. Ich hab Nachricht von der Gachet bekommen , sie ist auf ihrem Gut in Laubenheim und freut sich über ihre gedeihenden Felder . Bei untergehender Sonne geht sie ihrem Pflug entgehen und reitet dann auf dem Ackerpferd nach Haus , ich hab sie recht lieb jetzt so mitten in ihrer Haus- und Feldwirtschaft , sie hat so weit mehr Anzügliches für mich , als wenn sie geistreiche Sachen erzählt , sie hat mich grüßen lassen , auch ließ sie sich erkundigen , ob ich Dich immer noch so liebhabe , wie das närrisch gefragt ist ? - Du gehst doch wohl zu ihr auf Deiner Heimreise . Ach , ich möchte Dich zerstreuen , ich hab an allerlei gedacht , was Dir Freud machen kann ! - Diesen Herbst wirst Du gewiß am End doch am Rhein zubringen , der Kanonikus Linz meinte , es sei die Rede davon gewesen , nach Düsseldorf zu gehen , hast Du keine Nachricht von Deinem Freund Arnim ? - Bei dem würde es gewiß am besten sein für Dich , der heitere Jugendmutige wird Dich vom Schwindel befreien . Vielleicht , daß Du recht verzweifelte Stunden haben magst . Was weiß ich von der Liebe ! - Ich hätte Dir nicht so leichtsinnig , so unbarmherzig schreiben sollen . - Verzeih mir ' s ! - Ich werde diese Messe ruhig hier in Offenbach bleiben ! - damit es mir nicht zu leid tut , wenn ich Dich nicht sehe . Ach , ich wollte , ich könnt Dir eine Freude machen ! - Die Lebensgeschichte , die Lebensgeschichte , die fliegt da oben am Himmel wie eine Schwalbe , sie hat sich eben so hoch geschwungen , daß ich sie mit bloßen Augen gar nicht mehr sehe ; wenn Du nicht willst , daß ich sie ganz aus dem Gesicht verliere , so schicke mir ein Fernglas . Schreib , ich soll Dir zulieb es tun , gib mir ein Lebenszeichen ! - An Bettine Wer diesen Brief von mir erhält , weiß ich nicht ! Welchem von meinen Freunden schreibe ich , und wer ist mein Freund ? Ich bin schon acht Tage in der französischen Republik , bin auch verliebt , habe Ruinen gesehen , Spitzbuben und Weiber , die bloß der Einfachheit der Forderungen an sie wegen immer die besten sein mögen , die wir haben , in der schlechtesten Welt , die wir haben . Wenn Du ein Mensch bist , der sich gerne mit der Idee abgibt , wie dies oder jenes besser sein könne , der sich in der Zeitlichkeit damit beschäftigt , die Stube zu möblieren , so wäre hier unendlicher Stoff für Deine Ideen , für Schlosser und Schreiner . Alles Gegenwärtige ist mir nur der Stiel , an dem ich Vorzeit und Zukunft anfasse . Die unendlich tiefen vollen und unsichtbaren Gefäße . Die meisten haben nur den Stiel in Händen und sind mit dem Stiel zufrieden , weil sie nicht wissen dürfen , was sie tun , um etwas zu tun . Wie mir ' s gegangen ist , willst Du wissen , mir ist ' s nie gegangen . Ich bin , drum liebe ich und lebe ohne Liebe und Leben ; ich bin ein geborner Idealist . Ich bin ein Schüler der ewigen Erkenntnis ! - Alles begreifen , ist mein Handeln ! - Alles lieben , meine Sorgen . Und daß ich alles Deinem Herzen hinbiete , das zu reich an Gerechtigkeit und ewiger Milde ist , um zu besitzen , das ist mein kleiner Fluch , glücklich bin ich nicht , das ist Menschenwerk , unglücklich bin ich nicht , das ist auch Menschenwerk ; ich bin alles , das ist Gotteswerk , und mag es niemand beweisen , das ist arme Bescheidenheit , die Kunst aber ist die Kanaille , die mich mit diesem sorgenvollen Ehrgeize behängt hat , und die Trägheit ist es , der ich es verdanke , daß ich so edel bin . Lieb und Leid im leichten Leben , Sich erheben , abwärts schweben , Alles will das Herz umfangen , Nur verlangen , nie erlangen . In dem Spiegel all ihr Bilder Blicket milder , blicket wilder , Kann doch Jugend nichts versäumen , Fortzuträumen , fortzuschäumen . Frühling soll mit süßen Blicken Mich entzücken und berücken , Sommer mich mit Frucht und Myrten Reich bewirten , froh umgürten . Herbst , du sollst mich Haushalt lehren , Zu entbehren , zu begehren , Und du , Winter , lehr mich sterben , Mich verderben , Frühling erben . Wasser fallen , um zu springen , Um zu klingen , um zu singen , Schweig ich stille , wie und wo ? - Trüb und froh , nur so , so ! Arnim , Arnim , Dir ruf ich ewig nach , nur neben Dir mag ich leben und sterben , beides muß ich , seit ich Dich kenne , mag ich es auch . Du freue Dich meinen Teil , Du weine meinen Teil , ich gönne Dir beides und wäre zufrieden mit Dir , und so wenig als einer sich selber gewährt , der kein Verlangen nach mehr hat . Neben Dir ist mir ' s traurig ergangen , und doch konnt ich in Dich als in den Frühlingshimmel schauen ! - Dich hab ich als einen solchen gefunden und mein selbst vergessen . So bist Du mir entgegengekommen und hast mich solchermaßen geliebt ! - O Jugend , o Leben , o Liebe , o Tod , ob Webstuhl der Zeit ! - O Teppich , o Gastmahl , o Rausch , o Kopfweh , o Nüchternheit der Gegenwart . O notwendige Ewigkeit der Gemeinheit und Ungemeinheit , o Allerheiligstes , o Allerunheiligstes . Im Sandrat steht ein Kupfer , es stellt eine trinkende Psyche vor , auf der Stirn der Psyche fängt die einzige kreisende Linie an , die das ganze Bild herausbringt ; an diesem Pünktchen sucht mich , wenn Ihr Euch nach mir sehnt , da sitze ich und hab ein Hütchen auf . Du bist es , Du liebes Mädchen , die diesen Brief erhält . Du bist mein einziger Freund ; auch bin ich bald wieder bei Dir . Meine Liebe hier ist geendigt , nein , Dir geopfert , hier hast Du noch ein Lied , schreib mir nicht hierher , ich bin früher wieder bei Dir . Mein Herz sehnt sich wieder nach Deiner reinen , tiefen Seele , o Du Engel , Du bleibst mir ewig . Hier hast Du ein Lied , das ich niederschrieb , als ich Benediktchen gesehen hatte , ich hatte es eigentlich geschrieben , als ich an Dich dachte . Doch zuerst einige Worte über einliegende Zeilen von Ritter , die er mir ohne eine Zeile an mich so schickte . Ich weiß nicht , was er damit sagen will , finde sie auch sehr unver- ständlich , und Du sollst ihm also nichts drauf antworten und sie so lange für einen Wisch halten , bis etwas Gescheiteres oder nichts erscheint , und damit gut . Am Rheine schweb ich her und hin Und such den Frühling auf , So schwer mein Herz , so leicht mein Sinn , Wer wiegt sie beide auf . Die Berge drängen sich heran Und lauschen meinem Sang , Sirenen schwimmen um den Kahn , Mir folget Echoklang . O halle nicht , du Widerhall , O Berge , kehrt zurück , Gefangen liegt so eng und bang Im Herzen Liebesglück . Sirenen , tauchet in die Flut , Mich fängt nicht Lust , nicht Spiel , Aus Wassers Kühle trink ich Glut Und ringe heiß zum Ziel . O wähnend Lieben , Liebeswahn , Allmächtiger Magnet , Verstoße nicht des Sängers Kahn , Der stets nach Süden geht . O Liebesziel , so nah , so fern , Ich hole dich noch ein , Die Frommen führt der Morgenstern All zu der Liebe ein . O Kind der Lieb , erlöse mich , Gib meine Freude los , Süß Blümlein , ich erkenne dich , Du blühest mir mein Los . In Frühlingsauen sah mein Traum Dich Glockenblümlein stehn , Vom blauen Kelch zum goldnen Saum Hab ich zu viel gesehn . Du blauer Liebeskelch , in dich Sank all mein Frühling hin , Vergifte mich , umdüfte mich , Weil ich dein eigen bin . Und schließest du den Kelch mir zu , Wie Blumen abends tun , So lasse mich die letzte Ruh Zu deinen Füßen ruhn . Adieu , lieb Kind , auf Wiedersehn . Clemens Liebe Bettine ! Ich habe zu viel die ganze Zeit an Dich gedacht , und mein Gemüt saß zu gleicher Zeit zu sehr wie auf einer Schaukel , als daß ich Dir hätte schreiben können , auch hab ich täglich abreisen wollen , aber es hat sich mir Abenteuer an Abenteuer gereiht , und ich bin mit allerlei künstlichen Spinnweben umflochten worden , die ich im Anfang leicht hätte zerreißen können , aber ich sah mit künstlerischer Lust den Geweben zu und habe aus kindischer Tollkühnheit mir selbst Stricke daraus geflochten . Ich habe den Geliebten Benediktchens so liebgewonnen , daß ich den beiden Glücklichen emsig in ihrer Intrigue helfe . Beide haben sich wie Engel gegen mich betragen , Benediktchen ist eins der holdesten und genialsten Mädchen , die man wahrscheinlich nur einmal begegnet . Außerdem habe ich noch eine wunderliche Liebschaft , aus der ich gar nicht klug werde . Zwei Freundinnen hab ich auf einer einsamen Insel in einem engen Flußtal hier kennengelernt , der Vater des einen Mädchens hat auf der Insel einen Eisenhammer , das andre Mädchen ist von hier , eine Freundin Benediktchens , sie ging die Einsiedlerin besuchen , und ich begleitete sie . Hannchen heißt die Einsiedlerin und Gretchen die Freundin , sie ist klein , äußerst niedlich und fein , eines Seraphs Gestalt , aber einen ernsten Kopf mit schwarzen , tiefsinnigen Augen , an ihrem Gesichte ist nichts schöner als die ewig rege Freundlichkeit , die in einem beständigen wunderlichen Kampfe mit dem Tiefsinn von Stirn und Auge begriffen ist . Wenn man sie ansieht , ist es , wie wenn schnelle Wolkenschatten unter dem Sonnenschein her über die Felder fliehen . Sie ist streng und freundlich und gleich einem Granatbäumlein , das in unserm Klima keine Frucht trägt . Sie ist nicht glücklich , denn kaum mag man sie zu umarmen wünschen , so wünscht man auch , sie zur Freundin zu haben , weil sie zu bescheiden ist , ihr volles Herz in sehnsüchtigen Blicken zu verraten . Sie sieht einen nur mit vertraulichen Augen an , an denen die Begierde zu einem schwermütigen Ergötzen des Zweifels wird . Lieber Clemens ! Dein fliegend Blatt ist mit dem Morgenwind nicht zum Fenster herein- , sondern hinausgeflogen . Eben hatte ich meinen Sitz zum Schreiben zurechtgerückt , so macht der Wind die Tür auf , packt mein Blatt und ab mit zum Fenster hinaus , dahin , von wannen er gekommen war , was kein Mensch weiß , wo das ist , ich seh ihm nach und entdecke , daß er mit dem Blatt in den Schornstein unseres Nachbars Johann Andree sich retiriert , er konnte in den Suppennapf fallen und dem Herrn Andree aufgetischt werden ; um dem zuvorzukommen , sprang ich hinunter , fand das Blatt schon unterwegs nach dem Kanal , es schwebte über dem Wasser , nur ein Wunder konnte es retten , das war eine graue Mütze , die es auffing , die dem Arnim gehörte , der vor mir stand mit einem zweiten Brief in der Hand , den er mir von Dir mitbrachte . Aber warum hast Du auch auf so dünn Papier geschrieben , ätherischer wie die Luft selber , vielleicht weil er das Gewand Deiner Seele ist , der Widerschein Deiner selbst ! - Die beiden Freundinnen sind ein Paar Nebenfacetten Deiner verklärten Einbildung , die hundertfältig facettiert ist , sie strahlt im eignen Glanz , was schön ist zu empfinden , zu genießen , und wer sich in Dir gespiegelt sieht , der muß Dich lieben , weil er eben nicht frei ist von Eigenliebe . Man kann vor anmutigster Schelmerei , die vom Witz zur Rührung sich durchneckt , aus der hinüberspringt zur Seiltanzkunst und da solche Sprünge macht , daß einem Hören und Sehen vergeht , gar nicht dazu kommen , daß man so weit sich mit Dir einließe , Dir ein Gnadengeschenk zu machen mit irgendeinem Pfand der Zärtlichkeit . Einen Kuß zum Beispiel , wie kann man ihn Dir geben , Du hattest Dir ihn schon genommen wie einen Apfel , den man gedankenlos vom Zaun bricht , Du spielst Ball mit zum Zeitvertreib , Du haschst ihn wieder , Du wendest und drehest Dich damit vor dem geblendeten Auge der Geküßten , die nicht begreifen kann , wie dies Pfand der Zärtlichkeit bestimmt war , solche Luftsätze zu machen . Die andern , die zusehen , lassen sich hinreißen von diesem Spiel , sie sind außer sich vor Vergnügen über den göttlichen Clemens , eh sie sich ' s versehen , hast Du einen neuen Apfel abgerissen von den Zweigen des Wohlwollens , der Hinneigung und Begeistrung , der alte Apfel rollt in die Ecke und beschämt die , der Du ihn durch Deine Neckerei geraubt hattest . - Clemente , sei nicht böse über diese Charakteristik , sie ist ja nur die spanische Wand Deiner andern » Torheiten « , sagte die Günderode . Tiefe Weisheit sagte ich , wahre , tiefe Liebe sagte ich , Heiligtum der reinsten , edelsten Freundschaft . Und der Clemens kann in seiner Treue nicht verglichen werden ; er faßt die Seele , er legt sich warm wie ein brütender Vogel über sie und schützt sie und streitet für sie und harret geduldig über ihr mit großer Sorge und Vorsicht , aber dann kriecht öfter auch ein Gänschen aus dem Ei , aus dem er einen Schwan auszubrüten hoffte , und das ärgert ihn dann sehr . Soweit ich und die Günderode über Dich ; nur noch eins wollte ich behaupten , daß sie nämlich gewiß auch einen Apfel misse an den herabsenkenden Zweigen ihrer adeligen Seelengüte ! - Clemens , wenn Du den geraubt hättest auch zum Spiel nur und hättest ihn nicht bewahrt als ein Geschenk der Göttin Fortuna , so prophezei ich Dir Schlimmes . - Du weißt , wer ein solches Pfand vernachlässigt , an das diese eigensinnige Göttin oft das Heil ganzer Geschlechter knüpfte , der muß dann einen bösen Dornenpfad wandern , von dessen stacheligen Zweigen er keine süßen Feigen sammeln kann . - Ich fragte die Günderode über dies Pfand und ob sie glaube , daß es in Deiner Seele Gedächtnis gut und edel verwahrt sei - sie ward ein bißchen nachsinnend darüber - dann lächelte sie und zog mich auf ihren Schoß und küßte mich zärtlich ! - Ich weiß , daß die Günderode Dir gütig gesinnt ist , sie ist die beste und edelste von uns dreien . Aber natürlich , wenn Du auf dem Tanzplatz herumgaukelst all Deiner seltsamlich verphantasierten Scheingöttinnen , da kann die echte sich nicht herablassen , eine von Dir gewählte Rolle zu übernehmen . - Ach , ich vergesse ganz , Dir noch viel zu erzählen . Der Arnim kam zu uns ins Stift und fragte , ob man bei dem herrlichen Abend nicht wolle hinaus nach der grünen Burg , so wanderten wir bei Abendschein die stillen Feldwege , ich lief immer voraus , wendete um und sah die beiden vom untergehenden Tag mit einem Nimbus umfangen , schreiten , mehr schweben - optische Wirkung des Lichtes , das seinen Sonnenharnisch abgelegt hatte ! - Das Licht , wenn es nicht thront , ist mild , einfach , bescheiden , kindlich und wohl gar wie ein Kind zum Spielen geneigt . - So auch der Weltherrscher , im Sonnenfeuer seiner Macht durchglüht er alles mit Geistesfeuer , ihm muß werden , was seines Willens ist ; aber wenn er sich entkleidet dieser Gewalt , ist er wie ein Kind ! - Der Arnim sieht doch königlich aus ! - die Günderode auch ; der Arnim ist nicht in der Welt zum zweitenmal , die Günderode auch nicht . Die beiden gehen da nebeneinander an diesem schönen , heitern Abend ! Aber dort kommt ein Gewitter ! Die Winde kehren vor uns den Weg , wir müssen eilen ! Wir fangen an zu traben , wir wollen eben in Galopp uns setzen , ergießt das schwarze Gewölk sich über uns , unten blitzt es , die Donner schlagen ihre Wirbel . Wir erreichen einen dichtlaubigen Kastanienbaum , die Regenflut läuft an seinen breiten hängenden Ästen hinab , dicht am Stamm ist ' s trocken . Der Arnim breitet seinen grünen Mantel um uns , die Günderode hat mit dem Kragen den Kopf geschützt , ich konnte es aber nicht drunter aushalten , ich mußte sehen , was am Himmel passiert . Da zogen die Regenschichten nacheinander vorüber , es war ein Gewühl . Ganz so stell ich mir das Wetter vor unter der Erde , wenn da ein Postament von Wolken wär , auf dem sie thronte . - Kurz , es war entweder das unterste Naturgestell , was mit dem Gewand ihrer Farben und Schönheitsschmelz verdeckt ist , und sie hatte dies ein bißchen zu hoch geschürzt , oder es war die Kehrseite der Kulissen , hinter die man wirft , was nicht soll an Tag kommen . Aber Nacht und Dunkel kommt ja auch an den Tag ; um so heller der leuchtet , um so dunkler sie uns droht . - Ein Weilchen gefiel mir dies böse Abenteuer . Arnims wunderschöne Jugendnähe elektrisierte mich , ich opponierte dem Gewitter mit allerlei vom Zaun gebrochner Philosophie , die nicht Hand und Füße hatte und nasse Flügel , die ließ sie hängen . - Wir gingen weiter , jetzt , wo der Wind die Wolken ins Gebet nahm , rissen sie aus . Die Günderode wurde ins Bett gesteckt , wir sollten die Nacht dableiben . Wer war froher wie ich . Eine schöne Sommernacht unter einem Dach mit dem Arnim , mit Günderödchen durchplaudert , - doch haben wir uns gezankt . Wir stiegen die Leiter der Begeistrung hinan in unserm Nachtgespräch , eins überhüpfte das andere , oben zankten wir einander , daß wir nicht in ihn verliebt seien , dann zankten wir einander , daß wir kein Vertrauen hätten , und wollten ' s nicht gestehen , daß wir ihn doch liebten , dann rechtfertigten wir uns , daß wir es nicht täten , weil jede geglaubt hatte , daß die andre ihn liebe , dann versöhnten wir uns , dann wollten wir großmütig einander ihn abtreten , dann zankten wir wieder , daß jede aus Großmut so eigensinnig war , ihn nicht haben zu wollen . Es schien ernst zu werden , denn ich sprang auf und wollte mein Bett von dem ihrigen wegrücken aus lauter Zorn , daß sie den Arnim nicht wollte . Auf einmal hören wir husten und sich tief räuspern . Ach , der Arnim war durch eine dünne Wand nur von uns geschieden , er konnte deutlich alles vernehmen , er mußte es gehört haben , ich sprang ins Bett und deckte mich bis über die Ohren zu . Uns klopfte das Herz wohl eine halbe Stunde , keins muckste mehr die ganze Nacht . - Am andern Morgen früh um sechs Uhr sah ich zum Fenster hinaus den Arnim schon unter den Linden spazierengehen . Jetzt wollten wir doch probieren , ob er uns gehört könne haben . Ich ging ins Nebenzimmer , die Günderode sprach ungefähr dasselbe und ebenso laut wie am Abend . Ich legte mein Ohr an die Wand und hörte teilweis ' , aber nicht alles ; als ich aber sah , daß sein Bett gerade an der Tür stand und daß das Schlüsselloch mit dem Kopfkissen auf gleicher Höhe stand , und daß man da alles deutlich hören konnte - wie zwei marode Schiffer , die eben gescheitert sind an der Sandbank , die sie solange ängstlich umschifft hatten , guckten wir uns an . Wir mußten zum Frühstück ! - Wir setzten uns mit dem Rücken gegen die Tür , um ihn nicht gleich sehen zu müssen , was half der eine Augenblick , wir mußten ihm ja doch die Sträußchen abnehmen , die er eben aus dem Feld mitbrachte , Vergißmeinnicht ! - Ach , nun war ' s gewiß , daß er ' s gehört hatte . Ach , Clemente , es war recht wunderlich ! - Das war gewiß so ein Gefühl , was man Verlegenheit nennt ! - Ich nahm die Gitarre von Gunda und sang » Das schmerzt mich sehr , das kränket mich , daß ich nicht genug kann lieben Dich « . - Der Arnim gab mir seinen Handschuh und bat , den zerrißnen Daumen zu flicken . - Ich hab ' s getan , Clemente . Ach , aller Anfang ist schwer , der Handschuh duftete so fein , so vornehm . - Ein grauer Handschuh von Gemsleder , ich habe ihn mit Hexenstichen benäht , er zog ihn gleich an , den linken Handschuh aber ließ er liegen und promenierte mit seinem Stock neben uns . Ich warf seinen vergeßnen Handschuh unter den Tisch , ich dachte , da mag er liegen , wenn er ihn zurückläßt , dann heb ich ihn zum Andenken auf ; denn er geht ja morgen fort . » Wird nicht wiederkommen , wird nicht wiederkommen , das tut mir weh « - ich hab ihm dieses alte Volkslied vorgesungen , es hat ihm sehr gefallen . - Der Arnim ist fort ! - er hat den Handschuh zurückgelassen . Gestern nahm er Abschied , und gestern leuchteten noch die Sterne uns beim Heimgehen , er suchte einen Stern aus , den wir alle drei wollten sehen , wenn wir aus der Ferne aneinander dächten . Ach Gott , ich hab den Stern vergessen , er hat ' s so deutlich expliziert , und nun kaum war er fort , wußt ich ' s nicht mehr , ich fragte die Günderode , denn die ist sternkundig , aber die neckt mich und nimmt dies als einen Beweis , daß ich gewiß in ihn verliebt sei ! Es ist aber doch nur , weil mir ' s so leid tut , daß er vielleicht treu und redlich seinen mit uns ausgemachten Stern ansieht , in der Meinung , wir guckten auch , und nun gucken wir beide wie die Hahlgänse daneben . « - Lieber Clemens , gestern nahm Arnim Abschied , und gestern schrieb ich dies nieder , und heut bin ich wieder ruhig über die Sternengeschichte , denn mein Gewissen würde mich dann ewig geplagt haben , ob ich auch zu rechter Zeit nach dem Stern sehe . Ich würde am End jeden Tag eine ganze Stunde meinen Kopf haben in die Höhe halten müssen , es wär eine Pein gewesen , um gleich des Kuckucks zu werden . Ich wollt , Du wärst bei mir , ich hab Dich doch ganz allein lieb , und so lieb wie mich hast Du niemand anders . - Wenn Du auch noch so sehr meinst , Du müssest über Deine Liebschaften verzweifeln , weil immer keine Gegenliebe dabei herauskommt . Es ist einmal so , die Menschen machen sich nichts aus uns beiden , und wenn wir ihnen ebenso vorkommen , wie sie mir alle zusammen vorkommen , dann ist ' s ihnen nicht zu verdenken ; denn so albern sind sie wohl , daß sie uns ebenso absurd finden , als wir gescheit sind , sie närrisch zu finden . Aber vom Arnim tut mir nichts leid , als daß ich so kalt Abschied von ihm genommen hab , ich fragte ihn lachend , ob es ihn dann gar nicht rühre , daß er nun weggehe , und es war mir doch gar nicht so ums Herz . Ich hätte viel lieber Abschied von ihm genommen wie von Dir , nicht wie von einem Fremden , der mich gar nichts angeht . Jetzt freut mich ' s , daß ich so aufrichtig gegen Dich sein kann , und wenn Du an Arnim schreibst , so sage ihm , daß ich ihn noch recht liebhabe , aber nicht so deutlich sage es ihm wie hier in diesem Brief . Ich würde Dir eher geschrieben haben , aber ich bekam erst viel später Deinen Brief von Christian , der auf der grünen Burg den ganzen Tag im Gras liegt und Flöte bläst , und die Leute sagen , die ganze Gegend wär wie verzaubert von diesen Flöten-Variationen » Mich fliehen alle Freuden , « und wenn er aufhört zu blasen , so spitzen sie die Ohren , als ob sie was hörten , das ist die schweigende Stille , die sie hören , das ist ihnen ein so längst entwöhnter Ton , eben weil die Flöte weder bei Tag noch Nacht von seinen Lippen kommt . Clemens , komm bald , komm ja recht bald , an Benediktchen einen Gruß , und sie soll Dich gehen lassen . - Komm , ich hab Dir viel zu sagen . Bettine Liebe Bettine ! Während ich Deinen Brief las , donnerte und blitzte es rings im Tale , nun ist es ruhig , aber ich kann Dir nicht heute ruhig antworten , es ist keine Zeit , wahrlich , Dein Brief selbst läßt mir keine Zeit , ich gehe jetzt in den Garten , da will ich an Dich denken und Deinen Brief dem Sonnenschein , der durch die Gewitterwolken bricht , vorlesen , der wird Dich in Offenbach freundlich dafür ansehen und Dir danken , daß Du an ihn geschrieben hast . Drum , er konnte auch nicht umhin , er muß Dir gleich recht warm glühende Antwort geben . Ein freundlicher Kerkermeister , dem es jammert , daß er den Gefangnen im Kerker muß schmachten lassen , wie vergnügt bringt er die Botschaft der Befreiung , und wie eilig und wie sanft löst er die Fesseln ; so war ' s mit Deinem Brief , er kam mit dem Schlüssel in Händen , ich fühlte vom erleichterten Herzen die Fesseln niederfallen eine nach der andern , und die Sonne schien mir ins Herz , da war ' s auf einmal anders ; ich dachte , wie bin ich doch betrunknen Sinnen hingegeben gewesen . - Ja , es ist alles schön , was ich erlebte , und die Liebe und Güte dieser Menschen gegen mich ist wirklich lieb und edel , aber schöner ist doch nichts als frei sein und ungefesselt lieben , wie ich meine Schwester liebe , und dann fühlte ich , daß nichts mich so beglücken kann als die spielende Heiterkeit in Dir , die doch aus innigster , warmer Lebensquelle strömt , lieb Kind ! - Tanz ist doch edel ! - ja gewiß mit die reinste , die erhabenste der Künste ! - Denn jede Kunst hat im Geist ihre Apotheose , und Deine heitere Lebensansicht , Deine Gefühle sind tanzende Wendungen nach der lieblichsten Melodie . - Diesmal im Brief spielen Deine Gefühle auf der Schalmei und begleitet der Witz mit dem Triangel dazu . - Meine Gitarre wünsche ich mehr als je hierher , ich möchte sie mit nach Düsseldorf nehmen ; wenn Du sie könntest lassen in eine Decke einpacken , wäre gut . Hast Du dem Ritter geschrieben ? - Schreib ihm doch , er ist einer , der besser ist wie die Albernen , die uns für absurd halten , schreib ihm , lieb Kind ! - wie Du ans Weltall schreiben würdest , wenn Du auf einem vertrauten Fuß mit ihm wärst . Denn er ist im Begriff , die Schöpfung auszusprechen . So wie der Urgeist sie im Moment der Erfindung aussprach , was ein und dasselbe ist dem Erfinden , so geht sie in geläuterten gehöheten , geistigen Begriffen durch ihn durch , als ob sie bloß geschaffen , um auch einem so erhabnen Streben des Geistes durch ihren Begriff zu lohnen . - Lies doch wieder in den guten Büchern , die Du hast , lieber Engel - und werde immer ruhiger und bemühe Dich , einzelne Dir merkwürdige Lebenspunkte aufzusetzen , und schenke mir dann und wann so was ! - Dem Arnim will ich schreiben , daß Du ihn liebhast , er erwartet sich ' s aber auch nicht anders , denn er hat Dich gewiß ebenso lieb ; - und vom Günderödchen war ' s ebenso recht , daß es ihm nicht den Vorzug gab . Denn es will gewiß gleich teilen zwischen mir und ihm , und wir vier gehören ja alle einander an . An Bettine Düsseldorf Warum schreiben wir uns nicht ? - Ich gehe in jeder Stunde mit Dir um , Dein Bild steht immer hinter meinem Tintenfaß , und ich sehe Dich immer an . Wenn ich Dein Bild aufgestellt habe , so bin ich honett , gut , einfach und stolz . - Ich gehe hier mit vielen Leuten um , die schlechter sind als ich und Du , man muß auch das lernen . Was mich hier fesselt , ist die Galerie und das artige Theater , dann der geschickte Musikdirektor , dem ich eine Oper dichten will , und der mir dafür Unterricht in der Komposition geben wird . Eine kleine Oper habe ich schon fertig für Neujahr , wo sie aufgeführt werden soll in Mannheim , er arbeitet noch daran . Hast Du Savigny in Frankfurt gesehen ? Wie war er ? - Wie lebst Du ,