! Wie lang ... wie lang ... ich hab ' dich , ich hab ' dich , ich danke Dir Gott tausend und tausendmal ! O mein Kind ! Ich sehe dich mit tausend Augen und tausendfach ... Nein da , da deine Hand ! ... Komm ' her ! dort in der Kiste die Aussteuer ... Nehmt das Tuch ... Mein Sohn ! Mein Sohn ! Ja , ja , die ist dein ... Johannes , mein Sohn ! mein Sohn ! « Sie lachte krampfhaft auf und fiel zurück in ' s Bett . Amrei und Johannes waren davor niedergekniet und als sie sich aufrichteten und sich über die Alte beugten , athmete sie nicht mehr . » O Gott , sie ist todt , die Freude hat sie getödtet ! « schrie Barfüßele , » und sie hat dich für ihren Sohn gehalten . Sie ist glücklich gestorben . O ! wie ist denn das Alles in der Welt , o wie ist das Alles ! « Sie sank wiederum am Bett nieder und weinte und schluchzte bitterlich . Endlich richtete sie Johannes auf und Barfüßele drückte der Todten die Augen zu . Sie stand lange mit Johannes still am Bette , dann sagte sie : » Komm ' , ich will Leute wecken , daß sie bei der Leiche wachen . Gott hat ' s wunderbar gut gemacht . Sie hat Niemand mehr gehabt , der für sie sorgt , wenn ich fort bin , und Gott hat ihr noch die höchste Freude in der letzten Minute gegeben . Wie lang , wie lang hat sie auf diese Freude gewartet ! « » Ja , jetzt kannst aber heute nicht hier bleiben , « sagte Johannes , » und jetzt folgst mir und gehst gleich heute noch mit mir . « Barfüßele weckte die Frau des Todtengräbers und schickte sie zur schwarzen Marann ' , und sie war so wunderbar gefaßt , daß sie dieser sogleich sagte , man solle die Blumen , die auf ihrem Fensterbrett stehen , auf das Grab der schwarzen Marann ' pflanzen und nicht vergessen , daß man ihr , wie sie immer gewünscht hätte , ihr Gesangbuch und das ihres Sohnes unter den Kopf lege . Als sie endlich Alles angeordnet hatte , richtete sie sich hoch auf , streckte und bäumte sich , und sagte : » So ! Jetzt ist Alles fertig ; aber verzeih mir nur , du guter Mensch , daß du jetzt gleich so mit mir in das Elend hinein sehen mußt und verzeih mir auch , wenn ich jetzt nicht so bin wie ich eigentlich sein möcht ' ; ich seh ' wohl , es ist Alles gut , und Gott hätt ' s nicht besser machen können , aber der Schreck liegt mir noch in allen Gliedern , und Sterben ist doch gar eine harte Sache , du kannst nicht glauben , wie ich mir darüber fast das Hirn aus dem Kopf gedacht habe . Aber jetzt ist ' s schon gut , ich will schon wieder heiter sein , ich bin ja die glückseligste Braut auf Erden . « » Ja , du hast Recht , komm , wir wollen fort . Willst du mit mir auf dem Gaul sitzen ? « fragte Johannes . » Ja . Ist das noch der Schimmel den du auf der Endringer Hochzeit gehabt hast ? « » Freilich . « » Und o ! der Rodelbauer ! Schickt der noch in der Nacht eh du kommst nach Lauterbach und läßt sich einen Schimmel holen , damit du in ' s Haus kommen kannst . Hotto ! Schimmele , geh ' nur wieder heim , « schloß sie fast freudig , und so kehrten sie in Denken und Empfinden wieder in ' s gewöhnliche Leben zurück und lernten aus ihm ihre Glückseligkeit neu kennen . 16. Silbertrab . » Nicht wahr , es ist kein Traum ? Wir sind Beide mit einander wach , und morgen wird ' s Tag und dann wieder ein Tag und so tausendmal fort ? So sprach Barfüßle mit dem Lux , der bei ihr verblieben war , während Johannes drin im Stall den Schimmel aufschirrte . Jetzt kam er heraus , packte den Sack auf und sagte : Da sitz ' ich drauf und du sitzest vor mir im Sattel . « » Laß mich lieber auf meinem Sack sitzen . « » Wie du willst . « Er schwang sich hinauf , dann sagte er : » So , jetzt tritt auf meinen Fuß , tritt nur fest drauf und gieb mir deine beiden Hände , « und leicht schwang sie sich hinauf und er hob sie empor und küßte sie und sagte dann : » Jetzt kann ich mit dir machen was ich will , du bist in meiner Gewalt . « » Ich fürchte mich nicht , « sagte Barfüßele , » und du bist auch in meiner Gewalt . « Schweigend ritten sie mit einander durch das Dorf hinaus . Im letzten Haus brannte noch ein Licht , dort wachte die Todtengräberin bei der Leiche der Marann ' und Johannes ließ Barfüßele sich ausweinen . Erst als sie über den Holderwasen ritten , sagte Barfüßele : » Da hab ' ich einen ganzen Sommer die Gänse gehütet und da hab ' ich einmal deinem Vater zu trinken gegeben aus dem Brunnen dort . Behüt ' dich Gott du Holzbirnenbaum , und euch , ihr Felder und ihr Wälder ! Es ist mir , wie wenn ich Alles nur geträumt hätte , und verzeih mir nur , lieber Johannes , ich möcht ' mich freuen und kann doch nicht und darf doch nicht , wenn ich denk ' , daß da drin eine Todte liegt ; es ist eine Sünde wenn ich mich freue und eine Sünde , wenn ich mich nicht freue . Weißt was , Johannes ? Ich sag ' , es ist schon ein Jahr um und ich freue mich ; aber nein , über ' s Jahr ist schön und heut ' ist auch schön , ich freue mich heut ' , just . Jetzt reiten wir in den Himmel hinein ! Ach , was hab ' ich da auf dem Holderwasen für Träume gehabt , daß der Kukuk vielleicht ein verzauberter Prinz sei , und jetzt sitz ' ich auf dem Gaul und jetzt bin ich Salzgräfin geworden . Das freut mich , daß du mich Salzgräfin geheißen hast ; ich weiß , daß sie jetzt in Haldenbrunn darüber spötteln , aber mir ist ' s recht , daß du mich Salzgräfin geheißen hast . Kennst du denn auch die Geschichte von dem : so lieb wie das Salz ? « » Nein , was ist denn das ? « » Es ist einmal ein König gewesen und der fragt seine Tochter : wie lieb hast du mich denn ? « und da sagte sie : ich hab ' dich so lieb ... so lieb wie das Salz . Der König denkt , das ist eine einfältige Antwort und ist bös darüber . Es vergeht nicht lange Zeit , da giebt der König eine große Gasterei und die Tochter macht es , daß alle Speisen ungesalzen auf den Tisch kommen . Da hat ' s natürlich dem König nicht geschmeckt und er fragt die Tochter : warum ist denn heut Alles so schlecht gekocht ? das schmeckt ja Alles nach gar nichts - und da sagt sie : seht Ihr nun ? Weil das Salz fehlt . Und hab ' ich nun nicht Recht gehabt , daß ich gesagt habe , ich hab ' Euch so lieb , so lieb wie das Salz ? Der König hat ihr Recht gegeben und darum sagt man noch heutigen Tages : so lieb wie das Salz . Die Geschichte hat mir die schwarze Marann ' erzählt . Ach Gott , die kann jetzt nicht mehr erzählen . Da drin liegt eine Todte und horch ! dort schlägt die Nachtigall , so glückselig . Aber jetzt vorbei . Ich will schon deine Salzgräfin sein , Johannes . Du sollst es schon spüren . Ja , ich bin glückselig , just , o die Marann ' hat ja auch gesagt : Gott freut sich , wenn die Menschen lustig sind , wie sich Eltern freuen , wenn ihre Kinder tanzen und singen ; getanzt haben wir schon und jetzt komm ' , jetzt wollen wir singen . Wend ' jetzt da links ab in den Wald , wir reiten zu meinem Bruder , sie haben jetzt den Meiler da unten an der Straße . - Sing ' Nachtigall ! wir singen mit ! » Nachtigall , ich hör ' dich singen ; Das Herz im Leib möcht ' mir zerspringen ; Komm nur bald und sag mir wohl , Wie ich mich verhalten soll ! « Und die Beiden sangen allerlei Lieder , traurig und lustig , ohne Aufhören , und Barfüßele sang die zweite Stimme ebenso wie die erste . Am meisten aber sangen sie den Ländler , den sie auf der Endringer Hochzeit dreimal mit einander getanzt und so oft sie absetzten , berichtete bald das Eine bald das Andere wie es des Fernen gedacht und Johannes sagte : » Es ist mir schwer geworden , den Ländler aus dem Kopf zu kriegen , denn da hast du immer drin herum getanzt . Ich hab ' keine Magd zur Frau haben wollen , denn ich muß dir nur sagen , ich bin stolz . « » Das ist recht , ich bin ' s auch . « Nun erzählte Johannes , wie er mit sich gekämpft habe , wie das aber nun gut sei , denn jetzt sei Alles vorbei . Er berichtete , wie er zum Ersten- und Zweitenmal in die Heimath der Mutter geschickt worden , um sich von da eine Frau zu holen . Wie ihm Barfüßele damals beim Antritt in Endringen gleich in ' s Herz gestiegen sei , er habe es gespürt und sich darum nicht zu erkennen gegeben , als er gehört , daß sie eine Magd sei . Barfüßele berichtete dagegen von dem Benehmen der Rosel in Endringen und wie sie ' s damals zum erstenmal gekränkt habe , daß die Nosel sagte : es ist nur unsere Magd ; und wie sie dann ihren Mißmuth zuerst an ihm ausgelassen und doch dann von ihm geträumt und es ihm doppelt angerechnet habe , daß er so gut gegen sie war . Und nach allerlei beweglicher Hin-und Widerrede schloß Johannes : » Ich könnte närrisch werden , wenn ich mir denken will , es hätte anders kommen können . Wie könnte das nur sein , ich zöge mit einer andern als du heimwärts ? Wie wäre das nur möglich ? « Nach ihrer besonnenen Art sagte Barfüßele : » Denk ' nicht zu viel , wie ' s hätt ' anders sein können ; so und so , und anders . Wie ' s einmal ist , ist es recht und muß recht sein , sei ' s Freud ' oder Leid , und Gott hat ' s so gewollt und jetzt ist ' s an uns , daß wir ' s weiter recht machen . « » Ja , « sagte Johannes , » wenn ich die Augen zumache und dich so reden höre , so meine ich , ich höre meine Mutter . Grade so hätte sie auch gesagt . Und auch deine Stimme ist fast so . « » Sie muß jetzt von uns träumen , « sagte Barfüßele . » Ich glaub ' s ganz gewiß und fest . « Und nach ihrer Art inmitten aller lebenssichern Fassung doch erfüllt von allerlei Wundersamem , mit dem ihre Jugend vollgepfropft war , sagte sie jetzt : » Wie heißt denn dein Gaul ? « » Wie er aussieht . « » Nein , wir wollen ihm einen Namen geben , und weißt du wie ? Silbertrab . « Und nach der Weise des Ländlers , den sie mit einander getanzt , sang jetzt Johannes immer und immer das eine Wort : Silbertrab ! Silbertrab ! und Barfüßele sang mit , und eben jetzt indem sie keinerlei Worte mehr sangen , die irgend was sagten , ward ihre Lustigkeit die reine , volle , unbegrenzte , sie konnten allerlei Jubel hineinlegen und hinausklingen lassen . Und wieder hing sich allerlei Jodeln daran ; denn es giebt ein Glockengeläute in der Seele , das keinen zusammenhängenden Ton mehr hat , keine bestimmte Weise und doch Alles in sich schließt ; und hin und her und auf und ab in Jubeltönen schwang und wiegte sich das Herz der Liebenden . Und wieder ging ' s an Schelmenlieder und Amrei sang : » Mein Schatz halt ' ich fest , Wie der Baum seine Aest , Wie der Apfel seinen Kern , Ich hab ' ihn so gern . « Und Johannes erwiderte : » In Ewigkeit laß ich mein Schätzele net ( nicht ) Und wenn es der Teufel am Kettele hät ; Am Kettele , am Schnürle , am Bändele , am Seil , In Ewigkeit mir mein Schätzle nicht feil . « Und wieder sang Amrei : » Tausendmal denk ' ich dran , Wie mein Schatz tanzen kann ' rum und ' num hin und her , Wie ich ' s begehr ' . « Johannes sang wieder : » Und alleweil ein bisle lustig Und alleweil fidel , Der Teufel ist g ' storben , ' s kommt niemand in d ' Höll ' ! « Und jetzt sangen sie gemeinsam in langgezogenen Tönen das tiefe Lied : » Auf Trauern folgt große Freud , Das tröstet mich allezeit ; Weiß mir ein schwarzbraunes Mägdelein Die hat zwei schwarzbraune Aeugelein , Die mir mein Herz erfreut . « » Mein eigen will sie sein , Keinem Andern mehr als mein , Und so leben wir in Freud und Leid Bis uns der Tod von einander scheidt . « Das war ein helles Klingen im Wald wo der Mondschein durch die Wipfel spielte und an Zweigen und Stämmen hing und zwei fröhliche Menschenkinder mit der Nachtigall um die Wette sangen . - Und drunten beim Meiler saß noch in stiller Nacht der Dami beim Kohlenbrenner und der Kohlenbrenner , der in der Nacht gern sprach , erzählte allerlei Wundergeschichten aus der Vergangenheit , wo der Wald hier zu Lande noch so geschlossen bestanden war , daß ein Eichhörnchen ohne auf den Boden zu kommen von Baum zu Baum vom Neckar bis zum Bodensee hüpfen konnte und jetzt eben berichtete er die Geschichte vom Schimmelreiter , der eine Wandlung des alten Heidengottes ist und überall Glanz und Pracht verbreitet und Glück ausgießt . Es giebt Sagen und Märchen , die sind für die Seele , was für das Auge das Hineinstarren in ein loderndes Feuer : wie das züngelt und sich verschlingt und in bunten Farben spielt , hier verlischt und dort wieder ausbricht und plötzlich wieder Alles in eine Flammenwoge sich erhebt . Und wendest du dich ab von der Flamme , so ist die Nacht noch dunkler . So hörte Dami zu und so schaute er sich manchmal um , und der Kohlenmathes erzählte eintönig fort . Da hielt er inne , dort kam vom Berg herab ein Schimmel und drauf sang es so lieblich . Will die Wunderwelt herabsteigen ? Und immer näher kam das Pferd und darauf sah ein wunderlicher Reiter , so breit und hatte zwei Köpfe , und das kam immer näher und jetzt rief bald eine Männerstimme bald eine Frauenstimme : Dami ! Dami ! Dami ! Die Beiden wollten in den Boden sinken vor Schreck , sie konnten sich nicht bewegen , und jetzt war es da , und jetzt stieg es ab und : » Dami , ich bin ' s ! « rief Barfüßele und erzählte Alles was geschehen war . Dami hatte gar nichts zu sagen und streichelte nur bald das Pferd und bald den Hund und nickte als Johannes versprach : er wolle ihn zu sich nehmen und ihn zum Almhirten machen , er solle dreißig Kühe auf der Alm haben und Buttern und Käsen lernen . » Du kommst aus dem Schwarzen in ' s Weiße , « sagte Barfüßele , » da könnte man ein Räthsel daraus machen . « Dami gewann endlich die Sprache und sagte : » Und ein Paar lederne Hosen auch . « Alle lachten und er erklärte , daß ihm die Landfriedbäuerin noch ein Paar lederne Hosen schuldig sei . » Ich geb ' dir einstweilen meine Pfeife , da , das soll die Schwagerpfeife sein , « sagte Johannes und reichte Dami seine Pfeife . » Ja , dann hast du ja keine , « sagte Amrei in halber Einrede . » Ich brauch ' jetzt keine . « Wie selig sprang Dami in die Höhe und in die Blockhütte hinein , mit seiner silberbeschlagenen Pfeife , aber man hätte es nicht glauben sollen , daß er einen so fröhlichen Spaß machen könne ; nach einer Weile kam er wieder und hatte den Hut des Kohlenmathes auf und seinen langen Rock an und in jeder Hand eine lange Fackel . Mit gravitätischem Gang und Ton ließ er nun die Brautleute an : » Was ist das ? Da , Johannes , da hab ' ich zwei Fackeln , da will ich dir mit heimleuchten . Wie kommst du dazu , so mir nichts dir nichts meinem Schwester fortzunehmen ? Ich bin der großjährige Bruder und bei mir mußt du um sie anhalten und ehe ich Ja ! gesagt habe gilt Alles nichts . « Amrei lachte fröhlich und Johannes hielt förmlich bei Dami um die Hand seiner Schwester an . Dami wollte den Scherz noch weiter treiben , denn er gefiel sich in der Rolle , in der ihm einmal so Etwas gelungen war . Aber Amrei wußte , daß da kein Verlaß auf ihn war ; er konnte allerlei Albernheit vorbringen und den Scherz in sein Gegentheil verkehren . Sie sah schon , wie der Dami mehrmals die Hand auf und zu machend nach dem Uhrgehänge des Johannes griff und immer wieder , bevor er es gefaßt , zurückzog ; sie sagte daher streng , wie man einem tollenden Kinde wehrt : » Jetzt ist ' s genug : das hast du gut gemacht , jetzt laß es dabei ! « Dami entlarvte sich wieder und sagte nur noch zu Johannes : » So ist ' s recht ! Du hast eine stahlbeschlagene Frau und ich eine silberbeschlagene Pfeife . « Als Niemand lachte , setzte er hinzu : » Gelt , Schwager , das hättest du nicht geglaubt , daß du so einen gescheiten Schwager hast ? Ja , sie hat ' s nicht allein , wir sind in Einem Topf gekocht . Ja Schwager ! « Er schien als wollte er die Freude : Schwager ! sagen zu können , völlig auskosten . Man stieg endlich wieder auf , denn das Brautpaar wollte noch nach der Stadt und schon als sie ein Stück weg waren , schrie Dami in den Wald : » Schwager ! Vergiß meine ledernen Hosen nicht ! « Helles Lachen antwortete , und wiederum tönte Gesang und die Brautleute ritten fort und fort in die Mondnacht hinein . 17. Ueber Berg und Thal . Es läßt sich nicht so fortleben in gleichem Athem , es wechseln Nacht und Tag , lautlose Ruhe und wildes Rauschen und Brausen und die Jahreszeiten alle . So im Leben der Natur , so im Menschenherzen , und wohl dem Menschenherzen , das auch in aller Bewegung sich nicht aus seiner Bahn verirrt . Es war Tag geworden , als die beiden Liebenden vor der Stadt ankamen und schon eine weite Strecke vorher , als ihnen der erste Mensch begegnete , waren sie abgestiegen . Sie fühlten , daß ihre Auffahrt gar seltsam erscheinen mußte und der erste Mensch war ihnen wie ein Bote der Erinnerung , daß sie sich wieder einfinden müßten in die gewohnte Ordnung der Menschen und ihre Herkömmlichkeiten . Johannes führte das Pferd an der einen Hand , mit der andern hielt er Amrei , sie gingen lautlos dahin , und so oft sie einander ansahen , erglänzten ihre Gesichter wie die von Kindern , die aus dem Schlaf erwachen . So oft sie aber wieder vor sich niederschauten , waren sie gedankenvoll und bekümmert um das , was nun werden sollte . Als ob sie mit Johannes schon darüber gesprochen hätte , und in der unmitelbaren Zuversicht , daß er das Gleiche gedacht haben müsse , wie sie , sagte jetzt Amrei : » Freilich wohl wär ' s gescheiter gewesen , wir hätten die Sache ruhiger gemacht ; du wärst zuerst heim und ich war ' derweil wo geblieben , meinetwegen wenn nicht anders beim Kohlenmathes im Wald , und du hättest mich dann abgeholt mit deiner Mutter oder mir geschrieben und ich wäre nachgekommen mit meinem Dami Aber weißt du , was ich denk ' ? « » Just Alles weiß ich noch nicht . « » Ich denke , daß Reue das Dümmste ist , was man in sich aufkommen lassen kann . Wenn man sich den Kopf herunter reißt , man kann Gestern nicht mehr zu Heute machen . Was wir gethan haben , so mitten drin , in dem Jubel , das ist recht gewesen und muß recht bleiben . Da kann man jetzt , wenn man ein bischen nüchtern ist , nicht darüber schimpfen . Jetzt müssen wir nur daran denken , wie wir weiter Alles gut machen und du bist ja so ein gerader Mensch , du wirst sehen , kannst Alles mit mir überlegen , sag ' mir nur Alles frei heraus . Kannst mir sagen was du willst ; du thust mir nicht weh damit ; aber wenn du mir Etwas nicht sagst , da thust mir weh damit . Gelt du hast auch keine Reue ? « » Kannst du ein Räthsel lösen ? « fragte Johannes . » Ja , das habe ich als Kind gut können . « » Nun so sag ' mir : was ist das ? Es ist ein einfaches Wort , thut man den ersten Buchstaben vorn ' runter , da möcht ' man sich den Kopf ' runter reißen , und thut man ihn wieder auf , da ist alles fest . « » Das ist leicht , « sagte Barfüßele , » kinderleicht , das ist Reu ' und Treu ' . « Und wie die Lerchen über ihnen zu singen begannen , so sangen sie jetzt auch das Räthsellied und Johannes begann : » Ei Jungfrau , ich will dir was aufzurathen geben , Wann du es errathest so heirath ' ich dich : Was ist weißer als der Schnee ? Was ist grüner als der Klee ? Was ist schwärzer als die Kohl ' ? Willst du mein Weibchen sein . Errathen wirst du ' s wohl . « Amrei : » Die Kirschenblust ( Blüthe ) ist weißer als der Schnee Und wann sie verblühet hat grüner als der Klee , Und wann sie verreifet hat schwärzer als die Kohl ' , Weil ich dein Weiblein bin , errathen kann ich ' s wohl . « Johannes : » Was für ein König hat keinen Thron ? Was für ein Knecht hat keinen Lohn ? « Amrei : » Der König in dem Kartenspiel hat keinen Thron , Der Stiefelknecht hat keinen Lohn . « Johannes : » Welches Feuer hat keine Hitz ? Und welches Messer hat keine Spitz ? « Amrei : » Ein abgemaltes Feuer hat keine Hitz , Ein abgebrochenes Messer hat keine Spitz . « Plötzlich schnalzte Johannes mit den Fingern und sagte : » Jetzt gieb Acht , « und er sang : » Was hat keinen Kopf und doch einen Hals ? Und was schmeckt gut ohne Salz und Schmalz ? « Amrei erwiderte rasch : » Die Flasch ' hat keinen Kopf und doch einen Hals , Und Alles was gezuckert ist schmeckt ohne Schmalz und Salz . « » Du hast ' s nur halb errathen , « lachte Johannes , » bist in der Küche stecken geblieben « ; ich hab ' s so gemeint : » Die Flasch ' hat keinen Kopf und doch einen Hals , Und der Kuß von deinem Mund schmeckt ohne Schmalz und Salz . « Und nun sangen sie noch den letzten Vers des vielgewundenen Räthselliedes : » Was für ein Herz thut keinen Schlag ? Was für ein Tag hat keine Nacht ? « » Das Herz an der Schnalle thut keinen Schlag , Der allerjüngste Tag hat keine Nacht . « » Ei Jungfrau , ich kann ihr nichts aufzurathen geben , Und ist es ihr wie mir , so heirathen wir . « » Ich bin ja keine Schnalle , mein Herz thut manchen Schlag , Und eine schöne Nacht hat auch der Hochzeitstag . « Am ersten Wirthshaus vor dem Thor kehrten sie ein und Amrei sagte , als sie mit Johannes in der Stube war und dieser einen guten Kaffee bestellt hatte : » Die Welt ist doch prächtig eingerichtet ! Da haben die Leute ein Haus hergestellt und Stühle und Bänke und Tische und eine Küche , darauf brennt das Feuer und da haben sie Kaffee und Milch und Zucker und das schöne Geschirr und das richten sie Alles her , wie wenn wir ' s bestellt hätten , und wenn wir weiter kommen , sind immer wieder Leute da und Häuser und Alles drin . Es ist gerade wie im Mährlein : Tischlein deck ' dich ! « » Aber Knüppel aus dem Sack ! gehört auch dazu , « sagte Johannes , griff in die Tasche und holte eine Hand voll Geld heraus , » ohne das kriegst du nichts . « » Ja freilich , « sagte Amrei , » wer diese Räder hat , der kann durch die Welt rollen . Sag ' Johannes , hat dir je in deinem Leben ein Kaffee so geschmeckt , wie der ? Und das frische Weißbrod ! Du hast nur zu viel bestellt ; wir kennen das nicht Alles ermachen ; das Weißbrod das steck ' ich zu mir , aber es ist schad um den guten Kaffee ; o ! wie manchem Armen thät ' der wohl , und wir müssen ihn da stehen lassen und du mußt ihn doch bezahlen . « » Das macht nichts , man kann ' s nicht so genau nehmen in der Welt . « » Ja , ja , du hast Recht , ich bin halt noch genau gewöhnt ; mußt mir ' s nicht übel nehmen ; wenn ich so was sage , es geschieht im Unverstand . « » Das hast du leicht sagen , weil du weißt , daß du gescheit bist . « Amrei stand bald auf , sie glühte vor Hitze , und als sie jetzt vor dem Spiegel stand , rief sie laut : » O lieber Gott ! bin denn ich das ? Ich kenn ' mich gar nicht mehr . « » Aber ich kenn ' dich , « sagte Johannes , » du heißt Amrei und Barfüßele und Salzgräfin , aber das ist noch nicht genug , du kriegst jetzt noch einen Namen dazu : Landfriedbäuerin ist auch nicht übel . « » O lieber Gott ! kann denn das sein ? Ich meine jetzt , es wäre nicht möglich . « » Ja es giebt noch harte Bretter zu bohren , aber das ficht mich nichts an . Jetzt leg ' dich ein wenig schlafen , ich will derweil nach einem Bernerwägele umschauen ; du kannst am Tag nicht mit mir reiten , und wir brauchen ohnedies eins . « » Ich kann nicht schlafen , ich muß noch einen Brief nach Haldenbrunn schreiben ; ich bin so fort und hab ' doch auch viel Gutes genossen da , und hab ' auch noch andre Sachen anzugeben . « » Ja , mach ' das , bis ich wieder komm ' . « Johannes ging davon , und Amrei schaute ihm mit seltsamen Gedanken nach : da geht er und gehört doch zu dir , und wie er so stolz geht ! Ist es denn möglich , daß es wahr ist , er ist dein ? Er schaut nicht mehr um , aber der Hund , der mit ihm geht ; Amrei winkt ihm und lockt ihn , und richtig , da kommt er zurück gerannt . Sie ging ihm vor das Haus entgegen , und als er an ihr hinauf sprang , sagte sie : » Ja , ja , schon gut , es ist recht von dir , daß du bei mir bleibst , daß ich nicht so allein bin ; aber jetzt komm ' herein , ich muß schreiben . « Sie schrieb einen großen Brief an den Schultheiß in Haldenbrunn , dankte der ganzen Gemeinde für die Wohlthaten , die sie empfangen , und versprach : einstens ein Kind aus dem Ort zu sich zu nehmen , wenn sie es machen könne , und verpflichtete nochmals den Schultheiß , daß man der schwarzen Marann ' ihr Gesangbuch unter den Kopf lege . Als sie den Brief zusiegelte , preßte sie ihre Lippen dabei zusammen und sagte : » So , jetzt bin ich fertig mit dem was in Haldenbrunn noch lebt . « Sie riß aber doch schnell den Brief wieder auf , denn sie hielt es für Pflicht , Johannes zu zeigen , was sie geschrieben . Dieser aber kam lange nicht und Amrei erröthete , als die gesprächsame Wirthin sagte : »