die Hände des Grafen zurückgekommen sei , weil sein Vetter die erforderliche Summe nicht habe herbeischaffen können , um dem alten Lorenz den Diebstahl zu bezahlen . Auf seine Erkundigung erfuhr der Graf ferner , daß sein feindlich gesinnter Vetter einen einzigen Sohn habe , der in der Schlacht bei Eylau verwundet worden sei und dessen Schicksal seine Eltern mit dem tiefsten Kummer erfüllte , weil man seitdem keine Nachricht mehr von ihm habe . Der Graf beschloß nach diesen Nachrichten , sobald es die Umstände erlaubten , mit diesen fernen Mitgliedern seiner Familie in Verbindung zu treten und dann nach der Art ihres Betragens das seinige abzumessen . Es war ein schöner , heitrer Nachmittag in der ersten Hälfte des Juli , als die Gräfin mit St. Julien und Emilie den Obristen Thalheim besuchte , der so sehr von den neuesten Begebenheiten niedergebeugt war , daß man für seine Gesundheit fürchten mußte . Der Graf hatte noch einige Rechnungen mit seinem Verwalter durchzusehen und versprach , den Uebrigen zu Pferde zu folgen . Eben waren seine Geschäfte beendigt , eben wollte er befehlen , sein Pferd vorzuführen , als das Schmettern eines Posthorns , das ein vielfaches Echo in dem engen Thale weckte , seine Aufmerksamkeit erregte . Er trat zum Fenster und bemerkte bald , wie ein leichter , glänzender Reisewagen mit vielen Bedienten durch die Schlucht flog und in den Baumgang einlenkte , der zu des Grafen Schloß führte . Der Wagen flog in den Hof , zwei Bediente sprangen ab , um den Schlag eilfertig zu öffnen , und heraus stieg der General Clairmont , der eilig die große Treppe hinauf sprang und , ehe der Graf , der ihm entgegen ging , noch die Treppe erreichte , schon in dessen Armen lag . Ich mußte Dich noch sehen , mein guter , theurer Freund , rief der General , indem er dem Grafen herzlich die Hände drückte ; ich kann nur eine Stunde bei Dir bleiben , ich bringe wichtige Befehle des Kaisers nach Paris , und ich machte den kleinen Umweg mit Freuden , um Dich noch ein Mal zu umarmen . Der Graf dankte ihm für seine Freundschaft , und da er nur einen so kurzen Besuch ankündigte , so wurden sogleich einige Erfrischungen herbei geschafft , und beide Männer saßen bald in trauliche Gespräche vertieft , zu welcher Unterhaltung der General das Meiste in der heitersten Laune beitrug . Weißt Du , rief er endlich , weßhalb ich mit solchem Entzücken nach Paris fliege ? Es ist meiner Familie gelungen , eine Verbindung für mich zu schließen , die ich schon einleitete , ehe dieser Krieg ausbrach , und jezt werden meine Wünsche gekrönt ; eine der schönsten Damen in Paris ist meine Braut , jung , reich , liebenswürdig , talentvoll und , sezte er mit Gewicht hinzu , von altem Adel . Und die Schöne , die in Deiner Begleitung war ? fragte der Graf lächelnd . Ach ! rief der General , die lustige Dirne ist fort . Ich wurde bei Eylau , wo es verdammt heiß herging , verwundet , zwar nicht bedeutend , aber ich mußte doch einige Wochen zu Bettliegen ; ich vertraute der leichtsinngen Person zu sehr , sie zeigte mir große Liebe , übernahm meine Pflege selbst und wich nicht von meinem Lager , und so kam es , daß ich , als ich eines Morgens nach einer ruhigen Nacht erwachte und erwartete , sie werde wie gewöhnlich , mein Frühstück bereiten , erfuhr , sie sei mit einem jungen Manne davon gegangen , der sich auch im Lager aufhielt und den sie für ihren Bruder ausgegeben hatte . Als ich nachsehen konnte , ergab es sich denn freilich , daß sie alles mitgenommen hatte , wozu sie hatten kommen können , aber mag es sein , ich fluche ihrem Andenken deßhalb doch nicht ; da ich nun eine ernsthafte Verbindung schließen will , so hätte ich sie doch von mir entfernen müssen ; und so mag sie dann immer ihren Raub als ihre Mitgift betrachten und einen deutschen Pinsel damit beglücken . Es konnte nicht fehlen , daß die Unterhaltung bald die Gegenstände berührte , die für Alle die wichtigsten waren , und als der Graf des Waffenstillstands gedachte , rief der General : der Friede ist so gut wie geschlossen , und was ich nimmermehr geglaubt hätte , Preußen besteht noch . Der frühere Plan Napoleons , diese Monarchie gänzlich aus der Reihe der Staaten verschwinden zu lassen , ist aus persönlicher Freundschaft für den russischen Kaiser von ihm aufgegeben worden . Freilich , fügte er lächelnd hinzu , werdet Ihr unschädlich gemacht , die Hauptfestungen bleiben in unsern Händen , eine Besatzung fürs Erste im Lande , aber Ihr besteht doch als Monarchie , und das ist bei der jetzigen Lage der Dinge etwas Großes zu nennen . Eine dunkle Röthe des Zorns färbte die Wangen des Grafen , der in dem leichtsinnigen Freunde einen höhnenden Feind zu erblicken glaubte ; mit Mühe hielt er sein Gefühl zurück und sagte mit unterdrückter Stimme : Es ist auch etwas Großes , daß Preußen noch besteht , und Wer weiß , was sich in der Zukunft daraus entwickeln kann . Gewiß , fuhr der General scherzend fort , ohne des Grafen veränderte Stimmung zu bemerken , Manches werdet Ihr Euch jetzt müssen gefallen lassen . Napoleon verfolgt standhaft seinen Plan , England zu verderben , und da dieses Volk am Schmerzlichsten in seinem Handel verwundet werden kann , so müßt Ihr großherzigen Preußen dem Prohibitiv-Systeme beitreten und den Insulanern Eure Märkte verschließen ; daraus folgt dann freilich , daß Eure alten Frauen und Kaffeeschwestern Napoleon verwünschen werden , weil er ihre Genüsse stört , aber dieser ohnmächtige Zorn wird Frankreichs Kraft nicht erschüttern . Gewiß , sagte der Graf , wäre es thöricht und kindisch von uns , an so armselige Genüsse zu denken , wenn das Vaterland untergeht , und mir scheint , es haben die denkenden Geister so triftige Gründe , so tief gefühlte Ursachen , Eures Kaisers eisernen Scepter zu verabscheuen , daß es dieser kleinlichen Dinge dazu nicht erst bedarf . Aber auch dafür wollt Ihr sorgen , so scheint es , daß auch der arme und beschränkte Geist jeden Tag und jede Stunde an seinen gegründeten Haß erinnert wird . Es ist ganz etwas anders , fuhr der Graf heftig fort , als er bemerkte , daß der General ihn unterbrechen wollte , wenn einem Volke eine Entbehrung auferlegt wird , die zu seiner Erhaltung dient , deren Nothwendigkeit es selbst fühlt und einsieht , und Frankreich wird vielleicht noch einmal erfahren , welche Entbehrungen die Preußen erdulden können , um ihr Joch abzuschütteln . In einem solchen Falle zu seufzen und zu klagen wäre unmännlich und verächtlich . Aber wenn ein Fremder das Recht des Sieges schnöde mißbraucht , wenn er , um unausführbare Plane zu verfolgen , den Armen selbst bis in seine häuslichen Einrichtungen verfolgt und drückt , so wird diesem Armen das weitere Nachdenken erspart und sein Haß wird ohne Geistesanstrengung genährt . So oft ein Armer den jämmerlichen Genuß eines angewöhnten Getränks entbehren muß , so oft die Frau eines in seinen Mitteln beschränkten Bürgers daran denken muß , ihren Tisch so zu bestellen , daß sie den Zucker entbehren kann , eben so oft werden alle diese Menschen fühlen , daß ein furchtbarer Despotismus sich auf uns gelagert hat , und es wird der unerträgliche Druck , den Willkühr und Laune gegen das äußere Leben üben , im Volke gewiß einen eben so lebhaften Abscheu , einen eben so glühenden Haß entzünden , wie edlere Gründe bei dem gebildeten Theile der Nation , und wenn Frankreichs Kaiser , wie aus einem Herzen , von allen diesen Millionen verabscheut wird , so muß er unterliegen . Halt ! sagte der General ernsthaft , Dein Eifer führt Dich zu weit und Du bringst Dich in Gefahr , ohne Deiner Sache zu nützen . Ich kann es mir denken , wenn Ihr an Euerm König hängt , daß Euer Herz mit Kummer erfüllt ist . Ich sehe es ein , daß Eure National-Ehre gekränkt ist und dieß könnte auch einen Franzosen zur Verzweiflung bringen , aber wenn ich Dir so viel einräume , so gib auch Du zu , daß solche Rücksichten unsern Kaiser nicht hindern dürfen , sein großes Ziel zu verfolgen , und bedenke , daß die Zeit viel zu aufgeregt ist , als daß ungeahnet Reden , wie Du sie führst , geduldet werden können ; bedenke , daß Du Dich dann nicht über Napoleon zu beklagen hast , wenn solche Unbesonnenheiten Dein Unglück herbeiführen , und wenn , wie es scheint , fuhr er lächelnd fort , die Kolonialwaaren zu Deiner Familienglückseligkeit nothwendig sind , so bin ich der Mann , der Dir persönlich die Freiheit verschaffen kann , so viel davon kommen zu lassen , daß Du die Wohlthat selbst auf Deine Bauern ausdehnen kannst . Der Graf mußte lachen , sich so wenig verstanden zu sehen ; indeß gab er dem besorgten Freunde darin Recht , daß die gegenwärtige Zeit mehr Vorsicht erheische , und er versprach ihm diese Vorsicht zu üben . Und nun , rief der General , lebe wohl ! Meine Zeit ist gemessen , empfiehl mich Deinen Damen , deren Anblick , wie es scheint , mir versagt bleiben soll , ich mag als Feind oder Freund erscheinen , und doch gestehe ich , ich hätte gern der Frau meine Huldigung dargebracht , die Dich Philosophen zu fesseln vermochte . Nachdem er den Grafen mit Herzlichkeit umarmt hatte , eilte er die Treppe hinunter , sprang in den geöffneten Wagen , und dahin flog die leichte Equipage durch den Baumgang , und bald schmetterte das Posthorn und weckte das Echo in dem engen Thale von Neuem . Der Graf stand und schaute dem enteilenden Freunde nach , bis sich die Töne in der Ferne verloren . XIV Es war ziemlich spät geworden , als der Graf endlich die Wohnung des Obristen erreichte . Man war dort schon über sein langes Ausbleiben ängstlich geworden , und Alle begrüßten ihn mit Herzlichkeit , da er in ihrer Mitte erschien . Der Graf theilte die Ursache seiner verzögerten Ankunft mit , und die Gräfin war froh , daß ein glücklicher Zufall sie begünstigt hatte , und sie , ohne daß es auffallend erschienen , die Gesellschaft des General Clairmont hatte vermeiden können . Der Obrist fragte ängstlich , ob der General nichts über den zu erwartenden Frieden geäußert habe , und als der Graf ihm nun alles mitgetheilt hatte , was ihm selbst bekannt war , rief der alte Krieger mit gefalteten Händen und den Blick gen Himmel gerichtet : Gott sei gedankt , daß doch wenigstens ein Kern des Vaterlandes bleibt , aus dem sich eine neue Kraft entwickeln kann ; in unserm unsäglichen Elende müssen wir den Himmel für diese Gnade preisen . Uns bleibt doch auch unser König , kein Franzose wird uns beherrschen . Ach ! fuhr er mit Rührung fort , wenn es möglich ist , daß die Verstorbenen von uns wissen , so muß es den großen Friedrich mitten in seiner Seligkeit schmerzen , zu sehen , wie das Werk seines Heldenmuthes und seiner Staatskunst untergeht , und durch wen ? Durch dieselben Franzosen , die er bewunderte und bei allen Gelegenheiten seinen deutschen Unterthanen vorzog . Der Graf bemerkte , daß er nur das Allgemeinste über den bevorstehenden Frieden wisse , daß er aber gewiß mit Opfern aller Art werde erkauft werden müssen , und daß zu befürchten sei , daß , wenn die eigne Kraft zu sehr geschwächt würde , dann auch von Rußland für die Zukunft nichts zu hoffen sei . Dieß Unglück , rief der Obrist , mag ich gar nicht denken , ich betrachte jeden Frieden mit Frankreich nur wie einen Waffenstillstand , um neue Kräfte zu sammeln , und der Kampf wird sich immer wieder erneuern , bis endlich der gemeinsame Feind erliegt . Da der Graf bemerkte , wie peinlich für St. Julien die Unterhaltung wurde , so suchte er die Aufmerksamkeit auf einen andern Gegenstand zu lenken und fragte den Obristen , ob er sich nicht freuen würde , vielleicht nach dem Frieden den jungen Grafen Hohenthal wieder zu sehen , da er gehört habe , er sei früher mit ihm bekannt gewesen ? Dem Obristen fiel bei dieser Frage alles das Nachtheilige ein , was der junge Graf so oft über seinen Oheim und dessen Gemahlin geäußert hatte , und er antwortete daher mit Befangenheit , wohl würde es ihn freuen , mit dem jungen Manne wieder zusammen zu treffen , der so oft die trüben Tage seiner Einsamkeit erheitert habe . Der Graf fragte über den Charakter seines jungen Vetters , und obwohl der Obrist nur lobend sich über ihn äußerte , so geschah dieß doch mit so vieler Zurückhaltung , daß der Graf mißtrauisch wurde und glaubte , der Obrist wollte nur aus Schonung für ihn nichts Nachtheiliges über seinen Verwandten sagen . Theresens Wangen glühten , sie konnte die Zurückhaltung ihres Vaters nicht begreifen ; sie schien ihr gar nicht mit der Wahrheit seines Charakters vereinbar zu sein ; sie wußte , wie er über den jungen Grafen dachte , und nun war sein Lob so kalt , so gemessen , daß es beinah wie Tadel klang . Ach , hätte sie das Bild des jungen Mannes entwerfen dürfen , wie es in ihrer Seele lebte , der Graf würde dann nicht ein so gleichgültiger Zuhörer gewesen sein . Wie oft in den Stunden der bittersten Noth hatte ihre Phantasie ihn vorgespiegelt , wie auf einmal der junge Held erscheinen , und durch ihn alles unsägliche Elend in Glück und Freude verwandelt werden würde , und nun , da sie ihn mit solcher Kälte mußte loben hören , schien es ihr , als ob die zärtlichen , sinnigen Augen ihres Freundes zu ihr hinüber blickten und von ihr Gerechtigkeit forderten . Die Gesellschaft trennte sich spät und kehrte in einer schönen , warmen , mondhellen Nacht nach Schloß Hohenthal zurück . Hier erfuhr der Graf , daß der Prediger dagewesen sei und ihn dringend zu sprechen gewünscht habe ; auch berichtete Dübois , daß der geistliche Herr versprochen habe , des andern Tages in der Frühe wieder zu erscheinen . In der That war die Gesellschaft am andern Morgen auch kaum versammelt , als der Pfarrer eintrat , und nach den ersten kurzen Begrüßungen den Grafen bei Seite nahm und hastig ihn um die Nachrichten fragte , die General Clairmont mitgebracht habe , dessen kurzer Besuch auf dem Schloß dem Pfarrer schon bekannt war . Der Graf mußte das schon öfter Mitgetheilte wiederholen , und weder der Prediger noch der Arzt , der auch hinzugetreten war , konnten viel Tröstliches in diesen Nachrichten finden . Der Krieg , sagte der Prediger endlich , hat uns viel Unglück gebracht , und von dem Frieden , scheint es , dürfen wir wenig Gutes hoffen ; indeß wird doch wenigstens dann wieder ein geregelter Gang der Geschäfte eintreten ; die Menschen werden sich doch regen und wieder erwerben können , und das ist bei der jetzigen allgemeinen Noth immer schon ein großer Trost . Ich werde dann auch wieder für Manche etwas thun können , um ihre Angelegenheiten in Ordnung zu bringen , und auch unserem Schulzen hier kann ich dann doch vielleicht zu seiner Erbschaft verhelfen , wenn alle Behörden erst wieder in Thätigkeit sind . Recht ! rief der Arzt , nicht die Sache der Menschheit aufgegeben , durch keine Noth , durch kein Drangsal darf ein edler Geist dahin gebracht werden , auch ich will meine Studien fortsetzen , und wenn der Friede eintritt , werden mir doch wenigstens die Mittel dazu nicht mehr fehlen ; der Verkehr der Geister wird wieder frei . Der Graf bewunderte schweigend , welche Armseligkeiten die meisten Menschen zu trösten und zu beruhigen vermögen , und durch welche unbedeutenden Gegenstände ihr inneres Auge von den großen Ereignissen der Zeit abgelenkt wird . Der vielbesprochene Friede wurde endlich bekannt , und jeder Preuße konnte nicht anders als mit heißem Schmerz die tiefe Herabwürdigung des Vaterlandes betrachten , die in diesem Frieden lag . Er war so drückend , daß es beinah wie Spott klang , diese Uebereinkunft Friede zu nennen . Beinah unerschwingbare Summen mußten bezahlt werden , die Hauptfestungen blieben in Französischen Händen , eine Besatzung im Lande , und das Preußische Heer mußte bis zur Unbedeutenheit vermindert werden . Ueber die gefurchten Wangen des Obristen Thalheim flossen heiße Thränen , als er die Bedingungen dieses Friedens las . Es ist vorbei , rief er dem Grafen zu , Preußen ist verloren , die Bedingungen können nicht erfüllt werden , dann haben die Franzosen einen Vorwand und bleiben unsere Herren , und wenn durch ein Wunder Alles sollte erfüllt werden können , so bleibt es immer der Großmuth der Feinde überlassen , ob sie gehen wollen , denn wir behalten keine Armeen , sie zu vertreiben . Obgleich der Graf selbst niedergeschlagen war , suchte er doch seinen alten Freund aufzurichten , indem er ihn darauf aufmerksam machte , daß gerade aus dieser Verzweiflung sich eine Kraft entwickeln könne , die Niemand noch ahnete . Die nächste Sorge , schloß er , wird sein müssen , die Summen herbei zu schaffen , die den raubgierigen Feinden zu zahlen sind , und dieß , mein theurer Freund , fürchte ich , wird noch vieles Unglück herbeiführen , denn durch diese Anstrengung werden unzählige Familien verarmen , und doch sind sie durchaus nothwendig , damit die Feinde aus Berlin weichen und der König wieder in der Mitte seiner Unterthanen sein kann . Ach mein armer König ! rief der Obrist , wie muß sein edles Herz bluten , wenn er all das Elend betrachtet , das auf seinen Kinder ruht , denn er liebt sein Volk ; er hat das Herz eines Vaters für unsere Leiden , und mit welchen Schmerzen fühlt gewiß die Königin die allgemeine Noth . Wir müssen , sagte der Graf , das edle Beispiel nachahmen , das unser Königshaus uns giebt . Der König hat seinen Haushalt auf ' s Aeußerste beschränkt , um die allgemeine Last so viel als möglich zu erleichtern . Wenn wir Alle uns auf das Nothwendigste beschränken und alles Ueberflüssige zum Besten des Staats verwenden , so läßt sich hoffen , daß vielleicht den drückenden Verpflichtungen genug gethan werden kann . Der Obrist betrachtete den Grafen mit einem traurigen Blick , faßte dann seine Hände und sagte mit bebender Stimme : Der König kann nichts mehr für den Einzelnen thun , es wäre Wahnsinn , es noch zu hoffen ; also , theurer Graf , werden Sie niemals den kleinsten Theil aller für mich gemachten Auslagen zurückerhalten . Sind wir denn noch so kalte Freunde , sagte der Graf in dem Tone sanften Vorwurfs , daß Sie an diese Armseligkeit denken und sich darüber Sorge machen ? Lassen Sie uns jetzt den Kummer über unser Vaterland theilen , aber auch die Hoffnung für die Zukunft nicht ganz aufgeben . Die Freunde trennten sich , und obwohl der Obrist tief über sein Vaterland trauerte , so segnete er doch sein Geschick , das ihm einen Freund zugeführt hatte , der ihn mit starker Hand von dem Abgrunde zurückgezogen hatte , in welchen er beinahe versunken wäre , und dessen Liebe nun sein Alter mild schirmte . Unwillkührlich wurden seine Gedanken Worte , und er rief , indem er die Hand der Tochter drückte : Ja , er handelt gegen mich wie ein liebender Sohn ! Die Tochter verstand sein Gefühl und drückte einen Kuß auf die väterliche Hand . Wenige Tage , nachdem der Friede allgemein bekannt geworden war , erschien der Baron Löbau auf Schloß Hohenthal , um den Grafen , seinen Nachbar , wie er sagte , freundschaftlich zu besuchen . Man bemerkte aber bald , daß mit diesem Besuche noch eine Absicht verbunden sei , und daß er das Gespräch mannigfach wendete , um mit diplomatischer Feinheit seinem Zwecke näher zu rücken ; endlich äußerte er , da doch nun der Friede dem Lande wiedergeschenkt sei , so schiene es ihm passend , eine anständige Freude darüber zu bezeigen . Und aus welchem Grunde , fragte der Graf , kann uns dieser Friede erfreulich scheinen ? Einmal , sagte der Baron mit Verlegenheit , ist doch das Blutvergießen geendigt , und dann , theurer Graf , bester Nachbar , die Klugheit fordert es , daß wir uns erfreut darüber zeigen , daß wir unsern König behalten . Welcher preußische Unterthan , entgegnete der Graf , hat hierüber wohl ein anderes Gefühl , und welcher Mann von Ehre wird ein anderes bei uns voraussetzen ? Ganz gut , sagte der Baron mit wichtiger Miene , aber leider trifft man nicht auf lauter Männer von Ehre . Ich muß es sagen , ob es mich gleich schmerzt , man hat nur zu viel darüber gesprochen , daß Sie , mein bester Nachbar , ein heimlicher Anhänger der Franzosen wären , des guten Herren St. Julien wegen , der bei Ihnen im Hause lebt . Mir ist der Zusammenhang dieser Sache zu genau bekannt , ich habe also allenthalben widersprochen , überall Ihre Partei genommen , aber was ist die Folge davon gewesen ? Nichts anderes , als daß man mich für Ihren Mitschuldigen erklärt . Wir müssen also durchaus etwas thun , die Gemüther zu versöhnen , wenn uns diese Ansicht nicht höchst nachtheilig sein soll ; kurz , wir müssen ein Friedensfest veranstalten , zuerst mag dieß bei Ihnen geschehen , dann bei mir . Ich bin gern bereit , sagte der Graf mit Heftigkeit , alle meine Nachbaren und Freunde bei mir zu sehen , aber unmöglich kann ich sie unter dem Vorwande versammeln , als wolle ich mich mit ihnen über einen Frieden erfreuen , der mein Herz mit dem tiefsten Kummer erfüllt . Thun Sie es unter welchem Vorwande Sie wollen , sagte der Prediger , der zu der Gesellschaft hinzugekommen war , aber ich glaube selbst , daß es gut ist , wenn Sie sich Ihren Nachbarn mehr nähern , denn ich kann nicht läugnen , daß die nachtheiligen Gerüchte , welche der Herr Baron erwähnte , wirklich bestehen , und es ist das letzte Mittel , um zu zeigen , daß man nichts Verdächtiges in seinem Hause hegt , wenn man es einer großen Gesellschaft öffnet . Wenn es denn sein muß , sagte der Graf empfindlich , daß ich , um mich von Verdacht zu reinigen , meine Nachbarn bewirthe , so mag ein solches Reinigungsfest in des Himmels Namen stattfinden , ich will mich nicht weigern ; aber als Freudenfest wegen dieses Friedens will ich es nicht betrachtet wissen . Bedienen Sie sich eines andern Vorwandes , sagte der Prediger , man wird Ihnen auf jeden Fall dankbar sein , wenn Sie anfangen , die Gesellschaft wieder zu vereinigen , wodurch den Menschen ein Uebergangspunkt von der langen drückenden Traurigkeit während des Krieges zu neuer Heiterkeit gegeben wird . In einigen Tagen , sagte der Graf , fällt der Geburtstag der Gräfin ein ; ich werde also an diesem Tage ein Fest veranstalten , so gut es auf Hohenthal gehen will . Schön , sagte der Baron ; dabei kann auf jeden Fall unter Trompetenschall die Gesundheit des Königs getrunken werden , der Lärm , das Jubeln dabei muß so laut als möglich getrieben werden , um eine bedeutende Wirkung hervorzubringen . Bei mir bleibt es ein Friedensfest , ich beabsichtige damit Mancherlei , worüber ich mich jetzt noch nicht erklären kann . Mit schlauem Lächeln entfernte sich der Baron , nachdem er seine Absicht erreicht hatte . Der Graf hatte nur ungern nachgegeben , ihm schien es nicht anständig , eine laute Freude zu bezeigen bei so viel Ursache zum Kummer ; auch glaubte er , selbst die Summe , die für ein solches Fest aufgewendet werden müßte , könne im gegenwärtigen Augenblick besser benutzt werden ; indeß , da nun einmal das Versprechen gegeben war , so wurden Einladungen weit und breit versandt . Die Gräfin und Emilie ordneten mit Dübois an , wie die Genüsse dieses Festes aufeinander folgen sollten , und der alte Haushofmeister sorgte viel zu eifrig für die Ehre des Hauses , als daß nicht durch ihn die Wirthschafterin und die Köche gehörig in Thätigkeit gesetzt worden wären . Während der Beschäftigungen des Schlachtens , Backens und aller anderen Vorbereitungen , die ein großes Fest auf dem Lande erfordert , konnte es der Graf nicht lassen , seinem Mißmuthe dadurch Luft zu machen , daß er zuweilen mit St. Julien darüber scherzte , wie mühselig diese Anstalten zur Freude wären , bei denen doch am Ende Alles auf Essen und Trinken hinaus liefe . Der junge Mann gab ihm Recht , und die Gräfin bemerkte : Es giebt überhaupt sehr wenige Festlichkeiten , bei denen der Genuß im Verhältniß zu der Mühe stände , die die Anstalten dazu verursachen . Die Aufmerksamkeit wurde auf einen andern Gegenstand gelenkt , als der Prediger kam und dem Grafen einen Brief brachte . Ich kann es mir nicht erklären , sagte der Geistliche , ich habe hier noch einen Brief , der ist von dem alten Lorenz , worin er mich ersucht , ihm seine Pension , die Sie ihm auszahlen , zu übermachen ; er fügt zu diesem Zwecke auch die Quittung bei , und mit demselben Boten kommt der Brief an Sie , und dieser Bote ist ein Bauer von dem Gute Ihres Herren Vetters , der mir versichert , der alte Lorenz sei dort auf dem Schloß ; auch ist der Brief an Sie mit dem Hohenthalschen Wappen gesiegelt . Der Graf öffnete dieß Schreiben , und es fand sich , daß es von seinem Vetter , dem jungen Grafen , war , der ihm meldete , daß er schon lange das Verlangen gehegt habe , ihm , als seinem Verwandten , seine Hochachtung zu bezeigen , und da nun durch die große Reduktion der Armee er für jetzt verabschiedet sei , so glaube er , die Muße , die ihm dadurch geworden , nicht besser benutzen zu können , als wenn er diesen lang genährten Wunsch befriedige , und so kündigte er sich hiemit für einen der nächsten Tage auf Hohenthal an . Der Brief war mit so großer Zurückhaltung und trockner Kälte geschrieben , daß er keine gute Meinung für den Verfasser bei dem Grafen erregte , denn er dachte : Ist es für ihn ein so lästiger Zwang , mich zu besuchen , so hätte er es ja unterlassen können , da ihn Niemand dazu aufgefordert hat ; macht er aber die Reise trotz seines Widerwillens , so muß eine Absicht damit verbunden sein . Indeß verschwieg der Graf diesen Gedanken und äußerte bloß gegen den Prediger , daß es ihn freue , seinen jungen Vetter kennen zu lernen , der ihm seinen Besuch ankündigte . Ich konnte nicht darauf kommen , setzte er hinzu , ihn zu unserm Feste einzuladen , da ich nicht wußte , daß er schon bei seinen Eltern ist , und auch die Entfernung zu groß ist , als daß man ihn zu den Nachbaren rechnen könnte ; der Weg , den er zu machen hat , muß schon eine Reise genannt werden , und ich hoffe deßhalb , er wird sich länger bei mir aufhalten wollen , wenn er auch noch zu unserm Friedensfeste kommen sollte . Ich begreife nur nicht , was der alte Lorenz dort macht , sagte der Geistliche . Da er kein Dokument mehr verkaufen kann , sagte der Graf mit einiger Bitterkeit , so lassen Sie ihn treiben , was er will . Er händigte hierauf dem Geistlichen die halbjährige Pension des ehemaligen Kastellans gegen dessen Quittung ein , der darauf den Boten am andern Tage zurückzusenden versprach . Es war am Vorabende des großen Festes , alle Anstalten waren beendigt , und man konnte nun dem verständigen Dübois die Ausführung ruhig überlassen . Jetzt , sagte die Gräfin scherzend zu Emilie , die eben etwas erhitzt und ermüdet eintrat , fängt das Fest für uns schon an ; nun brauchen wir für nichts mehr zu sorgen , jetzt ruht die Bürde allein auf Dübois Schultern , der das große Werk gewiß zu unserer Zufriedenheit ausführen wird ; also setze Dich nun zu uns und laß uns einmal wieder ein vernünftiges Gespräch führen , wozu seit gestern kein Mensch hat kommen können . Emilie wollte eben antworten , als man einen Wagen vorfahren hörte . Um Gottes Willen ! rief St. Julien , es kommt doch wohl nicht ein voreiliger Gast schon heute . Man eilte zu den Fenstern ; der angekommene Fremde war schon ausgestiegen , indeß der leichte , kleine , mit zwei unansehnlichen Pferden bespannte Reisewagen , der Knabe von funfzehn bis sechszehn Jahren , der zugleich Kutscher und Bedienter zu sein schien , dieß Alles deutete auf keinen vornehmen Gast . Die Gesellschaft wendete sich eben nach dem Saale zurück , als Dübois die Flügelthüren öffnete und mit ehrerbietiger Stimme in den Saal hinein rief : der Herr Graf von Hohenthal . Der Angekündigte trat ein , und Aller Augen waren auf einen jungen Mann gerichtet , dessen edler Anstand für ihn hätte einnehmen können , wenn nicht dem schönen , ausdrucksvollen Gesichte alle Freundlichkeit und Milde gemangelt hätte . Er war blaß und mager nach überstandener Krankheit und Anstrengung . Zwischen seinen Augenbraunen ruhte ein Zug , den man hätte feindlich nennen können , wenn nicht die Augen einen Trübsinn ausgedrückt hätten , der zuweilen bis zur wilden Verzweiflung gesteigert schien . Er näherte sich dem Grafen und sagte , indem er sich