Lieben , und das Gefühl der Güte , des Schutzes , des Werthes ihrer neuen Umgebungen , machte sie vielleicht nur desto weicher . Es giebt ein unendliches Weh des Herzens , das sich von einem großen und bestimmten Kummer dadurch unterscheidet , daß es zusammengesetzt ist aus einer Mischung von Leid und Freude , die das klagende Wort vergeblich auszudrücken strebt , deren Süßigkeit wir mit dem Thau unserer Thränen netzen , die Gott uns eben für dieses halbverstandene Gefühl des Herzens verliehen zu haben scheint . So fühlte sich die junge Gräfin , aus so großem Elend errettet , unter die edelsten Menschen versetzt , ihres Wohlwollens gewiß . Welch ein Glück ! Welch ' eine dankbare Verpflichtung gegen Gottes Güte ! Und doch getrennt von Allem , was ihr Herz bis jetzt Glück genannt hatte , von einer Unsicherheit , einer Einsamkeit ihrer Lage überfallen , von der die Ahnung früher sie nicht hatte berühren können - welch ' eine Fülle von Schmerz zugleich ! Unser Geist besitzt oft eine wunderbare Schnelligkeit , uns Alles im selbigen Momente vorzuführen , was unser Leben ferner oder näher bewegte . Ueber die Saiten in unserer Brust streift die Gedankenflut daher , sie alle berührend , des erregten Chaos spottend , welches dann in ihrer Tiefe aufgährt . Wie von körperlichem Schmerze , so dehnte sich das junge Herz in dieser bangen Qual , als der Graf von Glanford , nach den Thrigen liebreich forschend , sie um die Namen seiner unbekannten Freunde fragte . Sie hob das Auge , welches redender , als ihr im Schmerz geschlossener Mund , zu ihm sich wandte , doch bald in große Tropfen sich verhüllte , die bebend auf ihre heiße Wange sich entluden und stets von Neuem aus der Fülle des gepreßten Herzens sich ersetzten . Es war etwas Unaussprechliches in der Theilnahme , womit man dies bezaubernde Antlitz bis zum Schmerze getrübt sah , um so mehr , da man es einen Augenblick früher in seiner ursprünglichen freien Schönheit und Klarheit geschaut hatte . Graf Glanford war dazu bestimmt , zum zweiten Male verlegen zu werden ; denn er sah sich als die unschuldige Ursache ihrer aufgeregten Wehmuth an , und war doch wenig darauf eingerichtet , in diesen zarten Keimen des Gefühls sich zurecht zu finden , und doch zugleich wie dazu aufgefordert , sich hier vermittelnd zu erweisen . Gewiß wären ihm die Damen , die ihre Theilnahme nicht länger zurück halten wollten , zu Hülfe gekommen , hätte nicht der klare und starke Verstand des liebenswürdigen Mädchens sich selbst die Hülfe verschafft , die ihrem überwallenden Gefühle das Maaß zu geben geneigt war . Zürnet mir nicht , Mylord , sagte sie und brach mit Gewalt die schönen Lippen zum bittenden Lächeln , während sie die heißen Tropfen in ihren Augen erdrückte , ich bin fremd und neu in der Fülle der Traurigkeit , in die mich Gottes Wille geführt hat ; aber meine theuern Erzieher sollen nicht vergeblich in Sorge und Liebe sich um mich bemüht haben , ich will stark werden auch im Unglück . Vergebt mir , ich ward jetzt überwältigt , weil meine Gedanken an Allen hinglitten , die ich geliebt und verloren habe . Aber , fuhr sie völlig gesammelt und mit einem rührenden Eifer fort , ich war undankbar , so viel Schmerz zu empfinden , wo ich auf ' s Neue nur Ursache zu danken hatte , da ich in Euch , Mylord , eine hochverehrte und von den Meinigen gekannte Person fand . Ihr werdet den Grafen von Marr , meinen theuern Oheim , kennen , Ihr werdet ihn zu mir führen ; Ihr sahet ihn vielleicht jetzt , denn Ihr kommt ja aus London , Ihr mußtet ihn sehen , denn er lebt im Gefolge des Königs . Sie hatte diese Worte mit Hast gesprochen , während ihre Augen immer mehr vom Glanze der steigenden Hoffnung sich belebten , und jetzt zur Gewißheit einer schnellen Nachricht von dem theuern Oheime gelangt , hing ihr Blick mit freudiger Erwartung am Munde des Grafen . Aber es stand nicht in seiner Macht , diese ersehnte Auskunft zu geben , ja , er verbarg nur mit Mühe sein Erstaunen über einen Namen , den er allerdings unter dem schottischen Adel als angesehen kannte , den er aber am Hofe des Königs nie unter denen hatte nennen hören , die ihn dort umgaben ; viel weniger noch war eine solche Person ihm selbst bekannt . Mein Aufenthalt in London , Mylady , sagte der Graf mit aller Schonung , welche das ungeduldige Verlangen der Fragenden ihm auferlegte , war in dieser Zeit nur kurz und wenig um die Person unsers gnädigen Königs . Seine Gesundheit beschränkte ihn auf das fast nur augenblickliche Erscheinen bei höchst nöthigen Feierlichkeiten ; er blieb sonst auf seine innern Gemächer und seine gewohntesten Umgebungen beschränkt , und da ich - wie meine Schwägerin vielleicht schon die Güte hatte Euch zu erwähnen - früher meinen Aufenthalt in Deutschland nahm , so konnte leicht mir unbekannt bleiben , daß der Graf von Marr sich am Hofe befindet . Ich kann Euch also leider für diesen Augenblick keine erwünschte Auskunft geben . Aber , fiel hier der junge Herzog mit Ungeduld und dem Verlangen , zu dienen , ein , Euer Wunsch soll auf das Schnellste in Erfüllung gehen . Ich eile meinem Bruder Richmond Eure Befehle zu übergeben , er lebt durch meinen Großoheim in unmittelbarer Berührung mit der Person des Königs , er wird so glücklich sein , Euern Oheim aufzusuchen , und ihn von dem Aufenthalt benachrichtigen , den Ihr hier anzunehmen uns würdigt . Habt die Gnade , unterrichtet mich , ob Ihr noch weitere Mittheilungen zu machen habt , bestimmt , wann ich den Boten absenden soll . Sehr verschieden war der Eindruck , den diese ganze Scene bis auf die letzten Worte des Herzogs , auf die Anwesenden hervorbrachte . Die junge Gräfin wandte sich von der untergehenden Hoffnung in dem Grafen , der neu erweckten in des Herzogs thätigen Verheißungen zu , und wer hätte auch nicht aus dem aufrichtigen , zuverlässigen Ausdruck dieses Gesichts Hoffnung schöpfen wollen ! Die Gräfin selbst , so hingebend und empfänglich gebildet , fühlte sogleich ein fröhliches Vertrauen zu ihm aufleben , und ihr schönes Auge dankte ihm , noch ehe die holden Lippen es vermochten : Ihr seid so großmüthig , so mitleidig mit meiner kindischen Unschuld ! Er wird ja ebenso , wie ich , sich bestreben , mich zu suchen . Ich könnte es erwarten , aber viel freudiger wird mir doch sein , wollt Ihr gütig thun , wie Ihr so eben sagtet ; dann wird sich leichter und schneller dies ersehnte Wiederfinden treffen , und ich werde Euch viel danken , ach , unendlich viel , setzte sie innig hinzu , unendlich viel , wie diesem ganzen Hause ! - Dessenohngeachtet , sagte die jüngere Herzogin , möchte ich bitten , die Sendung , die Du zu machen denkst , noch so lange aufzuhalten , bis daß ich die mir mitgetheilte höchst anziehende Geschichte unserer jungen Freundin dem Grafen Archimbald , ihrer Erlaubniß gemäß , mitgetheilt haben werde ; denn es wird dann , denke ich , die Art , wie die Nachfragen nach den Verwandten der Gräfin einzuleiten sind , besser sich bestimmen lassen . Mit diesem Ausspruch schien Niemand zufriedener , als Graf Archimbald , welcher lebhaft darein einstimmte . Unverkennbar war dagegen ein leichter Anflug von Erstaunen in den Zügen der jungen Gräfin , welches zu sagen schien , was es noch einer besondern Art der Nachfrage bedürfe , wo der Weg so einfach vor Augen liege ; und der junge Herzog , dem dies in der gespannten Aufmerksamkeit , mit der er sie betrachtete , nicht entging , fühlte sich eben nicht dadurch zu einer unbedingten Beistimmung veranlaßt . Wenn die Gräfin Melville gern und ohne Zwang in diese Zögerung willigt , sagte er ernst , aber ehrerbietig gegen die Herzogin geneigt , wird Euer Wille , wie immer , mir Befehl sein ; doch bitte ich Euch , thut Euerm Herzen nicht Zwang an , sagt ein Wort , und ich eile in dieser Stunde noch , Boten nach London abzusenden . Nein , Nein ! Mylord , seid nicht so rasch , rief hier die Gräfin , denn ihr kluges Auge hatte schnell den stolzen Blick der Herzogin aufgefaßt , der der kleinste Widerstand zur Kränkung ward . Nie möchte ich gegen den Willen Eurer verehrten Mutter handeln wollen . Wie kann ich übersehn , was sie in ihrer weisen Güte als Recht erkennt ? Nein , Mylady , bestimmt es selbst , wann dieser Schritt geschehen soll , ich will nicht mit kindischer Ungeduld Euch lästig werden , und Euch vertrauen , lieber und ruhiger , als mir selbst . Diese Worte , so wahr und rein aus dem Innern kommend , gingen wie ein Engelgruß von Herz zu Herzen . Der ernste Anflug , den die Erwähnung so wichtiger Umstände hervorgerufen , schien von ihr , die ihn veranlaßt hatte , ebenso wieder gebannt zu werden . Die alte Herzogin half stets eine freie und ruhige Stimmung begünstigen , die jüngere Herzogin war versöhnt und suchte ihre innere Unruhe zu bekämpfen . Graf Archimbald mischte sich um so schneller in das Spiel leichter Worte und Scherze , als er alle Gefühlsscenen gern vermied , und die bescheiden zurückgezogenen Töchter und Damen des Hauses fühlten sich zur willkommenen Theilnahme angeregt ; nur der junge Herzog war verändert , und seine ganze Fähigkeit schien in ein tiefes Anschauen der Gräfin Melville aufgelöst . Aber auch er widerstand dem Zauber nicht , den sie über Alle übte . Sein Interesse weiblich zart errathend , sah sie darin nur eine willkommene Veranlassung , gütig den zu behandeln , der sich ihr theilnehmend gezeigt . Unschuldig begegnete sie seinem Blicke , fragte das Wort so oft ihm ab , daß er , selbst endlich redend , heiter zum seligsten Gefühle seines erhöhten Selbstes kam , und nun in einer Belebung der Gedanken und Gefühle dahin wogte , daß er wieder Allen , die ihn kannten , verändert erschien , nur der jungen Gräfin nicht , die ihn recht lieb haben mußte und sich recht froh gestand , wie gut doch Alle waren , die dies Haus umschloß . Die Gesellschaft nahm am andern Morgen in der schönen mittleren Halle , von der Lieblichkeit des Tages angelächelt , das Frühstück ein , das in ungezwungeneren Formen , als die Mittagstafel , den Damen kleine Geschäfte , den Herren Gelegenheit zu tausend höflichen Dienstleistungen verschaffte , die nicht durch Vorschneider und Mundschenk besorgt werden durften , wie es die Etikette der Tafel verlangte . Man saß , weil man wollte , man schlüpfte von einem zum Andern , es war erlaubt , und die ungezwungene Laune waltete mit der leichtern Form lieblich über Allen . Die in der Haus-Livree , nicht in Gala , die erst zu Mittag eintritt , versammelten Diener sind um diese Zeit , von den Stühlen entfernt , zu der Bedienung des Schenktisches versammelt , oder paradiren in stummer Aufmerksamkeit , bis ein Pfeifchen , ein Wink , ein Ruf von der Tafel herschallt , der ihre Hülfe begehrt . Jeder kennt den ihm eigen zugehörigen Dienst , und kein unruhiges Sausen der sich überrennenden Diener stört die freie Bewegung der Herrschaften und ihre heiter waltende Laune . Die Dienste , welche diese sich leisten und dadurch in das Amt der Diener eingreifen , werden auch für diese Klasse der Anwesenden eine unendliche Quelle scherzhafter und launiger Bemerkungen und Beobachtungen . Was beim Frühstück geschah , wird für sie oft die Veranlassung fröhlicher Gespräche für den übrigen Theil des Tages , wo die Schloßbedienten endlich am Kaminfeuer mit der geringeren Dienerschaft im Kleinen die vornehmen Manieren und herablassenden Scherze nachahmen , die sie am Morgen ausspenden sahen . Seit lange schien kein Tag fröhlicher zu beginnen , als dieser . Die jungen Damen fühlten ihre Laune belebt durch die gewandte Heiterkeit des jungen Herzogs . Graf Archimbald verstärkte durch einzelne eingestreute Worte die harmlosen Witzfunken der jungen Leute . Die alte Herzogin saß mit ihrem feinen Angesichte , wie die Quelle unschuldiger Heiterkeit , oben an . Sie erzählte kleine Züge von alten , längst vergessenen Sitten , ja , sie sang sogar mit einem feinen Silberhauche der Stimme den Vers einer Ballade , den sie oft ihrer Mutter , der Gräfin Burleigh , von der armen Spinnerin Josseline singen mußte , welche für ihren Fleiß dadurch belohnt ward , daß ihre eignen schönen blonden Locken sich in Goldfäden verwandelten , die sie täglich unverringert spinnen durfte und so die Gemahlin eines Fürsten ward . Nicht ohne Wahrscheinlichkeit , sagte sie lachend , daß sie nicht gar unsere Stamm-Mutter ist ; denn mütterlicherseits war es ein angesehenes altes Geschlecht , dem mein Vater seine Tugenden zugesellte . Wer hätte bei dieser Erzählung nicht unwillkürlich auf Lucie geblickt , deren goldlockiges Köpfchen aus dem Arme der Großmutter über die Tafel sah und an die Ahnfrau denken ließ , die so liebliches Lockengespinnst auf diesen reizenden Nachkömmling verpflanzt zu haben schien . Doch Luciens Seele hing mit Begierde an der Erzählung von Josseline . Sie wußte nicht , daß sie blonde Locken habe , und kannte das Dasein derselben nur aus den Bemühungen der Miß Dedington , wenn diese sie glänzend zu kämmen und mit Schleifen zu durchschlingen pflegte , auf Unkosten der ganzen Geduld der dadurch sehr sich gequält fühlenden Kleinen . Du siehst , Lucie , sagte ihre Mutter , zu ihr hinüber lächelnd , wie Fleiß und Tugend immer belohnt werden , Du sollst mir künftig den Vers von Josseline singen , wenn Miß Dedington Dir ein gutes Zeugniß giebt , und kann ich Deine Locken auch nicht in Gold verwandeln , zum Lohne finde ich doch wohl Manches , was statt des kostbaren Gespinnstes Dir Freude macht . Das entzückte Lächeln Luciens verschwand , als sie die von geheimer Schuld gelenkten Blicke auf Miß Dedington wandte , welche , zwar nicht ungütig , aber doch Lucien bemerklich , schnell mit dem Finger drohte und dann fortfuhr , ihr Frühstück zu halten . Ein breiter kindischer Seufzer machte sich aus Luciens kleinem Herzen Luft , und sie sagte ganz ernst und nachdenklich : Das ist Alles lang her ; müssen wir denn immer immerfort fleißig sein , ist denn nicht Einer , der doch den lieben Gott lieb haben kann und nicht immer zu arbeiten braucht ? - Graf Archimbald hatte schon einige ketzerische Worte in Bereitschaft , unendlich ergötzt durch die unbewußte Ironie , womit Lucie sich gegen den harten Preis ihrer Gottesliebe auflehnte , aber der lächelnde Mund wendete sich ab , als die alte Herzogin mit liebender Hast ihr sanftes Nein sprach und einige Worte hinzufügte , die das holde Kind wieder aufblicken ließen . Besonders half dazu das Versprechen , ihr die Ballade von Josseline zu lehren , damit sie im zu hoffenden Falle doch die Mutter an ihr Versprechen erinnern könne . Und dann , rief Lucie , wenn ich zuerst Josseline singe , was schenkst Du mir dann ? Nun ? sagte die Mutter wieder fragend , was möchte wohl Luciens Herz erfreuen ? Lucie hielt die kleinen Hände jauchzend vor den Mund und blickte schelmisch zu ihrer Mutter herüber , dann rief sie überlaut , die Händchen hoch ausstreckend : Ein Pferd , Mama ! ein schönes kleines Pferd ! Ein Pferd ? rief es von allen Seiten , und lautes Lachen tönte den Worten nach , und Lucie flog im frohen Jubel um die Tafel , ihren Wunsch unablässig wiederholend , den sie von Allen mit Scherz und Lachen aufgenommen sah . Hat man je gesehen , daß ein solches Kind ein Pferd besteigt , rief der junge Herzog und fing Lucie in seine Arme auf , mit zärtlicher Liebe sie an sein Herz drückend . Du wildes Kind , so erwarb Josseline ihre goldenen Locken nicht . O scheltet sie nicht , Mylord , sagte Lady Melville und zog Lucie , strahlend von eigener jugendlicher Heiterkeit , zu sich heran ; ich , Lucie , bin ganz Deiner Meinung . Nichts Schöneres giebt es , als ein muthiges , leichtes Pferd , welches uns mit seinem raschen Fluge dahin trägt , als ob Schwingen uns entführten , dessen klugem Blicke wir vertrauen können , das unsere Liebe versteht , und den feurigen Willen mit Treue und Güte dem leichten Zucken unsers Fingers fügt ; ein schönes , herrliches Geschöpf Gottes ! Zu Pferde ! Zu Pferde ! rief der junge Herzog und sprang mit lauter Freude von seinem Sessel , entzückt von der Lobrede , welche von so schönem Munde seinem Lieblingsvergnügen gehalten ward . Alles erhob sich . Die schöne reine Morgenluft , der sonnige Himmel , die grünende Erde im zartesten Schmucke des Frühlings , Alles schien die Stunde zu einem fröhlichen Ritt zu begünstigen . Die ältern Damen gewährten freundlich den jüngern dies Vergnügen , an dem sie nicht mehr Theil nahmen ; ein Wort der Herzogin hielt Graf Archimbald gleichfalls zurück , und so wurde dem jungen Herzoge die Anordnung übergeben , welcher sogleich mit Ramsey fortstürmte , selbst die Befehle dem Stallmeister zu ertheilen und das schönste Pferd für die zu wählen , die so feurig seine Tugenden zu erkennen wußte . Die jungen Damen entfernten sich mit Mistreß Corby , um sich zu diesem Vergnügen zu rüsten . Lucie bekam von Miß Dedington das Versprechen , die Damen von dem Altan der Großmutter in das Thal reiten zu sehen . Dahin begaben sich auch die drei älteren Personen , da die jüngere Herzogin um Erlaubniß gebeten hatte , ihrer Schwiegermutter und ihrem Schwager die Geschichte der Gräfin Melville mittheilen zu dürfen . Kaum hatte man den Altan erreicht , als die fröhliche Cavalcade um die Wälle des Kastells herum kam und sich in der freiesten Bewegung in dem lieblichen Thale ausbreitete , welches mit seinem grünen Wiesengrunde den leichten Hufschlag der Pferde elastisch wieder zu geben schien . Arabella war eine geschickte Reiterin , sie saß mit Ruhe und Festigkeit im Sattel , und wußte ihr schönes , frommes Pferd mit leichter Hand in jede ihr gefällige Richtung zu lenken . Sie sah schön aus , wenn ihr blühendes Antlitz unter den dunkeln Locken vorblickte und die jugendliche Gestalt sich leicht im Sattel trug . Auch liebte sie voraus zu reiten , und ihr Stallmeister , der , stolz auf seine Schülerin , ihr gern zur Seite blieb , durfte ihr Künste vormachen , die sie geschickt nachzumachen wußte . Man gewahrte sie auch jetzt beide zuerst um den Vorsprung der Mauer biegen ; sie machte mit ihrem Pferde die Ehrenbezeugungen nach dem Altan hinauf und flog dann wie ein abgeschossener Pfeil in den Thalgrund . Der Herzog hatte der Gräfin Melville die Wahl gelassen zwischen drei gleich schönen Pferden . Aber wie hätte sie , die Kennerin , unter ihnen das weißgeborne zarte Rößlein mit dem hohen schlanken Halse und den feinen Beinchen sehen können , und nicht mit Entzücken seinen Zügel ergreifen sollen . Es schnaubte sie an und warf den Hals königlich zurück , und die rosenrothen Nüstern und das volle , schäumende Gebiß , die zuckenden röthlichen Oehrchen und die hellen braunen Augen , womit es klug und treu die Gräfin anblickte , waren für die Bewunderin dieser herrlichen Thiere eben so viele Reize , an denen sie sich erfreute . Als die eben so gerötheten Hufe wie auf glühendem Boden sich spielend ablösten , nirgends mehr Ruhe habend , strich sie mit den zarten Händen die feinen , aus den Flechten gekämmten Mähnen zurück , und ehe der Herzog hinzueilen konnte , den Steigbügel zu halten , flog sie leicht , ohne Sprung oder heftige Bewegung , als ob eine Feder den Boden unter ihrem Fuße leicht gehoben , in den Sattel , hatte eben so den Zügel besonnen gefaßt und belohnte mit einem Ausruf der Freude den Bogensprung des lebhaften Thieres . Die sind einander werth , sagte der alte Stallmeister des Herzogs , ihr wohlgefällig nachsehend , indem er ihm sein Lieblingspferd zuführte , jedes in seiner Art ein Meisterstück ! Meinst Du ? lächelte entzückt der junge Herzog , und schon flog er dem leichtfüßigen Schimmel nach , welcher , der geschickten Hand sich bewußt , ein Muster war an Muth und leichter Bewegung , an Gehorsam und Beobachtung des leisesten Winkes . Als sie nun beide schnell hinter einander um den Vorsprung bogen , empfing sie Luciens Freudengeschrei , die an ihrer geliebten Lady Maria mit ganzer Seele hing . Die Gräfin hielt sogleich den stürmenden Galopp ihres Pferdes an und ließ es zierlichen Schrittes unter dem Altan dahin tanzen , indeß sie das schöne Antlitz , von unschuldiger Freude belebt , empor hob und ihnen ihre Grüße zurief . Dann eilten sie fröhlich , Arabella einzuholen , die ihnen jedoch umkehrend entgegen flog , und so bildete sich der kleine Zug , an den sich Master Corby , Stanloff , der Stallmeister des Herzogs und einige Diener anschlossen . Die Zurückgebliebenen konnten sich von dem reizenden Anblick nicht trennen . Der Morgenwind hob die wallenden Federn auf den Barets , in der reinen Luft zeigten sich die Umrisse der feinen Gestalten ; Anmuth und Heiterkeit schien über Alle verbreitet , und der etwas schwere Nachtrab verdarb diesen Eindruck nicht , den die drei Voreilenden erregten . Man schien ohne Verabredung auf dem Altan bleiben zu wollen , bis die Hügelreihe von Cheffield die Reitenden dem Nachblicke entziehen würde , als die Herzogin einen kurzen Schrei ausstieß , unwillkürlich eine heftige Bewegung gegen die Brüstung des Altans machte und dann schnell versuchte , Gaston zurück zu rufen , der die ferne Stallhütte bei dem Geräusch der Abreitenden gesprengt hatte und jetzt zum Nachsetzen mit wilder Hast sich auslegte , fast mit seinem Leibe den Boden berührend . Der Ruf der Herzogin ging zwar nicht ganz verloren , und Luciens kleine Stimme unterstützte ihn mächtig , doch Gaston stutzte wohl einen Augenblick , sah nach dem Altan hinauf und äußerte seine Freude durch einige ungeschickte Sprünge ; als er aber einsah , er solle bleiben , stieß er eine Art Jammergeschrei aus , blickte hinauf , als bäte er um Gnade , und stürzte im selben Augenblick mit verdoppelter Schnelligkeit den Reitenden nach . Die Herzogin hielt den Athem an und die Augen auf die Scene vor ihr gewendet , denn nur zu bald hatte er den Hintertrab durchbrochen , und im selben Augenblick sprang er an dem Pferde der Gräfin Melville hoch in die Höhe , sie selbst , wie es schien , umarmen wollend . Doch das Pferd der Gräfin , nicht wenig erschreckt , machte einen Satz vorwärts in die Luft , so daß es der ganzen Geistesgegenwart der Gräfin bedurfte , um nicht aus dem Sattel zu fliegen . Der zweite Schrei , den hier die Herzogin vernehmen ließ , motivirte schnell den ersten . Das wilde Thier ! rief sie , ich fürchtete gleich Unglück von seinem Ungestüm . Gaston fuhr indessen , nachdem er seinen Herrn und Arabella gleichfalls begrüßt hatte , immer fort , der Gräfin alle möglichen Liebkosungen zu machen , und Graf Archimbald bemerkte in einigen Worten gegen seine Schwägerin diese auffallende Freude an einer Fremden . Die Herzogin mußte nun antworten , und vielleicht fühlte sie , daß die ängstlichen Zweifel der Gräfin über diesen Gegenstand nicht ohne Grund waren ; denn sie selbst konnte nur mit der höchsten Ueberwindung und abgewendetem Gesicht sich zum Antworten entschließen . Gaston , Mylord , sagte sie gedrängt , war es , der die Gräfin auf der Terrasse entdeckte , und seitdem durch sein mitleidiges Herz und die dankbaren Liebkosungen der Gräfin sich außerordentlich an sie attachirt hat . - Ja , Oheim ! rief Lucie , davon will ich Dir erzählen , wie Gaston , mein lieber , guter Gaston , nicht von ihr ging , bis sie erwachte , und dann . - Laß das jetzt , Lucie , sagte die Herzogin freundlich , aber unabweisbar , nicht umsonst sind die Brodkrümchen wohl in Dein Schürzchen gepflückt ; füttere jetzt Deine kleinen Schützlinge , sie harren schon dort und haben mit ihren klugen Aeuglein längst gesehen , daß ihre kleine Lucie ihnen wieder Futter bringt . Lucie ging sogleich in diese erfreuliche Gedankenreihe ein , jauchzend hüpfte sie an den Rand , wo die nun schon belaubtere Birke das liebe Nestchen beschützte , streute ihr Bröckchen und ging dann , von Miß Dedington sanft erinnert , wie ein sehr artiges Kind , unter höflichen Grüßen von dannen . Man nahm an den geöffneten Thüren Platz , und die Herzogin erzählte nunmehr ihrer Schwiegermutter und ihrem Schwager die Geschichte der Gräfin Melville , wie sie uns bereits bekannt ist . Die Pause , die nach Beendigung derselben eintrat , und worin der Graf eine Bemerkung seiner Mutter zu erwarten schien , ward endlich von ihm selbst unterbrochen . Es schien ihm nicht ganz leicht , das rechte Wort zu finden , denn auf den eingefallenen Wangen und erschöpften Zügen seiner Schwägerin , welche sich auffallend schnell während ihrer Erzählung gebildet hatten , lag für den feinen Beobachter ein Commentar zu der Mittheilung , die sie mit der strengsten Wahrheit wieder zu geben bemüht gewesen war , den er aber noch nicht zu enträthseln vermochte . Man spricht indeß häufig am ehesten das aus , was sich eben unsern Gedanken mittheilt , wenn es uns zweifelhaft bleibt , wodurch wir die Anwesenden schonen oder beschwichtigen können , und es scheint , der Graf befand sich in demselben Falle . Ich glaube , sagte er mit der höflichen Miene , wodurch er stets seine Anreden eröffnete , uns allen kann es nicht entgehen , daß die junge Dame über ihre wahre Lage entweder selbst getäuscht worden ist oder , was ich ungern hinzufüge , uns zu täuschen versucht hat . Was sie von Namen und Ort mitgetheilt hat , fürchte ich , wird sich eben so wenig bestätigen , als ihre Unbekanntschaft mit denen , die sie nicht zu nennen weiß , sich einigermaßen wahrscheinlich zeigt . Ich glaube , daß es dem Scharfblick der Damen nicht entgangen ist , daß ich mit einer Antwort über den Grafen von Marr nur Zeit gewinnen wollte , denn allerdings hätte ich ihr sogleich bestimmt sagen können , daß Keiner dieses Namens am Hofe und in der Nähe des Königs lebt . Die Familie wird Ihnen , wie mir selbst , sehr wohl bekannt sein ; sie spielte keine unbedeutende , wenn auch eine etwas zweideutige Rolle in den Unruhen Schottlands unter der Regierung ihrer unglücklichen Königin Maria . Ich habe einen Grafen von Marr gekannt , aber er war ein Greis , als ich in der ersten Jugend mit meinem Vater , auf Befehl der Königin , nach Schottland ging , wo er an Jakobs Hofe , gebeugt und kaum noch lebend , sich zuweilen zeigte . Doch nachdem die traurige Botschaft des Todes der Königin Maria , welche mein verehrter Vater so ungern überbrachte , von ihm gehört ward , zog er sich auf sein Stammschloß nahe bei Edinburg zurück , und man sah seinem Tode alsbald gewiß entgegen . Dieser Graf hatte aber nur zwei Töchter aus zwei verschiedenen Ehen . Seine erste Gemahlin war eine französische Dame , welche mit Marie von Guise , der Gemahlin Jakob des Fünften , nach Schottland gekommen und eine ziemlich nahe Anverwandtin der Königin war . Die älteste Tochter aus dieser Ehe kennen wir . Sie heirathete den Ritter Villers , wie ich glaube , gegen den Willen ihres Vaters , und lebte in tiefer Abgeschiedenheit , man sagt sogar in Armuth , bis nach dem Tode ihres Gemahls ihr Sohn an unserem Hofe eine Stellung einnahm , die auch seine Verwandte erheben mußte , und wir haben diese Dame als Gräfin von Buckingham damals gesehen . Die zweite Gemahlin war eine Engländerin , fuhr er rasch fort , aber ich bin unsicher über ihren Namen . Auch diese gab ihm eine Tochter ; die Mutter starb jedoch bei der Geburt derselben , so daß der Graf ohne weitere Erbin blieb , sich aber , glaube ich , später in soweit mit seiner ältesten Tochter aussöhnte , daß er ihr die viel jüngere Stiefschwester zur Erziehung übergab . Dies ist Alles , was ich seit gestern mit meinem Nachdenken über diese Familie habe herausbringen können , und es scheint wenig zu der Erzählung der jungen Dame zu passen . Denn selbst angenommen , die jüngste Tochter des Grafen Marr habe den Grafen Melville geheirathet , und sie sei die Tochter aus dieser Ehe , welches leicht zu erfahren sein wird , wo bekam die Gräfin Melville eine jüngere Schwester und zwei Brüder her , da sie nur eine ältere Stiefschwester hatte ? Und doch , fuhr der Graf fort , immer lebhafter in die Auseinandersetzung dieser Geschichte sich vertiefend , doch ist dieser unwahrscheinliche Theil ihres Geständnisses noch der bei weitem klarste desselben ; denn allerdings hat sie großes Recht , selbst über ihre Unwissenheit hinsichtlich des zweiten Theils zu erstaunen . Sie kennt den Namen eines Ortes nicht , welcher das Ziel ihrer Wünsche , ihres Strebens war , den sie jährlich ein Mal , vielleicht öfter besuchte ; sie hörte nie den Namen des besten Freundes , ihres Verwandten , sie begnügt sich damit , ihn Graf Robert zu nennen . Eine wahrlich sehr naive , vertrauensvolle Hingebung , die aber , däucht mir , nicht verletzt worden wäre durch die natürliche und einfache Bitte um die Namen so geliebter Gegenstände , als hier beide , Ort und Person , ihr waren . Die unnatürliche Verfolgung des einen Oheims