Zimmer . Dort versprach sie jedes Geräusch von der mit jeder Minute scheinbar mehr Leidenden möglichst fern zu halten , vor allen Dingen aber sie nicht wecken zu lassen , und sollte sie darüber auch den Mittag verschlafen . Alles das war in ähnlichem Falle schon unzähligemal geschehen , und konnte unmöglich als etwas Ungewöhnliches auffallen . Frau Karoline umarmte Julien , wünschte ihr eine leidliche Nacht , und ging . Ging ! und das verstockte Kannibalen-Herz äußerte nicht das kleinste Zeichen von Rührung bei dem letzten Abschiede von einer Frau , die ihr stets mütterliche Liebe bewiesen ; rief hier der Kapellmeister dazwischen . Sie wußte nicht , daß es der letzte sei ; erwiederte Eugen , und legte betheuernd seine Hand auf die Brust . Frau Karoline fuhr in ihrer Erzählung fort . Die Mittagsstunde war längst vorüber , Julie hatte sich nicht blicken lassen , Frau Karoline fand die Thüre ihres Zimmers verschlossen ; sie pochte , erst leise , dann lauter , dann rief sie Juliens Namen . In liebender Besorgniß schloß sie mit ihrem Hauptschlüssel endlich das Zimmer auf , Julie war nicht darin ; sie ist früh ausgegangen , um in freier Luft das fatale Kopfweh verwehen zu lassen , und hat bei dem herrlichen Wetter wohl daran gethan : dachte die arglose Frau und begab sich ruhig an ihre häuslichen Geschäfte . Die Zeit des Mittagessens kam heran ; einige Freunde des Hauses stellten wie gewöhnlich sich ein , nur Torson nicht , der doch selten auszubleiben pflegte . Und noch immer von Julien keine Nachricht ! Der Kapellmeister versuchte es , die jetzt nicht länger zu verhehlende Besorgniß seiner Frau wegzulachen , versicherte , die Vermißte habe auf einem Besuche bei , in einem weit entfernten Quartiere der Stadt wohnenden Freunden , sich verspätet , und sei bei ihnen zu Tische geblieben . Der Fall war schon einigemale vorgekommen , Frau Karoline gab sich Mühe auch diesesmal daran zu glauben , sie zeigte ihren Gästen ein heitres Gesicht , doch innerlich stieg ihre Angst mit jeder Minute . Dieser Zustand war nicht lange zu ertragen , die Unruhe trieb sie fort von der Gesellschaft auf Juliens Zimmer , was sie dort wollte , war ihr selbst nicht klar ; ohne Zweck und Ziel irrte sie in den ihr wohlbekannten Räumen umher , die Thüre von Juliens Garderobe stand halb offen , Frau Karoline wollte sie schließen , warf zufällig einen Blick hinein , und was sie dumpf ahnend befürchtet , ohne es sich selbst zu gestehen , stand mit einemmale deutlich als Wirklichkeit vor ihr . Die Garderobe war fast ganz leer , der größte Theil von Juliens Wäsche und Kleidern fehlte , nebst allem , was sie auf einer weiten Reise nöthig haben konnte . Was sie an Schmuck und andern Kostbarkeiten besessen , mit denen Torson in der letzten Zeit sie so verschwenderisch beschenkt hatte , war bei näherer Untersuchung ebenfalls verschwunden , zugleich alle jene , ihr sehr werthen namenlosen Kleinigkeiten , die sie in Königsberg und Petersburg von Freunden zum Andenken erhalten und heilig aufbewahrt hatte . Alles was sie von ihren Habseligkeiten zurückgelassen , lag übrigens in gewohnter Ordnung da , nirgends eine Spur von übereilter Flucht ; aus Allem ging hervor , daß diese Vorkehrungen zu derselben schon tage- , vielleicht wochenlang vorher getroffen worden waren ; an Gewaltthat war hier gar nicht zu denken . Tausend bittre und schmerzliche Gefühle stürmten bei dieser Entdeckung auf die arme Frau ein ; als ihr Mann sie endlich aufsuchte , fand er sie in einem fast besinnungslosen Zustande , auf sein ängstliches Rufen eilte das ganze Haus herbei . Sie kam bald wieder zu sich selbst , war aber zu ergriffen , zu erschrocken , um das Ereigniß , welches sie in diesen Zustand versetzt hatte , gleich bekannt werden zu lassen . Alle Diener wurden verhört , doch nur zwei derselben konnten einige Auskunft geben , das Kammermädchen Katinka , und ein in einem permanenten Branntweinrausche lebender Ofenheizer , Nikita . Die Übrigen hatten sämmtlich nichts gesehen noch gehört . Katinka , deren Schlafkammer Wand an Wand mit Juliens Zimmer lag , obgleich keine Thüre von dort aus in dasselbe führte , wollte am vorigen Abend , bis spät in die Nacht hinein , ein leises Flüstern und Hin-und Hergehen bei Julien bemerkt haben ; zugleich ein Geräusch , als ob Schränke vorsichtig geöffnet , und Schiebefächer aus Kommoden hervorgezogen würden . Sie hatte lange darauf gehorcht , da aber übrigens alles im Hause ruhig blieb , war sie endlich darüber eingeschlafen . Nikita hatte schon Bedeutenderes vorzutragen . Er pflegte gewöhnlich den ersten Absatz der Treppe vor Juliens Zimmer zur Lagerstätte sich zu erwählen , und hatte auch in der vergangenen Nacht , in seine Decke gehüllt , sich quer über denselben gebettet . Er versicherte , besonders seit einiger Zeit , an dieser Stelle viel von Gespenstern gelitten zu haben , die Nachts über ihn hinwegstiegen ; da sie aber übrigens ihm nichts zu Leide gethan , habe er sich dadurch weiter nicht im Schlafe stören lassen . Diese Nacht aber habe eines davon ihm so derb auf den Magen getreten , daß er wohl die Augen habe aufthun müssen ; und da sei er eben eine verschleierte Dame gewahr worden , die über ihn wegstolperte , und wahrscheinlich die Treppe hinunter gefallen wäre , hätte Herr Torson sie nicht in seine Arme aufgefangen . So viel er bei dem unsichern flackernden Scheine der kaum noch glimmenden Treppenlampe habe urtheilen können , sei die Dame die Frau Kapellmeisterin selbst gewesen , Herrn Torson aber habe er deutlich erkannt , denn dieser habe sein Rohr mit dem goldnen Knopfe ihm um den Kopf sausen lassen , und ihm ganz leise ins Ohr geschrieen : » Narr ! ducke Dich und schlaf ' ! « Nun , da habe ich mich denn unter meine Decke geduckt , und habe geschlafen ; denn Gehorsam muß sein , setzte Nikita mit großer Selbstgefälligkeit hinzu . Sie ist entführt ! gewaltsam entführt ! rief Eugen . Rechnen Sie denn das heimliche Hinwegschaffen ihrer Effecten für nichts ? und der baumstarke Nikita lag zu ihren Füßen , auf einen Wink von ihr zu ihrem Beistande bereit ; ein einziger Schrei hätte alle Bewohner des Hauses um sie versammelt ; eiferte Frau Karoline . Armer , unglücklicher Iwan ! wie verstehe ich erst jetzt dich so ganz ! seufzte Eugen . Ja wohl unglücklich ! setzte Karoline hinzu . Gerade im Augenblicke , als jede Möglichkeit eines Zweifels uns entschwunden war , kam er . Wir konnten ihm nichts verhehlen ; der Zustand , in welchem er uns fand , und unsre Umgebungen verriethen ihm Alles . Was er begann , was er sprach , ich weiß es nicht ; sein Anblick raubte mir vollends den kleinen Rest von Besinnung . Später vernahm ich , daß er das ganze Haus , vom Boden bis zum Keller durchsuchte , und dann gleich einem Wahnsinnigen hinaus auf die Straße stürzte . Jegor folgte ihm aus freiem Willen ; der gute Alte konnte ihn nicht einholen , aber er verlor ihn nicht aus dem Gesicht , bis er in einem , zu den Hintergebäuden des Palais Ihres Herrn Vaters gehörenden Hofe , in eine Seitenthüre ihn verschwinden sah . Jegor wartete eine Weile auf seine Wiederkehr , umging dann mehreremale das ganze Gebäude , erkundigte sich bei dem ihm bekannten Portier , ob er Iwan Yakuchin nicht gesehen , und begab sich dann nach Hause , mit der beruhigenden Nachricht , daß Iwan unter der Obhut von Freunden wenigstens in Sicherheit sei . Seitdem haben wir bis heute Morgen nichts weiter von ihm vernommen , und sehnten uns auch nicht darnach . Daß er uns mied , fanden wir ganz natürlich , denn was konnte er zu unserm , was wir zu seinem Troste beitragen ? Jene Seitenthüre , die Jegor erwähnte , ist ein in eine andre Straße führender Durchgang , das konnte er freilich nicht wissen , erwiederte Eugen ein wenig betroffen ; haben die Nachforschungen der Polizei , die Sie gewiß veranstalten ließen , keine Spur von den Entflohenen entdeckt ? fragte er dann mit hastiger Lebendigkeit . In frühester Morgendämmerung will man ein paar Personen , die sie der Beschreibung nach wohl gewesen sein könnten , in der Gegend des Hafens gesehen haben , wo einige der kleinen Schiffe eben segelfertig lagen , welche uns alljährlich Früchte , Blumen und Singvögel aus Danzig und Königsberg bringen , aber nur für Passagiere aus den niedern Ständen eingerichtet sind ; sprach der Kapellmeister . Und nun , mein Fürst , wenn Sie mir wirklich wohlwollen , kein Wort wieder von Jenen ! es sei als wären sie nie gewesen , ich bitte inständigst darum : setzte er auf eine Weise hinzu , aus welcher deutlich hervorging , wie ernstlich diese Bitte gemeint sei . Iwan lag indessen in ununterbrochenem todtenähnlichem Schlummer ; nur ein kaum merkbarer Lebenshauch , der zuweilen die müde Brust langsam senkte und hob , war das einzige Zeichen , daß er dem Grabe noch nicht ganz verfallen sei . Verborgen kämpfte indessen in seinem Innern die Natur den harten Kampf auf Leben und Tod , seine Jugendkraft siegte , das Fieber wich , mit ihm der Wahnsinn , der so lange den Armen mit glühenden Krallen gefesselt gehalten , und Iwan erwachte nach vier und zwanzig Stunden , matt , todesmatt , aber er lebte doch noch , und war dem Bewußtsein wiedergegeben . Unter Richards und seiner Freunde treuer Pflege stellte in der Folge die Hoffnung , ihn dem Leben zu erhalten , sich täglich fester ; zwar blieb er lange noch kraftlos , wie ein krankes Kind , doch jedes wahrhaft beunruhigende Symptom war verschwunden ; sein Blut bewegte sich ruhig , kein Fieber jagte es mehr in ungestümen Wogen vom Herzen zum Herzen . Man durfte allmälig mit Gewißheit darauf rechnen , den langsam Genesenden bald ganz erkräftigt zu sehen ; und da er jetzt auch anfing , an dem was außer ihm vorging , einigen Antheil zu nehmen , sogar mitunter auf mannigfaltige Art , so viel es seine Schwäche erlaubte , sich zu beschäftigen , so stand Richard nicht weiter an , ihn täglich ein paar Stunden der Obhut seines Dieners allein zu überlassen , auf dessen wachsame Sorgfalt er rechnen durfte . Doch wie groß war sein schmerzliches Erstaunen , als er eines Tages , etwas später als gewöhnlich , zu ihm zurückkehrte , und in einem ganz veränderten Zustande ihn fand , der von nun an sich täglich verschlimmerte , ohne daß es möglich gewesen wäre die Veranlassung desselben zu entdecken , oder auch nur für das Übel das den Unglücklichen innerlich zerstörte einen Namen zu finden . Kalt , bewegungslos , wie vom Starrkrampf gefesselt , lag er todtenbleich auf seinem Lager hingestreckt . Abgemagert bis zum Skelett , kaum noch der Schatten von dem was er gewesen , verschmähte er fast alle Nahrung , beantwortete keine Frage , nahm in grenzenloser Apathie an allem , was um ihn her vorging , nicht den mindesten Antheil . Obgleich er fast immer mit geschlossenen Augen dalag , schlief er doch selten und nur auf kurze Augenblicke wirklich ein . Die Ärzte , welche seine Freunde um ihn her versammelten , verkannten keineswegs das Gefahr drohende dieses Zustandes , aber er blieb ihnen unerklärlich , um so mehr , da kein Symptom eigentlichen wirklichen Krankseins sich zeigte , das ihnen hätte zum Leitfaden dienen können . In seiner großen Besorgniß wandte Richard sich endlich an den ersten Leibarzt des Kaisers , und dieser ließ , auf Fürsprache des Fürsten Andreas , sich bewegen den Kranken zu besuchen ; mochte aber ebenfalls , eben so wenig als seine Kollegen , einen entscheidenden Ausspruch hier wagen . Der Fall schien ihm indessen merkwürdig genug , um zu einem zweiten Besuche ihn zu veranlassen ; er nahm Platz neben des ganz regungslos daliegenden Iwans Lager , und beobachtete ihn schweigend mit angestrengtester Aufmerksamkeit , während Eugen und Richard , hinter ihm stehend , sich ziemlich leise mit einander im Gespräch unterhielten . Eugen sprach von einem merkwürdigen Naturereignisse , das sich vor kurzem in der Umgegend von Tiflis begeben . Tiflis ? rief plötzlich der Leibarzt : Tiflis ? wiederholte er : sprachen Sie nicht von der Stadt Tiflis , am Kaukasus ? fragte er fast überlaut , und Eugen wiederholte umständlich , was er so eben seinem Freunde erzählt hatte . Daß Iwan , der bis dahin wie versteinert dagelegen , bei Nennung jenes Namens wie von einem elektrischen Schlage getroffen , zusammen fuhr , was weder Eugen noch Richard gewahr worden waren , war dem geübten Blicke des trefflichen Arztes nicht entgangen . Ein merkwürdiges Ereigniß gleich diesem , nahm er jetzt laut und deutlich das Wort , wäre schon an und für sich hinreichend , es jedem eifrigen Freunde der Natur ewig bedauern zu lassen , daß jenes schöne Land uns so fern liegt ! Die Reise dorthin ist überdem mit so großen und vielen Schwierigkeiten verknüpft , daß sie nur wenigen , von Umständen besonders Begünstigten , möglich werden kann . Wenig Himmelsstriche sind von der Natur so reich ausgestattet als der Kaukasus , besonders aber die Umgebungen von Tiflis . Jahrelang , mit täglich erneutem Interesse könnte man im eifrigsten Naturstudium dort verweilen . Die siedendheiß den Felsen entsprudelnden Heilquellen stehen keinen in der Welt an Wirksamkeit nach . Ich selbst habe das kaukasische Gebirge zwar nur aus der Ferne , und Tiflis leider gar nicht gesehen , als ich auf Befehl unsers Kaisers , die noch viel zu wenig gekannten Gesundbrunnen bei Konstantinogorsk , besonders den Sauerbrunnen von Kislawodsk untersuchen mußte ; letzteren könnte man füglich die Quelle ewiger Jugendkraft nennen . Doch schon um Kislawodsk herum , gleicht das Land den Beschreibungen der paradiesischen Wohnung unsrer ersten Eltern , fuhr der Arzt in lebhafter Begeisterung fort ; wie schön mag es erst jenseits des Gebirges , um Tiflis herum sein . Bei einem Kunstfreunde sah ich vor einigen Tagen mehrere , von dem seit einigen Jahren dort wohnenden berühmten Maler , Karl von Kügelgen , der Natur treu nachgebildete Landschaften , und konnte mich kaum wieder davon los machen . Der Kaukasus gleicht weder den Schweizer Alpen , noch dem schottischen Hochgebirge , alles ist anders , aber nicht minder herrlich . Ein eigner Charakter , im wundervollsten Wechsel nordischer Erhabenheit und südlicher Üppigkeit , zeichnet jene Gegenden vor allen Andern aus . Sogar Eugen und Richard wurden jetzt zu ihrem höchsten Erstaunen gewahr , welche fast magische Gewalt die Rede des Arztes auf Iwan übte . Der Starrkrampf , der so lange ihn gefesselt gehalten , wurde wie durch einen Zauberspruch plötzlich gelöst , die Züge seines Gesichts gewannen wieder Farbe , Leben und Ausdruck , seine Brust hob sich leichter athmend , wie neu beseelt . Tagelang hatte er regungslos wie eine Leiche dagelegen , und jetzt vermochte er sogar mit eigner Kraft sich im Bette aufzurichten , und als der Arzt den Maler Kügelgen erwähnte , zog er eine kleine unscheinbare Mappe hervor , die er unbemerkt bei sich verborgen gehalten , und benetzte sie mit einem Strom von Thränen , den ersten vielleicht , die er seit seiner Kindheit geweint . Das Übel , das mit verzehrender Gewalt ihn befallen , war jetzt nicht mehr zu verkennen ; eben jene kleine unscheinbare Mappe hatte den Ausbruch desselben veranlaßt , oder doch wenigstens beschleunigt . Lange hatte sie unbeachtet , sogar vergessen , unter andern Papieren begraben , in Iwans Schreibtisch gelegen , als dieser während Richards Abwesenheit auf den Einfall kam , hier einmal Ordnung stiften zu wollen . Die Mappe fiel ihm in die Hände ; ohne deutlich sich zu erinnern , was sie enthielt , öffnete er sie , und umgeben von Gärten und Bäumen , von hohen majestätischen Felsengruppen umfriedet , lag das ländliche Haus seines Vaters vor ihm . Karl von Kügelgens Meisterhand , der jetzt schon ebenfalls , fern von seinem gemordeten Zwillings-Bruder den langen Schlaf schläft , hatte vor vielen Jahren , skizzenartig , aber geistreich und treu , diese Zeichnung entworfen , und bei seinem Abschiede von Iwans gastfreien Eltern , sie ihnen zum Andenken hinterlassen . In der Staffage des Vordergrundes waren sogar einige Figuren angebracht , denen im leichtesten Umriß unverkennbare Ähnlichkeit mit Iwans Eltern und Geschwistern aufgedrückt war . Heimweh , tief und verborgen an den Grundfesten seines Lebens nagendes Heimweh ergriff hyänenartig bei diesem Anblicke den Sohn des Gebirges , und überwältigte den kaum Genesenden völlig . Er mußte diesem wunderbaren , in tausend verwirrenden Gestaltungen sich zeigenden Übel geistig und körperlich erliegen , das nur in bleibendem Wahnsinne oder im Tode enden kann , wäre es nicht noch zur rechten Zeit erkannt worden , um das einzige Mittel das davon heilen kann anzuwenden , welches aber auch in seiner Wirkung nie täuscht : Wiedersehn ! Schnell , kräftig , ohne Säumen , mußten jetzt alle Anstalten getroffen werden , den Unglücklichen zu retten , und durch die gesicherte Hoffnung baldiger Rückreise in sein Vaterland ihn vor einem Rückfalle zu bewahren , der ihn völlig dem Untergange zugeführt haben würde . Der kaiserliche Leibarzt stellte ihm ein Zeugniß aus , mit dessen Hülfe es dem Fürsten Andreas gelang , ihm zu Wiederherstellung seiner Gesundheit Urlaub auf unbestimmte Zeit zur Rückkehr in sein Vaterland auszuwirken . Während dessen wurden die besten Maßregeln getroffen , um Iwans Anverwandte von seinem Zustande und seiner baldigen Ankunft zu benachrichtigen ; was allerdings in jenen fernen oft unruhigen Gegenden nicht so leicht auszuführen ist als bei uns , wo Herr von Nagler Postillionen und Postpferden Flügel anzusetzen weiß . Zuletzt mußte auch Richard sich entschließen den Freund , für den er schon so viel gethan und gelitten , zu begleiten , den man , aus verschiedenen Gründen , auf einer so weiten Reise nicht wagen durfte , nur sich selbst und der Obhut eines Dieners zu überlassen . Betragen wir uns nicht wie Kinder ? und zwar wie recht verzogene , verwöhnte Kinder , die sich anstellen , als ob wunder großes Unrecht ihnen widerführe , wenn es nun endlich heißt : für heute ist es genug , morgen kommt wieder ein Tag : sprach Helena lächelnd zu ihrem im bangen Vorgefühle des nahen Abschieds versunkenen Freunde . Morgen ! seufzte Richard , und welche Reihe unheilbringender Tage , die ich fern von Dir hinleben muß , wird vielleicht dem folgen , der morgen anbricht ! Helena ! wüßtest Du , wäre es möglich daß - doch nein . Aus einigen Äußerungen , die Dir zuweilen entschlüpfen , möchte es mir zwar scheinen , als ob - doch es ist unmöglich . Wie könntest Du in dieser heitren Unbefangenheit verharren , wenn Du nur auf das Entfernteste ahnetest , welche Greuel eine Menschenbrust , dicht neben Dir , verschließen kann ! Morgen reise ich ! wer kann vorhersehen , ob meine Entfernung von Dir sich nicht über die ihr vorgezeichnete Grenze ausdehnen wird ? Ich gehe mit beklommener Brust und centnerschwerem Herzen . Gieb mir den einzigen Trost mit auf den Weg , der einigermaßen mich beruhigen kann ; gestehe mir nur das Einzige , weißt Du , oder kannst Du wenigstens errathen , was es ist , das , gerade in dieser Zeit , auch die kürzeste Trennung von Dir und den Deinen mir so ungewöhnlich , so grenzenlos erschwert ? Wie magst Du nur mit solchen dunklen Fragen und Anspielungen diese Stunde uns verderben ! erwiederte Helena . Indessen , setzte sie nach kurzem Bedenken hinzu , da es doch scheinen will , als ob Du ohne meine Antwort nicht mit Dir selbst fertig werden kannst , so will ich auch hierin Dir willfahren , und Dir gestehen , nicht was ich blos errathe , denn mit dergleichen pflege ich mich nicht abzugeben , sondern was ich wirklich weiß . Mit diesen Worten stand sie auf , und trat dicht vor ihn hin ; Richard blickte forschend sie an , als wolle er durch ihre Augen bis in das Innerste ihrer Seele dringen ; seine zitternde Hand umschloß die ihrigen , die sie ihm ruhig überließ , sein ganzes Wesen deutete auf heftig gespannte Erwartung ; Helena schien das alles nicht zu bemerken . Achte genau auf meine Worte , schiebe keinem derselben eine andere Auslegung unter , denn wörtlich wie ich es meine , so spreche ich es auch aus , fing sie sehr ernst und bedeutsam an ; was ich weiß , sollst Du jetzt erfahren . Fürs erste weiß ich , daß es Frauen nicht ziemt in Geheimnisse eindringen zu wollen , an welchen öffentlich Theil zu nehmen ihr Geschlecht ihnen verwehrt . Dann weiß ich aber auch , daß Männer durch halbverständliche Andeutungen und Fragen ihnen dieses bescheidene Zurücktreten nicht erschweren sollen , indem sie dadurch obendrein sich selbst der Gefahr aussetzen , in einem unbewachten Augenblicke das , was ihnen das Heiligste sein muß , ihr feierlich gegebenes Wort zu verletzen . Sie dürfen nie vergessen , daß selbst in dringender Todesgefahr dieser Ausweg ihnen verschlossen bleiben muß . Schweigend soll der Mann untergehen , schweigend sogar die Geliebte ins Grab sinken sehn können , wenn nur Meineid sie retten kann . Die schmerzlichste Trennung müßte ja einer solchen That unausbleiblich folgen ; weit schmerzlicher als der Tod muß es sein , in dem einst Geliebten einen Wortbrüchigen verachten zu müssen . Helena schwieg . Richard schlug , geblendet von der Hoheit , welche in diesem Augenblicke sie umstrahlte , die Augen nieder . Sie sah ihn lange und fest an ; ich sehe , Du hast mich verstanden , sprach sie leise . Sieh nicht so schwarz in unsre schöne Welt hinein , in unser an Hoffnungen so reiches Jugendleben : nahm sie lächelnd wieder das Wort , als Richard in düsterm Schweigen noch immer vor sich hinstarrte . Was für ein Unheil ist es denn , das uns heute bedroht ? eine Trennung von höchstens dritthalb Monaten , denn Deinen Urlaub wirst Du gewiß nicht überschreiten wollen . Und nach so viel Sorge , Angst und Nachtwachen am Krankenbette , bedarfst Du zu Deiner Erholung dieser Reise fast nicht weniger als Dein Freund , den Du in die Arme seiner Familie zurückführen willst . Unbegreiflicher Verrath eines heiß geliebten Mädchens hat , wie ich von Eugen vernahm , den Armen dem Wahnsinne , und beinahe dem Tode zugetrieben . Nicht nur die Untreue der Geliebten , viel Gräßlicheres noch hat eine Wunde ihm geschlagen , die keine Zeit heilen kann , sprach Richard . Ich denke das Erste allein wäre genug , um seinen traurigen Zustand zu erklären , fiel Helena ihm ein : übrigens habe ich , so viel ich weiß , ihn nie gesehen ; es wäre indiskret , in seine nähern Verhältnisse eindringen zu wollen . Richard sah ein , daß Helena absichtlich alles vermied , was zu Erläuterungen führen konnte , denen auszuweichen sie fest entschlossen war ; er fügte sich ihrem Willen , so schwer es ihm auch wurde . Ihre beiden Brüder kamen jetzt hinzu , um den Freund vor seiner Abreise noch einmal zu sehen . Ihre Gegenwart löste jeden Mißton in Richards Gemüth , Helena suchte in der gemäßigteren Stimmung ihn zu erhalten , die allmälig sich seiner bemächtigte , und die Anmuth ihres Geistes trug auch diesmal den Sieg davon . Ehe er sich dessen versah , hatte er von der Geliebten Abschied genommen , um sich nun zu ihrem Vater zu begeben , der ihn erwartete , und der ruhigere Schlag seines nur noch von wehmüthigem Trennungsschmerze erfüllten Herzens , das vorhin in wilder Aufregung tobend , ihm die Brust zu zersprengen drohte , erschien ihm selbst beinahe wie ein Wunder . Fürst Andreas saß an seinem Schreibtische , als Richard zu ihm hinein trat . Sorgsam vorbereitet , als gälte es einem geliebten , eine lange , nicht ganz gefahrlose Reise antretenden Sohne , und nicht dem armen namenlosen Fremdlinge , der weiter keine Ansprüche an ihn hatte , als die er gütig ihm gewähren wollte , lag alles ausgebreitet vor ihm , was zur Annehmlichkeit und Sicherheit von Richards Reise bis an die fernste Grenze des kolossalen Kaiserreiches beitragen konnte : Kreditbriefe , Reiseroute , Empfehlungen an die bedeutendsten Bewohner und an die Behörden der Orte , durch welche sein Weg ihn führen mußte . Daneben lag das Tagebuch , welches der Fürst vor mehreren Jahren auf dieser nämlichen Reise eigenhändig und sorgfältig niedergeschrieben hatte . Richard fand bei diesem väterlichen Empfange keine Worte , um sein dankbares Gefühl laut werden zu lassen . Doch nicht dieses allein war es , was Athem und Sprache ihm benahm , noch viel Andres erfüllte bis zum Überfließen sein Herz . Er wollte zum stummen Beweise seines Dankes wenigstens die Hand seines Wohlthäters an seine Lippen drücken , der edle Fürst zog in väterlicher Umarmung ihn in seine Arme , an seine Brust , und Richard brach in Thränen aus ; er konnte nicht anders , es war zu viel für das ihn überwältigende Gefühl . Der Fürst war weit davon entfernt , diesen Ausbruch seines Gefühls dem augenscheinlich Tiefbewegten verargen zu wollen , aber doch hielt er es für gerathen , ihn nicht zu bemerken , um nicht in die nächste Veranlassung zu demselben eindringen zu müssen , welche er dem ihm nicht unbekannt gebliebenen Abschiedsbesuche bei Helenen zuschrieb . Schonend wollte er ihm Zeit lassen sich zu fassen , und nahm deshalb sein Tagebuch zur Hand , aus welchem er einiges wohl zu Beherzigende ihm mittheilte . Er sprach viel von den Sitten und Gebräuchen der Völker , mit denen Richard unterwegs in Berührung kommen würde , prieß die erfreulichen Fortschritte der Kultur in Georgien , seit dieses Volk beim Anfange dieses Jahrhunderts , unter dem Kaiser Paul , sich freiwillig dem russischen Scepter unterworfen , vergaß aber auch nicht die wilden Horden der Tschetschen und Tscherkessen zu erwähnen , die zu großen Räuberbanden vereint , oft gleich einem Heuschreckenheere das Land überfallen und den Reisenden gefährlich werden . Dann kam er auf die Behandlung des Landbaues , dessen Verbesserung unter diesem günstigen Himmelsstriche , in diesem üppig fruchtbaren Boden , seiner Behauptung zufolge , noch Vieles zu wünschen übrig läßt ; zuletzt erwähnte er das dortige Fabrikwesen , die Stoffe in Gold , Silber und Seide , die köstlichen Shawls , die reichen Teppiche jener Länder . Hier befand sich der gute Fürst in seinem Elemente , fröhlichen Muthes schwang er sich auf sein Lieblings-Steckenpferd , und tummelte sich eine gute Weile zwischen Plänen und Ideen zur Vervollkommnung jener Fabrikate und Erleichterung der Verbreitung derselben durch den Handel , ganz lustig herum . Richard hörte , wenigstens scheinbar aufmerksam , ihm zu , als der Fürst , der jetzt ihn ruhiger geworden glaubte , mitten in Aufträgen , die er in Hinsicht auf jene Pläne zum allgemeinen Besten ihm gab , sich selbst plötzlich unterbrach . Bin ich thöricht , rief er , Dich da mit Dingen zu behelligen , die wahrscheinlich ganz außerhalb des Bereichs Deines Wirkungskreises liegen bleiben werden ! Denn das kaukasische Gebirge wirst Du wohl nur von fern erblicken , und die uralte Stadt Tiflis gar nicht , was mir freilich sehr leid thut . Iwans Verwandte kommen vermuthlich noch diesseits des Gebirges ihm entgegen , um nach der ihm zu seiner völligen Genesung verordneten Heilquelle von Kislawodsk ihn zu begleiten , die an belebender Kraft freilich ihres Gleichen in der Welt nicht hat . Auch Dir möchte der Gebrauch dieses wunderbaren Wassers ebenfalls sehr heilsam sein , aber es wird Dir an Zeit dazu mangeln ; Du darfst Deinen , ohnehin auf ungewöhnlich lange Zeit Dir gewährten Urlaub , in keinem Falle überschreiten , und in jenen Gegenden , auf schlechten , zum Theil fast ungebahnten Wegen , kommt man so rasch nicht vorwärts als bei uns . Du hast auch auf die noch schwachen Kräfte Deines Freundes Rücksicht zu nehmen ; pflege ihn sorgsam , und fahre ja in jeder Hinsicht fort , ein wachsames Auge auf ihn zu halten . In jeder Hinsicht , Du verstehst mich ? in jeder Hinsicht : wiederholte der Fürst , indem er einen ganz eignen Nachdruck auf diese Worte legte . Und nun laß uns beim Abschiede uns kurz fassen , ich liebe keinen langen , setzte er sehr mild , fast weich werdend hinzu ; geh ' jetzt , mein Sohn , kehre mit neugestärkter Lebenskraft zur rechten Zeit in Deine Heimath zurück . Gehe , wiederholte er sich abwendend , mit einer verabschiedenden Bewegung der Hand , als er bemerkte , daß Richard in augenscheinlich höchst leidenschaftlicher Aufregung stehen blieb . Der Fürst blickte sehr ernst , wenn gleich nicht zürnend ihn an ; es herrschte in dem ziemlich geräumigen Zimmer eine Stille , man hätte den Fall einer Stecknadel hören können , und Richard stand noch immer lautlos und unbeweglich . Hast Du noch etwas auf dem Herzen , mein Sohn ? fragte endlich Fürst Andreas ; daß Du mir vertrauen darfst , weißt Du , doch ermahne ich Dich , Eines wohl in Überlegung zu ziehen , ehe Du den Gedanken laut werden lässest , der noch in Unentschiedenheit auf Deinen Lippen zu schweben scheint ; bedenke wohl , daß das einmal ausgesprochene Wort kein Gott wieder zurückruft , es ungehört zu machen liegt außer dem Gebiete der Möglichkeit ; und doch giebt es Dinge , die weder Dir auszusprechen , noch mir anzuhören , für jetzt wenigstens durchaus noch nicht ziemen will . In steigender , mit sich selbst ringender Spannung , stand Richard noch immer schweigend da . Noch eines empfehle ich Dir wohl zu beherzigen , fuhr der Fürst halb verlegen , halb mißmüthig fort : hüte Dich