ein Preis stehe , nicht zugeben könne ; daß bei einer bloßen Andeutung derselben ihr Vetter sie ihren Eltern augenblicklich zurückschicken müsse - Jean Carlo hörte nichts , begriff nichts , als die Unmöglichkeit , diese ewig sich erneuende Gefahr ihres Verlustes auszuhalten . Alle solche Erklärungen unter den Liebenden führten nur zu erneuten Klagen und der Versicherung : daß er ruhig sein und ihr ganz gewiß unbedingt folgen würde , wenn er wisse , daß keine Ueberredung noch Gewalt sie ihm zu rauben vermöge , daß er aber ohne diese Sicherung nicht nach der italienischen Grenze gehen könne , wohin ihn Fürst Medici und sein , wie er , geretteter Oheim beschieden hatten , um Rücksprache der Milderung des Urtheils und der sie bedingenden Umstände wegen mit ihm zu nehmen . Leontine trieb ihn seinem eigenen Interesse nach zu dieser Reise ; ihn selbst hatte der Wahnwitz der Eifersucht zu tief erfaßt ; er vermochte weder den Gedanken los zu werden , daß einem Glücklichern gelingen könne , in seiner Abwesenheit die Braut zu bewegen , das ihm gegebene Wort zu brechen , noch sich zu der Trennung zu entschließen , von welcher eine spätere Verbindung mit ihr abhing . Tage um Tage , Wochen um Wochen vergingen in dieser sich immer neu gestaltenden Selbstqual . Am Ende führte eine unbedeutende Auszeichnung , die Leontine einem Andern zu Theil werden ließ , einen förmlichen Bruch herbei . Der verzweifelnde Zorn , mit welchem Jean Carlo sie mit einer alle Rücksicht verachtenden Heftigkeit der Lieblosigkeit beschuldigte , sie in starrer Muthlosigkeit freigab , ihr sogar ganz entsagte , reizte sie übermäßig ; in zornigen Thränen wandte auch sie sich von ihm ab . Im raschesten Uebergange der Klage über sie zur Selbstanklage , wiederholte er ihr nun , daß er unter all diesen Bedingungen und Einschränkungen nicht mehr zu leben vermöge , daß er auf ewig von ihr scheide , daß er den Wink des Himmels , sie freizulassen , sie nicht auch noch dem Fluch seines Schicksals preiszugeben , nicht mehr widerstehe . Noch einmal zog er sie an seine Brust , noch einmal bedeckten seine glühenden Küsse ihre Augen , ihren Mund , ihre glänzende Stirn , dann riß er sich gewaltsam los und stürmte fort . Vergebens suchte sie ihn zu halten , vergebens schrieb sie ihm , beschwor ihn , wieder zurückzukehren ; er war fort nach Breslau ; mehrere Tage hörte sie nichts von ihm . Eine unnennbare Angst erfaßte nun ihr Herz . Seit Jahr und Tag hatte sie ihn , trotz aller Koketterie , als ihren Verlobten , fast als ihren Gatten betrachtet . In Thränen zerfließend , malte sie sich ihr eignes Unrecht aus , ihren Leichtsinn , ihre Gefallsucht , die Geiersperg so unzählige Male ihr vorgeworfen - ihr dämonisches Anlocken und Aufregen der Männer , die ihr den Hof machten , bis sie die Gequälten , Gereizten zu irgend einer allzuheftigen Aeußerung ihrer Leidenschaft veranlaßt und sie ihr nun plötzlich ganz grenzenlos misfielen , oder ihr gar lächerlich wurden - sie klagte sich auf ' s Unbarmherzigste an , auch gegen Jean Carlo nicht geduldiger gewesen zu sein , um seine Eifersucht zu schonen . Mit jeder fliehenden Minute steigerte sich ihre Sorge , unwiederbringlich ihn erzürnt , ihn auf immer verloren zu haben . Sie schrieb ihm nochmals nach Breslau , erhielt aber keine Antwort . Es ließ ihr keine Ruhe , unter einem Vorwande fuhr sie hinüber . Sie kannte die Hausleute , bei welchen er wohnte , es waren Handwerker ; sie bestellte etwas und fragte nach ihm . Noch war er da - morgen wollte er reisen - da lag sein Paß - großer Gott , nach Neapel ! Sie verstand ihn gleich : ohne sie mochte er nicht leben ! Noch einmal wollte er unter erborgtem Namen sein Vaterland aufsuchen , dessen sonnengoldene Schönheit begrüßen , dann sein Haupt den Rächern ausliefern ; das Dasein war ihm plötzlich zu schwer , um es noch weiter zu schleppen . Anstatt zur Hausthür hinauszugehen , versteckte sie sich ; in einem Augenblicke , da alles still war , schlich sie wieder die Treppen hinauf - sie wußte die Nummer seines Zimmers . Athemlos langte sie oben an ; der Finger versagte das Anklopfen , der Fuß das Tragen der bebenden , fliegenden Glieder . Gewaltsam riß sie die Thüre auf und stürzte bewußtlos auf die Dielen des Vorplatzes vor ihm nieder - Jean Carlo empfand den für ein Mädchen , wie Leontine , ungeheuern Entschluß , zu ihm auf seine Stube zu kommen , mit so beseligender , alle Einwendungen seines früheren Gefühls niederschlagenden Gewalt , daß er , wie berauscht von diesem Glück , zu ihren Füßen sank und , fester als je ihr verbunden , lange nur in wortlosem Entzücken ihr zu danken im Stande war . Aber allmälig kehrte den Glücklichen die Besinnung zurück . Vor allen Dingen mußte die Geliebte das Haus verlassen , aber vorher sollte er ihr versprechen , blos bis zur italienischen Grenze zu reisen , dort seinen Oheim aufzusuchen und alle Schritte zur Erreichung der Milderung des gesprochenen Urtheils zu thun . Und abermals fiel die entsetzliche Last auf seine Seele ; zum ersten Male wagte er in dieser grenzenlosen Hingebung Beider Herzen an einander das Wort : Heimliche Vermählung ! Leontine erschrak ; aber sei es , daß der schon allzu ungewöhnliche , bei einer Dame ihres Standes unerhörte Schritt , dem Geliebten in die Stadt , in seine Stube gefolgt zu sein , sie verwirrte ; sei es Abspannung nach der ungeheuern Angst , die sie während der letzten vierundzwanzig Stunden erduldet - sie widerstrebte nicht so bestimmt , als Jean Carlo gefürchtet . Sein Muth wuchs durch diese unverhofft mildere Stimmung ; in immer bewegteren , immer eindringlicheren Worten schilderte er ihr von Neuem seine Sorge , sie durch Zwang oder Ueberredung während seiner Abwesenheit zu verlieren ; er beschrieb ihr den unendlichen Trost des Gefühls , mit ihr unauflöslich fest verbunden zu sein und die Gewißheit mitzunehmen , in der Verbannung wenigstens sicher des ihm nicht mehr zu weigernden Glückes zu bleiben - bis endlich halb verlockt , halb ermüdet , das unbesonnene Mädchen ihm unter der Bedingung nachgab , gleich nach der Trauung seine Reise anzutreten . Welche Feder vermöchte den Wonnetaumel seines Dankes wiederzugeben ! Die Erinnerung daran hat oft Leontinens späteres Leben durchleuchtet wie ein Meteor des Glücks . Nun aber ging zu ihrer Verwunderung alles in fliegender Schnelle . Kaum hatte der Geliebte ihr Ja , kaum hatte er sie wohlbehalten und unbemerkt den Ihren wieder zugeführt , so war auch der alte Domine gewonnen , die Trauung zu vollziehen , durch welche er die Seele seiner » lieben Frölen « dem einzig beseligenden Glauben zu sichern wähnte . Die zu dem italienischen Geschäft bereits früher ihm verschafften Papiere , welche Jean Carlo ' s Geburt , Rang , Vermögen und Identität bewiesen , waren zur Hand . Ehe Leontine zu klarer Besinnung kam , war der sie auf ewig fesselnde Schritt gethan . Derselbe Freund , der Viatti im Hause eingeführt , ein geachteter Mailänder , der seit Jahren schon in Deutschland lebte und mit der Familie des Baron Lersheim verkehrte , ward unvermuthet , nebst noch einem unter dem Domine stehenden Geistlichen , zum Zeugen der Trauung gemacht ; auch Babet wohnte ihr bei , sie war leicht zu bereden , denn Leontine war , wie wir wissen , einundzwanzig Jahre alt , folglich mündig . Wenige Tage nach der Vermählung reiste Jean Carlo wirklich seinem gegebenen Worte gemäß ab ; er schied zwar mit blutendem , aber auch mit hoffnungsreichem Herzen . Leider aber scheiterten alle die ihn so beglückenden Hoffnungen beim Wiedersehen seines Oheims an beider Männer leidenschaftlich ihren früheren Projecten anhangendem Charakter . Jean Carlo und sein Oheim fanden es in dem so unglücklich gewählten Zeitpunkte unmöglich , sich der jetzt abermals schwer bedrohten Gemeinschaft ihrer ehemaligen Verbündeten zu entziehen . Die umsichgreifende Carbonaria hatte abermals unvorsichtige Schritte gethan , deren unselige Folgen nun auch Jean Carlo ' s Leben erfaßten . Ein ganzes Jahr verging Leontinen in namenloser Angst , sie sah ihn nicht wieder ! - Ab und zu schrieb er ihr unter Babets Adresse , aber , ach ! die nöthige Vorsicht machte seine Briefe unklar . Monate lang entbehrte sie jeder Nachricht , oft wußte sie sogar nicht , wo er war . Leontine litt ; sie hätte weit mehr gelitten , hätte ihr leichter Sinn sie nicht über manchen Abgrund schauderhafter Möglichkeit hinweggetragen . Der Schritt war einmal geschehen , es lag nicht in ihrer Natur , mit sich selber darüber zu rechten . Wenn sie dann und wann über jene Zeit nachdachte , mischte sich ein höchst peinlicher Vorwurf für ihren Gemahl in dies Nachdenken ; er hatte sie einer unabsehbaren Reihe von Schmerzen preisgegeben , wenn ihre Eltern die unglückliche Uebereilung entdeckten ; er hatte ihre Ehre sogar gefährdet , und leise , leise flüsterte sie sich ' s zu : er hatte leichtsinnig gehandelt , sie preisgegeben - aus nicht ganz edeln Gründen . Leontinens liebenswürdige aber vielgestaltig bewegte Natur konnte vom Augenblick zu leidenschaftlichen Ergüssen sich hinreißen lassen , die eigentliche Macht einer Geist , Sinn und Willen überwältigenden Leidenschaft begriff Leontine nicht . Die Herbstreise des Jahres zweiundzwanzig brachte sie wieder nach Baden , und die ferneren bereits mitgetheilten Ereignisse nach Bern , wo sie hoffte , Annen ihr Geheimniß entschleiern zu können , als ein Brief Jean Carlo ' s seine Rückkehr von der italienischen Grenze und seine nahe Ankunft in Bern meldete , wohin ihn der Wahnsinn der heftigsten Sehnsucht nach Leontinen zog , während eben eine Fremden-Verordnung publicirt wurde , welche unter die strengsten gehörte , die je bekannt gemacht wurden . Während also alle nur einigermaßen in ihr betheiligten Fremden Bern zu verlassen eilten , langte Jean Carlo daselbst an . Das Uebrige ist unsern Lesern bekannt . Josephinens plötzlicher Eintritt , der die so gewaltsam überraschenden Mittheilungen Leontinens unterbrach , brachte den Grafen Roderich augenblicklich zur Besinnung ; die gewohnte Gastfreundschaft , die anerzogene Höflichkeit , die im Duell vor dem tödtenden Stoß den Kämpfenden den Gruß auferlegt , siegten auch jetzt , sogar der Schwester gegenüber . Er war der Erste , der auf sie zuging , sie mit wenigen herzlichen Worten bewillkommnete und sie bat , ihm eine unvermuthete Störung zu verzeihen , die sie Alle das Rollen ihres Wagens habe überhören machen . Auch Anna wandte sich rasch der verehrten Frau zu und legte Leontinen aus ihren Armen an das Herz der Mutter , die , völlig arglos , dem ungeheuern Schlage , der sie treffen sollte , die heitere Stirne bot . Die Freude , ihre beiden Kinder wiederzusehen , wie sie die beiden jungen Frauen gern nannte , verblendete sie , der ganze peinliche Zustand ward nicht sogleich von ihr bemerkt , ja sogar dessen unwillkürliche Andeutung in ihres Bruders Worten vermochte nicht , sie aus dem Taumel von Glück aufzuschrecken , der sie beim Anblick der so lang entbehrten Theuern überwältigte . Sie hatte ja die Tochter überraschen wollen , so fiel ihr nicht einmal deren lauter Aufschrei besonders auf , sie maß ihn dem freudigen Erstaunen bei . Die Gewalt des Augenblicks beherrschte Aller Zungen ; Niemand hatte den Muth , den schneidenden Schmerz sogleich in die freudeschlagende Brust Josephinens zu senken , deren Hände die nun auch hinzugetretene Sophie mit Thränen und Küssen bedeckte , deren Hals die herbeigestürmten Knaben jauchzend umklammerten und dann von ihr weg und dem eben erblickten Vater zuflogen , den sie bereits unten im Wagen vergeblich gesucht . Victor Hugo hat so schön gesagt : das Kind sei der Engel im Hause . Die Freude der Kleinen legte ihren reinen Himmel auf die Gewitterschwüle dieser Stunde ; ihr Jubel war so hinreißend , ihr Fragen nach allen mitgebrachten Schätzen , all ihr überwältigendes Schwatzen , Kosen und Erzählen so lieblich , daß sie den Sieg davontrugen . Erst als Josephine längst am Frühstücktische saß und plötzlich ganz unbefangen zu Annen sagte : Ich habe dir noch nicht gratulirt , zu Roderichs Avancement ! Wenn ihr nach Wien kommt , wirst du Gelegenheit haben , deinem Hange zur Musik recht gründlich nachzugeben - da fiel das Unvermeidliche einer Erklärung wie ein Meteorstein aus klarer Luft Allen auf ' s Herz . Niemand antwortete . Roderichs Züge umwölkten sich , krampfhaft verzogen sich seine Lippen zum Ausdruck eines fast hassenden Zorns - er gedachte Gotthards . Anna erbleichte . Die Zwischenzeit hatte indessen für jeden Einzelnen das Gute gehabt , daß Alle gleich deutlich empfanden : die Entdeckung des unseligen Geheimnisses müsse von Leontinen selbst ausgehen . Sie hatte die sie überkommene Schwäche bereits niedergekämpft ; nur den Schmerz , den sie ihrer Mutter geben müsse , fühlte sie in unsäglicher Qual . Auf einen fast gebieterischen Wink ließ man sie mit derselben allein . Keine von Beiden hat je über diese entsetzliche Stunde gesprochen ; weder Leontine , noch die Generalin haben je die Art und Weise der Enthüllungen berührt , die das schöne klare Leben der Letzteren mit einem nie wieder weichenden Schatten der Sorge überdeckten . Umsonst versuchte es Leontine jetzt und später , die Aussicht auf eine wahrscheinliche und baldige Lossprechung Jean Carlo ' s als tröstendes Licht in das plötzliche Dunkel fallen zu lassen , das sie selbst in der Mutter Seele geworfen , umsonst nannte sie ihr den Rang , erwähnte sie die bedeutenden Vermögensumstände ihres Gemahls . So viel Mühe sich die arme Mutter gab , der Tochter Loos nicht durch unnütze Vorwürfe noch trüber zu machen , so wenig vermochte sie , die gewohnte Fassung zu erringen - ihr Muth schien plötzlich gebrochen . Theils war es das noch immer über Jean Carlo schwebende Beil des Henkers , das sie so entsetzte , theils mochten Erinnerungen an ihre früheste Jugend , an die Revolution und Waldau ' s Geschick ihr Gewicht an den ohnehin so schweren Augenblick hängen und die Elasticität ihres Wesens zerdrücken . Als Leontine geendet und sie nicht mehr im Zimmer sprechen hörte , schlich Anna herein und mischte ihre Thränen mit denen , die langsam und schwer den starren Augen ihrer mütterlichen Freundin entrollten . Aber auch ihre zärtlichsten Worte vermochten es nicht , die Eisrinde zu schmelzen , die sich ertödtend über deren Züge und Herz gezogen . - Lange saßen alle Drei stumm und sinnend neben einander ; ach , es ist etwas Furchtbares um dies endlose Herumwälzen eines räthselhaften Gedankens , dem Gott keine Lösung verliehen ! Roderich war sogleich zu Gotthard hinübergegangen , den er mit den Knaben beschäftigt fand . Vergebung , Herr Graf ! rief dieser , rasch aufspringend und Kronberg ehrerbietig entgegentretend , es wäre meine Schuldigkeit gewesen , Ihnen aufzuwarten ; ich glaubte Sie aber noch bei den Damen . Ein Wink des Grafen entfernte die Kinder . Sie wußten im Voraus um meine Ankunft ? fragte er streng und kalt . Ja , aber ich vermuthete sie minder bald . Und konnten dennoch sie nicht erwarten , ohne vorher auf eine Art und Weise in die inneren Angelegenheiten meiner Familie , oder meines Hauses , einzugreifen , die , gestehe ich ' s Ihnen , so ungewöhnlich ist , daß man sie unbesonnen nennen muß . Der Graf hatte sich in einen Lehnsessel geworfen , Gotthard stand ruhig vor ihm . Es ist mir lieb , Herr Graf , daß man Ihnen sogleich meinen Antheil an einer Sache ausgesprochen , die zu berühren , ich kein Recht hätte ; es erspart mir eine Art Geheimniß , die mir drückend wäre . Doch gestehe ich , nicht geglaubt zu haben , daß dies Wagniß mir Ihren Tadel zuziehen könne ; wenigstens nicht , insofern Sie selbst dabei betheiligt sind . Ich bitte , fahren Sie fort , sagte Kronberg sehr vornehm . Ich hatte am Morgen die Nachricht bekommen , daß ich die Ehre haben würde , der Gesandtschaft nach Wien vom Ministerium als Commissarius beigegeben zu werden , und daß Sie , Herr Graf , Ihr Diplom bereits erhalten ; ich hatte bis dahin nur unter der Hand diese Nachricht und noch keine übernommene Verpflichtung ; Sie , Herr Graf , waren schon Gesandter . - Mich dünkt , setzte er mit einer leichten Verbeugung hinzu , daß Sie selbst fühlen müssen , daß mir ein innerer Zwang bereits gebot , die Interessen der Gesandtschaft , die ich begleiten soll , über die meinen zu stellen . Hier im Hause konnte nach Ihrer Ankunft der junge Mann weder verborgen bleiben , noch gefänglich eingezogen werden , so mußte er vor derselben Bern verlassen . Mir scheint , ich habe sehr einfach gehandelt ; inwiefern Ew . Gnaden Familie dabei in ' s Spiel kommt , kann ich freilich nicht begreifen . Erstaunt blickte der Graf den Hofmeister an . Woher kommt dem Menschen diese Sicherheit , dieser diplomatische Aplomb ? Er biß sich in die Lippen , er war offenbar zu weit gegangen und Gotthard im Vortheil . Im Gefühl dieses von ihm verfehlten Schrittes ward er ärgerlich - im Aerger unbedacht , denn er setzte hinzu : Wenn , wie Sie sagen , das Interesse des Staates , dem wir nun beide angehören - er legte einen verbindlichen Ton auf die letzten Worte - Ihre Handlungen bedang , wenn Sie eine allerdings mich compromittirende Verhaftung des jungen Mannes mir ersparen wollten , wozu , fuhr er sehr ernst und gebieterisch fort , mußten denn die Damen in ' s Spiel gezogen werden ? Sie hat ihm alles gestanden ! sagte sich Gotthard , aber er blieb unerschütterlich , obschon das Herz ihm in den Halsadern schlug und ein heftiger innerer Zorn sein sonst so blasses Gesicht röthete . Sophie , die Kammerfrau Ihrer Frau Gemahlin , wußte um das Geheimniß , erwiderte er kalt , so schien mir es der Anstand zu erfordern . Weiß er , wen er uns gerettet oder nicht ? fragte sich der Graf . Hat Jean Carlo geschwiegen ? - Uebrigens , fuhr Gotthard fort , konnte die ganze Sache mislingen und ich selbst gefänglich eingezogen werden , auf diesen Fall wünschte ich meine Ehre gesichert und meine Papiere , die ich versiegelt der Frau Gräfin übergab , in besserem Gewahrsam , als sie in meinem Zimmer es sein konnten . Diesen Umstand hat sie mir verschwiegen ! dachte Roderich . Und bei meiner Frau , bei einer Dame , glaubten Sie dieselben gesichert ? Sie waren nicht der Art , der Frau Gräfin irgend einen Nachtheil bringen zu können - Aber , unterbrach ihn der Graf , mit immer steigendem Aerger , ich werde dennoch nie begreifen , wie Sie hierin irgend ein Verhältniß zu meiner Nichte ahnen konnten ? Ahnungen begreift man wol überhaupt nicht , erwiderte Gotthard fast lächelnd , aber in durchaus höflichem Tone . Der Graf stand auf , ging erst eine Weile im Zimmer auf und ab und stellte sich dann an ' s Fenster . Er bemerkte drüben seine Frau , die noch auf Leontinen wartete und in unbeschreiblicher Traurigkeit still vor sich hinblickte . Das verstimmte ihn noch mehr . Ich bitte Sie , Herr Gotthard , mir aufrichtig zu sagen , was Sie von dieser unglücklich-unklaren Geschichte wissen ; die ganze Sache greift so traurig in unser Aller Dasein ein . In Ihr Dasein ? rief Gotthard erbleichend . Mein Gott , da liegt vielleicht ein zweites Geheimniß vor , dessen Fäden ich unbewußt erfaßt ! - Ich halte den jungen Mann für geborgen . Durch besondern Zufall hatte ich den Paß eines verstorbenen Landsmannes , eines Architekten , der am Tage vor seiner Abreise von hier plötzlich erkrankte und verschied , er war mit mir vom Rhein hergezogen . Das Signalement paßte ungefähr , es mußte auch dem Glücke etwas zu thun übrig bleiben . Geld hatte der Graf . Ich war über des Nachbars Dach zu ihm geklettert , weil er auf mein wiederholtes Pochen an seine Kammerthür nicht öffnete und ich nicht Madame Sophiens Losungswort wußte . - Als ich an ' s Fenster klopfte , entschloß er sich endlich , mich zu hören , ließ mich aber nicht sogleich ein , sondern begann unsere nähere Bekanntschaft damit , mir ein Pistol auf die Brust zu setzen . Den Teufelskerl amusirt die Gefahr ! dachte Kronberg und seine Jugend flog ihm wie eine Lichtwolke vorüber . Gotthard erzählte fort : Allmälig überzeugte ich ihn ; wir verständigten uns , ich stieg durch ' s Fenster zu ihm ein ; er gab meinen Gründen nach . Einen Hausschlüssel hatte ich , und wir verließen vor Tagesanbruch zusammen das Haus und er - die Stadt . Und , fragte Roderich , und - er sagte Ihnen , wer er sei ? Gotthard zögerte einen Augenblick , dann erst antwortete er : Allerdings ; es war der Jüngere der beiden Grafen Viatti . Und wie erfuhr meine Nichte - ? Er schrieb ihr ; ich machte die Aufschrift und legte das Blatt in die Stadtpost . Und Sie wußten , daß ein Preis auf seinem und seines Oheims Kopf steht ? Wenn ich das nicht gewußt , was hätte mich dann vermögen sollen , meine eigne Existenz zu gefährden ? Herr Gotthard , sagte der Graf kurz , das Alles hätten Sie für mich als Gesandten gethan ? Gotthard ward todtenblaß , die directe Frage überwand ihn , er war nicht darauf gefaßt . Kronberg maß ihn von Kopf zu Fuß ; in den Triumph des mühsam errungenen Sieges mischte sich das Gefühl einer undeutlichen Qual und eines sich steigernden stolzen Widerwillens , er sprach nun sehr besonnen : Und wenn die Sache mislang , junger Mann ? Und wenn Ihr unbedachtsam rascher Schritt den Grafen Viatti , dessen Verhältnisse nicht zu kennen Sie vorgeben , auf ' s Schaffot gebracht hätte , was dann ? - Mit ihm sterben ? Davon konnte keine Rede sein , ich mußte Sie retten , und hätte ich Sie für wahnsinnig ausgeben müssen , und hätte Sie gerettet ; aber - brachte Sie das Ihrem phantastischen Ziel auch nur um eine Linie näher ? Welche fabelhafte Brücke hofften Sie aus diesem Wagstück sich zu erbauen ? Von der Sonderbarkeit des Mittels , sich bemerklich , ausgezeichnet oder gar vorgezogen zu machen , wollen wir gar nicht reden ! Jetzt verstand Gotthard wirklich nicht . Langsam wiederholte er : Bemerkt ? vorgezogen ? - Hatte denn der Graf eine Ahnung , einen Verdacht ? Ihn überschlich eine schneidende Eiseskälte , die sein Blut erstarren machte . Er schwieg . Es sollte mir unsäglich lieb sein , nahm Kronberg das Wort , wenn Sie mich wirklich nicht verständen ! Und doch , erwiderte der junge Mann , muß ich nun um eine Erklärung Sie ersuchen . Vor etwa vier Wochen begegnete Professor Schulz zuerst auf der Treppe Ihrer Etage dem Grafen ; dasselbe geschah mir wenige Tage darauf bei einem Auflauf in der Gasse , den die Arrestation einiger Carbonaris veranlaßte ; es ward mir nun die Gewißheit , daß mehre Mitglieder Ihres Hauses um seinen Aufenthalt in Bern wußten und vielleicht auf unvorsichtige Art denselben zu verbergen suchten . Eine Woche später , im Augenblicke der wiederholten Bekanntmachung einer sehr geschärften Fremdenordnung , die ihm die Flucht abschnitt , entdeckte ich sein Versteck . Gestern erfuhr ich Ihre Rückkehr und Ernennung zum Gesandten in Wien ; es war leicht , die Unannehmlichkeiten zu errathen , welche Ihnen aus dieser Angelegenheit entstehen mußten . Die Verhältnisse , in denen Graf Viatti hier im Hause stand - oder mir zu stehen schien . Also wußten Sie es doch ? Ich erwähnte ja wol schon , daß ich Sophiens Worte : ce n ' est pas lui ! zufällig gehört . Mir schien die einzige Lösung aus einem Gespräch mit ihm erwachsen zu können ; ich bat ihn um Offenheit und gestand ihm , daß ich selbst - Wie ? Sie wagten ? - Doch freilich , Sie wollten ihn retten ! Aber um welchen Preis ? ( Also weiß er ' s nicht ! setzte er innerlich hinzu . ) Um welchen Preis , Herr Graf ? Jetzt verstehe ich in der That gar nicht - was wollen Sie sagen ? Darf ich bitten - Mein Gott , Sie sagen ja selbst , daß Sie ihm Ihre unsinnige Schwäche bekannt , und ich sehe , daß er diesen Wahnsinn benutzt hat . Es begreift sich allenfalls , was konnte ihm am Ende eine solche Rivalität schaden ! In diesem Augenblick verwirrten sich Gotthards Ideen wie vorhin die des Grafen , er hielt den Uebergang für eine Falle ; daß Kronberg während des ganzen Gesprächs vorausgesetzt , Gotthard habe eine Neigung zu Leontinen gefaßt und deshalb ihn mit allem Stolze seines Ranges und seiner bisherigen Stellung behandelt , fiel ihm nicht entfernt ein . Er wurde verlegen und fand nicht sogleich eine Antwort . Da es jetzt auf die Möglichkeit unseres Beisammenseins ankommt , da ich nur höchst ungern die Carrière eines talentvollen jungen Mannes störend unterbrechen möchte , so erlauben Sie mir schließlich noch eine Frage . Haben Sie je gewagt , sich auszusprechen ? - irgend Jemanden eine Thorheit einzugestehen - die - weiß Leontine ? Das Fräulein ? Wie kann ich das wissen , Herr Graf ! Nun , jedermann weiß doch , ob er sein Gefühl verräth . Haben Sie irgend Gründe zu glauben , daß das Fräulein Ihre Leidenschaft errathen hat ? Ich ? eine Leidenschaft für das Fräulein ? - Gotthards Augen wurden starr , er sah blaue und rothe Funken und keinen äußeren Gegenstand mehr . Und für wen denn sonst ? fragte der Graf . Beide Männer schwiegen ; sie standen plötzlich als Todfeinde einander gegenüber . Hier konnte kein Wort mehr ausgesprochen werden . Wie bei vielen Männern , deren Eitelkeit an die Stelle einer Herzensforderung tritt , war in Kronbergs Seele ein wunder Fleck : das instinctmäßig errathende Gefühl , von seiner Frau nicht eigentlich geliebt zu sein . Der Quell dieser schmerzenden Empfindung war zugleich der eines stolzen Verbergens seiner geheimen , nagenden Eifersucht ; lieber würde er Annen einem Abgrund von Schuld und Reue zugeschleudert haben , als daß er jemals diese Schwäche einer Leidenschaft eingestanden hätte , deren Aeußerung er auf ' s Tiefste verachtete . Nach diesen Andeutungen wird man begreifen , wie er nach kaum minutenlangem Schweigen , ohne weiteren Uebergang , sogleich mit Gotthard von den Kindern zu reden begann , deren so höchst vortheilhafte Entwicklung er dankbar pries und zugleich sein höchstes Bedauern darüber aussprach , daß die neue Lebenswendung Gotthard natürlich nicht mehr erlauben werde , sich ferner mit der Erziehung derselben zu befassen , da ernstere und höhere Pflichten es ihm von jetzt an unmöglich machen müßten . Glauben Sie mir , schloß er im wohlwollendsten Tone , daß ich die Größe dieses Verlustes für meine Knaben schmerzlichst zu schätzen weiß . Indessen wäre es Thorheit , daran auch nur zu denken . Gotthard stiegen die Thränen in die Augen . Er fühlte sich mit einem Male aus jedem Zusammenhange mit der Geliebten losgerissen , er empfand den trennenden Schnitt , der die Bande des heiligsten Vertrauens zwischen ihnen löste , er sah sich auf eine ganz einfach herbeigeführte Weise gewaltsam aus dem Hause in ' s Weite hinausgestoßen , verbannt ; und doch geschah das Alles so natürlich ; die Kinder , die seinem Herzen so nahe standen , mit deren Interesse jede Faser ihres Lebens ihm verwachsen schien , sah er durch ein einziges Wort sich geraubt - er vermochte keine Erwiderung zu finden . Möchten Sie , junger Freund ! fuhr Kronberg mit fast väterlicher Güte fort , seine schöne Gestalt hoch aufrichtend , indem er jetzt mit jeder Sylbe eine größere Herrschaft über sich errang , möchten Sie jede neue Lebensstellung so zu Ihrem Vortheil einnehmen , jede Forderung so völlig genügend erfüllen , als dies bei uns geschehen ist . Ich dringe nicht in Ihr Geheimniß in Bezug auf den Grafen , ich bitte Sie Ihrerseits , nicht erforschen zu wollen , welche Verpflichtung die Meinen hatten , ihn zu retten . Nehmen Sie meinen Dank für das , was Sie , wie ich jetzt einsehe , im Einklang mit unsern Empfindungen , ohne Kenntniß der näheren Umstände gethan . Sie haben , obschon unvorsichtig , dennoch edel gehandelt , und ich freue mich , Ihnen dies als Ergebniß unseres langen Gesprächs sagen zu können . Er wandte sich , freundlich mit der Hand grüßend , der Thüre zu . Gotthard eilte ihm nach und versuchte dem fast an der Schwelle Stehenden auseinanderzusetzen , daß er wenigstens die Oberaufsicht über der Kinder Unterricht und den ferneren Gang ihrer Bildung für ' s Erste sich zu erhalten wünsche , und daß eine Stellung , wei die ihn erwartende , unmöglich seinen ganzen Tag in Anspruch nehmen könne . Er sprach beklommen . O , bester Herr Gotthard , sagte lachend Kronberg , Sie kennen Wien nicht und möchten sich einen Atlas von Unbequemlichkeiten und Unthunlichkeiten aufbürden . Nein , nein ; seien Sie überzeugt , daß ich und die Gräfin , die natürlich ganz einverstanden mit mir ist - Gotthard wurde wieder todtenbleich , der Graf sah es , aber kein Zug des triumphirenden Gesichts verrieth ihn - Niemanden lieber die Leitung der Erziehung unserer Kinder überlassen möchten ; aber Sie werden bald sehen , daß es unmöglich ist . Apropos , fuhr er fort , indem er die Hand auf den Drücker legte , Sie werden wohl thun , nach Berlin zu eilen , um sich den Herren dort zu präsentiren . Eigentlich wollte ich Ihnen das gleich sagen und vergaß es ; ich wünschte aber , Sie reisten spätestens morgen früh , damit Sie mit uns