folgend , den Verunglückten gefunden . Das scheue , zügellose Pferd , durch Dick und Dünn jagend , war gegen einen Baum mit seinem Reiter angerannt , hatte ihn abgeworfen und gegen einen scharfkantigen großen Stein geschleudert . Sie fanden ihn schon sprachlos in Todesängsten . Das mochte man sich selbst so auslegen , auch wenn er kein Wort gesprochen hätte ; aber bei jedem Schritt wußte man mehr und die Mägde in der Küche , die gar nicht hinausgekommen waren , wußten es ganz genau , wie es hergegangen . Da hatte Hans Jochem sich verschworen gegen die Andern , er allein wollte den Krämer werfen und bis auf ' s Hemd ausziehen , auch wenn der Kurfürst mit allen seinen Trabanten um ihn stände . Auch so der Teufel neben ihm ritt ? fragten die Andern . Auch dem will ich ein Schnippchen schlagen , hatte Hans Jochem gesagt . Da als er dem Pferd die Sporen gab , war ein schwarzer Reiter wie aus der Erd aufgeschossen und hatte sich ihm in den Weg gestellt . » Mach ' Platz ! « rief Hans Jochem . » Wer bist Du ? « Der Reiter schlug das Visir auf , und die helle Lohe schlug ihm aus des Reiters grünen Augen und Rachen entgegen . Da ward sein Roß scheu , kehrte und trug ihn über Stock und Block . Und hinter ihm rief ein altes Weib : » Ach Junker nehmt mich doch mit ; ich kann meine Kiepe nicht tragen , « und vor ihm lief ein anderes Weib , die rief : » Folgt mir nur , ich zeig ' Euch den Weg . « Und das Weib hinter ihm saß bald auf dem Sattel in seinem Rücken , und umklammerte ihn mit ihren Armen , daß ihm der Athem verging , und das Weib vor ihm führte ihn durch Sumpf und Brüche , und er sah ihre Laterne und konnte sie doch nicht erreichen , bis sie dort an den Teufelssteinen stille stand und die Arme ausbreitete und rief : » Springt nur , Junker , ich helfe Euch runter . « Und da er sich im Sattel schwang , riß ihn die Andere hinab und er fiel . Die Frauen waren verschwunden , er lag auf den scharfen Steinen , und während er vor Schmerz wimmerte , lachte und kreischte und flatterte es auf wie hundert wilde Gänse , und die Eulen heulten im Walde . So wußten es die in der Küche ganz bestimmt und Keinem hätt ' ich rathen mögen , daß er daran zweifelte . » Er hat geseufzt , er lebt ! « stürzte Agnes in die Thorstube , wo der Verwundete jetzt lag , und ihr Auge strahlte vor Freude der Mutter entgegen , welche die Arme bepackt mit feinen , weichen Linnen aus dem Wohnhaus kam . Die Leinen kamen zu spät , die Stirn war schon verbunden , kalte Wasserumschläge waren gemacht , der Schmied aus dem Dorfe war auch schon da , aber er schüttelte den Kopf , was hier zu thun war , ging über seine Kunst . » Ach lieber Himmel , daß mir das nicht gleich einfiel , « rief die Edelfrau . » Schnell zu Pferd Einer nach Altenbrandenburg , er soll die Sporen nicht scheuen , zum Meister Hildebrand ! « Sie sah sich um nach einem guten Reiter . Auch das war schon besorgt . Der Bote ritt seit einer Viertelstunde . » Dechant , das ist brav von Euch , daß Ihr daran gedacht . « Der Dechant blickte abwehrend auf Agnes : » Das liebe Kind denkt und waltet , als wäre sie schon eine barmherzige Schwester . Da wird des Himmels Segen nicht ausbleiben . « » Agnes Du ! Ach heilige Mutter , mir fällt ein , der Hildebrand wird nicht in der Stadt sein . Reit Einer nach , er ist - « » Beim Vetter in Golzow , « fiel Agnes ein . » Er reitet auch über Golzow . Erst , wenn er ihn Nicht findet , soll er nach Brandenburg . « » Wen habt Ihr hingeschickt ? « fragte die Frau . » Hans Jürgen , « sagte leis Eva zur Mutter . Die wiegte etwas den Kopf : » Der Junge wird auch müde sein . ' S schadet aber nichts . Ein Nußbaum , der tragen soll , muß früh geschlagen werden . Die Vettern waren sich nimmer sehr gut . Schon als Kinder lagen sie sich in den Haaren . Nun wenn der Eine - der bessere , « entfuhr es ihr , aber sie unterdrückte die Stimme , - » wenn der dran glauben muß , dann hat der Andre den Trost , daß er ihm zuletzt noch einen Liebesdienst gethan . Mehr kann am End ' Keiner sagen , daß er für die Anderen that . Wir sind alle Kinder des Staubes , wir müssen Alle unter die Erde . « Sie wischte mit dem kleinen Finger eine Thräne aus dem Auge , Eva weinte laut , und Agnes weinte still . Da war das Zeichen gegeben . Wenn die Herrschaft weinte , durfte die Dienerschaft auch , es war sogar ihre Schuldigkeit , weinen . Sie weinten nicht still , sie schluchzten laut , sie drängten ihre Schürzen am Aug ' nach der Thorstube , den lieben jungen Herrn zu sehen , sie schrieen auf , wenn sie ihn sahen , und heulend stürzten sie fort , bis es durch das ganze Haus und die ganze Burg ein Geheul war um den Junker , der ein so lieber schöner Herr gewesen , und nun war er ein Krüppel , eine halbe Leiche , schlimmer als eine Leiche . Und wie viel gute Eigenschaften und Vorzüge kamen bei dieser Gelegenheit an dem grauen Tage von Einem zu Tage , von dem sie bis da gar nicht gesprochen , und wenn es geschah , schalten sie ihn einen eitlen Thunichtsgut . Herr Gottfried hatte derweil seine Biersuppe mit Ingber und Pfeffer und den schwimmenden Eierschaum drauf getrunken . Er strich sich , als er allmälig warm ward , behaglich die Seiten , und sah auch mit Befriedigung , wie der Knecht Kasper die große Schüssel mit Buchweizenbrei auftrug , deren glatt gewordene Oberhaut schön geädert war mit kleinen Seen und Flüssen und Kanälen von brauner Butter und Zimmet . Dabei lächelte der Burgherr wohlgefällig , denn die Zimmetbüchse holte seine Ehefrau nur bei absonderlichen Festtagen aus dem Schranke : » ' S ist doch ein gut Weib ! « brummte er und sah auch mit Vergnügen auf die Schüsseln mit Honig und Käse und den Ochsenschinken , der jetzt hereingetragen ward . Zu viel für einen Mann hätte es einem andern gedünkt , der auch hungrig war , aber nur seit gestern . Herr Gottfried hatte seit einer Woche keinen Bissen über die Lippen gebracht und dieser Gedanke schien jetzt zum vollen Bewußtsein des Hungers zu werden . Er maß die Schüsseln und auf seinem Gesicht strahlte immer mehr Friede , aber mit dem Frieden stimmten die Klagetöne draußen wenig . » Ist also gefallen ? « fragte Herr von Bredow . » Und gestürzt , « sagte der Knecht . » Ja , ja , das kommt davon , « sagte Herr von Bredow und schnitt tief in den Schinken ein . » Und hat sich Schaden gethan , « sagte der Knecht . » Durch Schaden wird man klug . Fiel auch mal vom Pferd . Ist ' s der Hans Jochem oder der Hans Jürgen ? « » ' S ist ein Unglückstag heut , « sagte der Meier . » Ein Unglückstag ! « wiederholte Herr von Bredow und schien drüber nachzudenken , indem er einen zweiten Teller mit Buchweizenbrei füllte und wie verwundert zusah , daß es noch immer dampfte . » Was haben wir denn heut , Kasper ? « » Sonntag nach Gallus , Gestrenger . Die Gänse sind schon geschlachtet . « » Die Martinigänse ! - Ist ' s die Möglichkeit ! « rief Herr von Bredow und setzte den Messergriff auf den Tisch . » Der arme Hans Jochem ! Jemine , schon die Martinigänse . - Das geht jetzt alles - Einer will ' s dem Andern zuvorthun . Da kommt ' s denn ! - Ein Bein gebrochen hat er ? « » Aber der Herr Dechant wird ihm die Sacramente reichen . « » Sacramente ! « - Ein neuer Gedanke schien in der chaotischen Wüste seines Kopfes sich durchzuarbeiten . - » Sacramente ! Dann geht ' s wohl auf die Letzt . « » ' S ist aber nach dem Wundarzt geschickt . Der muß bald da sein . Sonst kommt er zu spät . « » Zu spät ! « Ein zweiter Gedanke brach durch . Der Ritter legte Messer und Löffel fort : » Kasper meinst Du , daß es gut ist , daß ich zum Hans Jochem gehe ? Er kann doch nicht zu mir kommen ! « » Freilich , das kann er nicht , gestrenger Herr , aber - « » ' S ist heut ein Unglückstag , « wiederholte der Meier . » ' S thäte wohl besser , gestrenger Herr , « sagte der Knecht , » wenn Ihr erst frühstücktet . Das Unglück kommt immer zu früh noch , und Ihr könnt dem Junker nicht helfen . Aber der Junker kann Euch schaden . Herzeleid auf leeren Magen thut nimmer gut . Wer Morgens ordentlich frühstückt , der sammelt seine Gedanken und kann was vertragen . Manchermann , der nüchtern ausritt , und wollte alles thun , that nichts und fiel gar in Unmacht . « Da nickte Herr von Bredow mit voller Beistimmung dem verständigen Knecht zu , und that , wie er ihm rieth . Und der Rath erwies sich als gut , denn je mehr sich der Magen füllte , um so mehr schien in dem großen Körper die zerstörte Ordnung sich wieder herzustellen , und auch die Gedanken sammelten und lichteten sich im Kopfe . Da wischte er mit dem Tuche den Mund , richtete sich im Stuhl auf , und sprach : » Der arme Hans Jochem ! - daß es grade der Hans Jochem sein muß . « » Das hab ich auch gesagt , gestrenger Herr . Grade der Hans Jochem . Und er war so lustig allezeit . « » Wenn ' s Hans Jürgen wäre - « » Dann wär ' s nicht Hans Jochem , das hab ' ich auch gedacht , gestrenger Herr . « » Aber das kommt davon . « » Ja gewiß , Gestrenger . « » Wer nicht hören will , muß fühlen . Wollen Alles besser wissen die jungen Leute . Reiten , das will gelernt sein . Was ist das für ' ne neue Mode ! Die Diener sollen jetzt hinter dem Herrn reiten . Die jungen Fante in Brandenburg und Berlin ! Wozu ist ein Diener , als daß er seinen Herrn meldet ! Darum reitet er vorauf . Thut mir doch leid um den Hans Jochem . Hatte den Jungen lieb . « - Herr Gottfried drückte mit dem Finger an ' s Auge , als fühlte er da etwas , was nicht dahin gehörte . Frau Brigitte trat ein , auch mit rothen Augen ; sie setzte eine Kanne auf den Tisch . Selbst setzte sie sich neben ihren Herrn . » Da bring ich Dir Zerbster , Gottfried . Das letzte aus dem Faß . Wer weiß , wenn ' s auch mit uns auf die Letzt geht . « » Ja , ja , ja ! « sagte Herr von Bredow , » ' s ist schlimme Zeit . Sie zapfen , wo sie können . « » Trink , Götze , ' s ist von dem bittern Zerbster , das spült den Magen wieder klar . « Er setzte an und trank und setzte die leere Kanne nieder . Er nickte ihr freundlich zu : » Hast recht , ' s ist von dem Bittern . « » ' S ist mancherlei bitter ! « seufzte sie . » Der arme Hans Jochem , wer hätte das gedacht , Gitte ! Na nu will ich auch zu ihm . « » Bleib nur , Götze , sie thun ihn verbinden jetzt . Er schreit jämmerlich . An ' s Leben geht ' s ihm nicht , « sagte der alte Hildebrand . » Aber wie ' s nachher mit ihm gehen wird , ich meine , wenn er durchkommt ! Reiten kann er nicht mehr und tanzen auch nicht . Weißt Du noch , wie er bei dem Banket in Plessow herumstrich , er und die Eva ? Sie waren noch Kinder , aber die Leute sprachen gar Absonderliches . Na und dann Götze , Unseres und Seines zusammengeschlagen , da hätten die Hohenziatzer auch können den Vettern in Friesack zeigen - das ist nun nichts . Ein Ritter wird er nicht mehr , sein Lebtag nicht , und was ist er dann ? Und der Hans Jochem in ' s Kloster ! Mann , Mann , das will mir gar nicht im Sinn . An den Hans Jürgen hatte ich immer gedacht , der taugt doch zu nichts . Aber - « » Ich wollt ' s nicht , « fiel Herr Gottfried ein . » Sein Vater seliger konnte die Pfaffen nicht leidenund ich kann sie auch nicht leiden . Er hat grade Beine , laß ihn gehen , wo er hinläuft . « » Und weißt Du , was mir nicht gefällt , Götz ? « - Sie sah sich um , der Meier und der Knecht Kasper hatten die Halle verlassen ; sie waren allein . - » ' S ist was zwischen der Eva und dem Hans Jürgen . Sie haben sich immer geneckt , aber seit ein paar Tagen da ist was los . « » Kinderpossen ! « » Du hast schon Recht , sie sind Kinder . Aber die Agnes , denk ' Dir , das stille Kind , die ist wie außer sich um den Hans Jochem . Hat gesorgt für ihn , als wär ' s ihr Bruder , ist hinausgelaufen , von Allen zuerst , als wir ' s hörten , und brachte ihm Wasser zu trinken . Eh ' Einer sich nur besinnen konnte , hatte sie ihm nasse Umschläge gelegt , und dann , ach Gott , ich weiß nicht Alles . Und daraus kann doch nur Unglück kommen . Und darum , was meinst Du , wir schicken sie nach Spandow , je eher so besser . « Das Zerbster Bitterbier mußte wunderbar auf den Ritter gewirkt haben . Er seufzte so tief und schwer auf , als schöpfte er plötzlich Erinnerungen aus dem Ziehbrunnen seiner Seele . Die breiten Hände auf seine Knie schlagend , hub er an : » Ich sage Dir , Brigitte , es kommt nirgend was raus als Unglück ! Und das kommt alles blos daher , weil die Menschen es immer besser machen wollen , als es ist . Der liebe Gott muß doch gewußt haben , warum er ' s so machte , aber nein , sie müssen kehren und putzen und scheuern . « Frau Brigitte sah ihn bedenklich an , ob ein Vogel von der Wäsche gesungen . Es war anderes , was ihrem Eheherrn hinter ' m Ohr hüpfte . » In Berlin werden sie lateinisch sprechen , die Jungen sollen durch die Gucker in die Sterne sehn und die Weiber die Nativitäten stellen . Aus dem Reich ist ein lateinischer Gelehrter verschrieben , der soll dem Hofe Unterricht geben , und Komödien wollen sie spielen von einem Heidenmenschen , der vor zwei tausend Jahren schon gestorben ist , der heißt Terwenzel . Mögen sie scharwenzeln , mögen sie ' s aushalten , wenn ich nicht zuhören muß . Ich will auch gar nicht mehr auf den Landtag reiten . « Den Entschluß billigte seine Frau : » Was hast Du auch da zu thun , Götz ! Hast darüber die Reiherjagd versäumt und die Martinigänse . « » Was da gestänkert jetzt und geredet wird , Brigitte , Du glaubst es gar nicht . Nun frag ' ich eine Seele , haben wir nicht genug Gerichte und Gerechtigkeit im Land ? Sprachen sie jetzt davon , es sollte ein großes oberstes Gericht für die Marken errichtet werden in Berlin . Ist denn das Reichskammergericht nicht schon Plage genug für ' nen rechtschaffenen Edelmann , der ' s Unglück hat , daß er da was suchen muß ? Nein , wir sollen die Plage auch apart haben . Da sollen zwei Banken hingestellt werden , auf einer sollen die Edelleute sitzen , auf der andern Gelehrte , und da soll alles geschlichtet und entschieden werden , was sich in den Haaren liegt . « » Das wird ' nen Kohl geben ! « sagte Frau von Bredow . » Rechtes Futter für die Advokaten , Processe , die einen Edelmann von Haus und Hof fressen . Aber das ist den gelbschnäblichten Herren schon recht , je mehr nur geschrieben wird , desto confuser und besser . « » Was Recht ist , weiß doch jeder selbst zum besten , nicht wahr , Götze . Gott sei Dank , wir haben nichts mit den Gerichten zu thun . « » Meinst Du ! Der Kunz Reder hat vor Jahren ' nen See abgelassen und ackert darauf . Nun sagen die Bauern vom alten Kietz , sie hätten ein Recht auf die Fische gehabt . Auf dem Acker könnten sie keine angeln . Und was kam beim Landtage vor . Der Redner sagte : sie könnten ja Frösche angeln , wollt ' s ihnen nicht wehren . Aber glaubst Du , Tile Holzendorf und noch ein Paar stunden auf , die Bauern wären im Recht . Da schlag denn doch das Donnerwetter drein . Wenn der Adel nicht mal zusammenhält . « » Was ist auch das Angeln , Götze ! Der Förster sagte gestern , der Dachs hat sich gestellt . Mann , wir brauchen Dachsfett in der Wirtschaft . Reite raus nach dem Bau und laß die bösen Gedanken . Die frische Luft thut Dir gut . Will die Jäger rufen lassen und die Körbe und Flaschen füllen . « » Brigitte ! « sagte Herr Gottfried aufstehend und reckte sich . » Ich wünschte , ich wäre selbst ein Dachs und könnte in mein Loch kriechen und schlafen den ganzen Winter und sähe nichts und hörte nichts . Denn Gescheites geschieht doch nicht mehr auf der Welt . « Die Edelfrau horchte auf Etwas . Der Thürmer blies : » Was ist das ? - Nachher Götze muß ich Dir noch was sagen . Der Herr von Lindenberg war heute Nacht hier . Es scheint mir was nicht richtig , aber da wir ' s nicht ändern können , ist ' s wohl gescheidter , wir thun , als wüßten wir nichts . « Der Burgherr war damit vollkommen einverstanden , um so mehr , da er wirklich nicht wußte , was er nicht wissen sollte , und was Einer nicht weiß , ihn nicht heiß macht ; und endlich , weil er gar nicht neugierig und der Meinung war , daß viel Wissen für einen Mann vom Uebel sei . Aber eins hätte er doch wissen mögen , als Brigitte hinaus war , nämlich warum sein Eisenhemde nicht am Platze hing . Auch die Büffelhaube fehlte und die Handschuhe . Er war ein Mann , der die Ordnung liebte , nämlich seine eigene , und wie er auch danach suchte , so fand er sie eben so wenig als Gründe , warum er sie nicht fand . So etwas konnte ihn verdrießen , und wenn er verdrießlich war , konnte er auch zornig werden . Und er fing schon an , nur daß keiner da war , an dem er seinen Zorn auslassen konnte , was aber noch mehr zornig machen kann . Der Thürmer hatte wirklich geblasen , nicht einmal , wie wenn ein vereinzelter Reiter gesehen wird , sondern in langen , wiederholten und anhaltenden Stößen , die einen ganzen Heereszug bedeuten . Ein Trupp Reiter in Harnisch und Helm schwenkte in den langen Baumgang , der zum Schloß führte , das Eisen klirrte , und grad ' als die Edelfrau auf dem Hof war , forderte der Anführer im Namen seiner kurfürstlichen Gnaden Oeffnung und Einlaß . Alle sahen sich verwundert an , es war doch nicht Fehde , Herr Gottfried nicht in Acht , noch im Proceß mit der Kammer des Kurfürsten , daß er Einlagerung zu fürchten hatte . » Oeffnet sonder Zaudern ! « rief der Anführer , den Eisenklopfer dreimal fallen lassend . » Wir wissen , daß der Burgherr drinnen ist . « » Das ist ja Herr Achim von Arnim , der Voigt von Potsdam ! « rief die Frau . » Thut auf Leute , das ist etwas , oder ' s ist eine Irrung . « Die Reiter sprengten nur zum Theil in den Hof , der größere Theil blieb draußen . Der Anführer grüßte mit adliger Sitte die Burgfrau , doch nicht sehr freundlich : » Es thut mir leid , gnädige Frau , daß wir uns so wiedersehen müssen . Doch geht Pflicht vor Freundschaft . Wo ist Herr Gottfried ? « » Mein Mann ? Ach lieber Herr von Arnim , der ist eben erst aus dem Bett aufgestanden . Er schlief noch vom Landtag her . « » Das thut mir leid , « sprach der Voigt mit einem Lächeln um den Mund und sprang aus dem Sattel . » So muß ich ihn schon mitnehmen , wie er ist . « » Mitnehmen ! Heilige Mutter Gottes , was ist ' s. « » Ist mir doch lieb , daß er schon im Wamms und Hosen steckt , « sagte der Ritter , da Herr Gottfried jetzt aus der Halle zum Vorschein kam . » ' Nen Pelz könnt Ihr ihm noch umwerfen . « Als Herr Götz ihn grüßte , neigte sich der Voigt auch nicht um ein weniges , sondern hielt den weißen Stab in die Höh : » Herr Gottfried von Bredow , im Namen Seiner Kurfürstlichen Gnaden , Ihr seid mein Gefangener . Folgt mir in Güte . « » Gefangener ! « rief es . Das war doch auch für Frau Brigitten des Schreckens zu viel . Hans Jürgen sah Eva fragend an , Agnes stürzte auf Herrn Gottfried und umfaßte ihn : » Sie sollen uns den Vater nicht nehmen . « » Das könnte nicht sein , lieber Herr von Arnim . Das ist ein falscher Befehl . Warum ? « Der Anführer hob den Arm : » Auf Seiner Durchlaucht eigenen Befehl , den ich aus seinem Mund vernahm , bei Potsdam in der Forst . Ueberdem , wer wagt zu zweifeln , der ein guter Vasall ist zu Brandenburg ! « Ein weniges ließ er das Pergament aufrollen , das er aus der Brust zog . Dann , als thäte es nicht noth , schnellte er es wieder zusammen und schaute nur nach seinen Reitern . Was er vor sich sah , that nicht gut , daß ein kurfürstlicher Diener es zu genau sah . Kaspar riß den Mund auf und drückte die Faust an die Zähne ; Eva schrie und flog zu Hans Jürgen . Sie fiel ihm nicht um den Hals , sie legte nur die Hände auf seine Schulter . » Daß Dich doch mal ! « hatte Herr Götz gerufen ; weiter nichts , dann waren die Arme ihm straff niedergesunken und er schaute , blaß , mit seinen großen Augen in ' s Leere ; aber Eva rief zu Hans Jürgen : » Dulden wir ' s ? « - » Wir dulden ' s nicht , « hatte er geantwortet ; ich weiß nicht , ob mit dem Mund oder den Augen , aber er sprang zur Treppe nach der Rüstkammer . Da war es gut , daß der kluge Knecht Ruprecht ihn auffing . Was er ihm zugeflüstert , da er ihn unterfaßte , ich kann ' s euch nicht wieder sagen . Die Harnische der Reiter klirrten , da sie einen Halbkreis um die Burginsassen schlossen ; der Wachtmeister strich den Knebelbart , der Voigt von Arnim sprach kein Wort , aber auf seinen geschlossenen Lippen war geschrieben : Es ist Ernst , gegen den nichts hilft . Der Leiterwagen mit den Strohbündeln stand schon geschirrt im Hofe . Der Wachtmeister und noch ein Reiter setzten sich nach vorn und hinten , eine Kette mit Handschellen verbargen sie noch unterm Strohsitz in der Mitte . » Vater ! Vater ! « » Götze , mein Gottfried ! « Und konnte der Dechant nichts mitgeben als seinen Segen ? Die Burgfrau stieß ihn fort , sie schlang ihren kräftigen Arm um den Hals ihres Herrn . » Warum mußtest Du mir das thun , Mann ! Nun weiß ich ' s , Du hast zu frei gesprochen auf dem Landtag . « Darum ! - Das darum und warum verhallte unter dem Gerassel der Räder und Hufe auf der Zugbrücke . » Herr Dechant ! Herr Dechant ! « riefen Mutter und Töchter dem geistlichen Herrn nach , der auch hinausritt , still , gesenkten Hauptes , aber er ritt nicht mit dem Wagen ; er schwenkte draußen um nach links . Da saß die unglückliche Frau und Mutter mit ihren Töchtern auf dem Walle . » Er hätte ihn doch trösten können auf dem langen Weg bis Spandow , « schluchzte Frau Brigitte . » Was braucht der Peter Melchior des Zuspruchs , der ist nur ein bischen krank und mein Herr - « Ein Aufschrei unterbrach sie . Der Wagen mit den Reisigen , als sie in den Wald lenkten , hielt , und deutlich sah man ' s , sie legten dem Gefangenen Fesseln an . » Daß Gott erbarm , das ist zu arg ! « schrien ' die Mägde ; die Töchter bargen weinend ihr Gesicht im Schooß der Mutter , die ihres in beide Hände stützte : » Nun ist ' s vorbei , nun ist ' s richtig , wir sehen ihn nimmer wieder . « Sie sah ihn auch nicht wieder , als sie plötzlich sich aufraffte und mit dem Tuche nachwehte . Roß und Reisige waren im Walde verschwunden , im tiefen Sande verhallte der Ton von Hufen und Rädern . Dreizehntes Kapitel . Der Fürst und der Geheimrath . Im kurfürstlichen Vorzimmer saß der Hauptmann der Leibwache . Obgleich er den Lehnstuhl an den hellprasselnden Kamin gerückt , hatte er doch sein Stahlkleid noch mit einem Wolfspelz umhüllt ; es war ein kalter , stürmischer Spätabend , der Wind heulte in den Böden des Schlosses und fuhr durch die Schlotte herab . Die Spree dampfte ; der Wohlgeruch , welcher von den Aepfelkähnen dann und wann herauf und durch die schlecht verschlossenen Fenster drang , schien ihn nicht zu erquicken . Er spielte ein gedankenloses Spiel mit seinem Dolche ; wenn er dann und wann sichtlich gelangweilt aufsprang und an ' s Fenster trat , zählte er die Lichter drüben in den kleinen Häusern der winklichten Stadt , wie eines um das andere verlosch . Endlich waren alle verschwunden ; nur auf der langen Brücke schweelte noch kümmerlich fort die kleine , röthliche Oellampe unter dem Muttergottesbilde . Durch die geöffnete Thür sah man auf dem langen Corridor zwei Hellebardiere mit gemessenen Schritten auf und abgehen . Zuweilen zeigte sich auch ein Mann an der Schwelle , im kurfürstlichen Wappenrock , mit dem rothen Adler auf der Brust und in hohen Reiterstiefeln , als warte er auf etwas . Wenn der Ritter ihn sah , winkte er ihm mit der Hand : » Er schreibt noch . « Durch die Nachtluft dröhnte jetzt ein Glockenschlag , dem drei andere folgten . Von Sanct Nicolas tönten darauf zehn volle Glockenschläge . Als der letzte verklungen , fing die Marienkirche an , vom Rathhaus antwortete es , und plötzlich summte und schwirrte es , ein lautes Glockenmeer in der Luft , von den Kirchen in Köln , dem Dom , Sanct Peter und den schwarzen Brüdern , die sich nicht Zeit zu lassen schienen , eine die andere abzuwarten . Die entfernteren und kleineren Glocken von den grauen Brüdern , dem Hospital von Sanct Georg hallten auch nachklingend in der Ferne , als die Nachtwächter diesseits und jenseits der Spree schon in ' s Horn stießen und ihr : Hört Ihr Herren und laßt Euch sagen : Die Glock ' hat Zehn geschlagen , Bewahrt das Feuer und das Licht , Damit der Stadt kein Schaden geschieht . Lobet Gott den Herrn ! die Stille der Nacht für eine Weile unterbrach . Auf dem Gange schallten Tritte . Die Hellebardiere schulterten , der Hoffourier , der sich wieder an der Schwelle gezeigt , trat ehrerbietig zurück , und ein vornehmer Herr in carmoisinem mit Gold gesticktem Wams und feiner Halskrause trat unangemeldet mit eiligem aber einem so sicheren Schritte ein , daß man sah , er war dieses Bodens gewohnt . » Ha , Du hast die Wache ! « rief er dem Officier zu . » Das ist gut . « » Endlich , Wilkin ! « antwortete der Hauptmann und hielt ihm die Hand entgegen . » Welcher Teufel hat Dich denn beim Kopf gehabt ? « » Erwartet mich seine Gnaden ? « » Fünf- , sechs Mal schickte er nach Dir . Wie ' s Kind nach der Muttermilch schnappt