rüsten ; wenn er angreift , aufs Haupt schlagen , das ist so einfach , daß man eigentlich keinen drum zu fragen braucht . Ich glaube , das viele Bedenken und Erwägen hat der böse Feind als Unkraut auf die deutsche Erde gestreut . Wer schwankt , ist dem Fallen nah , und wer ' s zu sein machen will , der gräbt sich selbst sein Grab : Wir rüsten ! « Die bewegte und bald gefährliche Lage schuf der Herzogin eine freudige Stimmung : so ist die Forelle wohlgemut im rauschenden Gießbach , der über Fels und Trümmer schäumt , im stillen Wasser verkommt sie . Und Beispiel , fester Entschlossenheit oben ist nie vergeblich . Da trafen sie ihre Vorbereitung zum Empfang des Feindes . Vom Turm des hohen Twiel wehte die Kriegsfahne154 weit ins Land hinaus ; durch Wald und Feld bis an die fernsten in den Talgründen versteckten Meierhöfe klang das Heerhorn , die Mannen aufzubieten ; nur Armut befreite von Kriegspflicht . Wer mehr als zwei Mansen LandA1 sein eigen nannte , ward befehligt , beim ersten Ruf in Wehr und Waffen sich zu stellen . Der Hohentwiel sollte der Sammelplatz sein , ihn hatte die Natur dazu gefestet . Boten durchflogen das Hegau . Das Land hub an , sich zu rühren ; hinten im Tannwald standen die Köhler beisammen , den schweren Schürhaken schwang einer überm Haupt wie zum Einhauen . » Es tut sich ! « sprach er , » ich geh ' auch mit ! « An die Türen der Pfarrherrn , der Alten und Bresthaften ward geklopft ; wer nicht ausziehen kann , soll beten ; an alle Ufer des Sees ging die Kunde , auch hinüber nach Sankt Gallen . Auf die friedliche Insel Reichenau ging Ekkehard ; die Herzogin gebot ' s. Der Gang wär ' ihm sauer gefallen , hätt ' es sich um anderes gehandelt . Er brachte dem gesamten Kloster die Einladung auf den hohen Twiel für die Zeit der Gefahr . Dort war schon alles in Bewegung . Beim Springbrunnen im Klostergarten ergingen sich die Brüder ; es war ein linder Frühlingstag ; aber keiner dachte ernsthaft dran , sich des blauen Himmels zu freuen , sie sprachen von den bösen Zeiten und ratschlagten ; es wollt ' ihnen schwer einleuchten , daß sie aus ihren stillen Mauern ausziehen sollten . Der heilige Marcus , hatte einer gesagt , wird seine Schutzbefohlenen schirmen und den Feind mit Blindheit schlagen , daß er vorbeireitet , oder das Grundgewelle des Bodensees aufschäumen lassen , daß es ihn verschlinge wie das Rote Meer die Ägypter . Aber der alte Simon Bardo sprach : » Die Rechnung ist nicht ganz sicher , und wenn ein Platz nicht sonst mit Turm und Mauern umwallt ist , bleibt Abziehen rätlicher . Wo aber noch eines Schillings Wert zu finden ist , da reitet kein Hunne vorbei ; legt einem Toten ein Goldstück aufs Grab , so wächst ihm noch die Hand aus der Erde und greift danach . « » Heiliger Pirminius ! « klagte der Bruder Gärtner , » wer soll den Kraut- und Gemüsgarten bestellen , wenn wir fort müssen ? « - » Und die Hühner ? « sprach ein anderer , dessen teuerste Kurzweil in Pflege des Hühnerhofes bestund , » haben wir die drei Dutzend welsche Hahnen für den Feind ankaufen müssen ? « » Wenn man ihnen einen eindringlichen Brief schriebe « , meinte ein dritter ; » sie werden doch keine solche Unmenschen sein , Gott und seine Heiligen zu kränken . « Simon Bardo lächelte : » Werd ' ein Lämmerhirt « , sprach er mitleidig , » und trink ' einen Absud vom Kraut Camvmilla , der du den Hunnen eindringliche Briefe schreiben willst . O , daß ich meinen alten Oberfeuerwerker Kedrenos mit über die Alpen gebracht ! Da wollten wir ein Licht wider den Feind ausgehen lassen , schärfer als der milde Mondschein über dem Krautgärtlein , der dem seligen Abt Walafrid155 so weiche Erinnerungen an seine Freundin in der Seele wach rief . Dort an der Landzunge ein paar Schiffe versenkt , hier am Hafenplatz desgleichen , - und mit den langen Brandröhren den Uferplatz bestrichen : hei , wie würden sie auseinanderstieben , wenn ' s durch die Luft flöge wie ein feuriger Drache und seinen Naphthabrandregen aussprühte ! Aber was weiß euer einer von griechischem Feuer156 ? ! O Kedrenos , Feuerwerker Kedrenos ! « Ekkehard war ins Kloster eingetreten . Er fragte nach dem Abt . Ein dienender Bruder wies ihm dessen Gemächer . Er war nicht drinnen und auch anderwärts nicht zu finden . » Er wird in der Rüstkammer sein « , sprach ein Mönch im Vorübergehen zu ihnen . Da führte der dienende Bruder Ekkehard in die Rüstkammer ; sie war auf dem hohen Klosterspeicher , viel Harnisch und Gewaffen lag droben aufgehäuft , mit denen das Kloster seine Kriegsleute zum Heerbann ausstattete . Abt Wazmann stand drin , eine Staubwolke verhüllte ihn dem Blick der Eintretenden , er hatte die Rüstungen von den Wänden abnehmen lassen und gemustert . Staub und Rost waren Zeuge , daß sie lange Ruhe gehabt . Beim Mustern hatte der Abt schon an sich selber gedacht ; sein Obergewand lag ausgezogen vor ihm , der blonde Klosterschüler hatte ihm einen Ringpanzer umgeworfen , er reckte seine Arme , ob er ihm fest und bequemlich sitze . » Tretet näher ! « rief er Ekkehard zu , » andere Zeiten , anderer Empfang ! « Ekkehard teilte ihm der Herzogin Aufforderung mit . » Ich hätt ' selber auf dem hohen Twiel drum nachgesucht , wenn Ihr nicht gekommen wäret « , sprach der Abt . Er hatte ein langes Schwert ergriffen und schlug einen Lufthieb , daß Ekkehard etliche Schritte zurückwich ; dem scharfen Pfeifen der Luft war zu entnehmen , daß es nicht der erste , den er in seinem Leben führte . » ' s wird Ernst « , sprach er . » Zu Altdorf im Schussental sind sie schon eingekehrt ; bald wird sich die Flamme von Lindau im See spiegeln . Wollt Ihr Euch auch einen Harnisch auslesen ? Der Mit dem Wehrgehenk dort fängt Stich und Hieb so gut wie das feinste NothemdA2 , das je eine Jungfrau spann . « Ekkehard dankte . Der Abt stieg mit ihm aus der Rüstkammer hinunter . Der Ringelpanzer behagte ihm , er warf die braune Kapuze drüber um ; so trat er in den Garten unter die zagenden Brüder wie ein Riese des Herrn157 . » Der heilige Marcus ist heut nacht vor mein Lager , getreten « , rief der Abt ; » nach dem hohen Twiel hat er gedeutet ; dorthin wollen meine Gebeine , daß keines Heiden Hand sie entweihe . Auf und rüstet euch ! In Gebet und Gottvertrauen hat seither eure Seele den Kampf mit dem bösen Feind gekämpft , jetzt sollen eure Fäuste weisen , daß ihr Kämpfer seid . Denn die da kommen , sind Söhne der Teufel ; Alraunen und Dämonen in asischer Wüste haben sie erzeugt ; Teufelswerk ist ihr Treiben , zur Hölle werden sie zurückfahren , wenn ihre Zeit um158 ! « Da ward auch dem sorglosesten der Brüder deutlich , daß eine Gefahr im Anzug . Beifällig Murmeln ging durch die Reihen , sie waren von Pflege der Wissenschaft noch nicht so weich gemacht , daß ihnen ein Kriegszug nicht als löbliche Abwechslung erschienen wäre . An einen Apfelbaum gelehnt stand Rudimann , der Kellermeister , bedenkliche Falten auf der Stirn . Ekkehard ersah ihn , schritt auf ihn zu und wollte ihn umarmen als Zeichen , daß gemeinsame Not alten Zwist ausebne . Rudimann aber winkte ihm ab : » Ich weiß , was Ihr wollet ! « - Aus dem Saum seiner Kutte zog er einen groben härenen Faden , warf ihn auf die Erde und trat darauf . » Solang ' ein hunnisch Roß die deutsche Erde stampft « , sprach er , » soll alle Feindschaft aus meinem Herzen gerissen sein , wie dieser Faden aus meinem Gewand159 ; überleben wir den Streit , so mag ' s wieder eingefädelt werden , wie sich ' s geziemt ! « Er wandte sich und schritt nach seinem Keller zu wichtiger Arbeit . In Reih ' und Glied lagen dort den hochgewölbten Raum entlang die Stückfässer als wie in Schlachtordnung , und keines klang hohl , so man anklopfte . Rudimann hatte etliche Maurer bestellt ; jetzt ließ er einen Vorplatz , wo sonst Kraut und Frucht bewahrt lag , herrichten , als wär ' das der Klosterkeller ; zwei Fäßlein und ein Faß pflanzten sie drin auf . Findet der Feind gar nichts vor , so schöpft er Verdacht , also hatte der Kellermeister bei sich überlegt , - und wenn die Sipplinger Auslese , die ich preisgebe , ihre Schuldigkeit tut , wird manch ein hunnischer Mann ein bös Weiterreiten haben . Schon hatten die Werkleute die Quadersteine gerichtet zu Vermauerung der inneren Kellertür , - noch einmal ging Rudimann hinein ; aus einem verwitterten Faß zapfte er sein Krüglein und leerte es wehmütig ; dann faltete er die Hände wie zum Gebet : » Behüt dich Gott , roter Meersburger ! ! « sprach er . Eine Träne stund in seinen Augen ... Rühriges Treiben ging allenthalben durchs Kloster . In der Rüstkammer wurden die Waffen verteilt , es waren viel Häupter und wenig Helme , der Vorrat reichte nicht . Auch war viel Lederwerk zerfressen und mußte erst geflickt ' werden . In der Schatzkammer ließ der Abt die Kostbarkeiten und Heiligtümer verpacken : viel schwere Truhen wurden gefüllt , das güldne Kreuz mit dem heiligen Blut , die weiße Marmorurne , aus der einst die Hochzeitgäste in Cana den Wein schöpften , Reliquiensärge , Abtsstab , Monstranz - alles ward sorglich eingetan und auf die Schiffe verbracht . Sie schleppten auch den schweren , durchsichtig grünen Smaragd bei , achtundzwanzig Pfund wog er . » Den mögt ihr zurücklassen « , sprach der Abt . » Das Gastgeschenk des großen Kaiser Karl ? des Münsters seltenstes Kleinod , wie keines mehr in den Tiefen der Gebirge verborgen ruht ? « fragte der dienende Bruder . » Ich weiß einen Glaser in Venezia , der kann einen neuen machen , wenn diesen die Hunnen fortschleppen160 « , erwiderte leichthin der Abt . Sie stellten das Juwel in den Schrank zurück . Noch war ' s nicht Abend worden , da stund alles zum Abzug bereit . Der Abt hieß die Brüder im Hofe zusammentreten , sämtliche erschienen bis auf einen . » Wo ist Heribald ? « frug er . Heribald war ein frommer Bruder , dessen Wesen schon manchem den Ernst auf der Stirn in Heiterkeit verwandelte161 . In jungen Tagen hatte ihn die Amme einmal aufs Steinpflaster fallen lassen , davon war ihm ein gelinder Blödsinn zurückgeblieben , eine » Kopfsinnierung « aber er war guten Herzens und hatte an Gottes schöner Welt seine Freude , so gut wie ein Geistesgewaltiger . Da gingen sie , den Heribald zu suchen . Er war auf seiner Zelle . Die gelbbraune Klosterkatze schien ihm ein Leides zugefügt zu haben , er hatte ihr den Strick , der sein Gewand zusammenhalten sollte , um den Leib geschnürt und sie an einen Nagel an seines Gemaches Decke aufgehängt ; in die leere Luft herab hing das alte Tier , das schrie und miaute betrüblich , er aber schaukelte es sänftlich hin und her und sprach Lateinisch mit ihm . » Vorwärts , Heribald ! « riefen die Genossen , » wir müssen die Fusel verlassen . « » Fliehe , wer will ! « sprach der Blödsinnige , » Heribald flieht nicht mit . « » Sei brav , Heribald , und folg ' uns ; der Abt hat ' s anbefohlen . « Da zog Heribald seinen Schuh aus und hielt ihn den Brüdern entgegen : » Der Schuh ist schon im vorigen Jahr zerrissen « , sprach er , » da ist Heribald zum Camerarius gegangen , gib Mir mein jährlich Leder , hat Heribald gesagt daß ich mir ein Paar Schuhe anfertige , da hat der Camerarius gesagt : Tritt du deine Schuhe nicht krumm , so werden sie nicht reißen , und hat das Leder geweigert , und wie Heribald den Camerarius beim Abt verklagt , hat ihm der gesagt : Ein Narr , wie du , kann barfuß laufen ! Jetzt hat Heribald kein ordentlich Fußwerk und mit zerrissenem geht er nicht unter fremde Leute162 ... « Solchen Gründen war keine stichhaltige Widerlegung entgegenzusetzen . Da umschlangen ihn die Brüder mit starkem Arm , ihn hinabzutragen ; im Gang aber riß er sich los und floh mit Windeseile hinab in die Kirche und die Treppen hinauf , die auf den Kirchturm führten . Zu oberst setzte er sich fest und zog das hölzerne Stieglein empor ; es war ihm nimmer beizukommen . Sie erstatteten dem Abte Bericht . » Lasset ihn zurück « , . sprach der Abt , » über Kinder und Toren wacht ein besonderer Schutzengel . « Zwei große LädinenA3 lagen am Ufer , die Abziehenden aufzunehmen : wohlgerüstete Schiffe mit Ruder und Segelbaum . In kleinen Kähnen hatten sich des Klosters dienende Leute und was sonst noch auf der Reichenau hauste , mit Hab und Gut eingeschifft ; es war ein wirres Durcheinander . Ein Nachen voll von Mägden und befehligt von Kerhildis , der Obermagd , war bereits abgefahren ; sie wußten selber nicht wohin , aber die Furcht war diesmal größer als die Neugier , die Schnurrbärte fremder Reitersmänner zu sehen . Jetzt zogen die Klosterbrüder heran ; es war ein seltsamer Anblick : die meisten in Wehr und Waffen , Litanei betend andere , den Sarg des heiligen Marcus tragend , der Abt mit Ekkehard und den Zöglingen der Klosterschule - betrübt schauten sie noch einmal nach der langjährigen Heimat , dann stiegen sie zu Schiffe . Wie sie aber in den See ausfuhren , huben alle Glocken an zu tönen , der blödsinnige Heribald läutete ihnen den Abschiedsgruß ; dann erschien er auf den Zinnen des Münsterturmes : » Domonus vobiscum ! « rief er mit starker Stimme herab und in gewohnter Weise antwortete da und dort einer : » Et cum spiritu tuo ! « Ein scharfer Luftzug kräuselte die Wellen des Sees . Erst vor kurzem war er aufgefroren , noch schwammen viel schwere Eisblöcke drin herum und die Schiffe hatten große Mühe , sich durchzuarbeiten . Geduckt sahen die Mönche , die den Sarg des heiligen Marcus hüteten , etlichemal schlug die Woge zu ihnen herein , aber aufgerichtet und keck stand Abt Wazmanns hohe Gestalt , die Kapuze flatterte im Winde . » Der Herr geht vor uns her « , sprach er , » wie er in der Feuersäule vor dem Volk Israel ging ; er ist mit uns auf der Flucht , er wird mit uns sein auf fröhlicher Rückkehr ! ... « In Heller Mondnacht stieg der Reichenauer Mönche Schar den Berg von Hohentwiel hinaus . Für Unterkunft war gesorgt . In der Burg Kirchlein stellten sie den Sarg ihres Heiligen ab ; sechs der Brüder wurden zu Wacht und Gebet bei ihm befehligt . Der Hofraum ward in den nächsten Tagen zum fröhlichen Heerlager . An aufgebotenen Dienstmannen lagen schon etliche hundert oben , der Reichenauer Zuzug brachte einen Zuwachs von neunzig streitbaren Männern . Emsig ward geschafft an allem , was des baldigen Kampfes Notdurft heischte . Schon eh ' die Sonne aufstieg , weckte der Schmiede Gehämmer die Schläfer . Pfeile und Lanzenspitzen wurden gefertigt ; beim Brunnen im Hofe stand der große Schleifstein , dran wetzten sie die rostigen Klingen . Der , alte Korbmacher von Weiterdingen war auch herausgeholt worden , der saß mit seinen Buben unter der Linde , die langen , zu Schilden zugeschnittenen Bretter übersponnen sie mit hartem Flechtwerk von Weidengezweig , dann ward ein gegerbtes Fell darüber genagelt : der Schild war fertig . Am lustigen Feuer saßen andere und gossen Blei in die Formen zu spitzem Wurfgeschoß für die Schleuder , - eschene Knittel und Keulen wurden in den Flammen gehärtet163 : » Wenn der an eines Heiden Schädel anklopft « , sprach Rudimann und schwang den Prügel , » so wird ihm aufgetan ! « Wer früher schon im Heerbann , gedient sammelte sich um Simon Bardo , den griechischen Feldhauptmann . » Zu euch nach Deutschland muß einer gehen , wenn er seine greisen Tage in Ruhe verleben will « , hatte er scherzend zur Herzogin gesagt . Der Waffenlärm aber stärkte sein Gemüt wie alter Rheinwein und richtete ihn auf ; mit scharfer Sorge ließ er die Unerfahrenen sich in den Waffen üben , des Burghofs Pflaster widerhallte vom schweren Schritt der Mönche , die in geschlossenen Reihen des Speerangriffs unterwiesen wurden . » Wände könnt ' man mit euch einrennen « , sprach der Alte Beifall nickend , » wenn ihr einmal warm geworden seid . « Wer von den Jüngern eines sichern Auges und beweglicher Knochen sich erfreute , ward den Pfeilschützen zugeteilt . Fleißig übten sie sich . Heller Jubel klang einmal von des Hofes anderem Ende zu den Speerträgern herüber : das lose Volk hatte einen Strohmann angefertigt , eine Krone von Eulenfedern im Haupt , eine sechsfältige Peitsche in der Hand , einen roten Lappen in Herzform auf der Brust , war er ihre Zielscheibe . » Der Hunnen König Etzel « , riefen die Schützen , » wer trifft ihn ins Herz ? « » Spottet nur « , sprach Frau Hadwig , die vom Balkon herab zuschaute ; » hat ihn auch in schlimmer Brautnacht der Schlag darnieder gestreckt , so geht sein Geist fort und fort mächtig durch die Welt ; die nach uns kommen , werden noch an ihm zu beschwören haben . « » Wenn sie nur auch so scharf auf ihn schießen , wie die da unten ! « sagte Praxedis - und Halloruf klang vom Hofe herauf , der Strohmann wankte und fiel , ein Pfeil hatte das Herz getroffen . Ekkehard kam in den Saal herauf . Er war wacker mitmarschiert , sein Antlitz glühte , der ungewohnte Helm hatte einen roten Streif auf der Stirn zurückgelassen . In der Erregung des Tages vergaß er seine Lanze draußen abzustellen . Mit Wohlgefallen sah Frau Hadwig auf ihn ; es war nicht mehr der zage Lehrer der Grammatik ... Er neigte sich vor seiner Gebieterin : » Die Reichenauer Mitbrüder im Herrn « , sprach er , » lassen melden , daß sich Durst in ihren Reihen eingestellt . « Frau Hadwig lachte . » Laßt eine Tonne kühlen Bieres im Hof aufstellen ; bis die Hunnen wieder heimgejagt sind , soll unser Kellermeister keine Klage über Verschwinden seiner Fässer führen . « Sie deutete auf das stürmische Treiben im Burghof : » Das Leben bringt doch mannigfachere Bilder als alle Poeten « , sprach sie zu Ekkehard ; - » auf solchen Wandel der Dinge wart Ihr nicht vorbereitet ? « Aber Ekkehard ließ seinem teuern Virgilius nicht zu nahe treten . » Erlaubet « , sprach er , auf seinen Speer gelehnt , » es steht alles wortgetreu in der Änïs vorgezeichnet , als wenn es nichts Neues unter der Sonne geben sollt ! Würdet Ihr nicht glauben , Virgilius sei hier auf dem Söller gestanden und habe hinabgeschaut ins Getümmel , wie er vom Beginn des Krieges in Latium sang : « » Dort wird gehöhlt dem Haupte der Schirm - dort flechten sie wölbend Weidener Schilde Verband - dort ziehn sie den ehernen Harnisch , Dort hellblinkende Schienen aus zähem Silber gehämmert . Sichel und Schar wird jetzo entehrt , und die Liebe des Pfluges Weicht - um schmiedet die Esse verrostete Klingen der Väter . Hornruf schmettert durchs Land und es geht die kriegerische Losung164 . « » Das paßt freilich gut « , sprach Frau Hadwig . » Könnt Ihr auch den Gang des Streites aus Eurem Heldenbuche vorhersagen ? « wollte sie noch fragen , aber in Zeiten des Durcheinander ist nicht gut über Dichtungen sprechen . Der Schaffner war eingetreten . » Das Fleisch sei aufgezehrt bis auf den letzten Bissen « , lautete sein Bericht , » ob er zwei Ochsen schlachten dürfe ... « Nach wenig Tagen war Simon Bardos Mannschaft so geschult , daß er sie der Herzogin zur Musterung vorführen konnte . Es war auch Zeit , daß sie ihre Zeit nutzten ; schon waren sie die verflossene Nacht aufgestört worden , eine helle Röte stand am Himmel fern überm See , wie eine feurige Wolke hielt sich das Brandzeichen etliche Stunden lang , es mochte weit in Helvetien drüben sein . Die Mönche stritten miteinand ; es sei eine Erscheinung am Himmel , sagten die einen , ein feuriger Stern zur Warnung der Christenheit . Es brennt im Rheintal , sprachen andere : ein Bruder , der mit feinerer Nase begabt war , behauptete sogar den Brandgeruch zu spüren . Erst lang ' nach Mitternacht erlosch die Röte . Auf des Berges südlichem Abhang war eine mäßig weite Halde , die ersten Frühlingsblumen blühten drauf , in den Talmulden lag noch alter Schnee ; das sollte der Platz der Musterung sein . Hoch zu Rosse sah Frau Hadwig , bei ihr hielten wohlgerüstet etliche Edelknechte , die zum Aufgebot gestoßen waren , der von Randegg , der von Hoewen und der dürre Fridinger ; der Reichenauer Abt sah stolz auf seinem Zelter , ein wohlberittener Mann Gottes165 ; Herr Spazzo , der Kämmerer , bemühte sich , es ihm an Haltung und Bewegung gleich zu tun , denn sein Gebaren war vornehm und ritterlich . Auch Ekkehard sollte die Herzogin begleiten , es war ihm ein Roß vorgeführt worden ; allein er hatte es abgelehnt , daß kein Neid entstünde unter den Mönchen . Jetzt tat sich das äußere Burgtor knarrend auf , und die Scharen zogen herab . Voraus die Bogen- und Armbrustschützen ; lustige Klänge erschallten , ernsten Antlitzes schritt Audifax als Sackpfeifer mit den Hornisten , in geschlossenem Zug ging ' s vorbei . Dann ließ Simon Bardo ein Signal blasen , da lösten sich ihre Glieder und schwärmten aus wie ein wilder Wespenschwarm und hielten Busch und Hecken besetzt . Dann kam die Kohorte der Mönche , festen Schrittes , in Helm und Harnisch , die Kutte drüber , den Schild auf dem Rücken , den Spieß gefällt : eine sturmgewaltige Schar ; hoch flatterte ihr Fähnlein , ein rotes Kreuz im weißen Feld . Pünktlich marschierten sie , als wär ' es seit Fahren ihr Handwerk - bei starken Menschen ist auch die geistige Zucht gute Vorübung zum Kriegerstand . Nur einer am linken Flügel vermochte nicht Schritt zu halten , seine Lanze ragte uneben aus der geraden Reihe der andern : » ' s ist nicht seine Schuld « , sprach Abt Wazmann zur Herzogin , » er hat in Zeit von sechs Wochen ein ganz Meßbuch abgeschrieben , da flog ihm der Schreibkrampf in die Finger . « Ekkehard schritt auf dem rechten Flügel ; wie sie an der Herzogin vorüberkamen , traf ihn ein Blick aus den leuchtenden Augen , der kaum der ganzen Schar gegolten . In drei Haufen folgten die Dienstmannen und aufgebotenen Heerbannleute ; mächtige Stierhörner wurden geblasen , seltsam Rüstzeug kam zum Vorschein , manch ein Waffenstück war schon in den Feldzügen des großen Kaiser Karl eingeweiht worden , mancher aber trug auch einen mächtigen Knittel und sonst nichts . Herr Spazzo hatte indes scharfen Auges in das Tal hinuntergeschaut . » ' s ist gut , daß wir gerade beisammen sind , ich glaub ' , ' s gibt Arbeit ! « sprach er und deutete hinüber in die Tiefe , wo die Dächer des Weilers Hilzingen hinter hügeligen Gründen aufstiegen . Ein dunkler Streif zog sich heran ... Da hieß Herr Simon Bardo seine Heerschar halten und spähte nach der Richtung : » Das sind keine Hunnen , sie kommen unberitten « . Zu größerer Fürsicht aber hieß er seine Bogenschützen den Abhang des Berges besetzen . Aber wie der fremde Zug näher rückte , ward auch in ihren Reihen des heiligen Benedikt Ordensgewand sichtbar , ein gülden Kreuz ragte als Standarte aus den Lanzen , Kyrie eleison ! klang ihre Litanei den Berg herauf ... » Meine Brüder ! « rief Ekkehard , da lösten sich die Glieder der Reichenauer Kohorte , sie rannten den Berg hinunter mit stürmischem Jubelschrei - wie sie aneinander waren , überall freudiges Umarmen : Wiedersehen in Stunde der Gefahr ringt dem Herzen ein fröhlicher Jauchzen ab denn sonst . Arm in Arm mit den Reichenauern stiegen die fremden Gäste den Berg empor , ihren Abt Cralo an der Spitze ; auf schwerfälligem Ochsenwagen in der Nachhut führten sie den blinden Thieto mit . » Gott zum Gruß , erlauchte Frau Base « , sprach Abt Cralo und neigte sich vor ihr ; » wer hätt ' vor eines halben Jahres Frist gedacht , daß ich mit dem gesamten Kloster Euren Besuch erwidern würde ? Aber der Gott Israels spricht : ausziehen laß mein Volk , auf daß es mir getreu bleibe ! « Frau Hadwig reichte ihm bewegt vom Rosse herab die Hand . » Zeiten der Prüfung ! « sprach sie . » Seid willkommen ! « Verstärkt durch die neuen Ankömmlinge zog die Hohentwieler Heerschar in der Burg schirmende Mauern zurück . Praxedis war in den Hof heruntergestiegen . Bei der Linde stand sie und schaute auf die einziehenden Männer ; schon waren die von Sankt Gallen alle im Hofraum versammelt , unverwandt schaute sie nach dem Tor , als müsse noch einer nachkommen ; doch der , den ihr Blick suchte , war nicht unter denen , die da kamen . In der Burg ging es an ein Einrichten und Unterbringen der Gäste . Der Raum war spärlich gemessen . Im runden Hauptturm war eine lustige Halle , dort wurde mit aufgeschüttetem Stroh für notdürftig Nachtlager gesorgt . » Wenn das so fortgeht « , hatte der Schaffner gebrummt , der bald nicht mehr wußte , wo ihm der Kopf stand , » so haben wir bald die ganze Pfaffheit Europas auf unserem Fels beisammen . « Küche und Keller gaben , was sie hatten . Unten saßen Mönche und Kriegsleute bei lärmender Mahlzeit . Frau Hadwig hatte die beiden Äbte und wer von edeln Gästen sich bei ihr eingefunden , in ihrem Saale vereinigt ; es war viel zu besprechen und zu beraten , ein Summen und Schwirren von Frag ' und Antwort . Da erzählte Abt Cralo die Geschicke seines Klosters166 . » Diesmal « , sprach er , » ist uns die Gefahr schier übers Haupt gewachsen . Kaum ward von den Hunnen gesprochen , so tönte der Boden schon vom Hufe ihrer Rosse . Itzt galt ' s. Die Klosterschule hab ' ich in die feste Verschanzung von Wasserburg geschickt , Aristoteles und Cicero werden eine Zeitlang Staub ansetzen , die Jungen mögen Fische im Bodensee fangen , wenn ' s nicht noch schärfere Arbeit gibt , die alten Professoren sind zu rechter Zeit mit ihnen übers Wasser . Wir aber hatten uns ein festes Kastell als Unterschlupf hergerichtet ; wo der Sitterbach durch tannbewaldet enges Tal schäumt , war ein trefflich Plätzlein , waldabgeschieden , als wenn keine heidnische Spürnase den Pfad jemals finden sollt ' , dort bauten wir ein festes Haus mit Turm und Mauer und weihten es der heiligen Dreieinigkeit - mög ' sie ihm fürder ihren Schutz leihen ! « » Noch war ' s nicht unter Dach und Fach , da kamen schon die Boten vom See : Flieht , die Hunnen sind da ! und vom Rheintal kamen andere : Flieht ! war die Losung , der Himmel rot von Brand und Wachtfeuer , die Luft erfüllt vom Wehgeschrei flüchtender Leute und Knarren enteilenden Fuhrwerks . Da zogen wir aus . Gold und Kleinodien , Sankt Gallus ' und Sankt Othmars Sarg und Gebein , der ganze Schatz ward noch sicher geborgen , die Bücher haben die Jungen nach der Wasserburg mitgenommen - aber an Essen und Trinken ward nicht viel gedacht , nur schmaler Mundvorrat war in die Waldburg geschafft ; eiligst flohen wir dorthin . Erst unterwegs merkten die Brüder , daß wir Thieto , den Blinden , im Winkel der Alten vergessen , aber keiner ging mehr zurück , der Boden brannte unter den Füßen . So lagen wir etliche Tage still im tannversteckten Turm , oftmals nächtlich sprangen wir zu den Waffen , als stünde der Feind vor dem Tor , aber es war nur der Sitter Rauschen oder des Windes Strich in den Tannenwipfeln . Einmal aber rief ' s mit heller Stimme um Einlaß . Verscheucht und todmüd ' kam Burkard , der Klosterschüler . Aus Freundschaft zu Romeias , dem Wächter am Tor , war er zurückgeblieben , wir hatten des nicht wahrgenommen . Er brachte schlimme Kunde ; vom Schreck , den er erlebt , waren etliche Haare auf dem jungen Haupte über Nacht grau geworden . « Abt Cralos Stimme wollte zittern . Er hielt an und trank einen Schluck Weines . » Der Herr sei allen christgläubigen Abgestorbenen gnädig « , fuhr er bewegt fort , » sein Licht leuchte ihnen , er lasse sie ruhen in Frieden ! « » Amen ! « sprachen die Tischgenossen . » Wen meint Ihr ? « fragte die Herzogin . Praxedis war aufgestanden , sie trat hinter ihrer Gebieterin Lehnstuhl , lauschend hing ihr Blick an des Erzählers Lippen . » Erst wenn einer tot ist , merken die Zurückgebliebenen , was er wert war «