drückend sie uns gewesen sind , die wir für sie mit dem Zauber der Dichtkunst verklären , die wir ihnen darbringen als eine Warnung , gehüllt in die duftigen Schleier der Fabel ! - Wie arglose Kinder spielen sie mit der Rose , erfreuen sich an dem Glanz der Tropfen in ihr und denken , es sei der Thau , der die Blume erfrischt . Es sind unsere Thränen , ihr Thoren ! heiße , bittere Thränen . Unser Herzblut ist es , das wir vergossen haben , als die Dornen uns zerrissen , die wir euch zu vermeiden lehren . O ! das Leben thut oft weh ; es macht Schmerz , in seine Tiefen zu schauen , und wie selten erringt man die lichte Höhe , auf der das Glück thront und die Freiheit und der Friede . Er stützte das Haupt in die Hand und blieb nachdenkend , bis der Schritt eines Eintretenden ihn aufstörte . Es war der Präsident . Er sah ungemein heiter aus und rief ihm schon an der Thüre zu : Nun ! Noch nicht im Costüme ? Alfred stand auf und fragte zerstreut : Wovon sprichst Du da ? Von dem Balle bei Frau von Wöhrstein . Ja so ! den hatte ich im Augenblicke wirklich fast vergessen ! Du kommst doch hin ? fragte der Präsident . Ich hatte es mir vorgenommen , weil unser ganzer Kreis daran Theil nimmt ; nun ist mir aber die Lust vergangen . Ich bin verstimmt , habe unangenehme Nachrichten erhalten und bleibe lieber zu Hause . Julian fragte , was dem Freunde begegnet sei , Alfred berichtete und jener meinte : Das ist nun ein peinlicher Zustand , den Du noch eine Weile zu ertragen haben wirst . Solche Verhältnisse ordnen sich endlich , wenn auch langsam , und sie ordnen sich nicht schneller , falls man sich das Leben durch sie verbittern läßt . Uebrigens ist nicht von Deinem Vergnügen die Rede , sondern von einem Dienste , den Du mir leisten sollst . Ich bin plötzlich behindert , durch unabweisliche Geschäfte , den Ball zu besuchen ; Therese will deshalb auch zu Hause bleiben . Das möchte ich nicht , um der Baronin willen , und ich wollte Dich bitten , meine Schwester zu begleiten . Kann ich es möglich machen , so komme ich vielleicht später etwas hin , aber ich zweifle daran . Alfred erklärte sich sofort bereit , den Präsidenten zu vertreten , und man verabredete , daß er in seinem Wagen mit dem Assessor , Therese und Eva in dem Wagen der Letztern fahren und man sich dort zusammenfinden sollte . So bleibt Agnes doch zu Hause ? fragte Alfred . Therese hat es verlangt und sie kann Recht haben , entgegnete Julian . Sie behauptet , das Mädchen sei anscheinend nicht bestimmt , in der großen Welt zu leben ; deshalb wolle sie es an keinen Luxus gewöhnen , und was dergleichen Rücksichten mehr sind . Uebrigens würde es mich gar nicht wundern , wenn Agnes sich hier vortheilhaft verheirathete ; denn sie wird täglich schöner . Findest Du das nicht ? Ich habe nicht darauf geachtet ; aber sie ist hübsch und natürlich , meinte Alfred . Das ist für mich ihr größter Reiz ! sagte der Präsident . Wenn ich an Sophien ' s Genialität mit Bewunderung zurückdenke , wenn das tiefe , durch Welt- und Menschenkenntniß gebildete Wesen meiner Schwester mir Achtung gebietet , oder wenn die neckische Sorglosigkeit Eva ' s mich belustigt , so muß ich mich oft wundern , wie der Zufall hier in unserm Kreise gerade drei Frauen nebeneinander stellte , die man als die Resultate unserer socialen Verhältnisse auf die Bildung der Frauen in den höheren Ständen bezeichnen könnte . Ich habe die Bemerkung ebenfalls gemacht , meinte Alfred , mochte sie Dir aber nicht mittheilen , weil Deine Schwester dabei betheiligt war . Eva ist eins von den vielen harmlosen Mädchen , die von ihren Müttern für den Heirathsmarkt erzogen und mit jenen oberflächlichen Reizmitteln geschmückt worden sind , die die Käufer anlocken und blenden . Wie leer diese armen , kleinen Odalisken selbst dabei ausgehen , wie ohne innern Halt sie dabei bleiben , wenn das Leben ihnen später eine ernstere Seite zeigt , das berücksichtigen die Mütter eben so wenig , als die Prediger der Frauenemancipation an das Elend denken , in das sie Naturen , wie Sophie stürzen . Herausgerissen aus der schönen Begrenzung der Sitte , der Gewalt ihres Liebesbedürfnisses , der wechselsuchenden Leidenschaft des Mannes überlassen , müssen gerade die reichsten Frauenherzen am schwersten darunter leiden und ewig sehnsuchtsvoll nach jener reinen Höhe blicken - Alfred hielt inne , weil ihn eine unüberwindliche Scheu abhielt , von Therese zu sprechen . Julian bemerkte es und sagte : Du meinst nach der reinen Höhe der Weiblichkeit , auf der meine Schwester steht ? Alfred bejahte es und Jener meinte : Damit ist es auch ein eigen Ding ! - Ich fühle , daß Therese geschaffen ist , durch ihr Herz , durch ihren Geist das Glück eines Mannes zu machen , und doch , so sehr ich dies anerkenne und sie liebe , gestehe ich Dir , ich würde mir vielleicht eine weniger selbständige Natur zur Frau erwählen . In ihrer selbständigen Durchbildung liegt mehr Emancipation verborgen , als in Sophien ' s ganzer Vergangenheit . Das heißt , sagte Alfred lebhaft , jene edle Entwicklung aller weiblichen Seelenkräfte , welche die Frau zur schönen Ergänzung des Mannes , zu seiner wahrhaft würdigen Gefährtin macht und - Dem Manne das reizende Vorrecht entzieht , die Geliebte zu beschützen , ihr Alles in Allem zu sein , unterbrach ihn Julian . Eben diese Art von weiblicher Vollendung hat für mich doch auch ihre Bedenken . Das ist in unsern Verhältnissen so geworden , es hat sein Gutes , aber man wird manchmal aller Civilisation müde und verlangt Natur . Solch ein Naturkind ist Agnes . Ich habe Eva einmal scherzend mit Champagnerschaum verglichen ; Agnes ist der klare Bergquell , aus dem ein Trank uns Labsal wird , wenn unsere überreizten Nerven nach Erfrischung schmachten ; sie ist das helle Wasser , in dem sich Erde und Himmel rein und unentstellt spiegeln . Du glaubst nicht , welche Anlagen diese Kleine hat . Es unterhält mich immer wieder sie zu beobachten , und ich glaube , sie wird mir fehlen , wenn die Eltern sie einst zurückfordern werden . Es scheint mir , als würdest Du diese einstige Trennung zu verhindern wissen , bemerkte lächelnd Alfred . Uebrigens sehe ich nicht ein , was Dich davon abhalten könnte , wenn es Dir wünschenswerth wäre . Hältst Du mich für so thöricht ? rief der Präsident , glaubst Du , ich würde mir eine Frau aufbürden ? und obenein ein solches junges Kind ? Das fällt mir nicht ein ; am wenigsten jetzt , wo man im Staatsrath ernstlich daran denkt , die goldenen Ketten der Ehe in ganz solide Fesseln zu verwandeln . Was heißt das ? fragte Alfred . Nun , ich meine , wir sprachen schon davon , daß man wieder die Berathungen über das neue Ehescheidungsgesetz aufgenommen hat , das die Trennungen erschwert . Aber davon ein andermal . Ich muß eilen ; mich rufen Geschäfte und ich werde meiner Schwester sagen , daß sie und Eva auf Dich rechnen können . Mit diesen Worten empfahl sich der Präsident . VII Die Baronin Wöhrstein ging , in einen rosa Domino gehüllt , am Arme ihres bedeutend älteren Mannes durch die erleuchteten , blumengeschmückten Gemächer ihres schönen Hauses . Sie hatte mehr als zweihundert Personen eingeladen und man war übereingekommen , verlarvt zu erscheinen , um einmal die Freuden eines Maskenballs in der ruhigen Gewißheit zu genießen , daß man sich im Kreise von Bekannten und in der besten Gesellschaft bewege . Nur die Theilnehmer an der Quadrille , in der Eva und der Assessor tanzten , hatten eine Verabredung über das Costüme getroffen ; alles Uebrige war dem Zufalle überlassen worden , der heute die Herrschaft führen sollte . Allmälig füllten sich die Zimmer mit Masken an . Alle Nationen , alle Zeiten waren vertreten ; rauschende Musik empfing die Gäste , die sich anfangs mit deutscher Befangenheit schüchtern nebeneinander bewegten , bis der erste Walzer die Tanzenden in seine Wirbel tauchte und man sich frei und heiter zu fühlen begann . Nach dem Walzer erschien ein Zug von Shakspear ' schen Charakteren , unter ihnen Theophil und Eva , die im Vorübergehen Therese und Alfred begrüßten , trotz der Verabredung , daß man sich nicht als Bekannte verrathen wolle . Die Letztern befanden sich unter den Zuschauenden und hatten lange in ruhiger Unterhaltung bei einander gesessen , als die Quadrille vorüberzog und alle Blicke sich ihr zuwendeten . Plötzlich blickte Alfred nach der Eingangsthüre und sagte : Sehen Sie , das sind ein Paar prächtige Figuren ! Dabei wies er auf einen Mann in schwarzem Sammtdomino und Federhut , der eine italienische Bäuerin von Ischia am Arme führte . Der Domino hatte eine edle , hohe Gestalt , ein entschieden vornehmes Wesen , und die Italienerin , offenbar ein ganz jugendliches Mädchen , fiel durch ihre feinen und doch kräftigen Formen , durch die Fülle ihrer reichen schwarzen Flechten auf , die über den frischen , blendenden Nacken herunterfielen . Alle Augen wendeten sich auf die eben Angekommenen , die allmälig der Mitte des Saales zuschritten ; auch Therese blickte hin und glaubte einen Moment ihren Bruder in dem Domino zu erkennen . Da sie ihn aber beschäftigt wußte , da er außerdem sich einen weißen Domino bestellt hatte und eine ihr fremde Dame am Arme führte , lachte sie über ihre Vermuthung und sah sich wieder nach einer Nonne um , die einsam dem fröhlichen Treiben zugeschaut und alle Aufforderungen zu tanzen abgelehnt hatte . Die Erscheinung der Nonne , ihre Kleidung waren so ungesucht , die kalte Ruhe , mit der sie in die laute Lust der Gesellschaft blickte , so ungekünstelt , daß Therese kein Auge von ihr wenden konnte und Alfred auf sie aufmerksam machte . Sie ist mir auch seit einiger Zeit aufgefallen , sagte Alfred , und ich habe bei ihrem Anblick lebhaft an das gedacht , was Sie mir neulich über die Frauen sagten , die , ein heimliches Leid im Herzen , genöthigt sind , sich in die Anforderungen der Alltagswelt zu fügen . Jene Nonne sieht wirklich theilnahmlos aus . Das finde ich nicht , entgegnete Therese ; es scheint mir im Gegentheil , als suche sie Jemand , als erwarte sie irgend Etwas . Sehen Sie , jetzt verläßt sie endlich ihren Platz ; die Quadrille ist zu Ende , die Nonne verliert sich unter die übrige Gesellschaft . Während Alfred mit dem Auge der Nonne folgte , trat Eva zu Theresen heran . Es ist prächtig hier , sagte sie , dies ist endlich einmal ein Fest , wie ich es mir lange gewünscht habe . Ich schwimme in einem Meer von Wonne und selbst Dein Theophil ist ganz heiter und galant . Er hat mich eben versichert , daß er , wenn er wirklich Oberon wäre , mir nicht nur das Feenkind überlassen , sondern mir sein ganzes Reich zu Füßen legen würde , wenn ich immer so schön wäre als diesen Abend . Ich versichere Dich , er ist sogar eifersüchtig auf all die Complimente , die man mir macht . - So ein Maskenball ist Dir sehr gesund , ich werde Dich künftig öfter zu dergleichen überreden , theurer Oberon ! sagte sie scherzend , als Theophil in ihre Nähe kam , in Lust und Frohsinn wirst Du schnell genesen und glücklich sein . Bin ich es denn nicht jetzt ? fragte er . Ist es meine Nähe oder die der stolzen , kalten Königin Therese , die Dich glücklich macht ? Eva ! schalt Therese leise . Nein ! nein ! rief sie , er soll und muß es gestehen ; oder ich nehme ihn gleich von Dir fort und führe ihn der Porzia zu , die dort noch ohne Tänzer steht und die ich kenne . Ich tanze den nächsten Tanz mit einem prächtigen Malteser . - Schade , daß Dein Bruder nicht auf dem Balle ist , sagte sie im Fortgehen , er fehlt mir heute recht . Ohne Theophil ' s Antwort abzuwarten , nahm sie den Arm des herantretenden Maltesers . Die letzten Worte hatte die Nonne gehört , die bis in Eva ' s Nähe gekommen war und jetzt ihr folgte . Dir fehlt er heute , mir wird er ewig fehlen , schöne Feenkönigin ! sagte sie leise ; hüte Dich , daß Deine Lust nicht auch in Thränen ende . Kehre zurück in Dein luftiges Himmelreich , ehe die unbarmherzige Hand der Erdensöhne Deine Schwingen zerknickt und Deine Freude in Jammer verwandelt . Eva fuhr erschreckt zusammen ; auch der Malteser , der die Worte gehört hatte , sah sich nach der Nonne um , die sich schnell entfernt hatte und bald neben Therese und Theophil stand . So sehe ich Sie gern , lieber Freund ! sagte Therese . Mich dünkt , Sie bereuen es nicht mehr , hierher gegangen zu sein . Ich ließe mich wol von der allgemeinen Lust tragen , wüßte ich nur , daß Sie Theil daran nähmen , daß auch Sie fröhlich wären . Ihre Gedanken sind nicht bei dem Feste , antwortete Theophil . Ich vermag keine Lust von außen in mich aufzunehmen ; ich bin zu alt dazu , glaube ich , oder zu ernst , zu deutsch - nennen Sie es , wie Sie es mögen , sagte Therese , als er auf ihre Bemerkung , sie sei zu alt , eine Widerlegung machen wollte . Ich kann nicht aus mir heraus gehen , ich bin immer ich , gleichviel in welchem Kleide , in welcher Umgebung . Und ist Sie selbst sein , nicht das Höchste ? Sind Sie , gerade wie Sie sind , nicht das Ziel , die Ursache - Die Ursache , aus der Sie hier sind , ist zu tanzen , unterbrach ihn Therese . Hier die Nonne feiert müssig wie Sie ; warum führt der lustige Oberon die ernste Nonne nicht in das fröhliche Leben ? Weil der Nonne das Leben zur Last ist , weil sie nach Grabesstille , nicht nach flüchtigem Sinnensrausch verlangt , entgegnete sie ernst , während Theophil , von einer Spanierin zum Tanze gewählt , dahinflog . Alfred hatte sich entfernt , als er Therese mit Theophil und Eva gesehen hatte . Jetzt war sie mit der Nonne allein und diese sagte : Im Leben , in dem Alles uns lügt , verbirgt man sich am leichtesten in der Maske der Wahrheit ; denn die Wahrheit vermuthet man nirgends . Sprichst Du von Deiner Maske , heilige Frau ? fragte Therese . Nenne mich nicht heilig ; Du thätest es nicht , stände ich außerhalb dieser Räume vor Dir . Du bist heilig und rein ; Du bist der Liebe des Edelsten werth . Ich weiß , daß er Dich liebt , daß Du all Deine Kraft bedarfst , seinen Wünschen zu entfliehen und dem Verlangen in der eigenen Brust . Du trägst die Nonnentracht unter dem farbigen Kleide ; Du hast entsagt mitten in dem fröhlichen Gewühl der Welt . O ! wäre ich gewesen wie Du , dann brauchte ich nicht zu büßen , was ich nicht allein gesündigt . Wer sind Sie ? Um Gottes willen , wer sind Sie ? rief Therese erschüttert und ergriff die Hand der Nonne , damit sie ihr nicht entschlüpfe . Eine Unglückliche wie Du , deren Herz an hoffnungsloser Liebe verblutet , antwortete die Nonne , indem sie Theresen ' s Hand an ihr Herz und dann an ihre Lippen drückte . Mit diesem Kusse bitte ich Dich um Vergebung , wenn ich Dich je betrübte . Ich scheide von der Welt , laß mich die Gewißheit hinübernehmen in die Einsamkeit , daß Du mich nicht verachtest ; daß Du mich für eine Unglückliche , nicht für eine Ehrlose hältst . Sie sind - - rief Therese - Aber die Nonne fiel ihr in das Wort : Du weißt wer ich bin , nenne meinen Namen nicht ; sein trauriger Klang paßt nicht zu dem heitern Feste . Gib mir Deine Hand als Segenszeichen , lebe wohl und Gott behüte Dich ! Sie ergriff nochmals Theresen ' s Hand , die sie bebend drückte , trat schnell hinter eine Gruppe von Masken , die sich vor ihnen gesammelt hatte , und Therese vermochte sie nicht zu entdecken , obgleich sie ihr folgte . Man demaskirte sich in diesem Augenblick , wodurch ein so buntes , fröhliches Gewühl entstand , daß der Einzelne sich leicht darin verlieren konnte . Viele Herren hatten gespannt auf den schwarzen Domino und die Italienerin geblickt . Jetzt , da sie die Larven abnahmen , begrüßte man freundlich den Präsidenten , während man bewundernd Agnes betrachtete , die strahlend vor Vergnügen , Schönheit und Jugend , sich mit kindlicher Schüchternheit auf seinen Arm stützte . Von allen Seiten fragte man Julian , wer seine Begleiterin wäre . Man wollte ihr vorgestellt sein und er genoß heiter den Triumph , das schönste Mädchen des Balles als seine Dame aufzuführen . An jenem Tage , als Agnes so sehnsüchtig nach dem Balle verlangt hatte , war der Gedanke an diese Ueberraschung in ihm aufgestiegen . Er war zu dem Schneider gegangen , der für Agnes gearbeitet , hatte ein reiches , geschmackvolles Costüme für sie bestellt , die kostbarsten Spangen und Nadeln gekauft , und als Therese auf den Ball gefahren , da war er mit seinen Schätzen vor Agnes hingetreten . Sie hatte den Andern traurig nachgeblickt , keine Hoffnung mehr gehabt und vergebens überdacht , was jene Worte des Präsidenten bedeutet haben mochten , auf die sie ihre Aussichten gebaut . Um so größer war nun ihre Ueberraschung , ihr Entzücken gewesen , als Julian die prächtige Kleidung vor ihr ausgebreitet und ihr die Kammerjungfer geschickt hatte , sie anzukleiden . Agnes hatte sich nie in so glänzendem Costüme gesehen ; ihr schönes Gesicht , ihre volle , frische Gestalt wurden durch die kleidsame Tracht bedeutend hervorgehoben . Sie selbst empfand mit stiller Freude , daß sie schön sei , was die Kammerjungfer ihr unablässig versicherte ; und als der Präsident sie abzuholen kam , als auch er entzückt ausrief : Wie schön sehen Sie aus ! da konnte sie sich vor Freude und Erkenntlichkeit nicht helfen und fiel ihm um den Hals , ihm mit einem Kusse für seine Güte zu danken . Julian hatte die größte Lust , sie fest an sich zu drücken , aber das kindlich unbefangene Vertrauen der Jungfrau hielt ihn in ehrfurchtsvoller Scheu davon zurück . Er wagte nicht , ihre Hingebung zu misbrauchen ; es war ihm , als entweihe er sie durch die leiseste Berührung , und nur seinen Augen gönnte er die Lust , sich an ihrer Schönheit zu weiden . Er hatte mit Agnes verabredet , daß sie sich Therese nicht zu erkennen geben wollten , bis man allgemein die Larven ablegen würde . An seinem Arme war sie froh und stolz durch die Reihen der Tanzenden gewandelt ; er hatte sich an ihren naiven Bemerkungen , an ihrer Freude ergötzt und war unangenehm berührt , als er jetzt mit ihr vor seine Schwester hintrat und ein misbilligender Blick Theresen ' s ihn in seiner guten Laune störte . Therese unterdrückte aber ihren Unwillen schnell . Zu guthmüthig , Agnes in ihrem Glücke zu stören , hatte sie selbst Freude an dem schönen Mädchen und war innerlich so sehr mit der Erscheinung der Nonne beschäftigt , daß sie nur flüchtig auf die Erzählungen ihres Bruders und ihrer Pflegetochter achtete , bis diese sie fragte , ob sie es wol wagen dürfe , auf einem solchen Balle zu tanzen . Warum denn nicht ? meinte Theophil , der sie um eine Galoppade gebeten hatte . Sie wissen es ja , ich habe noch gar nicht tanzen gelernt ; ich fürchte , man lacht mich aus , wenn ich es schlecht mache , sagte Agnes . Tanzen Sie immerhin ! rieth der Präsident . Wen die Natur ausgestattet wie Sie , über den lacht man nur vor Wohlgefallen ; der macht Alles recht und bedarf der Kunst nicht . Auch Theophil redete ihr zu und sie nahm seine Aufforderung an , während Eva gegen Julian bemerkte : Sie werden dem Kinde noch den Kopf verdrehen . Agnes ist wirklich hübsch und die Tracht steht ihr sehr gut , aber für solch junges Mädchen ist sie doch zu groß und viel zu stark ; sie wird kolossal werden und bis jetzt kann sie weder gehen noch stehen . Sehen Sie nur , sie tanzt wirklich wie eine Bäuerin . Da neigte der Präsident sich zu Eva hernieder und fragte : Fürchtet die schöne Titania , daß ein Staubgeborner sich lieber der irdischen Bäuerin zuwendet ? Fürchtet sie , daß man ihr treulos werden könnte ? Eva wurde roth und rief : Wer denkt denn daran ? Glauben Sie , daß ich mir jemals eingebildet habe , mit meinen kleinen Elfenhänden einen Riesen wie Sie zu fesseln ? Aber den Oberon vielleicht , der jetzt so zärtlich mit meiner Italienerin spricht und sie mit seinen Elfenhänden recht fest zu halten scheint . Sehen Sie , wie sie dort hinfliegen ! Der Treulose blickt sich nicht einmal nach Ihnen um ! Aber trösten Sie sich und denken Sie , daß ich Ihnen bleibe , wenn Jener Sie verläßt ; daß ein Mann auf Erden eben so gut ist , als ein Elfe in den Wolken . Sie sind immer derselbe , Julian ! rief Eva lachend , hing sich an seinen Arm und machte plaudernd einige Gänge mit ihm durch den Saal , bis der Tanz beendet war , Theophil und Agnes sich zu ihnen gesellten und der Präsident dieser seinen andern Arm anbot . Mit den beiden jungen Schönheiten durchwandelte er die ganze Zimmerreihe , um sie die geschmackvolle Einrichtung des Hauses bewundern zu lassen , und verweilte endlich in dem letzten Kabinette , wo er seine Begleiterinnen aufforderte zu ruhen und sich von der Wärme des Tanzsaales zu erholen . Es war ein kleines Gemach , das durch blühende Blumen und Schlingpflanzen in eine Laube verwandelt war . Der Thüre , welche auf den Hausflur führte , hatte man durch das Vorsetzen eines Schirmes , mit eingerahmten Lithophanien , hinter welchen Licht brannte , das Ansehen eines Fensters gegeben . Es war ein sehr liebliches Plätzchen und Eva warf sich tiefaufathmend in eine Bergère , die vor dem Fenster stand . Auch Agnes wollte sich niederlassen , legte aber erst behutsam den Sammtüberwurf , den sie trug , auf die Seite , um ihn nicht zu zerdrücken . Kaum sah das Eva , der nichts entging , als sie ausrief : Sehen Sie , wie natürlich die Kleine spielt ; man sollte sie wirklich für eine Bäuerin halten , so ängstlich geht sie mit dem Sonntagsstaate um . Schämen Sie sich , Agnes , wissen Sie nicht , daß man in der Gesellschaft niemals an einen Anzug denken darf ? Sparsamkeit ist zu ländlich und paßt nicht neben Ihrem Cavalier ! Ich bin keine Dame , sondern nur ein Landmädchen , und wenn ich etwas Ungeschicktes thue , sollten Sie es mir nicht so spottend vorhalten , antwortete Agnes empfindlich über die Neckereien Eva ' s. Es würde mir leid sein , wenn ich der Güte des Herrn Präsidenten Schande machte . Seien Sie unbesorgt , Agnes , beruhigte sie dieser ; Titania ist heute übler Laune , sie mag nicht andere Götter haben neben sich . Ich freue mich , daß ich Sie hergeführt habe , und um Ihnen meinen Dank zu zeigen , gebe ich Ihnen , da ich eben nichts Schöneres habe , diese Rose , so frisch und blühend als Sie . Dabei brach er eine Rose von einem nahestehenden Strauche , reichte sie Agnes und schickte sich an für Eva eine zweite zu pflücken , als eine Stimme dicht hinter ihnen rief : Es sind nicht die ersten Blumen , die Du brichst ! Die drei Plaudernden sahen sich verwundert um , eine Nonne trat hinter dem Schirme hervor und sagte vorüberschreitend : Wüßtest Du , wie schnell gebrochne Blumen welken , Du würdest barmherziger werden . Julian sprang empor und wollte der Nonne erbleichend folgen , als Alfred ihm entgegentrat und hastig und leise zu ihm sagte : Sophie ist auf dem Balle . Ich weiß es , antwortete Julian . Bleibe einen Augenblick bei den Beiden hier . Wo ist meine Schwester ? Ich verließ sie im Saale mit Theophil . Gut denn ! tragt Sorge für die Frauen und , falls ich nicht gleich wiederkehre , begleitet sie nach Hause . VIII Fast alle Personen unserer Erzählung waren am Morgen nach der Maskerade verstimmt oder traurig . Eva ' s gehoffter Triumph war durch das Erscheinen von Agnes gestört , die Aufmerksamkeit Julian ' s und Theophil ' s zwischen ihr und Agnes getheilt gewesen , und das plötzliche Auftreten der Nonne hatte beide junge Damen unheimlich berührt . Der Präsident hatte Sophie nicht mehr eingeholt , da noch andere Männer außer ihm und Alfred sie erkannt , und dieser sie beschworen hatte , den Ball zu verlassen , zu dem sie sich eine Einladung verschafft . Eine unwiderstehliche Sehnsucht , Julian noch einmal zu sprechen , Therese und Eva kennen zu lernen , die sie durch Alfred ' s Erzählung auf dem Feste wußte , hatte sie zu dem auffallenden Schritte verleitet , der dem Präsidenten ein peinliches Gerede zugezogen und ein wiederholtes Stadtgespräch über dies Verhältniß zuwege gebracht hatte . In der gereizten Stimmung hatte er noch in der Nacht an Sophie geschrieben , ihr heftige Vorwürfe gemacht und dem Diener den Brief zur Besorgung übergeben , der ihn in aller Frühe an seine Adresse befördert hatte . Jetzt am Morgen bereute er seine Härte . Das Andenken an ihre Liebe sprach versöhnend für sie , aber der Brief war abgesendet , die Sache unabänderlich . Er tadelte sich lebhaft und war in der Unzufriedenheit mit sich nicht aufgelegt , die Vorstellungen gelassen hinzunehmen , die ihm seine Schwester machte . Wie kann ich von Agnes Vertrauen fordern , wie soll ich mich gegen ihre Mutter rechtfertigen , sagte Therese , wenn Du selbst sie zu Heimlichkeiten verleitest ? Was das nun für ein Aufhebens ist , liebe Therese , weil ich dem Kinde eine Freude ohne Deine Erlaubniß gemacht habe ! Bilde Dir doch nicht ein , daß das Mädchen Dich wie einen Beichtvater betrachtet . Hast Du zu sechszehn Jahren nicht Deine kleinen Geheimnisse gehabt ? Was soll die unnöthige Strenge ? Agnes war unter meinem Schutze wohl aufgehoben und ich übernehme die Verantwortung , entgegnete Julian ablehnend . Sie ist aber meinem Schutze anvertraut , bemerkte Therese , und es war Dir gewiß weniger um ihr Vergnügen , als um das Deine zu thun . Agnes bedarf so rauschender Feste noch nicht und ich finde Deine Handlungsweise in diesem Falle unvorsichtig . Quäle mich doch nicht mit Gouvernantenmoral ! sagte Julian verdrießlich , Agnes ist erwachsen genug , über sich selbst zu bestimmen , und Eltern , die ihre Tochter unbedenklich verheirathen , sie ganz selbständig machen würden , verlangen eine Beaufsichtigung , wie Du sie meinst , gewiß nicht mehr . Darum verschone mich mit Vorwürfen , die mir lästig sind , sie klingen wirklich ganz altjüngferlich . Gewöhne Dir diese unnöthige Strenge doch nicht an . Mit den Worten ging er hinaus und ließ Therese , die dergleichen Ermahnungen von dem Bruder nicht gewohnt war , unmuthig zurück . Später am Tage kam Eva , sie zu fragen , ob sie etwas dagegen hätte , wenn man den Abend bei ihr , statt bei Therese zubrächte , wie man es verabredet hatte . Therese nahm den Vorschlag an und Eva plauderte von dem Balle , von dem sonderbaren Einfalle des Präsidenten , Agnes gegen Theresen ' s Willen hinzuführen , von den Eroberungen , die sie selbst gemacht , und von tausend andern Dingen . Uebrigens sei auf Deiner Hut , Therese ! sagte sie , Dein Bruder ist von Agnes wie bezaubert . Ich glaube , er denkt daran , sie zu heirathen . Das ist ein thörichter Einfall von Dir , meinte Therese , wie kommst Du nur darauf ? Mein Bruder und das kaum erwachsene Kind , das ist ein unmögliches Paar . Nicht so unmöglich als Du glaubst , rief Eva eifrig . Du solltest nur hören , wie er seit Wochen von der reinen Natürlichkeit , von der häuslichen Tüchtigkeit und dem Verstande von Agnes spricht ; wie er ihre gleichgültigsten Aeußerungen mir als etwas Besonderes wiederholt ; wie er es sich reizend denkt , sie zur Tochter zu haben , sie zu bilden und zu erziehen - Dir würde , wie mir , die Vermuthung kommen , daß er noch lieber als eine solche Tochter eine solche Frau zu haben wünsche . Therese hörte nachdenkend zu . Die Möglichkeit , daß Julian sich verheirathen , daß er Agnes heirathen wolle , war ihr befremdend . Er hatte so oft seine Abneigung gegen die Ehe ausgesprochen , sie war an das Zusammenleben mit dem Bruder so sehr gewöhnt , ihre ganze Zukunft so fest darauf gebaut , daß sie nicht an einen Zustand denken mochte , in dem sie von ihm getrennt werden konnte . Indeß war Eva ' s Vermuthung nicht unmöglich . Sie dachte der großen Theilnahme , mit der Julian das Mädchen betrachtete , ihr