wo es etwas zu thun galt . Und was soll jetzt werden ? fragte er den Sohn . Clara weiß es bereits , antwortete Eduard . Ich hatte ihr geschrieben , um Abschied von ihr zu nehmen . Ich war entschlossen fortzugehen , um ihr und mir die Trennung zu erleichtern . Ich wollte mich in der freien Größe der Natur verlieren , weil ich mir einen Augenblick vorspiegelte , ich würde irgendwo die Bande nicht fühlen , die mich an Clara binden ; die Ketten vergessen , unter denen die Juden seufzen . Der erste Schmerz ist trügerisch in jedem Sinne . - Dann kam Clara ' s Antwort ! - Er seufzte , und blieb eine Weile schweigend in seine Gedanken vertieft , darauf fuhr er fort : Sie will nicht , daß wir scheiden ; ihr sanftes Herz vermag es zu entsagen , sie hofft , in die Schranken ruhiger Neigung zurückzukehren , glücklich dabei sein zu können . Ich soll sie wiedersehen , bald , in wenig Tagen - und soll schweigen - wie ist das möglich ? Möglich , mein Sohn ! sagte der Vater , muß es sein , weil Clara es so will ; und das Einzige , was Du thun kannst , ist , Dich unbedingt in jeden Vorschlag zu fügen , den sie Dir macht , und von dem sie sich Beruhigung verspricht . Du fragtest mich neulich , Vater ! als wir über diesen Gegenstand sprachen : wohin soll das führen ? Ich gebe Dir heute die Frage zurück . Wohin soll die Pein führen , uns zu sehen und zu schweigen von Dem , was jeder Blick , jeder Gedanke uns dennoch verräth ? Zu einer nothwendigen Trennung , wenn Ihr nach Monden eingesehen haben werdet , daß der Instinkt der Jugend sich gegen jeden hoffnungslosen Zustand sträubt . Denn lösen , Eduard , mußt Du jetzt ein Band , das Clara an Dich bindet , ohne ihr die mindeste Aussicht auf Glück zu geben . Und mit diesem Bewußtsein soll ich sie sehen ? rief Eduard . Ich soll sie sehen und daran denken , sie zu lassen ? Sprich nicht von Dir , sagte der Vater ruhig , Du bist ein Mann ! Aber Clara ! was soll aus Clara werden ? fragte Eduard im Tone des tiefsten Schmerzes . William ' s Frau , wenn es irgend mit ihrer Neigung zu vermitteln ist , antwortete mit festem Ernst der Vater , und fuhr , ohne auf Eduard ' s Widerstreben bei dem Ausspruch zu achten , in seiner gewohnten Weise also fort : Der herbe Kelch , den uns das Leben bisweilen zu kredenzen liebt , muß ganz und schnell geleert werden , wenn wir uns das Leben nicht schwerer machen wollen , als es leider oftmals ist . Darum stehe ich keinen Augenblick an , Dir zu sagen , Clara ist für Dich verloren , sie fühlt sich in diesem Augenblick so unglücklich wie Du - vielleicht noch mehr - aber damit ist Euer Leben nicht beendet . Denn gerade dieses Mädchen vermag es , ihr Glück in Andern zu finden . Wenn sie William ' s Hand ausschlägt , zerfällt sie mehr und mehr mit ihrer Mutter . Die Deine kann sie niemals werden ; soll sie unaufhörlich den Vorwürfen einer herrschsüchtigen Mutter ausgesetzt bleiben , damit Dir der Schmerz erspart werde , sie mit einem andern Mann glücklich zu sehen ? Kann sie so schnell vergessen ? sprach Eduard im Tone des Zweifels , und schon bei dem bloßen Gedanken an die Möglichkeit erbangend : Kann sie das auch nur wollen ? Das hoffe ich , mein Sohn ! Nur Thoren verlangen Etwas , dessen Unmöglichkeit sie eingesehen haben . William ist brav und liebt seine Cousine , Clara hätte ohne Dein Dazwischentreten diese Liebe gewiß erwidert , und ich wünsche um ihretwillen lebhaft , daß sie noch jetzt , wenn auch mit Ueberwindung , sich zu dieser Ehe entschließt , in der ich allein Glück und Ruhe für sie erblicke , wenn Du sie und William , die Dir Beide als einem Freunde vertrauen , auf den rechten Standpunkt leitest . Nimmermehr ! rief Eduard . Es ist genug , daß ich sie verliere . Kannst Du glauben , daß ich , ich selbst sie in die Arme eines Andern führen werde ? Ich erwarte das von Dir , wie ich Dich kenne ! antwortete Herr Meier . Eduard konnte sich gegen die Wahrheit in den Worten seines Vaters nicht verblenden , so gern er es auch wollte . Er erkannte die edle strenge Gerechtigkeit des Greises , aber sein Gefühl empörte sich noch dagegen , als gegen eine Sünde an Clara selbst . Indeß der Vater ließ sich nicht erweichen . Er wollte gleich in dieser Stunde in seinem Sohne jeden möglichen Selbstbetrug ertödten . Er glaubte am sichersten jenem langwierigen , unbestimmten Hinsiechen der Seele vorzubeugen , wenn er die Wunde rasch nach allen Seiten hin untersuchte , sie tüchtig ausbluten ließ , und dann die Heilung der Zeit , und besonders dem Bedürfniß nach Glück überließ , das uns unbewußt antreibt , zu genesen , wenn ein geistiges Leid uns niedergeworfen hat . Denn wir sind zum Glück geschaffen , wir streben darnach , und erlangen es am sichersten , wenn wir uns durch keine falschen Hoffnungen täuschen lassen . Eine Weile saßen Vater und Sohn noch bei einander , dann schieden sie mit einem Händedruck und Eduard ging davon , um am Bette der Kranken Trost zu bringen , er , der dessen selbst noch so nöthig bedurfte . Also Adieu princesse ? Adieu plaisir ? sagte Steinheim zu Jenny , die auf dem Balkon unter Erlau ' s Anleitung spielend die Gegend aufnahm , welche vor ihren Augen lag . Sie wollte das Bildchen Reinhard schenken , ehe sie morgen auf das Gut hinausfuhren . Adieu gewiß , für ein paar Tage , antwortete sie , doch hoffe ich , an Vergnügen soll es uns nicht fehlen ; es sei denn , daß Ihnen , die Stunde Wegs nach Berghoff zu weit und zu anstrengend wäre . Sagen Sie dem Hypochondristen das noch einmal , Fräulein , meinte Erlau , so glaubt er es und bleibt zu Hause ; natürlich unter jämmerlichen Klagen über seine schwache Gesundheit und über den Undank seiner Freunde , die sich Landgüter kaufen , ohne auf die Entfernung von seinem Hause und auf seine Rheumatismen Rücksicht zu nehmen . Der Wunden lacht , wer Narben nie gefühlt , rief Steinheim . Wenn solch ein Springinsfeld , wie Erlau , der mit jedem Hasen um die Wette laufen könnte , doch nicht über die Empfindungen vernünftiger Leute spotten wollte , welche , ohne deshalb schwerfällig und alt zu sein , sich dennoch bei warmem Wetter ihres Körpers als einer Zugabe bewußt werden , die sie am Laufen und Fliegen verhindert . Jenny und Erlau lachten , und man rief Therese herbei , um sie an der Unterhaltung Theil nehmen zu lassen . Sie trat hinter Jenny ' s Stuhl und bewunderte die raschen Fortschritte , welche deren Arbeit seit einer Stunde gemacht hatte . Du solltest Dir , sagte sie , so lange Du noch zu Hause bist , allmälig alle Deine Lieblingspunkte zeichnen , um sie Dir zum Andenken mitzunehmen , wenn Ihr einst fortgehen werdet . Der Gedanke ist des Monarchen werth , Fräulein Therese ! fiel Steinheim ein . Und schöne Gegenden werden Ihrem Auge erquickend sein , sprach Erlau , wenn Reinhard darauf besteht , Sie in jene Einöde zu führen , in der die Heerde weidet , die er hüten soll . Ich sehe Sie schon , Fräulein , mit einem Schäfer- oder Krummstabe - ich weiß nicht , was Pfarrerinnen in Arkadien führen , - durch die sandigen Fluren wallen . Ich höre Sie , Reinhard zu Liebe , über jedes Haidekraut , das der Boden hervorbringt , in Ach ! und Oh ! zerfließen und Gott danken dafür , daß er diesen Sand aus seiner großen Barmherzigkeit erschaffen , damit er uns in die Augen fliege , wenn ein warmer Lufthauch sich je einmal in solch eine Gegend verirrt . Lassen Sie das Reinhard ja nicht hören , warnte Jenny , er würde es übel deuten ! Du solltest es auch nicht leiden , liebe Jenny , meinte Therese , da Du weißt , wie unangenehm diese Scherze Deinem Bräutigam sind , der mit so viel Liebe an seinen künftigen Aufenthaltsort denkt . Ich wollte , sie ginge nach dem entzückenden Orte und ließe uns Jenny hier ! sagte Erlau leise zu Steinheim , und : Wer weiß , wie gern sie das thäte ! antwortete dieser ebenfalls leise , während Therese versicherte , für sie würde ein ganz eigner Reiz darin liegen , einem Manne sein einziges Glück zu sein . Je schlechter die Gegend , je weniger lockend die äußern Verhältnisse , um so theurer müßten ihm ja Frau und Heimath werden . Gott bewahre mich vor solchem Glück ! rief Jenny und legte den Pinsel fort ; das ist ja , um mich bei Zeiten an biblische Wendungen zu gewöhnen , der Weib gewordene Egoismus . Mein Mann sollte entbehren , damit ich geliebt würde ? Wie kann man so Etwas denken ? Weißt Du , was ich mir wünschen würde ? Reinhard müßte Herr sein über die ganze Welt und alle ihre Schätze . Alle Menschen müßten ihn anbeten , weil er eine neue schöne Zeit heraufgeführt , und dann müßte er den schönsten Lohn für seine Thaten darin finden , wenn ich Diejenige wäre , die ihn am meisten bewunderte und liebte . Die Hand , mit der ich Abends die Falten auf seiner Stirn glättete , müßte ihm noch lieber sein , als die Kronen , die er auf sein Haupt drückt - denn nebenher müßte er ein Herrscher aus eigener Machtvollkommenheit sein und nicht von Gottes Gnaden Da das aber nicht sein kann , schloß sie , und nahm den Pinsel wieder vor , ist nächst solchem Herrscher mein Reinhard mir der Liebste . Das sieht Dir ähnlich , sagte Therese , Du suchst nun einmal das Glück immer und überall in äußern Dingen und weichst darin von Reinhard ab , der nichts begehrt , als ein bescheidenes Loos und einen segensreichen Wirkungskreis . Jenny stand verdrießlich von der Arbeit auf und ging mit Erlau nach der andern Seite des Balkons , während Steinheim Therese mit ihren soliden Ansichten neckte und zuletzt die Worte hinwarf : Uebrigens glaube ich auch , daß Fräulein Jenny mit einer Hütte und einem Herzen nicht ganz so zufrieden wäre , als manche Andere . Diese Worte , die halb scherzend , halb absichtlich gesprochen waren , erreichten Jenny ' s Ohr . Sie wendete sich um , sah Therese plötzlich roth werden und sich unter einem gleichgültigen Vorwande entfernen . Auch sie erglühte einen Augenblick , warf einen langen forschenden Blick auf Therese und fuhr mit der Hand über die Stirne , als wenn sie einen Gedanken verbannen wollte , der ihr unvermuthet aufgestiegen war . Steinheim gesellte sich gleich nach Theresens Entfernung zu den beiden Andern , und machte die Bemerkung , Therese gewöhne sich schon seit einiger Zeit einen gewissen pedantischen Ton an , der sonst nur Gouvernanten eigen zu sein pflege . Sie will immer Alles besser wissen , sagte er , immer belehren , » man merkt die Absicht und man wird verstimmt . « Es ist so böse nicht gemeint , entschuldigte Jenny , sie glaubt nur , mich erziehen zu müssen , weil meine Eltern und Reinhard selbst sie mir früher oft als Beispiel aufgestellt haben . Zudem hält sie sich meinem Bräutigam für den Unterricht verpflichtet , den er uns gegeben hat , und möchte aus Dankbarkeit gegen ihn mich zu einer recht vollkommenen Frau nach seinem Sinne machen , und dazu fehlt noch viel . » Sie muß also aus Liebe quälen , « sagte Steinheim und nahm bald darauf Abschied von Jenny , die wieder zu malen angefangen hatte . Nun war sie mit Erlau ganz allein . Eine Weile arbeitete sie eifrig fort , vielleicht um ungestört über etwas nachzudenken , bis der Maler sie fragte , ob sie Neigung hätte , Theresens Rath zu befolgen und die schönsten Ansichten der Gegend zu skizziren ? Nein , antwortete sie , ich bedarf dieser sinnlichen Anhaltspunkte nicht , um mich deutlich und mit Vergnügen an Orte zu versetzen , die mir durch irgend etwas theuer sind . Es ist mir im Gegentheil oft lästig , wenn solch ein Bildchen mir eine Landschaft , die mir im schönsten Lichte fröhlicher Erinnerung vorschwebt , so dürftig und verkleinert zeigt , daß sie mir fremd und schattenhaft erscheint . Da werden Sie mich vielleicht für einen Menschen halten , der ganz und gar der Sinnenwelt gehört , wenn ich Ihnen sage , daß ich erst vor einiger Zeit das Bild einer Dame beendete , um es mir als Andenken an sie zu bewahren . Geht die Giovanolla denn schon fort von hier ? Ich hatte gehört , es sei gelungen , sie für die hiesige Bühne zu gewinnen , sagte Jenny mit Beziehung auf die Huldigung , welche der junge Maler seit Monaten der schönen Sängerin unverhohlen dargebracht . Die Giovanolla würde ich mir ebenso wenig zum Andenken malen als die mediceische Venus . Sie ist mir Studie , und vielleicht die schönste , die man findet . Solche Köpfe bewahrt unser Album , und sie gehören der Nachwelt , der wir sie überliefern . Anders ist es mit den Gestalten , die dauernd in unserer Seele leben und deren Abbild , nur von uns gesehen , auf unserm Herzen ruht , erwiderte Erlau und zog eine kleine Kapsel hervor , die er mit einem Federdruck öffnete , und in welcher Jenny ihr eigenes Bild im Costüme der Rebekka sprechend ähnlich vor sich sah . Erlau ! rief Jenny erschreckt , um Gottes willen , was soll das heißen ? Das heißt , daß ich nicht das Irrlicht , der Leichtfertige , der Unbeständige bin , für den Sie mich halten ; es beweist , daß auch ich das geistig Schöne erkennen und leidenschaftlich - er hielt inne und sagte dann mit leiserem Tone : verehren kann . Verwirrt und überrascht schwieg Jenny still und sah scheu zur Erde nieder . Dies Schweigen benutzte Erlau . Fürchten Sie nichts , Jenny ! sagte er , ich gehöre nicht zu den Thoren , die jeden schönen Stern , der in ihre Seele leuchtet , hinabziehen möchten in den Staub , um ihn sich anzueignen . Ich freue mich , daß er ist , daß er seine leuchtenden Strahlen auch in mein Auge fallen läßt , denn er ist es , der meinen Farben ihren Glanz , meinen Gebilden ihren tiefen Sinn verleiht ; und ich verlange nichts , als daß er sich nicht verdunkeln lasse durch irdische Verhältnisse , daß er nicht untergehe in der Prosa eines gewöhnlichen Lebens . Versprechen Sie mir das ? rief er mit Wärme und reichte ihr seine Hand entgegen . Mit vollster Zuversicht ! antwortete Jenny und schlug in die dargebotene Rechte . Ich verspreche Ihnen immer das Bild des Schönen in der Seele , und das Streben danach in mir rege zu erhalten . Ihrem Schaffen und Wirken , Ihnen selbst wird mein Geist willig folgen ; und in der Liebe zur Kunst bleiben wir vereint , wenn wir einst uns trennen . Und das geschieht noch heute , sagte Erlau . Dieser ganze Winter hat schwer auf mir gelegen , mein Herz hat unter seinem eisigen Scepter viel gelitten . Es hat mir weh gethan mein Herz - recht weh ! und Haß und Neid , und wie diese Dämonen sonst noch heißen mögen , die alle sind in meine sonst so fröhliche Seele gezogen . Seit ich dies theure Bild gemalt , hat kein anderes mehr gelingen wollen ; es wird immer nur das Eine , und darum , Jenny ! muß ich gehen . Wenn erst Italiens heiterer Himmel und seine schönen Menschen mich wieder umgeben , dann wird es besser werden . Und wenn ich zurückkehre , soll Niemand ahnen , wie ich geweint , als ich zum letzten Male vor Dir stand , Niemand als nur Du ! Mit diesen Worten schied er plötzlich und ließ Jenny betäubt und erschüttert zurück . Nie war es ihr eingefallen , daß Erlau einer solchen Liebe fähig , daß sie der Gegenstand derselben sein könne . Sie hatte ihn geistreich gefunden ; seine fröhliche Laune , sein unerschöpflicher Humor und besonders sein bedeutendes Talent hatten sie angezogen , und sie konnte sich nicht verhehlen , daß er ihr vor ihrer Verlobung in einer Weise begegnet sei , die ihr seine Neigung hätte verrathen können , wenn sie damals auf irgend Jemand , außer auf Reinhard geachtet hätte . Erlau ' s Liebe zu ihr betrübte sie , und doch machte es ihr Freude , von ihm um jener Eigenschaften willen geliebt zu werden , welche sie selbst in sich als eine Quelle poetischen Genusses schätzte , und die Reinhard fast unbeachtet ließ . Sie hatte mit Erlau die sprudelnde Leichtigkeit des Geistes gemein , die Scherz und Ernst auf wundersame Weise zu mischen und das Leben wie ein fröhliches Spiel zu nehmen begehrt , dessen ernste Bedeutung sie trotzdem wohl verstand . Aus dieser gewohnten Denkart hatte ihr Verhältniß zu Reinhard sie gerissen , und so sehr sie Reinhard ' s Charakter ehrte , so erschreckte sie doch oft der strenge Ernst , den er selbst auf die unbedeutendsten Verhältnisse angewendet wissen wollte . Jetzt besonders , als sie angstvoll mit den Zweifeln gerungen , die der Uebertritt zum Christenthum in ihr hervorgerufen , hatte Erlau , ihre trübe Stimmung bemerkend , mit unermüdlicher Gefälligkeit täglich auf irgend eine kleine Zerstreuung für sie gedacht . Er sah sie leiden , er bemerkte , daß seine Gesellschaft ihr willkommen sei , und ohne die Quelle ihres Kummers entdecken zu wollen , war er glücklich , ihr Alles zu gewähren , was sie zu bedürfen schien . Je ernster er sie sah , um so mehr strebte er , sie mit sich auf die heitere Höhe des Daseins zu führen , auf die ihn seine poetische Seele und die Freiheit des wahren Künstlerlebens stellten . Seine Bemühungen waren nicht ohne Wirkung auf sie geblieben , nun sollte auch dieser Trost ihr genommen werden . Es war ihr , als ob mit Erlau der Genius ihrer fröhlichen Jugend von ihr scheide . Sie hatte ihn lieb gehabt , mehr , als sie es gewußt hatte , das fühlte sie in dieser Stunde . Ihm hatte sie sich gleich gefühlt und sich nie gescheut , sich ihm in aller Excentricität zu zeigen , zu welcher der Augenblick sie gerade hingerissen hatte . Er war dem erwachsenen Mädchen ein lieber treuer Spielgefährte gewesen , und wehmüthig schlug sie die Hände zusammen und sagte : Wie wird es still sein , ohne seine Fröhlichkeit ! wie still und ernst ! Sie sah ihm lange nach , als er von dannen ging , ohne nach ihr zurückzuschauen , und sie sagte sich dann , als er ihrem Blick entschwunden war , von diesem Scheiden dürfe Niemand , auch Reinhard nichts erfahren . Es war Erlau ' s Geheimniß , nicht das ihre . Erlau besaß ihr Bild , das für Reinhard zu malen er unter immer neuen Vorwänden sich geweigert hatte . Sie hätte es ihm vielleicht nicht lassen dürfen ; aber es zu fordern , hatte sie nicht den Muth , nicht die Besonnenheit gehabt . Daneben gönnte sie es ihm , und doch kam es ihr wie eine Untreue an Reinhard vor , daß sie schwieg , besonders , weil trotz aller Einwendungen ihres Gewissens , Erlau ' s stille Liebe ihr im Herzen heimlich wohlthat . Wie schroff stach gegen dieses Mannes selbstlos verschwiegene Liebe das Betragen ihrer nächsten Freundin ab ! Schon vor langer Zeit war Jenny der Eifer unangenehm gewesen , mit dem Therese immer gegen sie Partei genommen hatte , wenn sie in den gleichgültigsten Sachen von Reinhard ' s Meinung abwich . Es fiel ihr ein , daß sie sich einmal scherzend gegen Joseph darüber beschwert und dieser erwidert hatte , er halte Therese für neidisch , und rathe überhaupt davon ab , sie ganz in die Familie aufzunehmen . Das hatte Jenny mit tausend Gründen bestritten . Sie hatte damals den Vetter darauf hingewiesen , wie gutmüthig Therese stets gewesen sei , wie anhänglich und anspruchslos ; sie hatte versichert , daß sie nie etwas Uebles von ihr glauben würde , und hatte dann lächelnd hinzugefügt : Sie ist doch gewissermaßen Reinhard und mir zu Hülfe gekommen , und hat mindestens dazu beigetragen , uns schneller in den Hafen des Brautstandes zu bringen ; dafür ertrage ich ihre kleinen Schwächen , denn lieb hat sie uns Beide , Reinhard sowohl als mich . An ihrer Liebe für Reinhard habe ich nie gezweifelt , hatte Joseph geantwortet , und so gleichgültig diese Bemerkung ihr damals erschienen war , so deutlich erinnerte sie sich jetzt der Absichtlichkeit , mit welcher er sie ausgesprochen . Tausend kleine Züge , welche sie früher nicht beachtet , fielen ihr jetzt ein , und erhoben die Vermuthung , die sich ihr heute aufgedrungen hatte , zur Gewißheit . Sie konnte sich es nicht verbergen : Therese hatte eine Neigung für Reinhard gefaßt , und mißgönnte ihr das Glück , von ihm geliebt zu werden . Sie muß fort , Therese darf nicht mit uns bleiben , das war Jenny ' s erster Gedanke . Dann dachte sie an die Reihe von Jahren , in denen sie Therese gekannt , an unzählige kleine Liebesdienste , welche sie sich gegenseitig erzeigt hatten ; sie erinnerte sich , wie Therese lange Zeit ihr einziger Umgang gewesen , und daß erst , seit sie Reinhard und Clara kannte , jene so in den Hintergrund ihres Herzens getreten sei . Theresens Gesundheit war schwankend ; Eduard , der ihr Arzt war , hatte gehofft , der Sommer auf dem Lande werde ihr gut thun , da sie im Hause seiner Eltern es nicht nöthig hatte , sich so angestrengt zu beschäftigen , als bei ihrer Mutter . Madame Meier hatte Theresens Gesellschaft gern ; sie war ihr in mancher Hinsicht bequem , und es schien nicht unwahrscheinlich , daß Therese sich gern entschließen würde , als Gesellschafterin in dem reichen Hause zu bleiben , wenn Jenny nach ihrer Hochzeit aus demselben schied . Alle diese Rücksichten stimmten Jenny milder . Sie durfte hoffen , noch im Laufe des Jahres mit Reinhard verbunden zu werden , und einige Monate , meinte sie , gingen ja leicht vorüber . Mochte Therese immerhin sie auf das Land begleiten , wenn sie ihrem Bräutigam offen die Wahrheit bekannte , konnte für Niemand Gefahr daraus entstehen . Durfte sie , ohnehin die Glücklichere , der armen Therese aus kleinlicher Eifersucht eine Zuflucht in ihrem väterlichen Hause mißgönnen , in das sie auf Jenny ' s Bitten eingetreten war ? Reinhard ' s Liebe konnte ihr ja nie geraubt werden und ihr festes Vertrauen zu derselben mußte ihm Freude machen . Trotz dieser Gedanken , welche sich nach einander in Jenny entwickelten , konnte sie einer gewissen Beklommenheit nicht Herr werden . Erlau ' s und Theresens Bilder traten störend zwischen sie und Reinhard ; und so sehr sie es sich zu verbergen strebte , sie fühlte ungeachtet ihrer guten Vorsätze einen Groll gegen Therese , wie sie ihn selbst an jenem Abend nicht empfunden hatte , an dem ihre Eifersucht Veranlassung zu ihrer Verlobung geworden war . Damals wußte Therese nicht , was Jenny für Reinhard fühlte ; jetzt war es anders ! Sie war erbittert gegen ihre Freundin . Nur die Furcht , zu zeigen , daß ihr Therese gefährlich scheine , hielt sie von Schritten gegen dieselbe zurück . Aber ihr Verlobter sollte und mußte Alles wissen , mußte heute noch erfahren , was Therese sei . Reinhard kam eben die Straße herauf . Die kleine Skizze , welche für ihn bestimmt war , hatte Jenny bei Seite gelegt , weil in dem Augenblick Erlau ' s Andenken mit dieser Arbeit so innig verwebt war , daß sie eine Scheu empfand , sie ihrem Bräutigam mit diesen Empfindungen zu schenken . Des armen Erlau ' s thränenschweres Auge hatte auf dem Blatt geruht : nun sollte ihr Verlobter sich daran erfreuen ? Unmöglich ! Als Reinhard die Thür des Treibhauses öffnete , das den Saal von dem Balkon trennte , machte Jenny schnell die Mappe auf , zerriß das Blättchen und warf die Stücke in die lebhaft bewegte Luft , die sich derselben bemächtigte und in tändelnder Eile dem Strome zuführte , welcher am Garten vorüberrauschte . Reinhard freute sich , seine Braut allein zu finden . Er theilte ihr einen Brief seiner Mutter mit , welche mit vieler Zärtlichkeit von Jenny sprach und die Zusicherung gab , bei der Taufe Jenny ' s nicht zu fehlen , die , um jedes Aufsehen zu vermeiden , auf dem Landsitz vollzogen werden sollte , sobald man sich dort wieder heimisch gemacht haben würde . Nach dieser Ceremonie mußte Reinhard verreisen , um mit seinem alten Onkel persönlich die Bedingungen wegen der Uebergabe seiner Stelle an ihn zu verabreden ; und das ist , sagte Reinhard , dann endlich die letzte Schwierigkeit , die wir zu beseitigen haben , um an das Ziel zu gelangen . Nun steht uns voraussichtlich kein Hinderniß mehr entgegen . Wer weiß ? meinte Jenny . Wie ? wenn ich nun plötzlich eifersüchtig würde und Dich nicht reisen ließe ? Jenny ! könntest Du so süßer Thorheit fähig sein ? antwortete Reinhard , ich fände Dich mit einer solchen nur noch liebenswürdiger , als je zuvor ! Dann würdest Du es fühlen , wie sehnsüchtig ich danach verlange , Dich bald mein Eigenthum zu wissen , wie unglücklich mich die Galanterien , die Aufmerksamkeiten all der Männer machen , die Dich hier umschwärmen , und die , das fühle ich , mehr oder weniger ein wirkliches Interesse daran haben , Dir zu gefallen , Deine Gunst zu erwerben . Das quält Dich , lieber Gustav ? fragte Jenny . Was würdest Du denn beginnen , wenn nun Jemand , außer Dir , auf den närrischen Einfall käme , sich in mich alles Ernstes zu verlieben ? Wer wagt das ? rief Reinhard , denn ich kenne Dich , Du scherzest nicht mit solchen Dingen ; Du verbirgst mir etwas . Sage mir , was ist es ? Treibe kein Spiel mit mir , für das ich keinen Sinn habe und das mich peinigt . Jenny machte sich von Gustav ' s Arm , der sie umschlungen hatte , los und sagte , Steinheim ' s Manier nachäffend : Und erst gespießt und dann gehangen ! So würdest Du doch über jeden Mann urtheilen , Du Grausamer , der so unglücklich wäre , Deine Neigung für mich begreiflich zu finden , während ich in nächster Nähe ein Wesen dulde , das - nun das vielleicht auch recht gern Frau Pfarrerin Reinhard würde ; und ich bin so großmüthig , Dir das zu erzählen und ihr zu vergeben . Wovon sprichst Du denn eigentlich ? fragte Reinhard dringender ; Du weißt , daß ich nicht geschickt zu solchen Scherzen bin , und es ist etwas in Deinem Auge , in Deiner ganzen Art , was mich Ernst in diesen Neckereien vermuthen läßt , darum sage mir , was hat sich denn ereignet ? Ereignet ? wiederholte Jenny , und setzte sich wieder zu ihm nieder , ereignet hat sich eigentlich nichts ; ich habe aber eine Entdeckung gemacht , die ich Dir vielleicht verhehlen würde , wärest Du nicht eben von Eitelkeit so fern , als ich von Eifersucht . Therese liebt Dich , des bin ich gewiß . Unmöglich ! rief der junge Mann . Das finde ich nicht , antwortete Jenny , ich finde es im Gegentheil gar sehr natürlich und , wie ich aus Erfahrung weiß , sehr zu entschuldigen . Aber denke nicht daran , laß es uns Beide vergessen , und - ich glaube , nun ich es Dir gesagt habe , ich hätte es vielleicht nicht thun sollen , denn ..... Liebstes Herz , unterbrach Reinhard sie fröhlich , also doch ! Du kannst auch eifersüchtig sein ? So lieb hast Du mich ? Wie soll ich nur Therese danken , daß sie mir zum zweiten Male solch unverhoffte Freude bereitet ! Ich wollte wirklich , ich könnte ihr vergelten , denn das habe ich oft gemerkt , sie ist in ihrer verständigen überlegten Art mein bester Anwalt bei Dir . Sie hat Dich manchmal in so freundlicher Weise auf das Gute aufmerksam gemacht , das unsere künftige Stellung mit sich bringen wird , daß ich ihr von Herzen ein ähnliches Glück wünsche . Und sie hat ja in der That allen Anspruch , den Männern zu gefallen ! Findest Du ? ich finde das durchaus nicht , wendete Jenny ein . Therese ist freilich auch noch jung , aber sie hat für mich ein gewisses Etwas , nenne es Pedanterie oder wie Du sonst willst , das mir mißfällt . Sie ist so altjüngferlich , so überlegt . Alles ist Absicht bei ihr und ich begreife im Gegentheil gar wohl , weshalb sie den Männern selten nur gefällt . Reinhard zog Jenny an seine Brust und sagte lachend : Siehst Du , und ich begreife wieder , weshalb Männer , wie Steinheim , Erlau und die Andern , den Frauen gar nicht gefallen sollten . Aber Du hättest mir heute beim Abschied von der