. « » Sehen Sie , Ihr Freund fühlt sich glücklich ! das spricht für meine Ansicht . Wie heißt er denn ? kennt man ihn als Dichter ? « fragte Mario neugierig . » Man kennt ihn wol .... freilich nicht als Dichter , sondern - « » Nun ? sondern ? Sie sagten ja eben - « » Sondern als Dichterin . « » Also eine Frau ? « sagte Mengen gedehnt . » Ja , zum Unglück nur eine Frau , die Ihre Ansicht theilt , « sagte Faustine neckend . » Und warum nannten Sie diese Frau Ihren Freund ? « » Weil für mich das Genie geschlechtslos ist . Mag ein Fledermäuschen oder ein Titane schaffen - sein Genie ist mein Freund . « » Und trauen Sie mir nicht dieselbe Unbefangenheit zu ? « Faustine lachte herzlich . » Excellent ! haben Sie mir je Anlaß zu diesem Vertrauen gegeben ? Sie halten die Frau nicht der Begeisterung fähig und nicht der Leidenschaft : ist es möglich , ohne dieses zweischneidige Schwert sich Bahn zu brechen auf dem Pfade der Kunst ? Nein ! - Sie glauben gar nicht , daß das Genie mit einer Frau Mißheirath schließen , sich gleichsam an sie verplempern könnte . Es braucht eine Hülle sechs Fuß lang , tiefe Baßstimme , Collier grec , - darin hat es Raum . Ein Genie , ihr wunderlichen Herren , muß genau so aussehen wie ihr selbst ! Trüg ' es ein Musselinkleidchen , und das Haar aufgeflochten , ihr würdet ihm für euer Leben gern einen stattlichen schwarzen Bart malen , damit es doch ein klein wenig für seine Würde befähigt wäre ! - Nein , guter Mengen , wenn Ihnen das Genie eine Hand reicht , die halb so schmal ist als die Ihre , so machen Sie sicher nicht Ihren Freund daraus ! « » Möglich ! weil ich , wie gesagt , diese Leute am liebsten in gehöriger Entfernung beobachte und bewundere . In der Nähe findet man schwer den richtigen Gesichtspunkt , von wo sie betrachtet und beurtheilt sein wollen . Das macht und giebt Verwirrung . Ich liebe die Klarheit . « » Dann lassen Sie uns in den großen Garten gehen : da ist jetzt Alles von einer gespenstischen Klarheit . Der Himmel so blau , die Erde so weiß , das Eis so hell , die Bäume so nackt - o diese Klarheit , wie ist sie kalt ! « Sie schüttelte sich vor Graus und ging sich zum Spaziergang und zur Eisfahrt anzukleiden . Mengen sah ihr nach . Es war ihm , als ziehe ein Glanzstreif hinter ihren Schritten , wie Nachts im Mondschein auf dem Wasser hinter dem Schwan . Ich liebe die Klarheit , wiederholte er halblaut und setzte sich in tiefen Gedanken aufs Sopha . Was hält mich ab , bei ihr dahin zu gelangen ? Eine einzige Frage und Alles ist entschieden ! ... aber sie lacht mich aus , sprach sie gestern , wenn ich die Frage thue . Die Sonne ist auch nicht klar , doch licht , himmlisch licht , wie sie . - - Faustine war längst wieder eingetreten und in der Thür stehen geblieben , als sie seine sinnende Stellung wahrnahm . Er bemerkte sie nicht eher , bis sie fast schüchtern seinen Namen aussprach . Dann fügte sie hinzu : » Ich unterbreche ungern Jemand in seinen Gedanken , weil ich nicht weiß , aus welchem Eden ich ihn heimrufe . « » Fürchten Sie nichts ! Sie bringen es « - sagte Mario mit tiefer Innigkeit , sehr verschieden von dem scherzenden Ton , mit welchem er sonst wol ein huldigendes Wort zu sagen pflegte . Und so blieb er auch in den Stunden , die er mit ihr verbrachte . Beim Scheiden rief er : » Und nun vergehen fast vierundzwanzig Stunden , bis ich Sie wiedersehe ? « » Warum ? kommen Sie heut Abend zu Frau von Eilau - da werd ' ich sein . « » Ich kann nicht - ich habe nothwendig - « » So jammern Sie nicht ! « rief Faustine ungeduldig . » Ich werde kommen , « sagte Mario froh , denn er sah wol , daß seine Weigerung , nicht seine Klage sie verdroß , und Faustine lächelte eben so froh als er . Am Abend jedoch verging eine Viertelstunde nach der andern und Mario kam nicht zu Frau von Eilau . Anfangs war Faustine unmuthig , dann unruhig , endlich geängstigt . Zuerst schob sie dies unbebegreifliche Ausbleiben den Geschäften zu , darauf unvorhergesehenen Störungen , zuletzt irgend einem Unglücksfall . Sie dachte an Clemens , ob der sich nicht zu weiß Gott welcher Thorheit Mario gegenüber habe hinreißen lassen . Schauerliche Möglichkeiten tauchten vor ihr auf und umflorten ihren Blick . Sie sank im Sopha , und ihr Kopf auf die Lehne zurück . Seit einer Stunde wurde Musik gemacht , und zwar so gute , daß Niemand daran dachte , Conversation zu machen , welche durch mittelmäßige hervorgelockt wird , wie die Maus aus ihrem Versteck . So blieb Faustine ungestört und kaum beachtet . Aber die Musik schwirrte wie Mückengesumm in ihr Ohr . Sie war auf dem Punkte , die Gesellschaft zu verlassen , um wenigstens der Qual des Wartens in ihrem einsamen Zimmer überhoben zu sein . Da , ganz leise , um nicht zu stören , ging die Thür auf . Es war Mengen ; Faustine hatte aber schon so oft umsonst nach dieser Thür geschaut , daß sie entmuthigt nicht mehr die Augen aufschlagen mochte , und so saß sie ihm gegenüber , ganz blaß , die Wimpern so tief gesenkt , als wären sie geschlossen , um den Mund mühsam verhaltene Trauer - er konnte nicht anders als glauben , ein großer Unfall habe sie betroffen , und um ihr ein Zeichen zu geben , daß eine Freundesseele gegenwärtig , fiel ihm nichts Anderes ein , um die Störung unbekümmert , als seinen Stock fallen zu lassen . Alle Blicke kehrten sich vorwurfsvoll gegen ihn , doch er beachtete sie nicht , denn die seinen waren auf Faustine gerichtet , und sie sah jetzt auf , sah und erkannte ihn , und augenblicklich war sie verwandelt , strahlend , heiter , glücklich . Mengen verging vor Ungeduld über den Virtuosen . Mit dessen Schlußakkord stand er neben Faustine und fragte : » Was war denn das - vorhin ? « » Ich fürchtete , Sie würden nicht kommen . Da langweilte ich mich . « » Sonst nichts ist Ihnen geschehen ? « » Ists nicht genug , anderthalb oder zwei Stunden zu warten ? und gar für mich , die ich nie Jemand warten lasse ? Ich mag über keinen Menschen diese Folter verhängen . « » Wir hatten keine Stunde verabredet ! konnte ich ahnen ? - « » O nein , nein ! Sie konnten nicht ahnen ! aber nun wissen Sie ein für alle Mal . « Feldern kam täglich zu Faustinen . Sie hatte ihm die Schritte mitgetheilt , welche sie für Cunigunde gethan . Auch er fand es am Besten für sie und für sich , sie aus dem Elternhause zu entfernen . » Wenn mir die Möglichkeit abgeschnitten ist , sie wiederzusehen , « sprach er , » so werd ' ich leichter an die Unmöglichkeit unserer Verbindung glauben . Kann ich zu ihr , so will ich sie sehen , und sehe ich sie , so will ich sie besitzen . « » Sie sind recht aufrichtig , mein bester Feldern , « entgegnete Faustine überrascht , » ich habe Sie niemals so offen reden hören . « » Wenn man nichts zu hoffen noch zu verlieren hat , entweder weil man Alles oder weil man Nichts besitzt , so wird man höchst aufrichtig . Der Bräutigam beim Hochzeitsschmaus sagt unbefangen : ich bin sehr glücklich ! und der Bettler an der Straßenecke sagt eben so unbefangen : ich bin sehr elend . Lust und Leid haben Kinder , die sich frappant ähnlich sehen - sie müssen also wol aus derselben Familie stammen . « Faustine erkannte in diesen und ähnlichen Aeußerungen Felderns Marios Einfluß , der sich treu bemühte , ihm eine Unabhängigkeit von den überraschenden Schicksalswendungen zu geben , wie er selbst sie bisher bewahrt , und sehnlichst wünschte sie , es möchte doch auch für Clemens ein solcher Nothhelfer sich finden , denn sie - das fühlte sie lebhaft - konnte keinen Einfluß mehr auf ihn wünschen , und deshalb ihn auch nicht haben . Er war für sie wie von der Erde vertilgt , spurlos verschwunden , ließ sich weder bei ihr noch irgendwo bei ihren Bekannten sehen , und sie hätte glauben dürfen , er sei abgereist , wenn nicht eine bange Ahnung ihr zugeflüstert , daß er sich schwerlich ohne Abschied , ohne Versöhnung von ihr trennen würde . Wo war er also ? umkreiste er ihre Wohnung ? bewachte er ihre Schritte ? ließ sich von seiner rasenden Leidenschaft nicht das Wahnsinnigste fürchten ? - Die Bestechung ihres Bedienten fiel ihr zuweilen ein , wenn sie allein war . Sie gerieth in eine höchst unbehagliche Spannung , und fuhr zusammen , wenn sie Stimmen und Tritte im Vorzimmer nicht sogleich unterscheiden konnte . War Mengen bei ihr , so erschien diese Angst ihr so kindisch , daß sie sich nicht entschließen konnte , sie ihm anzuvertrauen . Auch war es ihr peinlich , Mario auf Walldorfs Spur auszusenden . Sie wußte zu gut , wie rücksichtslos Clemens war , wie leicht er gerade diesen Gehaßten absichtlich kränken und verletzen mochte . Als aber die Woche ohne irgend ein Lebenszeichen von ihm verstrichen , da beschwor sie Feldern , Erkundigungen über ihn einzuziehen . Sie sagte ihm offen Alles , was zwischen ihm und ihr statt gefunden , und schloß damit : » Ich kann mich nicht direct nach ihm umthun , weil er aus dem geringsten Beweis von Theilnahme gleich ganz unerhörte Folgerungen zieht , die ihm Schaden thun , weil sie sich nie realisiren , aber mich in die widerlichste Verlegenheit setzen . « Feldern versprach sein Bestes zu thun und ihr im Lauf des Tages Bericht , wenigstens über seine Anwesenheit in Dresden , abzustatten . Ein Brief von Andlau trug nicht dazu bei , Faustine zu erheitern . Er schrieb ihr über Cunigundens Angelegenheiten in dem kühlen Ton der Ueberlegung , der ihr ganz unerträglich war , wenn sie bereits für oder wider Partie genommen . Man sollte doch nur nie in einer solchen Entfernung Dinge besprechen , die heute anders aussehen als morgen , murmelte sie , sondern nur solche , die nie wechseln und nie altern ! Freilich kenne ich Cunigunden sehr wenig - freilich ist es eine mißliche Sache , eine passende Stellung für sie ausfindig zu machen - freilich erntet man fast immer Verdruß und Undank aus Einmischung in Familienverhältnisse - aber ich habe mich nicht dazu gedrängt , und die Art , wie ich da hinein verflochten bin , kann gewiß keinen Schatten auf mich werfen . Und sogar wenn es ein Schatten wäre - es sollte mich nicht kränken , denn ich habe etwas Gutes gewollt ; und ein Fleck ist es sicher nicht . - Andlaus Antwort war da - und nicht eben trostreich . Wenn Mario keine bessere bekam , was sollte mit Cunigunden werden ? Sie grübelte sich matt und müde . Da flog die Thür auf und Mengen freudestrahlend ins Zimmer , einen offnen Brief in der Hand . » Cunigunde ist willkommen ! « rief er , » und zwar gleich auf der Stelle . Meine Mutter hat ihren alten Kammerdiener hergeschickt , um sie auf der Reise zu begleiten - daher die etwas verzögerte Antwort : er brachte mir den Brief . Sind Sie zufrieden ? « - Er kniete neben ihr nieder und blickte glückselig in ihr Auge , aus welchem wieder der himmlische Strahl aufleuchtete . » O Mengen ! « sagte sie nur , und legte die Hand auf die Brust ; die andre gab sie ihm , und er behielt sie in der seinen ohne sie zu küssen , lange , friedlich , andächtig , immer wie verzaubert in ihr Antlitz schauend . Spät drückte er heftig seine Lippen in die schmale zarte Hand - da stand Faustine auf und sagte : » Lieber Mengen , sagen Sie , bitte , dem Ernst , er möge einen Boten besorgen , ich will sogleich Cunigunden schreiben , damit sie sich bereit mache ; vielleicht kann sie dann schon morgen reisen . O wie wird sie sich freuen ! wie dankbar Ihnen sein - « » Das wäre ganz hors de saison ! ich habe in Ihrem Dienst gehandelt , da mußte ich wol des Gelingens sicher sein . « Feldern war gradeswegs zu Clemens gegangen . Der breite Johann schien zweifelhaft , ob er ihn bei seinem Herrn einlassen solle oder nicht ; da er aber bereits gesagt , er sei daheim , so mußte er ihm die Thür öffnen . Der zierliche , ordnungliebende Feldern erschrak vor der Verwüstung , die in diesem großen , vielleicht ursprünglich eleganten Zimmer herrschte . Kleidungsstücke an der Erde , Teller auf den Stühlen , Flaschen , Karten , Ueberbleibsel vom Frühstück und von Cigarren auf den Tischen , Schläger und Pistolen auf dem Bett , Gläser überall , zwei Feldbettstellen neben einander aufgeschlagen , und Clemens im Schlafrock , mit verwildertem Bart , geisterbleich , krankhaft , mitten im Zimmer stehend , den einen Arm um den Kopf geschlungen , der andere schlaff herabhängend . » Hier sieht es ja aus wie in einem Lager , « sprach Feldern eintretend ; doch der scherzhafte Ton kam ihm nicht von Herzen . » Ja , « sagte Clemens gleichgültig , » wir sind zwei Tage und zwei Nächte beisammen gewesen , da muß man seine Anstalten treffen , so gut es gehen will . Wir waren unserer sieben ; ein Paar schliefen zur Zeit . Wir wechselten uns ab . Es ging recht gut : Nur aber heute , am dritten Tage , da wurden die dummen Jungen stöckisch und gingen - der eine rechts , der andre links ; zum Essen , zum Schlafen - was geht ' s mich an . « » Sie sind also wol recht lustig gewesen ? « » Lustig ? nun ja , wie man ' s nehmen will . Lärm gab ' s genug , Wein auch , Karten auch , und ich hoffe , Sie sind nicht der Meinung , daß Weiber dabei sein müssen , um die Sache ganz lustig zu machen . « » Gott bewahre ! « sagte Feldern , Clemens war ihm beängstigend , schien halb im Rausch , halb geistes-halb körperkrank . » Würden Sie aber nicht auch gut thun , ein wenig frische Luft einzuathmen ? die dicke , heiße Atmosphäre des Zimmers stimmt die Nerven herab , beklemmt die Brust . Sie sehen recht fatiguirt aus . « » Ich bin es , « sprach Clemens und setzte sich auf einen Tisch , von dem er die Karten herabschleuderte . » Ich glaubte Sie krank , weil ich Sie so lange nicht bei der Gräfin Faustine getroffen . « » Umgekehrt ! weil ich nicht mehr zu der Gräfin Faustine gehe , bin ich krank , d.h. ich würde krank werden , wenn ich nicht vorzöge , lustig zu leben . « » Es ist ganz hübsch , lustig zu leben , so zwei , drei Tage - doch dann , Bester , wird man des Spaßes überdrüssig - « » Wie aller Dinge auf dieser sublunarischen Welt und des Lebens zuerst . « » Sie sind noch sehr jung , Herr von Walldorf - « » Ich werde morgen zweiundzwanzig Jahr , und das nennt man jung . Allein ich bin zu meinem Unglück in diesen letzten Monaten alt geworden , uralt , wie die Steine - « » Indessen sind Sie doch noch auf Vergnügungen bedacht - « » Nein ! auf Zeittödtung . « » Wollen Sie einen Spaziergang mit mir machen ? « » Da müßte ich mich erst ankleiden . « » Freilich ! von Kopf bis zu Fuß . » Und das ist doch nicht der Mühe werth ! Sagen Sie mir , Herr von Feldern , ist denn etwas der Mühe werth , daß ich darum meinen kleinen Finger rege ? « » Ja , die Pflichterfüllung . « » Aber wenn man gegen Niemand auf der Welt Pflichten hat ? « » Sie fragen wunderlich ! haben wir nicht die ganze Menschheit ? « » Bah ! « rief Clemens , ließ den Kopf auf die Brust sinken , und hob nach einer Pause an , ohne ihn zu erheben : » Kommen Sie aus eignem Antriebe zu mir ? « Feldern mochte keine Unwahrheit sagen ; überdies war etwas so Trostloses in Walldorfs Zustand , daß er ihm die kleine Freude gönnte und die Frage verneinte . » Sie schickt Sie also ? sie denkt an mich ? « rief Clemens mit schwermüthiger Freude . » Aber wie könnte es auch anders sein , da ich stets an sie - nicht doch ! nur sie denke ! Solche Gedanken müssen zu einem Netz werden , das allmälig ihre Seele umspinnt und zu mir hinüber zieht . « Feldern dachte an das , was ihm Faustine über Walldorfs übertriebene Folgerungen gesagt ; deshalb sprach er halb scherzend , doch mit einem Anflug von Bitterkeit : » Darauf sollten wir es nie anlegen . Frauenseelen sind so subtil , daß unsere plumpen Gedanken sie nicht fangen , und so capriciös , daß sie sich oft ohne unser Zuthun fangen lassen . « » Meinen Sie ? ohne unser Zuthun ? Also auch Ihnen haben die Frauen weh gethan ! O das Leid , welches dies Geschlecht über die ganze herrliche Schöpfung verbreitet , ist namenlos , und der Mann verloren , der von einem Weibe Heil begehrt ! Und gerade , daß die engelhaften so dämonisch sind ! Die Menge ? o die schaut man an , ohne daß die Brust sich hebt , das Herz klopft , das Blut siedet , die Arme sich ausbreiten ! das Alles ist für Eine , die zwischen den Uebrigen sich ausnimmt wie ein Mährchen zwischen Tagesgeschichten .... sagen Sie mir , fallen Ihnen nicht immer Mährchen ein , wenn Sie - diese Frau sehen , z.B. das von der Prinzessin , von deren Lippen Rosen fallen , wenn sie lächelt , und von deren Wimpern Perlen , wenn sie weint . Diese Frau hat Augen ! - « » Alle Frauen haben Augen ! « unterbrach Feldern , etwas überdrüssig der Rhapsodie - und es ist gut , daß man sich dessen zuweilen erinnert , um nicht in Monomanie zu verfallen , denn die Frau , die kein Auge für uns hat , sollte für uns auch keine Augen haben . « » Sehr richtig ! sehr philosophisch ! O wie bedaure ich , auf der Universität das Studium der Philosophie so gänzlich verabsäumt zu haben . Die Weisheit in eine Wissenschaft gebracht , kam mir so spaßhaft zugestutzt vor , wie der Baum , dem der Gärtner eine Thierform giebt , damit man doch wisse , was so ein dummer Baum bedeute . Aber es ist wirklich so übel nicht erfunden ! Bei einem Löwen , einem Adler , weiß Jeder genau , was er zu denken hat , die ganze Geographie , die ganze Naturgeschichte , Millionen Reisebeschreibungen - kurz , die vernünftigsten und zweckmäßigsten Gedanken knüpfen sich daran . Aber bei einem simpeln Baum schweifen sie ins Blaue . Man kann denken an den Baum im Paradiese , von dem Eva den famösen Apfel speiste - oder an den Upasbaum auf Java , der wie die Regierungen zur Pestzeit in dem falschen Verdacht einer allgemeinen Landesvergiftung steht - oder an die Linde auf dem Schloßhof von Nürnberg , welche die Kaiserin Cunigunde pflanzte , Zweige nach unten , Wurzel nach oben , um ihrem Gemahl ihre schneeweiße Unschuld zu beweisen . Kaiser Heinrich II. , zubenamt der Heilige , war ihr Gemahl , und es muß doch ein prekäres Ding mit der Unschuld der Weiber sein , da sogar ein Heiliger ihr mißtraut . Ferner an den Lorbeerbaum auf Isola bella , worin Napoleon vor der Schlacht von Marengo das Wort bataille schnitt - oder an die Eiche bei Pleischwitz in der Nähe von Breslau , in deren hohlem Stamm ein Schuster und ein Schneider ein Paar Hosen und ein Paar Schuh machten , welche noch gezeigt werden - vielleicht hatten sie eine Wette gemacht , sonst begreife ich nicht , weshalb sie diese Werkstatt sich wählten - oder an die » sieben Schwestern « hier im großen Garten - oder an die Tanne von Oberwalldorf , welche Gräfin Faustine in ein schönes Bild gebracht .... da bin ich wieder bei ihr , und fing doch an bei der Philosophie . « Er stand auf , schlang wieder den Arm um den Kopf und schwieg . Feldern sprach besorgt : » Sie sind wirklich krank , lieber Walldorf ; das wüste Treiben dieser Tage hat Ihre Nerven fürchterlich aufgeregt und Ihr Blut verbrannt . Sie müssen hier heraus , die Unordnung um Sie her macht Sie konfus . Kleiden Sie sich an . Ich warte gern . Dann gehen wir , und während der Zeit wird hier Ordnung gemacht . « » Meinetwegen ! « sagte Clemens , und rief Johann . Unter Johanns löblichen Eigenschaften glänzte nicht die eines gewandten Kammerdieners hervor , und da sein Herr nicht in der Stimmung war , diesem Mangel durch eigene Theilnahme abzuhelfen , so dauerte die Toilette ziemlich lange , und Feldern hatte Muße , zwischen den Trümmern dieses Schiffbruchs der Ausgelassenheit sich auf allerlei Histörchen zu besinnen , die er Clemens erzählte , um ihn aus seinem Hinbrüten aufzurütteln . Doch das war verlorne Mühe . Clemens blieb unempfänglich für Alles , was nicht Faustine war , und hätte Feldern ihn gefragt , was er von dem Mann im Monde denke , so würd ' er geantwortet haben : » Ich sterbe aber , wenn ich sie nicht wiedersehe . « » Und wenn Sie sie wiedersehen , betragen Sie sich so - seltsam , daß eine Frau , die leicht mit aller Welt zu leben versteht , nicht mit Ihnen fertig werden kann . « » Das ist es eben ! sie muß nicht mit mir umgehen , wie mit aller Welt . « » Wenn Sie bei diesem Verlangen beharren , kann ich Ihnen freilich nicht meine Vermittelung anbieten . « » O Gott , machen Sie , daß ich sie wiedersehen darf , und sie soll mich behandeln wie sie wolle , ich lasse mir Alles gefallen , Alles ! nur keine Verachtung und auch keinen Widerwillen , aber auch keine Kälte und hauptsächlich keine Gleichgültigkeit . Und dann soll sie mich nennen » lieber Clemens , « nicht » Herr von Walldorf . « Es hat Niemand außer ihr mich » lieber Clemens « genannt , vielleicht meine Eltern , das weiß ich nicht mehr , sie starben früh ! Mein Bruder hat eine andere Art sich auszudrücken , und für die übrigen Leute bin ich » Walldorf . « Sie sagt bisweilen » lieber Clemens ! « das ist , wie wenn die Nachtigall im Winter schlüge , und wollte sich Jemand unterfangen , mich nach ihr so zu nennen , ich würde ihm den verwegenen Mund mit einer Kugel stopfen . Endlich soll sie mir die Hand geben . Das thut sie nie ! Ich habe gesehen , daß sie Mengens großen Windhund auf den spitzigen Schlangenkopf gestreichelt - aber mir giebt sie die Hand nicht ! Und welche Grazie liegt in ihren Handbewegungen ! nur sie zu sehen , ist , als regne es Blüthen . Also die Hand - « » Ich erstaune , daß Sie Bedingungen machen , und noch dazu solche , welche kaum die Liebe erfüllen würde . Was soll Gräfin Faustine veranlassen , sie anzunehmen ? « » Die Barmherzigkeit . « Sie waren ein Paar Stunden umhergegangen . Feldern fühlte sich erdrückt von dieser dem Wahnsinn ähnlichen Leidenschaft , deren Hoffnung auf nichts basirte und deren Verlangen Alles umschloß . Er sagte , er wolle Faustine erzählen , wie unglücklich Clemens sich fühle , ihr mißfallen zu haben , und dann müsse er das Weitere ruhig erwarten und vor allen Dingen keine schlechte Gesellschaft an sich heranziehen , die ihn für jeden Verkehr mit der guten unfähig mache . » Thut nur nicht preziös mit eurer guten Gesellschaft ! « rief Clemens ärgerlich ; » in ihr fallen Dinge vor , deren keine schlechte sich schämen dürfte . Ist die Gesellschaft schlecht , d.h. gemein und roh , nun , so ist auch das rohe Wort und der gemeine Scherz am rechten Platz , und Niemand wird dadurch beleidigt . Aber in der guten , der feinen , der gebildeten , der eleganten , was wird da geredet ! zierlich immer und mit pikanten Wendungen - die gröbsten Unanständigkeiten : Asa foetida aux confitures . Besonders die alten Männer haben recht ihr höllisches Behagen dran , und das macht auch den jüngern Courage . Was man untereinander schwatzt - nun , das hat nicht viel zu bedeuten , aber mit Frauen sollte man doch das lose Maul beherrschen . Wär ' ich eine Frau , mir würden bei solchen Gesprächen die Finger jucken , um rechts und links eine Ohrfeige zu geben . Das schickt sich aber beileibe nicht ! Sie sitzen da und thun , als hörten sie nicht recht hin . Aber sie hören doch - mögen sie ärgerlich , mögen sie verlegen sein - hören müssen sie . Manche mögen sich auch wol sehr amüsiren ; dahin kommt ' s ! Und dazwischen wachsen Mädchen auf , stehen einsam junge Frauen , jung und schön , wie Faustine . Wenn ein gewisser alter Mann , dessen Namen ich vergessen habe , bei ihr eintritt , so möchte ich ihn gleich wieder zum Fenster hinaus spediren . Da legt er sich auf einen Lehnstuhl hintenüber , damit der Bauch Raum habe , der Stock steht zwischen seinen Knieen und die Hände ruhen auf dessen Knopf . Von dem rothen , fetten Gesicht ist nichts zu sehen , als ein gallertartiges Unterkinn , Hängebacken und Wurstlippen . Die Nase zählt nicht , die Augen sind von den Runzeln der Augenlieder verschüttet , wie ruinirte Teiche vom zusammenfallenden Erdreich - und diese Maschine hebt an zu erzählen .... weiß der Teufel was . Und man mag dazwischen reden - er wartet auf eine Pause ! man mag ihm geradezu Schweigen gebieten - er schweigt und hängt an die nächste Bemerkung eine Anekdote im verbotnen Styl ! Wo solche Menschen reden dürfen , sieht man nicht den Nutzen der Censur ein . Nein , mit eurer guten Gesellschaft bleibt mir nur vom Halse . Wer ein Paar Jahr darin gelebt , ist hieb-und schußfest und weiß Bescheid ! Hinge es von mir ab , nicht drei Tage ließe ich Faustine dazwischen . Wenn sie dem alten Molch gegenüber sitzt und das Goldkettchen immer hastiger , immer heftiger um die Finger wickelt , ist sie anbetungswürdig . Einmal lachte sie , aber im Zorn , das war prächtig - « Und wieder ging er auf Faustine über , und wie ein Monomane vertiefte er sich in Extravaganzen bei seiner fixen Idee , indessen er über andre Gegenstände klar und verständig urtheilte . Trotz seines Mißfallens an der guten Gesellschaft versprach er denn doch , seine gar so lustigen Kumpane etwas fern zu halten und Feldern kam ganz abgespannt bei Faustine an , die in heiterster Laune sehr gern auf seinen Wunsch einging , Clemens wieder zu Gnaden aufzunehmen . Dessen Bedingungen theilte er ihr aber nicht mit , auch nicht ganz genau den Zustand , in welchem er ihn gefunden ; er fürchtete , Faustine möchte dadurch etwas aus ihrer versöhnlichen Stimmung gebracht werden , und er hielt es für ganz nothwendig , daß sie nicht ihre Hand von Clemens abziehe , wenn aus ihm etwas Tüchtiges werden solle . Aber daß morgen sein Geburtstag sei , sagte er Faustine . Als Clemens in der Frühe des nächsten Tages zu ihr kam , rief sie freundlich : » Nun , mein verlorner Sohn , dies Kränzchen soll zugleich Ihre Heimkehr und Ihr Wiegenfest feiern « - und warf ihm einen Kranz der ersten Frühlingsblumen entgegen . » Schönere Sinnbilder der Hoffnung , als diese unter Schnee und Eis gekeimten Blumen , weiß ich nicht Ihnen zu geben , und die Hoffnung ist doch das , womit wir uns am liebsten beschäftigen . « » Ich halte nicht viel von der Hoffnung , « entgegnete Clemens . » Genügen Ihnen die Realitäten so ganz ? « » Sie genügen mir so wenig , daß es mir nicht der Mühe werth vorkommt , Träume von ihnen in die Zukunft hineinzuschieben - und das thut die Hoffnung . « » Aber unwillkürlich blickt der Mensch in die Zukunft , wie er , wenn er am Fenster steht , zum Himmel blickt , und wie an dem Wölkchen oder Gestirne auftauchen und dahin ziehen , so dämmern in ihr Bilder der Hoffnung auf . Haben Sie schon Ihre Abreise nach Oberwalldorf festgesetzt ? « » Ich habe noch nicht daran gedacht . « » Und was sagt Ihr Bruder dazu ? « » Nichts - vermuthe ich . Er sagt überhaupt so wenig , wenn er auch ziemlich viel spricht .