Hinchvoch näherte sich den Jungfrauen , und sagte , sich die Hände reibend , nach einigem Besinnen : Ihr liebwerthen und schönen Jungfrauen , wenn sich einmal der unvorhergesehene Fall ereignen sollte , daß dem Przemysl und dem Hinchvoch die Wlasta und die Stratka gefielen , so könnte es wohl geschehen , was ihr uns ansinnet . Da man aber nicht wissen kann , wann dieser Fall eintreten möchte , so laßt euch bis dahin Gutes gerathen sein , und thut , wie die andern Mägde im Lande , und spinnet und stricket , nähret euch redlich und betet zu den Göttern . Denn was seid ihr Besseres ? Aber gedenkt auch zu euerm Trost daran , daß sich bisweilen selbst unvorhergesehene Fälle ereignen . Nach dieser Rede entließ er die Jungfrauen , die alle in schweigendem Zorn von dannen gingen . Sie schlichen betrübt einher , wie geschorene Lämmer , und getrauten sich kaum einander selbst anzusehen . Sie sprachen kein Wort zusammen auf dem ganzen Rückwege , und nicht einmal ein Seufzer schlich sich aus der gepreßten Brust hervor . Als sie so in stummer Reihe bei dem Berg Widowle anlangten , kamen ihnen die andern Mädchen schon von fern fragend entgegengesprungen . Aber Budeslawka winkte ernst mit der Hand , und bedeutete sie , still zu sein . Dann erzählte sie mit einer Stimme , die wie gemessenes Grabgeläute klang , welche schnöde Antwort den Jungfrauen zugetheilt worden sei . Als Wlasta dies hörte , warf sie sich lautschreiend an die Erde nieder , und brüllte wie eine Löwin , welche des Jägers Schuß ins Herz getroffen . Sie zerraufte sich das wunderschöne Haar , und jammerte , daß sie diese Schande nicht überleben werde . Die schmachtende Stratka weinte bloß helle Thränen , und faßte ihre Freundin in die Arme , um sie an ihrem Busen zu trösten . Aber Wlasta wollte von keinem Trost hören , sie schlug bald auf mit donnernden Tönen einer wuthentbrannten Seele , bald wimmerte sie in sich hinein wie eine sterbende Nachtigall . Dann ward sie ganz still , während sich die andern Jungfrauen in schmerzlicher Theilnahme um sie her drängten . Nachdem sie eine Zeitlang so gelegen , ihr herrliches Antlitz der Erde zugekehrt , erhob sie sich plötzlich wieder , und stellte sich aufrecht in ihrer strahlenden Gestalt vor die Freundinnen hin . Ihre Augen leuchteten , wie zuckende Blitze , in ihrem hochgehobenen Arm bewegte sich , wie zum Kampf , die empörte Muskelkraft . Auf , auf , zur Rache , ihr Schwestern ! rief sie aus . Zur Rache an allen Männern ! Kein einziges dieser Ungeheuer darf am Leben bleiben , so lange wir böhmischen Mägde walten in diesem Lande ! Zur Rache , zu den Waffen ! Jede suche sich ihre Waffe , damit wir gerüstet sind ! Schlaget todt , schlaget todt , jeden Mann schlagt todt ! Zu den Waffen , zu den Waffen ! Jetzt will ich euch sagen vom freien Weibe , was es ist ! Das freie Weib ist die Amazone , die gegen die Männer sicht ! Die Amazone , mit Schwert und Bögen und Pfeil , ein freies Weib ! Sie ist unabhängig , sie streitet für ihre Freiheit gegen die Männer ! Darum auf , zur Rache , zu den Waffen ! Die Amazone , mit Schwert und Bogen und Pfeil , ein freies Weib ! Da jubelten und jauchzten alle die böhmischen Jungfrauen , und im ganzen Kreise hallte und schallte es , daß der Berg erzitterte : » Zur Rache , zu den Waffen ! Die Amazone , mit Schwert und Bogen und Pfeil , ein freies Weib ! « Und sie ordneten sich in Schaaren , und beschlossen , noch in derselbigen Nacht die Veste Motol zu stürmen , um sich darin zu verschanzen . Wlasta , der Mägde hochherzige Führerin - - - * * * - Doch hier , o Heilige , muß ich wahrlich abbrechen ! Vielleicht schreibe ich Dir den Rest ein anderes Mal auf , vielleicht auch nicht . Du mußt bedenken , ich sitze im Wirthshause . Und wer hat in den Wirthshäusern dieses Lebens Zeit und Ruhe , ein Kunstwerk zu schaffen ? Ich mindestens nie , mit meiner flatterhaften Muse , die so wenig reelles Sitzfleisch jetzt hat . Also gehe ich lieber spazieren , da ich einmal auf der Reise bin . Ich habe Dir jedoch wenigstens die Exposition zu dem böhmischen Mägdekrieg gegeben , wie ich ihn mir denke , und ich wundere mich recht , daß alle bisherigen Bearbeiter dieser Geschichte , sowohl der an manchen lyrischen Schönheiten reiche Karl Egon Ebert , als auch van der Velde in seiner bekannten Novelle , die eigentlichen Motive dazu , wie ich sie aufgefaßt , so ganz verkannt haben . Du mußt Dir nun aber weiter denken , wie sich aus diesem kühnen Beginnen der Mägde der blutigste Krieg entsponnen , welcher einige Jahre lang das ganze Land verheerte ; wie allmählig alle Frauen im gesammten Reiche Partei ergriffen wider ihre Männer , und den öffentlichen Kampf der Jungfrauen durch kleines häusliches Gewehrfeuer unterstützten ; wie alle Morgen Männer , welche die Oberherrschaft des Weibes nicht anerkannten , ermordet im Bette gefunden wurden ; wie die kriegerischen Jungfrauen , nachdem sie sich lange auf der Veste Motol verschanzt , sich endlich ein eignes Schloß erbauten , das berühmte Schloß Diewin ( von diewicze , die Jungfrauen ) , weil es ganz von jungfräulicher Hand erstanden , und kein Mann auch nur einen Stein zu seinem Bau getragen ; wie in diesem Mägdeschloß die Jungfrauen einen eignen Staat errichteten , und sich in allen ritterlichen und männlichen Künsten , bald mit dem Speer , bald mit dem Bogen , bald zu Roß , bald zu Fuß , beherzt und geschickt übten und ausbildeten ; wie von Przemysl und seinen Schaaren das Schloß Diewin vergeblich belagert und bekriegt wurde ; wie die Mägde viele und herrliche Jünglinge des Landes , unter dem trügerischen Versprechen ihrer Gunst , zu sich auf das Schloß lockten , und dort mit schmählicher List ermordeten und verstümmelten ; wie Alles , was einen Bart hatte im Reich , endlich in die allergrößte Verzweiflung gerieth ; wie Przemysl einen ordentlichen Landtag wider die Weiber ausschrieb ; wie die furchtbar schöne Wlasta sich als die Königin des Reiches anzusehen begann , und eine neue Landordnung , ein eigentliches Amazonen-Edikt , verfaßte , wonach jedem Knaben , der im Lande geboren worden , der Daumen an der rechten Hand abgeschnitten , das rechte Auge aber ausgestochen würde , damit er zu jeder Kriegsthat unfähig sei , wonach ferner jedem Mägdlein , das geboren worden , die rechte Brust mit einem glühenden Eisen abgebrannt werden solle , damit sie ihr nicht wachsen und sie im Spannen des Bogens verhindern könne , wonach auch die Männer nur den Ackerbau betreiben , die Jungfrauen aber im Felde streiten sollten mit den Feinden , und wonach endlich eine Jungfrau Den , der ihr wohlgefiele , zum Manne zu nehmen die Macht hätte , und überhaupt alle Freiheit , welche sonst ein ungerechtes Schicksal den Männern zugewiesen , für sich gewönne . Dann wirst Du jedoch auch sehen , wie diese ethisch-gesellschaftliche Revolution , in welcher sich das freie Weib als Amazone constituirte , zuletzt einen entsetzlich tragischen oder vielmehr sehr gewöhnlichen Ausgang nahm . Denn als die Männer jene neue Landordnung der Wlasta gehört , erschraken sie so sehr und so gewaltig , daß sie sich nun aus allen Theilen des Landes zusammenrotteten , und mit der letzten Kraft ihres Muthes , auf Leben und Tod , einen Sturm unternahmen auf das Mägdeschloß Diewin . Nach einer fürchterlichen Schlacht bethätigte sich endlich das biblische Wort : Er soll Dein Herr sein ! und die Jungfrauen , die nicht durch das Schwert fielen , wurden geheirathet , und gelobten Treue und Gehorsam , und ein sanftes Gemüth . - - Doch genug davon ! Ich wünschte wohl , daß ein junger talentvoller Dichter diesen Stoff einmal nach meinen Ansichten , wie ich sie in der Exposition angedeutet , bearbeiten möchte ! Du lieber Gott , wer doch heut den Frieden dazu hätte , talentvoll zu sein ! Aeußern Frieden und Heiterkeit ringt man sich wohl ab , aber die geheim in mir ziehenden schmerzhaften Gewitter lassen der Seele doch selten Ruhe , daß sie an fremde Stoffe mit ihrer innern Werdelust sich hingebe ! Auch manches Sonstige , was ich schon das vorige Mal berühren wollte , muß ich wieder auf meine nächsten Blätter versparen . Ich bringe jetzt Alles nur in einzelnen Stücken zu Stande . Es ist einmal ein zerstückeltes Leben in dieser Zeit , und das Herz hängt sich mit seinen Sympathieen an diese Zeit . Darum ist es auch zerstückelt . Mein Herz freut sich seiner Fragmente , und erschrickt ordentlich vor der Harmonie , als wäre der Welt Ende dann da . Was soll ich auch mit der Harmonie ! Ich bin nicht für sie geboren . Nimm vorlieb , Du Heilige ! - IV. Prag . Katholizismus , Legitimität , Wiedereinsetzung des Fleisches . - Zwei Dinge sind es , welche auf den gemüthlichen und gesellschaftlichen Charakter der Prager besonders einwirken , nämlich die Musik und das Bier . Der nationelle Sinn für Musik , der in Prag fortdauernd mit großer Kunstliebe gepflegt wird , begunstigt eben so sehr eine gewisse Sanftmuth und Zärtlichkeit der hiesigen Sitten , als das vortreffliche Bier , der zweite Musengott der Bevölkerung , ein mildes Phlegma , eine gedämpfte Gemüthlichkeit in den Umgang bringt . Auch die schwermüthige Stille , die hier auf den Straßen herrscht , scheint es mir zuweilen zu sagen , daß ich unter einer biertrinkenden Bevölkerung weile , der das künstliche Gebräu aus Malz und Hopfen über Alles gilt , sogar über die edleren Gaben des genialen Mannes Bacchus . Das Prager Bier , das in den hiesigen Felsenkellern so außerordentlich gut und kühl erhalten wird , besitzt in der That , bei einem eigenthümlich wohlthuenden Geschmack , so substanzreiche Theile , daß es einmal ein Kenner mit Recht ein flüssiges Brot nannte . Und als solches wird es auch hier vielfältig genossen , da man sogar schon des Morgens mit Bier frühstücken sieht , und die ganze Atmosphäre Prags schien mir beständig so bierdurstig , daß ich das , was ich sonst für eine Barbarei gehalten haben würde , an mir selbst erlebte . Ja , so bin ich , Heilige ! daß alle Sympathieen , die es nur in der Welt geben kann , augenblicklich auf mich einwirken . Ist das nicht die alte lächerliche Vielseitigkeit an mir ? Aber nun denke Dir , was es auf das Temperament eines Volkes für Einfluß haben muß , wo ein so starkes und schweres Bier zum Lieblingsgetränk geworden . Doch der Prager genießt sein Bier selten ohne - Musik . Aus den niedrigsten Bierhäusern schallt Dir Harfe , Flöte , Geige , Trompete oder Trommel , fast zu jeder Tageszeit , entgegen , und so wiegt sich die sanfte Biermelancholie schnell in eine weiche Musiksymphonie hinüber , die am Ende sogar in die Füße tritt , und die Schwere des Phlegmas zu einem rasch sich drehenden Tanz bewegt . Doch ich merke jetzt erst , daß ich eine seltsame Einleitung gewählt habe , um mich heut mit Dir zu unterhalten . Denn wahrlich von ganz anderen Dingen habe ich mir vorgenommen , Dir zu sprechen . Ich wollte Dir von der vertriebenen französischen Legitimität , die droben auf dem hohen Hradschin ihren Wohnsitz aufgeschlagen , erzählen . Es ist bald vier Uhr , und um diese Zeit hört Karl der Zehnte in der Schloßkirche die Messe . » Wie schaffen ? « fragt die niedliche freundliche Kellnerin , indem sie sich mit einem wohlgelungenen Knix vor mich hinstellt . Ich schaffe heut nichts , als einen Fiaker . Der Regen gießt in Strömen herunter , die Straßen schwimmen , und ich muß hinauf zu dem erhabenen Dom von St. Veit . Es waren bald Anstalten getroffen , um mich fortzubringen . Ich trat in den bedeckten Säulengang , und durch die Kirchthür , und hatte noch Zeit , den merkwürdigen Eindrücken , welche gothische Bauwerke immer auf die Stimmung und das Gemüth hervorbringen , mich zu überlassen . Das auf hohen gothischen Bogen getragene Schiff der Kirche , die auf mächtigen Wandpfeilern ruhenden Kreuzgewölbe , die vielen in ehrwürdiger Pracht schimmernden Kapellen und Altäre , die stille andächtige Reihe der Betstühle ; große historische Denkmäler , ehrfurchterregend in ihrem Alter und in ihrer Kostbarkeit ; auf ihren Gräbern schlafende , in Stein gehauene Könige , Heilige , Märtyrer und Wundertäter ; wunderbare Wandbilder , bedeutsame Inschriften , seltsam zierliches Schnitzwerk , bunte Malerei auf dem flimmernden Zwielicht der hohen Fenster ; reicher Kirchenschatz der Metropolitane , Silber , Edelgestein und Vergoldung überall ; Ballustraden , Baldachine , Kruzifixe , Weihgefäße und silberne Lampen ; und zu allen diesem Einzelnen die ganze , in vielfache Ecken auslaufende Halle , mit ihrem geheimnißvollen Dunkel , das zuweilen plötzlich von den aus Thüren und Fenstern hereinbrechenden Tageslichtern durchblitzt wird , und mit der luftig schwebenden hohen Decke , zu der das Auge in staunender Verwunderung sich verliert ; dieser Anblick und dieser Eindruck ist so gemüthserregend , daß man lange bei sich nachdenkt , ohne zu wissen , worüber , und doch wiederholt er sich fast bei jeder gothischen Kirche auf die ähnliche Weise . Die historische Ehrwürdigkeit dieses alten Domes , der , schon oft dem Sturm der Zeiten verfallen , sich immer wieder , wenn auch nie mehr ganz vollständig in ehemaliger Pracht , erhoben , möchte noch dazu beitragen , die heiligen Schauer zu vermehren , die beim ersten Fußtritt , den man vom Eingang aus auf den tiefer liegenden Marmorboden setzt , die Seele ergreifen . Etwas Unendliches scheint sich vor Dir aufzuthun , wenn Du die ehrfürchtigen Blicke durch die unbegränzte Tiefe der Kirche hinirren lässest , es ist Dir , als öffne sich die weite , geheimnißvolle , dunkle Zukunft des nach göttlichem Ebenbild geschaffenen Menschengeistes . Und doch ist diese Unendlichkeit der Anschauung , die an Dich herantritt und in die Du alle Deine Gedanken tauchen möchtest , sie ist nur die Unendlichkeit der architektonischen Perspective , die der gothischen Baukunst eigenthümlich ist . Diese Perspective in das Unbegränzte und Jenseitige , an der sich in vergangener Epoche der sehnsüchtige Geist des Christenthums zu diesem kühnen Schwung der Bauformen erhoben , regt mich jedoch mehr auf zu Gedanken , als daß sie mich mit einem festen Gedanken beglückte . Es ist eine sinnliche Unendlichkeit , die darin auch in ihrer Wirkung Aehnliches mit der Musik hat , daß sie mehr Gedankenstimmungen erzeugt , als reine Gedanken zuläßt . Diese Baukunst ist die in trunkenen Formen aufschwebende Andacht , die zu dem Unbegreiflichen betet , und so verbindet sie sich als das nebenstehende und verwandte Element mit der Kirchenmusik , um die Mystik des katholischen Gottesdienstes hervorzubringen . Der Katholizismus ist die Religion der Kirche , er bedarf der Kirche zu seinem Glauben und zu seiner Andacht . Unter freiem Himmel , wo bloß die helle Luft der Gotteswelt scheint und tagt , könnte er nicht bestehen , denn die heiligen Handlungen , die sein eigenstes Wesen ausmachen , sind an die Halle der Kirche , an Altar und Kapelle , an Meßgewand , Betstuhl und Wachskerze gefesselt . Er bedarf der Baukunst der sichtbaren Kirche , der Dämmerung der Bogengänge , der Vertiefung der Kreuzgewölbe , um alle seine absichtsvollen und künstlichen Wirkungen zu erreichen , um in der Charwoche bald durch plötzlich bewerkstelligte Finsterniß , bald durch wieder aufglimmende Helle der heiligen Bedeutung der Erlösungsgeschichte eine Illusion für die Sinne zu schaffen . Er bedarf der sichtbaren Kirche , um Katholizismus zu sein . Es ist gerade wie mit der Legitimität ; die bedarf des sichtbaren Thrones , um Legitimität zu sein . Sie bedarf der Herrscherpracht unter goldenem Baldachin , um zu herrschen ; sie bedarf der Säulen des Königspalastes , um die Macht des Bestehenden auch den Sinnen anzudeuten . Sie bedarf des Scepters und des Reichsapfels in der Hand , um die Heiligkeit der Ueberlieferung , auf der sie ruht , zu bezeichnen ; sie bedarf aller durch Jahrhunderte geweihten Insignien ihrer Hoheit , um zu zeigen , daß sie über der Gemeinde , über dem Volke steht , und nicht aus demselben hervorging . Doch was rede ich von der Legitimität ? Ich bin ja gekommen , um sie zu sehen . Die Vesper hat bereits begonnen , aber das königliche Oratorium oben ist noch immer leer , und meine Augen spähen vergeblich nach Karl dem Zehnten . Die Kirche ist mit manchen andern Neugierigen meiner Art gefüllt , die sich flüsternd und erwartungsvoll in den Gängen auf und nieder bewegen . Es ist ein seltsames Leben in der schon halb verdunkelten Kirche , und ich irre unter lauter unbekannten und fremdartigen Gestalten umher . Hier und da höre ich französische Laute an mein Ohr dringen . Nun heißt es , Karl X. der arme kranke Verbannte , werde heut nicht erscheinen , und die romantisch hochherzige Düchesse de Berry ist in Brandeis . Dagegen meldet der Kirchendiener , daß der Herzog und die Herzogin von Angoulème und der Herzog von Bordeaux zu sehen sein werden . In der That befanden sich diese drei Mitglieder der vertriebenen Königsfamilie auf einem Umzuge durch die Kirche begriffen , um mehrere Schätze und Reliquien-Kostbarkeiten der reichen Metropolitane in näheren Augenschein zu nehmen . Eben kamen sie den Gang herunter , um sich in die Wenzelkapelle zu begeben . Sie schritten dicht an mir vorüber , und ich weiß nicht , mich überfiel es auf Einmal , als wäre ich im Grunde meines Herzens ein Stocklegitimer , denn ich machte der Herzogin von Angoulème , auf deren ächt bourbonischem Gesicht der höchste Ausdruck von Trauer geschrieben stand , mit der tiefsten und ehrerbietigsten Verneigung Platz . Fürchte jedoch nichts von mir , es war lediglich die Ehrfurcht vor dem Unglück . Heiterer sah der Herzog von Angoulème aus , und schien sich den resoluten Muth , der ihn in mannigfach mißgünstigen Schicksalen seines Lebens stets ausgezeichnet , auch jetzt noch bewahrt zu haben . Den kleinen Duc de Bordeaux hatte ich noch nicht genau gesehen , und ich folgte daher dem Zuge nach der berühmten , dem heiligen Wenzel gewidmeten Kapelle dieser Kirche . Die St. Wenzel-Kapelle , die sich gleich rechts vom Haupteingange befindet , ist die reichste an alten merkwürdigen Reliquien , Denkmälern und heiligen Erinnerungen . Sie war von Anwesenden ganz angefüllt , und es herrschte eine eigene , ängstliche , drückende Stille , während die verbannte Familie vor dem Altar stand , und sich von dem Priester die aus mehreren Kästchen und Schränken hervorgeholten Kostbarkeiten und Heiligthümer vorzeigen ließ . Der kleine Herzog von Bordeaux hat ein hübsches , kluges , verstandvolles Gesicht , mit einer sehr gemäßigten Bourbonicität der Nase , dazu etwas Keckes und in die Zukunft Blickendes in seinem Auge , was , zugleich mit einer Beimischung von leiser , noch knabenhafter Trauer , ihm einen höchst interessanten Ausdruck gab . Ich muß gestehen , seine Erscheinung , die ich mir anders gedacht , gefiel mir ganz außerordentlich , und ich hatte mich dicht in seine Nähe gedrängt , um ihn recht beobachten zu können . Hinten in der Ecke der Kapelle standen zwei alte weißbärtige Franzosen zusammengekauert , allem Anschein nach mitausgewanderte , begeisterte Legitime , die den kleinen Duc , den einzig übrig gebliebenen Gegenstand ihrer Hoffnungen , das einzig sichtbare Pfand der wiederherzustellenden Legitimität Frankreichs , mit leuchtenden Augen unverwandt betrachteten . Ich sah bald auf diese alten merkwürdigen Henriquinquisten hin , die von dem Anblick ihres letzten Bourbonen ordentlich trunken schienen , bald auf den jungen , hoffnungsvollen Henri selbst , der sich von der Herzogin von Angoulème erst dazu am Arm stoßen ließ , um eine ihm von dem Priester vorgehaltene Reliquie zu küssen . Ich nahm das für ein gutes Zeichen , und obwohl ich in Frankreich nicht zu den Legitimen gehören würde , freute ich mich doch von Herzen über den Duc de Bordeaux , und die alten Henriquinquisten . Der eifrigste Reliquien-Küsser war der Herzog von Angoulème , welcher auf manche Gegenstände dieser heiligen Ueberlieferung drei bis viermal die Lippen heftete , und gar nicht davon ablassen konnte . Als sie die Kapelle verließen , küßte er noch mit wahrer Inbrunst den an der Thür derselben befindlichen berühmten Ring , woran sich , wie mir der gutwillige Kirchendiener erzählte , der heilige Wenzel , als er zu Altbunzlau von seinem Bruder ermordet wurde , noch in der letzten Todesangst angehalten haben soll . Die Scene war zu Ende , und die versammelte Menge begann sich allgemach wieder zu zerstreuen . Ich schritt noch langsam in den Kreuzgängen auf und nieder , und konnte mich noch nicht von dieser wunderbaren Kirche trennen , die jetzt , wo die großen Schatten der Dämmerung von den hohen ernsten Pfeilern herabflossen , am mächtigsten meine Einbildungskraft und meine Gedanken in Bewegung setzte . Ich hatte den Herzog von Bordeaux , die Hoffnung der Legitimität , gesehen , und er hatte mir gefallen . Ich hatte bemerkt , wie er nur widerwillig einige heilige Gegenstände küßte , und hatte mich darüber gewundert , weil ich den Katholizismus immer für die Religion der Legitimität gehalten . Dennoch hatte es mir auch wieder gefallen . Jetzt wurden so weitgehende Betrachtungen über diese Dinge in mir rege , daß ich zu dem heiligen Veit ausdrücklich flehte , er möchte mich noch so lange hier in der vertraulich einsamen Halle seines Domes lassen , bis ich mich recht zur Genüge in meinen auftauchenden Vorstellungen ergangen hätte . Dann wurde wieder die Lust größer in mir , mich an irdischen Gestalten zu zerstreuen , statt in gefährliche Gedanken mich einzulassen . Ich lief rascher in den Gängen hin und her , daß meine Tritte durch die ganze Wölbung wiederhallten . Hier und da traf ich noch vor einem Altar oder Heiligenbild der Kirche Betende und Knieende an , darunter einige schöngebildete Frauen , die meine Aufmerksamkeit auf sich zogen . Der inbrünstige Ausdruck der Andächtigen in den katholischen Kirchen hatte schon oft meine Bewunderung erregt , vornehmlich bei den Pragerinnen , die zugleich nicht verfehlen , alle Lieblichkeit ihrer Gestalt dabei anschaulich zu machen . In der anmuthigsten Stellung sieht man sie , den Kopf tief auf den Busen heruntergeneigt , wie selbstvergessen in ihrer Frömmigkeit dastehen , während zugleich die dadurch hervortretende Rundung des schönsten Nackens an ein blühendes weltliches Element erinnert . Und nachdem sie still und zierlich gebetet , machen sie zuletzt dem Bild ihres Patrons , vor dem sie gestanden , noch einmal eine gefällige , graciöse Verbeugung , und entfernen sich dann mit einem allerliebsten Knix aus der Kirche . Das nenne ich gute Lebensart in der Religion . Fürwahr , man ist auch dem lieben Gott einige gute Lebensart schuldig , und wenn man vor ihm betet , mag es nicht gleichgültig sein , ob man es in anständigen und schönen Formen thut , oder mit plumpen und ungebildeten Manieren . Der Katholizismus ist die Religion der schönen Lebensart vor Gott , die Religion der glänzenden Formen in der Andacht . Es gab einmal einen gewissen Pietismus , der in ein höchst vertrauliches , ich möchte sagen bürgerlich-familiäres Verhältniß mit dem lieben Gott gerathen war . Dies war die Spenersche Hauspostillen-Zeit , die Morgen- und Abendsegen-Periode in der Theologie . Diese Frommen - und ich mag nicht untersuchen , wieviel es ihrer noch heutzutage gibt - diese dachten sich den lieben Gott nicht anders , als einen alten guten Papa auf dem Großvaterstuhl in Schlafrock und Pantoffeln , mit dem sie sich Abends , selbst bis auf die Nachtjacke entkleidet , bequem und ohne Umstände unterhalten konnten . Sie sprachen mit ihm Sachen aus der Wirthschaft , rechneten ihm ihre täglichen Ausgaben und Einnahmen vor , baten ihn um Zuschuß , wo es mangelte , und gelobten ihm , daß sie sich vor Ostern keinen neuen Rock machen lassen wollten . Gott war wie ein Armenvorsteher gedacht , die ganze Welt als Spital angesehen , und der Fromme wand sich wie ein geduldiger Hospitalit von Tag zu Tag hin mit seinem pietistischen Krankensüppchen . Es war ein erbärmliches Leben , eine bettelhafte Wirthschaft im Reiche Gottes . Der Katholizismus hätte einen solchen Pietismus nie erzeugen können , sondern es war vielmehr die erste Folge des Protestantismus , welcher die romantischen Formen der Religion zertrümmert hatte , ohne daß jene Zeit noch die Kraft besessen , die verloren gegangene Hoheit der Kirche durch die größere Hoheit des Geistes zu ersetzen . Daher das spießbürgerliche Verhältniß zu Gott , in dem dieser Pietismus sein Heil suchte , und worin fast alle geistige Natur des höchsten Wesens in den bloßen Eigenschaften eines mildthätigen Familienvaters zu Grunde ging . Der Katholizismus , diese Religion der schönen Form , hat dagegen immer etwas Edles und Adliges , etwas Anstandsvolles in seiner Andacht behalten . Die Kirche wird zum Thronsaal des Allerheiligsten , dem lieben Gott werden hohe feierliche Wachskerzen angezündet , und der Priester legt prächtige Galla an , und weiß tausend Verneigungen zu machen , wenn er sich vor den Altar stellt . Glöcklein klingen , die strahlende Monstranz wird vorgezeigt , und die umstehende Schaar der Gläubigen stürzt anbetend auf ihr Knie nieder , oder verbeugt sich tief , mit einem huldigenden Gruße . Alles trägt den Charakter einer festlichen Versammlung , und die Frömmigkeit befolgt streng alle Gesetze des Ceremoniells und der Convenienz . Meßdiener in Tressenröcken eilen geschäftig auf und nieder , es geht zu wie in einem fürstlichen Salon . Manchen Heiligenbildern rings umher sind kostbare Schmucke umgehangen , hier und da hat eine Madonna einen Orden bekommen . Es herrscht die größte Haltung in der Gemeinde , Jeder ist wie von der ehrfurchtgebietenden Gegenwart des Heiligen erfüllt , und Gott steht in Glorie unter seinen Schaaren , die ihm als einem sichtbaren König huldigen . Im Katholizismus ist Gott als der sichtbare König der Welt gedacht , und die Kirche als Säule und Sessel seines Thrones . Darum geht der Katholik in die stündlich offenstehende Kirche , wenn er zu Gott seine Seele aufrichten will , und der innere Geheimdienst des Geistes , in dem nur die Gedanken knieen und beten gehen , ohne daß sie nöthig hätten , die Kirche zu suchen , liegt ihrer Gottesverehrung fern und fremd . Darum wird aber in der katholischen Kirche Gott als dem König gedient , und nicht Gott als dem Geist . Dem Katholizismus liegt ein royalistisches Element zu Grunde , und indem sich dazu die Heilighaltung der Tradition und die Stabilitätsidee der Kirche gesellt , macht es sich von innen heraus und durch sich selbst anschaulich , wie Katholizismus und Legitimität sich immer in die Hände gearbeitet haben . Für den Katholizismus wie für die Legitimität gibt es deshalb keine Gesetze der Bewegung . Sie sind unveränderlich in ihrem Wesen , und während sich Alles in der Geschichte um sie her bewegt , können sie Geschichte und Bewegung nicht anders ansehn , als für einen Abfall von ihrem eigensten Dasein . Dennoch kenne ich auch Bewegungsmänner im Katholizismus . Ich denke an Anton Günther in Wien , einen ausgezeichneten Mann , dessen persönliche Bekanntschaft für mich von großer Bedeutung war . Günther hat den tiefsinnigen Strom der Speculation als Bewegungsidee in das Bestehende der Kirche hineingeleitet , und sogar die Tradition auf eine philosophische Grundlage geschoben , sodaß sie nicht mehr einzeln und abgetrennt dasteht von einer geistigen Wurzel . Dadurch hat er den Katholizismus bewegt . Ich nenne Günther einen Bewegungsmann des Katholizismus , denn wo Geist ist , da wird Bewegung . Und sein reicher poetischer Genius hat einen die veralteten Formen überdeckenden Blüthenschauer ausgestreut , und selbst der Humor kommt ihm zu Hülfe , um einen frischen Jugendzauber hervorzulocken , und aus verfallenem Gemäuer grünes , duftiges Gesträuch zu treiben . Aber es ist dennoch Alles vergeblich . Günthers Verdienst würde welthistorisch sein , wenn es nicht so ganz unhistorisch wäre . Denn die Bewegung des Katholizismus war schon die Reformation . So bleibt denn einem Geist , wie Günther , nichts weiter übrig , als vermittelnde Tendenzen einzuschlagen , die er auch bereits in seinem » letzten Symboliker « auf eine merkwürdige Weise begonnen . Auf seinem eignen Grund und Boden ist der Katholizismus nicht zu bewegen , wenn er Katholizismus bleiben soll . Ein legitimer Thron , der bewegt wird , wird erschüttert . Die erschütterte Legitimität kann nur durch neues Leben und neue Gesetze wieder befestigt werden . So geht es auch den Bewegungsmännern der Legitimität selbst , die allen Parteien nur in einer zweideutig schillernden Stellung gegenüberstehen . Es gibt auch Bewegungsmänner mitten in der Legitimität . Einen solchen nenne ich Chateaubriand . Wie viel hat er nicht für die Bewegung gewirkt , selbst indem und während er für das Bestehende kämpfte ! Solche Geister treibt die eigene Unruhe ihrer Kraft sogar wider Willen vorwärts , da sie nirgends Frieden und Heimath haben , bis ihre Kraft endlich in der Auflösung des Gegensatzes durch den Gegensatz mit zerrieben wird . Auch an den seltsamen Abbé de la Mennais denke ich , und an seine Paroles d ' un Croyant ! Ein wie verschiedener Mann von Günther , und doch haben beide , als Männer des katholischen Fortschritts , viel Aehnliches mit einander gemein ! Ja , ich glaube , daß Günther sich den früheren Schriften von La Mennais anfänglich angeschlossen hat , wenn er auch die Paroles , über die ich ihn jedoch nie sprechen gehört , schwerlich anders als verdammen wird . Denn der Jacobinismus in der