Herrn Bemperlein ' s Abreise war der Geometer von Grünwald in Grenwitz angekommen , aber nur ein paar Stunden geblieben , um mit dem Baron und der Baronin zu conferiren , und dann nach dem zweiten Gute , das vermessen werden sollte , gefahren , wo er für ' s Erste sein Wigwam aufschlagen müßte , wie er zu Oswald sagte . Oswald hatte in dem Geometer einen sehr lebhaften , witzigen und , wie es schien , sehr belesenen und vielfach gebildeten , noch jungen Mann kennen gelernt , und er freute sich , diese Bekanntschaft fortsetzen zu können , da Herr Timm in kurzer Zeit nach Grenwitz kommen mußte , um die Karten und Pläne zu zeichnen . Schon waren von der stets weit vorausschauenden Baronin zwei Zimmer in demselben Flügel des Schlosses , in welchem Oswald wohnte , für ihn bestimmt und schicklich eingerichtet . Auf den Sonntag waren die Herrschaften von Grenwitz nebst Herrn Doctor Stein zu Herrn von Barnewitz , dem Vetter Melitta ' s eingeladen . Oswald hatte große Lust gehabt , diese Einladung rundweg auszuschlagen , und hatte sich nur auf Melitta ' s Zureden bewegen lassen , von der Partie zu sein . Was soll ich dort ? hatte er zu Melitta gesagt , man ladet mich nur ein , entweder , weil es an Tänzern fehlt , oder , um dem alten Baron eine Höflichkeit zu erweisen , in keinem Fall um meiner selbst willen . Ich werde in der Gesellschaft wie ein Mohikaner unter den Irokesen , wie ein Spion im Lager angesehen werden . Ich kenne den Adel . Der Adelige ist nur höflich und liebenswürdig gegen den Bürgerlichen , so lange er mit ihm allein ist ; sind mehrere Adelige bei einander , so fließen sie zusammen wie Quecksilber und kehren gegen den Bürgerlichen den esprit de corps heraus . Ich sage Dir , Melitta , ich kenne die Adeligen und hasse die Adeligen . Aber Du liebst doch mich , Oswald , und ich gehöre doch auch zu der verfehmten Klasse . Leider , sagte Oswald , und es ist das der einzige Fehler , Du Holde , den ich an Dir habe entdecken können . Aber dann bist Du so engelgut und lieb , und da gehst Du durch diesen Schwefelpfuhl , ohne auch nur den Saum Deines Gewandes zu beflecken . Und so sehr Du auch im Vergleich mit diesen eiteln , dummen Pfauen gewinnen mußt , so fürchte ich doch , daß von dem feurigen Haß , den ich gegen die ganze Sippschaft habe , unversehens auch ein Funken auf Dich spritzen könnte . Jetzt bist Du mir eine Königin , eine Chatelaine , die aus ihrem Schloß sich weggestohlen hat , den Herzallerliebsten flüchtig zu umarmen , und ich vergesse Deinen Rang , Deine Hoheit hier in dieser traulichen Waldeinsamkeit , Du bist mir nur das geliebte , angebetete Weib , die Krone der Schöpfung , bist , was Du mir auch im Gewande der Bettlerin sein würdest - dort aber im kerzenhellen Saale , umgeben von Deinen Granden , von Allen gehuldigt und gefeiert , kann ich meine Augen vor dem Glanze nicht verschließen , und werde schmerzlich daran erinnert werden , daß ich aus meiner Niedrigkeit nicht hätte wagen sollen , sie zu solcher Höhe zu erheben . Sieh , Oswald , sagte Melitta , und ihre Augen ruhten fest in den seinen ; ist das nun gut von Dir ? Spottest Du nicht meiner , indem Du so sprichst ? Höre ich es nicht in dem herben Ton Deiner Stimme , sehe ich es nicht an dem unruhigen Blitzen Deiner Augen , das so seltsam mit ihrem sonstigen tiefen , klaren Licht contrastirt , daß Du recht wohl fühlst , wie Du kraft Deines Geistes , kraft Deiner stolzen männlichen Schönheit und Stärke unter uns Andern einherschreitest , wie der geborene Herrscher ? - Ich habe mich Dir ergeben mit Leib und Seele , Du bist mein Herr und Gebieter , ich würde mich selbst Deiner tollsten Laune willig fügen , ich würde von Dir das Bitterste ertragen , von Deiner Hand würde mir der Tod nicht grausig sein - aber weshalb auch nur einen Tropfen Wermuth in den Kelch der Liebe mischen , aus dem ich mit so vollen , durstigen Zügen schlürfe . Oswald , spotte meiner nicht ! Ich spotte Deiner nicht , Melitta ; ich bin von Deiner Liebe überzeugt , trotz dem , daß ich sie wenig genug verdiene ; ich weiß , daß Deine Liebe demüthig ist , wie es die Liebe ist , die Alles duldet und Alles glaubt , und nimmer aufhören wird - aber sieh , Du Theure , das ist ja eben der Fluch dieser verruchten Institutionen , daß sie Haß und Zwietracht und Mißtrauen säen in die Herzen der Menschen , selbst in solche Herzen , die von Gott für einander geschaffen scheinen . Und dieser giftige Samen wuchert auf und überwuchert der Liebe rothe Rosen . Ich schelte Dich nicht , daß dem so ist , ich schelte überhaupt keinen Einzelnen , der ja , ohne es vielleicht zu wissen , unter dieser naturwidrigen Trennung ebenso leidet wie ich . Aber daß dem so ist , davon sei überzeugt . Nie wird der Katholik in dem Protestanten , der Adelige in dem Bürgerlichen , nie der Christ in dem Juden und umgekehrt wahrhaft seines Gleichen sehen - seinen Bruder ! Nathan ' s frommer Wunsch , daß es dem Menschen doch endlich genügen möge , ein Mensch zu sein , ist noch lange nicht erfüllt . Wer weiß , ob er in Jahrhunderten erfüllt sein , ob er sich auch nur jemals erfüllen wird . Und bis dahin , sagte Melitta in ihrem gewöhnlichen schalkischen Ton , Oswald das Haar aus der Stirn streichend , bis dahin , Du träumerischer Träumer und unverbesserlicher Weltverbesserer , wollen wir die kurzen Augenblicke genießen , und deshalb mußt Du morgen nach Barnewitz kommen . Bitte , bitte , lieber Oswald , ich will auch nur mit Dir sprechen , nur mit Dir tanzen - ich muß in diese eine Gesellschaft gehen , um das Recht zu gewinnen , zehn andere auszuschlagen , in denen ich - mich weniger frei fühlen würde , wie gerade in dieser . Und ohne Dich habe ich nicht den geringsten Genuß davon , im Gegentheil , ich werde traurig sein , wie ein Vögelchen , das man der Freiheit beraubt und in ein enges Bauer gesteckt hat . Wenn Du aber da bist , liebes Herz , so will ich fröhlich sein , und tanzen und - singen - nein , singen nicht , aber hübsch will ich sein - sehr hübsch , und Alles Dir zu Ehren ; soll ich weiß gehen ? mit einer Camelie im Haar , oder einer Rose ? Du hast mir noch gar nicht gesagt , wie Du mich am liebsten siehst ? Gott , welch ' hölzerner Ritter Du bist . Am nächsten Tage , es war ein Sonntag , Nachmittags um fünf Uhr , hielt der Staatswagen vor dem Portale des Schlosses in Grenwitz . Die schwerfälligen Braunen hatten das beste Geschirr mit den neusilbernen Beschlägen aufgelegt bekommen ; der schweigsame Kutscher hatte sich seine Galalivrée angezogen , der Baron den schwarzen Frack , in dessen Knopfloch das Band des Ordens , den er bei irgend einer geheimnißvollen Gelegenheit von irgend einem der deutschen Duodezfürsten bekommen hatte , und die Baronin selbst ausnahmsweise eine Toilette gemacht , die sie denn doch nur fünf Jahre älter erscheinen ließ , als sie wirklich war . Nachdem der nöthige Ballast von Mänteln und Shawls für die Rückfahrt eingenommen war , und die Baronin noch einmal vom Wagen aus Mademoiselle Marguerite , die , wie es Oswald schien , viel lieber mitgefahren wäre , feierlich mit der Würde einer Castellanin belehnt und ein kurzes Examen von zehn Minuten angestellt hatte , um zu prüfen , ob die hübsche kleine Französin auch noch alle die Verhaltungsmaßregeln für gewisse , genau stipulierte Fälle ordentlich im Kopfe habe - setzte sich das Fuhrwerk mit demjenigen Tempo in Bewegung , welches dieser feierlichen Gelegenheit , dem Temperament der Braunen und den Grundsätzen des schweigsamen Kutschers entsprach . Als sie unter der Brücke wegfuhren , brachte Bruno , der Malten und ein paar Bauernknaben , die im Garten Unkraut gäteten , hier postirt hatte , den Davonziehenden ein solennes dreimaliges Hurrah , ein Einfall , der selbst die Lippen der Baronin zu einem Lächeln zu bewegen vermochte . Ueberhaupt war diese Dame , wahrscheinlich , um sich auf die Gesellschaft vorzubereiten , heute in der besten und mittheilsamsten Stimmung . Sie fand das Wetter herrlich , nur ein wenig zu warm , den Weg vortrefflich , nur ein wenig zu staubig ; sie freute sich schon auf die Abendkühle beim Heimwege , nur fürchtete sie , daß sich bis zu der Zeit ein Gewitter zusammengezogen haben würde , da ihr eine Wolke am westlichen Horizont ein sehr verdächtiges Aussehen zu haben schien . Darauf wurde die Frage erörtert , ob Fräulein Marguerite , wenn wirklich ein Gewitter ausbrechen sollte - ein Fall , für den sie keine Instructionen hatte - wohl die Fenster in den Gesellschaftsräumen im obern Stock schließen lassen und überhaupt ihre Schuldigkeit thun würde . Da es nicht möglich war , eine Stimmenmehrheit zu erzielen , indem die Baronin die aufgeworfene Frage entschieden verneinte , Oswald sie eben so entschieden bejahte , und der alte Baron sich keine bestimmte Ansicht zu bilden vermochte , so gab man die Debatte über diesen Punkt auf und ging zur Erörterung des nicht weniger wichtigen Problems über , ob sich der Graf Grieben von seinem akuten Rheumatismus wohl so weit erholt haben würde , um an dem heutigen Zauberfest in Barnewitz Theil zu nehmen , oder nicht . Von dem Rheumatismus des Grafen Grieben kam man dann auf die Gicht des Barons von Trantow und von dieser ganz allmälig in jenen Familienklatsch , von welchem Oswald behauptete , daß er unter dem hohen und höchsten Adel eben so im Schwunge sei , wie bei Gevatter Schneider und Handschuhmacher , nur daß man dort über von Hinz und von Kunz und hier schlechtweg über Hinz und Kunz spräche . Oswald hatte sonst die Gewohnheit , sobald das Gespräch auf das beliebte Thema kam , nicht länger aufzumerken , und er hatte es in dieser wichtigen Kunst , zu hören und doch nicht zu hören , während der kurzen Zeit seines Aufenthalts in Grenwitz schon zu einer bedeutenden Fertigkeit gebracht ; heute aber , da er die Persönlichkeit , von denen er schon so oft vernommen hatte , selber sehen sollte , war die Sache nicht mehr ganz so uninteressant für ihn , wie sonst , um so weniger , als Melitta ' s Namen zu wiederholten Malen genannt wurde . Er erfuhr bei dieser Gelegenheit , daß Herr von Barnewitz und Melitta Geschwisterkinder wären , Melitta ' s Vater , der Bruder des alten Herrn von Barnewitz , welcher Herrn Bemperlein die Pfarre zugedacht hatte , Officier in schwedischen Diensten gewesen , als solcher die Feldzüge gegen Napoleon mitgemacht und bald nach der Vermählung Melitta ' s mit Herrn von Berkow gestorben sei . Uebrigens weißt Du , Grenwitz , sagte die Baronin , Melitta wird heute nicht da sein . Oswald horchte hoch auf . Woher weißt Du das , liebe Anna-Maria ? entgegnete der Baron . Ich habe mir von dem Bedienten die Einladungsliste geben lassen , wie ich das immer thue , um zu wissen , wen man denn finden wird , und sie sorgfältig durchgelesen . Frau von Berkow war nicht darauf verzeichnet . Das wird ein Versehen gewesen sein . Ich glaube nicht ; Du weißt , Melitta und ihre Cousine sind gerade nicht die größten Freundinnen ; es wäre nicht das erste Mal , daß man Melitta übergangen hätte ; aber dafür wird eine andere merkwürdige Persönlichkeit zu finden sein ; rathe einmal , Grenwitz . Der Fürst von P. , sagte der alte Baron halb erschrocken , und bedauerte schon heimlich , nicht den Orden selbst und bloß das Ordensband angelegt zu haben , doch nicht der Fürst von P. ? Nein ! Rathen Sie einmal , Herr Doctor . Der Mann aus dem Monde ? Eine beinahe nicht weniger merkwürdige Person : der Baron Oldenburg ; sein Name stand , wie es sich gehört , auf der Liste gleich nach unserem Namen . Die Oldenburgs sind ein alter Adel ? fragte Oswald , der den Sinn jener Reihenfolge schon vermuthete . Die Oldenburgs sind nach den Grenwitzen ' s der älteste Adel hier im Lande , sagte die Baronin mit einem unendlichen Selbstgefühl . Die Grenwitzen ' s können ihren Stammbaum bis in den Anfang des zwölften Jahrhunderts verfolgen , die Oldenburg ' s sind erst aus dem Ende des dreizehnten Jahrhunderts , wo Adalbert , der Stammvater des Geschlechts , von dem Kaiser zum Reichsbaron erhoben wurde . Woher der Name Oldenburg ? fragte Oswald . Den Oldenburgs fehlt bloß die Legitimität , um heut zu Tage so gut souverän zu sein , wie viele Andere , die ursprünglich auch nur reichsfrei waren , wie wir . Und was macht den Baron , abgesehen von seiner erlauchten Abstammung , zu einer so merkwürdigen Persönlichkeit ? fragte Oswald . Die Baronin kam durch diese Frage einigermaßen in Verlegenheit . Das , was in ihren Augen vor allem merkwürdig am Baron erschien , nämlich seine souveräne Verachtung gegen Rang und Stand , sein sarkastisches , höhnisches Wesen seinen Standesgenossen gegenüber , deren Verehrung vor seinem altehrwürdigen Adel dadurch manchmal auf eine harte Probe gestellt wurde - dieser merkwürdige , ja in ihren Augen geradezu unnatürliche Zug eignete sich nicht zum Gegenstand der Unterhaltung mit einem Bürgerlichen . Sie begnügte sich also mit der vieldeutigen Antwort : Der Baron hat über die meisten Dinge die sonderbarsten Ansichten von der Welt , so daß man manchmal wirklich für seinen Verstand bange wird . In diesem Augenblicke kam ein Reiter im Galopp aus einem Seitenwege heraus und parirte sein Pferd vor dem vorbeifahrenden Wagen . Es war ein junger Mann mit hübschem , braunem Gesicht , dem ein blonder Schnurrbart sehr gut stand . Ah , gnädige Frau , Herr Baron - freue mich unendlich , rief er , den Hut ziehend und an den Wagenschlag heranreitend - habe in einer Ewigkeit nicht das Vergnügen gehabt - Das kommt daher , mon cher , sagte die Barnnin mit holdestem Lächeln , weil Sie sich seit einer Ewigkeit nicht bei uns auf Grenwitz sehen ließen . Ah , sehr gütig , gnä-ge Fra ' , sehr gütig ; gnä-ge Fra ' hatten noch nicht die Gnade , mich mit dem Herrn bekannt zu machen - Baron Felix ? nicht wahr ? fuhr der Dandy fort , den Hut gegen Oswald lüftend . Herr Doctor Stein , sagte die Baronin , der Erzieher meines Sohnes - Herr von Cloten - Ah , ah , in der That , sagte Herr von Cloten ,