ist alles , was mit dem Licht der Vernunft gefaßt wird - das heißt : alles , was Du in seinem wahren Sinn fassest , das muß groß sein , und gewiß ist es , daß jeder solcher Gedanke eine Wurzel muß haben , die in den Boden der Weisheit gepflanzt ist , und eine Blume , die blüht im göttlichen Licht . Hervorgehen aus dem Seelengrund , nach Gottes Ebenbild , hinüber , hinauf in unsern Ursprung . Gelt , ich hab recht ? - Und wenn es wahr ist , daß der Mensch so sein kann , warum soll er anders sein ? - Ich begreif ' s nicht , alle Menschen sind anders als wie es so leicht wär zu sein ; - sie hängen an dem , was sie nicht achten sollten , und verachten das , an dem sie hängen sollten . Ach , ich hab eine Sehnsucht , rein zu sein von diesen Fehlern . Ins Bad steigen und mich abwaschen von allen Verkehrtheiten . Die ganze Welt kommt mir vor wie verrückt , und ich schußbartele immer so mit , und doch ist in mir eine Stimme , die mich besser belehrt . - Lasse uns doch eine Religion stiften , ich und Du , und lasse uns einstweilen Priester und Laie darin sein , ganz im stillen , und streng danach leben und ihre Gesetze entwickeln , wie sich ein junger Königssohn entwickelt , der einst der größte Herrscher sollt werden der ganzen Welt . - So muß es sein , daß er ein Held sei und durch seinen Willen alle Gebrechen abweise und die ganze Welt umfasse , und daß sie müsse sich bessern . Ich glaub auch , daß Gott nur hat Königsstämme werden lassen , damit sie dem Auge den Menschen so erhaben hinstellen , um ihn nach allen Seiten zu erkennen . Der König hat Macht über alles , also erkennt der Mensch , der seinem öffentlichen Tun zusieht , wie schlecht er es anfängt , oder auch wenn er ' s gut macht , wie groß er selber sein könne . Dann steht grade der König so , daß ihm allein gelinge , was kein andrer vermag , ein genialer Herrscher reißt mit Gewalt sein Volk auf die Stufe , wohin es nie ohne ihn kommen würde . Also müssen wir unsere Religion ganz für den jungen Herrscher bilden . - O wart nur , das hat mich ganz orientiert , jetzt will ich schon fertig werden . Ach ich bitt Dich , nehm ein bißchen Herzensanteil dran , das macht mich frisch , so aus reinem Nichts alles zu erdenken wie Gott , dann bin ich auch Dichter . Ich denke mir ' s so schön , alles mit Dir zu überlegen , wir gehen dann zusammen hier in der Großmama ihrem Garten auf und ab , in den herrlichen Sommertagen , oder im Boskett , wo ' s so dunkle Laubgänge gibt , wenn wir simulieren , so gehen wir dorthin und entfalten alles im Gespräch , dann schreib ich ' s abends alles auf und schick Dir ' s mit dem Jud in die Stadt , und Du bringst es nachher in eine dichterische Form , damit , wenn ' s die Menschen einst finden , sie um so mehr Ehrfurcht und Glauben dran haben , es ist ein schöner Scherz , aber nehm ' s nur nicht für Scherz , es ist mein Ernst , denn warum sollten wir nicht zusammen denken über das Wohl und Bedürfnis der Menschheit ? Warum haben wir denn so manches zusammen schon bedacht , was andere nicht überlegen , als weil ' s der Menschheit fruchten soll , denn alles , was als Keim hervortreibt , aus der Erde wie aus dem Geist , von dem steht zu erwarten , daß es endlich Frucht bringe , ich wüßte also daher nicht , warum wir nicht mit ziemlicher Gewißheit auf eine gute Ernte rechnen könnten , die der Menschheit gedeihen soll . Die Menschheit , die arme Menschheit , sie ist wie ein Irrlicht in einem Netz gefangen , sie ist ganz matt und schlammig . - Ach Gott , ich schlaf gar nicht mehr , gute Nacht , alleweil fällt mir ein , unsre Religion muß die Schwebereligion heißen , das sag ich Dir morgen . Aber ein Gesetz in unserer Religion muß ich Dir hier gleich zur Beurteilung vorschlagen , und zwar ein erstes Grundgesetz . Nämlich : Der Mensch soll immer die größte Handlung tun und nie eine andre , und da will ich Dir gleich zuvorkommen und sagen , daß jede Handlung eine größte sein kann und soll . - Ach hör ! - Ich seh ' s schon im Geist , wenn wir erst ins Ratschlagen kommen , was wird das für Staubwolken geben . - Wer nit bet , kan nit denken , das laß ich auf eine erdne Schüssel malen , und da essen unsre Jünger Suppe draus . - Oder wir könnten auch auf die andre Schüssel malen : Wer nit denkt , lernt nit beten . Der Jud kommt , ich muß ihm eilig unsere Weltumwälzung in den Sack schieben , auch wir werden einst sagen können , was doch Gott für wunderbare Werkzeuge zum Mittel seiner Zwecke macht , wie die alt Nonn in Fritzlar . Siehst Du den St. Clair ? - Grüß ihn . An die Bettine Oder am besten können wir sagen : Denken ist Beten , damit ist gleich was Gutes ausgerichtet , wir gewinnen Zeit , das Denken mit dem Beten , und das Beten mit dem Denken . Du willst ungereimtes Zeug vorbringen , Du bist ungeheuer listig und meinst , ich soll es reimen . Deine Projekte sind immer ungemein waghalsig , wie eines Seiltänzers , der sich darauf verläßt , daß er balancieren kann , oder einer , der Flügel hat und weiß , er kann sie ausbreiten , wenn der Windsturm ihn von der Höhe mit fortnimmt . Übrigens hab ich Dich wohl verstanden , trotz der vielen süßen Lobe , die Du einstreust wie Opfergras , daß ich das Opfer bin , was Du geschächtest hast , um mit dem Jud zu reden . Ich fühl ' s , daß Du recht hast , und weiß , daß ich zu furchtsam bin , und kann nicht , was ich innerlich für recht halte , äußerlich gegen die aus der Lüge hergeholten Gründe verteidigen , ich verstumme und bin beschämt grade , wo andre sich schämen müßten , und das geht so weit in mir , daß ich die Leute um Verzeihung bitte , die mir unrecht getan haben , aus Furcht , sie möchten ' s merken . So kann ich durchaus nicht ertragen , daß einer glaube , ich könne Zweifel in ihn setzen , ich lache lieber kindisch zu allem , was man mir entgegnet , ich mag nicht dulden , daß die , welche ich doch nicht eines Bessern überzeugen kann , noch den Wahn von mir hegen , ich sei gescheiter als sie . Wenn sich zwei verstehen sollen , dazu gehört lebenvolles Wirken von einem dritten Göttlichen . So nehm ich auch unser Sein an als ein Geschenk von den Göttern , in dem sie selber die vergnüglichste Rolle spielen ; aber meine inneren Fühlungen , folgelosen Behauptungen ausstellen , dazu leiht mir weder die blauäugige Minerva , noch Areus der Streitbare5 Beistand . Ich gebe Dir aber recht , es wäre besser , ich könnte mich mannhafter betragen und dürfte diesen großmächtigen Weltsinn in dem Sittenleben mit andern nicht mir untergehen lassen . Aber was willst Du mit einer so Zaghaften aufstellen , die sich immer noch fürchtet , im Stift das Tischgebet laut genug herzusagen . - Lasse mich und vertrage mich , wie ich bin , hab ich das Herz nicht , meine Stimme zu erheben gegen allen Unsinn , so hab ich auch dafür an diesem harten Fels keine kleinste Welle Deiner brausenden Lebensfluten sich brechen lassen . Er steht trocken und unbeschäumt von Deinen heiligen Begeisterungen , so kannst Du auch unbekümmert darum Dein Leben dahin fließen . - Ich weiß , daß es Dir weh tut , weil wir den Hölderlin nicht besuchten . St. Clair ist gestern abgereist , er war noch vorher bei mir , er sah Deinen dicken Brief , er war so sehnsüchtig , etwas daraus zu vernehmen , und die Zaghafte war kühn genug auf ihr richtiges Gefühl hin , ihm die Stelle zu lesen , wo die Bettine über den Ödipus spricht . - Er wollte es abschreiben , er mußte es abschreiben , seine Seele wär sonst vergangen , und die Zaghafte war zu mutlos , es ihm abzuschlagen . Er sagte : » Ich lese es ihm vor , vielleicht wirkt es wie Balsam auf seine Seele , und wo nicht , so muß es doch so sein , daß die höchste Erregung , durch seine Dichternatur erzeugt , auch wieder an ihm verhalle , so wie er verhallte . Ich muß es ihm lesen , es wird doch zum wenigsten ihm ein Lächeln abgewinnen . « - Nun sieh mich schon wieder voll Zagheit , daß Dir meine Kühnheit mißfalle , aber doch - betrog mich mein Ohr nicht , so war jener Hymnus auf dem Taubenschlag dem armen Dichter gesungen , daß er solle dort mit in sein zerrissnes Saitenspiel eintönen . Ich hab jetzt so viele Gesellschaftsnot , ich muß diese Woche schon zum zweitenmal in den schwarzen Stiftstalar kriechen , auch dahinein verfolgt mich meine närrische Feigheit , ich komme mir so fremd drin vor , es ist mir so ungewöhnlich , eine angelehnte Würde öffentlich zu behaupten , daß ich immer den Kopf hängen muß und muß auf die Seite sehen , wenn ich angeredet werde . Gestern haben wir in corpore beim Primas zu Mittag gespeist , da verlor ich mein Ordenskreuz , es lag unterm Stuhl , ich fühlte es mit der Fußspitze , das machte mich so konfus , und denk nur , der Primas selbst hat es aufgehoben und bat um Erlaubnis , es anzuheften auf die Schulter , dazu kam unsere Duenna und nahm die Mühe auf sich , Gott sei Dank , - ich konnte doch die ganze Nacht nicht vor der Geschichte schlafen , ich muß rot werden , wenn ich dran denke , - dann war ich bei der Haiden - der Moritz im Kabriolett ist mir begegnet , von da in die Komödie in Eurer Loge , George führte mich hinein . » Die Geschwister « . - Es war sehr leer wegen der Hitze , George war fortgegangen , die Frau Rat saß ganz allein auf meiner Seite , sie rief aufs Theater : » Herr Verdy , spielen Sie nur tüchtig , ich bin da « , es machte mich recht verlegen , hätte er geantwortet , so wär ein Gespräch draus geworden , in dem ich am Ende noch eine Rolle hätte übernehmen müssen . - Im Parterre saßen keine fünfzig Menschen , Verdy spielte recht gut , und die Rat klatschte bei jeder Szene , daß es widerhallte , Verdy verbeugte sich tief gegen sie , es war gar wunderlich , das leere Haus und die offnen Logentüren wegen der Hitze , durch die der Tag hereinschien , dann kam Zugwind und spielte mit den lumpigten Dekorationen , da rief die Goethe dem Verdy zu : » Ah , das Windchen ist herrlich « , und fächelte sich , es war doch grad , als spiele sie mit , und die zwei auf dem Theater , so gut als wären sie allein in vertraulich häuslichem Gespräch , dabei mußt ich an den größten Dichter denken , der nicht verschmähte , so prunklos seine tiefe Natur auszusprechen . - Ja , Du magst recht haben , es ist was Großes darin , und es ist schauerlich , und daher tragisch gewesen diese Leere , diese Stille , die offnen Türen , die einzige Mutter voll Ergötzen , als habe ihr der Sohn den Thron gebaut , auf dem sie weit erhaben über den Erdenstaub sich die Huldigung der Kunst gefallen läßt . - Sie spielten auch recht brav , ja begeistert , bloß wegen der Fr . Rat , sie weiß einem in Respekt zu setzen . Sie schrie auch am Ende ganz laut , sie bedanke sich und wolle es ihrem Sohn schreiben . Darüber fing eine Unterhaltung an , wobei das Publikum ebenso aufmerksam war , die ich aber nicht mit anhörte , weil ich abgeholt wurde . Morgen wird sie wohl in der ganzen Stadt herumkommen . Ich bin nicht wohl , sonst wär ich heut hinausgekommen - so sehr interessiert mich Dein Brief , Du hängst Dich an die Gipfel der Lebenshöhen wie das junge Gefieder und siehst Dich gleich um , wie am besten nach der Sonne zu steuern sei , dann zerstreuest Du Dich ebenso leicht wieder . Wenn ich wohl bin , so komme ich die Woche noch , ich glaube , die Angst vor dem Aderlassen macht mich krank , ich kann mich nicht drein finden , wenn ich denk , daß ich Blut vergießen soll , so wird mir übel . - Schreibe mir doch heute noch von der Schwebereligion , was das heißen soll , daß ich was zu denken und zu faseln hab , weil ich nichts anfangen kann und das Zimmer hüten muß . Karoline An die Günderode Ach lasse doch ja nicht zur Ader , aus tausend Gründen , denn ( vielleicht ) : wenn einer nur einmal zur Ader gelassen hat , so kann er kein Soldat mehr sein , kein Held ! Man kann gar nicht wissen , was so ein Eingriff in die Natur für Verändrung im menschlichen Geist macht , und wozu er als die Fähigkeit verlieren kann . Ich bitte Dich , lasse nicht zur Ader , im Kloster , da , wenn der Tag kam , wo das Aderlaßmännchen im Kalender steht , ich glaub , es war grad in der heißen Zeit wie jetzt , da ließen die Nonnen alle am linken Fuß zur Ader , da kam ein Chirurg , ich war immer im Anstaunen seiner Häßlichkeit verloren , er hieß Herr Has . - Eine alte Nonne sagte einmal , man könne in seine Pockengruben , in denen sehr viel erdiger Schmutz war , Kresse säen , so würde er einen grünen Bart bekommen , ich hielt also immer Kresse bereit und paßte auf die Gelegenheit , ihm den Samen einzustreuen , und habe auch einen Augenblick , wo er über dem Warten auf die Nonnen eingeschlafen war , benutzt , und Du magst ' s glauben oder nicht , die Kresse hat einen sehr günstigen Boden , sie begann mit Macht emporzuschießen , man brauchte ihn nur mit Essig und Öl einzuseifen , so hatte man den trefflichsten Salat von seinem Bartschabsel . Aber gelt , Du gläubest nicht ? - Aber hör , da fällt mir ein , esse doch eine recht tüchtige Schüssel voll Salat , das kühlt das Blut ab , aber wenn Du bei einer Entzündung noch Blut verlierst , so wird natürlich diese verstärkt , denn wenn Du ein Dippen mit Wasser kochend hast und schütt ' st einen Teil davon weg , so kocht ' s viel stärker . - Die Hahnen krähen , es ist schon nach Mitternacht , und nun will ich Dir fortschreiben bis morgen früh , daß Du recht viel zu lesen hast auf Deinem Krankenlagerchen , gleich fang ich von der Neureligion an , aber erst will ich Dir noch was erzählen , wie der Jud kam mit Deinem Brief , das war vier Uhr , da dacht ich auf was , was Dir recht gut wär , da dacht ich gleich , die Aprikosen in der Großmama ihrem Garten müßten Dir gesund sein , da ging ich um die Bäum herum und erspähte die besten und lernte sie alle auswendig , wo sie hingen , und so spazierte ich in einem Wiederholen meiner Lektion , bis die Sonne unterging , denn bei Tag konnt ich sie nicht stehlen , ich mußte warten , bis alles am Spieltisch saß , es war Dir das schönste Pläsier , diese Aprikosen zu stehlen , erstens die Angst ist ein wahrer Spaß , das Herz klopfte mir so , ich mußte so lachen vor Freud ; Herzklopfen ist so was Angenehmes , und denn war ' s grad , als ließen sie sich recht gern stehlen , sie fielen mir in die Hand , ich hatte mir ein Tuch um den Hals gebunden , da warf ich sie hinein , zwanzig ! - Ich war recht froh , wie ich sie all hatte und glücklich auf meiner Stube war , da hab ich sie alle in die jungen Weinblätter gepackt , die sind vom zweiten Schuß und haben einen so weichen Samt auf der linken Seite . Da liegen sie in der Schachtel und gucken mich an , als hätten sie Appetit auf einen Biß von meinem Mund , aber da wird nichts draus , sie sind all für Dich , sie müssen sich ' s vergehen lassen , von mir gespeist zu werden . Esse sie , Günderod , sie sind gut , Gott hat sie geschaffen für Entzündungen , damit die aus dem Blut wieder in den Geist zurückgehen soll , aus dem sie eigentlich nur ausgetreten war ins Blut . Laß nur nicht zur Ader , denn wie gesagt , es ahnt mir , daß dadurch etwas im Menschen zugrunde gehen könne , vielleicht das echte Heldentum ; wer weiß , ob nicht einer , der einmal Ader gelassen hat , hierdurch nicht seine ganzen Nachkommen um die Tapferkeit gebracht hat , und daß diese Tugend eben darum jetzt so rar ist . - Das Aderlaßmännchen ist der Teufel , der hat sich so ganz sachte in den Kalender geschlichen , um die Menschen um das einzige zu betrügen , was ihm Widerstand leisten kann , um den Stahl im Blut , der übergeht in den Geist , und den fest macht , daß er tun kann , was er will . Weisheit und Tapferkeit ! Der Mensch will immer die Weisheit , er hat aber den Mut nicht , sie durchzusetzen . Eins bedingt das andere , denn wenn der Mut dazu wäre , so wär auch die Weisheit da . Denn es ist nicht möglich , daß , wenn Kraft in der Seele ist , das Höchste zu tun , daß in ihr nicht auch der Same der Weisheit aufblühen sollte , der das höchste Tun lehrt . Wer zum Beispiel Mut hat , das Geld zu verachten , der wird bald auch Weisheit haben zu erkennen , welch fürchterlicher Wahnsinn aus diesem grausamen Vorurteil hervorschießt , und wie Reichtum und Macht so sehr arm sind . Weisheit und Tapferkeit müssen einander unterstützen . Ach , in unserer Religion soll die Tapferkeit obenan stehen , - denn wenn wir nur darüber wachen , daß wir kühn genug sind , das Große zu tun und die Vorurteile nicht zu achten , so wird aus jeder Tat immer eine höhere Erkenntnis steigen , die uns zur nächsten Tat vorbereitet , und wir werden bald Dinge beweisen , die kein Mensch noch glaubt . Zum Beispiel man kann nicht von der Luft leben ! - Ei , das könnt doch sehr möglich sein , und es ist eine sehr dumme Behauptung , die der Teufel gemacht hat , um den Menschen an die Sklavenkette zu legen des Erwerbs , daß man nicht von der Luft leben könne , daß er nur recht viel habe . Wer viel hat , der kann vor lauter Arbeit nicht zur Hochzeit kommen ; und von der Luft lebt man doch allein , denn alles , was uns nährt , ist durch die Luft genährt , und auch unsere erste Bedingung zum Leben ist das Atemholen . Und Gott sagt damit : Du teilst die Luft mit allen , so teile auch das Leben mit allen , und wer weiß denn , wie sehr die Natur sich noch ändern kann und kann sich dem Geist anschmiegen , wenn der einmal die Seele mehr regiert , ob dann der Leib nicht auch mehr Luft bedarf und weniger andere Nahrung . Alle albernen Gedanken , Begierden und verkehrten Einbildungen , die machen so hungrig nach tierischer Nahrung , ich weiß an mir , daß , wenn mir etwas durch den Geist fährt , dem ich nachgehen muß aus Ahnung , daß es Lebensluft enthalte , so hab ich gar keinen Hunger , und die Franzosen , wenn sie witzig sind , so haben sie immer auf was Petillantes oder Gewürztes Appetit , es käme also sehr auf den Geist an , daß wir am End gern von der Luft leben . - Und unser Tischgebet soll heißen : Herr , ich esse im Vertrauen , daß es mich nähre , und die alten Küchenzettel und Bratspieß und Backgeschichten all dem Teufel in die Garküch geschmissen , daß er den Hals drüber bricht , wir haben keine Zeit , uns dabei aufzuhalten , geh zum Nachbar und nehm Brot von ihm und nehme die Frucht vom Baum dazu und vom Opfermahl ein weniges und dulde nicht , daß sich Bedürfnisse des Mahls bei Dir einnisten zu dieser oder jener Stunde ; oder sonst Dinge , die den Leib abhängig machen . Da fällt mir noch etwas ein , mit dem verdammten Zugwind , oder mit der Nachtluft , alle Augenblick heißt ' s : » Hier zieht ' s ! « - Und dann reißen die Leute aus , als ob ihnen der Tod im Nacken säß , oder der Nachtwind hindert sie , die nächtliche Natur zu genießen , oder der Abendtau ist ihnen gefährlich , und doch - hat man je bei einem Gefecht in der Schlacht gesehen , daß ein Held vor dem Nachttau ausreiße ? - Also auch über die Verkältung hinweg im Nachtwind wie im Sonnenschein sein eigner Herr bleiben , das muß ein Gesetz unserer schwebenden Religion sein . - Ich weiß nicht , es duftet mir ordentlich im Geist , als würden wir auf sehr wunderbare Entdeckungen kommen . Jetzt haben wir schon entdeckt , daß man nicht Aderlassen muß , damit der Stahl im Blute nicht abgelassen werde , der die Begeisterung der Tapferkeit erzeugt , - da könnte einer sagen , durch eine Wunde im Krieg könne denn auch dieser Geist des Stahls entfliehen , so daß ein Tapferer könne zu einem Feigen werden , - dem ist aber nicht so , denn bei einer Wunde , die in der Begeistrung selbst empfangen wird , da haucht das Blut selbst Unsterblichkeit aus . Wenn nämlich die Tugend ( die Tapferkeit ) wach ist in dem Menschen , das heißt : wenn der Genius in sein Blut gestiegen ist und kämpft , und er geht auf die Wunde los , die er empfangen soll , da ist die Kühnheit so Herr , daß keine sklavische Entweichung stattfinden könne , denn dann ist grad aller Stahl im Blut in den Geist übergegangen , - denn wie Gott immerdar in jedem Hauch erzeugt , weil er ganz Weisheit ist , so erzeugt auch das Genie , weil es mit Gottes elektrischer Kette verbunden ist , ewig seine Schläge empfängt und wieder einschlägt ins Blut . - Ich bitte Dich , wie willst Du denn die elektrische Kraft erklären , anders , als daß durch Gottes Geist die Natur zuckt und bis ins Blut geht , wo sie im Menschen wieder den Weg in die Begeistrung findet , weil der Geist hat . - Und siehe da ! - Die Kraft empfängt den Blitzstrahl , und so erzeugen Weisheit und Tapferkeit sich ineinander . - Was hab ich im vorigen Brief gesagt : - Gott sei die Poesie , und heute , daß er die Weisheit ist , - das ist schon eine alte Geschichte , das haben , glaub ich , die Kirchenväter herausgestellt und haben deswegen großen Respekt vor Gott , aber heute haben wir herausgekriegt , daß Gott die große elektrische Kraft ist , die durch die Natur fährt und ins Blut des Menschen und von da sich als Genius in den Geist des Menschen hinüber bildet . Der Genius steigt aus dem Stahl auf im Blut , und dort dringt er auch wieder ein , wenn er wirkend ist in den Sinnen . Wer keinen Stahl im Blut hat , kann auf die Weise Gott nicht empfangen . Es ist schon drei Uhr , wenn ich so fortschreib , ich glaub , ich brächt allerlei kuriose Sachen heraus , die mich selbst verwundern . - Ich wittre schon den Tag , mein Licht brennt ganz nüchtern . Ich sollt schlafen gehen , aber ich will Dir doch für einen ganzen Tag zu denken geben , weil Du allein bist . - Aber jetzt muß ich erst von der Religion abspringen und Dir was dazwischen erzählen . - Du schreibst , der Moritz hat Dich im Kabriolett begegnet , ich bedanke mich , aber ich hab grad auf vierzehn Tag , wo ich noch hier bin , ein Gelübd getan und kann also Deiner Mahnung kein Gehör geben , sag ' s ihm , wenn Du ihn siehst . - Der Bernhards-Gärtner ist ein junger schlanker Mann , er hat eine feingebogne Nase , blaue Augen , schwarze Wimpern , schwarze Haare und hat eine sanfte Stimme - zum wenigsten gegen mich , denn wie er letzt den Hund wollt zurückhalten , der mich anbellte , da hatte er eine sehr kräftige Stimme . - Dem Moritz wird das wunderlich vorkommen , aber mir ist es keine Scheidewand , weil er von der gebildeten Klasse übersehen wird . Ein Mensch von Rasse müßte seine Rasse auch unter der Sklaventracht wittern , aber das ist die Unechtheit des Adels , denn gewiß ist , daß das echte Blut zerstreut ist in der Welt und viel ungestempelt herumläuft , und doch will man nur das gelten lassen , was gestempelt ist , aber das sag ich Dir , ich halte alle Menschen für unadelig , die ihre Rasse nicht erkennen auch im Kittel . - Der Gärtner also , der mir immer Arbeit gibt morgens früh Du weißt , - ich hab ihm die abgeblühten Federnelken von den Rabatten geschnitten , ich hab die Erdbeeren umgesetzt , ich hab die Reben ausgelaubt , ich hab das Geißblatt binden helfen , ich hab die Pfirsich spaliert , ich hab die Nelken gestengelt , ich hab die Melonenräuber ausgebrochen , und noch mancherlei anders hab ich immer morgens früh tun helfen , wenn ich in der Früh zum Mainufer lief , weil ich schreiben wollt oder dichten für den Clemens , und es wollt nicht gehn , weil mir nichts einfiel , weil die Natur zu groß ist , als daß man in ihrer Gegenwart sich erlaubte zu denken , da hab ich denn mit dem Gärtner lieber Erbsen gepflückt als auf der Lauer nach großen Gedanken - da hat mir der Gärtner als immer einen Strauß verehrt , erst recht schön voll und seltne Blumen , dann weniger und einfacher , ich denk , weil ich alle Tag kam , es wär ihm zu viel , aber zuletzt - es war grad am Tag , wo ich Zuckererbsen brach , da gab er mir bloß eine Rose und - - - Morgens Da hab ich so nachgedacht und bin drüber eingeschlafen . Die Rose hab ich mit ins Bett genommen . - Was soll sie im Glas langsam welken - überall sollt man ein Heiligtum der Natur mit herumtragen , das frei macht vom Bösen , wer kann in Gegenwart einer Rose nicht mit edlen Gedanken erfüllt sein , ich hab ' s lieb , das Röschen , mit dem ich geschlafen hab , - es war matt , nun hab ich ' s ins Wasser gestellt , es erholt sich . - Ich bin so dumm , ich schreib so einfältig Zeug - der arme Gärtner . - An die Günderode Der Jud kommt heut um fünf Uhr und sagt , er hatt den Brief heut morgen im Stift abgegeben und hat nichts von Dir gehört , der ungeheure Esel mußte heute wie ein Windspiel herumlaufen , er hätt müssen Paradiesäpfel zum Lauberhüttenfest einkaufen , da hätt er nicht warten können , der Kerl sah so närrisch aus , aus seinem Sack guckten lange Palmzweige über seinen Kopf , mit der einen Hand hielt er seinen langen Bart fest , mit der andern stellt er seinen langen Stab weit von sich und schwört immer bei seinem Bart , und keuchte unter der Last ; ich ließ ihn eine Weile stehen , so gut gefiel ' s mir ihn anzusehen , ein Bild , wer ' s verstünd zu malen . Diesmal haben also meine Religionsdepeschen wegen der Lauberhüttenangelegenheit nicht können befördert werden ; - wenn Du nur gesund bist wieder . - Heut abend mußt ich mit der Großmama spazieren gehen , am Kanal im Mondschein . Sie erzählte mir aus ihrer Jugendzeit , wie sie noch mit dem Großpapa in Warthausen beim alten Stadion wohnte , und wie der den Großpapa weit lieber gehabt als die andern Söhne , und wie der ihn erzogen hat , gar wunderlich mit großer Sorgfalt , er ließ ihn als Jüngling von nicht achtzehn Jahren schon eine große und ausgebreitete politische Korrespondenz führen , er gab ihm Briefe von Kaiser und König , von allen Reichsverwesern und Staatsbeamten aller Art zu beantworten , es kamen Verhandlungen über alle möglichen Staatsangelegenheiten vor , Handel ,