er spricht nicht mehr leise mit der Tante , sondern hat sich erhoben und mit zorniger Gebärde Fenster und Tür wieder verschlossen . « » Ist Ihnen wieder besser , lieber Herr Emmrich ? « fragte die Tante mit dem freundlichsten Ton . » Gewiß , meine gnädige Frau « , antwortete der Professor ; » dergleichen geht schnell vorüber , wenn man nur sogleich die Ursach aus dem Wege räumen kann . « » Sie werden sich aber der Luft zu sehr entwöhnen « , sagte der Graf , der ebenfalls hinzugetreten war . » Luft und Zug « , antwortete Emmrich , » sind zwei ganz verschiedene Dinge . Und dann auch diese Luft ! Was nennen wir denn so ? Wir haben ja keine Instrumente , die fein und geistig genug wären , um die Qualitäten , die Eigenheiten , die sublimierten Essenzen dieses höchst wunderbaren Elements zu wägen , zu messen , oder gar zu prüfen und zu analysieren . Unser armer Körper ist nur da , um durch Leid , Schmerz und Krankheit von den unsichtbaren Eigenschaften dieser Luft Zeugnis zu geben . Man mutet niemand zu , so simpel hin ein Getränk gut zu finden , das in bösen Gegenden erzeugt , oder in den Kneipen als Wein ausgeschenkt und gebraut wird . Ist der Wein nicht ein edles Gewächs ? Stärkt er nicht Leib und Seele ? Erheitert er nicht das Gemüt ? Gewiß ! Aber das ist nicht Wein , was rot , weiß und gelb , bitter , süß und sauer oft dem unkundigen Gaumen geboten wird , um Kolik , Ekel und verdorbenen Magen hervorzubringen . Hat man nun wohl , wenn man im Jammer liegt , die Gottheit des Bacchus in sich ? Den Lethe möchte man aussaufen , um diesen Acheron nur wieder aus dem Leibe zu spülen und zu vergessen . Ein heitrer Frühlingsmorgen - wie balsamisch ! Wie wird unser Wesen gekräftigt und geläutert ! Man schwelgt in den kühlenden lieblichen Wogen und fühlt , daß auch unsere Lunge ein Organ ist , um geistig sinnliche Wollust zu empfinden . Aber das Zeug , was sich so oft im November , Februar , oder nach vielen nassen Tagen und in der Nähe von Sümpfen draußen im Freien herumtreibt , - ist das Unwesen denn wohl noch Luft zu nennen ? Mag der Doktor es vor den Geistern der Blumen und der Dichter verantworten , der seine Opfer in die Höllen-Atmosphäre hinausschickt , um sich in ihr Gesundheit zu erwandeln , oft in einem Hexenwetter , wo der Cerberus sich in sein Hundehaus verkriecht und weder dem Befehl des Pluto gehorcht , noch dem Locken der Proserpina nachgibt , so weit , daß er nur die Schnauze aus der Höhle steckte . Und hat denn die Luft nicht gewiß auch Krankheiten , wie Wein und Wasser ? und Gesundheitskrisen und Umsetzungen ? Und dennoch - wer draußen wandelt oder reitet , ist doch noch in einem Krieg gegen das Unwetter begriffen ; ein Element kämpft dann gegen das andere , und in diesem zornigen Anstrengen kann sich die menschliche Gesundheit noch etwas wahren ; aber wenn die Menschen im Spätherbst , oder in schnöder Märzluft oft draußen sitzen , um so recht phlegmatisch das zerstörende Gift einzuschlürfen , so stehen oder sitzen sie noch unter den Tieren , die der Instinkt beschützt , den diese Luftschnapper in sich ertötet haben . « Die Tante sagte lachend : » Ich sehe , Sie tragen in Ihrem Busen einen erhabenen Zorn gegen das , was so viele zu ihrer Erholung und Erquickung tun . Es scheint , Sie haben die Luft so recht nach ihren verschiedenen Qualitäten ausgekostet , und viele derselben verabscheuen gelernt . « » Die Luft « , fuhr Emmrich fort , » ist Leben und Tod , Schaffen und Vernichten ; aus ihr strömt alles Gedeihen herab , und sie zieht wieder alle Lebenskraft an sich ; sie ist abwechselnd das Edelste und Schlechteste , Heil und Unheil und in sich selbst ein Rätsel . - Wir verlassen ein Landhaus . Türen , Fenster , Läden , alles wird dicht , fast hermetisch verschlossen ; kein Sonnenstrahl , kein Luftzug fällt in den verfinsterten Saal ; - treten wir nun nach Jahren in dieses Gemach , so befällt eine beklemmende Angst unsere Brust , ein schwermütiger Lebensüberdruß bedrückt uns ; wir fühlen , wir atmen eine tote Luft ein , ein verwesetes Element . Und woher kommt nun der fußhohe Staub , der auf dem Boden und auf allen Tischen so widerwärtig liegt ? Wie hat dieser sich erzeugt ? - In jedem Gemach , welches lange verschlossen war , empfinden wir in geringerem Grade etwas Ähnliches . Man weicht vor pestilenzialischen Gerüchen mit Abscheu zurück , aber weil das Ungesunde der Luft weder Auge noch Nase so deutlich empfindet , vertrauen wir uns ihr oft mit tadelnswürdigem Leichtsinn . « » Sie könnten uns ganz ängstlich machen « , sagte die Tante wieder ; » unmöglich kann man so genau auf sich achtgeben . « » Und soll es auch wohl nicht immerdar « , fuhr der Professor fort ; » wer aber so fein , oder so krankhaft organisiert ist , daß er diese Unterschiede dunkler , oder deutlicher fühlt , dem soll man diese Krankheit nicht abstreiten , oder ihn gar davon bekehren wollen . Und nun noch der feine , giftige , arsenikalische Zugwind ! Von dem gewöhnlichen , der den meisten Sinnen fühlbar ist , will ich jetzt gar nicht einmal sprechen . Aber , wer hat es nicht einmal , in der Krankheit wenigstens , erlebt , daß aus einer dicken , festen Mauer eine Luftzug strömt , fühlbar , unverkennbar ? Man hat es zuvor an dieser Stelle nie gespürt , auch scheine es dort unmöglich . Es muß Strömungen der Atmosphäre geben , die auf unbegreifliche Weise auch durch feste Mauern dringen , oder die Luft reflektiert zuweilen auf ähnliche Art , wie Licht und Sonnenstrahlen ; der Stoß und Widerstoß erzeugt sich plötzlich aus Ursachen , die wir nicht entdecken können . Man hat mich oft verspotten wollen , indem meine Freunde mich fragten , ob ich keinen Zug verspüre , indem ein Schrank , oder eine Schieblade geöffnet wird ? Ich scheue mich gar nicht , zu behaupten , daß ich allerdings etwas Ähnliches empfinde ; es ist die abgestorbene Luftmasse , die sich mit der Zimmerluft plötzlich mischt , wenn der Schrank leer ist ; und wenn es ein Behältnis der Wäsche ist , so quillt aus der feinsten und reinsten eine widerwärtig erkältende Strömung , der ähnlich ( freilich nur im geringen Grade ) , die uns so trostlos befällt , wenn wir einem Trockenplatze vorübergehen . « Der Graf sagte : » Darin ist aber etwas Wahres , sosehr unser Herr Professor auch übertreibt ; darum muß man auch , wie ich es halte , immer Wohlgerüche zwischen die Wäsche legen und sie selbst im Sommer vor dem Ankleiden wärmen und durchräuchern . « Nun fingen die Damen , die jüngern , wie die älteren , an , sich lebhaft in das Gespräch zu mischen ; plötzlich aber sprang Albertine eilig auf und rannte mit einem Freudengeschrei einem hübschen , aber noch sehr jungen Manne in die Arme . Dieser war ihr Bruder , der Cadet , der von der entfernten großen Stadt gekommen war , um an den ländlichen Festen und Theaterspielen teilzunehmen . Es war natürlich , daß die Freunde das Gedicht vom Berlichingen sehr zusammengezogen , verschiedene Szenen verlegt und vereinigt und alles so eingerichtet hatten , daß es mit nicht gar vielen Dekorationen und einer bescheidenen Anzahl von Mitspielern dargestellt werden konnte . Es ist übrigens nicht unbekannt daß bei Liebhaberkomödien die Proben eigentlich das ergötzlichste sind . Alle erstaunten , mit welcher Wahrheit und innigen Rührung Albertine die Maria spielte und sprach , in der Sterbeszene Weislingens war sie und Elsheim so tief erschüttert , daß beide mit lautem Schluchzen den Auftritt endigten , und das Fräulein sich nachher unwohl fühlte . Am meisten war der alte Schulmeister , der invalide Husar , welcher mit großer Freude den Selbitz auswendig gelernt hatte , beseligt , daß er mit hohen Herrschaften durch diese Kunstübung in ein so vertrautes Verhältnis trat . Es war ein Glück , daß dieser Raubgesell keine Szene mit dem edlen Bischof von Bamberg hatte , denn Graf Bitterfeld , der Vertreter des geistlichen Herrn , nahm es dem jungen Baron doch sehr übel , daß er diesen Invaliden aus einem fremden Dorfe herübergeholt hatte , um in Goethes Dichtung mitzuwirken . Daß des Barons Förster und andere Dienstleute in kleinen unbedeutenden Rollen auftraten , verzieh er und fand es zulässig , weil er auch dafür entschuldigende Beispiele in der Theatergeschichte hoher Aristokratie fand , aber ein unheimischer Diener war ihm unerträglich . Dazu kam , daß dieser Selbitz sich sehr breit machte und sich mehr hervordrängte , als es seine Rolle eigentlich zuließ , so daß selbst Mannlich , als Götz , etwas empfindlich wurde , und nun , um jenen zu strafen und zurückzustellen , in den Szenen mit ihm noch gedehnter , langsamer und akzentuierter sprach , woraus aber der lahme Selbitz den Vorteil zog , daß man sein Spiel besser und natürlicher fand , als das der Hauptperson . Mannlich war aber auch glücklich , da er in jeder Probe seine tapfere Gesinnung und seine Biederkeit so recht breit , und sicher , nicht gestört zu werden , auseinanderwickeln konnte . Indem er nun den Platz der Szene ganz allein einzunehmen strebte , kam es , daß er auf die mit ihm Sprechenden kaum hinhörte und in die Weise , wie er diese anblickte , eine unendliche Verachtung legte . Dies geschah aber nicht vorsätzlich , sondern unbewußt und in aller Unschuld ; denn nicht allein seinen Gegner Weislingen , sondern Frau und Schwägerin , sowie Georg , behandelte er ebenso , bloß von dem Gefühl geleitet , welches er über sich selbst und seinen hohen Wert empfand . Elsheim sah dies alles mit einer gewissen Schadenfreude an und vergaß darüber ganz , daß er bedeutende Kosten , Zeit und Anstrengung darauf verwandt hatte , das herrliche Werk seines hochverehrten Dichters zu parodieren , und in ein komisches Licht zu stellen . Leonhard war in jedem Augenblick hinter der Szene mit Einrichtungen , Verbesserungen und Ratgeben so beschäftigt , dabei von seinen eigenen Rollen so hingerissen , daß er von diesen Nebensachen , wie von wichtigern Vorfällen wenig bemerkte . Er spielte wirklich den Bruder Martin und in den spätern Akten den Lerse . Wenn ihn etwas zerstreute , so war es die Aufmerksamkeit , welche er , selbst wider seinen Willen , Charlotten widmen mußte . In jeder Bewegung , in der Art zu sprechen , in der Manier , mit welcher sie oft aus der Rezitation ihrer Rolle in die gewöhnliche Sprache , um etwas zu fragen oder anzuordnen , überging , fand er neue Reize . Er begriff es jetzt nicht mehr , warum sie nicht jene Lebhaftigkeit und vornehme , ja höchst edle Schalkheit , mit welcher sie die Adelheid so meisterhaft vortrug , auch in ihrem wirklichen Leben annehme , denn ihm schien , als wäre ihr diese Sprechweise und ihre Gebärde viel natürlicher , als jene schweigsame Ruhe und fast tonlose Kälte der Rede . Indem nun alle sich mehr oder minder mit ihren Rollen abmühten , verschwand ihnen in diesen Tagen ihr eignes wirkliches Leben fast gänzlich , und jeder ertappte sich darauf , daß er auch in den Freistunden seine angelernte Rolle fortspielte . Diese Selbsttäuschung erreichte beim Grafen Bitterfeld einen so hohen Grad , daß er sich es jetzt erst lebhaft zu Herzen nahm , daß man im letzten Friedensschluß die Bistümer Bamberg und Würzburg säkularisiert habe . Er faßte so lebhaft Partei für die geistlichen Fürsten , daß er sich mit dem Baron Mannlich , den er verehrte , fast ernsthaft verfeindete , weil dieser , seiner Rolle als Götz getreu , den Despotismus , die Heuchelei und den Geiz der Kirchenfürsten heftig schalt und mit den grellsten Farben ausmalte , und selbst nicht hinhörte , als Emmrich , um ihn zu beruhigen , erinnern wollte , daß dieser Tadel die letzten milden und großmütigen Bischöfe nicht treffen könne . Der Schulmeister Selbitz , als Mitglied der Kirche , sowie der Ritterschafe , war dreist genug , in diesem Streit auch seine Meinung abzugeben , auf die der hochgestellte Bischof aber gar nicht achtete , und die Götz mit den lautesten Worten und Redensarten als ganz ungehörig abwies . Als Husar war Selbitz ganz der freibeuterischen Gesinnung des lahmen Kämpen beigetreten , konnte sich aber als Schulmeister , obgleich er Protestant war , eines gewissen Respekts vor der Würde eines Bischofs nicht erwehren . So war denn also seine Meinung schwankend und ungewiß und wurde deshalb auch bald aus dem Felde geschlagen . Alle mußten über das Talent des blutjungen Cadeten erstaunen . Er spielte seinen Franz mit einer solchen wahren Leidenschaftlichkeit , daß er in jeder Szene von allen Anwesenden große Lobsprüche einerntete . Charlotte lächelte über diese lebhaften Liebeserklärungen , und Albertine wurde um ihren Bruder besorgt . Die kleine Dorothea erregte in ihrer Rolle des Georg Freude und Gelächter , weil sie alles neckisch und doch tief empfunden zu sagen wußte , so sehr , daß sich alle um so mehr , ohne es sich zu gestehen , über den ganz hölzernen , hochfahrenden Götz ärgerten . Der einzige Unglückliche war der alte Förster mit seinem Zigeunerhauptmann . Denn soviel ihm auch Elsheim zugeredet hatte , sosehr er ihm den Scherz aus dem richtigen Gesichtspunkte vorzustellen versuchte , so gelang es ihm doch nicht , die Schwermut des Alten zu bekämpfen . An einem Nachmittage , als Leonhard sich in den Garten begeben hatte , um die Kühlung aufzusuchen , traf er Charlotten in jener abgelegenen Laube , in welcher er neulich sich lange mit dem jungen Baron unterhalten hatte . Sie war ganz allein und schien völlig in Lesung eines Buchs vertieft , doch bemerkte sie ihn und erwiderte seinen Gruß mit freundlicher Höflichkeit . Auf ihre Einladung nahm er Platz an ihrer Seite , und indem er sie betrachtete , schien ihm das blasse schöne Angesicht in der Dämmerung der grünen Blätter noch schöner und erhabener . Ihr Auge war schwermütig , und indem sie das Buch aus der Hand legte , sagte sie mit ihrem silberklingenden vollen Ton : » Es ist wundersam , wie man sich immer wieder mit Vorsatz und Kunst diese tiefen Schmerzen bereitet . Ich weiß es nun stets voraus , wie tief mich dieser Werther bis in den Grund meiner Seele erschüttert , und dennoch muß ich immer wieder , selbst wenn ich nur etwa in dem Buche blättern will , die ganze so furchtbar schöne Dichtung durchlesen . « » Es ist ein Buch an sich selbst « , sagte Leonhard , » man vergißt völlig , daß es von einem Autor herrührt . Ich kann niemals ohne den Schauer einer Andacht diese geweihten Blätter aufschlagen . Will man von Natur , Liebe , Leidenschaft , Lebenslust und Todessehnsucht , von der erhabenen Verzweiflung an sich und allem Geschaffenen , von Kinderweisheit und dem Wahnsinn des gebrochenen Herzens etwas Ewiges vernehmen , so sind hier die Orakelsprüche , die jedem verständlich tönen , der nur Herz und Gemüt zum Tempel mitbringt . « Sie sah ihn durchdringend an . » Sie sprechen « , sagte sie dann , » als wenn Sie alles dies erlebt hätten . « » Mit diesem Dichter « , erwiderte Leonhard , » erlebt man alles , was er uns sagt und singt . Es ist kein vergängliches Wort , kein gefärbter Schatten , der vorüberfährt , sondern die Wahrheit selbst , das Leben der Herzens . Wer diesen Dichter nur lesen will wie etwa anmutige Lieblingsautoren , wer nicht ganz in ihm sich verliert und mit allen Gesinnungen in ihm aufgeht , wer dies nicht kann , der tut besser , ihn aus der Hand zu legen . « » O Sie Prophet ! « sagte Charlotte , » - warum ist es mir nicht so gut geworden , Sie viel früher kennenzulernen ? « - Sie gab ihm die Hand und drückte sie ihm so herzlich , daß es ihm durch alle Sinne zuckte . Es kam Gesellschaft , mit der sich jetzt beide schweigend vereinigten . Am Vorabend der Aufführung waren die meisten Mitglieder der Gesellschaft im Gartensaal versammelt . Auch die Mutter Elsheims war zugegen , und man ging noch einmal die Liste der Gäste durch , welche man zu der Feierlichkeit gebeten hatte . Denn Elsheim hatte seinen Willen nicht durchsetzen können , daß nur vor der Mutter und den Bauern des Gutes gespielt werden sollte . Einige Künstler äußerten , daß es sich nur lohne , vor Freunden und Kennern sich so , wie sie täten , anzustrengen , und die alte Baronesse wollte durch ihre Einladung einige vornehme Damen sich verbinden , die sich seit einiger Zeit , da sie ihnen lange nicht geschrieben , für vernachlässigt halten konnten . Alles war mehr oder minder in Spannung , und viele träumten schon von den Siegen , die sie am folgenden Abend erringen würden . Ein Bedienter übergab der alten Dame einen Brief , bei dessen Anblick diese ausrief : » Was ist denn das ? Was soll ich denn damit ? Er ist nicht an mich und auch nicht an meinen Sohn . An den Meister Leonhard - abzugeben auf dem Schlosse bei - Meister ! Was heißt denn das ? « » Meister ? « wiederholte die Tante , Mannlich und am lautesten der Graf Bitterfeld . Indem trat Elsheim mit seinem jungen Freunde herein . Er hörte den Ausruf , sah den Brief und bemerkte , wie Leonhard rot geworden war , auf den sich aller Augen sogleich prüfend richteten . Er ging schnell zu seiner Mutter , nahm den Brief ihr aus der Hand und sagte : » Ach ! ich wette , Leonhard , das kommt von deiner großen Beschützerin , der italienischen Gräfin Manfredoni . Du erlaubst mir doch , das Schreiben zu erbrechen ? - Richtig , sie mahnt dich ziemlich dringend an die versprochenen Baurisse zu ihrem Sommerpalais ; höre nur , mein saumseliger Freund , wie dringend sie es macht . « Er las : » Mio caro Maestro , Ich habe Ihm schon , ehrenwerter Professore und auch großer Maestro in Architettura , vor ' gen Jahreszeit sehr ersucht und angeflehentlich erbeten , mich zu helfen von wegen meiner Bau-Enthousiasme für mein schön Gartenhaus . Aber Ihr , sehr angebeteter Maestro , scheint Dolce far niente zu sehr zu exercire auf Unkost meiner Gartenanlagenheit . Caro amico , bedenk Du doch , daß ich sehr alt Weib bin , eine Donna von die sechsundsechzig , und habe nicht mehr viel Zeit zu verpasse und Maul aufzusperre , denn die Dringlichkeit will , wenn nicht vorher in mein Erbgräbnis spatzir soll , daß Er , Maestro , Meister oder Professore , schnell mach und auch geschwind und cito citissime , weil ich in die andre Welt dort nichts von Ihm kann baue lasse ; denn warum ? ist nichts dort von Zimmerleut und Mauermann anzutreffen , als die armselig Totengräber . Hat Er also , Carissimo , christlich commiseratione und amore zu mich oder amico mir verbleiben will , so tu Euer Hochgeborn Professore und Meister sich über eine alte Person erbarmen . Eure Riß haben mir , die Er mir dargestellt , sehr wohlgefallen ; tu mir nun , liebster Mann , die complaisance , mit Ausführung nachzukommen . Wenn aber kleine Landstreicher wird , ein vagabundo , so kann freilich Architettura in mein Garte nicht gedeihe . Will Ihm nur sagen , Meister daß meine türkische Generation von die bunte hübsche Ente , die Er so gerne füttern tat , abgestorben und verschieden sind , konnte Klima hier und Kultus nicht vertrage ; das nun , mit mein Alter zugleich , und auch Schmerze in die Hüfte , so da genannt und tituliert wird Sciatica , hat mich denn auch an mein selig Ende erinnert . Die ich übrigens verharre con l ' estimazione , wie sich dem , Meister auf deutsch , auf mein besser Sprach Maestro gebührt , l ' amica sua Contessa Carolina Elisabetha Manfredoni . Post Scriptum . Bitte mir gute Bleistift von Seiner Reise mitzubringen , hier brechen alle ab , wenn sie schreiben sollen . Sonst lebt hier noch alles und ist , bis auf mich , ziemlich gesund . « Die Zuhörer erfreuten sich dieses verwirrten Briefes , und Leonhard war beschämt , denn er wußte wohl , daß sein Freund diesen halbdeutschen Galimathias nur improvisiert hatte , um ihn aus der Verlegenheit zu ziehen . Mannlich erging sich in weitläufigen Beweisen , wie sich eine verwöhnte italienische Dame auch in solchem kleinen Briefe nicht verleugnen könne , und wie die Fremden doch niemals , wenn sie auch noch so lange in unserm Vaterlande wohnten , zu Deutschen würden . Indem nun dieses Kapitel erörtert ward , zog sich Leonhard mit seinem Briefe nachdenklich auf sein Zimmer zurück und las dort unter mancherlei widersprechenden Empfindungen den wirklichen Brief seiner Frau . Lieber Leonhard ! Ich sehe , daß es Dir gut geht , und wünsche , daß dies so bleiben möge . Mir bleibt es noch ungewohnt , Dich nicht hier in unsern Stuben zu sehen . Alles ist mir so öde , und unser kleiner Franz kommt sich auch so verwaiset vor . Der Meister Krummschuh kommt öfter zu uns und gibt mir und Deinem ältesten Gesellen , dem Hannoveraner , guten Rat . Ich kann dem kleinen dicken Mann unmöglich böse sein ( denn er meint es so gut mit uns ) , wenn er immerfort auf dich stichelt , und sagt , Du würdest noch ganz zum Edelmann werden in Deiner hochadligen Gesellschaft ; denn Du hättest Dich schon als wandernder Handwerksgeselle mit Deinesgleichen nicht viel eingelassen ; Du wärest immer zu stolz und hochmütig gewesen , und dergleichen mehr . Er hat , so gut er ist , doch immer einen kleinen Neid auf Dich , daß Du Dich ansehnlicher ausnimmst und in jeder Gesellschaft Deine Person so ziemlich vorzustellen weißt . Denn das muß wahr sein , guter lieber Wilhelm , daß ich Dich noch fast nie mit den Vornehmen so verlegen gesehen habe und so linkisch oder großtuerisch , wie so manche Bürgersleute , die dann auch oft so kuriose Redensarten gebrauchen , daß die Ausgelernten heimlich , oder auch öffentlich darüber lachen . Der Hannoveraner hat einen großen künstlichen Schrank für den Herrn von Heimbüttel übernehmen müssen , der die Arbeit eilig eilig haben will . Krummschuh tat sich damit groß , daß er Rat geben mußte ; er schmunzelte viel , wurde aber dunkelrot , wie er das an sich hat , bis in seinen fetten Nacken hinein , wo ihm dann , wie Du weißt , die Ader so dick aufschwillt . Er war nämlich so verlegen und wußte eigentlich nicht links , nicht rechts , so daß es ihm unser Hannoveraner Gottfried immer wieder anders auseinandersetzen mußte , der das Ding gleich weghatte , während der Kleine es doch nicht wollte merken lassen , wie er es nicht recht begriffe . Das ist mit Euch Handwerksleuten doch etwas recht Besonderes , daß der eine so viel Einsicht und Verständnis hat , und ihm das Geraten sozusagen in die Hände läuft , und andere sich placken und quälen und es doch immer nicht recht zustande bringen . Doch das ist wohl in allen Ständen , mit Gelehrten und Beamten und selbst Generalen und Fürsten ebenso . Das ist die große , große Ungleichheit im Reiche der Geister , und dann wollen die Menschen doch oft noch die völligste Gleichheit unter den Menschen . Aber darin versteht der kleine Krummschuh keinen Spaß ; er will allen Adel abgeschafft haben und auch die Fürsten und Minister ; jeder soll sich selber regieren , meint er , und keiner sich um den andern kümmern ; und wenn er dann recht in Eifer gerät , so schilt und zankt er auch auf Dich , besonders weil Du mit einem Edelmann so mir nichts dir nichts fortgereiset bist . Das wäre mir alles nicht so ganz wichtig , aber mit unserem alten Magister geht es viel ernsthafter her . Der wunderliche greise Mann tritt ganz über die Stränge . Ich fürchte , er bleibt uns ganz aus , so gewaltig hat er sich verändert , und der kleine Franz sagt auch , er könne gar nichts mehr von ihm lernen , weil er immer so konfuse spreche ; und einmal hat er so wunderlich hantiert und sich ohne Not ereifert , daß das Kind ihm weinend fortgelaufen ist und mir seine Not geklagt hat . Der alte Mann hat , wie ich in die Stube ging , was hergefaselt , was ich nicht habe begreifen können . Er hat mir auch einen Brief geschrieben , ziemlich umständlich , aus dem ich mich auch nicht habe finden können . Das ist entweder recht dummes Zeug , oder recht tiefsinnig , vielleicht beides . So tut es mir also recht weh und bang , Liebster , daß Du nicht hier bist und mir das alles recht auseinandersetzen kannst . Denn ohne Dich bin ich doch in vielen Sachen gar zu einfältig , und so ärgert es mich jetzt eben auch , daß ich mit der Briefschreiberei nicht so recht fortkann ; mir däucht , mit der Zunge und mit dem Sprechen geht es um vieles besser . So ist auch der König , der benachbarte , hier durchgekommen ; dem sind sie hier nicht grün und gewogen , aber sie hatten ihm doch etliche Ehrenpforten und Latten und Leinwand aufgebaut und alles dann recht hübsch überpinselt . Wie sie denn mit Pinseln jetzt alles machen . Am Abend hatten sie auch Lampen hineingehängt , von allen Farben . Jetzt ist alles wieder abgerissen . Sie sagen jetzt , Stadt und Bürgermeister hätten zuviel getan , indessen hat unser Fürst doch gewiß um diese Herrlichkeiten gewußt und sie gebilligt . Neulich hätte fast ein großes Unglück entstehen können . Unsere große Cyperkatze saß ganz ruhig vor unserer Tür in der Sonne . Da kommt der junge Herr von Wermuth vorbei mit seinen zwei großen grimmigen Jagdhunden . Und , wie die jungen Barons oft sind , hetzt der junge Mensch seine Hunde auf die arme friedfertige Katze , die an so was nicht gewöhnt ist . Anfangs will sie sich dann wehren und macht die Anstalten , wie die Katzen tun , aber die Hunde ließen sich nicht abhalten . Franz lag im Fenster und weinte und schrie . Ich will hinausrennen , aber sowie ich die Stubentür aufmache , rennt unsere Katze , ohne sich umzusehen , denn sie konnte nur in die Stube treten , mir in der Angst vorbei und in unseren Hof hinein , von dem die Tür gerade offen stand . Ich denke , sie wird sich auf den alten Nußbaum hinaufretten , wie das die Katzen pflegen . Aber in ihren Nöten vergißt sie alles Vernünftige und springt zu unserm Phylax , unserm großen Kettenhund , in sein Hundehaus hinein . Nun dacht ich doch wirklich , die arme Kreatur wäre aus dem Regen in die Traufe gekommen , denn Du weiße es ja , daß sie den Phylax , und er sie nicht leiden konnte . Aber , wie ein galanter Ritter , von denen man liest , stellt sich der dickköpfige ramassierte Hund vor sein Hundehaus hin und treibt so grimmigen Spektakel , daß er die beiden großen Bestien wegbeißt und fortbellt . Schon wie sie weg waren , räsonnierte das Tier in seiner Sprache noch lange über diesen unverschämten Bruch des Burgfriedens . Der junge Herr wollte mir mit seiner höflichen Galanterie einige Entschuldigungen sagen , ich aber antwortete ihm ganz schnippisch und empfindlich , der Hund wäre diesmal galanter als er gewesen , denn dieser hätte , wie ein Ritter , die Katze , als Dame , die er eigentlich nicht leiden könne , verteidigt . Er lachte und ging ab . Nun ist das nur das Wunderbare , daß seitdem der Hund und die Katze die allerbesten Freunde sind . Sie besucht ihn oft , sie darf mit ihm speisen , und wenn er von der Kette los ist , sieht man sie manchmal beide im Sonnenschein im Hofe liegen , und wie sie ihren Kopf an den seinigen lehnt und ihn so vertraulich mit den zugekniffenen Augen ansieht . Auch spinnt sie in seiner Nähe , worüber , wie Franz versichert , sich der Phylax gewaltig soll verwundert haben , als er das zum erstenmal gehört hat . Seitdem hat auch Franz mit dem Phylax , vor dem er sich sonst immer fürchtete , einen zärtlichen Freundschaftsbund geschlossen , und so sieht man jetzt die drei lieben ungleichen Kreaturen oft auf dem Hofe spielen . So wäre das denn alles Wichtige und Unwichtige , was ich Dir erzählen könnte ; am meisten liegt mir der Magister auf dem Herzen . Ich schicke diesmal den Brief gerade an Dich , und nicht , wie wir ausgemacht hatten , durch Einschluß an Deinen Baron ; denn , aufrichtig gesagt , ich traue dem jungen Herrn nicht so recht . Vielleicht liest er heimlich mein Geschreibe , um darüber zu lachen oder er liefert es nicht gehörig ab , weil ich Dich vielleicht antreibe , recht bald bald zurückzukommen , und das tu ich denn auch hiemit , denn mir wird oft so bänglich , daß Du nicht da bist