an die Spitze ihrer Werke zuweilen allgemeine Sätze zu stellen , in denen sich der innerste Sinn der Begebenheiten , welche sie schildern wollen , ausprägen soll . Einige solcher Betrachtungen werde ich jetzt meiner Geschichtserzählung voranschicken , weil sie Dir dadurch vielleicht faßlicher wird . Nach der scharfsinnigen und fruchtbaren Hypothese eines tiefblickenden Naturlehrers entspringen die Instinkte der Tiere aus traumartigen Vorstellungen von den Dingen , welche der Instinkt erstrebt . Der Zugvogel träumt von den fernen Gegenden , in welche er wandert , in traumartigen Umrissen sieht die sibirische Waldschnepfe die deutschen Sumpfstrecken , die Schwalbe den Küstensaum Afrikas . Traumartig schweben der Spinne die Umrisse und Radien ihres Netzes , der Biene die Sechsecke ihres Stockes vor . Es ist eine Hypothese , aber ich nannte sie sinnreich und fruchtbar , weil sie die Kreatur gerade in dem , was ihre bedeutendste Tätigkeit ist , aus der Region des Maschinenmäßigen in ein gottdurchleuchteteres Gebiet hebt . Wir armen bewußten Menschen scheinen nun von dieser göttlichen Sicherheit des Angreifens und Fassens alles Stoffes entblößt zu sein . Aber es ist nur scheinbar . Alles Genie und Talent ist nichts weiter als Instinkt . Nenne mir den Künstler , den Dichter , der beides nicht aus sogenanntem dunklem Drange geworden wäre ! Wir andern haben freilich so bestimmte Fingerzeige nicht in uns , indessen sind fast jedem Menschen - vielleicht jedem - auch ganz feste Richtungen , unverrückbare Punkte eingeboren , welche außen oft als Launen , Grillen , Seltsamkeiten , Liebhabereien erscheinen , dennoch aber vielleicht auf das allerfesteste Gesetz der Seele hindeuten . Es sind dieses nicht die sogenannten Grundsätze , Maximen , Lebensweisen , Gewöhnungen - das alles kann angebildet und angelernt werden - nein , was ich meine , ist etwas ganz anderes , aber freilich schwer zu beschreiben . Diese Lichter des innern Menschen sind Halbträume des Instinkts . Von dem nüchternen Tagesscheine des Verstandes entscheucht , von der wühlenden Hand der Selbstbeschauung zerschlagen , wirken sie nicht so siegreich , wie bei dem Wandervogel und bei der Biene das unwiderstehliche Muß , glücklich ist aber derjenige , der die Stimme jener Träume hört und ihr folgt . Das Genie wird geboren , sagt man , und darüber ist jeder einverstanden . Ich füge hinzu : Nicht alle werden als Genies , aber dazu wird jeder geboren , sich sein Schicksal zu machen . Selbst die willkürlich scheinenden Grillen sind zuweilen feste Wegweiser zum Glück . Erinnerst Du Dich noch des armen Tagelöhners in Ludwigsburg , welcher , sonst verständig und fleißig , sich steif und fest einbildete , im Park lägen Granaten , und der zu jeder Freistunde in den Alleen danach suchte , Kiesel und Quarz aufhob und betrachtete ? Die Leute hielten ihn für verrückt , und eines Abends fand er in einem der dunkelsten Gänge , eifrigst auf Granaten erpicht , eine vollgespickte Brieftasche , die er ehrlich genug war , dem Verlierer einzuhändigen . Dieser belohnte ihn mit einem Geschenke , welches seine Umstände auf Lebenszeit verbesserte . Das Sonderbarste war , daß , sobald jener Fund getan war , sein Suchetrieb in ihm versiegte . Ich habe nun auch in mir ganz bestimmte Instinkte , denn ich will sie nur geradezu so bei mir nennen . Meine Jagdlust mag ich nicht anführen , denn es bleibt mit der abenteuerlichen Seite der Region , welche ich Dir bezeichnete , allerdings immer etwas Mißliches , obgleich ich nicht berge , daß ich des Gedankens nicht Meister werden kann , mein beständiges Schießen und Fehlen müsse doch irgendeinen , mir freilich nicht begreiflichen Zweck haben . Aber lassen wir diesen weidmännischen Instinkt , der mir den Spitznamen : » der wilde Jäger « , bei Euch zugezogen hat , vorderhand auf sich beruhen ! Aber ein Zweites in mir ist etwas Ernsteres , und doch kein Vorsatz , keine Überzeugung , keine Leidenschaft - sondern ein wahrer Instinkt . Es ist ein unbeschreibliches Gefühl für die Frauen . Solange ich denken kann , wohnt es mir bei . Ich kann es Dir eigentlich nicht schildern . Mich durchsäuselt die Ahnung einer unendlich milden Lösung aller Schmerzen , das Vorempfinden des überschwenglichsten Erfüllens und Ergänzens , sehe ich eine Frau . Und nicht bloß Jugend und Schönheit , Reiz und Anmut bewegen meine Seele in einem Bade so erquickender Fluten , sondern in der Unscheinbarsten gewahre ich etwas Göttliches , wenn sie mir begegnet . Oft hat mich ein solches zufälliges und gleichgültiges Treffen von trüben leidenschaftlichen Aufregungen wie mit einem Zauberschlage geheilt ; oft habe ich mich auch scheu vor allen weiblichen Zirkeln zurückgehalten , weil in mir etwas vorgegangen war , was ich unter Frauen zu bringen für unerlaubt hielt . Seit einiger Zeit habe ich angefangen , meine Blicke auf die Verwickelungen der Welt und Zeit zu richten . Da muß ich Dir nun gestehen , daß unter allen den Dingen , nach deren Rückkehr die Menschen seufzen , mir die Herstellung des wahren und beseligenden Verhältnisses zwischen den beiden Geschlechtern als das sehnenswerteste erschienen ist . Aber freilich mag dieser Friede wohl der Lohn sein , welcher andern , erst in den übrigen Punkten zum Frieden gelangten Zeiten aufbewahrt wird . Dich werden diese Bekenntnisse überraschen , denn Du hast mich nicht gar zu selten rauh und tölpisch im Umgange mit Frauen gesehen , auch war ich noch nie verliebt . Vielleicht werd ' ich es auch nie . Das schlimmste Unrecht tätest Du mir , wenn Du glaubtest , daß aus mir noch gar ein Süßling werden könnte . Nein , dazu passen wir überhaupt bei uns zulande nicht . Nimm meine Worte , wie sie geschrieben sind - sie stammeln von einem Naturgeheimnis . Nun genug der Reflexion und jetzt eine schlichte Historie . Als ich eben nach den Gütern zurückgekehrt war , lernte ich in der Nachbarschaft meine Verwandte , Baronesse Clelia kennen , die sich früher in Wien aufgehalten hatte . Ich benahm mich gegen sie , wie es einem schwäbischen Vetter geziemte , sie desgleichen , wie meinem Mühmchen zukam . Keines von beiden dachte an eine Verbindung , wohl aber mochte der Verwandtschaft eine solche gar paßlich vorgekommen sein , denn aus freundlichen Blicken , geselligen Aufmerksamkeiten und zwei oder drei Händedrücken , wie sie ein unbefangenes Wohlwollen gibt und nimmt , war bald für uns ein Netz zusammengestrickt worden , aus welchem wir schlechterdings als Braut und Bräutigam hervorgucken sollten ; und der alte Oheim fragte mich eines Tages ganz naiv , wann denn die öffentliche Erklärung vor sich gehen werde . Wir waren gewaltig betroffen , und wie zwei Leute sonst alles mögliche anwenden , um einander habhaft zu werden , so ließen wir nichts unversucht , in der Meinung der Sippschaft voneinanderzukommen , was in der freundlichsten Einigkeit von beiden Seiten geschah . Mühmchen Clelia hatte bei diesen Lockerungsbestrebungen ein noch größeres Interesse , als ich , denn es ließ sich bald vermerken , daß ihr Herz ihr nach Schwaben nur an einem Faden gefolgt war , den ein schöner Kavalier in den österreichischen Erblanden hielt . Bei den Anstrengungen , die wir solcherweise machten , fielen die lächerlichsten Szenen vor , insbesondere von meiner Seite , der ich für diese spitzfindigen Kombinationen der Verhältnisse gar nicht zugerichtet bin . Ich wollte alle Schuld , daß ein Schein von Neigung entstanden war , auf mich nehmen , verwickelte mich darüber in die unsinnigsten Erklärungen , bekannte mich endlich für schon anderweit im Auslande verlobt , widerrief diese Lüge im nächsten Augenblicke - kurz , ich stellte bei der ganzen Sache den Helden einer ziemlich lustigen Novelle dar . Indessen würde diese nur im Kreise der nächsten Bekanntschaft angeklungen und verklungen sein , wenn sich nicht ein fremder Störenfried herbeigemacht und sie zur Befriedigung seines schlechten Witzes gemißbraucht hätte . Es hielt sich nämlich damals seit einiger Zeit bei uns ein Mensch auf , namens Schrimbs , oder Peppel , wie er andererorten geheißen hat . Der Himmel weiß , wieviel Namen er überhaupt in der Welt geführt haben mag und noch führt ! Schon das Äußere dieses Menschen war höchst auffallend , er sah im Gesichte ganz verwittert aus , und dennoch konnte man kein rechtes Alter an ihm abnehmen , denn trotz der Runzeln auf Wangen und Stirn war unter seinen Haaren kein weißes zu entdecken , und seine Haltung ungebeugt , sein Muskelfleisch straff , sein Benehmen jugendlich-petulant . Ich weiß nicht , wie ich Dir diesen Schrimbs oder Peppel beschreiben soll ; er war alles und jedes . Wie der Aal entschlüpfte sein Geist jeglichem Bemühen , ihn in einer bestimmten Lage festzuhalten , wie Quecksilber zerrann dieses kalte , schwere , und doch unendlich flüchtige und trennbare Wesen unter der leisesten Berührung in lauter perlende Kügelchen , die denn doch immer wieder zu einer größeren koagulierten . Du mußt von ihm gehört haben , denn er war nach und nach in vielen Städten unter den verschiedensten Gestalten . Vielleicht ist er sogar in Deine Nähe gekommen . In Tübingen machte er den Magister und focht sich theologisch herum , in Stuttgart abwechselnd den Politiker und lyrischen Dichter , in Weinsberg half er unserem alten Justinus noch mehr Geister sehen , als dieser schon mit seinen zwei Augen erblickt . Dieser Mensch hatte eine Gabe zu fabulieren und zu schwadronieren , wie ich sie noch nimmer bei jemand wahrgenommen habe . Er besaß einen aristophanischen Witz , eine gaukelnde Einbildungskraft und eine unerschöpfliche Laune , vor allem aber eine Lust und Freude am Lügen , die wirklich auch genial war . Keiner achtete ihn und doch war er überall eingeführt ; unsre geschlossenen Gesellschaften taten ihre Türen vor ihm auf , unsre Familien- Wein- und sonstigen Kränzchen flochten ihn sich als Blume ein , denn Du weißt wohl , daß , so schwerfällig und abgesondert wir uns halten , es doch noch von je alle Scharlatane bei uns mit uns durchgesetzt haben . Man hielt ihn für nichts Besseres , als für ein Stück honetten Gauners und doch blickte man sehnsüchtig nach ihm aus , ließ er einmal auf sich warten . Obgleich ich überzeugt bin , daß er eigentlich schlechte Streiche nirgends begangen hat , denn sonst würde er leiser , versteckter , künstlicher aufgetreten sein . Eine gewisse theoretische Unwahrhaftigkeit war in ihm zur andern Natur geworden ; gegen die Gesetze wird er sich nicht verfehlt haben . Du fragst : Wodurch fesselte er euch denn ? Ja , wodurch ? Durch tolle Märchen , die er uns erzählte , durch Sarkasmen , Luftsprünge . In seinen Märchen griff er mit unerhörter Dreistigkeit das Nächste auf , oder eine öffentliche Person , und drehte und wendete und drillte sie so lange , bis sie unter seinen Händen ein phantastischer Popanz wurde , der dann , wenn man ihm näher in das Gesicht sah , in Blasen auseinanderplatzte . Mir war oft bei seinen Geschichten zumute , als sehe ich eine Wasserhose entstehen , wandeln , sich auflösen . Eine schwache Wolke schwebt über dem Meere , diese faßt mit einem langen , feinen Finger in den unendlichen Ozean , aufwärts kocht , wirbelt und tanzt das emporgestörte Wasser , es pfeift und zischt ; Nebel und Schaum rings umher , und Blitz ohne Donner ! so rückt das Phantom , welches nicht Dunst und nicht Woge mehr ist , sprungweise vor , bis es plätschernd zerbricht . Ich sagte zuweilen für mich : In diesem Erzwindbeutel hat Gott der Herr einmal alle Winde des Zeitalters , den Spott ohne Gesinnung , die kalte Ironie , die gemütlose Phantasterei , den schwärmenden Verstand einfangen wollen , um sie , wenn der Kerl krepiert , auf eine Zeitlang für seine Welt stille gemacht zu haben . Dieser Schrimbs oder Peppel , dieser geistreiche Satirikus , Lügenhans und humoristisch-komplizierte Allerweltshaselant ist der Zeitgeist in persona ; nicht der Geist der Zeit , oder richtiger gesagt : der Ewigkeit , der in stillen Klüften tief unten sein geheimes Werk treibt , sondern der bunte Pickelhäring , den der schlaue Alte unter die unruhige Menge emporgeschickt hat , auf daß sie , abgezogen durch Fastnachtspossen und Sykophantendeklamation von ihm und seiner unergründlichen Arbeit , nicht die Geburt der Zukunft durch ihr dummdreistes Zugucken und Zupatschen störe . Denn zweierlei war das Merkwürdigste an dem Vagabunden : Erstens , er trug nicht reine Märchenpoesie vor , sondern die grotesken Erfindungen und Gestalten wurden von ihm mit solcher Ruhe , Überzeugung und Ernsthaftigkeit hingestellt , sie saßen ihm so in Fell und Fleisch fest , daß man in währender Erzählung zu keinem dichterischen Behagen gelangte , man mußte ihn entweder für verrückt halten , oder an seinen Sachen , wie unsinnig sich das ausnahm , auf eine Stunde glauben . Zweitens , wenn er auch meistens in seinen milesischen Fabeln die Toren und Schächer der Zeit durchnahm , so fühlte man bald - wenigstens ich hatte die Empfindung nach kurzer Bekanntschaft - daß der Hohn nicht aus einer tugendhaft-erzürnten Seele quoll , sondern aus einem Sinne , dem eigentlich das Verkehrte lieb , notwendig , Bedürfnis und Stoff des Daseins war . Und darin kennst Du nun meine Grundsätze . Ich halt ' mich ans Positive . Begeisterung und Liebe ist die einzig würdige Speise edler Seelen . Einen Schwank mag ich wohl leiden . Aber das Spötteln , Nergeln und Grinseln um den Kehricht her , dem schon viel zuviel Ehre geschieht , wenn er nur genannt wird , ist mir im innersten Mute zuwider . Als ich zurückkam , fand ich ihn in unserm ganzen Kreise eingebürgert . Die alten Öhme und Vettern wollten sich ausschütten über seine Einfälle oder sperrten den Mund so weit auf , als die Muskeln es vertragen wollten , wenn er ihnen ihre eigenen hausbackenen Personen , in wunderbaren Capriccios diese zurückspiegelnd , zeigte . Ich hörte mit zu , war wechselsweise von seinen Reden berauscht und unangenehm ernüchtert . Es kann selbst sein , daß ich mich Clelien nicht so genähert haben würde , hätte ich nicht bei den verzwickten Schnurren ein doppeltes Bedürfnis nach einer einfachen , wahren Geselligkeit empfunden . - Zu den Abenteuerlichkeiten des Schrimbs oder Peppel gehörte auch , daß er sich regelmäßig des Tages drei Stunden über mit drei jungen Leuten einschloß , die kurz nach ihm eingelaufen waren und die Unbefriedigten hießen . Sie sprachen nämlich nie ein anderes Wort , als : sie fühlten sich unbefriedigt , und sahen immer starr und sonderbar vor sich hin . Woher die gekommen waren , wußte auch niemand , da sie aber still und nüchtern lebten , so konnten sie nicht verdächtig erscheinen . Mit den drei Unbefriedigten schloß sich also Schrimbs , wie gesagt , täglich drei Stunden lang ein . Was sie zusammen trieben , erfuhr keiner . Aber weder ein Geschäft , noch eine Einladung , noch ein Spaziergang mit andächtigen Zuhörern , noch sonst etwas , konnte ihn abhalten , wenn die Stunde des Einschließens kam , alles aufzugeben , und in das Haus zu gehen , worin die geheimnisvollen Zusammenkünfte stattfanden . Wollte man ihn darüber ausforschen , so pflegte er mit seiner abscheulichen Ruhe und Würde zu sagen , die Unbefriedigten studierten ihn ; wollte man den Sinn dieses rätselhaften Ausdrucks kennenlernen , so versetzte er gemeiniglich , es sei ihrer Studien wegen , daß sie ihn studierten , und fragte man ihn , was für Studien diese seien , so war die Auskunft : diejenigen , weswegen ihn die Unbefriedigten studierten . Nun zum Schluß der Geschichte . Unsere ganze Nicht-Liebesnovelle , Clelias und meine , hatte er mit durchgelebt , schien indessen nicht sehr darauf geachtet zu haben . Als die Sache aber allmählich wieder in das Gleiche kam , bringt mir , wie ich mich zum Besuch in der Stadt aufhalte , Freund Pfleiderer bestürzt ein lithographiertes Blatt , worauf unser ganzes Verhältnis , alle unsere Wendungen und Schritte , um ohne Aufsehen in eine gleichgültige Ferne auseinanderzurücken , zur wildesten Bambocciade verstellt zu lesen sind . Sie hieß : » Geschichte von Gänserich und Gänschen , die sich in ihren Herzen irrten « . Er sagte mir , daß das Ding vom Abenteurer herrühre , was auch nach den ersten Sätzen zu erkennen war . Der habe es in einer Gesellschaft erzählt , es sei allerliebst befunden worden , ein schnellfassender und schreibender Kopf habe es aufgezeichnet und auf allgemeines Begehren der lieben Schadenfreude zum Frommen für die Mitglieder der Gesellschaft lithographieren lassen . Jeder teile es im Vertrauen seinen nächsten Bekannten mit , und so mache es schon die Runde durch die halbe Stadt . Ich las und las , und was mich darin betraf , hätte ich verschmerzen können , ja ich gestehe , daß ich über manches lachen mußte . Aber auch Clelia war natürlich nicht darin verschont . Und das versetzte mich in einen Zorn , der mich taub und blind und rasend machte . Ich schwor dem Schelme die schrecklichste Rache . Nun hätte ich , um diese zu kühlen , mich in seiner Wohnung auf Lauer legen sollen . Aber da siehst Du den dummen Streich , der sich immer meinem Handeln beizumischen pflegt ! Einsiegelte ich das lithographierte Blatt und schrieb dem Urheber , ich werde dann und dann mich bei ihm melden und Genugtuung fordern , kurz , eine förmliche Kriegserklärung . Als ich zur bestimmten Stunde nach seiner Wohnung ging , fand ich das leere Nest ; Hals über Kopf war er abgereist . Ich hielt es für eine Finte , stürzte nach dem Hause , worin die geheimnisvollen Zusammenkünfte gefeiert wurden , weil ich ihn dort vermutete , aber da saßen die drei Unbefriedigten und jammerten , daß ihnen der Meister , wie sie den Gauch nannten , entschwunden sei . Vielfältige Nachfragen zeigten mir endlich eine Spur des Flüchtigen . Sie wies hieher , nach Norden , nach Niederland . In den Wagen gesetzt , mit dem alten Jochem , der noch verwirrter ist , als ich , und von Stadt zu Stadt nachgesprengt , bis ich denn hier vorläufig vor Anker gegangen bin . Ich habe nämlich den Jochem allein weiterspüren lassen , denn vor allen Dingen ist Inkognito nötig , wenn wir ihn entdecken wollen , und mich erkannten die Leute überall für das , was ich war . Weiß Gott , wie es zuging , da ich mir doch alle Mühe gab , mich zu verstellen . Des Inkognitos wegen ist auch der Wagen in Koblenz stehengelassen worden . Von da fuhren wir per Post , oder gingen auch streckenweise . Ich freue mich , wie ein Kind , daß ich die Geschichte vom Herzen heruntergebeichtet habe , denn nun darf ich von Dingen schreiben , die angenehmer sind . Nicht sagen kann ich Dir , wie wohl mir hier zumute geworden ist in der Einsamkeit der westfälischen Hügelebene , wo ich bei Menschen und Vieh seit acht Tagen einquartiert bin . Und zwar recht eigentlich bei Menschen und Vieh , denn die Kühe stehen mit im Hause zu beiden Seiten des großen Flurs , was aber gar nichts Unangenehmes oder Unreinliches hat , vielmehr den Eindruck patriarchalischer Wirtschaft vermehren hilft . Vor meinem Fenster rauschen Eichenwipfel , und neben denen hin sehe ich auf lange , lange Wiesen und wallende Kornfelder , zwischen denen sich dann wieder jezuweilen ein Eichenkamp mit einem einzelnen Gehöfte erhebt . Denn hier geht es noch zu , wie zu Tacitus ' Zeiten . » Colunt discreti ac diversi , ut fons , ut campus , ut nemus placuit . « Darum ist denn auch so ein einzelner Hof ein kleiner Staat für sich , rund abgeschlossen , und der Herr darin König , so gut als der König auf dem Throne . Mein Wirt ist ein alter prächtiger Kerl . Er heißt Hofschulze , obgleich er gewiß noch einen andern Namen führt , denn jener bezieht sich ja nur auf den Besitz seines Eigentums . Ich höre aber , daß dies überall hier so gehalten wird . Nur der Hof hat meistenteils einen Namen , der Name des Besitzers geht in dem der Scholle unter . Daher das Erdgeborne , Erdzähe und Dauerbare des hiesigen Geschlechtes . Mein Hofschulze mag ein Mann von etlichen sechzig Jahren sein , doch trägt er den starken großen knochichten Körper noch ganz ungebeugt . In dem rotgelben Gesichte ist der Sonnenbrand der fünfzig Ernten , die er gemacht hat , abgelagert , die große Nase steht wie ein Turm in diesem Gesichte , und über den blitzenden blauen Augen hangen ihm weiße struppige Brauen , wie ein Strohdach . Er gemahnt mich , wie ein Erzvater , der dem Gotte seiner Väter von unbehauenen Steinen ein Mal aufrichtet und Trankopfer darauf gießt und Öl , und seine Füllen erzieht , sein Korn schneidet , und dabei über die Seinigen unumschränkt herrscht und richtet . Nie ist mir eine kompaktere Mischung von Ehrwürdigem und Verschmitztem , von Vernunft und Eigensinn vorgekommen . Er ist ein rechter uralter freier Bauer im ganzen Sinne des Worts ; ich glaube , daß man diese Art Menschen nur noch hier finden kann , wo eben das zerstreute Wohnen und die altsassische Hartnäckigkeit , nebst dem Mangel großer Städte den primitiven Charakter Germanias aufrechterhalten hat . Alle Regierungen und Gewalten sind darüber hingestrichen , haben wohl die Spitzen des Gewächses abbrechen , aber die Wurzeln nicht ausrotten können , denen dann immer wieder frische Schößlinge entsprossen , wenngleich sich diese nicht mehr zu Kronen und Wipfeln zusammenschließen dürfen . Die Gegend ist durchaus nicht , was man eine schöne nennt , denn sie besteht lediglich aus wellenden Hebungen und Senkungen des Erdreichs , und das Gebirge sieht man nur in der Ferne ; ' s ist dieses auch mehr eine finstre Berglehne , als eine schönliniierte Kette . Aber eben ihre Anspruchslosigkeit , daß sie sich nicht aufgeputzt einem gegenüberstellt , fragend : » Wie gefall ' ich dir ? « sondern bis in die kleinsten Partikeln als fromme Schaffnerin dem Anbau durch menschliche Hände dient , macht sie mir doch sehr wert , und ich habe gute Stunden auf meinen einsamen Streifereien genossen . Vielleicht tut der Umstand auch das Seinige , daß mein Herz einmal wieder ganz ungestört seine Pendelschwingungen ausschwingen darf , ohne daß vernünftige Leute am Uhrwerke rücken und drehen . Poetisch bin ich sogar geworden , was sagst Du dazu , mein alter Ernst ? Hab ' etwas hingeworfen , wozu mich ein göttlichschöner Sonnentag , den ich vor Zeiten in den Waldgründen des Spessart verlebte , zuerst anspornte . Ich glaube , es wird Dir gefallen . Es heißt : » Die Wunder im Spessart « . Am liebsten sitze ich droben auf dem Hügel an einem stillen Platze zwischen den Kornfeldern des Hofschulzen , die dort zu Ende gehen . Man hat eine geräumige mit Kraut und Brombeergebüsch bewachsene Einsenkung des Bodens vor sich ; rings im Kreise um sie her liegen große Steine , einer , gerade dem Felde gegenüber , ist der größte , über dem spannen drei alte Linden ihre Zweige aus . Dahinter rauscht der Wald . Die Stelle ist unendlich einsam und beschlossen und heimlich , besonders jetzt , wo man im Rücken das mannshohe Korn hat . Da droben bin ich viel . Freilich nicht immer in sentimentaler Naturbetrachtung , es ist auch mein gewöhnlicher abendlicher Anstandsort , von wo ich dem Schulzen die Reh ' und Hirsch ' aus dem Korn schieße . Sie nennen den Platz den Freistuhl . Vermutlich hat also dort vor alters das Femgericht im Schrecken der Nacht seine Verdikte ausgebrütet . Als ich meinem Schulzen ihn lobte , ging eine Freundlichkeit über sein Gesicht . Er versetzte nichts , nahm mich aber nach einiger Zeit ohne Veranlassung mit auf eine Kammer im obern Stock des Hauses , öffnete dort einen eisenbeschlagenen Koffer und zeigte mir in demselben ein altes rostiges Schwert liegend . Mit Feierlichkeit sagte er : » Das ist eine große Rarität ; es ist das Schwert Caroli Magni , seit tausend und mehreren Jahren beim Oberhofe aufbewahrt , und noch in voller Kraft und Gewalt . « Ohne weitere Erklärungen hinzuzufügen , klappte er den Deckel wieder zu . Ich hätte um alles seinen Glauben an dieses Heiligtum nicht zerstören mögen , obgleich mich mein flüchtiger Blick lehrte , daß der Flamberg kaum ein paar hundert Jahre als sein könne . Er zeigte mir aber ein förmliches Attest über die Echtheit der Waffe , von einem gefälligen Provinzialgelehrten ihm ausgestellt . Hier will ich denn nun unter den Bauern bleiben , bis mir der alte Jochem Nachricht von dem Schrimbs oder Peppel gibt . Es ist zwar die achtzig Meilen her kühler in mir geworden , denn gar viel tut ' s , wenn vierzehn Tage zwischen dem Vorsatz und der Ausführung liegen , auch steht nun die Frage , welche Rache ich eigentlich an ihm nehmen soll ? aber das wird sich schon alles finden . Dieser Brief , wie ich ihn überlese , kommt mir ganz possierlich vor . Vorn stehen recht hübsche Bemerkungen , hinten dergleichen , ich brauche mich ihrer gar nicht zu schämen , und in der Mitte ist ' s , als ob ein dummer Bub ' seine Eulenspiegelei erzählt . Nun , ich werd ' ja endlich auch klug werden . - Wenn einen die Leut ' nur verständen in der Fremde ! Alles muß man drei- mal sagen , bevor ' s gefaßt wird . Und wenn man nicht gar ein Stockschwab ist , sondern im Gegenteil in der Welt umhergekommen , und andere vielfältig hat reden hören , so kann man sich selbst durch unser Zischen und Prasseln hin und wieder beschwert fühlen . Wir haben doch Geist , soviel wie die übrigen , warum können wir denn das Wort nicht gelind , sanft und zart von uns geben , sondern sprechen immer : » Keescht ? « Aber ich denke , aus : » Keescht « kann allezeit durch Abschwächen und Filtrieren : » Geist « werden , nicht aber umgekehrt aus » Geist « , » Keescht « . Und so wird ' s der Herr in diesem Punkt wie in allen andern wohl mit uns brav gemeint haben . Mentor , hoffentlich hörst Du bald mehr von Deinem Nicht-Telemach Schilt ihn aber tüchtig aus , darum bitt ' ich Dich . Siebentes Kapitel Worin der Jäger dem Hofschulzen eine alte Geschichte von seinen Eltern erzählt Mehrere Tage gingen im Oberhofe auf die gewohnte stille und einförmige Weise hin . Der alte Jochem ließ noch immer weder von sich noch von dem entwichenen Abenteurer hören , und seinen jungen Gebieter wollte doch nachgerade eine stille Unruhe beschleichen . Denn so umspinnt uns alle die jetzige geregelte Zeit , daß niemand , und sei er noch so ungebunden , lange ausdauern kann ohne den Rücken an ein Geschäft , oder an ein Verhältnis zu lehnen . Mit dem Hofschulzen verkehrte er zwar , sooft er konnte , und die originelle Eigentümlichkeit des Mannes behielt für ihn ihre ganze Anziehungskraft , welche sie am ersten Tage der Bekanntschaft über ihn ausgeübt hatte , aber teils war der Alte meistens in seiner Wirtschaft sehr beschäftigt , teils hatte er viel mit andern abzureden , da täglich Menschen im Hofe einsprachen , die ihn um Rat oder Hülfe angingen . Bei diesen Gelegenheiten bemerkte der Jäger , daß der Hofschulze im eigentlichen Sinne des Worts nie etwas umsonst tat . Er war gegen Nachbarn , Gevattern und Freunde zu allem bereit , aber sie mußten ihm immer etwas dagegen leisten , und wäre es nur die unentgeltliche Ausrichtung eines Auftrags nach einer in der Nähe belegenen Bauerschaft , oder eines andern kleinen Dienstes dieser Art gewesen . Täglich wurde geknallt , freilich immer vorbei , so daß der Alte , der stets ins Schwarze traf , er mochte zielen , worauf er wollte , über diese fruchtlosen Bemühungen verwunderte Augen zu machen begann . Es war ein Glück für unsern Jäger , daß gerade um jene Zeit der zunächstwohnende Gutsbesitzer sich mit seiner Familie und Dienerschaft auf einer Reise befand , sonst würden ihn wahrscheinlich doch einmal die zünftigen Schützen oben am Freistuhl ertappt haben . Gern wäre der junge Schwabe in manches eingedrungen , was ihm verhüllt blieb . Der erste Knecht fragte den Schulzen eines Tages , ob das Korn droben am Stuhl nicht angeschnitten werden solle , da es vollkommen reif sei ? erhielt aber von seinem Herrn den Bescheid , daß es bis nach der Hochzeit stehen bleiben müsse . Diese Worte würden dem Jäger nicht weiter aufgefallen sein , wenn er damit nicht unwillkürlich den Inhalt eines Gesprächs in Verbindung gesetzt hätte , dessen unbemerkter Ohrenzeuge er kurz zuvor geworden war . Zwei benachbarte Hofbesitzer , welche seinen Wirt besuchten , hatten ihn nämlich , so daß der Jäger es hörte , befragt : Wann das Geding sein solle ? und zur Antwort erhalten : Am zweiten Tage nach der Hochzeit , mit dem Hinzufügen , daß dann zugleich der Schwiegersohn die Losung empfangen werde . Der junge Mann brachte diese Reden mit der Schonung des reifen Korns am Freistuhl in Zusammenhang , ohne gleichwohl die eigentliche Bedeutung sich klarmachen zu können . Seinerseits sagte der Hofschulze einmal zum Jäger , als dieser wieder mit leerem Pulverhorn und leerer Weidtasche in den Hof zurückkehrte : » Wie ist das , junger Herr ? Sie treffen ja niemalen was ? « Der Jäger war gerade in einer verdrießlichen Stimmung , die zuweilen am offensten macht . Er versetzte daher kurzweg : » Daß ich nichts treffe , ist nicht meine Schuld , und daß ich dennoch immerdar schießen muß , liegt auch nicht an mir , das hängt mir von Mutterleib an . « »