darauf die entschlossene Wendin mit einem laut ausgestoßenen Hilferuf im feuchten Nebeldunst verschwand . - Dieser Hilferuf war es , der den Maulwurffänger in seinem Gespräch mit dem Gesinde des Edelhofes störte und ihn , unglückahnend , in ' s Frei trieb . Eingedenk der Erlaubniß des Grafen , die Wendin in ihrer Einsamkeit besuchen und trösten zu dürfen , machte er sich jetzt Vorwürfe über seine Saumseligkeit , obwohl er sich gestehen mußte , daß seine Absicht dabei die beste gewesen sei . Er zweifelte keinen Augenblick , daß Haideröschen ein neues Unglück zugestoßen sei , sogar der Verdacht , Graf Magnus möge nicht Wort gehalten haben , stieg in ihm auf . Mit den Oertlichkeiten vertraut , eilte er schnellen Schrittes über den Hofraum nach dem Portale des Herrenhauses . Durch den niedrig ziehenden Nebel sah er den Lichtschimmer aus den Fenstern des gräflichen Wohnzimmers , alle übrigen Fenster in dem geräumigen Gebäude waren jetzt finster . Dies fiel ihm auf , zugleich aber bestärkte es ihn auch in seinem Verdachte . » Ha , « sprach er zu sich selbst , » der Schelm hat die Lichter ausgelöscht , um desto leichteres Spiel zu haben ! Hätte ich nur eine Leuchte mitgenommen ! Aber Dank meinem häufigen Hiersein , ich werde auch ohne Licht den Unhold finden und noch zeitig genug an der Gurgel packen ! Den Griff des Maulwurffängers soll er sein Lebtage nicht vergessen ! « Die Hausthür war blos angelehnt und drehte sich geräuschlos auf den Angeln . Im Flur brannte keine Lampe mehr , ein Zeichen , daß die Dienerschaft zur Ruhe gegangen war . Heinrich schritt auf den hallenden Fließen nach der Treppe , als er ganz nahe mehrmals nach einander » Hilfe ! Hilfe ! « wehklagend und laut schreiend rufen hörte . » Es ist Haideröschens Stimme , « sprach er , » ich kenne diese Nachtigall der Wälder . Aber wie kommt sie hieher ? Sollte sie Junker Blauhut in den Gartenpavillon gelockt haben ? « Während sich diese Gedanken in seinem Innern kreuzten , lag seine Hand auch schon am Riegel der nach deln Garten führenden Thür und stieß ihn zurück . Mit kräftigem Ruck riß er sie auf , der Wind jagte ihm Nebel und dürres Laub , das sich auf den Sandgängen kräuselte , in ' s Gesicht und zwang ihn , auf einige Secunden die Augen zu schließen . Dann trat er hinaus auf die breiten Stufen , die in den Garten hinab führten , eilte einige Schritte vorwärts und drehte sich um , seine scharfen luchsartigen Blicke durch den Nebelflor auf die Breitseite des Herrenhauses richtend . Das Zimmer , in dem Haideröschen bisher zugebracht hatte , befand sich fast in der Mitte des Gebäudes und lag grade vor ihm . Der Schimmer der einzigen noch brennenden Kerze drang bis zu ihm herab . Er sah das Flattern der Vorhänge an der offenen Fensterthür und errieth den Zusammenhang . » Sie muß auf dem Balcon sein , « dachte er und suchte mit verschärfter Aufmerksamkeit an der steinernen Brüstung und hinter den verpackten Stämmen der Oleander und Citronenbäumchen . Am linken Ende schlangen sich an dünnem Spalier die zitternden , schlanken Aeste eines Jelängerjelieberstrauchs , oder , wie der Landmann diesen Baum nennt , einer » Rose von Jericho « empor . Dort sah er etwas Weißes schwebend zwischen Himmel und Erde flattern . Schleunig eilte er darauf zu und erkannte die Wendin , die sich vergeblich anstrengte , aus den sie umrankenden schlangenartigen Aesten des alten Baumes , in denen ein Theil ihrer Kleider hängen geblieben war , sich los zu machen und herabzuspringen . » Bist Du es , Röschen ? « fragte er flüsternd . Die Wendin hörte ihn . » O rettet mich , rettet mich , wer Ihr auch sein mögt ! « gab sie flehentlich zur Antwort . » Die Angst tödtet mich und er wird mich verfolgen ! « » Wo ist der Graf ? « fragte Hemrich , am Spalier empor kletternd , die Kleider des Mädchens gewaltsam von dem Geäst losreißend und sie sanft auf die Erde herabhebend . Haideröschen zitterte wie ein Espenlaub . » Dort ! dort ! « sagte sie stammelnd , vor Angst und Schauder mit den Zähnen klappernd , und deutete nach den trüb schimmernden Fenstern . » Gott Lob , ich bin ihm entronnen ! Aber wer seid Ihr , wackerer Mann ? « » Kennst Du den Maulwurffänger nicht , den Freund der Armen und Nothleidenden ? « versetzte Heinrich lächelnd . » Ich komme von Deinem Vater in der Absicht , Dich zu beschützen . Hat Dir der Bube ein Leid angethan ? « » Nein , nein , Gott sei gelobt ! « sagte Haideröschen athemlos , ihre Arme vertrauensvoll um den stämmigen Nacken des schlichten Landmannes schlingend . » Die Engel des Himmels haben über mir gewacht und dem Bösen die Hände gebunden . Aber komm , Heinrich , komm , laß uns fliehen , ehe er mir nachsetzt ! « » Das soll er wohl bleiben lassen , « sagte der Maulwurffänger , drohend die Hand gegen die erleuchteten Fenster ballend . » Beruhige Dich , Haideröschen , Du bist jetzt geborgen ! « So sprechend legte er sanft seinen Arm um ihren Oberkörper und führte sie dicht an dem Gebäude hin nach der Hausthür . » Nicht da hinein , Heinrich ! « flehte sie bebend . » Er könnte uns begegnen und seine Knechte rufen . « » So schlage ich ihm den verruchten Schädel ein , wie einem tollen Hunde ! « rief Heinrich erbittert . » Komm nur , es giebt hier keinen andern Ausweg . « Er zog die Zitternde mit sich fort in ' s Schloß , durchschritt mit ihr die Hausflur und trat in den Hof . Hier vernahm er die verworrenen Stimmen des Gesindes , die den Voigt mit Schmähungen überhäuften . Sie hatten bald nach dem Maulwurffänger die Gesindestube mit dem Voigte verlassen und trugen mehrere Laternen , um bei ihrem Licht zu sehen , was es gebe . Auf sie ging jetzt Heinrich mit seiner Schutzbefohlenen zu . Alle erstaunten , das schöne , bleiche , zitternde Mädchen im Arm des Landmannes vertrauensvoll ruhen zu sehen . » Voigt , « sagte der Maulwurffänger befehlshaberisch , » öffne das Thor ! Ein rechtschaffener Mann verschmäht es , in der Höhle eines Räubers zu übernachten , er will lieber auf offener Haide unter Wölfen obdachlos umherirren . Meinen Quersack , meine Drähte und Bügel wirst Du mir in den Kretscham schicken . Dort werde ich sie mir abholen , wenn ich Zeit und Lust habe . Ausgemacht , sag ' ich , oder es nimmt kein gutes Ende ! « Die zornigen Blicke des Maulwurffängers , die drohenden Gesichter der Knechte , die murrend umher standen , schüchterten den Voigt ein und ließen ihn den Willen des Landmannes thun . Als die Thorflügel zurückwichen , wendete sich Heinrich nochmals um und sprach : » Gieb diesen Schlüssel Deinem Herrn und sag ' ihm , der Maulwurffänger ließ ihn grüßen . Von jetzt an habe er ihn als seinen Todfeind zu betrachten ! « Dann schritt er mit Haideröschen zum Thore hinaus in die finstere windige Nebelnacht hinein . Ende des ersten Theils . Zweiter Theil Drittes Buch Erstes Kapitel . Herta . Am Fuße der alten Burg Boberstein breitete sich ein Garten aus , der gegen Süden die ganze Ausdehnung der kleinen Insel einnahm und die Ufer des See ' s berührte . Nach dem abscheulichen Geschmacke damaliger Zeit durchschnitten steife Taxuswände diesen Garten in verschiedener Richtung . Sie waren so vortrefflich unter der Scheere des Gärtners gehalten , daß kaum ein Blatt oder dünnes Zweiglein über die glatte Linie hervorragte . Jetzt standen diese Baumwände entblättert , nur an den Wurzeln der Büsche auf den Rabatten brannten gelbe Crocus gleich Flämmchen aus der braunen Erde und dunkelblaue Veilchen verkündigten durch ihr duftiges Arom . daß sich bald der hellblaue Frühlingshimmel wieder über die sehnsüchtige Erde ausspannen werde . In den sich kreuzenden Gängen dieses Gartens wandelte am » stillen « Sonnabend , der dem Ostertage vorhergeht , leichten Schrittes ein junges schlankes Mädchen . Ein schneeweißes Mußelinkleid floß gleich einer Wolke von glänzendem Lichtstoff um die liebliche Gestalt , die am linken Arm ein zierlich aus Fischbein und gespaltenem Rohr geflochtenes Körbchen trug , dessen Rand und Henkel mit aufbrechenden Feldröschen von künstlicher Arbeit eingefaßt war . Eine Menge kleiner Veilchensträußchen lag kranzförmig geordnet in der mit Rosataffet ausgeschlagenen Höhlung des Körbchens , und in deren Mitte ein Häufchen frischer Bucheckern . Am Busen trug das Mädchen ebenfalls ein Veilchensträußchen , dem noch zwei Crocus beigefügt waren . Wer die einsam Dahinwandelnde von Ferne erblickte , konnte sie leicht für eine überirdische Erscheinung halten , so schwebend und graziös , wir möchten sagen ätherisch , waren alle ihre Bewegungen . Sie ging stets , selbst bei sehr schlechtem und stürmischem Wetter , in bloßem Kopfe , und ihr schönes und reiches aschfarbenes Haar , das sie in zahllosen Locken fessellos trug , umwehte dann häufig ihr von Engelsgüte strahlendes Gesicht gleich weichen Seidenfittichen . Dieses Mädchen war Herta , deren Name bereits mehrmals in unserer Geschichte genannt worden ist . Auch jetzt , wo sie die Erstlinge des Lenzes gesammelt und mit geschickter Hand und sinnigem Geschmack in zarte Sträußchen gebunden hatte , wühlte der Morgenwind , der scharf und kältend über die Haide fuhr , in ihrem reichen Haarwuchs und verschleierte oft den Glanz ihrer großen rehbraunen Augen . Herta kam von ihrem Morgenspatziergange zurück und ging nach dem Schlosse , dessen graue , mit Moos , Flechten und Epheu überwachsenen alten Mauern mit den vielen zackigen Zinnen und spitzen Schieferthürmen von der Sonne beleuchtet , recht ehrwürdig auf dem schroffen Granitfelsen dalagen . Die Zimmer in diesem alten Feudalschlosse waren mehrentheils düster und fast immer nur von je zwei Fenstern erhellt , die sich in thurmartigen halbrunden Vorsprüngen befanden . Auch Herta bewohnte eins dieser schmalen , langen , dunkeln und hohen Gemächer , deren uralte Tapeten von gepreßtem Leder , mit breiten Goldleisten verziert , diesen Gemächern ein ächt mittelalterliches Ansehen gaben . Selbst die Möbeln erinnerten an längst vergangene Tage . Sie waren steif und massenhaft , dabei aber von großer Dauerhaftigkeit und mit äußerster Sorgfalt gearbeitet . Alle Stuhllehnen zeigten die werthvollsten Holzschnitzereien , und die Ueberzüge von ächtem venetianischen Sammet waren prachtvoll und tadellos . Herta war zeitig darauf bedacht gewesen , sich ihr Zimmer wohnlich einzurichten , und hatte zu diesem Behufe einen jener erwähnten halbrunden Thurmerker , den sie als Arbeitsplatz benutzte , in eine reizende Epheulaube verwandelt , die sie mit nie ermüdender Geduld pflegte und in der sie wie eine Fee in grünem Blätterdämmer saß . Als das Mädchen von ihrem Spatziergange im Schloßgarten zurück kam , stellte sie das Körbchen auf ihren Arbeitstisch in der Epheulaube , nahm eine Buchecker und rief : » Hänschen ! « Sogleich klirrte ein dünnes Messingkettchen und ihrem Stuhle gegenüber aus einer Höhle dunkler Epheublätter , die eine Oeffnung im Fenster verdeckten , guckte das kleine zierliche Köpfchen eines braunen Eichhörnchens . Lächelnd nahm Herta die Buchecker zwischen ihre frischen schwellenden Lippen und näherte sich dem reinlichen Thierchen , das sogleich gewandt an dem Geäst herabkletterte und das beliebte Futter mit großer Geschicklichkeit aus dem Munde des jungen Mädchens nahm . Während sich Herta noch an den gewandten Sprüngen , dem behenden Enthülsen der Eckern und dem komischen Geknusper des muntern Thierchens ergetzte , trat eine Dienerin ein , die jung und hübsch wie ihre Herrin war und überaus saubere Kleider trug . » Gnädiges Fräulein , « sprach das Mädchen , » es hat schon zweimal ein junger Bauer aus dem nächsten Haidedorfe nach Ihnen gefragt . Erlauben Sie , daß ich ihn einlasse ? « » Warum sollte ich das nicht erlauben ? « versetzte Herta heiter und zutraulich , ununterbrochen ihrem Lieblinge neue Bucheckern aus dem Körbchen reichend und die Schalen , die er fallen ließ , behend wieder vom Boden auflesend . » Ich dachte , es möge sich nicht schicken , « entgegnete das Mädchen , » wenn das gnädige Fräulein mit einem Bauerburschen allein sprechen will . « » Nun das ist wohl , denk ' ich , eine sehr unschuldige Sache , « erwiederte Herta lachend . » Wie oft gehe ich allein durch den dichtesten Wald in die Haidedörfer , um die Hütten der Armen und Kranken zu besuchen . Da begegnen mir gar oft recht häßliche Menschen von Ansehen , aber wenn ich ihnen offen in ' s Auge blicke , da ziehen sie sogleich alle ihre Kappen und Mützen und gehen ihres Weges . Manche bleiben freilich auch stehen und sehen mir nach , aber es hat mir noch niemals irgend Jemand ein unschönes Wort gesagt ! Nun siehst Du , Emma , da wird ' s wohl auch mit dem Bauerburschen nicht gefährlich sein . Bist Du aber durchaus der Meinung , es schicke sich nicht , daß ich allein höre , was er will , so bleibe Du hier , Du kannst ja mit anhören , was ich ihm sage . « » Er will Sie aber durchaus allein spreehen . « » Ja , meine gute Emma , da hilft kein Widerstreben . Ich muß ihn entweder anhören oder fortschicken , und da will ich doch lieber das Erstere thun , wenn auch die Schicklichkeit dieses Schlosses einen kleinen Klaps dabei abkriegen sollte . Das kann ihr gar nichts schaden , sie würde nur etwas natürlicher werden . Rufe also in Gottes Namen den Burschen ! - Aber wart ' ! Du bist ja auch eine Blumenfreundin . Da suche Dir eins von diesen Veilchensträußchen aus , die ich heut gebunden habe . Nicht wahr , sie sind ganz hühsch und wirklich so zart und duftig , als hätten sie die Elfen gepflückt ? « » Ach Sie sind gar so geschickt ! « sagte Emma und nahm mit dankbarem Knicks das kleinste der Sträußchen . » Nicht doch , mein Kind ! Das waren die schlechtesten Ueberreste ! Hier , das ist hübsch , das duftet wunderlieblich und , wart ' , das muß sich an Deiner Brust gar lieblich ausnehmen . « Und während Herta so plauderte , nahm sie das allerschönste Sträußchen aus dem Körbchen und befestigte es mit eigenen Händen an Emma ' s Busen . » Sieh , wie das prächtig steht ! « rief sie vergnügt aus . » Guck ' geschwind ' mal in den Spiegel , damit Du Dich nicht zu verwundern brauchst , wenn Du nächstens ein ganzes Dutzend Liebeserklärungen bekommst . Und nun mach ' und bringe mir den Burschen . Ich bin doch neugierig , was der für ein Anliegen an mich hat . Es ist der erste junge Bursche , der mich besucht , « setzte sie mit einem Anflug kecker Laune hinzu , » und wenn ' s recht ist , so muß er mir Glück bringen . Ich will mich aber auch gleich ein bischen hübsch machen . - So ! - « Herta trat vor den Spiegel , warf ein paar ihrer weichen vollen Locken über ihr schelmisches Gesicht und ließ die andern einmal durch heide Hände rollen , daß sie verlängert Nacken und Schultern mit ihrem Glanz verhüllten . Zögernd verließ Emma das Zimmer , Herta nahm Platz in ihrer Epheulaube und warf dem wieder aus seiner Blätterhöhle klug herausguckenden Eichhörnchen noch ein paar Bucheckern zu . Mit vielen linkischen Bücklingen und Kratzfüßen trat der Bauerbursche ein , seine niedrige Pelzmütze verlegen in der Hand drehend . Herta , gegen Jeden , auch den Geringsten , höflich und zuvorkommend , stand auf und erwiederte den befangenen Gruß des Burschen mit einer Verbeugung und der zutraulich an ihn gerichteten Frage : » Wer bist Du , mein Guter und was wünschest Du von mir ? Ich höre , daß Du mir allein etwas Wichtiges mittheilen willst . « » Ach ja , was sehr Wichtiges , gnädiges schönes Fräulein , « versetzte der Bursche , der vor Verlegenheit der vornehmen Dame gegenüber nicht wußte , was er sagen sollte . » Bist Du etwa arm und hast kranke Aeltern oder kleinere Geschwister , die Du nicht ernähren kannst ? « fragte Herta weiter , um dem Schüchternen Muth zu machen . » Ach ja recht sehr arm , gnädiges Fräulein ! « » Dann wünschest Du gewiß , daß ich Dich unterstützen soll ? Armer Bursche , ich möchte Dir gern recht viel geben , aber meine kleinen Schätze sind ganz erschöpft . Erst nach dem Feste bin ich wieder im Stande - « und die Freundin der Armen schüttete den Rest kleiner Münzen aus ihrer perlengestrickten Börse in ihre hohle Hand und reichte sie dem Burschen . » Ach nein , das kann ich nicht annehmen , gnädiges Fräulein , « sagte der Bursche erröthend , da er sah , daß das schöne Mädchen seine Worte in einem Sinne auslegte , den er ihnen nicht hatte geben wollen . » Ich wünschte wohl Ihre Unterstützung , aber das Geld da - o nein - das brauche ich nicht ! « Herta hielt das Häufchen Münze dem Burschen noch immer entgegen . » Ja , mein Guter , Du sagtest doch eben , daß Du sehr arm seist ? « » O das bin ich auch , mein schönstes , allergnädigstes Fräulein , und recht unglücklich dazu ! Und wenn sie mich nur anhören wollen und nicht böse werden , wenn ich ungehörige Dinge sage , so werden Sie ' s gleich sehen , wie gar grausam unglücklich ich bin ! « » Armer Junge ! « sagte Herta mitleidig . » Nun fasse Dich nur und erzähle , was ich wissen muß dann will ich gern , steht ' s in meiner Macht , Dir helfen . « » Ach sehen Sie , mein gutes , gnädiges Fräulein , « fuhr der Bursche , durch Herta ' s sanfte und theilnehmende Worte aufgemuntert , fort , » ich heiße Clemens , eigentlich Clemens Ehrhold , und bin von drüben her aus dem Gehege , wo mein Vater ein Bauergut hat und sich redlich plagt , um das liebe Brod zu verdienen . Und da hat mein Vater einen Stiefbruder , der ein paar Jahr älter ist und aus der Haide stammt , und der heißt Jan Sloboda , tröst ' ihn Gott ! Ja und seh ' n Sie , gnädiges Fräulein , im Winter da halten wir doch die Spinte , wie Sie wissen werden , damit die jungen Mädchen ihren Flachs aufspinnen , den sie im vergangenen Jahre geärndtet , geröstet , gebrochen und gehechelt haben , und wir Burschen , wir besuchen die Spinnerinnen manchmal , und da machen wir einen Spaß zusammen , so gut arme Leute es können . - Und da war des Sloboda seine Tochter , das Haideröschen auch da , weil sie beim Vater die Wirthschaft lernen sollte , Ew . Gnaden - denn mein Vater , o das ist ein Hauptwirth im Gefilde ! - Nun sehen Sie , gnädiges Fräulein , Haideröschen ist sehr hübsch , fast so hübsch wie Sie , bitt ' um Verzeihung , und auch jung ist sie und wie aus Rosen und Schnee zusammengebosselt . Und da hat sie dem gnädigen Herrn gefallen , aber er gefiel ihr nicht , und weil sie nicht auf seine schönen Worte hörte , da hat er sie entführt vom Todtensteine . Nachher aber ist sie ihm entsprungen mit Hilfe des Maulwurffängers , den Ew . Gnaden gewiß auch kennen , und lebt wieder bei ihrem Vater . Und da hätt ' ich nun die grausam große Bitte an Sie , daß Sie das arme Ding zu sich nähmen , damit sie der böse Herr nicht wieder fortschleppen kann ; denn sie gehört zu den hiesigen Unterthanen , Ew.Gnaden ! « Aufmerksam , zuweilen lächelnd über den etwas verworrenen und drolligen Vortrag des Burschen , hatte ihn Herta angehört , jetzt versetzte sie : » Das ist ja eine ganze Geschichte und noch dazu eine recht böse Geschichte , mein Guter . Eine Entführung ! Pfui ! Wie heißt denn der Bösewicht ? « » Wir heißen ihn ins Gemein nur Blauhut von wegen seiner Filzkappe , aber eigentlich heißt er Graf Magnus . « » Wie ? « sagte Herta und stand auf , » mein Vetter Magnus hätte eine solche Frevelthat begangen an einem armen schuldlosen Mädchen ? « » Der liebe Gott muß den gnädigen Herrn Grafen wohl auch im Zorn zu des gnädigen Fräulein Vetter gemacht haben , « versetzte Clemens , » aber meine Muhme hat er entführt , obwohl ' s nicht seine Unterthanin ist ! « » Du bist ihr gewiß recht gut ? « sagte Herta , den Burschen schlau ansehend . » Ach ja , gnädiges Fräulein , ich bin ihr gut , das kann ich wohl sagen und Haideröschen hat auch nichts dawider , und wenn nichts drein kommt und es ist alles auf Pfarre und Hofe wegen der Dispensation in Richtigkeit gebracht , so wollen wir uns auf den Herbst heirathen . Aber nun fürcht ' ich , wird der Herr Graf seine Einwilligung dazu nicht geben , wenn das gnädige Fräulein nicht etwa ein gutes Wort bei ihm einlegen und ihm die Sache vorstellen wollte . Denn es heißt überall , daß Ew . Gnaden mit dem unbändigen Grafen machen könnten , was Sie wollten . « » Da schreibt man mir eine Macht zu , die ich leider nicht besitze , guter Clemens , « erwiederte Herta , traurig den Kopf schüttelnd . » Mein Vetter hat einen gar unbeugsamen Willen , den nicht einmal sein eigener Vater immer leiten kann , wie er es wünscht . Indeß glaube ich wohl , daß , stelle ich ihm die Sache in einer glücklichen Stunde recht dringend vor , er Deinem Glück nichts in den Weg legen wird . « » Ach , Sie sind so gut als schön , gnädiges Fräulein ! « fiel Clemens ein , vor Freude einen Blick innigster Dankbarkeit auf das junge Mädchen werfend . » Aber ehe es dahin kommt , wird der Herr Graf Haideröschen wieder abholen und sie zum Dienst zwingen wollen und dann - « » Nun , Du stockst ? Sage grade heraus , was Du meinst ! « » Ja , sehen Ew . Gnaden , wenn er das beabsichtigen sollte , dann fürchte ich , gibt es Mord und Todtschlag . Denn was wendisches Blut in den Adern hat , das wird dann zuschlagen und wahrhaftig , gnädiges Fräulein , Sie dürfen mir das nicht übel nehmen , aber ich werde gewiß nicht der Letzte sein ! « » Will ' s Gott , soll das verhütet werden , guter Clemens , « erwiederte Herta . » Ich zähle mich auch halb und halb mit unter die Wenden , obwohl ich meine guten Aeltern nie gekannt habe , und da verlangt es schon die Stammverwandtschaft , daß ich mich Deiner und Deiner Geliebten annehme . Ich kann es Dir zwar nicht bestimmt versprechen , guter Bursche , daß Haideröschen hier auf dem Schlosse eine Zuflucht finden wird , denn von mir hängt das nicht ab . Ich bin selbst nur Gast , wenn ich auch für das Kind des Hauses gelte . Mein Wort jedoch gilt etwas beim alten Grafen , und diesen werde ich von Deinem Anliegen in Kenntniß setzen . Komm morgen um diese Zeit wieder und hole Dir Antwort . Adieu , auf Wiedersehen ! « Herta reichte dem Burschen ihre kleine weiße Hand , die Clemens schüchtern und voll Ehrfurcht küßte . Als er sich mit vielen Kratzfüßen wieder entfernen wollte , rief ihn Herta nochmals zurück . » Sage mir doch , Clemens , « sprach sie , » ob Du Haideröschen heut noch siehst ? « » Ei Jeses , freilich ! « erwiederte der Bursche . » Ich werde nicht schlecht laufen , wenn ich nur erst über das breite Wasser da unten bin . Die Wege durch die Haide kenne ich , aus Wurzeln , Dornen und Disteln mache ich mir nichts , und wenn ich durch Dick und Dünn immer grad ' aus wie ein herrschaftliches Kutschpferd renne , da ermach ' ich ' s in knappen zwei Stunden . Hussah , das liebe kleine Ding wird nicht schlecht springen , wenn sie hört , daß Ew . Gnaden so liebreich mit mir gesprochen haben ! « » Haideröschen klingt so zartsinnig , « versetzte Herta , » daß ich mir einbilde , Deine Geliebte müsse eine Freundin zarter und duftiger Blumen sein . Grüße sie denn von mir als eine Schwester und bringe ihr dies Veilchensträußchen . Ich habe die lieben Blümchen selbst gepflückt und gebunden , denn ich habe sie gar zu gern . « » Ach , gnädiges Fräulein , so viel Güte ! « sagte Clemens , vor Staunen über so ungewohnte Herablassung ganz versteinert . » Laß das und geh ' jetzt ! Morgen früh vergiß nicht , Dir Antwort zu holen . « Clemens ging , Herta aber sprang vergnügt ein paar Mal in die Höhe , schlug jubelnd die kleinen Händchen zusammen und sprach dann , mit glücklichem Lächeln in den schönen Augen , den Kopf em wenig niederwärts beugend und langsam das Zimmer auf-und abgehend : » Das ist heut der zweite Mensch , den ich durch eine unbedeutende Kleinigkeit glücklich gemacht habe . Erst freute sich Emma , weil ich sie eigenhändig schmückte und ihre Reize pries , und nun jubelt dieser gute , ehrliche Bursche über ein paar werthlose Blümchen , die ich ihm absichtslos reiche . Gewiß theilt Haideröschen seine Freude und hebt die Blümchen auf wie einen theuer erkauften Schatz . - Ach wie süß und angenehm ist es , wohlzuthun , Freuden und Segen überall auszustreuen , ohne damit zu prahlen ! Ich möchte wohl die Wunderkräfte besitzen , von denen uns alte Mährchen erzählen . Dann erhöbe ich mich des Nachts von meinem Lager , verwandelte mich in eine Taube , einen Schmetterling oder in was es mir gerade beliebte , und flöge auf den Strahlen des Mondes und der Sterne überall hin , wo Armuth , Kummer , Elend und Schmerz nach Rettung , Trost und Heilung seufzen . Müßte das ein seliges Leben sein ! « Herta blieb stehen und richtete ihr nur mit feinem blassrothen Duft überhauchtes Gesicht empor , die großen braunen Augen ernst auf den blauen Damm der Haide heftend , den man in meilenweiter Ausdehnung aus dem Fenster übersehen konnte . Ein paar kleine Wölkchen wurden zwischen den Augenbrauen über ihrer feinen , ganz wenig gebogenen Nase , sichtbar . » Magnus ! « fuhr sie nachdenklich fort und an dem Zittern des durchsichtigen feinen Stoffes über dem Busen sah man , daß ihr Herz heftiger schlug . » Wie oft , wenn er hier war , hat er mir betheuert , daß er nur mich liebe , daß ich allein ihn glücklich machen könne und daß er elend würde , wenn ich auf meiner Weigerung bestände . Ich traute seinen Versicherungen und Schwüren nie , denn es liegt eine Wolke in seinen schwarzen Augen , die verderbliche Blitze birgt . Er ist ein schöner , ein interessanter , ein gebildeter Mann , und doch kann ich ihn nicht lieben , nicht einmal gern um mich dulden . - Es ging mir von jeher , wie es diesem wendischen Mädchen jetzt geht . Armes Kind ! - Sie schützt kein mächtiger zürnender Vater , sie gehört sich nicht einmal selbst ! Er kann und wird sie zermalmen , wenn er es vermag , denn Verzeihung , glaub ' ich , ist dem Herzen dieses unbändigen , heuchlerischen Menschen unbekannt . - Eben darum muß ich ihr die Hand reichen , muß ich sie retten , und es wird mir gelingen , wenn ich meinem gütigen Beschützer den Vorfall mit einiger Ausführlichkeit mittheile . « Nachdem Herta in solcher Weise für Haideröschen in die Schranken zu treten fest bei sich beschlossen hatte , ging sie wieder in ihre dämmernde Epheulaube , durch welche jetzt ein paar schräge Sonnenstrahlen fielen . Hier nahm das junge Mädchen eine feine Perlenstickerei in die Hand , schlug ein sauber gebundenes Buch auf und legte es vor sich auf ein Lesepult . Die Hände fleißig rührend , warf sie häufige Blicke in das Buch , dessen Inhalt sie zwar langsam , aber mit desto mehr Nachdenken durchlas . Nicht selten nahm sie auch einen Silberstift zur Hand und unterstrich einzelne Zeilen , die ihr vorzugsweise gefielen . Dieses Buch war der eben erschienene Don Karlos von Schiller , der sich bereits bis in dies abgelegene Schloß der Haide verirrt hatte . Herta liebte diese eine neue Religion , eine neue Weltordnung predigende Dichtung mit aller Gluth und Begeisterung eines für das ewige Recht , für Menschenwürde und Freiheit schwärmenden Herzens , und je häufiger sie täglich sehen mußte , wie wenig Hoffnung vorhanden war , die Ideale zu verwirklichen , an denen der Dichter in seinen heiligen Träumen hing , desto mehr vertiefte sie sich in die berauschenden Worte , in die hinreichende Gedankenfülle der Dichtung und gelobte sich in der Unschuld ihres Herzens , das Ihrige mit beizutragen , um der Menschheit jenes allgemeine Recht , jene ächte und wahre Freiheit mit erringen zu helfen , die Marquis Posa von Don Philipp fordert . - Zweites Kapitel . Am Theetisch . Wenn Herta ihrem reichen Verwandten ein Anliegen von Wichtigkeit vorzutragen hatte , verschob sie dies immer bis zum Abend . Die Theestunde war die günstigste Zeit für dergleichen Eröffnungen