soll . Außer Theobald und etwa einem andern früheren Vertrauten kannte ihn jedoch keine Seele von dieser schwermütigen Seite , er wußte sie trefflich zu verbergen , und sein Betragen auf diesen Punkt gab selbst dem Menschenkenner niemals eine Blöße . Inzwischen war der gute Einfluß nicht zu mißkennen , den Noltens Umgang , sein kräftiger Sinn , auf jenes verdunkelte Temperament ausübte , denn wenngleich unser Maler selbst an einer gewissen Einseitigkeit leiden mochte , so war doch sein sittlicher Grundcharakter unerschütterlich , und ein Streben nach voller geistiger Gesundheit beurkundete sich zeitig in der mehr und mehr zum Allgemeinen aufsteigenden Richtung seiner Kunst , mit Bereinigung alles dessen , was ihm von einer phantastischen Entwicklungsperiode noch anklebte . Larkens schöpfte mit Lust aus dieser Quelle ein reines Wasser auf sein dürres Land , er hielt sich leidenschaftlich an den neuerworbenen Freund , ohne doch diese Inbrunst stürmisch im Worte zu verraten ; vielmehr geriet er unwillkürlich in die gemäßigte Rolle eines Mentors hinein , eines Meisters , welcher durch eigenen unsäglichen Schaden klug geworden , dem Jüngern gar wohl gelegentlich auf die rechte Spur helfen zu können glaubt . Und indem er so am raschen Strom eines in jugendlicher Fülle strebenden Geistes teilnahm , erwuchs ihm ein neues Zutrauen zu sich selber , die Schuppen seines veralteten Wesens fielen ab , eine frische Bildung erschien darunter . Immer seltener wurden jene selbstquälerischen Ausbrüche , ja sie verschwanden zuletzt völlig ; was Wunder , daß nun ein Gefühl von Dankbarkeit ihn unserem Freunde auf ewig verband , daß er sich ' s zur Pflicht machte , mit aller Kraft für das Wohl des Geliebten zu arbeiten ? Mögen wir auch an einem auffallenden Beispiele , das er von diesem warmen Eifer gab , einen Hang zum Seltsamen keineswegs verkennen , so war die Intention dennoch die lauterste brüderlichste , und wer wollte ihm verargen , wenn er bei der zarten Pflege , die er einem gebrochenen Liebesverhältnis widmete , zugleich seinem Herzen den Triumph bereitete , welcher in dem Zeugnis lag , daß er als ein vielversuchter Abenteurer sich dennoch mit unschuldiger Innigkeit an der eingebildeten Liebe eines engelreinen Wesens erfreuen konnte , eines Mädchens , das er nie mit Augen gesehen und an dessen Besitz er niemals gedacht hatte , so wünschenswert er auch erscheinen mochte . Gerne begnügte er sich mit der Fähigkeit , ein schönes Ideal noch in sich aufnehmen und außer sich fortbilden zu können ; er fing an , mit sich selber , mit der Welt sich zu versöhnen . So weit war alles in gutem Geleise : nun aber herausgerissen aus aller Tätigkeit , aus einem gesellig zerstreuenden Leben , dem Elemente seines Daseins , gefoltert überdies von dem Gedanken , einem teuren Freunde Veranlassung zu bedenklichem Unfalle geworden zu sein , erwehrte er sich eines allgemeinen Trübsinnes nicht mehr , die alten Wunden brachen wieder auf , geschäftig wühlte er darin , Vergangenheit und Gegenwart flossen in ein grinzendes Bild vor ihn zusammen , er betrachtete sich als den elendesten der Menschen , er verlor sich mit Wollust in der Vorstellung , daß dem Manne , durch Schuld und Jammer überreif , die Macht gegeben sei , das Leben eigenwillig abzuschütteln . Je gewisser er im äußersten Falle auf diese letzte Freistatt rechnen konnte , und je ruhiger er nach und nach den entsetzlichen Gedanken beherrschen lernte , desto mehr gewann sein Gemüt auf der andern Seite an Freiheit und an Mut , die nächste Zukunft duldend abzuwarten ; sein Zustand wurde milder , sogar heiterer . Eine unerwartete Unterbrechung dieses brütenden Stillesitzens , so angenehm sie erschien , wollte ihn doch beinahe störend überraschen , da er die ersten Fäden einer allmählichen Verpuppung durch den Zudrang frischen Lebenshauches wieder zerrissen , und sich selbst zu neuer Hoffnung aufgemuntert sah . Denn eines Morgens , in der vierten Woche der Gefangenschaft , trat der Kommandant ins Zimmer , mit der Nachricht : es solle beiden Herren erlaubt sein , zuweilen einen und den andern Freund bei sich zu sehen , doch jeder nur auf seinem eigenen Zimmer und ohne daß die Gefangenen selbst zusammengeführt würden Larkens dankte so gut er konnte , besonders verdroß ihn die letzte Bedingung ; auch hatte der Offizier einem weiteren guten Vorurteil , das man aus dieser Vergünstigung ziehen mochte , nicht undeutlich vorgebeugt , und überdies vermutete Larkens , daß man diese Gunst nur der besonderen Attention des Herzogs gegen Nolten zu verdanken habe . Den ersten Abend brachten Ferdinand und Leopold bei Theobald zu , den folgenden bei dem Schauspieler , wozu sich noch ein dritter Freund anschloß . So lebhaft ein solches Wiedersehen sein mußte , so freundlich die lieben Gäste mit Neuigkeiten aller Art und mit dem besten Weine zu Belebung der Gemüter das Ihrige taten , so war es doch nur erzwungene Freude , und Theobald wußte sich um so weniger zu lassen , da er gleich anfangs hören mußte , daß sein Billett an Zarlin zwar angenommen worden , daß jedoch bei einem Besuche , welchen Leopold im Hause gemacht , der Graf bloß ein allgemeines , ziemlich kühles Bedauern geäußert habe . Insofern Leopold nichts von der wahren Beziehung wissen sollte , welche Noltens Interesse für jene Familie hatte , so konnte dieser nur durch entfernte Fragen herauslauschen , daß Constanze gar nicht sichtbar , auch keine Rede von ihr gewesen sei . Diese Lage der Dinge drückte nun freilich schwer auf das Herz des geängstigten Liebhabers , aber wie ward ihm vollends zumute , als der Bildhauer sein vor einigen Wochen schon gemachtes Anerbieten wiederholte , einen Brief an Agnes zu besorgen , ja als er gutmütig äußerte , wie er die ganze Zeit her im Zweifel gewesen , ob er nicht selbst diese Pflicht übernehmen und dem Vater des Mädchens die leidigen Begebenheiten schonungsvoll beibringen solle , wie ihn aber ein Wort , das Larkens gleich anfangs hierüber fallenlassen , dennoch beruhigt habe . » Jawohl « , sagte Nolten , » dafür ist schon Rat geschafft ! « und verdrängte diese Materie , während er im stillen aus der ablehnenden Äußerung , welche der Schauspieler getan haben sollte , nicht ganz klug werden konnte , und überhaupt auf die traurigsten Kombinationen verfiel . Die Art , wie Larkens die Besuche aufnahm , war im Grunde ansprechender , denn er setzte von jeher einen Vorzug darein , sich vor Menschen zusammenzunehmen und eine wohlwollende Annäherung , auch wenn sie zur Unzeit kam , gutmütig , zart und gefällig zu erwidern . Die Nachricht aber , womit man ihn besonders zu erfreuen dachte , daß das Theater und dessen Liebhaber herzlich und laut um ihren besten Liebling trauern , nahm er gleichgültig auf und wollte nichts davon hören . Die Urteile der Stadt im allgemeinen betreffend , hieß es , man trage sich mit allerlei übertriebenen Meinungen von dem Vergehen der Verhafteten ; die Vernünftigen zucken die Achsel , niemand wolle an eine gänzliche Unschuld der beiden glauben . Auch hatten indessen drei Verhöre stattgefunden , ohne daß man dadurch einer glücklichen Entscheidung um vieles nähergerückt wäre . War der Zustand unseres Paares unter diesen Umständen beklagenswert genug , so sollte noch die schwerste Prüfung über den Maler ergehen , indem sich auf alle die heftigen Erschütterungen ein Fieber bei ihm ankündigte , das der Arzt sogleich für bedeutend erkannte . Der Kranke verließ seit drei Tagen das Bett nicht mehr , häufig lag er ohne Bewußtsein da und in freieren Stunden war das Gefühl seines Elends nur um so stärker ; die Phantasien der Fieberhitze setzten ihr grelles Spiel auch im Wachen fort und schleuderten den Gequälten in unbarmherzigem Wechsel hin und her . Bald nahte sich Constanze seinem Lager , und wenn sein inniger Klageton ihr Mitleid , ihre Liebe ansprach , wenn sich die edle Gestalt soeben über den Leidenden herzusenken schien , floh sie entsetzt und zürnend wieder weg ; bald zeigte sich die verstoßene Agnes an der Tür , den stillen Blick betrübt auf ihn gerichtet , bis sie sich nicht mehr hielt und lautweinend neben ihm auf die Kniee stürzte , seine Hand mit tausend Küssen bedeckte und er die arme Reuevolle gleichfalls liebreich an sich herzuziehen genötigt war . Dergleichen Vorstellungen , worin sich der Rest seiner Neigung zu jenem verkannten liebenswürdigen Kinde nun auf dem durch Krankheit und Schwäche erweichten Grunde seines Gemütes sonderbar und lebhaft abspiegelte , wiederholten sich immer häufiger und waren um so weniger abzuweisen , da sie ihm zunächst durch einen seltsamen Zufall von außen aufgedrungen worden waren . Denn eines Morgens erwachte er vor Tag aus einem unruhigen Halbschlafe an einem weiblichen Gesang , der aus der Küche des Wärters unter seinem Fenster zu kommen schien . Der Inhalt des Lieds , sowenig es ihm selber gelten konnte , traf ihn im Innersten der Seele , und die Melodie klang unendlich rührend durch das Schweigen der dunkeln Frühe , ja die Töne selber nahmen in seiner Einbildung eine wunderbare Ähnlichkeit mit der Stimme Agnesens an . Früh , wenn die Hähne krähn , Eh die Sternlein verschwinden , Muß ich am Herde stehn Muß Feuer zünden . Schön ist der Flammen Schein , Es springen die Funken , Ich schaue so drein , In Leid versunken . Plötzlich da kommt es mir , Treuloser Knabe ! Daß ich die Nacht von dir Geträumet habe . Träne auf Träne dann Stürzet hernieder , So kommt der Tag heran - O ging ' er wieder ! Zum ersten Male seit undenklicher Zeit fühlte Theobald wieder die Wohltat unaufhaltsamer Tränen . Die Stimme schwieg , nichts unterbrach die Ruhe des langsam andämmernden Morgens . Der Kranke barg das Gesicht in die Kissen , ganz der Süßigkeit eines - dennoch so bittern ! Schmerzens genießend . An demselben Morgen bekam Larkens , da er kaum das Bett verlassen hatte , von Leopold , dem Bildhauer , einen Besuch , der eigentlich Theobalden bestimmt war ; auf die Nachricht vom Pförtner jedoch , daß der Kranke nach einer erträglichen Nacht soeben noch ruhig schlummere , wagte der Freund keine Störung und ließ sich das Zimmer des Schauspielers aufschließen . Er fand den letztern in der traurigsten Stimmung , worein ihn die Sorge um Nolten versetzte , und Leopold , gleichfalls heftig bewegt , hatte Mühe , ihn zu trösten . Nach einiger Zeit fing der Bildhauer an : » Nun muß ich Ihnen eine Eröffnung machen , die freilich zunächst für Nolten gehörte , sie betrifft einen Vorfall , womit ich mich schon drei Tage herumtrage , ohne daß ich Gelegenheit erhalten konnte , ihn einem oder dem andern von Ihnen mitzuteilen ; denn der Obrist schlug mir die Bitte zweimal ab , zumal da der Arzt den Kranken sowenig als möglich durch Gesellschaft beunruhigt wissen will ; gestern bekam ich mit Not auf eine Stunde Erlaubnis ; die Angst um Nolten und , ich darf wohl sagen , auch meine Neuigkeit ließ mir nicht Rast noch Ruhe mehr . Das was ich mitzuteilen habe , ist unerhört , ist ganz unbegreiflich , für Nolten taugt es unter gegenwärtigen Umständen auf keinen Fall . « » Nun , nur um Gottes willen kein Unglück ! « sagte der Schauspieler verdrießlich lächelnd über den langen Eingang ; » ich meine schon von einer neuen Resolution hören zu müssen , daß wir armen Tropfen am Ende noch Karren schieben werden bei Wasser und Brot ? « » Nichts ! Setzen wir uns , und hören Sie . Es war an dem Abend unserer neulichen Zusammenkunft ; ich und Ferdinand hatten Sie kaum verlassen , das Schloß lag hinter uns , ich wollte soeben in die Prinzenstraße einlenken , so zeigt mir ein zufälliger Seitenblick in die leere Kastanienallee , wo wir vorüber mußten , ein weibliches Wesen ganz ruhig an einen der Bäume gelehnt . Das Auge der Unbekannten begegnete dem meinigen . Ich kam fast von Sinnen beim Anblick dieser Physiognomie , denn - doch zuvor muß ich fragen - Sie erinnern sich wohl des tollen Gemäldes von Nolten ? « » Welches ? « » Der Organistin . « » Ganz wohl . « » Und wenn ich Ihnen nun sage , diese war ' s , werden Sie mir glauben ? « » Nicht , bis ich erst ausgerechnet , wie viel Bouteillen wir damals getrunken . « » Spaßen Sie ; es war heller Mondschein , ich sah das Gesicht deutlich wie am Tage , und was meine Nüchternheit betrifft - « » Schon gut ! « unterbrach ihn Larkens aufstehend und ging einigemal nachdenklich auf und ab , indessen Leopold fortfuhr . » Noch muß ich Ihnen gleich eine Schwachheit bekennen , lieber Larkens , und Sie mögen mich immerhin darüber ausschelten , aber wer in aller Welt ist ganz vorm Aberglauben sicher , sonderlich unter solchen Umständen ? Kaum war mir vorgestern gesagt worden , Theobald habe sich gefährlich krank gelegt , so deutete ich mein Begegnis mit der gespenstischen Orgelspielerin urplötzlich als ein Omen aus , denn mir fiel ein , was man von Trauerfällen sagt , welche auf ähnliche Weise angekündigt worden . Und dieser dummen Furcht bin ich noch heute nicht ganz los , obwohl ich recht gut weiß , daß die Erscheinung keine Vision , noch Gespenst oder dergleichen , sondern ein ordentliches Menschenkind gewesen . « » Aufrichtig gesprochen , mein Bester « , sagte Larkens , » ich zweifle an dieser Apparition so gar nicht im mindesten , daß ich Ihnen vielleicht selber den Schlüssel zu dem Rätsel geben kann . Doch , schweigen Sie darüber gegen unsern Freund , versprechen Sie mir reinen Mund zu halten . « » Gewiß , wenn Sie ' s für nötig finden . « » Nun denn - aber zuvor wär ich begierig , wie Ihr Abenteuer abgelaufen . Sie sprachen die Person ? « » Mein Gott , nicht doch ! denn ( beinahe schäme ich mich , es zu bekennen ) die Erscheinung bestürzte mich dergestalt , daß ich mich wohl drei - viermal im Ring herumwirbelte , und während ich nach meinem zurückgebliebenen Begleiter umsah , war das Nachtbild schon verschwunden , auch mit aller Mühe nicht mehr aufzufinden . Das einzige erfuhren wir des andern Tages zufällig von Theobalds Bedientem , daß eine Bettlerin , deren Beschreibung mit jener Person vollkommen zusammenstimmte , sich tags vorher in Noltens Hause eingefunden und auf die Versicherung , er sei auf längere Zeit abwesend , sich wieder fortgeschlichen . Alles mein Fragen und Forschen blieb fruchtlos . « » Also « - fing Larkens an - » merken Sie auf . Zwei Tage vor der letzten Neujahrsnacht , die Ihnen hoffentlich noch im Gedächtnis ist , traf ich auf meinem Hausflur ein Mädchen an dessen Äußeres mich gleich frappierte , und zwar eben auch in der von Ihnen angegebenen Beziehung . Es war eine Zigeunerin , hoch , schlank gewachsen , nicht mehr ganz jung , aber immer noch eine wirkliche Schönheit , kurz die Ähnlichkeit mit jenem Bilde bis auf wenig zwischenliegende Jahre vollkommen Ein Korb mit hölzerner Schnitzware hing ihr am Arme , allein meine erste Ahnung , daß sie wohl in anderer Absicht als des Verkaufs wegen hiehergekommen , bestätigte mir bald ihre Frage nach einem Maler , der hier wohnen sollte ; sie zog einen Brief hervor , es war die Handschrift von Noltens Braut , doch lautete die Adresse , ich weiß nicht mehr warum , an mich , die Sendung selbst gehörte für Nolten . Es hatte nämlich die Zigeunerin auf ihren Streifzügen auch Neuburg berührt und einen Gruß mit hiehergenommen . Mir war die Person nach mehrfältigen Erzählungen Theobalds nichts weniger als fremd , aber je genauer ich um ihre frühere Berührung mit unserm Freunde wußte , desto bedenklicher fand ich ' s , so ohne weiteres zur Erfüllung ihres Wunsches beizutragen , welcher dahin ging , den schönen herrlichen Jungen , wie sie ihn nannte , einmal wiederzusehen . Wenigstens , dacht ich , müßte der herrliche Junge vorbereitet werden , und bei näherer Betrachtung schien mir die Hintertreibung einer solchen Zusammenkunft das Sicherste und Zweckmäßigste . Ich gebrauchte allerlei Finten , sie ein für allemal von jedem Versuche abzuschrecken ; da indessen das närrische Ding darauf bestand und ihr Verlangen ebenso gerecht als arglos und treuherzig erschien , so sann ich auf Mittel , wie Nolten ihr gezeigt werden könnte , ohne daß jedoch er sie gewahr würde . Das ließ sich nun wohl auf verschiedene Weise machen . Mir gefiel aber , wie ich gern gestehen will , ein etwas romantisch seltsamer Weg besser als etwa ein simples Gucken durch Spalt und Schlüsselloch , kurz , die Neujahrsmaskerade kam mir eben recht zu statten und - « » Was ? « rief Leopold verwundert , » am Ende wird noch der Nachtwächter vom Albaniturm aus der Geschichte hervorspringen ! « » Das errät sich nun leicht ; so hören Sie kurz noch den Hergang . Nachdem ich das Mädchen mit meinem Plane bekannt gemacht , den sie anfangs freilich gar nicht fassen wollte , nachdem sie mir ferner auf eine mir unvergeßlich rührende Weise das Versprechen gegeben , mit Willen schlechterdings nichts gegen meine genaue Instruktion zu tun oder merken zu lassen so diktiert ich ihr einige Seiten , welche sie zu meiner größten Freude mit fremden Zeichen schrieb , da sie unsere Buchstaben nur sehr schlecht zu machen wußte . Aber es kostete immer noch Mühe genug , bis ich ihr meine Worte geschickt in die Feder gegeben und noch mehr , bis sie sich die Rolle einigermaßen angeeignet hatte . Sodann schafft ich die nötige Kleidung , und wahres Vergnügen gewährte mir die naive Miene , womit sie sich selbst in ihrer idealischen Vermummung betrachtete . Sie behandelte das Ganze mit einer gewissen Feierlichkeit und gefiel sich gar wohl dabei ; ihre Rezitation freilich war hart und trocken , allein ihr Begriff von dieser poetischen Figur so ziemlich richtig . Sämtliche Vorbereitungen geschahen in einem abgelegenen Zimmer außer dem Hause , wo ich Schauspielern beiderlei Geschlechts zuweilen Unterricht erteilte , so daß mein jetziges Geschäft niemandem auffiel . Wie anständig das Mädchen seine Sache machte , haben Sie ja gesehen , und ich selbst verwunderte mich im stillen über die glückliche Ausführung . « Leopold ward kaum fertig , sein Erstaunen auszudrücken , indem er sich die Einzelheiten der Neujahrsfeier auf dem Turme zurückrief . Da er nun um so mehr Verlangen bezeugte , über die sonderbare Person der Zigeunerin und ihr früheres Verhältnis zu Theobald eines näheren belehrt zu werden , zeigte sich der Schauspieler nicht ungerne bereit ; er wollte soeben seine Erzählung beginnen , als er sich bedenkend innehielt und endlich sagte : » Wissen Sie was , mein Lieber ? Sie erfahren die kurze Geschichte am besten aus einigen Blättern , worin ich dasjenige , was mir Nolten im Anfange unserer Bekanntschaft vertraute , treulich darzustellen gesucht habe , da mir die Begebenheit gar wohl der Aufbewahrung wert geschienen ; besonders merkwürdig ist das mit dem Ganzen verflochtene Schicksal eines gewissen längst gestorbenen Verwandten der Noltenschen Familie , in dessen Leben überhaupt ich die prototypische Erklärung zur Geschichte unseres Freundes zu finden glaube . Vor mehreren Wochen entlehnte ein Bekannter das Heft von mir , ich gebe Ihnen einige Zeilen an ihn mit und er wird es Ihnen einhändigen . Durchläuft man dies Bruchstück aus unsers Noltens Leben mit Bedacht , und vergleicht man damit seine spätere Entwicklung bis auf die Gegenwart , so erwehrt man sich kaum , den wunderlichen Bahnen tiefer nachzusinnen , worin oft eine unbekannte höhere Macht den Gang des Menschen planvoll zu leiten scheint . Der meist unergründlich verhüllte , innere Schicksalskern , aus welchem sich ein ganzes Menschenleben herauswickelt , das geheime Band , das sich durch eine Reihe von Wahlverwandtschaften hindurchschlingt , jene eigensinnigen Kreise , worin sich gewisse Erscheinungen wiederholen , die auffallenden Ähnlichkeiten , welche sich aus einer genauen Vergleichung zwischen früheren und späteren Familiengliedern in ihren Charakteren , Erlebnissen , Physiognomieen hie und da ergeben ( so wie man zuweilen unvermutet eine und dieselbe Melodie , nur mit veränderter Tonart , in demselben Stücke wiederklingen hört ) , sodann das seltsame Verhängnis , daß oft ein Nachkomme die unvollendete Rolle eines längst modernden Vorfahren ausspielen muß - dies alles springt uns offener , überraschender als bei hundert andern Individuen hier am Beispiel unseres Freundes in das Auge . Dennoch werden Sie bei diesen Verhältnissen nichts Unbegreifliches , Grobfatalistisches , vielmehr nur die natürlichste Entfaltung des Notwendigen entdecken . Die Spitze des Ganzen besteht aber in der Art und Weise , wie unser Freund als Knabe zur innigsten Vermählung mit der Kunst geleitet worden , deren ursprünglicher Charakter sich noch heute in einem großen Teil seiner Gemälde erkennen läßt . Genug , Sie mögen selbst urteilen . Aber ach ! was werden Sie bei dieser Lektüre fühlen , wenn Sie denken , daß eben derjenige , dessen ahnungsvolle Knabengestalt Ihnen in den Blättern begegnet , nunmehr als Mann von der sinnlosen Faust eines fremdartigen Geschickes aus seiner eigenen Sphäre herausgestoßen , und noch ehe er die Hälfte seiner Rechnung abgeschlossen , hier in diesen Mauern eilig verwelken und vergehen soll ! Denn , o mein Freund ! ich fürchte alles , und dieser Kummer wird mich aufreiben , wird mich noch vor ihm töten - und möchte er nur ! Sehen Sie mich an ; ich glaube zu fühlen und mein Spiegel sagt es mir , daß der Gram dieser drei Tage mich um doppelt soviel Jahre älter gemacht hat . Still ; ich muß abbrechen , wenn ich nicht von Sinnen kommen will . Gehen Sie hinüber zu dem Armen und drücken ihm die Hand im Namen des Larkens . Ach , möchte ich ihn wenigstens einmal wieder von Angesicht sehen ! und doch - ich fürchtete mich davor . « Leopold griff nach dem Hute und erbat sich noch die Anweisung zu dem merkwürdigen Heft ; da eben der Schließer eintrat , säumte er nicht länger , um vor allem den geliebten Patienten zu besuchen . Mit heißen Blicken sah ihm der Schauspieler nach , eine unbegrenzte Sehnsucht nach Theobald übermannte ihn , aber umsonst , die Türe zog sich zu und drüben hörte er das Schloß zum Zimmer des Geliebten rauschen . So stand nun der Bildhauer vor dem Bette Noltens , und heimlich entsetzt über das äußerst elende Aussehen des Kranken mußte er alle Fassung aufbieten , um seine Bewegung nicht zu verraten . Den Gemütszustand Noltens konnte er im ganzen nicht gewahr werden , er sprach wenig und nur angestrengt mit matter Stimme . Einmal fragte er den Wärter , wer doch des Morgens in aller Frühe unten in der Küche so hübsch zu singen pflege ? Etwas kleinlaut erwiderte der Alte : » Meine Tochter . Ich will ' s ihr aber untersagen , es schickt sich nicht , und ach ! das Gesinge ist noch ihr einzig Leben . « Theobald bat sehr , man möge das Mädchen ja nicht irremachen in diesen Unterhaltungen ; er fragte , wie es komme , daß sie nur ernste traurige Lieder zu kennen scheine ? » Der Henker weiß « , war die Antwort , » woher sie all das Zeug herkriegt ; sie war von Kindheit auf ein närrisches Ding , nicht auch lustig und rasch wie die andere Jugend , aber fleißig und verständig , und besorgt mir alles in der Haushaltung seit ihrer Mutter Tod . « Da der Alte sofort über den Verlust seiner Frau , deren Tugend er nicht genug rühmen konnte , in die beweglichsten Klagen ausbrach , auch zuletzt immer wärmer und aufrichtiger werdend eine unglückliche Liebschaft seines Kindes auseinanderzusetzen anfing , konnte man leicht bemerken , wie angreifend solche Dinge auf Nolten wirkten , daher Leopold dem Erzähler einen Wink gab . Endlich schied der Bildhauer mit ungewissem beklommenem Herzen . Er eilte , nachdem er sich zuvor das bewußte Manuskript verschafft , allein aus dem Geräusche der Stadt , einen selten betretenen Weg verfolgend . Ein warmer , sonnenheller Tag schmolz vollends die letzten Reste Schnee und Eis hinweg , eine erquickende Luft schmeichelte bereits mit Vorgefühlen des Frühlings . So gelangt unser ernster Fußgänger , eh er sich ' s versah , in die ländlichste Umgebung , ein freundliches Dorf lacht ihm entgegen . Dort sucht er nach einem stillen Garten hinter dem nächsten besten Wirtshause und findet auch bald ein hübsches erhöhtes Plätzchen zwischen Weinbergen mit Tisch und Bank , von wo man die angenehmste Aussicht hat . Er bestellt eine Flasche Wein , setzt sich und holt jene Schrift hervor , deren Inhalt wir dem Leser nicht vorenthalten können . Ein Tag aus Noltens Jugendleben Die Zeit war wieder erschienen , wo der sechszehnjährige Theobald von der Schule der Hauptstadt aus die Seinigen auf zwei Wochen besuchen durfte . In dem Pfarrhause zu Wolfsbühl war daher gegenwärtig große Freude , denn Vater und Schwestern ( die Mutter lebte nicht mehr ) hingen an dem jungen blühenden Menschen mit ganzem Herzen . Ein besonders inniges Verhältnis fand aber zwischen Adelheid und dem nur wenig jüngeren Bruder statt . Sie hatten ihre eigenen Gegenstände der Unterhaltung , worein sonst niemand eingeweiht werden konnte sie hatten hundert kleine Geheimnisse , ja zuweilen ihre eigene Sprache . Es beruhte dies zarte Einverständnis vornehmlich auf einer gleichartigen Phantasie , welche in den Tagen der Kindheit unter dem Einfluß eines märchenreichen , fast abergläubischen Dorfes und einer merkwürdigen Gegend die erste Nahrung empfangen und sich nach und nach auf eine eigentümliche und sehr gereinigte Weise ihren bestimmten Kreis gezogen hatte . Von der Richtung , welche die beiden jugendlichen Gemüter genommen , war also , wie es schien , nichts zu befürchten , und selbst äußerlich wurde das Verhältnis keineswegs einseitig auf Kosten der übrigen drei minder empfänglichen Schwestern unterhalten . Es herrschte eine gutmütige heitere Verträglichkeit ; nur die ältere Tochter , Ernestine , deren Sorge vorzüglich das Hauswesen überlassen blieb , zeigte mitunter ein finsteres , gebieterisches Wesen , und sie hatte den Vater bereits mehr als billig war auf ihre Seite gebracht . An einem trüben Morgen in der letzten Zeit des Oktobers spazierten Theobald und seine Vertraute zusammen im Gärtchen hinter dem Hause . Er erzählte soeben seinen Traum von heute nacht und die Schwester schien ernsthaft zuzuhören , indes sie unverwandt nach der Seite hinüberblickte , wo die alte Ruine , der Rehstock genannt , tief in Nebel gesteckt liegen mußte . » Aber du gibst nicht acht , Adelheid ! Ich habe vorhin , um dich zu prüfen , absichtlich den tollen Unsinn in meinen sonst vernünftigen Traum hineingebracht und du nahmst es so natürlich wie zweimal zwei vier . « Das Mädchen erschrak ein wenig über die Ertappung , lachte sich jedoch sogleich herzlich selber aus und sagte : » Ja , richtig ! ich hab nur mit halbem Ohr gehört , wie du unaufhörlich von einer großen großen , unterirdischen Kellertür schwatztest welche endlich mit beiden Hinterfüßen nach dem armen Mann ausgeschlagen habe . Indessen , was ist im Traum nicht alles möglich ? Gib mir aber keck eine Ohrfeige ! ich hatte fürwahr ganz andere Gedanken . Höre ! und daß du es nur weißt , wir gehen heute auf den Rehstock . Noch nie hab ich ihn an einem Tag gesehen , wie der heutige ist , und mich deucht , da muß sich das alte Gemäuer , die herbstliche Waldung ganz absonderlich ausnehmen ; mir ist , als könnten wir heut einmal die Freude haben , so ein paar stille heimliche Wolken zu belauschen und zu überraschen , wenn sie sich eben recht breit in die hohlen Fenster lagern wollen . Wie meinst du ? Schlag ein . Wir werden ' s vom Papa schon erhalten , daß mir Johann das Pferd satteln darf , und du selbst bist ja rüstig auf den Füßen . Wir gehen gleich nach dem Frühstück womöglich ganz allein , und kommen erst mit dem Abend wieder . « Dem Bruder war der Vorschlag recht ; es wurde verabredet , man wolle alles Erdenkliche von Gefälligkeit tun , um die übrigen günstig zu stimmen . Adelheid flocht der ältern Schwester , der eiteln Ernestine , diesmal den Zopf mit ungewöhnlichem Fleiße , verlangte nicht einmal den Gegendienst , und der Kuß den sie dafür erhielt , war für die beiden ungefähr dasselbe gute Zeichen , was für andere , wenn sie ein gleiches Vorhaben gehabt hätten , der erste Sonnenblick gewesen wäre . Ehe man es dachte , hat Theobald die Sache bereits beim Vater vermittelt und bald stand der Braune mit dem bequemen Frauensattel ausgerüstet im Hofe . Man ließ das Pärchen ungehindert ziehen . Der Alte brummte unter dem Fenster mit einem geschmeichelten Blick auf die schlanke Reiterfigur seines Mädchens bloß vor sich hin : » Narrheiten ! « Ernestine kreischte nur etwas weniges zur Empfehlung der zerbrechlichen , mit Mundvorrat gefüllten Gefäße nach , welche der Knecht in einer Ledertasche nebst den Schirmen hinten nachtrug , und die ehrlichen Wolfsbühler , an das berittene Frauenzimmer längst gewöhnt , grüßten durchs ganze Dorf auf das freundlichste . Die Sonne hielt sich brav hinter ihrem Versteck und der Tag behielt zu Adelheids größter Zufriedenheit » sein mockiges Gesicht « bei . » Indem ich « , hob sie nach einer Weile an , » wohl gute Lust hätte , recht wehmütig zu sein , wie dieser graue Tag es selber ist , so rührt sich doch fast wider meinen Willen ein wunderlicher Jubel in einem kleinen feinen Winkel meines Innersten , eine Freudigkeit , deren Grund mir nicht einfällt . Es ist am Ende doch nur die verkehrte Wirkung dieses melancholischen Herbstanblicks , welche sich von Kindheit an gar oft bei mir gezeigt hat . Mir kommt es vor , an