Streitberg mit der Scheurlin gewünschte Zusammenkunft zu veranstalten . Wie sehr auch die Hallerin wünschte , die beneidete und darum verhaßte Feindin zu demüthigen , so wollte sie sich doch erst lange nicht zu einer Vermittlerin hergeben , obwohl Weyspriach nichts von ihr verlangte , als daß sie Elisabeth mit andern Gästen zu sich lade und sie dann in ein abgelegenes Gemach locke , in dem ein von ihr verschmähter Liebhaber - der Ritter nannte absichtlich keinen Namen - sie ungestört treffen könne . Nur um einen Preis war sie bereit das zu thun : wenn sie eine , derjenigen Elisabeth ' s ganz gleiche Nadel erhalte , die sie nun , wo der König fort war , auch als ein Geschenk seiner Huld ausgeben , dadurch Elisabeth demüthigen und sich an ihr rächen könne - ja die Hallerin bestand entschieden darauf , nicht früher ihre hülfreiche Hand zu bieten , bis sie in den Besitz der Nadel gesetzt worden . Doppelt ungelegen war es darum den Rittern , durch die Antwort des Goldschmieds sich so hingehalten zu sehen . Als endlich die drei Wochen vorüber waren , sandten sie nächtlicher Weile ein paar ihrer Knappen mit der für die Nadel geforderten Summe zu Meister Dürer , und der Knappe mußte froh sein mit einer abschlägigen Antwort davon zu kommen . Nun war die Hülfe der Hallerin verwirkt - ja man mußte noch froh sein , wenn sie in ihrem Aerger nicht plauderte und den Ritter , der ihr durch ein Versprechen Hoffnungen erregt , die er nicht erfüllen konnte , in seinem Vorhaben zu stören suchte . Doch erhielt sie die Furcht , durch eine Mittheilung zum Nachtheil des Ritters zugleich sich selbst zu schaden , bei dem Vorsatz des Schweigens ; aber sie hoffte , daß sich eine Gelegenheit finden werde dem Ritter zu zeigen , daß man eine Nürnberger Patrizierin nicht ungestraft hintergehe , und wartete auf dieselbe . Vergessen würde sie die Täuschung nie . Indeß hatte Weyspriach wenig Neigung , für Eberhard von Streitberg noch fernere Schritte zu thun , und verwies diesen allein auf die Hülfe des Juden , als dieser wieder mit seiner Tochter auf seinem Hausirergange in das Schloß kam . Er schlug die alte Jacobea als Bundesgenossin vor , die mit Elisabeth ' s Amme in einem Hause wohnte ; aber man wollte dem Juden nicht allein trauen und behielt ihn so lange bei sich , bis Rachel nach Jacobea gesandt mit dieser zurückkam . So verhandelte man in der Gegenwart des Mädchens , das man seiner stillen Weise nach beinah ' nicht anders wie ein einfältiges , dem Vater blind gehorsames Kind betrachtete . Ja noch mehr ! Streitberg , der schon in Nürnberg doch so viel über die beiden Baubrüder erkundet hatte , um ihre Namen zu wissen , forderte sowohl von dem Juden als von Jacobea Rath und Mittel sich an ihnen zu rächen . Wie hätte ein Eberhard von Streitberg je den Schimpf mögen auf sich sitzen lassen , sich sein Schwert von den Händen eines Steinmetzen entwinden zu sehen - eines Menschen also , der von Früh bis Abends mit diesen Händen arbeitete und unter strengen Regeln sein Leben verbrachte , indeß er , der stolze Ritter , der jede Arbeit , auch wenn sie dem Dienste der erhabensten Kunst galt , tief gering achtete , und mit roher Willkür auf den Landstraßen raubte was er brauchte , wenn einmal ein beutereiches Kriegerleben sich ihm nicht gleich nach Wunsche bot - er , der in unzähligen Turnieren den ebenbürtigen Gegner aus dem Sattel gehoben und mit verwegenem Muthe bei kecken Abenteuern so gut wie in wilder Schlacht Heldenthaten verrichtet ! Mit der kecken Zuversicht , die ihm immer eigen , hatte er danach von König Max sein Schwert zurückgefordert und wider die Baubrüder geklagt , die ihn in der Mehrzahl auf der Hallerwiese überfallen und ihm unter frechen Scherz- und Schimpfworten sein Schwert entrissen . Aber er hatte dabei nicht gedacht , daß der König selbst ein Baubruder war und den Worten freier Steinmetzen mehr Vertrauen schenkte als einem Ritterwort ; noch weniger wußte er , daß Elisabeth schon vor allen Frauen Nürnbergs vor den Augen des Königs Gnade gefunden . So hatte er erst nur die königliche Antwort erhalten , daß die Sache untersucht werden solle , um darauf den noch größern Schimpf zu erleben , daß ihm der König sein Schwert zwar wieder sandte , aber mit der Bemerkung , daß er es nur außerhalb der Stadt tragen dürfe , und mit der Verweisung aus derselben und der Drohung , daß er , falls er nicht gehorche , als ein Friedensbrecher dem Gefängniß und Gericht der Stadt werde überantwortet werden . Wie sehr Streitberg auch wüthen mochte : es blieb ihm nichts übrig als zu gehorchen , und er mußte noch froh sein , daß er doch keinen öffentlichen Schimpf erleben , sondern sich den Anschein geben durfte , als riefe ein Geschäft ihn fort . Er zog sich indeß auf Weyspriach ' s Veste zurück , und ward immer mehr von Zorn erfüllt , als er vernahm , wie der König Elisabeth auszeichnete , bei deren Anblick seine ganze alte Leidenschaft für sie wieder erwacht war . Eberhard von Streitberg war eine jener ungebändigten Naturen voll roher Kraft und starker Gefühle , ohne den Willen dieselben jemals zu zügeln , da er ohne sittliche Grundsätze war . Seine feurige Leidenschaftlichkeit und die augenblickliche Wahrheit seiner Empfindungen machte sein Glück bei liebebedürftigen und gefühlvollen Frauen , die von seiner äußern ritterlichen Erscheinung und einzelnen heroischen Eigenschaften seines Charakters bestochen , ohne denselben näher prüfen zu können , in ihm das Ideal eines Helden fanden . So hatte er früh das Herz des Edelfräuleins Helene von Heideck gewonnen und sie als seine Gattin heimgeführt . Aber bald ward er ihrer überdrüssig , und nur um wieder frei leben zu können , nahm er Kriegsdienste und abenteuerte in allen Ländern umher . So kam er nach Venedig , wo er Elisabeth Behaim kennen lernte und mit leidenschaftlicher Gluth sich an sie hing . Er erkannte ihren sittlichen Werth hinlänglich , um zu wissen , daß sie allen Verführungskünsten eines Mannes widerstehen werde , auf dessen Herz ein anderes Wesen frühere Rechte habe , und so verleugnete er dieses . Ja , als er sich mit Elisabeth verlobte , leitete ihn vielleicht auch die Hoffnung , seine verlassen hinsiechende Gattin könne sterben , oder der einmal begonnene Betrug sich weiter fortsetzen lassen . So verbrachte er ein Jahr fern von Elisabeth und der Heimath , bis ihn seine Leidenschaft in die Nähe Nürnbergs trieb und er nur daran dachte , Elisabeth an sich zu reißen , zu entführen , gleichviel was daraus entstehe . Da ward sein Plan vernichtet , ohne daß er sie wiedergesehen . So verließ er auf ' s Neue die unglückliche Gattin und zog weit fort in ' s heilige Land , um sich bei minder zurückhaltenden Schönen für Elisabeth ' s Verlust zu trösten . Dennoch konnte er sie nie ganz vergessen , eben weil er sie nie besaß . Als er darum mit Weyspriach aus Palästina zurückgekehrt erfuhr , daß König Max nach Nürnberg komme , schloß er sich dem Gefolge des Markgrafen Friedrich von Brandenburg an . Er durfte Elisabeth nun wiedersehen in ihrer ganzen Schönheit , die , wenn er sie mit ihrer jugendlicheren Erscheinung von einst verglich , nur die Veränderung erfahren , daß sie eine üppig blühendere geworden war , und daß an die Stelle einer schwärmerischen Sinnigkeit in ihrem Angesicht der Stempel stolzen Selbstbewußtseins und geistiger Hoheit getreten , um an sich zu erfahren , daß sie den ganzen alten Zauberbann auf ihn übe . Um so mehr verdroß es ihn , daß sie sein Vorbeireiten unter ihrem Chörlein gar nicht bemerkte , und da er auch inzwischen nicht erfahren , was aus ihr geworden , so wendete er sich mit der Frage danach an Markgraf Friedrich , und war frech genug , wie er von ihrer Verheirathung hörte , sich zu rühmen , daß er einst ihre Gunst besessen . Auf der Hallerwiese wollte er die frühern Rechte auf sie geltend machen , dachte er durch die Sprache seiner Leidenschaft Versöhnung und Erhörung zu finden ; denn er meinte , Elisabeth habe indeß wohl genug das Leben kennen gelernt , um überspannten Begriffen von Liebe , Pflicht und Treue entsagt zu haben , um so mehr , als er erfuhr , daß sie dem ältern Gatten wohl nur aus kindlichem Gehorsam oder seines Reichthums und Ansehens wegen ihre Hand gegeben - ja sein Egoismus zog daraus den für sich günstigen Schluß , daß sie wie ihn wohl nie wieder geliebt , und er sich darum nur zu zeigen brauche , um die alten Gefühle wieder zu erwecken . Da nahm dies erste Wiedersehen für ihn einen so schimpflichen Ausgang . Nun lechzte die entflammte Leidenschaft nach einer Gewaltthat und nach Rache an den Baubrüdern . Unbeachtet von Allen war Rachel , mit gegenwärtig in einem Winkel an der Thür kauernd , scheinbar vor Müdigkeit eingeschlafen , als ihr Vater , Jacobea und der Ritter von Streitberg den Plan zur Entführung Elisabeth ' s entwarfen . Daran knüpfte sich die andere Frage , wie die Baubrüder zu bestrafen , wie sie es empfinden sollten , daß ein Ritter nicht ungerächt sich beleidigen lasse . Der Adel , der durchaus keinen Kunstsinn besaß und überhaupt keiner Begeisterung für das Ideal fähig war und jedes höheren Aufschwunges baar , der über die einseitigen Begriffe von Ritterehre und Standeswürde hinausreichte , mit der es sich ganz wohl vertrug , fleißige Bürger zu berauben und ehrsame Frauen zu entführen , wenn es nur mit der nöthigen Frechheit , welche man Kühnheit nannte , geschah - dieser Adel haßte die Baubrüderschaften oder verachtete sie doch , wie er Alles verachtete , was nicht vor der feudalen Herrlichkeit sich beugte . Dieser Adel war bei seinen Bauten mehr auf sicheres und festes Wohnen als auf Schönheit bedacht . Vorüber war auch bei ihm jener fromme und gläubige Sinn , der in früheren Zeiten wohl Fürsten und Herren vermocht hatte , bei einer gelungenen Unternehmung Kirchen oder Kapellen oder Klöster zu stiften , vorüber die ganze religiöse Begeisterung , die in den Kreuzzügen und unzähligen Gelübden zu kirchlichen Zwecken sich offenbarte : das alte , zu seiner Zeit edle und begeisterte Ritterthum war im Absterben und hatte nur einer Art von Raufboldthum und beispielloser Verwilderung der Sitten Platz gemacht . Im Gegensatz dazu war das Bürgerthum in würdiger Haltung , besonders in den freien Reichsstädten emporgeblüht , und man setzte in ihm , besonders in Nürnberg eine Ehre darein , die Kunst zu pflegen und zu beschützen . Es war vielmehr Begeisterung für die Kunst an sich , wenn man will , auch Ehren- und Modesache , daß die Nürnberger Patrizier förmlich mit einander wetteiferten , Stiftungen , wenn nicht zu neuen Kirchen selbst , doch zu den Verschönerungen der alten zu machen . Der Adel blickte verächtlich auf dies schöne Kunststreben , und wenn König Max in vielen Beziehungen als ritterlicher Held ihren Hoffnungen gerecht war , so war ihnen doch sein Sinn für Kunst und Wissenschaft eine sehr überflüssige Beigabe . Daß er selbst freier Maurer geworden und mit den Baubrüdern als mit Seinesgleichen verkehrte , konnten sie ihm vollends nicht vergeben . Wäre dies nicht der Fall gewesen , so hätten sie wohl versuchen mögen , die Genossenschaft freier Maurer , die sich nach eigenen Gesetzen regieren durfte , als eine gemeinschädliche Verbindung zu verdächtigen ; aber so wie die Sachen standen , konnten sie nur versuchen , sich an dem Einzelnen zu rächen . - » Laßt uns nur machen , « sagte Jacobea und nickte dem Juden zu , da diese Frage aufgeworfen ward . » Ich weiß , daß die Steinmetzen sehr streng auf ehrliches Herkommen und auf sittenreinen Wandel halten , strenger als Mönche und Geistliche , die es damit nicht gar zu genau nehmen - können wir dem blonden Hieronymus und dem Ulrich von Straßburg nachsagen , daß sie mit Frauenzimmern zusammen zu kommen pflegen und daß sie von zweifelhafter Herkunft sind , so werden sie mit Schimpf und Schande aus der Genossenschaft verwiesen . « » Das ist ein guter Rath ! « sagte Streitberg ; » in Straßburg hat es ja Hexen gegeben - wer weiß , gelingt es nicht ihn zu einem Hexensohn zu stempeln ! « - Das war die Unterredung , welche Rachel mit angehört und welche sie vermocht hatte , die Baubrüder aufzusuchen und zu warnen . Rachel war trotz der Umgebung , in der sie aufgewachsen und die sich wahrlich weniger durch eigene Schuld als durch die barbarischer Christen in einem ununterbrochenen heimlichen Krieg gegen dieselbe befand , dem kein Hülfsmittel zu schlecht war , mit einem weichen Gefühl und zartem Gewissen begabt , das offenbare Schlechtigkeiten als solche empfand und vor ihrer Vollziehung schauderte . Gleichwohl war sie eine zu gehorsame Tochter und erkannte in ihrem Vater das würdige Oberhaupt der Familie , dem sie blinden Gehorsam schuldig war . So kam sie in fortwährende Conflikte , in denen sie sich oft nur durch etwas wie Instinkt einer unverdorbenen weiblichen Natur für das Eine oder Andere entschied . So war es hier gewesen . Der Baubruder Ulrich , der ihr die Rose zugeworfen , der dann sie freundlich » liebes Kind « genannt , war zum Abgott ihres Herzens geworden ; es mochte geschehen was da wolle - ihn mußte sie warnen . Und warum nicht durch ihn auch die schöne Frau , der er hülfreich beigestanden ? Rachel ' s ganzes mädchenhafte Gefühl sträubte sich dagegen , ein Weib in die Gewalt eines rohen Mannes fallen zu lassen ! Wenn sie diese Bubenstücke zu hintertreiben suchte , so konnte sie dies auf keine andere Weise als die geschehene versuchen - durfte weder ihren Vater noch andere Betheiligte angeben , wenn sie nicht selbst sich verrathen und dadurch die Möglichkeit abschneiden wollte , künftig noch Aehnliches zu verhüten . Und nun hörte sie , daß Ulrich erschlagen , nun war sie es selbst , die ihn dem Tod entgegengesandt ! Sie durfte auch jetzt sich durch kein Wort verrathen - aber selbst wenn der Fluch des Vaters sie träfe , welcher Fluch konnte denn sie mehr entsetzen als das Blut des Baubruders , das über sie kam ? - Zweiter Band Erstes Capitel Gobelins Die kalten Strahlen einer halbverschleierten Wintersonne brachen sich auf den Eisflächen der Pegnitz . Frisch gefallener Schnee lag auf den Dächern von Nürnberg , schmückte die zierlichen Giebelkanten mit glänzendweißem Besatz und wölbte über jedes Chörlein noch einen zweiten Baldachin , so weich und anschmiegend , als sei er aus sammetener Decke gewoben . Aus den Essen wirbelte grauer Rauch empor , am dichtesten aus den hohen Schornsteinen der Gießhütten . In dem mit Marmor und Eisengittern von durchbrochener Gießarbeit verziertem Kamin in Elisabeth Scheurl ' s Wohnzimmer brannten große Eichenknorren , um den weiten Raum mit behaglicher Wärme zu erfüllen . Die Thür des Nebenzimmers stand offen und auch darin loderte ein prasselndes Feuer . Dies Gemach erschien zu einem Arbeitszimmer umgeschaffen . An der Wand befand sich eine große Holztafel , auf deren himmelblauem Grund eine Auferstehung Christi gemalt war . Der Engel des Herrn saß im leuchtenden Gewand im Grabe , die Jünger und Frauen standen bestürzt davor , zur rechten Seite zeigte sich der Auferstandene , die ganze Gestalt vom goldenen Heiligenschein umflossen . Die Farben waren sehr bunt und lebhaft , die Gestalten lang gezogen und eckig , aber einzelne Gesichter von sprechendem Ausdruck . In der im Vordergrund stehenden Maria Magdalena erkannte man ohne Mühe Elisabeth ' s Conterfei . Daneben lehnten noch kleinere Holztafeln mit schwebenden oder betenden Engeln , umgeben von Palmen oder Sternen , aus denen meist Ecken in verschiedenen Zusammensetzungen gebildet waren . An den beiden hohen Bogenfenstern , von denen die schweren Damastvorhänge zurückgeschoben waren , um ungehindert alles Licht einzulassen , das die kurzen Wintertage spendeten , standen zwei ungeheure Stickrahmen , noch nicht groß genug , um den Stoff zu fassen , der darin verarbeitet werden sollte , und darum noch an den Seiten aufgerollt war . Hier sah man ein mühevolles Werk weiblicher kunstgeübter Hände begonnen . Das große aufgestellte Gemälde von der Hand des Malers Hans Beuerlein diente als Muster , und sollte sich hier in damals üblichem Gobelinsstich noch einmal wiederholen . Ganze Körbe , von Wolle und Seide in strahlenden Farben , und mit Gold und Silberfaden angefüllt , standen bereit , das reichste Material zur Verarbeitung zu bieten . Etwa seit Jahresfrist war Elisabeth auf den Gedanken gekommen , die Töchter der edlen Geschlechter Nürnbergs aufzufordern , mit ihr vereint einen Teppich vor das Hochaltar der Kirche von St. Lorenz zu sticken , an deren Verschönerung gerade jetzt so begeistert gearbeitet ward . War doch damals alle Kunst zu einem Ganzen vereint in der Kirche und strebte alle Kunstbegeisterung diesem erhabenen Mittelpunkt zu - so auch die der Frauen . Elisabeth aber ging immer Allen gern mit einem leuchtenden Beispiel voraus , stand immer gern an der Spitze und ordnete Alles nach ihrem Sinn und Geschmack , der denn auch durch seine Veredlung und Reinheit berufen war , vor dem Anderer zur Geltung zu kommen . Ihr geachteter Name wie ihr Reichthum fielen dabei nicht minder in die Wagschaale , und auch ihre Feindinnen und Neiderinnen mußten sich damit begnügen , sie im Stillen zu verspotten und zu verleumden , öffentlich aber ihr den Vorrang zu lassen und persönlich ihr höflich zu begegnen . Bei einem so regen Geiste , wie dem Elisabeth ' s , und einem so glühenden Herzen , wie in ihrer Brust schlug , dem sie doch nicht mehr die einstige laute Sprache gestatten durfte und wollte , war das Bedürfniß um so dringender , immer für ein Großes oder Allgemeines zu wirken , durch ein edles Streben und eine anregende Thätigkeit sich selbst im Gleichgewicht zu erhalten . Ihr klarer Verstand erkannte das selbst , und halb berechnend , halb nur ahnungsvoll gestaltete sie darnach ihr Leben . Ziemlich zwei Jahre war sie nun verheirathet . Christoph Scheurl war nach wie vor befriedigt und stolz durch ihren Besitz , ließ sie ungehindert über seinen Reichthum verfügen und freute sich , wenn sie denselben anwendete , den Glanz und die Ehre seines Namens zu erhöhen , wie es sowohl durch Unternehmungen wie die obige geschah , als auch dadurch , daß sie die Bevorzugten des Handwerkes und der Kunst theils für sich arbeiten ließ , theils mit einem Kreise von Gelehrten um sich versammelte , und so bestrebt war , so viel als möglich nicht nur mit den andern Nürnberger Geschlechtern zu wetteifern , sondern auch den Medicäern und anderen italienischen Großen es nachzuthun , so viel es in ihren Kräften war . Daneben erfüllte Elisabeth treulich jede Pflicht der deutschen Hausfrau , war gegen ihren Gemahl so aufmerksam wie er gegen sie , und wie er sie , ließ auch sie ihn gern in allen Stücken gewähren . Bei ihr war die Begeisterung für die Kunst und alle höheren allgemeinen Angelegenheiten aus innerster Empfindung hervorgegangen , zum wahren Lebensbedürfniß geworden ; bei ihm war nur Eitelkeit und Ehrgeiz dabei das leitende Motiv , im Uebrigen lebte er seinen Geschäften als Kaufmann und Rathsmitglied , und fand mehr Gefallen an Zechgelagen und Schmausereien als an gelehrten Gesellschaften und Kunstbestrebungen . Gern überließ er diese seiner Gemahlin , und diese grollte ihm ebenso wenig darüber , wenn er Tage und Nächte außer dem Hause in wüsten Gesellschaften zubrachte , die trotz der Betheiligung vornehmer und hochangesehener Rathsmitglieder keineswegs zu den mäßigen und sittenreinen gehörten . So lebte dies Paar glücklich und zufrieden vor den Augen der Welt ; der Gatte war es wirklich , denn ihm genügte dieser äußere ungestörte Lebensgenuß , und sein Herz , das wohl einst auch Leidenschaften gekannt und wärmere Empfindungen , war jetzt doch längst alt und kalt geworden , nicht mehr gemacht für zartere Regungen , die in seinem männlichen Alltagsleben , dessen Freuden im wechselnden Besuch der Trinkstuben und größerer Gastereien bestanden , gänzlich untergegangen . Elisabeth gehörte zu den edlen Frauenseelen , welche von sittlichen Grundsätzen erfüllt still dulden und entsagen , und den Schein des Glückes bewahren , auch wo sie dieses selbst als verloren erkennen , um sich so wenigstens vor dem Mitleid zu sichern , das sie wie eine Schande empfinden , wenn die Lebensschicksale , welche es hervorrufen , nicht , wie z.B. schmerzliche Verluste durch den Tod , Sendungen einer höheren Macht sind , sondern Folgen eigener und fremder menschlicher Handlungen . Ueber ein Jahr war vergangen , seit sie auf ' s Neue das Opfer eines Complots hatte werden sollen , das Eberhard von Streitberg gegen sie eingeleitet . Die Erschütterungen , welche damit verbunden waren , das plötzliche Wiedersehen , der Schrecken , die ganze nächtliche Scene eines blutigen und ungewissen Kampfes , wohl auch der lange Aufenthalt nach solcher Erregung im feuchten Walde und der nächtlichkalten Luft - dazu der Entschluß , vor wie nach über Eberhard von Streitberg zu schweigen und das , was er ihr einst gewesen war , und dabei doch die Furcht , Alles , was ihr Stolz jahrelang verschwiegen , verrathen zu sehen ; die Anstrengung , um das demüthigende und schmerzende Geheimniß zu bewahren , alle verfänglichen Fragen zurückzuweisen , auch der Kummer und die Sorge um die doch nur um ihretwillen im Gefecht Verwundeten oder Erschlagenen - obwohl damals ein nach dem Recht des Stärkeren gemordetes Menschenleben selbst auf ein zartes weibliches Gewissen nicht mit so zermalmender Qual fiel , wie in späteren menschlicheren , zu höheren Anschauungen und reinerer Sittlichkeit geläuterten Jahrhunderten : so war dies Alles vereint doch genug , mit Elisabeth ' s Seele auch ihren Körper zu ergreifen und sie auf das Krankenbett zu werfen . Herr Scheurl hatte sich beeilt , alle gelehrten Aerzte und Wunderdoctoren Nürnbergs um ihr Lager zu versammeln , so daß sie der eine mit seinen Mixturen und Salben immer mehr quälte als der andere , der eine ihr am Fuß , der andere am Arm zur Ader ließ , so daß sie - Dank ihrer guten Natur , aber wahrscheinlich trotz der Kunst der Aerzte - zwar mit dem Leben davon kam , aber doch erst , als es draußen wieder Lenz ward , sich nach Monden voll Fieber und Qualen wieder zu erholen begann . So war ihre Krankheit auch die natürliche Ursache , daß sie , in der ersten Zeit völlig bewußtlos und dann nur mit ihren Angehörigen und der Dienerschaft in Berührung kommend , weder irgend eine Aufklärung über das gegen sie geschmiedete Complot erhielt , noch einem ähnlichen zum Gegenstand dienen konnte - und später wollte sie selbst lieber Alles vergessen wissen , als noch durch Fragen daran erinnern . Noch ehe sie selbst erlag , hatte sie den berühmtesten Bader zu den verwundeten Baubrüdern gesandt , und er hatte ihr die Nachricht gebracht , daß der eine leichter verwundet sei , der andere aber , Ulrich von Straßburg , sehr gefährliche Wunden habe , ohne Bewußtsein sei und wahrscheinlich sterben werde . Die Mutter des blonden Hieronymus , bei dem er wohne , pflege ihn , wenn der Baubruder in der Hütte arbeite . » Für mich gestorben ! « hauchte Elisabeth - und von da an verlor sie die Besinnung . Anfangs , in ihren Fieberphantasien war sie immer mit Ulrich beschäftigt , sah ihn verwundet vor sich liegen , betete bald für ihn als ihren Retter , und schalt ihn bald , daß er sich überall in ihren Weg dränge , nur um sie zu demüthigen , sie wieder an die Schmach zu erinnern , die er ihr bereitet , als er die Rose aus ihrer Hand auf das Judenmädchen warf . Allmälig jedoch , wie das Fieber nachließ , schienen diese Bilder und Erinnerungen zu schwinden , ja sie es sorgfältig zu vermeiden , durch irgend etwas wieder an die Ereignisse jener Nacht gemahnt zu werden . Es schien ihr am Angemessensten , ihre Umgebung glauben zu machen , als habe sie dieselben wirklich ganz und gar vergessen . Jetzt , im Januar 1491 ist jede Spur der langen Krankheit von ihr verschwunden . Hat ihr edles Antlitz noch nicht ganz die frühere Frische und ihre majestätische Gestalt die frühere Fülle wieder erlangt , so erscheint ihre Schönheit dadurch nicht beeinträchtigt , daß der Eindruck , welchen sie jetzt macht , mehr ein geistig erhebender als ein sinnlich verlockender ist . Vielmehr als sie selbst schien ihre Freundin Ursula Muffel in dieser Zeit gelitten zu haben , welche jetzt zu ihr in das Zimmer trat . Ihre sanften Züge drückten Leid und Sehnsucht aus , und ihren Augen sah man es an , daß sie manche kummervolle Nacht durchwacht und manche Thräne vergossen . Die neue Glocke auf dem Thurm der Sebaldskirche hatte nicht lange zwölf Uhr geschlagen , als Ursula zu Elisabeth kam . Die übliche Zeit des Mittagessens war bei den Vornehmen wie bei den Handwerkern gleicherweise elf Uhr , und da man sich für gewöhnlich auch in den reichsten Häusern auf wenige Gänge beschränkte , dafür nur wenn Gäste zugegen waren oder bei außerordentlichen festlichen Gelegenheiten die Gänge in ' s Unzählige steigerte und oft gleich von Abend bis zu Mittag bei Tische saß , so war eine gewöhnliche bürgerliche Mahlzeit in einer Stunde beendet . Um Ein Uhr pflegten sich an den bestimmten Tage die Stickerinnen bei Elisabeth zu versammeln . Ursula sagte Elisabeth begrüßend : » Ich komme früher als die Andern , weil ich von Dir hören wollte , ob es wahr ist , daß für den nächsten Monat ein Reichstag hierher ausgeschrieben ist und ob König Max auch mitkommen wird ? « Elisabeth ' s Augen leuchteten bei dieser Nachricht . » Ich habe noch Nichts davon gehört , « antwortete sie ; » aber mein Gemahl ist unwohl und heute nicht zu Rath gegangen . Hat Dein Vater diese Nachricht von dem Rathhaus mitgebracht ? « » Ja , « versetzte Ursula ; » er kam entrüstet heim , und da ich ihn nach der Ursache seines Aergers fragte , sagte er , daß der Kaiser einen Tag nach Nürnberg ausgeschrieben , aber nur die Fürsten und nicht die Städte dazu geladen . Näheres erfuhr ich nicht und setzte meine Hoffnung wie immer auf Dich . « Elisabeth seufzte und legte liebend ihren Arm um die ihr vertraute Freundin , der sie schon lange keinen freudigen Trost mehr zu geben vermochte und auch jetzt deren Hoffnung nicht rechtfertigen konnte . Seit Stephan Tucher den Fahnen des Königs Max gefolgt war , hatte er Anfangs an Ursula so oft geschrieben , als es im Felde und in der damaligen Zeit , wo die Briefe immer nur einer zufälligen und unsichern Gelegenheit anvertraut werden konnten , eben möglich war . - Nachdem König Mathias von Ungarn Anfang April 1490 plötzlich in Wien gestorben war , hatte König Max den Krieg um seine östreichischen Erbländer begonnen . Am neunzehnten August hatte er seinen feierlichen Einzug unter dem Jubel des Volks in Wien gehalten , unter Lobgesängen in der St. Stephanskirche dem Herrn der Heerschaaren gedankt und auf offenem Markt die Huldigungen des Raths und der Gemeinde empfangen . Diesen glorreichen Tag hatte Stephan an Ursula geschildert - aber seitdem hatte sie keine Nachricht wieder von ihm erhalten . War er in der Schlacht gefallen ? war er ihr untreu ? hatte er sie vergessen ? Das Erstere war wohl möglich , denn König Max war mit bairischen Hülfsvölkern in Ungarn selbst eingebrochen , um auch dieses zu erobern , und hatte am ersten November selbst Stuhlweißenburg , die Krönungs- und Begräbnißstadt der ungarischen Könige genommen - da konnte wohl Stephan mit bei dem Sturme gefallen sein . Aber von zurückkehrenden Nürnbergern , die auch mit unter den bairischen Hülfsvölkern gewesen , hörte sie , daß er noch am Leben sei . Aber Keiner brachte ihr einen Gruß von ihm . Freilich waren diese Rückkehrenden eigentlich Ausreißer aus dem bairischen Heere ; denn in diesem war zwischen Reiterei und Fußvolk Streit über die Theilung der gemachten Beute entstanden , so daß das Fußvolk , als es weder von dieser den gewünschten größern Antheil , noch den rückständigen Sold ausgezahlt erhielt , rottenweise davon zog , wodurch der König sich genöthigt sah , sein Vordringen nach Ofen aufzugeben und sich nach Oestreich zurückzuziehen . Schwerlich würde der ritterliche , dem König ergebene Stephan mit denen , die den König verließen , gemeinschaftliche Sache gemacht haben . Allein jetzt war dieser nach Wien und dann nach Linz zurückgekehrt zum alten Kaiser Friedrich , der im October die Reichsacht über Regensburg ausgesprochen , das sich an den Herzog Albrecht von Baiern angeschlossen , der gegen des Kaisers Willen sich mit dessen Tochter Kunigunde vermählt , die der Vater deshalb verstoßen . Indeß sich Max jetzt bemühte hier ein Friedenswerk zwischen dem Vater und dem Schwager zu stiften , während Friedrich die Hülfe des Schwäbischen Bundes und des Löwlerbundes für sich wünschte , hörte Ursula , und zwar von Stephan ' s eigener Schwägerin Eleonore Tucher , die bei einer festlichen Gelegenheit mit ihr zusammenkam , daß es Stephan in dem lustigen Wien sehr wohl gefiele , daß er ihrem Gatten geschrieben , wie es nirgend schönere Frauen und freiere Sitten gebe , wie dort , und daß es sich da gar angenehm von den Strapazen eines gefahrvollen Feldzuges ausruhen lasse . Anfangs suchte Ursula für diese Nachricht Trost in der Hoffnung , daß dieselbe gefälscht sei , und bat Elisabeth um ihren Beistand , ihr den Brief oder doch Gewißheit über seinen Inhalt zu verschaffen . Wirklich erhielt ihn Elisabeth durch ihren Gemahl von Anton Tucher . Eleonore hatte Nichts