der That den Befehl zu vollziehen , sich das Mobiliar der verstorbenen Fürstin Amanda vollständig anzueignen . Fürst Waldemar von Hohenberg , der Verstorbene , zu allen Zeiten Verschwender und geldbedürftig , verkaufte nach einer Sinnesart , die wir noch deutlicher werden kennen lernen , auf seinen Gütern das Ei unterm Huhne und wie dann auch das Huhn dazu , so auch sogar die letzten Erinnerungen an seine Gattin . Zu diesem Schritt entschloß er sich einige Wochen vor seinem vor drei Monaten erfolgten Tode . Wie die Intendantur der königlichen Schlösser eigentlich darauf kam , sich so geflissentlich diesen Erwerb anzueignen , war dem Publicum noch ein Räthsel . Die Einen fabelten von einer wunderbaren Einrichtung , die jedoch Andere gänzlich in Abrede stellten . Viele sagten , die Einrichtung der Fürstin Amanda von Hohenberg war zwar nicht kostbar , aber sie war sinnig und geschmackvoll . Sie liebte Rococomöbeln , sagten die Einen . Im Gegentheil berichtete Frau von Trompetta ( und sie , die zu den Wenigen gehörte , die Hohenberg besucht und sich der verschollenen frommen Fürstin manchmal erinnert hatten , konnte es wissen ) ; im Gegentheil , ihre Wohn- , Schlaf- und Betzimmer wären ganz in altdeutschem Geschmack gewesen : man fände daselbst nur große Tische und gewaltige Schränke mit gewundenen Füßen und Säulen , Alles pechbraun oder rabenschwarz gebeizt ; ausgezeichnet , gestand sie zu , sind die Gegenstände , die auf einem rings an den Wänden angebrachten zierlichen Holzsimse ständen . Da sähe man Schnitzarbeiten von Elfenbein und Hirschhorn , gußeiserne Crucifixe , das Abendmahl von Leonardo da Vinci aus Wachs bossirt , ein Meisterstück von einem tiroler Mönche .... Ja ! fügte die Trompetta in ihrer Weise erregt hinzu , und der vielen Lithophanieen an den Fenstern und all der bunten Glasbehänge nicht zu gedenken , die ihren Zimmern einen wahrhaft heiligen , das Gemüth sanft zur Ruhe wiegenden Dämmerschein gaben ! Nach dieser Mittheilung der Frau von Trompetta kam dann eine mysteriöse Schalkheit dieser Frau . Frau von Trompetta , behauptete man , hätte bei einer Audienz , wo sie die Königin zur Theilnahme an einem neu von ihr begründeten Kleinkinderbewahrinstitute aufgefodert , sich erlaubt , der erlauchten hohen Dame eine solche Schilderung von Hohenberg zu entwerfen , daß diese eine große Neigung faßte , die Hinterlassenschaft zu erwerben . Man liebte ja bei Hofe die Dämmerungszustände .... Man hüllte sich ja so gern in diese bunten Lichter des Räthselhaften und Ahnungsvollen ein .... General Voland von der Hahnenfeder , der berühmte militairische Diplomat , hatte ja den Hof und dessen Liebhabereien mit seinen Sammlungen von Glasmalereien , Elfenbeinschnitzarbeiten , Handschriften ganz in der Gewalt und auch für diese Idee , obgleich sie vielleicht von der ihm nicht sehr zusagenden quecksilbernen Frau von Trompetta angeregt , von dem geistreichen artistischen Tonangeber , dem Probste Gelbsattel , den Voland wie alles lutherisch Kirchliche nicht gern zu üppig und breit aufkommen ließ , unterstützt war , lautete sein Votum doch durchaus empfehlend . Für den Leonardo da Vinci aus Wachs hatte Voland sogar schon einen Platz in der Privatkunstkammer des Königs , wo bereits mehre Kunstwerke standen , die Voland bei seinen Reisen durch österreichische Klöster gesammelt hatte . So vermutheten die Tiefern , die Bedeutenden und Ahnungsvollen .... Doch gestehen wir , daß es auch noch eine andere sehr nüchterne , kalte und rationalistische Partei bei Hofe gab , die diese Acquisition ganz vom finanziellen Standpunkte beurtheilte . Diese sahen eine dem überschuldeten Fürsten Waldemar von Hohenberg aus der königlichen Chatulle gezahlte Summe von dreitausend Thalern rein als eine einfache Unterstützung an , die man dem vom höchstseligen Landesfürsten abgöttisch verehrten tapfern Husaren Waldemar von Hohenberg , einem der glorreichsten Haudegen der Armee , in dieser harmlosen Form wollte zufließen lassen , und darauf das Mobiliar der Fürstin als eine Verpfändung . Um den Bruder des Königs , den Prinzen Ottokar , der den Oberbefehl der Armee führte , gruppirten sich Diejenigen , die sich für diese nüchterne Auslegung verbürgen wollten und die Mission des Geheimraths Henning von Harder zu Harderstein als eine einfache , nur dem königlichen Kämmerer , der die Chatulle verwaltete , bekannte finanzielle Eintreibung einer verfallenen Schuld ansahen . Dann begreif ' ich aber nicht , hatte Bartusch , das Factotum des Justizraths Schlurck zu diesem noch vor einigen Tagen auf Schloß Hohenberg gesagt , dann begreif ' ich nicht , wie Herr von Harder mit so ungestümer Eile , mit so ängstlicher Sorgfalt von dem Inhalt dieser drei Zimmer Besitz nehmen konnte . Wie rasch die Siegel an die Zimmer gelegt wurden ! Kaum , daß der Fürst die Augen geschlossen , lag schon das Siegel der Hofkanzlei auf Thür und Fenster . Jetzt , statt einfach einen Commissar zu senden und den Inhalt auf Treu und Glauben verladen zu lassen für dasjenige Schloß , wohin jene Schnurrpfeifereien nun bestimmt sein mögen , kommt die Excellenz da mitten in der Nacht in höchst eigener Person , einen Tag darauf folgt ein großer Meubles- und Transportwagen , wie für ein Paar Elefanten , und jetzt soll Einer die Angst sehen , mit der zwei Bediente über die drei Zimmer wachen , daß auch nicht eine Stecknadel hinaus kann . Was steckt dahinter ? Sie kennen , hatte dagegen Schlurck zu seinem treuen Bartusch gesagt , Sie kennen die ängstliche Gewissenhaftigkeit dieses musterhaftesten aller Staatsdiener . Henning von Harder , der nichts von Dem sehen und hören will , was die närrische Pauline in seinem Hause täglich anrichtet und in der Welt schon Alles angerichtet hat , weiß dennoch mit genauester Bestimmtheit , ob gerade in dieser Minute ein Rhododendron in dem königlichen Schlosse zu Buchau am Rheine blüht oder geblüht hat oder blühen wird . Dieser Mensch ist eine Uhr . Im Gefühl seiner Pflicht einmal aufgezogen , schnurrt er sich in mathematischer Genauigkeit Minute um Minute ab , bis er sich mit dem Gefühl seiner Würde wieder neu aufzieht und wieder da anfängt wo er geendet hat . Hm ! Hm ! Hm ! hatte damals der kluge und schlaue Vertraute aller Schlurck ' schen Geheimnisse für sich in den Bart gebrummt und dann noch diese oder jene Vermuthung einstreuen wollen ..... Schlurck aber hatte kurz vor seiner schnellen Abreise nach der Residenz einfach die Weisung gegeben : Bartusch , behandeln Sie die Excellenz mit all der Achtung , die ihrem einflußreichen Stande , noch mehr aber der gefährlichen Intrigue seiner uns sonst innigst zugethanen Frau gebührt ! Ich würde fürchten , nicht mehr lachen zu können , wenn diese leicht verletzbare Frau , die mich jetzt verehrt und schätzt , zufällig meine Feindin würde . Lassen Sie ihn die besten Zimmer bewohnen , bieten Sie den beiden Schlingeln von Bedienten die freundlichsten Worte und getrost soviel Wein wie sie wollen . Mein Princip ist auch das , immer die Häuser von unten aufzubauen . Wissen Sie noch , Bartusch , ich habe darüber einmal in der Loge zu den drei Triangeln eine Rede gehalten , als das beste Princip aller zünftigen und unzünftigen Maurerei ? Mit der übrigen Gesellschaft , die sich hoffentlich auch bald verzieht , wird sich der vornehme Herr wenig in Gemeinschaft setzen . Darauf aber mach ' ich Sie aufmerksam : Einen gewaltigen Fehler hat er - alle königlichen Gärtnermädchen wissen davon zu erzählen - der schon alte Knabe ist sehr verliebt . Melanie liebt Späße ... und die , hoff ' ich , werden nicht in Ernst ausschlagen . Ich will keinen Kastellanposten in Buchau oder Sansregret oder Solitude haben , verstehen Sie , Bartusch ! Sagen Sie Melanie Das : Ihr Vater will nicht königlicher Schloßkastellan werden . Und noch Eins ! wenn die Zimmer geöffnet sind , so behalten Sie ... Die Familienbilder , fiel Bartusch mit Nachdruck ein . Wohl , sagte Schlurck , die Familienbilder . Denn die Clausel steht in der Verkaufsurkunde : die Familienbilder gehen sämmtlich an den Prinzen Egon zurück . Damit hatte sich Schlurck seinem treuen Geschäftsbeistand Bartusch empfohlen und in der That raffte Dieser , ein sonst nicht sehr glatter , wenn auch geriebener Weltmann , alle ihm ungewohnten , nur aus alten dienenden Zeiten ihm erinnerlichen Höflichkeitsformen zusammen , um gegen den Intendanten der königlichen Schlösser und Gärten möglichst unterwürfig zu sein . An diesem Morgen , nach Schlurck ' s rascher durch irgend ein ihm unbekanntes Erlebniß veranlaßten Abreise hatte Herr von Harder die drei Zimmer öffnen und mit Unterstützung des Justizdirectors von Zeisel , der unten in Plessen wohnte , ein Inventar aufnehmen lassen , das mit dem vom Fürsten Waldemar vor nunmehr etwa fünf Monaten übergebenen verglichen wurde und stimmte . Das Geschäft war im Laufe des Vormittags beendigt . Die Verpackung sollte morgen vorsichgehen und den Tag darauf wollte Herr von Harder abfahren , als Sauvegarde jenes ungeheueren Transportwagens , der unten noch im Dorfe stand . Man hätte glauben sollen , die unruhige Gesellschaft , die eben das Schloß bewohnte , müßte ihm bei dieser wichtigen Staatsaction sehr störend gewesen sein und Bartusch , der eben zu ihm herantrat , als er die alte Brigitte und den greisen Winkler durch seine Herablassung so glücklich gemacht hatte , sagte auch : Ew . Excellenz werden froh sein , endlich einmal einen ruhigen Augenblick genießen zu können . Der Intendant lächelte und meinte bedeutungsvoll : Hm ! Bartusch entschuldigte den verwahrlosten Zustand des Gartens , der einem Kennerblick gewiß sehr misfallen müsse . Hm ! Hm ! .. Bleiben recht lange aus ; war darauf die ganze Antwort . Bartusch wußte aus Schlurck ' s großer Praxis , daß vornehme Menschen selten auf Das Acht haben , womit sie Einer zu unterhalten sucht , und ahnte sogleich , daß Excellenz einen andern Gedankengang verfolgten . Es war , Das sah er wohl , die Cavalcade gemeint , der Dankmar im Walde begegnet war . Excellenz werden doch den kleinen Abendcirkel durch Ihre Gegenwart verschönern , bemerkte Bartusch unterthänigst . Abendcirkel ? wiederholte der Intendant . Wie gestern so etwas ? Hm ! Gesellschaft - ein Bischen gemischt - Was ? Leider ! sagte Bartusch , sich dem wandelnden und zuweilen nach der an der Mauer sich hinziehenden Straße hinausblickenden Cavalier anschließend . Das bemerk ' ich nirgend mehr als in meinen Büchern , wo wir nun diese schreckliche Confusion einer höchst zerrütteten Verlassenschaft zu ordnen haben . Da stehen Jud ' und Christ nebeneinander , Civil und Militair , Kaufmann und Handwerker , wer nur was zu geben hatte und sechs Procent von dreieinhalb unterscheiden konnte . Der Intendant lächelte wieder und meinte : Recht schlimmer Herr gewesen - der Fürst Waldemar Durchlaucht ; - aber viel Bravour im Kriege gehabt - hoch gespielt in den Bädern - aber - höchstselige Majestät ihn sehr geliebt - bewundernswürdiges Attachement gewesen .... Und die Damen , nicht wahr , Exzellenz ? bemerkte Bartusch lauernd . Auch davon wissen die Bücher in Zahlen zu erzählen , die in alle Brüche gehen . Der Intendant erwiderte hierauf blos ein schmunzelndes Lächeln , was indessen einer jener Gesichtszüge war , mit denen er in gewissen Fällen Ermuthigung bezeichnen wollte . Die Tänzerin Persiani ! sagte Bartusch ; die Polin Sobolewska - die Kunstreiterin La Houppe - die drei Wandstablers - Dore , Flore , Lore - Ein leichtes Meckern , ziegenartig , verrieth , daß Excellenz sich dieser Namen wohl erinnerten und piquanten Antheil nahmen . Doch schien sie das Gehen zu echauffiren . Herr von Harder nahm den feinen weißen Castorhut ab und strich einige mal sehr behutsam über seine außerordentlich glatt anliegende Tour vom glänzendsten pariser Bagnohaar ... ein sehr schönes südeuropäisches Schwarz bezieht man mehr aus Toulon als aus Brest ... Herr von Harder war zwar schon in den Sechzigen , doch hatte er sich Haltung und Wesen eines beiweitem jüngern Mannes bewahrt und konnte auf den ersten Blick jeden Prüfer zweifelhaft lassen , ob er ihn der noch anspruchsvollen , unternehmenden Generation zurechnen sollte oder der schon entsagenden . Er fing nun von der » Gesellschaft « an . Da ist eine Frau von Pfannenstiel ... Wer ist Das ? fragte er . Madame Pfannenstiel ? antwortete Bartusch achselzuckend ; Wirthschaftsräthin . Nicht üble Frau - ein bischen dumm . Was ? Excellenz wissen in diesem Punkte gewiß das Richtige zu treffen .... Aber reich ? Leider ! Wie so leider ? Weil sie Geld hat , ist sie hier . Dumme Menschen sind lästig . Mir wäre lieber , ihr Mann wäre da . Es läßt sich leben mit ihm . Warum ist der Mann nicht da ? Wagt ' s nicht . Da er früher hier wirthschaftete und das Volk geschunden hat , wie seinen armen Fürsten , so traut er sich nicht herzukommen . Ah ! ... Madame Schlurck ist eine charmante Frau ... fuhr der Geheimrath fort , der nun gesprächiger wurde . Bartusch schlug die Augen nieder , aus Gründen , die der Geheimrath nicht zu kennen schien und die auch wir erst später kennen lernen werden . Die muntere Blondine ... sehr charmant .... Frau von Sänger .... Frau von ? ... Frau von Sänger , die dritte Gemahlin des alten ehemaligen Rentmeisters von Sänger . Sind nach Randhartingen zurückgereist . Wohin ? Randhartingen , Excellenz ! Dort hinüber - zwei Stunden weit - rechts beim Ullagrund . Ah ! ... Allerliebste Frau . Bartusch ließ dem Geheimrath Zeit , sich zu besinnen . Er kam , da er eine junge erwähnt hatte , jetzt auf eine ältere . Die magere ? sagte er . Welche , Excellenz ? Die mit der - die mit dem - die ... Mit den großen Zähnen , wenn sie lacht .... Ah ! , Ja ! Frau Pfarrer Stromer . Keine schöne Frau . Gute Frau . Hat viel Kinder . Und die starke ? Wissen Sie , die kleine runde ! Frau von Reichmeyer , die Schwester des Herrn Lasally ... Nein , die nicht ! Sie meinen die Justizdirectorin von Zeisel , eine geborene von Nutzholz-Dünkerke . Nutzholz-Dünkerke ? Gute Familie ! Apropos . Was will denn der famose Stallmeister Lasally hier ? Der Geheimrath fragte fast unmuthig und nicht ohne besondern Nachdruck . Es ist des Commerzienraths Schwager , Bruder der Frau von Reichmeyer , wie Sie vielleicht wissen ; Reichmeyer hat 50.000 Thaler noch von der großen Lotterie her zu fordern .... Lasally hat doch wol schwerlich dabei eingeschossen ... meinte der Geheimrath ; sein Stall ist ja , soviel ich weiß , sequestrirt ; seine Pferde auf dem Rennen gewinnen nicht mehr . Lasally muß ganz im Misère stecken .... Weiß ich nicht , antwortete Bartusch diplomatisch - die Pferde , die er mitbrachte , reiten sich gut . Dies bemerkte gestern Fräulein Melanie .... Hat Pferde mitgebracht ! Famose Idee ! Warum - Pferde ? Man glaubte , der Aufenthalt würde sich in die Länge ziehen , man rechnete auf ein fröhliches Beisammenleben . Da sollten Bälle gegeben werden , soweit die Jahreszeit und die plessener Musik das Tanzen möglichmachte , da sollte gehüpft , gesprungen , gesungen und geritten werden . Jeder versprach seine rosenfarbene Laune mitzubringen und Freunde , soviel deren von verträglicher Sorte nur aufzutreiben waren . Was ist nun geworden ? Einer versteht den Andern nicht und mit Schlurck ' s Abreise ist Alles wie auseinandergesprengt . Der Intendant sagte : Brave Leute Das hier , aber kein Ton ! Graf Bensheim , Frau von Sengebusch eingeladen - wie war Das möglich ! Pure Dissonanz ! Haltung - Haltung ist viel - sehr viel ist Haltung . Feste zu arrangiren , erfodert Kopf und wie gesagt .... Geburt .... Was Feste arrangiren heißt , sah man am letzten Geburtstage der Königin , bemerkte Bartusch mit höflicher Verbeugung . Das arkadische Schäferfest suchte seines Gleichen , Excellenz .... Recht schön gewesen , äußerte der Intendant geschmeichelt und fast gleichgültig . Ich war wegen der Costüms selbst in Dresden - wissen Sie - um mir die Porzellansammlung anzusehen . Alle Menschen ... sehr hübsch wie von Porzellan gewesen - war sehr niedlich und richtig ! Alles nach echtem meißner Porzellan . Professor Lüders hat Alles sehr richtig gefunden . Nur eine Stimme darüber ! bemerkte Bartusch . An uns gewöhnliche Menschen kommt davon nur so ein Blick durchs Gitter und auch der ist verboten ; aber Excellenz sollen sich in dem Porzellanball wirklich selbst übertroffen haben . Als der Intendant lächelte , verbeugte sich der schlaue Graurock , der es in der Kunst , mit allerlei » Gemenschel « , wie er zuweilen verächtlich sagte , umzugehen , weit gebracht hatte . Doch kaum hatte er sich empfohlen , kehrte er , da er Etwas vergessen zu haben schien , zurück und sagte zu dem Intendanten , der seinen Blick unverwandt in die Gegend schweifen ließ , von wo die Cavalcade zurückkehren mußte : Noch ein Wort , Excellenz . Die Bilder wollt ' ich doch gehorsamst erinnert haben - Bilder ? Was für Bilder ? Die Familienbilder ! - Morgen bei der Verpackung ! betonte Bartusch . Welche Familienbilder ? sagte Herr von Harder plötzlich mit Amtsmiene und fast ungehalten . Bleiben bei der Masse - testamentarische Verfügung - Weiß Alles . Schon gut - Dürft ' ich mir erlauben , diese Stücke an mich zu nehmen und zur weitern Verfügung zurückzubehalten ? Verfügung ? Zurückzubehalten ? Wer verfügt ? Ich verfüge ! Bartusch erstaunte über diese kategorische Antwort , die von einem so bösen Blick begleitet war , daß die ganze freundliche Herablassung des vergangenen Gesprächs wie in Nichts verronnen erschien . Bartusch stand einen Augenblick rathlos , ob er unterwürfig bleiben sollte oder entschieden auftreten . Noch zog er den ersten Ton vor und sagte : Excellenz kennen des seligen Fürsten letzte Bestimmung , daß die Familienbilder von dem Kauf ausgeschlossen sind . Es war das Gewissen , das aus ihm sprach , die Ehre .... Familienbilder ! sagte der Intendant mit großem Nachdruck , und verrieth durch seine Sicherheit , daß er hier nicht aus sich , sondern nach einer Instruction sprach . Se . Majestät werden den letzten Willen Sr. Durchlaucht wohl zu ehren wissen , ... indessen , mein lieber Herr - was reden Sie von Gewissen , von Ehre ? Herr - ... Bartusch ! ergänzte dieser , als der brüske Intendant den Namen suchte . Bartusch , mein lieber Herr Bartusch ! Der Intendant sprach diese Worte mit einem Anflug von Schlauheit , der den starren Zügen etwas höhnisch Lächelndes gab - Was sind Familienbilder ? Bilder der Fürstin , des Fürsten , des Prinzen Egon - fiel Bartusch erregter ein . Haben Sie den Fürsten gekannt ? Ich denke wol - antwortete Bartusch malitiös . Die Fürstin haben Sie nicht gekannt . Wenn nicht ich , so kennt sie im Dorfe jedes nicht zu kleine Kind . Kind ... im Dorfe ? Ist das eine Autorität ? Eine Autorität für einen allerhöchsten Specialbefehl , den ich zu vollziehen die Ehre habe ? Kannten Sie die geborene Gräfin von Bury , welches die Mutter der Fürstin gewesen ist ? Kannten Sie den k.k. österreichischen Generalfeldzeugmeister Grafen von Hohenberg , der in zweiter Linie mit dem Fürsten von Hohenberg Durchlaucht verwandt war ? Familienbilder sind ein sehr allgemeiner Begriff - mein lieber Herr Bartusch - ein sehr allgemeiner . Man wird die Bilder nach der Residenz nehmen , alle - alle - alle - und Prinz Egon , Prinz Egon wird entscheiden , welche davon zur Familie gehören oder nicht . Haben sie verstanden , Herr Bartusch ? ... Wer verfügt ? Ich verfüge ! Verstanden ? Mit diesen kurz abgestoßenen , kalten , schneidenden , bösen Worten entfernte sich der vornehme impertinente Mann . Bartusch hatte Mühe , ansichzuhalten . Er besaß Verstand genug , einzusehen , daß diese Überlegung nicht aus Herrn von Harder ' s Kopfe kam , sondern der Wortlaut einer ausdrücklich ihm gegebenen Instruction war . Die Wendung , die so kräftig betont wurde : » Familienbilder sind ein allgemeiner Begriff « entsprach den Begriffen des Intendanten keineswegs . Das hat ihm Jemand so oft vorgesagt , bis er das schwere Wort behielt und sich Etwas darunter vorstellen konnte ! murmelte Bartusch vor sich hin , und in der Überzeugung , daß es mit den Zimmern der Fürstin eine doch sonderbare , seine ganze Neugier spannende Bewandtniß haben müsse , lenkte er nachdenklich seinen etwas schlorrenden und schleichenden Schritt dem Tempel zu , wo er mehre von den Damen , die jetzt das Schloß bewohnten , Andere , die es eben besuchten , erblickte , wie sie nickend mit Tüchern in die Ferne wehten . Dieser Gruß galt Melanie und ihren Begleitern , die soeben von ihrem Spazierritt im vollen Trabe zurückkehrten . Elftes Capitel Melanie Schlurck Das war ein Lärmen , ein Lachen , ein Jubeln , als die schöne Amazone vom hohen Sattel gehoben wurde und die dampfenden Pferde um sie her im Hofe des Schlosses stampften und wieherten . Reichmeyer ' s und Lasally ' s Bediente und Jockeys hielten die Renner am Zügel und führten sie nach den unten am Fuße des Berges gelegenen Ställen zurück , nicht ohne dazwischengeworfene , den Pferden gespendete Liebkosungen oder Scheltworte , jenachdem die Reiter mit ihren Thieren zufrieden gewesen waren oder nicht . Die Thiere gingen à merveille ! rief Melanie unter fortwährendem Gelächter , das dem klagenden und trostlosen Commerzienrath galt ; man muß nur reiten können ! Arme Laura , sagte sie zu dem von Reichmeyer gerittenen Pferde , es streichelnd ; du hattest es so gut mit deinem Reiter im Sinn ! Er sollte dir deine Gedanken ablauschen und du lauschtest sie ihm ab . Du sprangst , du stutztest vor jedem Ast , du schlugst mit den Ohren hochauf , wenn ein Vögelchen geflogen kam , du schwenktest dich anmuthig nach der rechten Seite hin , wenn auf der linken ein Hund kam und bellte , und alles Das will die gefühlskalte Geldseele jetzt nicht anerkennen und schilt dich , arme Laura ! Fliehe die Commerzienräthe ! Diese Menschen verstehen nicht , was sensible Naturen sind . Die ältern Damen , die unten im Tempel gewartet , hatten sich auch inzwischen oben am Schlosse eingefunden und begrüßten die ziemlich lange Ausgebliebenen in dem hintern Hofe . Ohne Spaß , sagte der Commerzienrath zu seiner ihn ängstlich anblickenden Gemahlin , einer Dame in rauschenden Stoffen , ich habe meine Noth gehabt . Man hat mir bei Gott das wildeste Pferd gegeben . Eugen hätte auch mehr Einsicht haben sollen . Frau von Reichmeyer warf einen vorwurfsvollen Blick auf ihren Bruder , den Stallmeister Lasally , der sich indessen nur mit Melanie beschäftigte und dieser » Querelen « nicht achtete . Ging es mir denn besser ? sagte der Justizdirector von Zeisel , eine lange , hagere Figur mit grauen Haaren und zugeknöpftem blauen Frack mit gelben Knöpfen , eine Bureaugestalt voll Höflichkeit und geschmeidig . Ging es mir denn besser ? Mir platzte der Sattelgurt ! Denken Sie sich , Frau Justizräthin , mein Malheur , wie ich plötzlich ins Schwanken gerathe und auf meinem Fuchs hin- und hertaumele . Ist mir nur in jüngern Jahren passirt ! Die Geistesgegenwart des liebenswürdigen Herrn Eugen hat mich gerettet , sonst wär ' ich , ich kenne Das , vielleicht geschleift worden . Billigerweise hätte Frau von Zeisel , geborene von Nutzholz-Dünkercke , die sich gleichfalls unter den Begrüßenden befand , diesem möglichen und glücklich abgewandten Unglück ihres Gatten die theilnehmendste Aufmerksamkeit schenken sollen , aber die noch sehr anmuthige und von den runden wohlgenährten Körperformen noch jugendlicher , als sie war , aussehende kleine Frau nahm wenig Notiz davon und überließ es der guten Madame Schlurck , die Möglichkeiten eines solchen Unfalls theilnehmend zu durchdenken , während sie mit dem inzwischen herzugetretenen Bartusch sprach und sich über das betrübende Ereigniß der plötzlichen Abreise des immer so liebenswürdigen und jovialen Justizraths Schlurck nicht trösten konnte . Eine sehr unbedeutende und nur mit lächelndem Nichtssagen zugaffende Rolle spielte die reiche Madame Pfannenstiel , geborene Drossel , die die frühere Wirthschaftsinspectorin nicht verleugnen konnte , trotz ihrer dicken goldenen Erbskette und der großmächtigen Brillantuhr , die sie fast bis unten auf die Hüfte ihres schmächtigen Körpers trug . Melanie war die Seele dieses bunten Kreises , den das Geld hier zusammengewürfelt hatte . Geist , Neigung , hatte sie früher gesagt , bringen Gleichartiges zusammen . Das Geld kann nur Vermittler des Zufälligen sein . So beschloß sie denn , Geist und Neigung in diese widerstrebenden Elemente zu bringen . Es gelang ihr aber nur theilweise und durch nichts Anderes als durch ihre eigene Persönlichkeit . Wie reizend stand sie da im Schloßhofe ! Das lange , enganschließende Reitkleid war von einem silbergrauen leichten Stoffe und ließ die lieblichsten Formen der schönen Gestalt bewundern . Von der Halskrause , die über dem ganz oben geschlossenen Kleide zierlich gefältelt lag , bis zu den Hüften herab zeigte sich das schönste Ebenmaß der äußern Bildung . Die Schultern hoch und gerundet . Wenn sich der holde , liebliche Kopf , mit den braunen brennenden Augen , dem schönen Munde und den weißen Perlenreihen der Zähne lächelnd über die Schulter wandte , gab der Winkel , der sich dann aus dem Kopf und der Schulter bildete , die reinste Schönheitsform . Halb noch auf den schwarzen , hinten über Flechten zurückgekämmten Locken , saß ein kirschrothes , silbergesticktes kleines Sammtgewinde , über dem der Reithut mit blauem Schleier gebunden war . Längst hatte sie diesen Hut weggeschleudert . So hoch Melanie und fast mit dem Wuchse der Pappel aufgeschossen war , so behend ließen doch ihre Bewegungen . Ihr Fuß schien kaum den Boden zu berühren , so schwebte sie dahin , mit der linken Hand die lange Schleppe des Kleides nach vorn an sich drückend , mir der Rechten die am Griff von blauen Steinen geschmückte elegante Reitpeitsche in die hohe kräftige Hüfte stemmend . Mit innigster Herzlichkeit gab sie ihrer Mutter einen Kuß , worauf sie den Kopf in den Nacken warf und mit komischer Feierlichkeit erklärte : Ich danke Ihnen , meine Herren , für Ihre ritterliche Begleitung ! Sie haben Noth und Gefahr mit mir getheilt ! Sie haben , als wir im Walde einem scheu gewordenen Einspänner , auf dem zwei Handwerksbursche sich vom Fußwandern auszuruhen schienen , begegneten , die mögliche Gefahr des eigenen Durchgehens Ihrer Rosse muthvoll überstanden ! Sie haben an der Försterwohnung vor einer alten roth- und weißhaarigen Hexe , die alle Pferde stutzigmachte , hochherzigen Muth bewiesen . Sie haben sich würdig gezeigt , von mir , der dermaligen Fürstin von Hohenberg , heute Abend beim Thee zu meinen Cavalieren und Vasallen geschlagen zu werden . Ich hoffe , daß Keiner meiner Getreuen fehlen wird ! Und damit seid Ihr für jetzt entlassen ! Die Herren applaudirten . Melanie entschlüpfte in eines der unten geöffneten Schloßfenster und verschwand . Die Gesellschaft trennte sich vorläufig mit dem Versprechen , um acht Uhr an den geöffneten Fenstern der Zimmer , die Schlurck für die Seinigen gewählt hatte , sich zum Genuß der milden Abendluft und zum Thee zu versammeln . Die Einen begaben sich in den Garten , die Andern ins Schloß , Andere wandten sich hinunter dem Orte zu . Mit großem Wohlgefallen hatte diese Scene von fern der Geheimerath Henning von Harder beobachtet . Se . Excellenz standen am offenen Fenster eines der ihm zur Disposition übergebenen Zimmer der verstorbenen Fürstin und kniffen eine goldene Lorgnette so scharf in die Augenhöhle , daß ihm auch keine Miene der schönen und verlockenden Melanie Schlurck entgehen konnte . Als sie sprach mit ihrem wohllautenden , vollen , aus der Brust quellenden Organe , bedeutete er seine beiden Bedienten , Ernst und Franz - die auf dem Fußteppich saßen und hämmerten und packten - , einen Augenblick in ihrem Diensteifer innezuhalten . Er verschlang Melanie ' s Worte und täuschte sich dabei keineswegs in der Voraussetzung , daß sie sich von ihm beobachtet glaubte . Er gehörte zu den Männern , die sich in ihrer Jugend wol hatten sagen können : Du bist glücklich bei den Frauen , weil du eine schöne Gestalt hast und eine gewisse Kunst sie geltendzumachen . Sein Haar war einst lockig gewesen , sein Auge nicht ohne Feuer . Er konnte diese Triumphe seiner Jugend nicht vergessen . Daher kam es , daß er an Jahren zunehmend , immer wieder einen neuen Reiz an sich zu entdecken glaubte , der ihm ebenso fesselnd vorkam , wie es früher seine Jugend gewesen war . Nur schlimm , daß er diesen Reiz nicht in geistigen Dingen , sondern in äußerlichen fand ! Geist verleiht dem Äußern des Mannes mit den Jahren einen veränderten Ausdruck , der wol die Frische der ersten Jugend ersetzen kann . Die Liebe des Jünglings ist eine andere als die des Mannes und wer würde so oberflächlich und sinnlich sein , die Poesie und die fesselnde Schwärmerei allein nur dem zwanzigjährigen Blute zuzuerkennen ? Im Gegentheil mischt sich in die erste süße Liebe des Jünglings nur zu wild und bitter oft die Gährung der noch unfertigen Charakterbildung , während eines älteren Mannes Liebe eine Kette reinster Hingebung , uneigennütziger Aufopferung und jener höhern Poesie sein kann , die aus einem gebrochenen wehmüthigen Bewußtsein fließt . Mit diesen Erscheinungen hatte das noch immer lodernde Feuer des fast sechzigjährigen Henning von Harder zu Harderstein nichts gemein . Er gehörte zu den Thoren , die im zwanzigsten Jahre ihre Eroberungen auf ihre wirkliche Schönheit fußen können , im dreißigsten auf das Glück dieser Schönheit und den Ruf ihrer Eroberungen , im vierzigsten Jahre aber schon nur noch auf ihre gesellschaftliche Stellung und gewisse jugendliche Reminiscenzen , vom funfzigsten an aber auf die verzweifeltste Eitelkeit , die sich an diesen oder jenen kleinen Rest früherer Vorzüge klammert , an eine weiße kleine Hand , einen zierlichen kleinen Fuß