« fragte Marianne ihren Gemahl . Worauf Alfons , der am Fenster ein ziemlich freundliches Gesicht gemacht hatte , jetzt die Augenbrauen finster zusammen zog , die Brille empor rückte und in wegwerfendem Tone entgegnete : » Liebes Kind , das muß man jüngeren Frauen und Mädchen überlassen . Ueberhaupt kannst du als Tochter des Hauses nur vielleicht daran denken , einen Platz im Hintergrunde einzunehmen , wenn gerade ein solcher vorhanden wäre , und ihn Niemand anders ausfüllen will . Da stehe ich für meine Person in keinem lebenden Bilde , und es würde mir am Ende nicht gerade passend erscheinen , wenn du mit fremden jungen Leuten da in allerhand sonderbare Stellungen kämest . « Die Commerzienräthin hob ihre Nase um einige Zoll empor und antwortete mit einem scharfen Blick aus ihren grauen Augen : » Die Arrangements sind meine Sache , Herr Schwiegersohn und wenn ich es vielleicht für gut finde , Marianne irgendwo zu plaziren , so würden Sie wohl nichts dagegen haben . « » Und warum nicht ? « fragte Herr Alfons ziemlich hochmüthig . » Sie wissen , Mama , ich achte Ihre Arrangements bis an die Thüre meiner Wohnung ; was dahinter zu befehlen ist , besorge ich selbst . « » Ruhig ! ruhig ! « sagte beschwichtigend der Commerzienrath , denn er sah , wie der Teint seiner Ehehälfte anfing etwas gelblich zu unterlaufen . » Hat man denn keine Ruhe vor euch ? Das wird sich ja Alles finden ; Madame wird arrangiren , wie sich von selbst versteht . « Alfons lächelte seltsam in sich hinein . » Der sollte deine Frau haben , « sagte die Schwester in der Sophaecke mißmuthig zu Eduard . » Oder ich etwas von seinem harten und festen Temperament , « entgegnete dieser seufzend . » Also lebende Bilder ! « rief Arthur freudig . » Vortrefflich , in der That , Mama ! - Und Sie überlassen mir die Anordnungen ? « » Du wirst den Saal unter meiner Aufsicht herrichten , « erwiderte ernst die Dame , » du wirst über einige Bilder nachsinnen und sie mir zur Auswahl vorlegen . « » Schön , schön . - Und welche Arten von Bildern wünschen Sie hauptsächlich , Mama ? Sollen es Genrebilder sein oder sollen wir auch stellen nach bekannten historischen Gemälden , nach heiligen Bildern und dergleichen ? « » Von Allem etwas , « meinte die Commerzienräthin . » Ich werde dir eine Liste anfertigen von den achtbarsten Personen , die ich zur Mitwirkung einladen will . « » Nur von den achtbarsten Personen ? « fragte der Sohn kleinlaut . » Wie so ? « » Nun , ich dachte , Mama , man sollte eigentlich auf die schönsten Gesichter und Figuren sehen , und wer am besten hier und dort zu gebrauchen ist . « » Auch das , aber ich kann den Rang und Stand nicht ganz außer Augen lassen . « » O weh , Mama ! « » Ich weiß , was sich schickt , « fuhr unerschütterlich die alte Frau fort . » Ich kann doch zum Beispiel in einem Bilde einer Kanzleiräthin nicht eine besonders schöne Figur zutheilen , und von einer Oberregierungsräthin verlangen , daß sie sich mit Geringerem begnüge ! « » Dann lassen Sie lieber Beide weg , Mama , und nehmen nur jüngere Personen . « » Jüngere Personen ? « fragte ernst die Mutter . » Und wer will da eine Grenzlinie ziehen ? In lebenden Bildern zu stehen , fühlt sich jede jung genug , und mit Costüm und Schminke läßt sich schon viel ausrichten . « » Da Sie von Costümen sprechen , Mama , « sagte Arthur nach einer längeren Pause , » wie wollen Sie , daß es damit gehalten wird ? Wenn Sie wünschen , so bitte ich den Intendanten des Hoftheaters , uns mit Einigem auszuhelfen . « » Costüme des Theaters ! « versetzte ernst die Commerzienräthin , indem sie den Kopf schüttelte . » Das wird nicht wohl angehen . Kleider von Leuten wie Sängerinnen , Schauspielerinnen , Tänzerinnen und dergleichen Personen in mein Haus bringen zu lassen , wäre mir nicht angenehm ; auch würde mir das manche Mutter einer unschuldigen Tochter wegen verübeln . « » Aber die Kleider können doch ihrer Sittsamkeit nichts schaden ! « meinte Arthur halb ärgerlich . » Solche Personen , « fuhr ernst die Mutter fort , » Tänzerinnen und dergleichen können sich etwas darauf einbilden , auf diese Art mit uns in Berührung gekommen zu sein . Und ich mag das nicht . « » Aber der Zweck heiligt die Mittel , « sprach begütigend der Commerzienrath . » Und ich glaube , wenn man etwas Schönes arrangiren will , so kann man wahrhaftig nicht ohne die Costüme des Theaters sein . « » Sie thun gerade , Mama , « bemerkte Arthur , » als würden uns dieselben angeboten und wir hätten nur so das Recht , sie zu verwerfen . Es ist überhaupt noch eine große Frage , ob man uns Costüme bewilligt . Und dann nehmen Sie mir nicht übel , wenn auch die meisten der eingeladenen Damen es sich leider für keine Ehre rechnen , mit Schauspielerinnen und Tänzerinnen in Berührung zu kommen , so werden sie dagegen , wo es sich um Vergnügen handelt , die Kleider derselben nicht verschmähen . Es ist gerade so mit dem Theaterbesuch ; ich kenne Herren und Damen genug , die vor einem Ballet auf ihrem Gesicht die außerordentlichste Verachtung zeigen , und die es im Gefühl ihrer Würde und Unschuld nicht begreifen können , wie es einer der Tänzer und namentlich der Tänzerinnen wagen könne , ein paar Hand breit Tricots zu zeigen , die aber , wenn einmal der Vorhang aufgezogen ist , ihr Glas nicht mehr vom Auge lassen . « » Ah ! lieber Freund , das thue ich auch , « sagte salbungsvoll und mit ernstem Gesichtsausdruck Herr Alfons ; » aber du wirst mir glauben , daß ich es nicht thue , um die unanständigen Bewegungen zu sehen , sondern daß ich bei mir denke : du willst doch einmal sehen , wie weit eigentlich die Verworfenheit des menschlichen Geschlechtes zu gehen im Stande ist . « » Ah ! mein lieber Schwager , « entgegnete entrüstet der Maler , » dazu brauchst du weder das Theater noch dein Opernglas ; das kannst du viel näher haben . « » Arthur ! Arthur ! « rief der Commerzienrath . » Muß man denn beständig bei euch den Vermittler machen ! Immer Reibereien und unangenehme Reden ! Ich werdet Mama noch verdrießlich machen . « » Das ist möglich ; aber auf die Gefahr hin , Mama verdrießlich zu machen , erkläre ich , daß , wenn ihr lebende Bilder aufführen wollt und dazu keine ordentlichen Costüme anschafft , mögt ihr diese her bekommen , woher ihr wollt , aus der ganzen Sache nichts Rechtes werden wird und ich mich nicht da hinein mischen kann . « Die Commerzienräthin versicherte , sie würde das Beste in dieser Sache auszuwählen wissen , und es dann wie immer verstehen , ihren Willen durchzusetzen . Darauf erhob sie sich mit aufrechtem Haupte aus ihrer Sophaecke und gab damit das Zeichen zum allgemeinen Aufbruch . Marianne ging in ihre Wohnung hinauf , nachdem sie einen fast vergeblichen Versuch gemacht , von dem Gemahl ein freundliches Wort zu erhalten . Herr Alfons drückte die Brille fester an die Augen , knöpfte seinen Rock zu und schickte sich an , in das Comptoir hinabzusteigen , wo Commis und Lehrlinge diesem Augenblicke mit einem unbehaglichen Gefühl entgegen sahen . Der Commerzienrath schloß sich in sein Kabinet ein , um seine Zeitungen zu lesen und über das Fallen und Steigen der Papiere nachzudenken . Arthur aber ging in sein Atelier , das er nur im Hintergebäude des elterlichen Hauses haben durfte ; Mama hatte sich ein für allemal dahin ausgesprochen : sie wolle ihr Haus rein erhalten . Sechszehntes Kapitel . Eine Mutter und ihr Kind . Es war nun vollkommen Winter geworden , das heißt , die Erde war nicht blos von starkem Frost erstarrt , sondern sie hatte auch die bekannte weiße Livree angezogen und verschwunden waren von ihrer Oberfläche all ' die kleinen Poesieen und Merkwürdigkeiten , die wir bei unserm Spaziergang im ersten Kapitel dieser denkwürdigen Geschichte entdeckt und dem geneigten Leser mitgetheilt haben . Alle seinen Nuancirungen draußen hatten aufgehört , Feld und Wiese waren gleichförmig bezogen ; wo sich ein Wald befand , da erschien die Gegend etwas mit Grau schattirt ; einzelne Bäume waren kaum noch sichtbar , der Schnee lag schwer auf den Zweigen und schien jedem einzelnen Strauche , jedem Baume eine Pelzmütze aufgestülpt zu haben , worunter er sich behaglich und warm verstecken konnte . Isolirt stehende Häuser rings um die Stadt sahen aus dem allgemeinen Weiß recht langweilig hervor , namentlich solche , die sich an der Landstraße befanden , denn hier war es öde und leer . Von den sonst so zahlreichen Fuhrwerken aller Art bemerkte man heute nicht viel ; in dem tiefen Schnee gab es keine rechte Bahn , weßhalb sich auch draußen noch keine Schlitten sehen ließen ; nur Holzwagen fuhren langsam dahin , und ein einsamer gelber Postwagen aus irgend einem Orte der Nachbarschaft , welchem die Eisenbahn zur Seite lag . In der Stadt dagegen wurde der tiefe Schnee wie immer als eine Einladung des Winters betrachtet , sich seiner als Schlittenbahn zu bedienen , und nachdem man am Morgen nothdürftig Bahn gemacht , hörte man auf allen Straßen das Klingeln der Schellen und lustigen Peitschenknall , und mußte sich bei dem allgemeinen Leben recht in Acht nehmen , daß man nicht von einem Schlitten umgerannt oder von einem Wagen überfahren wurde , wobei namentlich letztere gefährlich waren , da man kaum das Rollen der Räder vernahm . Heute schienen denn auch die Straßen der Stadt nur dem Vergnügen geweiht , und wer draußen nichts zu thun hatte , der blieb gerne zu Haus . In den vornehmeren Stadtvierteln bewegten sich glänzende Schlitten , das Gestell vergoldet , die Sitze mit Teppichen und Pelzen bedeckt , aus denen heitere Gesichter , sanft geröthet von Frost und eifrigem Gespräch , hervor blickten . Die Fiaker und Droschkenführer hatten ebenfalls ihre Wagen zu Haus gelassen und hielten in langen Reihen , die Pferde vor einfachere Schlitten gespannt , welche von der lieben Jugend umstanden wurden , die sehnsüchtig Jedem nachblickte , der sich eines solchen Fuhrwerks bediente . Wenn es so aus den breiten Straßen geräuschvoll und lebendig war , so erschienen dagegen die schmalen Gassen und abgelegenen Plätze um so einsamer und stiller . Schlitten sah man hier keine , Wagen rollten selten vorüber , und wenn hie und da einer vorbei kam , so hörte man nur das Klingeln von ein paar kleinen Schellen ; das Rollen der Räder selbst war ebenso unhörbar wie der Fußtritt der Vorüberwandelnden . In den meisten dieser Straßen war nur eine nothdürftige Bahn an den Häusern gekehrt , die noch obendrein selten betreten wurde , und wenn nicht da und dort auf einem Platze eine Schaar Knaben ihre Spiele getrieben hätte , sich gegenseitig bombardirt und Schneemänner gemacht , so hätte man glauben können , Häuser und Menschen befänden sich alle zusammen in einem seltsamen Winterschlafe . Nur jene Viertel , durch welche der Kanal floß , von dem wir schon früher sprachen , sahen einigermaßen lebendiger aus . Hier wohnten viele Handwerker , namentlich Schmiede , vor deren Häusern sich der weiße Schnee bald rußig und schwarz färbte oder ganz weggeschmolzen wurde , wo man eine heiße Radschiene zur Abkühlung hinausgewälzt hatte . Auch viele Wäscherinnen befanden sich in dieser Gegend und weil die Trockenplätze bei diesem Wetter für sie unbrauchbar waren , so hatten sie längs dem Kanal lange Seile gezogen und hier hingen nun die verschiedenartigsten gewaschenen Zeuge , deren bunte Farben : grün , blau , roth , gelb , recht lebendig von dem weißen Schnee abstachen . Wenn uns der geneigte Leser folgen will , so wenden wir uns nach einem dieser Häuser hier , einem alten finstern Gebäude mit hohem Giebeldach , dessen vordere Seite , die uns erst mit ihren vergitterten Fenstern anblickt , zur Fruchtkammer benützt wird , während sich im hinteren Theile , der auf den Kanal geht , verschiedene Wohnungen befinden . Zu ihnen gelangt man durch den Hof des eben genannten Hauses über eine alte Wendeltreppe , deren Stufen ausgetreten sind , deren Steinwände wie polirt glänzen , und wo ein alter schmieriger Strick sich dem unsicher Umhertappenden als treuer Führer in der halben Finsterniß darbietet . In dem ersten Stocke angekommen , betreten wir ein weites mit Steinplatten belegtes Vestibul , auf das lange Gänge münden , die entweder um den Hof herum nach der Fruchtkammer führen , oder ein anderes ebenso großes Nebengebäude mit dem , welches wir gerade betreten , verbinden . Beides ist übrigens der Fall , und die zwei Gebäude , die hier an der hinteren Seite an dem Kanale liegen , wurden in früheren Zeiten einmal zu einer Kaserne benützt , und durch die eben erwähnten Gänge verbunden . Später hatte man aber für das Militär bessere und hellere Räume erbaut und alsdann die vielen Zimmer hier zu zwei und drei abgetheilt und solche an die verschiedensten Leute und Gewerbe zu Wohnungen vermiethet . Ueber einzelnen Thüren bemerkte man die Nummern der ehemaligen Kasernenzimmer , bei anderen aber waren sie verwischt oder man hatte sie absichtlich übertüncht . Auf dem Vestibul stand alter Hausrath ; hier schliffen ein paar Knaben aus dem glatten Steinboden wie auf einer Eisbahn , vermittelst einigen Schnee ' s , den der Wind durch ein Fenster ohne Scheiben herein geweht hatte . Die Atmosphäre hier roch etwas moderig und feucht , was sich durch die Nähe des Kanals erklären ließ , sowie auch dadurch , daß die Hausthüren selten oder nie verschlossen wurden und allem Wetter Einlaß gewährten . Eine dieser Wohnungen in der alten Kaserne nun , die wir unsichtbarer Weise betreten , bestand aus einem ziemlich großen Gemache , dessen Wände weiß getüncht waren , und das durch zwei ziemlich hohe Fenster erhellt wurde . Ein großer Ofen erwärmte diesen Raum recht behaglich ; zwischen beiden Fenstern an der Wand befand sich ein großer Tisch , vor demselben gepolsterte Stühle mit gestreiftem Kattunüberzug , in der Ecke ein alter Sopha , an den Wänden ein kleiner Spiegel und ein paar vergilbte Kupferstiche in nußbraunen Rahmen . Zwei Thüren , je eine an jeder Seite dieses Zimmers , führten in andere Gelasse , die außer einer Küche auf der andern Seite des Vestibuls noch zu diesem Appartement gehörten . Auf dem Tische des Wohnzimmers stand ein Kaffeegeschirr , und wenn auch dasselbe von grobem Steingute war , so duftete doch der Inhalt nicht unangenehm , die Milch sah recht gut aus , und auf einem Suppenteller befand sich Zucker in großen Stücken , während weißes Brod daneben lag . Eine Frau saß an dem Tische und schien sich eine große Tasse Kaffee gemischt zu haben , denn sie rührte langsam mit einem Löffel darin herum . Diese Frau mochte ungefähr fünfzig Jahre alt sein , war von mittlerer Figur , einfach gekleidet , und hatte ein ziemlich breites aber kluges Gesicht , aus dem sich Spuren von früherer Schönheit zeigten ; ihr Mund hatte etwas Gutmüthiges , namentlich wenn sie lachte , was sie häufig und wie es schien absichtlich that , um sich ein wohlwollendes Ansehen zu geben , denn sobald sich ihre Gesichtszüge beruhigten , erschienen sie schlaff , ausdruckslos , und dann trat ein scharfer , unheimlicher und zurückstoßender Glanz der Augen hervor . Ihr gegenüber an dem Tische befand sich eine junge Person , die ungefähr zweiundzwanzig Jahre alt war , obgleich ihr Aeußeres auf höheres Alter deutete . Es war das ein schmächtiges Mädchen , ziemlich dürftig angezogen , mit eingefallenen blassen Wangen , aus denen jene leichte Röthe spielte , die man im Munde des Volkes » Kirchhofsrosen « nennt . Dabei hatten ihre Augen einen unheimlichen trockenen Glanz , und die weißen Hände , die sie vor sich auf dem Tisch gefaltet hielt , zitterten öfters , wenn auch kaum merklich . An dem einen Fenster saß auf einem Stuhle ein anderes Mädchen , welches in der Frische und dem Schimmer einer blühenden Gesundheit den vollkommensten Gegensatz zu der eben Geschilderten bildete , und die wir bereits kennen ; denn es war Mademoiselle Marie vom Balletcorps . Die Frau am Tische ist ihre Tante , Madame Becker , und die schwindsüchtige Person ihr gegenüber eine Nähterin aus der Stadt , die vor einigen Augenblicken eingetreten war , und über deren ziemlich unverhoffte Erscheinung die Frau nicht gerade erfreut zu sein schien . Sie hatte ihr ziemlich mürrisch einen Platz angeboten und rührte nun langsam ihren Kaffee herum , während sie sagte : » Nun sprech ' Sie , Katharine , was führt Sie eigentlich daher ? Wenn ich Ihr helfen kann , so wollen wir sehen , was sich machen läßt . Aber in der Angelegenheit ist nicht viel zu thun . « Die Nähterin war offenbar zu sehr aufgeregt , um augenblicklich mit vollkommener Ruhe antworten zu können . Sie versuchte es , einen tiefen Athemzug zu thun , wobei ihre Nasenflügel leicht erzitterten und die Röthe auf den Wangen noch mehr hervortrat . » Ich bin wirklich etwas zu schnell gegangen , « sprach sie nach einer Pause . » Wenn man im Tagelohn arbeitet , so muß man so wenig Zeit als möglich verlieren . - Ich wäre gerne schon gestern Abend gekommen - aber ich weiß , daß Sie nach acht Uhr nicht gestört sein wollen , und heute Morgen um sieben Uhr war es auch noch zu früh . « » Sie hätte ja die Agnes schicken können , « warf Madame Becker leicht hin , » Ihre jüngere Schwester . « Ein eigenthümliches Lächeln überflog die bleichen Züge der Anderen , während sie hastig erwiderte : » Nein , nein , die Agnes hat keine Zeit , gewiß nicht , gar keine Zeit . - - Aber ich bin so unruhig , daß ich eigentlich gar nicht sprechen kann . « Damit wandte sie ihren Kopf nach der hinter ihr sitzenden Tänzerin und sah darauf die Frau an , als ob sie fragen wollte , ob sie vor dem jungen Mädchen sprechen dürfe . Madame Becker nickte mit dem Kopfe und versetzte halblaut : » Nur ungenirt , es kann nichts schaden , wenn sie weiß , wie ' s im Leben zugeht . Halb und halb kann ich mir schon denken , was Sie von mir will , Katharine . « » Nicht wahr , das können Sie sich denken ? « entgegnete hastig die Nähterin , und ihr Auge flammte heftiger . » O , das können Sie sich gewiß denken ; aber ich habe keine Ruhe mehr . Sie wissen , die Woche über kann ich nicht fort , nun war ich aber schon zwei Sonntage draußen bei der Frau , und jedesmal war sie nicht zu Hause , das Kind ebenfalls nicht . Ach ! und das ist hart für mich ! « Madame Becker zuckte scheinbar gleichgültig mit den Achseln . » Das ist zufällig , « sagte sie ; » Sie will doch nicht verlangen , Katharine , daß die Frau Ihretwegen am Sonntag zu Haus bleibt ? Sie hat auch ihre Gänge zu machen . « » Aber es ist hart für mich , « entgegnete die Andere , während sie die Hände faltete . » Wofür arbeite ich die ganze Woche vom Morgen bis in die Nacht hinein ? Was hält mich aufrecht , wenn ich oft glaube , nun kann ich nicht mehr ? - Nichts , nichts , als das kleine Kind ; das ist meine Freude , mein Glück , das ist die Feier meines Sonntags , sein liebes Gesichtchen zu sehen , es tausend und tausendmal zu küssen , seine Haare , seine Stirne , seine Augen , seine Aermchen und Hände . - Ach ! und es kannte mich recht gut ! - Jeden Sonntag habe ich ihm was mitgebracht ; - und das blaue Wollenkleidchen war so hübsch ! - - Und nun habe ich es seit vierzehn Tagen nicht gesehen ! « - Die arme Person hatte das Alles in fieberhafter Erregung gesprochen ; dabei blitzte ihr Auge umher ; ohne die Frau vor sich anzusehen , schien sie weit , weit in die Ferne zu blicken , als sähe sie dort das Lächeln ihres Kindes , als drücke sie ihm die Küsse aus , wie sie eben beschrieben . Madame Becker zuckte die Achseln , trank ihre Kaffeetasse leer , dann sagte sie : » Katharine , Sie ist immer noch so lebhaft und stürmisch wie früher , immer oben hinaus , nie eine ruhige Ueberlegung . « » Nein , ich bin nicht mehr wie früher , « entgegnete schmerzlich die Nähterin : » ich habe vierzehn Tage gewartet , nachdem ich zwei Sonntage vergebens draußen war und ruhig heim ging , ohne mein Kind gesehen zu haben , da man mir sagte , die Frau käme wahrscheinlich nicht vor später Nacht nach Hause . - - Das hätte ich freilich früher nicht gethan , « fuhr sie lebhafter fort , während sie ihre Augen weit öffnete . - » Früher wäre ich auf der Treppe sitzen geblieben , die ganze Nacht und den andern Tag , und so viel Nächte und so viel Tage , bis sie mit meinem Kinde nach Hause gekommen wäre . - Aber es thut sich nimmer mehr , « fuhr sie zusammensinkend fort ; » wenn auch der Wille da ist , die Kraft fehlt . « » Jetzt habe ich Sie ruhig ausreden lassen , « versetzte Madame Becker nach einer längeren Pause , während welcher sie ihre Haube zurecht zog und einigemal freundlich zu lächeln versuchte , doch wollte ihr das nicht recht gelingen , und der unheimliche Blick ihres Auges drang überwiegend vor . » Jetzt habe ich Sie also ruhig ausreden lassen ; jetzt sag ' Sie mir , was will Sie eigentlich ; soll ich vielleicht hinaus gehen und nach Ihrem Kinde sehen , oder was muthet Sie mir sonst zu ? « Die Tänzerin am Fenster , die beschäftigt war , ein paar fleischfarbene Schuhe mit neuem Bund zu versehen , hatte die Hände mit dieser Arbeit in den Schooß sinken lassen und lauschte aufmerksam den Reden der Nähterin . Ja , sie erhob sich langsam und stellte sich in die Fenstervertiefung , scheinbar , um auf die Straße hinaus zu sehen , in Wahrheit aber , um besser zu hören , was Jene sprächen . Die Nähterin hatte ihre beiden weißen Hände auf den Tisch gelegt und beugte sich so weit wie möglich zu der ihr gegenüber sitzenden Frau hin , die sie fest anschaute und mit ihrem Blick zu bannen schien . » Sie wissen , Frau Becker , « sagte sie alsdann mit leiser aber eindringlicher Stimme , » was damals mit ihm ausgemacht wurde . - Sie haben das ja selbst besorgt . - Als er mich verlassen , habe ich jede Hülfe von ihm zurückgestoßen , jede Unterstützung für mich und mein Kind ; - das wissen Sie ganz genau , - denn ich wollte nichts mehr von ihm ; es war ein Fluch an dem , was aus seiner Hand kam . - O , ich habe das lange geahnt ! Er sollte also gehen , wohin er wollte , und machen was ihm beliebte , aber dafür mußte er mir mein Kind lassen , - mein Kind , für das zu arbeiten mir eine wahre Lust ist . - O ein Vergnügen , Frau Becker ; denn wenn ich Abends müd ' und matt nach Hause komme und küsse die Locken , die ich von ihm habe , so bin ich wahrhaft frisch und munter und schlafe ohne viel Beschwerden , weil es mir dann im Traume erscheint und sich an meine Brust drückt , an meine Brust , die mich oft so seht schmerzt ! - « Die Frau machte ein Zeichen der Ungeduld . » Ich komme schon zu Ende , « fuhr die Andere fort , nachdem sie tief Athem geholt und einen Augenblick geschwiegen . » Aber wissen Sie , Frau Becker , « sagte sie matt lächelnd , » Sie müssen mir schon verzeihen , wenn ich das Kind so oft erwähne , ich habe ja Anderes nichts zu denken . - Nun , also ! Er schien sich auch , Gott sei Dank ! um das kleine Ding gar nicht mehr zu bekümmern , ich erfuhr überhaupt nichts mehr von ihm , bis vor drei oder vier Wochen , da sagte mir die Babett , die mit mir zusammen nähte : weißt du auch schon , daß er heirathen will ? - Es ist mir gleichgültig , entgegnete ich ; habe ich doch mein Kind . - Ja , aber das Kind möchten sie gern haben . - Wer ? rief ich erschrocken . - Nun , sie , seine Familie ; sei doch nicht so dumm , das kannst du dir ja denken , es kann ihnen doch wahrhaftig nicht gleichgültig sein , daß ein Kind von ihm und dir lebt und gedeiht . « » Das dumme Schwatzmaul ! « murmelte die Frau in sich hinein . » Bei den Worten , « fuhr die arme Person fort , indem sie sich über die Stirne wischte , » brach mir der kalte Angstschweiß aus , - wie jetzt , und ich wäre gleich zu der Frau hinaus gerannt , aber es war mir unmöglich . Auch war es Freitag , und den Sonntag darauf ging ich ja hin , das war , wie ich Ihnen vorhin sagte : sie war ausgegangen und hatte das Kind mitgenommen . - Wie mich das bestürzt machte , Sie können es sich gar nicht denken , Frau Becker . Ich konnte mich nur etwas wieder trösten , als ich das kleine Bettchen sah und seine Alltagsschuhe , die daneben standen . - - Nun , nehmen Sie mir ' s nicht übel , deßhalb bin ich eigentlich hier , Sie will ich ja nur fragen , auf ' s Gewissen fragen , wie es mit der Sache steht . Sie kennen ja die Familie und haben vielleicht sogar mit ihm zu thun . Ob er sich verheirathet , ist mir ja ganz gleichgültig , aber das Kind ist mein ; von dem Kinde darf er nichts mehr wollen . Nicht wahr , das sehen Sie auch ein ? - Und er hat ja kein Recht an das Kind , hat sich ja auch nie darum bekümmert , und ich habe auf der weiten , weiten Welt nichts Anderes , was mich an dies Leben festhält ! « Madame Becker hatte sich bei dieser längeren Rede eine neue Tasse Kaffee zurecht gemacht und besorgte dies Geschäft absichtlich sehr langsam , wahrscheinlich um Zeit zu gewinnen , ihre Antwort zu überlegen . Sie mußte von der Sache wissen , denn während die arme Person ihr gegenüber sprach , räusperte sie sich ein Paarmal nicht ohne Verlegenheit , schaute auch wohl gegen die Straße hinaus und nach ihrer Nichte , der Tänzerin , hin , die sich aber so fest in die Fensternische hinein gedrückt hatte , daß die Frau nicht wußte , ob das Mädchen da sei oder ob sie in ' s Nebenzimmer gegangen . » Sieht Sie , Katharine , « sprach sie endlich sehr langsam , um ihre Worte überlegen zu können , » was ich vorhin sagte ist wahr . Sie handelt immer vorschnell und oben hinaus und denkt immer das Schlimmste von den Männern . Das muß man nicht thun . Am Ende freilich ist was Unangenehmes passirt ; wer kann für so ein kleines Kind einstehen ? « » Nicht wahr ? - nicht wahr ? - o mein Gott ! « » Ja , ich sage , es sei möglich , ohne daß ich das weiß . Daß die Frau Bilz zweimal nach einander nicht zu Haus war , hätte an sich nicht viel zu bedeuten ; das kann vorkommen . Aber neulich ist sie mir begegnet und hat den Kopf geschüttelt , als ich nach dem Kinde fragte , - ich frage immer darnach , Katharine , - da sagte sie : ja , es ist recht kränklich , und selbst bei der sorgfältigsten Pflege weiß man doch nicht , was mit dem armen Wurm geschieht . « » Aber mein Kind war nicht kränklich , « sagte ängstlich die Nähterin , » wenigstens noch nicht vor vierzehn Tagen ; da fand ich es frisch und gesund . « » Na ! frisch und gesund wollen wir gerade nicht behaupten , « entgegnete die Frau , nachdem sie aus einer kleinen Dose verstohlen eine Prise genommen ; » einen Treff hat das Kind leider schon bei der Geburt gehabt . Denkt nur an den Jammer , mit dem Ihr es getragen . « » Ja , ich habe damals unendlich viel Jammer ausgestanden . « » Und das feste Schnüren in der ersten . Zeit ! Ihr hattet damals eine reputirliche Kundschaft , Katharine , lauter feine , solide Häuser , und da läßt man so was nicht gern merken . Aber die armen Würmer leiden darunter . « Die Nähterin schüttelte ungläubig den Kopf und sah gedankenvoll vor sich hin . » Nein , nein ! « sagte sie nach einer Pause , » dem Kinde hat nichts gefehlt , das hat mich der Arzt