ein großes Genie , ein musikalisches , ein poetisches - was weiß ich ! Aber Geld und Genie haben mit dem Salonleben gar nichts zu schaffen ; denn das beruht auf der Tradition von gutem Ton , und den kann man nicht kaufen und auch nicht durch Genie erwerben . Daher kommen ganz falsche Elemente in dasselbe , und es wird in die Höhe geschraubt zu wahnwitzigem Luxus und zu einer lächerlichen Vergötterung des Geistreichen , des Genialen . Warum ? - um mit Juden zu rivalisieren . Die Welt ist höchst einfältig ! sind solche Leute salonfähig , so werden sie auch nächstens politische Gleichberechtigung begehren und Allianzen mit unseren Familien für möglich halten , was denn freilich mit Florentins Glückseligkeitstheorien übereinstimmt , vor denen uns Gott behüte . « » Die Juden unserer Tage kommen mir wie die Freigelassenen im alten Rom vor , « sagte Uriel . » Eben aus der Sklaverei entronnen , häufig voll Talent und Verstand , ohne Heimat , fremd im Staatsbürgertum trotz ihrer Freilassung , rächten sie sich , zum Teil unbewußt und unabsichtlich , für die Tyrannei , die auf ihren früheren Verhältnissen drückte , und für die halbe Gunst , die ihnen in den neuen zu teil wurde und die ihrem erwachten Ehrgeiz nicht genügte , indem sie Zustände zu zersetzen und zu zerstören suchten , welche auf einem ihnen feindlichen Prinzip beruhten . Ihr ränkevoller Verstand , ihre Schlauheit , um tausend Mittel und Wege zum Ziel ausfindig zu machen , ihre ungezügelte Gier nach Einfluß und Genuß , ihre Talente , die sich leicht da entwickeln , wo auf die Entwicklung gediegener Vorzüge und sittlicher Tugend nicht viel Zeit und Mühe verwendet wird , warfen ein furchtbares Gewicht der Demoralisation in die sinkende Schale des alten Roms und halfen es reif machen zum Untergang vor den Barbaren . Und so kommen mir in unseren Tagen die Juden vor , diese Freigelassenen einer Civilisation , welche ihnen Rechte einräumt , ohne sie als gleichberechtigt zu betrachten und ihnen eine unvollständige Ebenbürtigkeit zuweist , die ihnen nicht zukommt , weil sie , als Nichtchristen , auch nicht verwachsen sind mit den Traditionen der christlichen Vergangenheit . Ihre Traditionen sind so , daß sie uns hassen müssen ; nicht individuell , aber in unserem Prinzip . Denn wir sind die Anhänger und Nachfolger des Gottes , den sie gekreuzigt haben . Diese Kreuzigung setzen sie fort , so viel an ihnen ist , indem sie die Lehre vom Kreuze zu vernichten suchen . In der Literatur und Journalistik , in den schönen Künsten und Wissenschaften wimmelt es von Juden , die zum Teil mit Genie und Talent , zum Teil mit frecher Unwissenheit , jeder in anderer Weise , das Christentum zersetzen , verfälschen , benagen , ignorieren , verleumden , verhöhnen , mit einem Wort : das Ihre tun , um es zu beseitigen . « » Aber wer glaubt ihnen ? « fragte Regina . » Nicht als Glaubenslehrer treten sie auf , « entgegnete Uriel . » Das tief Antichristliche ihrer Weltanschauung , das sie auf ihrem Standpunkt haben müssen , kleiden sie in das blendende Gewand , welches ihr Talent webt und die große Menge , der überhaupt nichts ferner liegt , als einen christlichen Maßstab an die Erscheinungen auf dem großen Markt des Lebens zu legen , bewundert alles , was amüsant , pikant , frappant und brillant ist , kümmert sich nicht darum , ob eine objektive Wahrheit die Flamme ist , an der sich diese Lichter entzünden , sondern betrachtet sie selbst als Wahrheit , bloß deshalb , weil sie glänzen , und bildet sich allmählig zu den Ansichten und Urteilen um , die sie , hauptsächlich wegen der Darstellungsart , so sehr bewundert . Wie einst Voltaire die gröbsten Lügen und frechsten Verleumdungen mit gewandtem Wort und leichtem Witz vorbrachte , wütenden Beifall fand und den verderblichsten Einfluß übte , weil die große Menge es für eine Art von Schmach gehalten hätte , ein solches Genie nicht zu bewundern , und für eine Unmöglichkeit , daß ein solches Genie nicht Wahrheit und Recht auf seiner Seite habe : so ist es auch jetzt bei einer Menge von Voltaire ' s im kleinen Stil , die keineswegs lauter Juden sind , aber mit ihnen das Antichristliche gemein haben . Darauf beruht die Größe vieler Sommitäten der Gegenwart : sie sind das , was man so unmäßig überschätzt , sie sind geistreich in jener oberflächlichen Weise , welche dem Durchschnittsmaß der Menge entspricht - und weil sie es sind , läßt man sich die geistige Falschmünzerei gefallen , die sie treiben , indem sie Falsches oder Verkehrtes und Halbwahres mit dem Gepräge ihres Geistes als Wahrheit stempeln und in der Welt in Kurs setzen . « » Also überwiegt wohl gar das Antichristliche das Christliche in der Welt ? « fragte Regina . » In dem , was man im engeren Sinne die Welt nennt , ganz entschieden ! « sagte Uriel ; » und zwar so sehr , daß sie meint , es sei ihr Recht und das Christentum habe draußen zu sitzen in beliebigen Kirchen und Bethäusern , wo es frequentiert werden könne von unwissenden , ungebildeten , geistlosen Leuten , von Scheinheiligen und Betschwestern männlichen und weiblichen Geschlechtes . Wer seinen Fuß in einen Salon setze , müsse auf dessen Schwelle in das Antichristentum , d.h. in die Vergötterung des Irdischen verfallen und dessen Kodex zur Richtschnur wählen : also die Gesetze der Selbstsucht und der Leidenschaften befolgen , welche dem Individuum zur Entfaltung seiner Ansprüche und zum Ziel seiner Bestrebungen verhelfen . « Regina legte ihren Rosenstrauß auf den Tisch , zog ihre Handschuhe aus und sagte ernst : » Lieber Vater , Du kannst mir unmöglich zumuten , meinen Fuß in einen Salon zu setzen . Ich bin Christin und will es immer und überall sein - in der Gesellschaft wie zu Hause . Auf die Weltvergötterung lasse ich mich nicht ein . « Der Graf , der mit seiner prinzipienlosen Oberflächlichkeit immer nach der Laune des Augenblickes oder nach persönlichem Wohlgefallen oder Mißfallen urteilte , war höchst verdrießlich , eine Erörterung hervorgerufen zu haben , die ihn langweilte und die Regina ernsthaft nehmen wollte . » Welche Torheit , Regina ! welcher Professorenton , Uriel ! « rief er unmutig . » Ich spreche von dem Bankier Miranes , den sein kolossaler Reichtum und seine schöne Tochter salonfähig macht , und davon nimmt Uriel Veranlassung , sich auf den Katheder zu schwingen und gegen das Weltverderbnis Moralpredigten zu halten , und Regina glaubt ihm plötzlich , wie einem Evangelisten . « » Ich habe Uriels Wahrhaftigkeit nie bezweifelt , « sagte Regina , » und da ich weiß , daß der Mensch ein gefallener Geist ist , so leuchtet es mir sehr ein , was Uriel eben sagte , daß nämlich in einer Welt , die von Christus nichts wissen will , Götzen herrschen müssen , die man nicht anbeten darf . « » Kind , nimm die Dinge nicht so langweilig gründlich ! « sagte der Graf immer verdrießlicher . » Du wirst die Gesellschaft doch nicht reformieren . Der Salon ist keine Kirche und soll keine sein ; und wie die Menschen im Salon beschaffen sind - das geht Dich ebenso wenig an , als wie sie auf der Straße beschaffen sind . Du sollst mit ihnen sprechen und tanzen : - basta . « » Ich glaube gar nicht , daß Du viel von meiner Wahrhaftigkeit hältst , Regina , « unterbrach Uriel die Strafrede ; » denn wenn ich sage : nimm Deinen Rosenstrauß wieder in die Hand , dann siehst Du aus wie die Aurora von Guido Reni - wirst Du mir glauben ? « » Ich werde glauben , « antwortete sie lächelnd , » daß Du wahrhaft in das Antichristentum , wie Du es charakterisiert hast , verfallen bist . « » Sieh , Regina , « sagte der Graf freundlich , » so ist es recht . So mußt Du sprechen , so mußt Du antworten . Glatt wie ein Aal , munter wie eine Lerche , das ist charmant und ist eine gute Ballstimmung . « Die Schule , welche Regina bei ihrem Vater durchmachen mußte , war ihr eine Vorübung für das Leben in der Gesellschaft : dort wie hier eine beständige Selbstverleugnung ihrer tiefsten Neigungen . - Man war gespannt , Regina auf einem Ball zu sehen . Nicht bloß die junge Männerwelt ; das versteht sich von selbst ! auch die Frauen waren wenigstens neugierig . Der Ruf ihrer Schönheit brachte das mit sich . Aber sie war von einer so seelenvollen Schönheit und dabei so einfach und unbefangen , so ganz ohne Ansprüche , daß ihre Liebenswürdigkeit gleichsam ihre Schönheit in Schatten stellte . » Sie sieht gar nicht interessant aus , « sagte ein junger Mann , dem die Überzeugung aus den Augen schaute , daß er selbst mit seinen dunkeln Locken und seinem marmorfarbenen Antlitz interessant aussehe wie Lord Byrons » Corsar « . » Sie sieht aus wie ein harmloses Kind , « sagte ein anderer , ein großer Herzenseroberer ; und erwog bei sich selbst , ob es der Mühe wert sei , diese Eroberung zu versuchen . » Sie sieht aus wie die persische Anahid , « sagte ein Dritter , ein ungemein belesener Jüngling . Da natürlich kein Mensch wußte , wer die persische Anahid sei , so setzte er zur Erklärung hinzu : Ihre Schönheit zog zwei Engel vom Himmel herab , die ihr von Liebe sprachen . Aber Anahid hörte nicht darauf , sondern ließ sich von den Engeln das geheimnisvolle Wort nennen , das in den Himmel zurückführte . Und als die Engel es genannt hatten , sprach Anahid es aus , schwebte vor ihren Augen in den Himmel hinein und wurde in den Morgenstern versetzt , während die Engel mit goldenen Ketten an den Füßen in einem Brunnen zu Bagdad aufgehängt wurden bis zum jüngsten Tage . « » Was die alten Chinesen sich doch für Unsinn ausdachten , « sagte ein Vierter , der einzige , welcher die Anahids-Sage zu Ende gehört hatte , dessen Kenntnis vom Orient sich aber auf China beschränkte , wegen des Opiumkrieges und des chinesischen Tees . Der belesene Jüngling war so betreten über diese Bemerkung seines einzigen Zuhörers , daß er sich mit kalter Verachtung von ihm wegwendete . Wie würde er triumphiert haben , wenn er gewußt hätte , daß wirklich etwas von Anahids Himmelssehnsucht in Regina sei ! - Ein Fünfter hatte inzwischen bedachtsam geäußert : » Wenn sie auf der Goldwage der Schönheit nicht besteht , so ist es mit dem Vermögen auch nicht anders . Es soll alles zum Majorat gehören . « » Ist nicht wahrscheinlich ! Graf Windeck ist ein sehr guter Wirt , und hat gewiß gesorgt für seine Töchter . « » Ja , in der Weise , daß er sie beide mit seinen Neffen verheiratet . « » Und dann ist ja auch noch eine steinreiche Großmama in irgend einem alten Schlosse des Odenwaldes vorhanden , die freilich in zweiter Ehe vermählt , aber kinderlos ist . « » Welch eine gründliche Kenntnis der Windecker Vermögensverhältnisse ! « » Tritt man die Winterkampagne eines Karnevals an , « lautete die Antwort , » so muß man sich gehörig orientieren , um nicht falscher Fährte zu folgen . Zuweilen sind die Aushängeschilder ungeheuer prahlend und doch steckt nichts Solides und Reelles dahinter . Wo es Majorate gibt , steht ' s nie brillant mit den Töchtern ; es sei denn , daß die Mutter eine Erbtochter oder sonst sehr reich sei , was aber hier nicht der Fall war . « » Nun und die schöne spanische Donna , die eben jetzt neben der Gräfin Windeck steht , wie die Sternennacht neben dem Frühlingstag , um mich poetisch auszudrücken , bauen ihre spanischen Dublonen eine goldene Brücke über die Kluft der Alliance mit einer Jüdin ? « » Es ist etwas mysteriös mit dieser Familie , « erwiderte der Bedachtsame . » Der Papa soll ein rasender Spekulant sein , und Mutter und Tochter sollen in London das Mosaische Gesetz verlassen und sich einer der dort wimmelnden Sekten angeschlossen haben . Vielleicht ist dies aber nur ein Gerücht , wie tausend andere ! und vielleicht breiteten sie selbst es aus , um mit weniger Schwierigkeit in der haute volée eine Partie für die Tochter zu finden , die wegen ihrer Schönheit freilich dahin gehört . « » Das ist richtig : sie macht alle übrigen Damen tot , diese Judith ; aber sie hat ein Etwas , als ob sie auch allenfalls einem Holofernes den Kopf abschneiden könnte . « » Mais , mon cher ! wie können Sie solche gewagte Urteile in die Welt hineinschleudern . Den Kopf abschneiden ! ich bitte Sie , wie wäre das möglich in der hypereleganten Gesellschaft unserer Tage . « » Daß diese hyperelegante Gesellschaft auch eine schauderhafte Kehrseite hat , ist uns allen im vorigen Sommer bei den gräßlichen Scenen im Hotel de Praslin2 in Paris wohl recht klar vor Augen getreten . Übrigens haben Sie ganz recht : man muß dergleichen zu vergessen suchen und möglichst wenig davon reden . « Ungeteilten Beifall fand Regina nur in der Damenwelt ; ja , diese bemühte sich , sie recht hervor zu heben , um dadurch indirekt Judith herab zu drücken , die von den meisten Männern unmäßig bewundert wurde . Sie ließ sich bewundern , äußerlich ganz gleichgiltig , innerlich mit stolzer Selbstgefälligkeit , als etwas , das ihr zukam . Nur dann , wenn sie sehr lebhaft sich unterhielt , was äußerst selten geschah , verschwand ihr schwermütiger Ausdruck ; ihr Ernst nie . Nie stieg ihr Lächeln bis in ihre Augen hinauf ! es blieb auf den Lippen ruhen , während aus Regina ' s seelenvollem Auge ein freundliches Lächeln , gleichsam ein inneres Licht , nie verschwand . Graf Windeck hörte außerordentlich viel Schönes über seine liebliche Tochter , was er in Judiths Stil aufnahm . Uriel fühlte sich mehr und mehr von dem Zauberbann gefangen , den sie so ganz absichtslos durch ihr Sein und Wesen um ihn wob . Spräche sie nur anders , oder blickte sie nur anders , oder ginge und stände sie anders - ach ! oder wäre sie nur etwas anders - seufzte er heimlich : so könnte man durch eines dieser Tore ihr entrinnen ; aber jetzt , da alles in ihr und an ihr harmonische Vollkommenheit ist , jetzt ist es eine Unmöglichkeit . Er konnte nicht nur Judith nicht bewundern , sondern nicht einmal begreifen , daß andere sie bewunderten : so aufrichtig war er durch Regina bezaubert . Wie alle hienieden , ging denn auch dieser Ball vorüber . Um zwei Uhr Nachts schöpfte Regina Atem in ihrem stillen Zimmer und versenkte sich zur Erholung ihrer Seele in die andächtige Betrachtung des Gnadenhimmels , der diese Schein- und Flitterwelt überwölbt und dessen Gestirne die heiligen fünf Wunden des gekreuzigten Gottes sind . Und Dich über dem Tand vergessen , sagte sie halblaut und schaute auf ihr Kruzifix , das nennt die Welt Freuden ; und an Dir vorüber gehen und nach buntem Staube greifen , das nennt sie Glück ; und Dich und Dein Kreuz und Deine Nachfolge verschmähen , das nennt sie Vernunft ; und alles lieben , was Du nicht bist , das nennt sie Liebe . O welch eine schauerliche Abwendung von ihrem Ziel ! Und das soll auch ich verfolgen lernen ? ! Dein bin ich ! hilf mir ! rief sie und Ströme von Tränen stürzten aus ihren Augen , die wie friedliche Sterne über die Unruhe der Welt hinwegschauten , und zu Füßen des Kruzifixes schmiegte sie sich nieder und gelobte wieder und wieder ihre ungeteilte Liebe demjenigen , der mit dieser Liebe ihr armes Herz begnadet hatte . Am Morgen war sie pünktlich in der Siebenuhrmesse , als hätte sie die ganze Nacht , wie Corona , den Schlaf der Gerechten geschlafen . - - - - - - - - - - - - - - » Nun wie gefällt Ihnen mein quasi Phönix ? « sagte Ernest nach einiger Zeit zu Judith . » Gehört die Gräfin Regina zu Ihren sentimentalen Komtessen ? ist sie veilchenblau ? « » Nein ! sie ist lilienweiß , « antwortete Judith . » Sie sind merkwürdig gescheit ! « rief er . » Weil ich Ihren quasi Phönix richtig taxiere ? « fragte sie spöttisch . » O , « sagte Ernest gelassen , » dazu sind Sie trotz all Ihrer Gescheitheit nicht im Stande . Ich bewundere nur , daß Sie so bereitwillig Ausnahmen machen und so bezeichnende Ausdrücke wählen . « » Kann man durch Klugheit glücklich werden ? « fragte sie . » Mittelbar , ja ! wenn wir die Klugheit anwenden , um zur Selbsterkenntnis zu kommen , d.h. zur Einsicht unserer Unvollkommenheit und unseres Mangels an Tugend , woraus dann Demut entspringt , und Demut ist die Wurzel aller Vortrefflichkeit , also auch des wahren Glückes . Aber unmittelbar und allein durch Klugheit ist noch nie ein Mensch glücklich geworden und die Welt , die doch mancherlei Kuriosa erlebt , wird doch das nimmermehr erleben . « » Wozu dienen uns denn Geistesgaben , wenn sie uns nicht glücklich machen ? « » Fräulein Judith , Sie tun Fragen , die mehr als wunderlich sind ! Wenden Sie Ihre Geistes- und sonstigen Gaben so an , wie es der Absicht des lieben Gottes entspricht , der sie Ihnen verlieh , nämlich zu seiner Ehre und zum Heil Ihrer Seele , dann werden Sie schon erkennen , wozu Verstand und Talente dienen . Wenn Sie sich aber einbilden , daß Sie durch ein paar kluge Urteile , oder durch Ihren Nixengesang , oder durch Ihre Kopie der Sibylla persica mit beiden Füßen in die Glückseligkeit nur so hinein springen können , so irren Sie sich heftig . Unsere Glückseligkeit hienieden hält gleichen Schritt mit unserer Opferseligkeit und beruht nicht darauf , was wir in irdischer Weise besitzen , sondern darauf , was wir uns mit allem , was unser ist , zu einem lebendigen Brandopfer machen , dessen Altar unser Herz ist und dessen Flamme unsere Liebe zu Gott ist . Der Liebe wird man nie überdrüßig . Warum nicht ? Weil eine übernatürliche Kraft , die Gnade , sie nährt ; und hat der Mensch sein Genügen in seiner Liebe , so ist er glückselig . « Es war nun einmal seine Art , zu allen Menschen zu sprechen , als wären sie eben so gläubige Christen als er . Er betrachtete sie immer als das , was sie ursprünglich sind : berufen zur Erkenntnis der Wahrheit , und behandelte sie als solche , denen nur momentan die Wahrheit verschleiert ist . Dadurch sind sie schon konfus genug , pflegte er mitleidig zu sagen ; ich meinesteils will wenigstens nicht ihre Konfusion vermehren , indem ich auf ihre Anschauungsweise eingehe , sondern will ihnen reinen Wein einschenken . » Kann der Mensch einen anderen Menschen so lieben , daß er sein Genügen in dieser Liebe finde ? « fragte Judith . » Nein , das ist ganz unmöglich , denn das wäre gegen seine Bestimmung . Gott hat ihn geschaffen zur ewigen Beseligung durch das höchste Gut , das Gott Selbst ist , also kann das Verlangen seiner Seele auch durch nichts Geringeres befriedigt werden . Hätte ich eine liebe Frau und ein halbes oder ganzes Dutzend liebe Kinder , meine Seele würde dennoch nach dem höchsten Gut schmachten , nur würde ich , in tausendfache Sorgen und Nöten verstrickt und durch tausend irdische Geschäfte in Anspruch genommen , vielleicht weniger dieser Sehnsucht Raum geben können und wollen ; was denn wahrlich weder ein Vorteil noch ein Trost für die arme Seele ist . Weil aber das Menschenherz die Beschaffenheit hat , daß es sich neigt zu seinesgleichen und die süße Lebensgemeinschaft , den innigen Zusammenhalt , die trauliche Tätigkeit für einen kleinen , besonderen , selbstgeschaffenen Kreis gar schwer entbehrt : so hat Gottes weise und zärtliche Vorsorge ihm eine Sphäre geöffnet , wo diese Neigung ihren Ruhepunkt findet , indem die freiwillig übernommenen Pflichten ihr zugleich Schranken und Würde geben und die Weihe des Sakramentes ihr den Gnadenbeistand zu Kraft , Beharrlichkeit und Selbstverläugnung bringt , deren sie so sehr bedarf . « » Wovon sprechen Sie denn eigentlich , Herr Ernest ? « fragte Judith gespannt . » Von der christlichen Ehe , Fräulein Judith . « » Von der Ehe ? - so ernsthaft feierlich ? - Sie haben doch immer Ihre ganz eigentümliche Art sich auszudrücken ! « » Von der christlichen Ehe , deren Bürde ohne die Gnade des Sakramentes für menschliche Schultern zu schwer ist - ja , von der spreche ich ! Die Welt spricht von ihr , wie sie ' s versteht ! Bald oberflächlich , bald schief . Für die jungen Damen ist die Ehe die Tür , durch welche sie ihren ersehnten Eintritt in die Gesellschaft machen , oder der Triumphbogen , durch den sie in das Königreich einer Liebe einziehen , welche der vielbesungenen Schönheit des Monats Mai darin ähnlich ist , daß sie nur in der Poesie existiert . Für die Mama ' s ist es eine Versorgungsanstalt der lieben Töchter . Für die jungen Herren ist sie ein Mittel , um Schulden zu bezahlen , um eine Karriere zu machen , um ein bequemes Leben zu führen , um sich anbeten zu lassen , und was dergleichen wichtige Gründe mehr sind , in welche denn allerdings auch etwas Neigung und die eigentümliche Entzündbarkeit des jugendlichen Herzens hineinspielen . « » Was Sie da sagen , ist ganz richtig und gar nicht übertrieben , « unterbrach ihn Judith . » Das habe ich schon mehrmals bei Anderen erlebt . « » Aber die Stellvertreterin Gottes hienieden , die heilige Kirche , betrachtet die Ehe anders « , fuhr Ernest fort , » nicht als eine Idylle , nicht als ein Fest der Herzen , sondern als eine heilige , unauflösliche Verbindung , bei der im Vorgrund die Übernahme strenger Verpflichtungen und schwerer Last , im Hintergrund das ernste und unter Tränen lächelnde Glück steht , welches durch herbe Kämpfe und vielfache Selbstverläugnung gegangen ist . Darum gibt sie der Ehe den Gnadenbeistand des Sakramentes , und unter diesem Schutz , mit dieser Weihe und dieser Hilfe ist es denn möglich , daß zwei Menschen sich mit dem Willen fortlieben , auch nachdem die Leidenschaft verrauscht und die Neigung verblüht ist . Ihr Genügen werden sie freilich nicht in dieser Liebe finden , aber sie werden lernen , sich zu begnügen , und da hiezu viel Resignation und Selbstüberwindung gehört , viel Opfermut und Hingebung an den göttlichen Willen : so können diese zwei Menschen in der Ehe ganz außerordentlich glücklich werden , weil sie , wie ich vorhin sagte , opferfreudig sind . Haben Sie mich verstanden , Fräulein Judith ? « » Ich habe verstanden , daß kein Mensch einen Menschen ganz glücklich machen kann . Aber ob Sie Recht haben , das weiß ich nicht . « » Wenn Sie mir nicht glauben wollen , Fräulein Judith , hätten Sie mich ja überhaupt nicht zu fragen brauchen ; « antwortete Ernest . » Ich sage das nicht meinetwegen , denn meine Überzeugungen werden dadurch nicht bestärkt oder geschwächt , daß Sie sie annehmen oder verwerfen . Allein Ihretwegen tut es mir leid , daß Sie kreuz und quer mit Fragen umherfahren , deren richtige Beantwortung Ihnen am Herzen liegt und überhaupt wichtig ist , und die Sie doch nicht einfach und kindlich annehmen . « » Haben Sie nie versucht , durch ein Menschenherz glücklich werden zu wollen ? « fragte Judith gleichmütig . » O ja ! « rief Ernest erheitert ; » aber mein Versuch scheiterte an einem schiefen Näschen . « » Woran ? « sagte Judith lächelnd . » Hören Sie nur ! es ist eine sehr lehrreiche Geschichte ! Als ich zum ersten Mal in Venedig und vierundzwanzig Jahr alt war , begegnete sie mir . Das ist so recht das Alter , in welchem das Menschenherz die Neigung hat , sich einem anderen Herzen anzuschmiegen und zu erschließen , und die Gegenwart mit allerlei darauf bezüglichen Hoffnungen zu schmücken , welche dann die Zukunft erfüllen soll . « » Herr Ernest ! « rief Judith zürnend , » welcher Barbar führt denn das Regiment über die menschlichen Geschicke , daß Sie in einen solchen Widerspruch geschleudert werden ! Das Herz ist nicht geschaffen , um sein Genügen in der Kreatur zu finden , und dennoch neigt es sich ihr zu ! « » Sie müssen hübsch aufpassen , Fräulein Judith , und nicht gleich wieder vergessen , was man Ihnen eben weitläufig expliziert hat : der Mensch hat nicht die Bestimmung , hienieden sein volles Genügen zu finden , wohl aber die : sich begnügen zu lernen in freiwilliger Beschränkung . Durst nach Glück ist das Prinzip seines Lebens ; dadurch und dafür entwickeln sich seine Kräfte . Die schönste und vollkommenste Form , in welcher ihm das Glück erscheint , ist die Liebe , weil sie das Leben bereichert , vervollständigt , verdoppelt , abrundet , also eine Fülle guter und süßer Gaben ihm bringt , die der zärtliche Vater im Himmel gern seinen Kindern auf Erden gönnt , ja dies Glück erhöht , indem er es heiligt . Ist das ein barbarisches Regiment ? Aber weiter ! Der Mensch lebt nicht für die kurze Spanne Zeit voll Wechsel trüber und froher Tage , sondern für ein ewiges Leben voll unendlicher , ungetrübter , wechselloser Seligkeit ; es muß also ein Etwas in ihm sein , das nach Unendlichem und Wechsellosem begehrt , und das sich unmöglich mit Vergänglichkeit und Schwankendem begnügen kann . Ist es barbarisch , der Seele eine Größe gegeben zu haben , welche durch die ganze Welt der Sinne und der Sichtbarkeit , der Gedanken und der Gefühle nicht ausgefüllt werden kann und zu der Gott durch den erhabenen Propheten Ihres Volkes spricht : Ich Selbst will dein übergroßer Lohn sein ! « » Sie werden doch zugeben , Herr Ernest , daß daraus ein beständiger Zwiespalt , ein quälender Kampf entspringt . Der Durst nach dem Ewigen und die Neigung zum Vergänglichen in ein und dasselbe Herz gepflanzt und beide mit berechtigten Ansprüchen , wie Sie selbst sagen , das muß den Menschen in ein Meer von Schmerzen , von Irrtum , von Täuschungen , ja von Verzweiflung stürzen . Denn er wird etwas ergreifen und als ungenügend fallen lassen ; und anderes ergreifen , aber als unvollkommen wegwerfen ; und abermals anderes ergreifen , und es wird ihm entschwinden wie Rauch und Schatten . Das kann kein Mensch aushalten ! Dabei geht er zu Grunde . « » Ganz richtig , Fräulein Judith , sobald dieser Mensch außerhalb des Christentums steht ; und da stehen leider ! gar manche , denen das heilige Sakrament der Taufe nicht gefehlt hat und die nun kläglich zu Grunde gehen im Strudel ihrer Leidenschaften , im Taumel ihrer Selbstsucht . Aber die christliche Offenbarung belehrt den Menschen über den Ursprung dieses tiefen Zwiespaltes , den jeder in seiner eigenen Brust empfindet und beweint : es ist der Sündenfall , die Abkehr von Gott , die geheimnisvolle Lust zum Bösen in der gefallenen menschlichen Natur . Lehrte die Offenbarung nur das , so dürfte man erst recht desperat werden ! Allein sie lehrt auch Mittel und Wege , um jenen Zwiespalt nicht sowohl zu tilgen , als vielmehr heilsam für uns zu machen . Mittel ist - das Blut Jesu , das für uns und über uns und in uns mit Gnadenströmen rinnt , und uns Licht gegen alle Verfinsterung , Waffen gegen alle Versuchungen bringt . Der Weg ist für jeden sein eigener Kampf . Jeder muß lernen , durch Selbstverläugnung die Eigenliebe , durch Selbstbeherrschung den unbändigen Willen , ich sage nicht : zu besiegen ; denn so weit bringt es unsereins nicht ! aber doch besiegen zu wollen . Wer diesen Kampf redlich beginnt , Fräulein Judith , der findet den Zwiespalt nicht so trostlos , als er Ihnen erscheint . Im Gegenteil ! er hat eine Art von heiliger Freude daran , wie der brave Soldat sich freut , in der Schlacht für seinen König sein Blut zu vergießen , wenn nur die gute Sache siege . Es ist herrlich , einen Menschen zu beobachten , der wider sich selbst für Gott kämpft . Das sind keine welterschütternde Schlachten , das Auge der Mit- und Nachwelt ruht nicht auf ihnen , kaum ahnt sie der eine oder der andere ; aber die ganze triumphierende Kirche schaut verklärten Angesichts diesen stillen Helden zu , die doch weiter nichts sind , als ein unbedeutender Mann , ein schwaches Weib , ein armer Jüngling , eine ringende Seele in irgend einer Hütte oder irgend einem Palast , wo sie sich wehren bis zu Tränen , bis auf ' s Blut , aber ohne Verzweiflung , gegen das Andringen ihrer übermächtigen Selbstliebe und ihres unbändigen verkehrten Willens . « » Mir graut vor solchem Kampfe ! « rief Judith . » Kann sein ! « erwiderte Ernest ; » aber Ihr Grauen würde sich steigern , wenn Sie sehen könnten , in welche Abgründe der Mensch versinkt , der ihn nicht führt , der hingegen nach seinen Gelüsten und Leidenschaften lebt , und ihnen keine andere Grenze und Schranke setzt , als die Stimmung des Augenblickes und irgend einen persönlichen Vorteil . Nein , nein , Fräulein Judith : die Unvollkommenheit aller Verhältnisse und aller Zustände