und begann das Verhör , welches Meierlein zu beherrschen suchte . Aber der Vorsteher gebot ihm Stille und forderte mich zum Sprechen auf . Ich gab einige kümmerliche Nachricht und hätte gern alles verschwiegen ; doch der Mann rief plötzlich : » Genug , ihr seid beide Taugenichtse und werdet bestraft ! « Damit trat er zu den aufliegenden Tabellen und bedachte jeden von uns mit einer scharfen Note . Meierlein sagte betreten : » Aber , Herr Professor - « - » Still « , rief dieser und nahm das verhängnisvolle Buch , welches er in tausend Stücke zerriß , » wenn noch ein Wort darüber verlautet oder sich dergleichen wiederholt , so werdet ihr eingesperrt und als ein Paar recht bedenkliche Gesellen abgestraft ! Pack dich ! « Während der übrigen Unterrichtsstunden schrieb ich ein Briefchen meinem Widersacher , worin ich ihm versicherte , daß ich ihm nach und nach meine Schuld abtragen und ihm jeden Kreuzer zustellen wolle , den ich von nun an ersparen könnte . Ich rollte das Papier zusammen , ließ es unter den Tischen zu ihm hin befördern und erhielt die Antwort zurück Sogleich alles oder nichts ! Nach Beendigung der Schule , als der Lehrer fort war , stellte sich der Dämon an der Tür auf , umgeben von einer schaulustigen Menge , und wie ich hinausgehen wollte , vertrat er mir den Weg und rief : » Seht den Schelm ! Er hat den ganzen Sommer hindurch Geld gestohlen und mich um fünf Gulden dreißig Kreuzer betrogen ! Wißt es alle und seht ihn an ! « - » Ein artiger Schelm , der grüne Heinrich ! « ertönte es nun von mehreren Seiten , ich rief ganz glühend : » Du bist selbst ein Schelm und Lügner ! « Allein ich wurde überschrieen , fünf oder sechs boshafte Burschen , welche stets einen Gegenstand der Mißhandlung suchten , scharten sich um Meierlein , folgten mir nach und ließen Schimpfworte ertönen , bis ich in meinem Hause war . Von jetzt an wiederholten sich solche Vorgänge beinahe täglich ; Meierlein warb sich eine förmliche Verbindung zusammen , und wo ich ging , hörte ich irgendeinen Ruf hinter mir . Ich hatte mein renommistisches Benehmen schon verloren und war wieder ungeschickt und blöde geworden ; das reizte den Mutwillen und die Spottsucht meiner Verfolger , bis sie endlich müde wurden . Es waren alles solche Kumpane , welche selbst schon irgendeinen Streich verübt oder nur auf Gelegenheit warteten , Werg an die Kunkel zu bekommen . Es war auffallend , daß Meierlein trotz seines altklugen und fleißigen Wesens sich nicht zu ähnlich beschaffenen Naturen hielt , sondern immer in Gesellschaft der Leichtsinnigen , der Mutwilligen und Törichten zu sehen war , wie mit mir und den übrigen . Dagegen nahmen nun die Ruhigen und Unbescholtenen unseres Alters teil gegen das verfolgungssüchtige Wesen jener , beschützten mich zu wiederholten Malen vor ihren Anfällen und ließen mich überhaupt weder Verachtung noch Unfreundlichkeit fühlen , so daß ich mehr als einem herzlich zugetan wurde , den ich vorher kaum beachtet hatte . Zuletzt blieb Meierlein ziemlich allein mit seinem Grolle , der aber dadurch nur heftiger und wilder wurde , so wie auch in mir jedes Vorgefühl einer Versöhnung erstarb . Wenn wir uns begegneten , so suchte ich wegzublicken und ging stumm vorüber ; er aber rief mir laut ein giftiges und tödliches Wort zu , wenn wir allein in der Gegend oder nur fremde Menschen zugegen ; waren wir aber nicht allein , so murmelte er dasselbe leise vor sich hin , daß nur ich es hören konnte . Ich haßte ihn nun wohl so bitter , als er mich hassen konnte ; aber ich wich ihm aus und fürchtete den Augenblick , wo es einmal zur Abrechnung käme . So ging es ein volles Jahr lang , und der Herbst war wieder gekommen , wo eine große militärische Schlußübung stattfinden sollte . Wir freuten uns immer auf diesen Tag , weil wir da nach Herzenslust schießen durften . Aber für mich waren alle gemeinsamen Freuden trüb und kalt geworden , da mein Feind zugleich teilnahm und öfter in meine Nähe geriet . Diesmal wurde unsere Schar in zwei Hälften geteilt , von denen die eine den waldigen und steilen Gipfel eine Anhöhe besetzen , die andere aber den Fluß überschreiten , den Hügel umgehen und einnehmen sollte . Ich gehörte zu dieser , mein Feind zu jener Abteilung . Wir hatten schon die ganze Woche vorher mit köstlicher Freude einen leichten , spielzeugartigen Brückenkopf gebaut und kleine Palisaden zugespitzt und eingerammelt , während einige Zimmerleute eine Brücke über das seichte Wasser geschlagen . Nun erzwangen wir mit unserm Geschütze höherer Verabredung gemäß den Übergang und trieben rüstig den Feind berghinan . Die Hauptmasse zog auf einem schneckenförmigen Fahrweg aufwärts , indessen eine weitgedehnte Plänklerkette das Gebüsch säuberte und über Stock und Stein vorwärtsdrang . Bei dieser war das größte Vergnügen und auch die stärkste Aufregung ; die einzelnen Leute rückten sich auf den Leib , die zum Rückzuge bestimmten wollten durchaus nicht weichen , man brannte sich die Schüsse fast ins Gesicht , einige wurden ertappt , wie sie Steinchen in den Lauf steckten , und mehr als ein Ladstock schwirrte , im Eifer vergessen , durch die Bäume , und nur das Glück der Jugend verhütete ernstliche Unfälle ; auch war der alte Feldwebel , welcher die Plänkler beaufsichtigte , genötigt , mit seinem Stocke dazwischenzuschlagen und reichlich zu fluchen , um die Disziplin einigermaßen zu wahren . Ich befand mich auf einem äußersten Flügel dieser Kette , teilte aber die Aufregung meiner Kameraden nicht , sondern ging gedankenlos vorwärts , ruhig und melancholisch meine Schüsse abgebend und mein Gewehr wieder ladend . Bald hatte ich mich von den übrigen verloren und befand mich mitten am Abhange einer wilden , mir unbekannten Schlucht , in deren Tiefe ein Bächlein rieselte und die mit altem Tannenwalde erfüllt war . Der Himmel hatte sich bedeckt , es ruhte eine düstere und doch weiche Stimmung auf der Landschaft , das Schießen und Trommeln aus der Ferne hob noch die tiefe Stille der unmittelbaren Nähe , ich stand still und lehnte mich ausruhend auf das Gewehr , indem ich einer halb weinerlichen , halb trotzigen Laune anheimfiel , welche mich öfter beschlichen hat gegenüber der großen Natur und welche der Bedrängten Frage nach Glück ist . Da hörte ich Schritte in der Nähe , und auf dem schmalen Felspfade , in der tiefen Einsamkeit , kam mein Feind daher , das Herz klopfte mir heftig , er sah mich stechend an und sandte mir gleich darauf einen Schuß entgegen , so nah , daß mir einige Pulverkörner ins Gesicht fuhren . Ich stand unbeweglich und starrte ihn an ; hastig lud er sein Gewehr wieder , ich sah ihm immer zu , dies verwirrte ihn und machte ihn wütend , und in unsäglicher Verblendung der Gescheitheit , der vermeintlichen Dummheit und Gutmütigkeit mitten ins Gesicht zu schießen , wollte er in dichter Nähe eben wieder anlegen , als ich , meine Waffe wegwerfend , auf ihn losfuhr und ihm die seinige entwand . Sogleich waren wir ineinander verschlungen , und nun rangen wir eine volle halbe Stunde miteinander , stumm und erbittert , mit abwechselndem Glücke . Er war behend wie eine Katze , wandte hundert Mittel an , um mich zu Falle zu bringen , stellte mir das Bein , drückte mich mit dem Dom hinter den Ohren , schlug mir an die Schläfe und biß mich in die Hand , und ich wäre zehnmal unterlegen , wenn mich nicht eine stille Wut beseelt hätte , daß ich aushielt . Mit tödlicher Ruhe klammerte ich mich an ihn , schlug ihm gelegentlich die Faust ins Gesicht , Tränen in den Augen , und empfand dabei ein wildes Weh , welches ich sicher bin , niemals tiefer zu empfinden , ich mag noch so alt werden und das Schlimmste erleben . Endlich glitten wir aus auf den glatten Nadeln , welche den Boden bedeckten , er fiel unter mich und schlug das Hinterhaupt dermaßen wider eine Fichtenwurzel , daß er für einen Augenblick gelähmt wurde und seine Hände sich öffneten . Sogleich sprang ich unwillkürlich auf , er tat das gleiche ; ohne uns anzusehen , ergriff jeder sein Gewehr und verließ den unheimlichen Ort . Ich fühlte mich an allen Gliedern erschöpft , erniedrigt und meinen Leib entweiht durch dieses feindliche Ringen mit einem ehemaligen Freunde . Die künstliche Verlängerung des menschlichen Armes durch eiserne Waffen ist gewiß die Hauptursache der unaustilgbaren Streitsucht ; denn wenn die Männer sich von Hand zu Hand angreifen müßten , so würden sie ohne Zweifel die wilde Bestialität , nicht maskiert durch den kalten Stahl , eher innewerden und das öftere Zusammentreffen scheuen . Von dieser Zeit an trafen wir nie wieder zusammen ; er mochte aus meiner verzweifelten Entschlossenheit herausgefühlt haben , daß er im ganzen doch an den Unrechten gerate , und vermied jetzt jede Reibung . Aber der Streit war unentschieden geblieben , und unsere Feindschaft dauerte fort , ja sie nahm zu an innerer Kraft , während wir uns in den Jahren , die vergingen , nur selten sahen . Jedes Mal aber reichte hin , den begrabenen Haß aufs neue zu wecken . Wenn ich ihn sah , so war mir seine Erscheinung , abgesehen von der Ursache unserer Entzweiung , an sich selbst unerträglich , vertilgungswürdig ; ich empfand keine Spur von der milden Wehmut , welche sich sonst beim Anblicke eines verfeindeten Freundes mit dem Unwillen vermischt ; ich fühlte den reinen Haß und daß , wie sonst Jugendfreunde für das ganze Leben , auch bei getrennten Verhältnissen , eine Zuneigung bewahren , dieser im gleichen Sinne der Dauer mein Jugendfeind sein würde . Ganz die gleichen Empfindungen mochte er bei meinem Anblicke erfahren , wozu noch der Umstand kam , daß die engere Veranlassung unserer Feindschaft , die Geschichte des Schuldbuches , für ihn an sich selbst unvergeßlich sein mußte . Er war unterdessen in ein Comptoir getreten , hatte seine eigentümlichen Fähigkeiten fort und fort ausgebildet , bewies sich als sehr brauchbar , klug und vielversprechend und erwarb sich die Neigung seines Vorgesetzten , eines schlauen und gewandten Geschäftsmannes ; kurz , er fühlte sich glücklich und sah voll Hoffnung auf sein zukünftiges Selbstwirken . So kann ich mir gar wohl denken , daß die arge Enttäuschung , welche sein erster jugendlicher Versuch , ein Geschäft zu machen , erfuhr , für ihn ebenso nachhaltig schmerzlich sein mußte als einer kindlichen Dichter- oder Künstlernatur der erste verneinende Hohn , welcher ihren naiven und harmlosen Versuchen zuteil wird . Wir waren schon konfirmiert , er etwa achtzehn , ich siebzehn Jahre alt , wir begannen uns selbständiger zu bewegen und lernten nun Verhältnisse und Menschen kennen . Wenn wir an öffentlichen Orten zusammentrafen , so vermieden wir , uns anzusehen , aber jeder weihte seine Freunde in seinen Haß ein , welcher manchmal um so gefährlicher zu wirken und auszubrechen drohte , als nun ein jeder mit solchen jungen Leuten umging , die seiner Beschäftigung und seinem Wesen entsprachen und also einen empfänglichen Boden für eine weiterzündende Feindschaft bildeten . Deswegen dachte ich mit Sorge an die Zukunft und wie das denn nun das ganze Leben hindurch in der kleinen beschränkten Stadt gehen sollte ? Allein , diese Sorge war unnütz , indem ein trauriger Fall ein frühes Ende herbeiführte . Der Vater meines Widersachers hatte ein altes wunderliches Gebäude gekauft , welches früher eine städtische Ritterwohnung gewesen und mit einem starken Turme versehen war . Dies Gebäude wurde nun wohnlich eingerichtet und in allen Winkeln mit Veränderungen heimgesucht . Für den Sohn war dies eine goldene Zeit , da nicht nur das Unternehmen überhaupt eine Spekulation war , sondern es auch eine Menge Geschicklichkeiten und Selbsthilfe an den Tag zu legen gab . Jede Minute , die er frei hatte , steckte er unter den Bauleuten , ging ihnen an die Hand und übernahm viele Arbeiten ganz , um sie zu ersetzen und zu sparen . Mein Weg zur Arbeit führte mich jeden Tag an diesem Hause vorüber , und immer sah ich ihn zwischen zwölf und ein Uhr , wenn alle Arbeiter ruhten , und am Abend wieder , mit einem Farbentopfe oder mit einem Hammer unter Fenstern oder auf Gerüsten stehen . Er war seit der Kinderzeit fast gar nicht mehr gewachsen und sah in seiner Emsigkeit , an den ungeheuerlichen Mauern hängend , höchst seltsam aus ; ich mußte unwillkürlich lachen und hätte fast einem freundlichern Gefühle Raum gegeben , da er in diesem Wesen doch liebenswürdig und tüchtig erschien , wenn er nicht einst die Gelegenheit wahrgenommen hätte , einen ansehnlichen Pinsel voll Kalkwasser auf mich herunterzuspritzen . Eines Tages , als ich des Hauses bereits ansichtig war , führte mich mein milder Stern durch eine Seitenstraße einen andern Weg ; als ich einige Minuten später wieder in die Hauptstraße einbog , sah ich viele erschreckte Leute aus der Gegend jenes Hauses herkommen , welche eifrig sprachen und lamentierten . Um die Wegnahme einer alten Windfahne auf dem Turme zu bewerkstelligen , hatten die Bauleute erklärt , ein erhebliches Gerüste anbringen zu müssen . Der Unglückliche , der sich alles zutraute , wollte die Kosten sparen und während der Mittagsstunde die Fahne in aller Stille abnehmen , hatte sich auf das steile hohe Dach hinausbegeben , stürzte herab und lag in diesem Augenblicke zerschmettert und tot auf dem Pflaster . Es durchfuhr mich , als ich die Kunde vernommen und schnell meines Weges weiterging , wohl ein Grauen , verursacht durch , den Fall , wie er war ; aber ich mag mich durchwühlen , wie ich will , ich kann mich auf keine Spur von Erbarmen oder Reue entsinnen , die mich durchzuckt hätte . Meine Gedanken waren und blieben ernst und dunkel , aber das innerste Herz , das sich nicht gebieten läßt , lachte auf und war froh . Wenn ich ihn leiden gesehen oder seinen Leichnam geschaut , so glaube ich zuversichtlich , daß mich Mitleid und Reue ergriffen hätten ; doch das unsichtbare Wort , mein Feind sei mit einem Schlage nicht mehr , gab mir nur Versöhnung , aber die Versöhnung der Befriedigung und nicht des Schmerzes , der Rache und nicht der Liebe . Ich konstruierte zwar , als ich mich besonnen , rasch ein künstliches und verworrenes Gebet , worin ich Gott um Verzeihung , um Mitleid , um Vergessenheit bat ; mein Inneres lächelte dazu , und noch heute , nachdem wieder Jahre vorübergegangen , fürchte ich , daß meine nachträgliche Teilnahme an jenem Unglücke mehr eine Blute des Verstandes als des Herzens sei , so tief hatte der Haß gewurzelt ! Neuntes Kapitel Um wieder zu jener Schulzeit zurückzukehren , so kann ich nicht bekennen , daß dieselbe hell und glücklich gewesen sei . Der Kreis des zu Erfahrenden hatte sich nun erweitert , die Ansprüche waren ernster geworden , ich hatte ein dunkles Gefühl , daß es sich um Wichtiges und Schönes handle , und auch einen gewissen Drang , diesem Gefühle zu genügen . Aber die Übergänge von einer Stufe zur anderen waren mir nie klar und gingen mir immer verloren . Das einzige Element , in dem ich sicher lebte wie in der Lebensluft , war die Sprache . Meine Schulabteilung war für solche bestimmt , welche sich später dem Gewerb- oder Handelsstande widmen wollten ; daher wurde in den niederen Klassen , durch welche ich gelangte , außer dem Deutschen nur Französisch und Italienisch gelehrt . Letztere beiden bestritt ich ohne Mühe , indem ich , über die grammatikalischen und Vokabelnaufgaben flüchtiger hinwegeilend , durch die Geläufigkeit in der Muttersprache unterstützt , leicht erriet und daher gut ins Deutsche übersetzte . Sollte ich dagegen von diesem in die fremden Sprachen übersetzen , so kam mir eine große Geschicklichkeit im augenblicklichen Nachschlagen zustatten , da ich einmal sogleich fühlte , was tauglich und wo es zu suchen sei . Dies täuschte die Lehrer , daß sie mich überall für gut beschlagen hielten , mich zu denen zählten , welchen man weniger aufmerken müsse , und zufrieden waren , wenn ich die Übersetzungen und Stilübungen pünktlich und erträglich einlieferte . Mein deutsches Lernen hingegen konnte gar keine Arbeit , sondern nur ein Vergnügen genannt werden . Schon vor Jahren in der ersten Schule hatte ich Orthographie und Interpunktion mir vollkommen angeeignet und wie man sprechen lernt . Nachher hielt meine kleine Schreibkunst mit meiner Erfahrung Schritt , und was ich sagen wollte , konnte ich richtig niederschreiben und wunderte mich , wie gerade dies so viele Schüler in Verzweiflung setzte . Stilkünste und Wendungen merkte ich aus den gelesenen Büchern ; was mir , nach meinem jeweiligen Geschmacke , auffiel , das wandte ich aus Nachahmungstrieb an , bis ich besser unterscheiden lernte . Daher fielen meine Aufsätze umfangreich und überschwenglich aus , ich schriftstellerte förmlich darin mit großer Liebhaberei und erschöpfte jedesmal den Stoff nach allen Seiten , soweit der Verstand reichte . Während meines Besuches der Schule waren sich zwei verschiedene deutsche Lehrer gefolgt . Der erste war ein patriotischer Mann , welcher uns mit Begeisterung die Schweizergeschichte vorerzählte und stückweise als Stoff zu schriftlichen Arbeiten aufgab . Dieser Stoff war mir zu knapp , da er jedesmal nur für zwei oder drei Seiten berechnet war und ich hier füglich nicht viel hinzutun konnte . Ich half mir mit allerlei Schilderungen der Lokalitäten und Personen , welche etwas seltsam und unnütz ausfielen und den Lehrer aufmerksam machten . Als wir zur Geschichte des Tell kamen , hatte ich das Schillersche Drama schon gelesen und glaubte mich im Besitze besonderer Quellen . Mein Aufsatz war eine prosaische Wiedererzählung des Gedichtes und besonders die Liebesgeschichte weitläufig ausgemalt . Als der Lehrer mit den durchgesehenen Heften in die Stunde und die Reihe des Beurteilens an mich kam , fragte er mich freundlich , wo ich diese und jene Umstände hergenommen hätte . Ich fürchtete unrecht getan zu haben und schwieg auf sein wiederholtes Andringen hartnäckig still . Beim Nachhausegehen forderte er mich auf , nächstens zu ihm in sein Haus zu kommen . Ich war ihm sehr zugetan und ahnte wohl , daß mir Gutes geschehen sollte ; aber ich war zu schüchtern und ging nicht hin . Der Mann starb , und ein anderer folgte auf ihn , welcher die Aufgaben aus dem Leben griff und uns anwies , die verschiedenen Vorkommnisse desselben zu beschreiben . So mußten wir einmal unsere Ferienreise aufzeichnen ; ich hatte keine gemacht , sondern die ganze Zeit über bei der Mutter hinter dem Ofen gesessen , erfand aber ein ganzes Heft voll mutwilliger Abenteuer , welche in dem witzelnden Jargon irgendeines satirischen Buches , das ich gelesen , gehalten waren . Ein andermal sollten wir einen vom Gewitter überfallenen Jahrmarkt schildern ; auch dieser Aufsatz spann sich mir sehr lang aus , steckte aber so voller Possen , daß ich ihn sowenig eingab wie jene Ferienreise . Der Lehrer fragte aber gar nicht darnach , weil er wußte , daß ich alles konnte , was er von dieser Klasse verlangte , und da ich mich sonst still hielt , ließ er mich gänzlich in Ruhe und tat , als ob ich nicht da wäre , so daß ich während seiner Stunden immer las . Gelegentlich wurde ich etwa aufgerufen , um irgendeinen lateinischen Ausdruck der Grammatik zu sagen ; diese hatte ich aber längst vergessen und kenne sie auch jetzt nicht , weil ich ohne sie oder vielmehr neben ihr vorbei schreiben gelernt hatte . Doch der Lehrer hielt mein Schweigen für Vorsätzlichkeit und war froh , mich gelinde bestrafen zu können , um mich nicht zu stolz werden zu lassen . Er war ein Schöngeist und diktierte uns dann und wann als Leckerbissen eine Stelle aus einem deutschen Klassiker , welche für uns zugänglich war . Solche Bruchstücke ließen mich das Untaugliche alles übrigen Treibens lebhaft fühlen ; ich schrieb sie sorglich ins reine , las sie wieder und arbeitete sogleich in dem betreffendern Stile . In der Schule sah ich voll Sehnsucht auf die schöngebundenen Bücher , die der kühle Mann mitbrachte , und nahm mir fest vor , diesmal zu ihm zu gehen , wenn er mich etwa einladen würde wie der Verstorbene . Er starb indessen auch , ohne es je getan zu haben ; entweder liebte er dergleichen nicht oder war überzeugt , daß ich für einmal genug Deutsch verstände . Nicht so gut erging es mir mit dem übrigen Lernen . In allen Schulen , wo kein Latein getrieben wird , betrachtet man den Unterricht als einen Dampf , der möglichst rasch durch das Gehirn der Jugend gejagt werden müsse , um wieder zu verfliegen . Dies einmal und nie wieder Hören der Gegenstände , dies regelmäßige und vollkommene Vergessen dessen , was die einzelnen Naturen in den Jahren des Unverstandes nicht ansprach und was sie später doch so gerne wissen möchten , hat etwas Grauenhaftes in sich ; es ist , als ob dies Unkraut nur da wäre , um auch das zu beeinträchtigen und zu schmälern , was man wirklich versteht und gerne lernt . Es sind vielleicht nicht die schlechteren Gewächse der Schule , welche für das , dessen Zweck sie einstweilen nicht einsehen , böswilligst keinen Sinn zeigen und beharrlich darin nichts tun , und es fragt sich , ob manche Lehre nicht erst dann begonnen werden sollte , auch in ihren Anfängen , wenn man imstande ist , den großen und erhabenen Endzweck klar und eindringlich zu machen . Die meisten Schulmänner haben ihr Leben lang nichts getrieben als das Fach , in welchem sie vierzehnjährige Knaben unterweisen sollen . Von frühster Jugend an haben sie besondere Neigung dafür gezeigt , dann studierten sie , hörten das gleiche Thema drei- , viermal bei verschiedenen Lehrern , reisten und hörten es wieder , lasen nichts anderes ! als was davon handelte , und nun treten sie vor die Jugend und verlangen von ihr , daß sie aus einigen trockenen , grämlichen Einleitungsworten die ganze Einsicht und Begeisterung für eine lange Reihe von Unterrichtsstunden schöpfe und ebenso überzeugt sei von der Klarheit und Notwendigkeit jedes Punktes als sie selbst von ihrer Weisheit . Die Kinder des Latein und des Griechisch , der Student , werden freilich gehätschelt und gepflegt , damit die Kaste nicht ausgehe ; aber alle Lehrer , welche in den geheiligten Mauern nicht unterkommen können , betrachten sich auf den Profanschulen als unglückliche Verbannte , welche Perlen vor die Säue zu werfen haben . Ich habe auch Schulmänner gesehen , deren Lebensaufgabe darin bestand , die Volkserziehung zu verbessern . Tag und Nacht arbeiteten sie daran , reisten herum auf Kongressen , schrieben Bücher und führten Polemik ; ein inneres Feuer verzehrte sie . Was Wunder , wenn sie verdrießlich und einsilbig in die Stunde kamen und ängstlich darüber wegeilten , um nur wieder an die Lösung ihres einen Rätsels gehen zu können ? Man begann uns Weltgeschichte zu diktieren , und unzählige Namen orientalischer Urvölker schwirrten an uns vorüber , während wir gleichzeitig die Geographie von Europa betrieben , von dessen Bewohnern wir nichts vernahmen zu selber Zeit , und als die Sache umgekehrt wurde , hatten die meisten die entsprechende Kenntnis schon gründlich vergessen oder wußten sie nicht anzuwenden ; denn eben diese Einsicht kommt erst mit der reiferen Jugend , welcher die Welt anfängt deutlich und wichtig zu werden . Die Lehrer der verschiedenen mathematischen Übungen begannen ihren Kursus , mit wenigen Ausnahmen , durch einige magere Worte über den Sinn des Titels und begannen dann unaufhaltsam die Sache selbst , vorwärtsschreitend , ohne umzusehen , ob einer mit dem Verständnis zurückbleibe oder nicht . Daher gab es unter vierzig Schülern vielleicht höchstens drei , welche von dem Gegenstande am Schlusse eine wirkliche Rechenschaft geben konnten , solche , deren Neigungen und Fähigkeiten er entsprach . Die übrigen schleppten sich entweder mit mühseliger Aufmerksamkeit und angstvollem Fleiße von Stunde zu Stunde , ohne je recht klar zu sein , oder sie ließen gleich im Anfange die Hoffnung sinken und sich regelmäßig bestrafen . Was ich selbst tat , weiß ich kaum mehr zu sagen ; ich lebte fortwährend wie in einem quälenden Traume . Manchmal hatte ich den Faden einige Tage hindurch wieder erwischt , dann verlor ich ihn plötzlich wieder , freilich durch eigene Schuld ; aber die Schuld der Alten war eben , daß ein Moment der Unaufmerksamkeit für dieses Alter unwiederbringlich und zu einer Todsünde werden konnte . Einst wurde uns ein edler stiller Mann vorgeführt , welcher uns die Pflanzenkunde lehren sollte . Er begann mit langsamen , faßbaren Worten ganz von vorne , wir hatten ganz reinen Tisch , und er fuhr so fort , daß nur die wirklich stumpfen Geister zurückblieben . Nachdem er uns die äußerliche Stellung der Pflanzen in der Natur klargemacht und uns für sie eingenommen hatte , ging er auf ihre allgemeinen Eigenschaften und auf die Erklärung ihres Organismus über , wobei wir die ersten Blicke in die Bedeutung dieses Wortes erhielten , welche wir von nun an nicht vergaßen . Schon freuten wir uns der nahen Aussicht , einige Kenntnis im Bestimmen der einzelnen Gewächse zu erhalten , und mehr als einer war vielleicht in der Klasse , bei welchem eine einflußreiche Anhänglichkeit an die Natur und ihre Kenntnis geweckt worden wäre , als der von uns trotz seiner Einsilbigkeit hochgehaltene Lehrer erkrankte und den Unterricht aufgeben mußte . Statt daß nun ein anderer Botanikbeflissener gesandt worden wäre , welcher auf Grund unserer sämtlich musterhaften Hefte fortzufahren versucht hätte , wurde das Ganze unverhofft abgebrochen , und ein geistlicher Herr , welcher als Dilettant etwas Naturwissenschaft trieb , überfiel uns mit einem Heere wilder Bestien , indem er uns etwas aphoristische Zoologie vortrug . Während wir so mit jener liebgewonnenen Botanik ein organisches Ganzes verloren , erhielten wir dafür nur einige Tiergestalten ; denn die Zoologie , welche man vierzehnjährigen Knaben lehrt , nährt nicht ihren Geist , weil sie ohne vergleichend anatomische Kenntnisse , mit einem Worte ohne wissenschaftliche Anknüpfungen bloßes Futter für die Neugierde ist . Solches blindes Einwirken des Zufalles in unser Fortschreiten kam mehr als einmal vor , und es verletzt das ohnehin zarte Gewebe des zusammenhängenden Verständnisses rauher , als man denkt . Ich hatte ein sehr gutes Gehör und war ein eifriger Sänger . Wir hatten für die erste Schulzeit eine einfache Notenlehre gekannt , welche nun eines Morgens mit der eigentlichen verwickelteren Theorie verwechselt wurde . Die erste Stunde , in welcher der Musikus etwas über die Bedeutung und allgemeine Einrichtung derselben gesagt haben mochte , war ich abwesend , und als ich wieder eintraf , fand ich meine Mitschüler im ängstlichen Lesen der verschiedenen Skalen und Tonarten begriffen . Ich war nun ein für allemal vor die Tür gesetzt ; wenn wir sangen , nachdem der Lehrer auf seiner Geige den Ton angegeben , krähete ich mit heller Stimme , traf immer sicher und wurde öfter gebraucht , die Höhe des Tones zu halten . Sollte ich aber das Lied lesen , so stockte ich bald und wurde als böswillig bezeichnet . Überall war dieser unselige Zwiespalt zwischen klarem Zweck und scheinbarer Zwecklosigkeit , zwischen vorausgenommener Fertigkeit in diesem Ganzen und nachschleppendem Unverständnis jenes Einzelnen . Und doch war die Anstalt gut und besser als viele andere ; denn das Übel liegt oder lag in der ganzen Erziehungsweise , in den verwendeten Menschen . Der Staat gibt die rechte Parole und bringt die größten Opfer , mit denen er seiner Ehre genügt ; aber ehe sie Früchte tragen , muß die ganze alte Generation der Pädagogen aussterben und ein neues Geschlecht entstehen , welches ein ganz anderes Fühlen , Sehen und Hören mitbringt als das alte . Doch als ich mich ungefähr dem funfzehnten Jahre näherte und die Stimme sich zu verändern begann , brach durch alle Verwirrung hindurch ein helleres Licht ; in dem Maße als man uns Heranwachsende ernster , aber auch rücksichtsvoller behandelte , fing an die eigentliche Lernbegierde aufzutauen , und wie ich ahnte , daß alle Kenntnisse wohl ineinander münden und sich zu einem lichten Zwecke verflechten würden , lernte ich die wirkliche und gewissenhafte Mühe kennen , welche nicht nur mit dem Talente spielen , sondern auch mit Lust arbeiten kann . Ich freute mich mit andern auf die höheren Klassen , welche wir bald antreten sollten , und wir warfen hoffnungsvolle Blicke in die wohlbestellten und geordneten Sammlungen , auf die mannigfaltigen Mittel , die jenen zu Gebote standen , auf das gesetzte und selbständigere Wesen , das dann seinen Anfang nehmen sollte . Ich fühlte die Wichtigkeit und nötige Fruchtbarkeit der nächsten Jahre ; zu welchem Lebensberufe ich mich dann entscheiden würde , darüber konnte ich mir noch keine Rechenschaft geben . Denn auch insofern war die Anstalt vortrefflich geschaffen , daß gegen das Ende ihrer Studien , mitten aus ihr heraus , mit vollem Überblicke man sich einen Entschluß fassen konnte , ja mußte , wer nicht durch früh ausgesprochene Neigung schon bestimmt war . Nur zwei Richtungen drängten sich deutlicher vor meine Augen und spielten unbestimmt ineinander . Es war der große Zeichnungssaal mit seinen vielen Gipsabgüssen , schönen Kunstvorlagen und dem ganzen künstlerischen Treiben darin , und anderseits die tiefere und ausführlichere Behandlung der Sprache , das Lesen und Erklären von Schriftstellern verschiedener Zungen , worauf ich mich freute und welche ich ganz zu benutzen mir vornahm . Allein zwischen der Zukunft und der Gegenwart lag noch eine tiefe und breite Kluft . Es lehrte an unserer Schule ein Mann , welcher mit wahrer Herzensgüte und ehrlichem Sinne eine große Unerfahrenheit , mit der Jugend umzugehen , und ein schwächliches und seltsames Äußeres verband . Er hatte in dem Kampfe , welcher