wenn auch gerechtfertigten , doch für die Größe jener denkwürdigen Stunden kleinlichen - Leidenschaften in die erhabene Kälte einer echt revolutionären Ruhe zu versenken . Als der Kampf losbrach , war es ein Aufstand , als er acht Stunden gedauert hatte , gab es keinen Kämpfer auf den Barrikaden , der nicht wußte , worum es sich nunmehr allein handle - um den Fürstenthron . Man hat sich nicht wenig mit der » Hochherzigkeit « des Berliner Volks gewußt , welche darin liegen sollte , daß die Berliner Revolution vor dem Throne - stehen geblieben . Ich aber meine , daß eine solche Hochherzigkeit nach aller der Schmach und Entwürdigung , der sich das Volk seit drei Decennien hatte unterwerfen müssen , besser Feigheit heißen müßte . Und doch ist diese Thatsache nicht abzuleugnen ! - - Aber wer hat sie auf seinem Gewissen ? Wahrlich nicht jene heldenmüthigen Arbeiter im groben Leinwandskittel , die ihre nackte Brust den kriegserfahrenen , gutbewaffneten Soldaten entgegenwarfen . - Die feigen Weißbierbourgeois waren es , welche , während draußen die Kanonen donnerten , sich die Schlafmütze noch tiefer und die Bettdecke noch höher , wie gewöhnlich , über die Ohren zogen . Als sie am andern Morgen aus den Federn krochen und mit verstörten Blicken hinabschaueten auf das Straßenpflaster und nun statt des Kanonendonners den Jubel des siegreichen Volkes hörten , da schwoll ihnen plötzlich der Kamm - sie mischten sich unter die Jubelnden , ließen sich beglückwünschend die Hände drücken und schwärmten für die Freiheit . - Aber ihre Freiheitslust hatte nicht die Bluttaufe erhalten , das Philisterthum schlug ihnen in den Nacken , sie wurden sentimental beim Andenken an die Angst , die ein » hohes Haupt « in jener Nacht mit ihnen getheilt hatte - und ihre Sentimentalität brachte sie zur Hochherzigkeit , ihre Hochherzigkeit aber zum Verrath am Volke . Das Volk aber , das gekämpft , geblutet und gesiegt hatte , ließ sich täuschen von den Philistern , die es als Brüder betrachtete . Mitternacht war vorüber . Alice knieete hinter der Barrikade am Kölnischen Rathhause neben Ralph , dem ein von einer Kartätschenkugel abgerissener Holzsplitter die Brust verwundet hatte . - Fühlst du dich besser ? - fragte sie , dem Verwundeten so viel wie möglich Linderung verschaffend . - Ich danke dir , sagte er , ihre Hand an die Lippen drückend . - Wenn ich nur nicht hier liegen müßte . - Besser todt , als so mit Bewußtsein in seiner Ohnmacht daliegen . Der arme Hartwig ist am besten dran . - Und was wird uns das Alles helfen ? - Wir werden siegen - sagte Alice mit Wärme . Er schüttelte traurig den Kopf . - Schau umher und zähle , wie viel von den Unsrigen noch übrig sind . Die Hälfte ist todt oder im Verenden , der Rest verwundet und ermüdet . Hält das Militair bis Tagesanbruch aus , so sind wir verloren . - Und rechnest du die Schützen in den Häusern für nichts , die fast mit jedem Schusse einen Soldaten zu Boden strecken ? Und muß die Ermüdung des Militairs nicht noch weit größer sein als die unsrige , da sie seit 8 Tagen consignirt und schlecht mit Proviant versehen sind . Ich sage , wenn wir uns bis Sonnenaufgang halten , so haben wir gesiegt . - Gott sei Dank , daß ich Sie endlich treffe - rief eine Stimme hinter ihnen - wo ist Ralph ? gnädige Frau , haben Sie ihn nicht gesehen ? - Anna ! - riefen Alice und Ralph aus einem Munde . Das arme Kind war , als sie heruntergeeilt war , um die Vertheidiger der Barrikade von dem ihnen drohenden Verrath zu unterrichten , zu spät gekommen . Vergebens suchte sie ins Haus zurückzukehren . Die Soldaten ließen Niemand hinein . Da gedachte sie ihres Bruders und des Versprechens , das ihr Alice gegeben hatte , ihn zu befreien . Schnell faßte sie den kühnen Entschluß , Nachforschungen nach ihnen anzustellen . Sie eilte die Markgrafenstraße hinunter , fragte bei jeder Barrikade - Niemand hatte sie gesehen . Endlich wurde sie zum alten Steiger an der Barrikade des Hausvoigteiplatzes gewiesen . Hier hörte sie , daß ihr Bruder an der Barrikade des » Kölnischen Rathhauses « stationire . Es war indeß spät geworden ; das mühsame Uebersteigen der Barrikaden - wo sie die Pausen benutzen mußte , welche zuweilen im Feuern eintraten - die Neckereien , denen sie seitens der Soldaten ausgesetzt war , Alles dies hatte viel Zeit weggenommen . Nach sechs langen Stunden des Umherirrens und der Angst langte sie endlich am Kölnischen Rathhause an . Alice ward in den Tod erschreckt über die Erzählung Annas in Betreff Lydia ' s. Sie mußte sich von der Sachlage überzeugen und eilte , Ralph unter der Obhut seiner Schwester lassend , nach ihrer Wohnung , welche sie unaufgehalten bald erreichte . Als sie den Hausflur mit Leichnamen bedeckt sah , schauderte sie , aber furchtlos eilte sie weiter . Ihre Zimmer waren leer - - die ungeheuren Blutlachen in der Mitte ihrer Wohnstube , die zerschmetterten Möbel und die Kugelspuren in den Wänden hätten ihr einen hinlänglichen Beweis von der Wuth des hier stattgehabten Kampfes gegeben , wenn nicht die Menge Todter , über welche sie dahinschreiten mußte , noch lauter gesprochen hätte . Kein Laut - ein neuer Schauder durchrieselte ihr Gebein , als sie sah , daß sie die einzig athmende Brust in diesem Chaos der Verwüstung und des Mordes war - - da hörte sie einen Seufzer . Ihre Furcht überwindend schritt sie über zwei Soldatenleichen hin nach der Ecke , aus welcher er zu kommen schien . - Wasser , einen Schluck Wasser - stöhnte ein Verwundeter ihr entgegen . Sie eilte , seinen Wunsch zu befriedigen . Der Mond schien hell ins Fenster hinein . Alice untersuchte schweigend die Wunde und legte , so gut es ging , einen Verband auf . Als ihr Werk vollendet war , fragte sie nach Lydia , ob sie noch lebe , und nach Salvador . - Als ich den Stich in den Kopf bekam - erzählte mit schwacher Stimme und in langen Pausen der Arbeiter - sank ich nieder und sah nur noch , daß ein Herr in Generals-Uniform an der Seite Ihrer Freundin stand . - Allerlei Vermuthungen gingen Alice durch den Sinn . Sie dachte an Lichninski , aber das war unmöglich - - an den Prinzen A. - dem Himmel sei Dank - dann war noch Hoffnung vorhanden . Rasch holte sie einige Betten herbei - bedeckte den Verwundeten damit und verließ ihn mit dem Versprechen , gleich einen Arzt zu senden . XIV Lange hatte Lydia in ihrer Betäubung gelegen . Als sie wieder erwachte , saß neben ihr der Prinz . -- Jetzt wird uns Niemand mehr trennen , Therese - sagte dieser , ihre Hand an die Lippen drückend . Lydia sah mit scheuen Blicken umher ; - laß uns fort von hier , Arthur - bat sie , - die Stürmer könnten wieder aufmachen - - - Die Rechte auf den Arm des Prinzen , die Linke auf die Schulter Salvadors gestützt , verließ sie das Haus des Schreckens . Der Weg bis zum Hotel des Prinzen war nicht weit , und wenig besetzt . Dennoch brauchten sie fast eine Stunde , ehe sie es erreichten . Der Prinz führte Lydia nach seinem Lieblingsaufenthalt , dem Gewächshause . Salvador hatte sich , betäubt durch die verschiedenen Eindrücke , welche er im Laufe des Tages empfangen , in das kleine Vorzimmer in eine Ecke gekauert und war bald in tiefen Schlaf gesunken . Lydia glaubte in einen Feenpallast zu treten . Durch das schräge gläserne Dach strömte das blinkende Mondlicht mit zauberhaftem Glanze hernieder . Eine feuchtwarme Atmosphäre , gewürzt mit dem Wollustathem von unzähligen exotischen Blumen umfing die Eintretenden . Tausend blinkende Tropfen funkelten auf den vielgefalteten Blättern der Gewächse , das dunkle Grün war von dem Glanz des Mondes mit silbernem Hauch übergossen . Lydia , durch diesen Anblick übermannt , vergaß die peinlichen und schrecklichen Eindrücke , die noch vor wenigen Augenblicken ihre ganze Seele mit ahnungsvollem Schmerz erfüllten , und gab sich ganz dem Genusse der Gegenwart hin . Sie hatte sich auf den Divan hingestreckt ; der Prinz saß auf einem niedrigen Tabouret neben ihrem Lager , mit begeisterten Blicken auf ihr kindlich reines , entzücktes Antlitz schauend . Keins von Beiden sprach ein Wort . - Aus der Ferne rollte der Donner des Geschützes zu ihnen herüber - - - - aber in selige Selbstvergessenheit gesenkt , hörten sie ihn nicht . - Arthur - sagte endlich leise Lydia - - hier ists schön , schön - zum Sterben . Ihr schönes Auge leuchtete voll schwärmerischen Glanzes in das des Prinzen . - Nicht so , Therese ! warum sterben , jetzt , wo ein neues Leben für uns aufgegangen . - Nenne mich nicht Therese , Arthur ! nenne mich Lydia . - Lydia ! - sagte erstaunt der Prinz , der diesen Namen im Munde Alicens gehört zu haben glaubte . - Bist du nicht Therese ? Lydia erklärte ihm , warum sie in Straßburg den Namen » Therese « angenommen . Das ganze verrätherische Geheimniß des Fürsten Lichninsky lag jetzt klar vor seinen Augen . Warum aber Alice ihm die Anwesenheit Lydias verschwiegen , das konnte er nicht begreifen . Er äußerte sein Bedenken so schonend wie möglich . - Nein , du thust ihr Unrecht . Sie hat ja nichts von meiner Liebe zu dir gewußt . - Du hast Recht , Geliebte . - Es war also Lüge , was mir der Verräther Gilbert erzählte , von deiner Gefangenschaft bei der Herzogin Nagas ? - Gilbert - sagte nachsinnend Lydia , die die letzten Worte des Prinzen nicht mehr gehört hatte - warum schauderts mich bei dem Klange dieses Namens ? ists mir doch , als bedeute er etwas Schreckliches , als sei es der Name des bösen Engels , der mein Leben vergiftet . - Du wirst Ruhe vor ihm haben - sagte der Prinz düster - sein Tagewerk ist vollendet . Er fiel unter dem Dolche Salvadors . Lydia fuhr mit der Hand über die Stirn . Trotz der großen Gewalt , welche sie ihrer Erinnerung anthat , vermochte sie glücklicher Weise den Schleier , der in dem Augenblick über ihr Bewußtsein sank , als sie Gilberts Stimme vernahm , nicht zu durchbrechen . Jene Stimme tönte ihr aus einer Vergangenheit herauf , deren Schmerzen sie einst zum Wahnsinn geführt hatten - - - - - - - - Der Prinz sah ihr ängstliches Ringen nach Klarheit : erkannte an ihren Blicken , daß jener Schleier etwas Furchtbares bedecken müsse , und suchte sie von ihrem Nachsinnen abzuwenden . - Du wirst der Ruhe bedürfen , Lydia - sagte er , sanft ihre Hand von der Stirn ziehend . - Nein - erwiederte sie mit hochathmender Brust - aber es ist so schwül hier . Meine Sinne sind betäubt . - - - In der schüchternen , mädchenhaften Lydia war durch eines jener Räthsel unserer Natur , die zu lösen nie gelingen wird , wie mit einem Zauberschlage plötzlich eine tiefe , ihr ganzes inneres Leben umkehrende Veränderung vorgegangen . Lydia war einer jener seltenen weiblichen Charaktere , die eine ihnen selbst unbekannte heroische Stärke idealer Empfindung unter der sanften Hülle schüchterner Jungfräulichkeit verbergen . Das große Unglück ihres Lebens , die furchtbaren Erfahrungen , welche sie einst in die Nacht des Wahnsinns getrieben , waren eben so sehr eine Folge der erstern , wie der andern Eigenschaft . Als sie ihre erste Liebe verrathen sah und durch jene entsetzliche Katastrophe , welche den Schluß einer frühern Erzählung bildete , zum Bewußtsein zurückgekommen war , konnte die aufkeimende Liebe zum Prinzen während ihres Aufenthalts in Straßburg noch nicht einen Aufschwung nehmen , der ihre ganze Seele mit fortgerissen hätte . Wäre sie vom Prinzen nicht getrennt worden , wer weiß , ob die fast leidenschaftslose Freudigkeit , mit der sie am Prinzen wie an einem Bruder hing , je eine tiefere Saite ihres Gemüths angeschlagen hätte . Aber ihr Gefühl einmal angeregt , entwickelte sich , so lange zurückgedrängt , mit doppelter Macht . Getrennt vom Prinzen , suchte ihre Phantasie einen andern Ausweg ; sie gerieth in die Hände des Paters Angelikus und wurde religiöse Schwärmerin . Wie welkes Laub vor dem Hauche des Frühlings , zerstob ihre fromme Sentimentalität vor dem Athem wahrer Leidenschaft . Statt einer künstlichen geruchlosen Blume blühte die süßduftende Centifolie einer tiefen gluthvollen Liebe in ihrem Herzen empor . Lydia ' s Herz war nach seiner Wiedergeburt in stiller , aber kräftiger Entwicklung bis zur vollkommenen Reife gediehen ; so bedurfte es nur eines warmen Sonnenstrahls , um die schwellende Knospe plötzlich zur vollsten Blüthe zu entfalten . Der Prinz selbst war überrascht über die Wärme Lydia ' s , die er früher nicht geahnt hatte . Inniger umfing er die Bebende ; glühender strömten seine Küsse auf Mund und Wangen . Seine Brust klopfte gewaltig ; sein Blut jagte mit rasender Schnelligkeit durch die Adern . Wie übermannt von der Uebermacht seiner Empfindung entriß er sich den Armen Lydia ' s und stürzte neben ihrem Lager auf die Knie . - Lege Deine Hand auf meine Stirn , Geliebte , und kühle die Gluth , die mich verzehrt - bat er . Lydia lächelte mit seliger Verklärung auf ihn herab . Ihre Augen glänzten in wonniger , überquellender Sehnsucht , die Gluth ihres Innern warf einen rosigen Wiederschein auf ihre Wangen . Es war die Morgenröthe des künftigen schönen Liebelebens . Von Neuem umfing er sie ; er zog sie näher zu sich heran und preßte sein heißes Gesicht auf ihr fieberhaft klopfendes Herz . - - Da - der Prinz taumelte , von einem Faustschlage getroffen , einige Schritte rückwärts . Lydia stieß einen Schrei des Entsetzens aus , als sie Salvadors zürnende Gestalt erblickte . Die ungeheure Gewalt , welche sich der Knabe in diesem Augenblicke anthat , um nicht auf seinen Gegner loszustürzen , machte ihn sprachlos . Aber während seine Rechte krampfhaft des Griffs des Dolchs hielt , sprühten Funken des Hasses und der Erbitterung aus seinen rollenden Augen und aus seinem , von den wilden , schwarzen Locken umdüsterten Gesicht . So stand er , den Angriff des Prinzen erwartend . Aber der Prinz stand kalt und regungslos ihm gegenüber . Es trat eine minutenlange , unheimliche Stille ein , während welcher man nur den heftigen Schlag dreier , von Erbitterung , Angst und Verzweiflung erfüllten Herzen hätte vernehmen können . Endlich erhob der Prinz sein Gesicht . Fast wehmüthig sah er dem Knaben in das von Thränen des Schmerzes erfüllte Auge . - Du liebst sie also ? - sagte er sanft , auf Lydia deutend . - Nein , ich verachte sie - erwiederte mit bebender Stimme Salvador , doch schon im nächsten Augenblick lag er zu ihren Füßen . - Sag ' , daß Du ihn hassest , wie ich ihn hasse - schluchzte er - sag ' , daß Du schliefst und nichts von Dir wußtest , als seine Arme Dich umfingen - so will ich ruhig sein und Deinem Winke gehorsam . Sprich , Du liebst ihn nicht ? - - Nein , Salvador , ich kann nicht lügen ; er ist ein edler Mann und keines Verraths fähig - - Aber Du liebst ihn nicht , nicht wahr ? - bat dringend der Knabe , seinen Dolch fester fassend . - Ja , ich liebe ihn - sagte Lydia , den leuchtenden Blick auf den Prinzen gerichtet , der mit gekreuzten Armen dastehend , jede Bewegung des Knaben verfolgte . - Dann mußt Du sterben , Verrätherin - rief der Knabe , den Dolch aus der rothen Schärpe ziehend . Aber in dem Augenblick , als die Spitze des Dolchs den Busen Lydias berührte , fühlte Salvador seinen Arm von einer kräftigen Hand gefaßt , so daß der Dolch klirrend zu Boden fiel . Der Prinz , auf dessen bleiche Stirn die ruhige kalte Hoheit zurückgekehrt war , welche gewöhnlich darauf thronte , wies mit der Hand nach der Thüre . - Wohl Dir - rief er mit donnernder Stimme , daß Du Dir durch den Tod Gilberts einen so gewichtigen Anspruch auf meine Dankbarkeit verschafft - und nun hinweg ! Salvador raffte seinen Dolch empor , erhob noch einmal seine Hand , wie zum Fluche über Lydia , und stürzte hinaus - - Er irrte lange umher , ohne zu wissen , wohin . Als seine Besinnung zurückgekehrt - fand er sich wieder am Palais des Prinzen , und vor ihm stand - der Pater Angelikus . - - - XV Es war ein kleines und niedriges Gemach . Eine schmuzige Oellampe , die in der Mitte von der Decke herabhing , warf einen trüben Schein auf das Schmerzenslager , das in der dunkelsten Ecke stand . -- Kommt er noch nicht ? - stöhnte der Kranke , sich mühsam nach der Seite wendend . - Ruhig , mein Sohn ! erwiederte mit dem Ton des Trostes ein Mann in einem schwarzen , talarartigen Mantel , indem er einen fragenden Blick auf ein hohes , gleichfalls schwarzgekleidetes Weib warf , das mit prüfenden Augen den Kranken betrachtete . Leise schüttelte sie , dem Blicke des Priesters antwortend , den Kopf . Der Kranke war Gilbert , der Priester war Angelikus , die hohe schwarze Frau war Ines . Gilbert hatte dem Pater gebeichtet und die Absolution empfangen , denn seine Wunde schien tödtlich . Angelikus mußte aus dem Bekenntniß , welches der sterbende Vertraute des Fürsten vor ihm abgelegt , eine Menge erfreulicher Dinge erfahren haben , denn durch seine sonst in tiefen Ernst gehüllte Züge blitzte zuweilen ein Lächeln innerer Befriedigung und heimlichen Triumpfes . Gilbert hatte den Pater viele Jahre lang nicht gesehen , obschon er stets mit ihm in Verbindung geblieben ; eine Verbindung , die der Pater , ohne Gilbert in seine Zwecke einzuweihen , dazu benutzte , über den Aufenthalt und das Leben des Fürsten immer die genaueste Nachricht zu empfangen . - Er wird uns sterben , ehe er kommt - sagte leise der Pater zu Ines , als der Kranke wieder laut aufstöhnte . - Ich sage Euch , nein - erwiederte diese eben so leise . - Wüßte ich nur , wo mein armer Salvador ist . - Beruhigt Euch , Senora , dem Knaben wird Niemand ein Leid zufügen . Ines seufzte und schwieg . - Da ließ sich ein leises Klopfen an der Thüre hören . - Er ist ' s - sagte der Pater , indem er aufstand , um zu öffnen . Ines trat in den Schatten hinter den Vorhang des Bettes . Zwei Personen traten ein , beide bewaffnet und in weite Mäntel gehüllt . Es waren Alice und der Fürst Lichninski . - Fürwahr - sagte verwundert Alice , als sie den Pater erkannte - das hätte ich mir nicht vermuthet . Der Pater war offenbar durch das Eintreten zweier Personen überrascht ; eine gewisse Unruhe malte sich sogar auf seinen finstern Zügen . Als er Alice bemerkte , verwandelte sich seine Unruhe in Verlegenheit , die er jedoch unter einem wohlwollenden Lächeln zu verbergen bemüht war . - Des Höchsten Wege sind wunderbar , theure Baronin - erwiederte er mit salbungsvoller Zweideutigkeit , indem er des Fürsten Gruß durch eine stumme Verbeugung erwiederte . - Man hat mir gesagt , daß ein Sterbender nach mir verlange - nahm der Fürst das Wort . - So ist ' s , Durchlaucht . - Der Fürst trat an das Lager des Verwundeten . - Gilbert ! - fuhr er erschrocken zurück - im Sterben ? - Wer sagt , daß ich sterben werde ? - ächzte die hohle Stimme des Kranken . - Nein , ich will nicht sterben . Warum sterben ? Was hindert am Leben ? Sagen Sie es ihm , frommer Vater , daß er ein Lügner ist , wenn er sagt , daß ich sterbe . - Kennen Sie mich nicht , Gilbert ? - fragte der Fürst . - Ja , ich kenne Dich wohl - erwiederte der Verwundete , ihn aufmersam mit starren Blicken betrachtend . - Warst Du es nicht , der mich zum Verrathe trieb und goldne Berge versprach , wenn ich das » Schlangennest « aushöbe ? Es war aber ein Scorpion darin - fuhr er vertraulich flüsternd fort - und der hat mich gestochen - und sein Gift hat er mir in die Wunde geträufelt - ha , das brennt - brennt - brennt wie die Hölle . Der Pater hatte seinen Blick fest auf den Fürsten gerichtet gehalten , jetzt wandte er ihn nach Alicen , welche mit verhaltenem Athem den Phantasien des Kranken lauschte . - Wozu soll dies Schauspiel führen ? - fragte kalt der Fürst . - Und was soll meine Gegenwart dabei ? - Der Aermste verlangte dringend nach Ihnen , ich hielt es für meine Pflicht , den letzten Trost ihm nicht zu versagen - erwiederte der Pater . - So rufen Sie mich , wenn er wieder bei Sinnen ist , - schloß der Fürst und wandte sich zum Gehen . - Das soll gewiß geschehen - sagte jetzt Alice , an das Lager tretend . Sie ahnte die Verrätherei des Fürsten aus den Worten des Phantasirenden und wollte Gewißheit haben . - Was hast Du mit Lydia gemacht ? - flüsterte sie , sich an das Ohr des Kranken herabbeugend . - Ha , kommt Ihr , Rechenschaft zu fordern ? - fuhr schreiend der Kranke auf - es ist gut , Alice , daß Du da bist . - Ah , mein Fürst , endlich , endlich . - - - Sie sind wirklich gekommen . Ich danke Ihnen . - Ein schwaches Lächeln schwebte auf seinen farblosen Lippen . - Nicht wahr , Sie werden mich nicht verlassen ? - - Mein armer Kopf will nichts mehr denken . - Ha , verdammt , ich vermuthete nicht , welch tiefer Sinn in Ihren Worten lag : » Was Sie dort finden , Gilbert , bringen Sie mir lebendig . « - - - - Sie kannten den geheimen Schatz des Hauses ; aber das Schätzchen ist fort , fort mit ihrem Geliebten aus Straßburg . - - Wer rettete sie ? - fragte angstvoll Alice . - Wer ? Nun , der Prinz A. , der mir sie in Straßburg kaperte . Nicht so , Durchlaucht ? Es war eine verfehlte Geschichte . Der Fürst kreuzte die Arme und schwieg . Aber in seinem Innern tauchte eine Besorgniß auf , die er vergeblich zu verscheuchen suchte , die Besorgniß , man habe ihn aus andern Gründen an das Lager des Verwundeten gerufen , als um einen Verbrecher seinen letzten Athem aushauchen zu sehen . - Genug ! - tönte eine Stimme hinter dem Fürsten , die sein Blut gefrieren machte . - Wir alle haben uns überzeugt , daß er ein meineidiger Verräther ist , meineidig in der Liebe , Verräther an seiner Partei . Laßt also der Rache ihren Lauf ! - - - - Was soll dies Gaukelspiel ? - rief der Fürst , zur Seite springend . - Bin ich hier in eine Räuberhöhle gelockt , um hinterrücks ermordet zu werden ? - - Du bist unter Deinen Todfeinden ! - fuhr Ines mit eintöniger Stimme fort . - Treib keinen Spott mit mir , Weib ! - rief außer sich der Fürst , seinen Degen ziehend . - Spott ! - sagte voller Hohn die frühere Geliebte des Fürsten - dieser Spott wäre zu ertragen , dächte ich . Aber es gab einst eine Zeit - Ines trat einen Schritt vor - eine Zeit , wo ein feiger Verräther Spott mit mir trieb , mit mir , Fürst Lichninsky , und dieser feige Verräther warst Du ! - - - - Zurück ! - drohte der Fürst der immer näher auf ihn eindringenden Ines , welche wie eine Rachegöttin ihr schwarzes Auge auf ihn heftete . - Wie , Du fliehst vor mir , Felix ? - sagte sie mit dem Tone einer girrenden Taube , der fürchterlicher in den Ohren des Fürsten klang , als der entsetzlichste Hohn . - Umfingst Du mich doch sonst so feurig und drücktest glühende Küsse auf meinen Mund , wenn ich Dir nahte . Sieh , wie meine Wangen Dir rosig entgegenglühen , mein Busen Dir entgegenwallt . - - Hinweg von mir , Weib ! - rief der Fürst , dessen Haare von einem nie gefühlten Grauen anfingen , sich zu sträuben - hinweg , oder bei Gott ! - - Stolz richtete sich Ines auf , als der Fürst die Spitze seines Degens erhob . - Gelüstet ' s Dich nach meinem Blute ? - - Nicht doch , Du bist ein Renommist , Felix ; ein erbärmlicher großsprecherischer Industrieritter , weiter nichts . Ich hasse Dich schon nicht mehr , denn Du bist es nicht werth , zu klein für die Größe meines Hasses . Ich verachte Dich . - - - Alice und der Pater hatten in gleicher Stille , aber mit verschiedenen Empfindungen der sonderbaren Scene zugeschaut . Alice fühlte Mitleid mit ihm , obschon ihre Liebe zu ihm durch den Verrath an der guten Sache vernichtet wurde . Sie liebte den Phantasten in ihm und achtete den Mann , aber ihre Liebe und ihre Achtung hatten genau dieselbe Grenze . Konnte sie den Mann nicht mehr achten , so hatte der Phantast für sie alles Interesse verloren . - Dennoch fühlte sie jetzt Mitleid mit ihm und legte ein fürsprechendes Wort beim Pater für ihn ein . - Sind Sie noch nicht überzeugt von seinem Verrath ? - fragte dieser . - Wenigstens gebe ich ihn noch nicht ganz verloren ; in jedem Falle ist er jetzt unschädlich Pater , Sie wissen die Bedingung : » Der Fürst darf nicht eher fallen , als bis jede Hoffnung , ihn für die Volkssache zu gewinnen , verschwunden ist . « Es ist zu wichtig für uns , einen solchen Namen auf unserer Seite zu haben . - Gestehen Sie es , daß Sie noch Interesse für ihn empfinden . - Wahrlich , nein - sagte betheuernd Alice . - So mag ' s drum sein - sagte er zögernd - haben Sie Salvador nicht gesehen ? - Nein , ich ließ ihn bei Lydia . Vielleicht wird er sie zum Prinzen begleitet haben . - Ich werde ihn aufsuchen . - So werde ich Sie begleiten . - - Nein , bleiben Sie , aus Rücksicht für den Kranken , von dessen Worten keines verloren gehen darf , und aus Rücksicht für - - Ich kenne die Dame nicht . - - Sie ist die Mutter Salvadors und Salvador der Sohn Lichninsky ' s. Jetzt werden Sie Alles begreifen . - Du wirst gerächt werden , armes Weib - sagte Alice in sich hinein , einen finstern Blick auf den Fürsten werfend , dessen Folterqualen in diesem Augenblicke bis auf den höchsten Grad gestiegen waren . Der Pater verließ das Gemach . Alice setzte sich an das Lager des Verwundeten und schien nun dessen unzusammenhängenden Phantasien zu lauschen . Doch verfolgte sie zugleich mit lebhaftem Interesse das seltsame Zwiegespräch des Fürsten mit der unglücklichen Mutter Salvadors , das sich allmälig in einen Monolog der Letzteren verwandelte . - Ich kam zu Dir , um Dich zu tödten . Aber ich fand Dich nicht , und als ich Dich endlich fand , da jammerte mich Deine Angst . - Und als Du da lagst , stumm und bleich - - - da gedachte ich der ersten Nacht im Thale Valencias , da Du nach langer Trennung wieder bei mir weiltest - - ich gedachte des Kusses , den Du auf die kleinen , frischen Lippen Deines Knaben drücktest - - - und ich konnte Dich nicht tödten . - - - - - Sie schwieg , ihr Kopf neigte sich auf die zitternde Brust und eine große Thräne entfiel ihren Augen . - Laß die Vergangenheit ruhen - sagte kalt der Fürst , welcher die weiche Stimmung Ines ' benutzen wollte , um sich aus der peinlichen Lage zu ziehen , in der er sich befand . - Schweig - entgegnete mit Härte Ines . - Meinst Du , Deine Heuchelstimme wird mich nochmals berücken können ? Ich sage , damals dachte ich daran , weil Dein Auge geschlossen und Dein Mund stumm war . Aber ich habe meine Schwäche bereut . Seitdem lebt nur ein Gedanke in meiner Seele , der Gedanke an jenen Augenblick , wo ich flehend zu Deinen Füßen lag und Du , mich von Dir stoßend , enteiltest , um nimmer wiederzukehren . Damals that ich einen Schwur - - - und ich werde ihn halten . Und dieser Schwur lautete : Sein eigenes Kind soll ihm einst den Dolch ins falsche Herz bohren . - Wahnsinnige ! - rief entsetzt der Fürst . Ines lachte . Fürchte nichts - heute werde ich Dich nicht tödten . Die Sühne wäre zu leicht . - - Nein , der Gedanke des Todes soll von nun an Deinen Fersen haften , er soll Dich als Dein Schatten begleiten , wenn der helle Tag scheint ; er soll Dir in jedem Lichtschimmer entgegen leuchten , welcher Dir in der Nacht zuwinkt - - - denn wisse es - - - bei dem dreieinigen Gott , daß Du sterben wirst von Deines Sohnes Hand , ehe Deutschland den Jahrestag der heiligen Nacht feiern wird , deren heiligen Kampf dein schwarzer Verrath befleckt hat . - - - Gehe hin und das