Jaromir zu der Gruppe und stellte diesen vor : » Graf Jaromir von Szariny . « Der Name frappirte allerdings - aber obwohl die Geheimräthin vor freudigem Erschrecken beinah in eine Ohnmacht gefallen wäre , war doch Niemand davon in gleichem Maaße betroffen , als der fremde , lange , dürre Herr . Als er Szariny ' s Namen nennen hörte , nahmen seine Augen einen ganz eigenthümlichen Ausdruck an , Schreck paarte sich mit Freude . Sein ganzes Wesen schien verändert zu werden , er sah vor sich nieder , als beachte er den Grafen weiter nicht , aber wer ihn aufmerksam beobachtet hätte , würde gewiß bemerkt haben , wie sich seine Ohren sichtlich spitzten , als er diesen Namen hatte nennen hören . Als Jaromir einige Worte mit dem Wasserdoctor sprach , stellte ihm dieser seinen Nachbar als : » Herr Schuhmacher , Doctor Juris , « vor . Es wurden nur wenig Worte gewechselt . Diese Gesellschaft behagte Jaromir wenig , und als Waldow sich nach einem Stündchen wieder zum Nachhauseritt anschickte , brach auch er auf , ließ seine Droschke anspannen und fuhr hinauf nach dem Schloß . Elisabeth saß auf dem Balkon , zu welchem man aus dem Gesellschaftszimmer gelangte und welcher über dem Hauptportal sich erhob . Sie war so in das Lesen eines Buches vertieft , daß sie erst , als der Wagen auf den Steinplatten des Hofes rasselte , durch das Geräusch aufmerksam gemacht wurde und hinab sah . Die Droschke hielt vor dem Haupteingang . Jaromir hatte Elisabeth längst gesehen - jetzt grüßte er , als er bemerkte , daß sie aufstand und ihn gewahr ward . Sie trat von dem Balkon in den Saal - er aus dem Hof in die Hausflur , Sie war ein Wenig in Verwirrung , denn ihre Eltern hatten einen Spaziergang in den Park gemacht , an dem sie nur aus zufälliger Laune nicht Theil genommen hatte . Sie wußte nicht , wenn sie zurückkehren würden , wohin sie ihre Schritte gerichtet hatten - es war eben so gut möglich , daß sie in den nächsten Minuten , als daß sie erst nach Stunden zurückkommen würden . Sie wollte Jaromir ' s Besuch abweisen lassen , aber er hatte sie gesehen und gegrüßt , sie konnte sich nicht selbst verleugnen lassen - in dem Augenblick ihrer Unschlüssigkeit meldete ein Diener den Grafen . » Haben Sie gesagt , daß der Graf und die Gräfin ausgegangen sind ? « » Ja , zu Befehl - der Herr Graf beauftragte mich , ihn bei Ihnen zu melden . « Sie sah noch einen Augenblick schweigend vor sich aus , dann sagte sie : » Ich erwarte den Herrn Grafen . « Der Diener entfernte sich - gleich darauf trat Jaromir ein . Die gewöhnlichen Begrüßungen fanden statt . Sie sagte ihm , daß ihre Eltern ausgegangen wären und daß sie nicht wisse , ob sie dieselben bald oder später zurück erwarten dürfe . Er bemerkte , daß er sie , Elisabeth , bei seiner Ankunft auf dem Balkon gesehen , und daß nicht seine Gegenwart Ursache sein solle , die freie Luft mit der des Zimmers zu vertauschen . So traten denn Beide hinaus auf den Balkon . Die Gegend breitete sich malerisch vor ihnen aus in lichter Frühlingsklarheit . Das hochgelegene Schloß beherrschte auf höherem Bergesrücken ein großes Panorama . Es war ein schöner Nachmittag - man wußte nicht , war es noch Frühling oder schon Mitte des Sommers . Gegend und Luft gaben die Wonnen von Beiden . Der Himmel war ein glänzendes , lachendes Blau , die Luft ein ewiges lindes Wehen . Durchleuchtete Wölkchen zogen wie leichte Silberschleier hin und her und warfen kleine wandelnde Schatten auf die Gegend . Rechts erhob sich eine lange Hügelkette , die dem Berge sich anschloß , auf welchem die Burg stand . Die einen waren mit düstern Tannen und Fichten bewachsen , an welchen die jungen , hellgrünen Triebe wie zarte Finger von viel Tausend emporgehobenen Händen sich aufwärts streckten , als schwören auch die ernsten Gestalten der Tannen fröhlich dem Frühling Treue . Und so dicht war die Waldung , daß sie , wo das Auge zu ihr in die Ferne schweifte , wie ein großes weiches Bett von schwellendem Moos aussah , in dem sichs gut liegen und ruhen müsse . Andere Hügel waren von grauem Gestein nur spärlich von dunkeln , roth blühendem Moos und lichtgrünem , niedrem Gras bedeckt und mit getrennt stehenden Birken bewachsen . Ihre weißen Stämme standen aufgerichtet wie heilige Friedensstäbe mit grünen , wehen den Kränzen geschmückt . Zwischen diesen Hügeln trat ein kleiner Fluß hervor und schleppte mit seinen blau und silbern blinkenden , tanzenden Wellen geduldig das Flößholz - die abgehauenen Glieder des Waldes - herab in ' s Thal , dann stürzte er sich brausend über ein hohes Wehr und die Scheite sprangen kühn und lustig mit dem Wasser taumelnd hinüber . Geradaus that dem Blick ein weites Thal sich auf , die Landstraße zog sich durch und auf ihr wirbelte gerade jetzt eine läutende Heerde lichtweißer Schaafe eine gelbliche Staubwolke auf . Links gränzte an das Schloß der weite Park . Seine Eichen standen im prangendsten Jugendgrün und ihre stolzen Kronen überragten die andern Bäume . Alle Gesträuche blühten bunt dazwischen . Hier schlängelte eine Allee weiß blühender Kirschbäume sich wie eine lange Guirlande durch die blumigen Wiesen . Dort glich eine Gruppe von Apfelbäumen , deren rothe schwellende Knospen sich eben erschließen zu wollen schienen , einem riesenhaften , leicht hingeworfenen Rosenkranz . Und aus all ' diesem malerischen Gemisch von Bäumen , Blüthensträuchen und Grasplätzen schimmerte hier ein weißer kleiner Marmortempel , wie ein ernstes Mausoleum hervor , wehten dort die Fahnen und Glöckchen eines japanischen Lusthauses , wie im heitrem Spiel grüßend mit Flattern und Läuten , erhob sich an einer andern Stelle ein grauer Thurm , und so noch manches abenteuerliche , malerische Gebäude . In weiter Ferne begränzte ein hoher Berg mit einer verwitterten Burgruine den Horizont . Balsamische Blumendüfte zogen wie wallender Weihrauch von den Frühlingsopfern der Erde aus den nahen Gartenbeeten empor und eine Schaar wirbelnder Lerchen tummelte sich wie trunken im Aetherblau . Jaromir und Elisabeth hatten eine Weile stumm neben einander gesessen und bewundernde und entzückte Blicke auf die reichen Naturschönheiten dieser Landschaft geworfen . Jetzt sagte Jaromir : » Es ist das erste Mal , daß ich unwillkürlich durch Sie angeregt in Naturbetrachtungen versinke - vergeben Sie , wenn ein Blick auf dieses feierliche Frühlingswalten ringsum mich zu lange stumm gemacht . « Sie sagte mit einem leichten Erröthen und ohne aufzusehen : » Mein früheres Zusammentreffen mit Ihnen fand außerhalb der gewöhnlichen Schranken und auf befremdende Weise Statt - ich fühle , daß ich Ihnen dafür eigentlich eine Erklärung schuldig wäre , aber ich weiß dennoch nicht , wie ich sie Ihnen geben könnte , und indem ich gerade fordern muß , mir sogar den Versuch dazu zu ersparen , fühle ich , daß ich vielleicht Viel von Ihnen verlange , wenn ich Sie bitte , ohne zu gering von mir zu denken , diese frühere Begegnung wo möglich zu vergessen - für sich selbst und für Andere . « Sie ließ einen Moment ihre schönen Augen mit einem flehenden Ausdruck auf den seinen ruhen , dann senkte sie wieder die langen Wimpern , während er rasch das Wort nahm : » Vergessen ? « sagte er mit sanfter Stimme . » Vergessen ? Sehen Sie da unten die weiße Blume , welche ihr Haupt der Sonne zugekehrt hat , soll sie auch vergessen , daß der Lichtstrahl auf sie fiel , welcher ihren Kelch erschloß ? Soll dort der Wanderer , den Sie von dem höchsten Berge langsam herabsteigen sehen , auch vergessen , daß er einen entzückenden Anblick dieser weiten Frühlingslandschaft genossen , der ihn vielleicht trunken schwärmen machte , wie der Blick in ein seliges Eden ? Warum vergessen ? Nein , ich werde ewig an diese Stunde denken müssen , « rief er schwärmerisch vor sich aussehend , » sie ist ein Theil geworden von meinem Leben . « Elisabeth schlug die Augen nieder und schwieg . Nach einer Pause begann Jaromir wieder , aber ruhiger : » Sie schweigen - vielleicht weil Sie die Sprache seltsam , finden , welche ich führe , vielleicht weil Sie Ihnen ungeziemend erscheint - aber wenn Sie mir vergönnen , aufrichtig fortzufahrrn - so werden Sie mir vergeben , wenn Sie es nicht schon jetzt thun . « » Sie sind ja Dichter , « sagte Elisabeth , » da muß Ihnen schon gestattet werden , Ihre Träume auszusprechen , in welcher Form Sie wollen - weiß man doch , daß es eben poetische Träumereien sind , was man hört . « » Dieser Dichter hatte lange Zeit vergessen , daß er einer war , bis Sie ihn wieder dazu machten - « antwortete Jaromir und fuhr dann fort : » Sehen Sie , Ihnen allein gegenüber darf ich doch wahr sein ? Sie haben es ja eben ausgesprochen , daß ich ein Dichter sei - nicht jedem Wesen entschleiert ein solcher seine Seele - und darum , als ich Sie das erste Mal in diesem Schlosse sah , als ich unerwartet in der Tochter dieses Hauses das weinende Mädchen wieder erkannte , das ich einst fern von hier begrüßt , da fesselte nicht allein das Erstaunen meine Zunge , daß ich es nicht aussprach , wie Sie mir nicht ganz fremd seien , sondern ich blieb darüber stumm , weil diese Begegnung immer ein süßes Geheimniß meiner Seele geblieben war , das ich nun nicht auf ein Mal mit gleichgültigen Worten gleichgültigen Ohren und Herzen Preis geben konnte . Und dann - ich wußte ja nicht , ob es nicht vielleicht auch Ihr stilles Geheimniß war , das keine Zeugen und keine Mitwisser duldete , an jenem Tag und an jener Stelle sich auszuweinen ? Und lieber noch hätte ich mich selbst verrathen , als Sie ! « » Ich danke Ihnen für diese Rücksicht . Thränen , mit denen man sich in die Einsamkeit flüchtet , um sie auszuweinen , werden von Andern verstanden - « sagte Elisabeth . Er fuhr fort : » Sie waren gewiß an jenem Morgen so früh aufgestanden , der Schmerz hatte Sie nicht ruhen lassen - bei mir war das Anders , ich kam von einer festlich durchschwärmten Nacht - aber wessen Herz in diesen Stunden schmerzlicher gezuckt haben mag - das Ihre unter Ihren Thränen , das meine unter meinem Lachen - wer mögt ' es entscheiden ? Ich habe das Wort nicht vergessen , das Sie zu mir sagten : Sie scheinen auch nicht glücklich zu sein ! So hatten Sie mich allein verstanden , eine Fremde - unter all ' den Hunderten , welche mich zu kennen meinen , welche mir täglich versicherten : ich sei der glücklichste Sterbliche . « » Ich hatte Ihnen schon einmal begegnet , wo Sie noch trauriger aussahen - « fiel sie ihm rasch in ' s Wort , aber sie hielt plötzlich inne und erröthete und fragte sich mädchenhaft schüchtern im Stillen , ob sie nicht unvorsichtig zu Viel gesagt . Fast war es auch für Jaromir zu Viel , zu viel überraschende Freude , daß sie dieses sagte - ihm wars , als müsse er ihr zu Füßen fallen , oder ihre Hand fassen und drücken , oder sie selbst in seine Arme ziehen - aber er bezwang sich , er blickte sie nur noch inniger an , doch wagte er nicht , sie zu berühren , oder sich ihr leidenschaftlich zu nähern - er sagte sich , daß er das schöne Vertrauen , mit dem sie ihn allein bei sich empfangen , nicht mißbrauchen dürfe . » Ja « , sagte er , » damals lag auf Ihrer Stirn , in Ihren Blicken leuchtender , ungetrübter Friede und ich dachte , so müss ' es immer sein - damals meinte ich nicht , daß ich nach wenig Monaten Sie so wiedersehen würde , wie es geschah . Jener erste Moment , in welchem ich sie sah , ist einer der erschütterndsten meines Lebens gewesen , ich werde ihn nie vergessen , und als ich Sie zum zweiten Male sah - darf ich es Ihnen gestehen ? so hätt ' ich dem Leben fluchen mögen , das auch aus Ihren Augen Thränen preßte , das auch Sie schon so schmerzlich fassen und bewegen konnte ! Aber ich lernte auch von Ihnen - ich hatte oft das Weh meines Herzens übertäuben wollen in rauschender Lust , aber ich dachte dann , es sei besser , gleich Ihnen dies Leid auszuweinen in Gottes freier Natur , an der Brust der mütterlichen Erde - und so that ich - und so kam ich auch hierher , um in der heiligen Frühlingswelt alle kleinen menschlichen Schmerzen zu vergessen - und mir ist , als würde das Herz gesund , wenn es wie hier neben lächelnden Blumen und wirbelndenden Lerchen schlagen kann - « er wollte noch mehr sagen , aber er hielt inne . » Das Herz wird still , wenn es wie hier auf dieser Höhe dem Himmel näher schlägt , « ergänzte Eisabeth , » ich bin jetzt zufrieden . Ich genieße den Fühling - was will man mehr ? « » Die Nähe verwandter Seelen , « sagte Jaromir . » O , ist man nicht selber reich genug , dem Wald , dem Bach , den Blumen allen verwandte Seelen zu geben ? Und bringt nicht jede Schwalbe , die sich in unsrer Nähe anheimelt , nicht jede Lerche , die aus der Saat zum Himmel jubelnd emporschwirrt , jede Nachtigall , die im Stillen und Dunkel sich hören läßt , die verwandte Seele mit , nach welcher wir uns sehnen ? Fühlen Sie nicht , daß das Lied , welches von dem wechselnden Vögelchen da drunten im Garten ertönt , alle die Regungen zur Sprache bringt , über welche Sie mit sympathisirenden Wesen sich unterhalten mögten ? Nun und warum nicht mit diesen gefiederten Sängern ? « fragte Elisabeth . » Nun , wer von uns Beiden ist denn der Poet ? « sagte Jaromir lächelnd . In diesem Augenblick traten der Graf und die Gräfin in den Saal . Jaromir und Elisabeth hatten sie vorher nicht bemerkt - sie standen jetzt schnell überrascht auf und traten zu ihnen in den Saal . Die Unterhaltung war allgemein und kam nicht aus der Sphäre des gewöhnlichen Conversationstones heraus . Jaromir hielt das nicht lange aus und entfernte sich sobald als es schicklich war . Später sagte die Gräfin zu Elisabeth : » Du ließest gestern den Kammerjunker von Aarens abweisen , weil Du allein warst , und nimmst heute im gleichen Falle den Grafen Szariny an - ich liebe solche Inconsequenzen nicht . « Elisabeth verließ ohne Antwort das Zimmer . IV. Erklärungen » Doch wehe , wehe dem Mittellosen , Wenn siech der Leib zusammenbricht , Da rettet nicht des Weibes Kosen , Da rettet die Pflege der Mutter nicht , Da helfen nicht die Gebete der Kleinen . « Karl Beck . Ein paar Wochen waren vergangen , seitdem Pauline sich von Franz hatte zu der langen Liese führen lassen . Pauline hatte ihn unterdessen nur von Weitem gesehen , wenn er in die Fabrik oder an den Zahltagen in ihres Vaters Comptoir ging ; sie war ihm auf ihren Spaziergängen , auch wenn sie dieselben nach dem allgemeinen Feierabend machte , niemals begegnet , und niemals hatte er sie im Garten aufgesucht , wie sonst , um irgend eine Angelegenheit , eine Bitte für die Unglücklichen , für welche er sich schon so oft verwendet hatte , vorzutragen . Nur ein Mal war sie ihm nahe in der Hausflur begegnet , wo er mit andern Arbeitern bei einem Factor gestanden hatte , der sie eben Alle ziemlich hart anließ . Franz hatte Paulinen einen schmerzlichen Blick zugeworfen , zum Sprechen war der Moment nicht geeignet gewesen . Den Chirurgen hatte sie gleich , als er das erste Mal zu den verunglückten Kindern auf Ihr Geheis gekommen war , im Voraus bezahlt . Sie hatte Nichts wiedre von diesen armen Leuten gehört , denn sie selbst war nicht wiedre hingegangen , da sie nach dem ersten Empfang der langen Liese recht wohl einsehen gelernt , wie diese ihren Besuch weniger als eine Art Genugthuung , sondern mehr als Verhöhung betrachte . Ihren Bruder oder die Factoren nach der langen Liese und ihren Kindern zu fragen , hielt eine innere ängstliche Scheu sie ab . Eines Abends saß Pauline allein im Garten wie gewöhnlich , denn um diese Stunde allein spazieren zu gehen wagte sie nicht , weil sie immer fürchtete , daß sie , wenn sie Fabrikarbeitern begegnete , von diesen roh behandelt werden mögte , oder doch wenigstens unziemliche Redensarten anhören müßte . Sie war sehr traurig , denn sie hatte auch Elisabeth lange nicht gesehen . Herr Felchner war sehr gegen den Grafen erbittert , seitdem dieser versucht hatte , sich mit in die Waldow ' sche Angelegenheit zu mischen und jetzt auch vor Gericht gegen ihn auftretend gestrebt hatte , es dahin zu bringen , daß der Fabrikherr den Bach - welcher nun durch sein neu erlangtes Gebiet floß - aber zugleich durch Hohenthal ' sche Besitzungen ging - nicht zu einem Graben einengen und zum Treiben irgend eines Mühlwerks benutzen dürfe . Es war darüber ein Prozeß entstanden , welchen man nach der Art , wie er unter aristokratischen Einflüssen betrieben ward , eine ziemlich lange Dauer vorhersagen konnte . Herr Felchner liebte aber Alles mit Dampfschnelligkeit zu betreiben . Er hatte daher gegen den Grafen , der ihn dies Mal so hinderlich in den Weg trat , den giftigsten und bittersten Haß gefaßt und seiner Tochter streng verboten , wieder in das Schloß seines Todfeindes zu gehen . Diese war an Strenge gegen sich von ihrem Vater wenig gewöhnt , denn er begegnete ihr immer mit der zärtlichsten Liebe und ließ sie in Allem frei walten . Nur durfte sie niemals versuchen , ein Wort zu seinen industriellen Einrichtungen zu sagen , oder für die gedrückten Arbeiter eine freundliche Bitte vorzubringen . Er hatte ihr dies mit leidenschaftlicher Heftigkeit ein Mal für immer verboten und da sie bemerkte , daß sie durch ihre Vorstellungen meist nur gerade das Entgegengesetzte von dem , was sie zu erreichen wünschte , eintreten sah , so hatte sie für immer auf solche verzichtet . So wagte sie aus kindlicher Ehrfurcht wenigstens nicht sogleich das Verbot des Vaters in Bezug auf Schloß Hohenthal zu übertreten , da sie hoffte , er werde es vielleicht eher zurücknehmen , wenn sie ihm Gehorsam zeige , so lange noch die erste Heftigkeit seiner Erbitterung währte . Elisabeth selbst war nicht in die Fabrik gekommen , weil leichte Unpäßlichkeit sie im Schlosse zurückhielt . Noch niemals war es Paulinen einsamer vorgekommen , als jetzt , wo sie sinnend allein im Garten weilte . Ein Gruß weckte sie aus ihren traurigen Träumereien . » Guten Abend , Mamsellchen . « Es war eine kleine dicke Frau mit rothem Gesicht , welche vorüber ging und den Gruß hinein rief . Pauline erkannte sie ; es war die gutmüthig aussehende Frau , welche sie bei der langen Liese getroffen hatte . » Guten Abend , Frau Martha , « sagte Pauline , » lauft doch nicht so vorüber . Was macht die lange Liese mit ihren armen Kindern ? « » Sie haben mich gleich erkannt ? « sagte Martha schmunzelnd . » Sonst merken sich die feinen Mamsellchen uns arme Weiber nicht so leicht ; das ist hübsch von Ihnen . Was die lange Liese macht ? Da mag sich Gott erbarmen , die flucht Tag und Nacht . - Sie wissens wohl gar nicht , daß die Kinder Beide todt sind , der Junge und auch die kleine Liese ! « » Todt - Beide ? ! « rief Pauline , » Das ist ja entsetzlich ! « » Freilich wohl - aber ein Glück ist ' s doch auch , daß sie starben , was hätte aus den elenden Krüppeln werden sollen ? Und gut noch , daß sie Beide wenigstens gleich an einem Tage starben , da sind sie auch in einen Sarg und ein Grab gekommen und dadurch Kosten erspart worden . « Ein leichter Schauer überrieselte Pauline , als sie diese Rede hörte , es war ein neuer tiefer Blick in das Elend der Armuth , die sich über den Leichen geliebter Kinder noch damit trösten muß , daß sie wenigstens zugleich starben , damit nur ein Sarg für zwei nöthig war . Martha fuhr fort : » Ja , wenn es nur wenigstens Nichts kostete , der Tod ist ja auch nicht umsonst , wenn gleich das Sprichwort so heißt - nicht einmal die Sprichwörter wollen auf die armen Leute passen . Ich kann sagen , mir wird wohl manchmal Angst , wenn die lange Liese so flucht und dazwischen lacht und schluchzt , daß sich ' s greulich mit anhört - denn da weiß sie nicht mehr , was sie spricht , und versündigt sich gar gegen den lieben Gott im Himmel droben . Aber wahr ist ' s , schlecht hat sie ' s gehabt ihr Leben lang - ich und mein Mann , wir sind Beide gesund , und der Junge ist ' s auch , nun da mag ' s schon sein , wenn man auch wenig verdient , wenn man nur arbeiten kann und gesund ist , da ist unser eins schon zufrieden - aber wie ist nun die lange Liese selber elend geworden und wie sahen die Kinder jammervoll aus , die sie mit in die Fabrik schleppt - halten ' s einmal nicht aus und muß doch froh sein , wenn sie nur arbeiten dürfen . Wenn Sie mir ' s nur gesagt hätten , wie die Kinder starben , ich hätte vielleicht Etwas thun können . « » Ja , ich unterstand mir ' s nicht und dem Franz sagt ' ich ' s ein Mal , weil der Sie doch heimgeführt hatte - aber er schüttelte den Kopf und sagte : ich gehe nicht wieder hin , geht lieber selbst - und sehen Sie , da dacht ' ich in meinen Gedanken : wenn ' s der Franz nicht mehr wagt , da wag ' ich ' s auch nicht . « » Franz sagte : er wage nicht mehr zu mir zu gehen ? « sagte Pauline mit dem Tone ungläubiger Verwunderung . » Nun ja , er sagte wenigstens : ich gehe nicht wieder hin . « » Er gehe nicht wieder zu mir ? « » Nun ja , es ist , als ob Sie Sich darüber verwunderten - ich dachte seiner Rede nach , Sie hätten es ihm verboten , oder gesagt , daß er zu oft käme . « » Niemals , niemals ! Sehen Sie Franz zuweilen ? « » Selten , doch trifft es manchmal , daß er mit meinem Manne zusammengeht , denn der hält große Stücke auf ihn . « » Nun dann sagen Sie ihm , daß ich es seltsam fände , daß er mir sein Wort nicht mehr hielte - er wird schon wissen , was ich meine . « » Schon gut - aber da steh ' ich hier so lange und schwatze und wollte heute Abend noch Manches arbeiten . « » Damit Ihr nicht umsonst hie geblieben seid , so wartet noch einen Augenblick , « sagte Pauline und ging in das Haus . Nach einer Weile kam Friederike mit einem Korb Eßwaaren heraus , welchen sie der Martha übergab . » Etwas davon mögt Ihr der langen Liese geben . « » Das Mamsellchen ist gar gut , « rief Martha , » ich hab ' es immer gesagt . Ich lasse mich schönstens bedanken , der liebe Gott mag ' s ihr vergelten , die Armen haben Nichts zu geben als fromme Wünsche . « So ging denn Martha ihres Weges . Friederike that auch einige Schritte weiter und sah sich überall um . So stand sie eine Weile . Da rief plötzlich eine Stimme : » Also endlich einmal ! « Es war Wilhelm Bürger , welcher hinzutrat und ihre Hand erfaßte . » Guten Abend , Wilhelm . « Wilhelm hatte gleich am andern Tage , als er erkannt hatte , daß es ein großer Irrthum von seiner Seite gewesen , seinen Freund Franz für seinen Mitbewerber zu halten , Friederiken am Feierabend am Brunnen aufgesucht und ihr einfach gesagt , wie lieb er sie habe . Das gute Mädchen hatte verschämt und erröthend das angehört , und ihm durch einen herzlichen Händedruck versichert , daß sie ihm gar nicht gram sei , daß sein Wort ihr eine wahre Herzensfreude gegeben . So pflegten sie nun seitdem sich oft auf gleiche Weise zu sehen . Wilhelm war heute ziemlich ernst und sagte nach einer Weile : » Ist es wahr , daß Deine Herrschaft , ich meine Mamsell Paulinchen , seit einiger Zeit so kränklich ist ? « » Da habe ich Nichts davon bemerkt - das müßte ich wissen . « » Verändert sieht Sie mir auch nicht aus - gleichwohl hat es der junge Herr , ihr Bruder Georg gesagt . « » Was hat der gesagt ? Er weiß gar Nichts von ihr , denn die Beiden sind verschieden wie Tag und Nacht . « » Du weißt , daß sie den Chirurgen für das Kind der langen Liese bezahlt hat . « » Und daß sie mit Franz selbst zu dem unglücklichen Kinde gegangen ist , seitdem sind aber Wochen vergangen und Franz hat sich nicht wieder blicken lassen , wie doch sonst . « » Es ist ihm schwer genug geworden . « » Warum ist er also nicht gekommen ? Und was meinst Du mit dem jungen Herrn und dem Chirurgen ? « » Das wollt ich ja eben erzählen . « » So rede schnell , denn ich kann jetzt nicht lange hier bleiben und weiß wirklich nicht , was Du eigentlich zu sagen hast . « » Drum eben lass ' mich zu Worte kommen . Wie der Chirurg das zweite Mal wieder gekommen ist , hat er Franz aufgesucht und gesagt , es sei unrecht von ihm , daß er Fräulein Pauline immer so mit Erzählungen von Unglücklichen quäle , und sie dann berede , das Elend selbst mit anzusehen . Eine junge zärtliche Dame , wie sie , könne so Etwas nicht vertragen , sie werde dadurch selbst noch krank , weil es sie immer so angreife ; ihre Gesundheit sei dadurch schon ganz zerrüttet - sie setze ihr Leben auf ' s Spiel , wenn sie es noch länger so treibe ; sie selbst habe freilich davon keine Ahnung , um so mehr sei es jedes Menschen Gewissenssache , sie zu schonen . Franz war ungläubig gewesen - ich war es auch , dann sagte ich mir : die armen Leute müssen in diesem Elend leben und es selbst ertragen und die vornehmen Leute sollten gleich daran sterben , wenn sie es nur ein Mal erzählen hören , oder von Weitem einen flüchtigen Blick darauf werfen ? « » Mein Fräulein ist ganz wohl - und was will denn der Chirurg von ihr wissen , der sie niemals behandelt hat ? Sie hat Gott sei Dank noch gar keinen Arzt gebraucht , seitdem sie hier ist . Und dieses alberne Mährchen hat Franz glauben können ? « » Er hat es auch nicht so recht geglaubt , aber ängstlich hat es ihn doch gemacht . Sie gönnen uns diesen Engel nicht ! « sagte er ernst und bitter - aber wie er es sich näher überlegte , so hatte die Sache doch auch etwas Wahrscheinliches - » diese Mädchen sind einmal so zart , « sagte er , » und wäre ich dann daran Schuld , daß sie wirklich litte - ich vergäb ' es mir nie - und geistig leidet sie durch mich - nein , nein , ich will ihr Nichts mehr sagen - - « so meint ' er . » Aber welch ' dummes Zeug ! « rief Friederike : » Und warum hat er da nicht mich gefragt , oder warum es Dir nicht aufgetragen ? « » Er hat sich genug mit seinen Gedanken gequält und wie sie ihm nicht mehr Ruhe ließen , ist er selbst hergegangen , um sie zu sehen oder Dich zu sprechen . Der junge Herr hat ihn da zuerst getroffen und gefragt , zu wem er wolle ? Er habe jetzt hier Nichts zu thun . Er hat Dich genannt , da hat ihn Georg sehr hart angelassen und gesagt - aber das ist zu hart ! « » Was hat er gesagt ? Rede nur gerade heraus ! « » Er hat gesagt , daß ihn seine Schwester beauftragt habe , nicht länger den Skandal zu dulden , daß ihre Dienstmädchen mit den Fabrikarbeitern unpassenden Umgang hätten und daß es so schon eine Schande sei , daß die Christiane - « Wilhelm hielt inne und besann sich , daß er hier nicht weiter fortfahren könne . Friederike ward roth und sagte : » Das ist eine Niederträchtigkeit ! Die Christiane wäre lange aus dem Hause , wenn er sie nicht selbst hielte , und wir wissen recht gut , wer an ihrem Unglück Schuld ist - die armen Fabrikarbeiter nicht , aber so will er freilich thun . Und nun gar dem Franz gleich das Schlechteste unterzuschieben - und nur weil er nach mir gefragt hat ; das ist abscheulich ! « Sie stampfte mit dem Fuß und hielt