so vor den Ohren ; - ich konnte nicht schlafen , - ich wollte stilliegen ; - da hörte ich in den gewundenen Säulen der Bettstelle die Totenwürmchen picken ; eins nach dem andern legte los , wie geschäftige Gesellen in einer Waffenschmiede . - Ich muß mich schämen vor Dir ; - ich fürchte mich zuweilen , wenn ich so allein bin in der Nacht und ins Dunkel sehe ; es ist nichts , aber ich kann mich nicht dagegen wehren ; dann möcht ich nicht allein sein , und bloß darum denke ich manchmal , ich müsse heiraten , damit ich einen Beschützer habe gegen diese verwirrte angstvolle Gespensterwelt . Ach Goethe ! - nimmst Du mir das übel ? - Ja , wenn der Tag anbricht , dann bin ich selbst ganz unzufrieden über solche alberne Verzagtheit . - Ich kann in der Nacht gehen im Freien und im Wald , wo jeder Busch , jeder Ast ein ander Gesicht schneidet ; mein wunderlicher der Gefahr trotzender Mutwille bezwingt die Angst . - Draußen ist es auch was ganz andres , - da sind sie nicht so zudringlich ; man fühlt das Leben der Natur als ewiges göttliches Wirken , das alles und einem selbst durchströmt ; - wer kann sich da fürchten ? - Vorgestern auf dem Rochus in tiefer Nacht allein , da hörte ich den Wind ganz von weitem herankommen ; - er nahm zu in rascher Eile , je näher er kam , und dann grade zu meinen Füßen senkte er die Flügel sanft , ohne nur den Mantel zu berühren , kaum , daß er mich anhauchte , mußte ich da nicht glauben , er sei bloß gesendet , um mich zu grüßen ? - Du weißt es doch , Goethe , Seufzer sind Boten ; Du säßest allein am offnen Fenster , am späten Abend , und dächtest und fühltest die letzte Begeisterung für die letzte Geliebte in Deinem Blut wallen ; - dann unwillkürlich stößt Du den Seufzer aus , - der macht sich augenblicklich auf den Weg und jagt , - Du kannst ihn nicht zurückrufen . Irrende Seufzer nennt man , die aus unruhiger Brust , aus verwirrtem Denken und Wünschen entspringen ; aber ein solcher Seufzer aus mächtiger Brust , wo die Gedanken , in schöner Wendung sich verschränkend , auf hohen Kothurnen die taugebadeten Füße in heiligem Takte bewegen , von schwebender Muse geleitet ; - ein solcher Seufzer , der Deinen Liedern die Brust entriegelt , - der schwingt sich als Herold vor ihnen her , und meine Seufzer , lieber Freund ! - zu Tausenden umdrängen sie ihn . Heute nacht nun hab ich mich grausam gefürchtet , - ich sah nach dem Fenster , wo es hell war , - ich wär so gern dort gewesen ! Ich war auf mein fatales Erblager aus dem vorigen Jahrhundert , in dem Ritter und Prälaten schon mögen ihren Geist ausgehaucht haben und ein Dutzend kleiner Meister vom Hammer , alle emsig , pochten und pickten , fest gebannt . Ach , wie sehnt ich mich nach der kühlen Nachtluft . - Kann man so närrisch sein ? - Plötzlich hatte ich ' s überwunden , ich stand mitten in der Stube . Auf den Füßen , da bin ich gleich ein Held , es soll mir einer nah kommen , - ach , wie pochten mir Herz und Schläfe ; die vierzehn Nothelfer , die ich aus alter Gewohnheit vom Kloster her noch herbeirief , sind auch keine Gesellschaft zum Lachen , da der eine seinen eignen Kopf , der andre sein Eingeweide im Arm trägt und so weiter . Ich entließ sie alle zum Fenster hinaus . Und du magischer Spiegel , in dem alles so zauberisch widerscheint , was ich erlebe , was war ' s denn , was mich beseligte ? - Nichts ! - Tiefes Bewußtsein , Friede atmen , - so stand ich am Fenster und erwartete den anbrechenden Tag . - Bettine Am 24. Juli Über Musik lasse ich Dich nicht los . Du sollst mir bekennen , ob Du mich liebst , Du sollst sagen , daß Du Dich von ihr durchdrungen fühlst . Der Schlosser hat Generalbaß studiert , um ihn Dir beizubringen , und Du hast Dich gewehrt , wie er sagt , gegen die kleine Sept , und hast gesagt : » Bleibt mir mit eurer Sept vom Leibe , wenn ihr sie nicht in Reih und Glied könnt aufstellen , wenn sie nicht einklingt in die so bündig abgeschloßnen Gesetze der Harmonie , wenn sie nicht ihren sinnlich natürlichen Ursprung hat so gut wie die andern Töne « , - und Du hast den verdutzten Missionar zu Deinem heidnischen Tempel hinausgejagt und bleibst einstweilen bei Deiner lydischen Tonart , die keine Sept hat . - Aber Du mußt ein Christ werden , Heide ! - Die Sept klingt freilich nicht ein , und ohne sinnliche Basis ; sie ist der göttliche Führer , Vermittler der sinnlichen Natur mit der himmlischen ; sie ist übersinnlich , sie führt in die Geisterwelt , sie hat Fleisch und Bein angenommen , um den Geist vom Fleisch zu befreien , sie ist zum Ton geworden , um den Tönen den Geist zu geben , und wenn sie nicht wär , so würden alle Töne in der Vorhölle sitzenbleiben . Bilde Dir nur nicht ein , daß die Grundakkorde was Gescheuteres wären als die Erzväter vor der Erlösung , vor der Himmelfahrt . Er kam und führte sie mit sich gen Himmel , und jetzt , wo sie erlöst sind , können sie selber erlösen , - sie können die harrende Sehnsucht befriedigen . So ist es mit den Christen , so ist es mit den Tönen : ein jeder Christ fühlt den Erlöser in sich , ein jeder Ton kann sich selbst zum Vermittler , zur Sept erhöhen und da das ewige Werk der Erlösung aus dem Sinnlichen ins Himmlische vollbringen , und nur durch Christum gehen wir in das Reich des Geistes ein , und nur durch die Sept wird das erstarrte Reich der Töne erlöst und wird Musik , ewig bewegter Geist , was eigentlich der Himmel ist ; sowie sie sich berühren , erzeugen sich neue Geister , neue Begriffe ; ihr Tanz , ihre Stellungen werden göttliche Offenbarungen ; Musik ist das Medium des Geistes , wodurch das Sinnliche geistig wird - und wie die Erlösung über alle sich verbreitet , die von dem lebendigen Geist der Gottheit ergriffen , nach ewigem Leben sich sehnen : so leitet die Sept durch ihre Auflösung alle Töne , die zu ihr um Erlösung bitten , auf tausend verschiednen Wegen zu ihrem Ursprung , zum göttlichen Geist . Und wir arme Menschen sollten uns genügen lassen , daß wir fühlen : unser ganzes Dasein ist ein Zubereiten , Seligkeit zu fassen , und sollten nicht warten auf einen wohlgepolsterten aufgeputzten Himmel , wie Deine Mutter , die da glaubt , daß dort alles , was uns auf Erden Freude gemacht hat , in erhöhtem Glanz sich wieder finde ; ja sogar behauptet , ihr verblichnes Hochzeitskleid von blaßgrüner Seide mit Gold- und Silberblättern durchwirkt und scharlachrotem Samtüberwurf werde dort ihr himmlisches Gewand sein , und der juwelene Strauß , den ein grausamer Dieb ihr entwendet , sauge schon jetzt einstweilen das Licht der Sterne ein , um auf ihrem Haupt als Diadem unter den himmlischen Kronen zu glänzen . Sie sagt : » Für was wär dies Gesicht das meinige , und warum spräche der Geist aus meinen Augen diesen oder jenen an , wenn er nicht vom Himmel wär und die Anwartschaft auf ihn hätte ? Alles was tot ist , macht keinen Eindruck ; was aber Eindruck macht , das ist ewig lebendig . « Wenn ich ihr etwas erzähle , erfinde , so meint sie , das sind alles Dinge , die im Himmel aufgestellt werden . Oft erzähle ich ihr von Kunstwerken meiner Einbildung . Sie sagt : » Das sind Tapeten der Phantasie , mit denen die Wände der himmlischen Wohnungen verziert sind . « Letzt war sie im Konzert und freute sich sehr über ein Violoncell ; da nahm ich die Gelegenheit wahr und sagte : » Geb Sie acht , Frau Rat , daß Ihr die Engel nicht so lang mit dem Fidelbogen um den Kopf schlagen , bis Sie einsieht , der Himmel ist Musik . « Sie war ganz frappiert , und nach langer Pause sagte sie : » Mädchen , du kannst recht haben . « Am 25. Was mache ich denn , Goethe , meine halben Nächte verschreib ich an Dich ; gestern früh im Nachen , da schlief ich , wir fuhren bis St. Goar und träumte über Musik , und was ich Dir gestern abend halb ermüdet und halb besessen niedergeschrieben habe , ist kaum eine Spur von dem , was sich in mir aussprach , aber Wahrheit liegt drinnen ; es ist eben ein großer Unterschied zwischen dem , was einem schlafend der Geist eingibt , und dem , was man wachend davon behaupten kann . Ich sage Dir , ich hoffe in Zukunft mehr bei Sinnen zu sein , wenn ich Dir schreibe ; ich werde mich mäßigen und alle kleine Züge sammeln , unbekümmert ob sie aus einer Anschauung hervorgehen , ob sie ein System begründen . Ich möchte selbst gerne wissen , was Musik ist , ich suche sie , wie der Mensch die ewige Weisheit sucht . Glaube nicht , daß , was ich geschrieben habe , nicht mein wahrer Ernst sei , ich glaube dran , grad weil ich ' s gedacht habe , obschon es der himmlischen Genialität entbehrt und man ordentlich erkennt , wie ich froh war , mich vor meinem zürnenden Dämon , daß ich ihn so schlecht verstand , hinter den goldnen Reifrock Deiner Mutter verbergen zu können . - Adieu ! Gestern abend ging ich noch spät in der schönen blühenden Lindenallee im Mondschein am Ufer des Rheins , da hörte ich ' s klappen und sanft singen . Da saß vor ihrer Hütte unter dem blühenden Lindenbaum die Mutter von Zwillingen , eins hatte sie an der Brust , und das andre wiegte ihr Fuß im Takt , während sie ihr Lied sang ; also im Keim , wo kaum die erste Lebensspur sich regt , da ist Musik schon die Pflegerin des Geistes , es summt ins Ohr und dann schläft das Kind , die Töne sind die Gesellen seiner Träume , sie sind seine Mitwelt ; es hat ja nichts - das Kind , ob es die Mutter auch wiege , es ist allein im Geist ; aber die Töne dringen in es ein und fesseln es an sich , wie die Erde das Leben der Pflanze an sich fesselt , und wenn Musik das Leben nicht hielt , so würde es erkalten , und so brütet Musik fort , von da an , wo der Geist sich regt , bis er reif , flügge und ungeduldig hinausstrebt nach jenseits , und da werden wir ' s wohl auch erfahren , daß Musik die Mutterwärme war , um den Geist unter der Erdenhülle auszubrüten . Amen . Am 26. Dies heimliche Ergötzen , an Deiner Brust zu schlafen : - denn dies Schreiben an Dich nach durchlaufner Tagsgeschichte ist ein wahres Träumen an Deinem Herzen , von Deinen Armen umschlungen , ich freu mich immer , wenn wir in die Herberge einziehen und es heißt : » Wir wollen früh zu Bett , denn wir müssen auch früh wieder heraus « ; der Franz jagt mich immer zuerst ins Bett , und ich bin auch so müde , daß ich ' s kaum erwarten kann ; ich werfe in Hast die Kleider ab und sinke vor Müdigkeit in einen tiefen Brunnen , da umfängt mich das Waldrevier , durch das wir am Tag geschritten waren , das Licht der Träume blitzt durch die dunklen Wölbungen des Schlafs . - » Träume sind Schäume « , sagt man , ich hab eine andre Bemerkung gemacht , ob die wahr ist ? - Allemal die Gegend , die Umgebung , in der ich mich im Traum fühle , die deutet auf die Stimmung , auf das Passive meines Gemüts . So träum ich mich jetzt immer in Verborgenes , Heimliches ; es sind Höhlen von weichem Moos bei kühlen Wassern , verschränkt von blühenden Zweigen ; es sind dunkle Waldschluchten , wo uns gewiß kein Mensch findet und sucht . Da wart ich auf Dich im Traum , ich harre und sehe mich um nach Dir ; ich gehe auf engen , verwachsenen Wegen hin und her und eile zurück , weil ich glaub , jetzt bist Du da ; dann bricht plötzlich der Wille durch , ich ringe in mir , Dich zu haben , und das ist mein Erwachen . Dann färbt sich ' s schon im Osten , ich rücke mir den Tisch ans Fenster , die Dämmerung verschleiert noch die ersten Zeilen ; bis ich aber das Blatt zu Ende geschrieben habe , scheint schon die Sonne . Ach , was schreib ich Dir denn ? - Ich hab selbst kein Urteil drüber , aber ich bin allemal neugierig , was kommen wird . Laß andre ihre Schicksale bereichern durch schöne Wallfahrten in ' s gelobte Land , laß sie ihr Journal schreiben von gelehrten und andern Dingen , wenn sie Dir auch einen Elefantenfuß oder eine versteinerte Schneck mitbringen , - darüber will ich schon Herr werden , wenn sie sich nur nicht in ihren Träumen in Dich versenken wie ich . Laß mir die stille Nacht , nimm keine Sorgen mit zu Bett , ruh aus in dem schönen Frieden , den ich Dir bereite , ich bin ja auch so glücklich in Dir ! Es ist freilich schön , wie Du sagst , sich in dem Labyrinth geistiger Schätze mit dem Freund zu ergehen ; aber darf ich nicht bitten für das Kind , das stumm vor Liebe ist ? Denn eigentlich ist dieses geschriebene Geplauder nur eine Nothilfe - die tiefste Liebe in mir ist stumm : es ist , wie ein Mückchen summt um Deine Ohren im Schlaf , und wenn Du nicht wach werden willst und meiner bewußt sein , dann wird Dich ' s stechen . - Sag , ist dies Leidenschaft , was ich Dir hier vorbete ? - O sag ' s doch ; - wenn ' s wahr wäre , wenn ich geboren wär , in Leidenschaft zu verflammen , wenn ich die hohe Zeder wär auf dem die Welt überragenden Libanon , angezündet zum Opfer Deinem Genius , und verduften könnte in Wohlgerüchen , daß jeder Deinen Geist einsöge durch mich ; wenn ' s so wär , mein Freund , daß Leidenschaft den Geist des Geliebten entbindet , wie das Feuer den Duft ! - und so ist es auch ! Dein Geist wohnt in mir und entzündet mich , und ich verzehre mich in Flammen und verdufte , und was die aussprühenden Funken erreichen , das verbrennt mit ; - so knackert und flackert jetzt die Musik in mir , - die muß auch herhalten zum lustigen Opferfeuer ; sie will nur nicht recht zünden und setzt viel Rauch . Ich gedenke hier Deiner und Schillers ; die Welt sieht Euch an wie zwei Brüder auf einem Thron , er hat so viel Anhänger wie Du ; - sie wissen ' s nicht , daß sie durch den einen vom andern berührt werden ; ich aber bin dessen gewiß . - Ich war auch einmal ungerecht gegen Schiller und glaubte , weil ich Dich liebe , ich dürfe seiner nicht achten ; aber nachdem ich Dich gesehen hatte , und nachdem seine Asche als letztes Heiligtum seinen Freunden als Vermächtnis hinterblieb , da bin ich in mich gegangen ; ich fühlte wohl , das Geschrei der Raben über diesem heiligen Leichnam sei gleich dem ungerechten Urteil . Weißt Du , was Du mir gesagt hast , wie wir uns zum erstenmal sahen ? - Ich will Dir ' s hier zum Denkstein hinsetzen Deines innersten Gewissens , Du sagtest : » Ich denke jetzt an Schiller « , indem sahst Du mich an und seufztest tief , da sprach ich drein und wollte Dir sagen , wie ich ihm nicht anhinge , Du sagtest abermals : » Ich wollte , er wär jetzt hier . - Sie würden anders fühlen , kein Mensch konnte seiner Güte widerstehen , wenn man ihn nicht so reich achtet und so ergiebig , so war ' s , weil sein Geist einströmte in alles Leben seiner Zeit , und weil jeder durch ihn genährt und gepflegt war und seine Mängel ergänzt . So war er andern , so war er mir des meisten , und sein Verlust wird sich nicht ersetzen . « Damals schrieb ich Deine Worte auf , nicht um sie als merkwürdiges Urteil von Dir andern mitzuteilen ; - nein , sondern weil ich mich beschämt fühlte . Diese Worte haben mir wohlgetan , sie haben mich belehrt , und oft , wenn ich im Begriff war , über einen den Stab zu brechen , so fiel mir ' s ein , wie Du damals in Deiner milden Gerechtigkeit den Stab über meinen Aberwitz gebrochen . Ich mußte in aufgeregter Eifersucht doch anerkennen , ich sei nichts . » Man berührt nichts umsonst « , sagtest Du , » diese langjährige Verbindung , dieser ernste tiefe Verkehr , der ist ein Teil meiner selbst geworden ; und wenn ich jetzt ins Theater komme und seh nach seinem Platz , und muß es glauben , daß er in dieser Welt nicht mehr da ist , daß diese Augen mich nicht mehr suchen , dann verdrießt mich das Leben , und ich möchte auch lieber nicht mehr da sein . « Lieber Goethe , Du hast mich sehr hochgestellt , daß Du damals so köstliche Gefühle und Gesinnungen vor mir aussprachst . Es war zum erstenmal , daß jemand sein innerstes Herz vor mir aussprach , und Du warst es ! - Ja Du nahmst keinen Anstoß und ergabst Dich diesen Nachwehen in meiner Gegenwart ; und freilich hat Schiller auf mich gewirkt , denn er hat Dich zärtlich und weich gestimmt , daß Du lange an mir gelehnt bliebst und mich endlich fest an Dich drücktest ! Ich bin müde , ich habe geschrieben von halb drei bis jetzt gegen fünf Uhr ; heute wird ' s gar nicht hell werden - es hängen dicke Regenwolken am Himmel , da werden wir wohl warten bis Mittag , eh wir weiterfahren . Du solltest nur das Getümmel von Nebel sehen auf dem Rhein , und was an den einzelnen Felszacken hängt ! Wenn wir hier bleiben , dann schreib ich Dir mehr heute nachmittag , denn ich wollte Dir von Musik sagen , von Schiller und Dir , wie Ihr mit der zusammenhängt - das bohrt mir schon lange im Kopf . Ich bin müde , lieber Goethe , ich muß schlafen . Am Abend Ich bin sehr müde , lieber Freund , und würde Dir nicht schreiben , aber ich seh , daß diese Blätter auf dieser wunderlichen Kreuz- und Querreise sich zu etwas Ganzem bilden , und da will ich doch nicht versäumen , wenn auch nur in wenig Zeilen , das Bild des Tages festzuhalten : lauter Sturm und Wetter , abwechselnd ein einzelner Sonnenblick . Wir waren bis Mittag in St. Goarshausen geblieben , und haben den Rheinfels erstiegen ; meine Hände sind von Dornen geritzt , und meine Kniee zittern noch von der Anstrengung , denn ich war voran und wählte den kürzesten und steilsten Weg . Hier oben sieht es so feierlich und düster aus : eine Reihe nackter Felsen schieben sich gedrängt hintereinander hervor , mit Weingärten , Wäldern und alten Burgtrümmern gekrönt ; und so treten sie keck ins Flußbett dem Lauf des Rheins entgegen , der aus dem tiefen stillen See um den verzauberten Lurelei sich herumschwingt , über Felsschichten hinrauschend , schäumt , bullert , schwillt , gegen den Riff anschießt und den überbrausenden Zorn der schäumenden Fluten wie ein echter Zecher in sich hineintrinkt . Da oben sah ich bequem unter der schützenden Mauer des Rheinfels die Nachkommenden mit roten und grünen Parapluies mühsam den schlüpfrigen Pfad hinaufklettern , und da eben der Sonne letzter Hoffnungsstrahl verschwand und ein tüchtiger Guß dem Gebet um schön Wetter ein End machte , kehrte die naturliebende Gesellschaft beinah am Ziel verzagt wieder um , und ich blieb allein unter den gekrönten Häuptern . Wie beschreib ich Dir diese erlebte Stunde mit kurzem Wort treffend ? Kaum konnte ich Atem holen , - so streng und gewaltig . Ach , ich bin glücklich ! Die ganze Welt ist schön , und ich erleb ' alles für Dich . Ich sah still und einsam in die tobende Flut , die Riesengesichter der Felsen schüchterten mich ein ; ich getraute kaum den Blick zu heben ; - manche machen ' s zu arg , wie sie sich überhängen und mit dem düstern Gesträuch , das sich aus geborstener Wand hervordrängt ; die nackten Wurzeln , kaum vom Stein gehalten , die hängenden Zweige schwankend im reißenden Strom ; - es wurde so finster , - ich glaubte , heute könne nicht mehr Tag werden . Eben überlegte ich , ob mich die Wölfe heute nacht fressen würden , - da trat die Sonne hervor und umzog , mit Wolken kämpfend , die Höhen mit einem Feuerring . Die Waldkronen flammten , die Höhlen und Schluchten hauchten ein schauerliches Dunkelblau aus über den Fluß hin ; da spielten mannigfaltige Widerscheine auf den versteinerten Gaugrafen , und eine Schattenwelt umtanzte sie in flüchtigem Wechsel auf der bewegten Flut ; alles wankte , - ich mußte die Augen abwenden . Ich riß den Efeu von der Mauer herab und machte Kränze und schwang sie mit meinem Hakenstock , mit dem ich hinaufgeklettert war , weit in die Flut . Ach , ich sah sie kaum , - weg waren sie ! Gute Nacht ! - Am 27. Goethe , guten Morgen ! Ich war früh um vier Uhr bei den Salmenfischern und habe helfen lauern , denn sie meinen auch : » Im Trüben ist gut fischen « , aber es half nichts , es wurde keiner gefangen . Einen Karpfen hab ich losgekauft und Gott und Dir zu Ehren wieder in die Flut entlassen . Das Wetter will sich nicht aufklären ; eben schiffen wir über , um auf dem linken Ufer zu Wagen wieder nach Hause zu fahren , ich hätte gar zu gern noch ein paar Tage hier herumgekreuzt . An Bettine 3. August 1808 Ich muß ganz darauf verzichten , Dir zu antworten , liebe Bettine ; Du läßt ein ganzes Bilderbuch herrlicher , allerliebster Vorstellungen zierlich durch die Finger laufen ; man erkennt im Flug die Schätze , und man weiß , was man hat , noch eh man sich des Inhalts bemächtigen kann . Die besten Stunden benütze ich dazu , um näher mit ihnen vertraut zu werden , und ermutige mich , die elektrischen Schläge Deiner Begeistrungen auszuhalten . In diesem Augenblick hab ich kaum die erste Hälfte Deines Briefs gelesen und bin zu bewegt , um fortzufahren . Habe einstweilen Dank für alles ; verkünde ungestört und unbekümmert Deine Evangelien und Glaubensartikel von den Höhen des Rheins , und laß Deine Psalmen herabströmen zu mir und den Fischen ; wundre Dich aber nicht , daß ich , wie diese verstumme . Um eines bitte ich Dich : höre nicht auf , mir gern zu schreiben ; ich werde nie aufhören , Dich mit Lust zu lesen . Was Dir Schlosser über mich mitgeteilt hat , verleitet Dich zu sehr interessanten Exkursionen aus dem Naturleben in das Gebiet der Kunst . Daß Musik mir ein noch rätselhafter Gegenstand schwieriger Untersuchung ist , leugne ich nicht ; ob ich mir den harten Ausspruch des Missionärs , wie Du ihn nennst , muß gefallen lassen , das wird sich erst dann erweisen , wenn die Liebe zu ihr , die jetzt mich zu wahrhaft abstrakten Studien bewegt , nicht mehr beharrt . Du hast zwar flammende Fackeln und Feuerbecken ausgestellt in der Finsternis , aber bis jetzt blenden sie mehr , als sie erleuchten , indessen erwarte ich doch von der ganzen Illumination einen herrlichen Totaleffekt , so bleibe nur dabei und sprühe nach allen Seiten hin . Da ich nun heute bis zum Amen Deiner reichen inhaltsvollen Blätter gekommen bin , so möchte ich Dir schließlich nur mit einem Wort den Genuß ausdrücken , der mir daraus erwächst , und Dich bitten , daß Du mir ja das Thema über Musik nicht fallen läßt , sondern vielmehr nach allen Seiten hin und auf alle Weise variierst . Und so sage ich Dir ein herzliches Lebewohl ; bleibe mir gut , bis günstige Sterne uns zueinander führen . G. An Goethe Rochusberg Fünf Tage waren wir unterwegs , und seitdem hat es unaufhörlich geregnet . Das ganze Haus voll Gäste , kein Eckchen , wo man sich der Einsamkeit hätte freuen können , um Dir zu schreiben . Solang ich Dir noch zu sagen habe , so lang glaub ich auch fest , daß Dein Geist auf mich gerichtet ist wie auf so manche Rätsel der Natur ; wie ich denn glaube , daß jeder Mensch ein solches Rätsel ist , und daß es die Aufgabe der Liebe ist zwischen Freunden , das Rätsel aufzulösen ; so daß ein jeder seine tiefere Natur durch und in dem Freund kennenlerne . Ja Liebster , das macht mich glücklich , daß sich allmählich mein Leben durch Dich entwickelt , drum möcht ich auch nicht falsch sein , lieber möcht ich ' s dulden , daß alle Fehler und Schwächen von Dir gewußt wären , als Dir einen falschen Begriff von mir geben ; weil dann Deine Liebe nicht mit mir beschäftigt sein würde , sondern mit einem Wahnbild , was ich Dir statt meiner untergeschoben hätte . - Darum mahnt mich auch oft ein Gefühl , daß ich dies oder jenes Dir zulieb meiden soll , weil ich es doch vor Dir leugnen würde . Lieber Goethe , ich muß Dir die tiefsten Sachen sagen ; sie kommen eigentlich allen Menschen zu , aber nur Du hörst mich an und glaubst an mich und gibst mir in der Stille recht . - Ich habe oft darüber nachgedacht , daß der Geist nicht kann , was er will , daß eine geheime Sehnsucht in ihm verborgen liegt , und daß er die nicht befriedigen kann ; zum Beispiel , daß ich eine große Sehnsucht habe bei Dir zu sein , und daß ich doch nicht , wenn ich auch noch so sehr an Dich denke , Dir dies fühlbar machen kann ; ich glaube , es kommt daher , weil der Geist wirklich nicht im Reich der Wahrheit lebt und er also sein eigentliches Leben noch nicht wahrmachen kann , bis er ganz aus der Lüge heraus in das Reich der Offenbarung übergegangen ist ; denn die Wahrheit ist ja nur Offenbarung , und dann wird sich ein Geist auch dem andern zu offenbaren vermögen . Ich möchte Dir noch anderes sagen , aber es ist schwer , mich befällt Unruh , und ich weiß nicht wohin ich mich wenden soll ; ja , im ersten Augenblick ist alles reich , aber will ich ' s mit dem Wort anfassen , da ist alles verschwunden , so wie im Märchen , wo man einen kostbaren Schatz findet , in dem man alle Kleinode deutlich erkennt , will man ihn berühren , so versinkt er , und das beweist mir auch , daß der Geist hier auf Erden das Schöne nur träumt und noch nicht seiner Meister ist , denn sonst könnte er fliegen , so gut wie er denkt , daß er fliegen möchte . Ach wir sind soweit voneinander ! Welche Tür ich auch öffne und sehe die Menschen beisammen , Du bist nicht unter ihnen ; - ich weiß es ja , noch eh ich öffne , und doch muß ich mich erst überzeugen und empfinde die Schmerzen eines Getäuschten ; - sollte ich Dir nun auch noch meine Seele verbergen ? - oder das , was ich zu sagen habe , einhüllen in Gewand , weil ich mich schäme der verzagten Ahnungen ? - Soll ich nicht das Zutrauen in Dich haben , daß Du das Leben liebst , wenn es auch noch unbehilflich der Pflege bedarf , bis es seinen Geist mitteilen kann ? - Ich habe mir große Mühe gegeben mich zu sammeln und mich selbst auszusprechen ; ich hab mich vor dem Sonnenlicht versteckt , und in dunkler Nacht , wo kein Stern leuchtet und die Winde brausen , da bin ich in die Finsternis hinaus und hab mich fortgeschlichen bis zum Ufer ; - da war es immer noch nicht einsam genug , - da störten mich die Wellen , das Rauschen im Gras , und wenn ich in die dichte Finsternis hineinstarrte und die Wolken sich teilten , daß sich die Sterne zeigten , - da hüllte ich mich in den Mantel und legte das Gesicht an die Erde , um ganz , ganz allein zu sein ; das stärkte mich , daß ich freier war , da regte es mich an , das , was vielleicht keiner beachtet , zu beachten ; da besann ich mich , ob ich denn wirklich mit Dir spreche , oder ob ich nur mich von Dir hören lasse ? - Ach Goethe ! - Musik , ja Musik !