sondern sogar eines Tages sich in den Ruhestand setzen und keine Handelsgeschäfte weiter vornehmen . Die Mutter erwiderte , daß dies sehr gut sein , und daß ihr dieser Tag wie ein zweiter Brauttag erscheinen werde . Ich mußte dem Vater nun auch die einzelnen Holzgattungen angeben , aus denen die verschiedenen Geräte in dem Rosenhause eingelegt seien , aus denen die Fußböden beständen , und endlich aus welchen geschnitzt würde . Ich tat es so ziemlich gut , denn ich hatte bei der Betrachtung dieser Dinge an meinen Vater gedacht , und hatte mir mehr gemerkt , als sonst der Fall gewesen sein würde . Ich mußte ihm auch beschreiben , in welcher Ordnung diese Hölzer zusammengestellt seien , welche Gestalten sie bildeten , und ob in der Zusammenstellung der Linien und Farben ein schöner Reiz liege . Ebenso mußte ich ihm auch noch mehr von den Marmorarten erzählen , die in dem Gange und in dem Saale wären , und mußte darstellen , wie sie verbunden wären , welche Gattungen an einander gränzten , und wie sie sich dadurch abhöben . Ich nahm häufig ein Stück Papier und die Bleifeder zur Hand , um zu versinnlichen , was ich gesehen hätte . Er tat auch weitere Fragen , und durch ihre zweckmäßige Aufeinanderfolge konnte ich mehr beantworten , als ich mir gemerkt zu haben glaubte . Als es schon spät geworden war , mahnte die Mutter zur Ruhe , wir trennten uns von dem Waffenhäuschen und begaben uns zu Bette . Am anderen Tage begann ich meine Wohnung für den Winter einzurichten . Ich packte nach und nach die Sachen , welche ich von meiner Reise mitgebracht hatte , aus , stellte sie nach gewohnter Art und Weise auf , und suchte sie in die vorhandenen einzureihen . Diese Beschäftigung nahm mehrere Tage in Anspruch . Am ersten Sonntage nach meiner Ankunft war ein Bewillkommungsmahl . Alle Leute von dem Handelsgeschäfte meines Vaters waren besonders eingeladen worden , und es wurden bessere Speisen und besserer Wein auf den Tisch gesetzt . Auch die zwei alten Leute , die in dem dunkeln Stadthause unsere Wohnungsnachbarn gewesen waren , sind zu diesem Mahle geladen worden , weil sie mich sehr lieb hatten , und weil die Frau gesagt hatte , daß aus mir einmal große Dinge werden würden . Diese Mahle waren schon seit ein paar Jahren Sitte , und die alten Leute waren jedesmal Gäste dabei . Als ich mit dem Hauptsächlichsten in der Anordnung meiner Zimmer fertig war , besuchte ich auch meine Freunde in der Stadt , und brachte wieder manche Abenddämmerung in der Buchhandlung zu , welche mir ein lieber Aufenthalt geworden war . Wenn ich durch die Gassen der Stadt ging , war es mir , als hätte ich das , was ich von dem alten Manne wußte , in einem Märchenbuche gelesen ; wenn ich aber wieder nach Hause kam und in die Zimmer mit den altertümlichen Gegenständen und mit den Bildern ging , so war er wieder wirklich und paßte hieher als Vergleichsgegenstand . Die Spuren , welche mit einer Ankunft nach einer längeren Reise in einer Wohnung immer unzertrennlich verbunden sind , namentlich , wenn man von dieser Reise viele Gegenstände mitgebracht hat , welche geordnet werden müssen , waren endlich aus meinem Zimmer gewichen , meine Bücher standen und lagen zum Gebrauche bereit , und meine Werkzeuge und Zeichnungsgerätschaften waren in der Ordnung , wie ich sie für den Winter bedurfte . Dieser Winter war aber auch schon ziemlich nahe . Die letzten schönen Spätherbsttage , die unserer Stadt so gerne zu Teil werden , waren vorüber , und die neblige , nasse und kalte Zeit hatte sich eingestellt . In unserem Hause war während meiner Abwesenheit eine Veränderung eingetreten . Meine Schwester Klotilde , welche bisher immer ein Kind gewesen war , war in diesem Sommer plötzlich ein erwachsenes Mädchen geworden . Ich selber hatte mich bei meiner Rückkehr sehr darüber verwundert , und sie kam mir beinahe ein wenig fremd vor . Diese Veränderung brachte für den kommenden Winter auch eine Veränderung in unser Haus . Unser Leben war für die Hauptstadt eines großen Reiches bisher ein sehr einfaches und beinah ländliches gewesen . Der Kreis der Familien , mit denen wir verkehrten , hatte keine große Ausdehnung gehabt , und auch da hatten sich die Zusammenkünfte mehr auf gelegentliche Besuche oder auf Spiele der Kinder im Garten beschränkt . Jetzt wurde es anders . Zu Klotilden kamen Freundinnen , mit deren Eltern wir in Verbindung gewesen waren , diese hatten wieder Verwandte und Bekannte , mit denen wir nach und nach in Beziehungen gerieten . Es kamen Leute zu uns , es wurde Musik gemacht , vorgelesen , wir kamen auch zu anderen Leuten , wo man sich ebenfalls mit Musik und ähnlichen Dingen unterhielt . Diese Verhältnisse übten aber auf unser Haus keinen so wesentlichen Einfluß aus , daß sie dasselbe umgestaltet hätten . Ich lernte außer den Freunden , die ich schon hatte , und an deren Art und Weise ich gewöhnt war , noch neue kennen . Sie hatten meistens ganz andere Bestrebungen als ich , und schienen mir in den meisten Dingen überlegen zu sein . Sie hielten mich auch für besonders , und zwar zuerst darum , weil die Art der Erziehung in unserem Hause eine andere gewesen war als in anderen Häusern , und dann , weil ich mich mit anderen Dingen beschäftigte , als auf die sie ihre Wünsche und Begierden richteten . Ich vermutete , daß sie mich wegen meiner Sonderlichkeit geringer achteten als sich unter einander selbst . Sie erwiesen meiner Schwester große Aufmerksamkeiten und suchten ihr zu gefallen . Die jungen Leute , welche in unser Haus kommen durften , waren nur lauter solche , deren Eltern zu uns eingeladen waren , die wir auch besuchten , und an deren Sitten sich kein Bedenken erhob . Meine Schwester wußte nicht , daß ihr die Männer gefallen wollten , und sie achtete nicht darauf . Ich aber kam in jenen Tagen , wenn mir einfiel , daß meine Schwester einmal einen Gatten haben werde , immer auf den nämlichen Gedanken , daß dies kein anderer Mann sein könne , als der so wäre wie der Vater . Auch mich zogen diese jungen Männer und andere , die nicht eben der Schwester willen in das Haus kamen , öfter in ihre Gespräche , sie erzählten mir von ihren Ansichten , Bestrebungen , Unterhaltungen , und manche vertrauten mir Dinge , welche sie in ihrem geheimen Inneren dachten . So sagte mir einmal einer , namens Preborn , welcher der Sohn eines alten Mannes war , der ein hohes Amt am Hofe bekleidete , und öfter in unser Haus kam , die junge Tarona sei die größte Schönheit der Stadt , sie habe einen Wuchs , wie ihn niemand von der halben Million der Einwohner der Stadt habe , wie ihn nie irgend jemand gehabt habe , und wie ihn keine Künstler alter und neuer Zeit darstellen könnten . Augen habe sie , welche Kiesel in Wachs verwandeln und Diamanten schmelzen könnten . Er liebe sie mit solcher Heftigkeit , daß er manche Nacht ohne Schlaf auf seinem Lager liege oder in seiner Stube herum wandle . Sie lebe nicht hier , komme aber öfter in die Stadt , er werde sie mir zeigen , und ich müsse ihm als Freund in seiner Lage beistehen . Ich dachte , daß vieles in diesen Worten nicht Ernst sein könne . Wenn er das Mädchen so sehr liebe , so hätte er es mir oder einem andern gar nicht sagen sollen , auch wenn wir Freunde gewesen wären . Freunde waren wir aber nicht , wenn man das Wort in der eigentlichen Bedeutung nimmt , wir waren es nur , wie man es in der Stadt mit einer Redeweise von Leuten nennt , die einander sehr bekannt sind und mit einander öfter umgehen . Und endlich konnte er ja keinen Beistand von mir erwarten , der ich in der Art mit Menschen umzugehen nicht sehr bewandert war und in dieser Hinsicht weit unter ihm selber stand . Ich besuchte zuweilen auch den einen oder den anderen dieser jungen Leute außer der Zeit , in der wir in Begleitung unserer Eltern zusammenkamen , und da war ebenfalls öfter von Mädchen die Rede . Sie sagten , wie sie diese oder jene lieben , sich vergeblich nach ihr sehnen , oder von ihr Zeichen der Gegenneigung erhalten hätten . Ich dachte , das sollten sie nicht sagen ; und wenn sie eine mutwillige Bemerkung über die Gestalt oder das Benehmen eines Mädchens ausdrückten , so errötete ich , und es war mir , als wäre meine Schwester beleidigt worden . Ich ging nun öfter in die Stadt und betrachtete aufmerksamer den alten Bau unseres Erzdomes . Seit ich die Zeichnungen von Bauwerken in dem Rosenhause so genau und in solcher Menge angesehen hatte , waren mir die Bauwerke nicht mehr so fremd wie früher . Ich sah sie gerne an , ob sie irgend etwas Ähnliches mit den Gegenständen hätten , die ich in den Zeichnungen gesehen hatte . Auf meiner Reise von dem Rosenhause in das Gebirgstal , in welchem ich mich später aufgehalten hatte , und von diesem Gebirgstale bis zu dem Schiffe , das mich zur Heimreise aufnehmen sollte , war mir nichts besonders Betrachtenswertes vorgekommen . Nur einige Wegsäulen sehr alter Art erinnerten an die reinen und anspruchlosen Gestalten , wie ich sie bei dem Meister auf dem reinen Papier mit reinen Linien gesehen hatte . Aber in der Nische der einen Wegsäule war statt des Standbildes , das einst darinnen gewesen war , und auf welches der Sockel noch hinwies , ein neues Gemälde mit bunten Farben getan worden , in der anderen fehlte jede Gestalt . Auf meiner Stromesfahrt kam ich wohl an Kirchen und Burgen vorüber , die der Beachtung wert sein mochten , aber mein Zweck führte mich in dem Schiffe weiter . An dem Erzdome sah ich beinahe alle Gestalten von Verzierungen , Simsen , Bögen , Säulen und größeren Teilwerken , wie ich sie auf dem Papier im Rosenhause gesehen hatte . Es ergötzte mich , in meiner Erinnerung diese Gestalten mit den gesehenen zu vergleichen und sie gegenseitig abzuschätzen . Auch in Beziehung der Edelsteine fiel mir das ein , was der alte Mann in dem Rosenhause über die Fassung derselben gesagt hatte . Es gab Gelegenheit genug , gefaßte Edelsteine zu sehen . In unzähligen Schaufenstern der Stadt liegen Schmuckwerke zur Ansicht und zur Verlockung zum Kaufe aus . Ich betrachtete sie überall , wo sie mir auf meinem Wege aufstießen , und ich mußte denken , daß der alte Mann recht habe . Wenn ich mir die Zeichnungen von Kreuzen , Rosen , Sternen , Nischen und dergleichen Dingen an mittelalterlichen Baugegenständen , wie ich sie im Rosenhause gesehen hatte , vergegenwärtigte , so waren sie viel leichter , zarter und , ich möchte den Ausdruck gebrauchen , inniger als diese Sachen hier , und waren doch nur Teile von Bauwerken , während diese Schmuck sein sollten . Mir kam wirklich vor , daß sie , wie er gesagt hatte , unbeholfen in Gold und unbeholfen in den Edelsteinen seien . Nur bei einigen Verkaufsorten , die als die vorzüglichsten galten , fand ich eine Ausnahme . Ich sah , daß dort die Fassungen sehr einfach waren , ja daß man , wenn die Edelsteine einmal eine größere Gestalt und einen höheren Wert annahmen , schier gar keine Fassung mehr machte , sondern nur so viel von Gold oder kleinen Diamanten anwendete , als unumgänglich nötig schien , die Dinge nehmen und an dem menschlichen Körper befestigen zu können . Mir schien dieses schon besser , weil hier die Edelsteine allein den Wert und die Schönheit darstellen sollten . Ich dachte aber in meinem Herzen , daß die Edelsteine , wie schön sie auch seien , doch nur Stoffe wären , und daß es viel vorzüglicher sein müßte , wenn man sie , ohne daß ihre Schönheit einer Eintrag erhielte , doch auch mit einer Gestalt umgäbe , welche außer der Lieblichkeit des Stoffes auch den Geist des Menschen sehen ließe , der hier tätig war , und an dem man Freude haben könnte . Ich nahm mir vor , wenn ich wieder zu meinem alten Gastfreunde käme , mit ihm über die Sache zu reden . Ich sah , daß ich in dem Rosenhause etwas Ersprießliches gelernt hatte . Ich wurde bei jener Gelegenheit zufällig mit dem Sohne eines Schmuckhändlers bekannt , welcher als der vorzüglichste in der Stadt galt . Er zeigte mir öfter die wertvolleren Gegenstände , die sie in dem Verkaufsgewölbe hatten , die aber nie in einem Schaufenster lagen , er erklärte mir dieselben , und machte mich auf die Merkmale aufmerksam , an denen man die Schönheit der Edelsteine erkennen könne . Ich getraute mir nie , meine Ansichten über die Fassung derselben darzulegen . Er versprach mir , mich näher in die Kenntnis der Edelsteine einzuführen , und ich nahm es recht gerne an . Weil ich durch meine Gebirgswanderungen an viele Bewegung gewöhnt war , so ging ich alle Tage entweder durch Teile der Stadt herum , oder ich machte einen Weg in den Umgebungen derselben . Das Zuträgliche der starken Gebirgsluft ersetzte mir hier die Herbstluft , die immer rauher wurde , und ich ging ihr sehr gerne entgegen , wenn sie mit Nebeln gefüllt oder hart von den Bergen her wehte , die gegen Westen die Umgebungen unserer Stadt säumten . Ich fing auch in jener Zeit an , das Theater zuweilen zu besuchen . Der Vater hatte , so lange wir Kinder waren , nie erlaubt , daß wir ein Schauspiel zu sehen bekämen . Er sagte , es würde dadurch die Einbildungskraft der Kinder überreizt und überstürzt , sie behingen sich mit allerlei willkürlichen Gefühlen , und gerieten dann in Begierden oder gar Leidenschaften . Da wir mehr herangewachsen waren , was bei mir schon seit längerer Zeit , bei der Schwester aber kaum seit einem Jahre der Fall war , durften wir zu seltenen Zeiten das Hoftheater besuchen . Der Vater wählte zu diesen Besuchen jene Stücke aus , von denen er glaubte , daß sie uns angemessen wären und unser Wesen förderten . In die Oper oder gar in das Ballet durften wir nie gehen , eben so wenig durften wir ein Vorstadttheater besuchen . Wir sahen auch die Aufführung eines Schauspiels nie anders als in Gesellschaft unserer Eltern . Seit ich selbstständig gestellt war , hatte ich auch die Freiheit , nach eigener Wahl die Schauspielhäuser zu besuchen . Da ich mich aber mit wissenschaftlichen Arbeiten beschäftigte , hatte ich nach dieser Richtung hin keinen mächtigen Zug . Aus Gewohnheit ging ich manchmal in eines von den nämlichen Stücken , die ich schon mit den Eltern gesehen hatte . In diesem Herbste wurde es anders . Ich wählte zuweilen selber ein Stück aus , dessen Aufführung im Hoftheater ich sehen wollte . Es lebte damals an der Hofbühne ein Künstler , von dem der Ruf sagte , daß er in der Darstellung des Königs Lear von Shakespeare das Höchste leiste , was ein Mensch in diesem Kunstzweige zu leisten im Stande sei . Die Hofbühne stand auch in dem Rufe der Musteranstalt für ganz Deutschland . Es wurde daher behauptet , daß es in deutscher Sprache auf keiner deutschen Bühne etwas gäbe , was jener Darstellung gleich käme , und ein großer Kenner von Schauspieldarstellungen sagte in seinem Buche über diese Dinge von dem Darsteller des Königs Lear auf unserer Hofbühne , daß es unmöglich wäre , daß er diese Handlung so darstellen könnte , wie er sie darstellte , wenn nicht ein Strahl jenes wunderbaren Lichtes in ihm lebte , wodurch dieses Meisterwerk erschaffen und mit unübertrefflicher Weisheit ausgestattet worden ist . Ich beschloß daher , da ich diese Umstände erfahren hatte , der nächsten Vorstellung des Königs Lear auf unserer Hofbühne beizuwohnen . Eines Tages war in den Zeitungen , die täglich zu dem Frühmahle des Vaters kamen , für die Hofbahne die Aufführung des König Lear angekündigt und als Darsteller des Lear der Mann genannt , von dem ich gesprochen habe , und der jetzt schon dem Greisenalter entgegen geht . Die Jahreszeit war bereits in den Winter hinein vorgerückt . Ich richtete meine Geschäfte so ein , daß ich in der Abendzeit den Weg zu dem Hoftheater einschlagen konnte . Da ich gerne das Treiben der Stadt ansehen wollte , wie ich auf meinen Reisen die Dinge im Gebirge untersuchte , ging ich früher fort , um langsam den Weg zwischen der Vorstadt und der Stadt zurück zu legen . Ich hatte einen einfachen Anzug angelegt , wie ich ihn gerne auf Spaziergängen hatte , und eine Kappe genommen , die ich bei meinen Reisen trug . Es fiel ein feiner Regen nieder , obwohl es in der unteren Luft ziemlich kalt war . Der Regen war mir nicht unangenehm , sondern eher willkommen , wenn er mir auch auf meinen Anzug fiel , an dem nicht viel zu verderben war . Ich schritt seinem Rieseln mit Gemessenheit entgegen . Der Weg zwischen den Bäumen auf dem freien Raume vor der Stadt war durch das Eis , welches sich bildete , gleichsam mit Glas Überzogen , und die Leute , welche vor und neben mir gingen , glitten häufig aus . Ich war an schwierige Wege gewöhnt , und ging auf der Mitte der Eisbahn ohne Beschwerde fort . Die Zweige der Bäume glänzten in der Nachbarschaft der brennenden Laternen , sonst war es Überall finstere Nacht , und der ganze Raum und die Mauern der Stadt waren in ihrer Dunkelheit verborgen . Als ich von dem Gehwege in die Fahrstraße einbog , rasselten viele Wägen an mir vorüber , und die Pferde zerstampften und die Räder zerschnitten die sich bildende Eisdecke . Die meisten von ihnen , wenn auch nicht alle , fahren in das Theater . Mir kam es beinahe sonderbar vor , daß sie und ich selber in diesem unfreundlichen Wetter einem Raume zustrebten , in welchem eine erlogene Geschichte vorgespiegelt wird . So kam ich in die erleuchtete Überwölbung , in der die Wägen hielten , ich wendete mich von ihr in den Eingang , kaufte meine Karte , steckte meine Kappe in die Tasche meines Überrockes , gab diesen in das Kleiderzimmer , und trat in den hellen ebenerdigen Raum des Darstellungssaales . Ich hatte von meinem Vater die Gewohnheit angenommen , nie von oben herab oder von großer Entfernung die Darstellung eines Schauspieles zu sehen , weil man die Menschen , welche die Handlung darstellen , in ihrer gewöhnlichen Stellung nicht auf die obere Fläche ihres Kopfes oder ihrer Schultern sehen soll , und weil man ihre Mienen und Geberden soll betrachten können . Ich blieb daher ungefähr am Ende des ersten Dritteiles der Länge des Raumes stehen , und wartete , bis sich der Saal füllen würde und die Glocke zum Beginne des Stückes tönte . Sowohl die gewöhnlichen Sitze als auch die Logen füllten sich sehr stark mit geputzten Leuten , wie es Sitte war , und wahrscheinlich von dem Rufe des Stückes und des Schauspielers angezogen , strömte heute eine weit größere und gemischtere Menge , wie man bei dem ersten Blicke erkennen konnte , in diese Räume . Männer , die neben mir standen , sprachen dieses aus , und in der Tat war in der Versammlung manche Gestalt zu sehen , die von den entferntesten Teilen der Vorstädte gekommen sein mußte . Die meisten , da endlich gleichsam Haupt an Haupt war , blickten neugierig nach dem Vorhange der Bühne . Es war damals nicht meine Gewohnheit , und ist es jetzt auch noch nicht , in überfüllten Räumen die Menge der Menschen , die Kleider , den Putz , die Lichter , die Angesichter und dergleichen zu betrachten . Ich stand also ruhig , bis die Musik begann und endete , bis sich der Vorhang hob und das Stück den Anfang nahm . Der König trat ein , und war , wie er später von sich sagte , jeder Zoll ein König . Aber er war auch ein übereilender und bedaurungswürdiger Tor . Regan , Goneril und Cordelia redeten , wie sie nach ihrem Gemüte reden mußten , auch Kent redete so , wie er nicht anders konnte . Der König empfing die Reden , wie er nach seinem heftigen , leichtsinnigen und doch liebenswürdigen Gemüte ebenfalls mußte . Er verbannte die einfache Cordelia , die ihre Antwort nicht schmücken konnte , der er desto heftiger zürnte , da sie früher sein Liebling gewesen war , und gab sein Reich den beiden anderen Töchtern , Regan und Goneril , die ihm auf seine Frage , wer ihn am meisten liebe , mit übertriebenen Ausdrücken schmeichelten , und ihm dadurch , wenn er der Betrachtung fähig gewesen wäre , schon die Unächtheit ihrer Liebe dartaten , was auch die edle Cordelia mit solchem Abscheu erfüllte , daß sie auf die Frage , wie sie den Vater liebe , weniger zu antworten wußte , als sie vielleicht zu einer anderen Zeit , wo das Herz sich freiwillig öffnete , gesagt hätte . Gegen Kent , der Cordelia verteidigen wollte , watete er , und verbannte ihn ebenfalls , und so sieht man bei dieser heftigen und kindischen Gemütsart des Königs üblen Dingen entgegen . Ich kannte dieses Schauspiel nicht , und war bald von dem Gange der Handlung eingenommen . Der König wohnt nun mit seinen hundert Rittern im ersten Monate bei der einen Tochter , um im zweiten dann bei der anderen zu sein , und so abwechselnd fortzufahren , wies es bedungen war . Die Folgen dieser schwachen Maßregel zeigten sich auch im Lande . In dem hohen Hause Glosters empört sich ein unehelicher Sohn gegen den Vater und den rechtmäßigen Bruder und ruft unnatürliche Dinge in die Welt , da auch in des Königs Hause unnatürliche und unzweckmäßige Dinge geschahen . In dem Hofhalte der Tochter und in der in diesen Hofhalt eingepflanzten zweiten Hofhaltung des Königs und seiner hundert Ritter entstehen Anstände und Widrigkeiten , und die Entgegnungen der Tochter gegen das Tun des Königs und seines Gefolges sind sehr begreiflich , aber fast unheimlich . Beinahe herzzerreißend ist nun die treuherzige , fast blöde Zuversicht des Königs , womit er die eine Tochter , die mit schnöden Worten seinen Handlungen entgegen getreten war , verläßt , um zu der anderen , sanfteren zu gehen , die ihn mit noch härterem Urteile abweist . Sein Diener ist hier in den Stock geschlagen , er selber findet keine Aufnahme , weil man nicht vorbereitet ist , weil man die andere Schwester erwartet , die man aufnehmen muß , man rät dem König , zu der verlassenen Tochter zurückzukehren und sich ihren Maßregeln zu fügen . Bei dem Könige war vorher blindes Vertrauen in die Töchter , Übereilung im Urteile gegen Cordelia , Leichtsinn in Vergebung der Würden : jetzt entsteht Reue , Scham , Wut und Raserei . Er will nicht zu der Tochter zurückkehren , eher geht er in den Sturm und in das Ungewitter auf die Haide hinaus , die gegen ihn wüten dürfen , denen er ja nichts geschenkt hat . Er tritt in die Wüste bei Nacht , Sturm und Ungewitter , der Greis gibt die weißen Haare den Winden preis , da er auf der Haide vorschreitet , von niemanden begleitet als von dem Narren , er wirft den Mantel in die Luft , und da er sich in Ausdrücken erschöpft hat , weiß er nichts mehr als die Worte : Lear ! Lear ! Lear ! aber in diesem einzigen Worte liegt seine ganze vergangene Geschichte und liegen seine ganzen gegenwärtigen Gefühle . Er wirft sich später dem Narren an die Brust und ruft mit Angst : Narr , Narr ! ich werde rasend - ich möchte nicht rasend werden - nur nicht toll ! Da er die drei letzten Worte milder sagte , gleichsam bittend , so flossen mir die Tränen über die Wangen herab , ich vergaß die Menschen herum , und glaubte die Handlung als eben geschehend . Ich stand , und sah unverwandt auf die Bühne . Der König wird nun wirklich toll , er kränzt sich in den Tagen nach jener Sturmnacht mit Blumen , schwärmt auf den Hügeln und Haiden , und hält mit Bettlern einen hohen Gerichtshof . Es ist indessen schon Botschaft an seine Tochter Cordelia getan worden , daß Regan und Goneril den Vater schnöd behandeln . Diese war mit Heeresmacht gekommen , um ihn zu retten . Man hatte ihn auf der Haide gefunden , und er liegt nun im Zelte Cordelias und schläft . Während der letzten Zeit ist er in sich zusammengesunken , er ist , während wir ihn so vor uns sahen , immer älter , ja gleichsam kleiner geworden . Er hatte lange geschlafen , der Arzt glaubt , daß der Zustand der Geisteszerrüttung nur in der übermannenden Heftigkeit der Gefühle gelegen war , und daß sich sein Geist durch die lange Ruhe und den erquickenden Schlaf wieder stimmen werde . Der König erwacht endlich , blickt die Frau an , hat nicht den Mut , die vor ihm stehende Cordelia als solche zu erkennen , und sagt im Mißtrauen auf seinen Geist mit Verschämtheit , er halte diese fremde Frau für sein Kind Cordelia . Da man ihn sanft von der Wahrheit seiner Vorstellung überzeugt , gleitet er ohne Worte von dem Bette herab und bittet knieend und händefaltend sein eigenes Kind stumm um Vergebung . Mein Herz war in dem Augenblicke gleichsam zermalmt , ich wußte mich vor Schmerz kaum mehr zu fassen . Das hatte ich nicht geahnt , von einem Schauspiele war schon längst keine Rede mehr , das war die wirklichste Wirklichkeit vor mir . Der günstige Ausgang , welchen man den Aufführungen dieses Stückes in jener Zeit gab , um die fürchterlichen Gefühle , die diese Begebenheit erregt , zu mildern , tat auf mich keine Wirkung mehr , mein Herz sagte , daß das nicht möglich sei , und ich wußte beinahe nicht mehr , was vor mir und um mich vorging . Als ich mich ein wenig erholt hatte , tat ich fast scheu einen Blick auf meine Umgebung , gleichsam , um mich zu überzeugen , ob man mich beobachtet habe . Ich sah , daß alle Angesichter auf die Bühne blickten , und daß sie in starker Erregung gleichsam auf den Schauplatz hingeheftet seien . Nur in einer ebenerdigen Loge sehr nahe bei mir saß ein Mädchen , welches nicht auf die Darstellung merkte , sie war schneebleich , und die Ihrigen waren um sie beschäftigt . Sie kam mir unbeschreiblich schön vor . Das Angesicht war von Tränen übergossen , und ich richtete meinen Blick unverwandt auf sie . Da die bei ihr Anwesenden sich um und vor sie stellten , gleichsam um sie vor der Betrachtung zu decken , empfand ich mein Unrecht und wendete die Augen weg . Das Stück war indessen aus geworden , und um mich entstand die Unruhe , die immer mit dem Fortgehen aus einem Schauspielhause verbunden ist . Ich nahm mein Taschentuch heraus , wischte mir die Stirne und die Augen ab , und richtete mich zum Fortgehen . Ich ging in das Kleiderzimmer , holte mir meinen Überrock und zog ihn an . Als ich in den Vorsaal kam , war dort ein sehr starkes Gedränge , und da er mehrere Ausgänge hatte , wogten die Menschen vielfach hin und her . Ich gab mich einem größeren Zuge hin , der langsam bei dem Hauptausgange ausmündete . Plötzlich war es mir , als ob sich meinen Blicken , die auf den Ausgang gerichtet waren , ganz nahe etwas zur Betrachtung aufdrängte . Ich zog sie zurück , und in der Tat hatte ich zwei große , schöne Augen den meinigen gegenüber , und das Angesicht des Mädchens aus der ebenerdigen Loge war ganz nahe an dem meinigen . Ich blickte sie fest an , und es war mir , als ob sie mich freundlich ansähe und mir lieblich zulächelte . Aber in dem Augenblicke war sie vorüber . Sie war mit einem Menschenstrome aus dem Logengange gekommen , dieser Strom hatte unseren Zug gekreuzt und strebte bei einem Seitengange hinaus . Ich sah sie nur noch von rückwärts , und sah , daß sie in einen schwarzseidenen Mantel gehüllt war . Ich war endlich auch bei dem Hauptausgange hinausgekommen . Dort zog ich erst meine Kappe aus der Tasche des Überrockes , setzte sie auf , und blieb noch einen Augenblick stehen , und sah den abfahrenden Wägen nach , die ihre roten Laternenlichter in die trübe Nacht hinaustrugen . Es regnete noch viel dichter als bei meinem Hereingehen . Ich schlug den Weg nach Hause ein . Ich gelangte aus den fahrenden Wägen , ich gelangte aus dem größeren Strome der Menschen , und bog in den vereinsamteren Weg ein , der im Freien durch die Reihen der Bäume der Vorstadt zuführte . Ich schritt neben den düsteren Laternen vorbei , kam wieder in die Gassen der Vorstadt , durchging sie , und war endlich in dem Hause meiner Eltern . Es war beinahe Mitternacht geworden . Die Mutter , welche es sich bei solchen Gelegenheiten nicht nehmen läßt , besonders auf die Gesundheit der Ihrigen bedacht zu sein , war noch angekleidet , und wartete meiner im Speisezimmer . Die Magd , welche mir die Wohnung geöffnet hatte , sagte mir dieses und wies mich dahin . Die Mutter hatte noch ein Abendessen für mich in Bereitschaft , und wollte , daß ich es einnehme . Ich sagte ihr