sage Ihnen , ich war überrascht , durch das Neue und Sonderbare des Anblicks . Mich selbst , und was mich hierher trieb vergessend , rief ich schon , ehe man mich hören konnte : » Willkommen , willkommen , liebe Kinder ! « Bei dem ersten Laut meiner Stimme füllt sich der Hof mit Menschen und Lichtern ; Emma stürzte an den Schlag des Wagens , sprang auf den Tritt desselben , und lag in meinen Armen , in einer Bewegung , die ihr Sprache und Besinnung raubte . Ich fühlte , ich hörte die Schläge ihres lieben Herzens , das meinige brach fast vor Entzücken . Indeß war Hugo auch herabgekommen , er hob mich aus dem Wagen , und führte mich und Emma zum Schlosse hinein . Mit stummer Rührung drückte er unsere Hände in den seinen . Es erschütterte ihn sichtbar , uns so einander wiedergegeben zu sehen . Er hat an Behutsamkeit , an Feinheit des Betragens gewonnen , man fühlt , er kennt seine Stellung , und dabei hat er nichts von jenem Besondern verloren , das unsre Fürstin , die Schwingung eines tiefen , melancholischen Accordes nennt . Sie wissen ! ich bin nicht für Schwärmereien der Art , indeß mußte ich mir , wenn auch widerstrebend , eingestehen , daß man Hugo nicht nahet , ohne in eine ungewöhnliche , denkende und nachempfindende Stimmung zu versinken . So flohen die ersten Stunden hin , indeß mich , was ich sah und hörte , immer mehr erregte , immer williger machte , die neuen Eindrücke mit Feuer und Bewunderung aufzunehmen . Ich fordere auch Besonnenere als ich bin , auf , ungeblendet von dem Reiz des rührendsten , lieblichsten Wesens , der einzigen , über alles geliebten , nach langer Trennung wiedergefundenen Tochter zu bleiben . Sie selbst , von Freude strahlend , mitten im Glanz der sonderbarsten , erhabensten Umgebung glücklich , die Fürstin ihres Kreises , darin gebietend und herrschend mit dem Zauber einer Fee ; sie so zu sehen , und auf die Plackereien , das Gezänk und Gewäsch miserabler Flachheit zurück zu blicken , den Maßstab der Beurtheilung von da herzuholen , kurz , zu wissen , was man früher wollte ! Ach ich athme nun , wie in andrer Luft ! Ich hätte schwören können , mir wäre nie ein Zweifel über die vollkommene Zufriedenheit Emma ' s in den Sinn gekommen . Der feierliche Ernst des Comthur , zu welchem er schon in der Jugend eine leichte Anlage hatte , und der ihm nun zur andern Natur geworden sein mag , stemmte sich zuerst gegen die raschen Ausbrüche meiner sorgenfreien Laune . Ich stieß mich so zu sagen an ihm , und in der unangenehmen Empfindung , die auf so etwas folgt , sah ich mir den Mann , den Ort , die Menschen bestimmter an . Ich spürte leicht die Spannung heraus , die sich an gewissen Tagen über häusliche Verhältnisse , über Personen und deren Art und Weise verbreitet . Emma kam mir ängstlich , Hugo nicht natürlich , der Oheim unsicher zwischen beiden vor . Es ist unglaublich , wie das leiseste Verrücken des Gesichtspunktes , sogleich Blick , Gedanken , Gefühl , Stimmung in uns anders macht ! Ich wurde nachdenkend wie der Comthur . Es half diesem wenig , daß er gleichgültige Gespräche mit Feinheit und Anmuth zu beleben suchte , als sei zwanglose Heiterkeit hier einheimisch , ich hatte es bald weg , man war bemüht , mich zu unterhalten , und jedweder hatte dazu seinen Festtagsrock angezogen . Das ist im Ganzen auch so geblieben , nur werden wir nach gerade der Spielereien überdrüßig . Hugo sieht manchmal aus wie die stumme Verzweiflung . Emma überbietet sich dann in Gesprächigkeit und launigen Anekdoten , sie lacht und erzählt , aber ihr Lachen jagt mir das Blut ins Gesicht , ich schäme mich in ihre Seele , daß sie gezwungen ist , eine Rolle vor mir zu spielen , die ihres Mannes hölzerne Leblosigkeit sehr schlecht unterstützt . Und ich , Sophie , soll unschuldig genug sein , dahinter nichts anders zu suchen , als Eigensinn und Laune ? Nein , ich spiele mit ! und gehe , wie alle Andere , frei hinter den Coulissen hin und her . Es steht da noch Mancher , der frühe oder spät in die Scene treten wird . Bis zur Entwickelung sind wir noch nicht gelangt , denn die Fäden der Intrigue laufen kraus durch einander . Der Intrigue ? Ja , ja ! ich bin gewiß , daß sie existirt , daß sie sich unter Emma ' s Augen angesponnen und gebildet hat , daß sie es sieht , es weiß und duldet , um nur den Undankbaren nicht zu stören , der unser Aller Elend machen wird . Darin liegt der Schlüssel ihres Betragens , deshalb die Anstrengungen unheimlicher Fröhlichkeit , denen weder ihre innere noch äußere Kraft gewachsen ist . Das ist es , Sophie , was ich herausfühlte . Zu bemerken , zu entdecken ist hier nichts . Dazu sind Alle in stillschweigender Uebereinkunft zu einig , denn sie wissen , daß man demjenigen , den man ans Licht ziehen will , unter der künstlichsten Verkappung nachspürt . Doch finden sich auch willige Hände , die unversehens den Finger ausstrecken , und hinzeigen , wo man sehen soll . Unsere Gräfin in Ulmenstein ist in solchen Fällen von unzuberechnender Dienstfertigkeit . Ich war kaum auf der Burg angekommen , so kam sie auch . Meine Laune stimmte schlecht zu solchem Besuch . Mußte ich hier gleich auf eines der lästigen Geschöpfe stoßen , die in ihrer faden Wichtigkeit schon so breite Plätze am Hofe und in der Stadt einnehmen ! Mit der stummen Höflichkeit , die Sie mir unzählige Male vorwarfen , parirte ich den Andrang unbequemer Geschwätzigkeit , mit der die bewegliche Frau auf mich zurannte . Sie ward nicht einen Augenblick irre . Ohne im Mindesten von ihrem Eifer abzulassen , hatte sie mich in Kurzem , zu meiner Strafe und ihrem Triumph , in das Netz ihrer Worte verstrickt . Ich büßte jetzt meine frühere Gleichgültigkeit durch die stechendste Neugier . Urtheilen Sie nur , wie ich aufhorchte , als sie unter endlosen Faseleien und ewigem Kichern auf die spaßhafteste Weise von der Welt bemerkte : Es sei ein wahres Werk der Barmherzigkeit , daß ich gerade in diesem Augenblicke hierher gekommen sei ; ihre Trauer um die arme , liebe Tante , wie sie mit plötzlich veränderter Miene und einem kleinen Anflug süßlicher Wehmuth hinzusetzte , ihre Trauer feßle sie jetzt , als verständige und alles überlegende Frau , in Ulmenstein , die ganze Nachbarschaft sei verödet ohne sie , die Burg ebenfalls ausgestorben , da die häusliche Emma die Einsamkeit zu sehr liebe , um selbst nur ihren Mann nach der Residenz begleiten zu wollen , wohin ihn doch sehr natürlich unzählig kleine und größere Verpflichtungen alle Augenblicke riefen . Ihre lächelnde Stimme lief hier in die unangenehmste Feinheit aus . Ich arbeitete an meinem Tapisserie , wühlte unter den bunten Knäueln , hielt die Farben zusammen , zählte und berechnete Stiche und Fäden , während das Blut schon unruhiger in mir wogte , doch hielt ich es zurück , ich lächelte ebenfalls , und erwiederte in demselben Tone : » Es ist auch sehr schön hier im Schlosse , ich begreife , daß man sich sehr ungern daraus entfernt . « » Ja , bei Gott ! sehr schön , « rief sie emphatisch aus . » Wer weiß das nicht ? Aber man muß doch auch ein klein Bischen uneigennützig denken , und die übrige Welt nicht ganz über seine Lieblingsgenüsse vergessen . Werden Sie es glauben , « lachte sie hier wieder auf eine schneidende Art , » daß die böse kleine Frau über einen Monat nicht ein einzigesmal bei mir zu Mittag gegessen hat ? Immer war entweder der Graf im Begriff , abzureisen , oder er sollte eben an diesem Tage wieder kommen , und so geizt die zärtliche Gattin mit jeder Minute , die sie der Muße ihres beschäftigten Freundes abstehlen kann , daß sie uns andern armen Leuten auch keine einzige davon aufopfern will . « » Sie sind sehr gütig , « erwiederte ich , über meine Arbeit gebeugt , und die Augen auf dieser hin- und hergehen lassend , um nur die Schwätzerin nicht anzusehen . » Sie sind sehr gütig , meine liebe Gräfin , sich soviel um die Undankbare zu bekümmern , die nur einer alten , bösen Gewohnheit der Bequemlichkeit nachgiebt , wenn sie die rücksichtsvolle Ehefrau spielt . Wie oft mag sie dem guten Hugo einen Ritt oder eine Fahrt nach der Stadt andichten , um nur ihre Trägheit zu entschuldigen . « » Das nicht ! das nicht ! « fiel die Gräfin lebhaft ein . » O ! ums Himmels Willen , demüthigen Sie mich doch nicht so sehr , hier eine bloße Ausflucht zu suchen , wo ich ein besseres Motiv voraussetze , das meiner Eitelkeit weniger empfindlich ist . Nein , ich weiß , die liebenswürdige Emma weicht meinen Einladungen nicht ohne Grund aus . « Es blitzte bei diesen Worten so ein gewisses , rasches , gelbes Licht aus ihren kleinen , beweglichen Augen , daß ich , unwillkührlich zu ihr aufsehend , davon auf das Unangenehmste überrascht wurde . Es war keine Frage , sie deutete auf etwas hin , das sie nicht gesonnen war , mir verbergen zu wollen . Mir lag aber daran , es nicht durch sie zu erfahren , deshalb drückte ich meine Hand leise auf ihren Arm , indem ich so wenig trocken als möglich sagte : » Ich sehe wohl , Ihre Freundschaft für Emma macht Sie eifersüchtig ! Sie rechten selbst mit Hugo , dem Sie die Minuten nachzählen , welche er in der Gesellschaft seiner Frau verlebt . « Die Gräfin ward hier sehr roth , und half sich mit ihrem gewohnten Lachen . Nach einer Weile trat der Comthur ins Zimmer . Die Gräfin war honigsüß mit ihm . Er ließ sich das nicht ungern gefallen . Es ist keine Angelruthe so abgenutzt , daß nicht die Eitelkeit der gescheutesten Männer zu gewissen Zeiten anbisse . Jetzt wurden wir neu bestürmt , in den nächsten Tagen nach Ulmenstein zu kommen . Ich verwahrte mich dagegen wie ich wußte und konnte , doch zuletzt mußte ich es geschehen lassen , daß die Einladung auf den folgenden Mittag angenommen ward . Man hat ein Vorgefühl von dem , was einem treffen wird . Ich hatte es , als ich in den Wagen stieg , um die Fahrt zu machen . Mir war diese an sich höchst fatal . Ein Diner auf dem Lande gehört zu dem Widersinnigsten , was ich kenne . Da , wo alle Ostentation entfernt sein sollte , erscheint sie doppelt lächerlich . Man ist nicht geneigt , sie sich gefallen zu lassen . Man will und verlangt etwas anders , und wird verdrüßlich , immer das Alte zu finden . Es ließ sich , nach der Persönlichkeit der Gräfin , auf die Prätentionen ihrer häuslichen Einrichtung schließen . So etwas stößt mich ab . Ich legte in keiner Epoche meines Lebens Werth auf das Vorübergehende , und wenn ich übertriebene Modesucht schon bei der Jugend unnatürlich finde , so dünkt sie mir im Alter die Schminke der Dummheit und Leerheit zu sein . Ich suchte den Grund meiner Scheu vor dem Besuch in Ulmenstein in dieser natürlichen Abneigung gegen unpassende Künsteleien . Wir saßen auch schon eine Weile bei Tisch , ehe ich mich besinnen konnte , und bewußt ward , was mich eigentlich auf unbegreifliche Weise beklemme . Zufällig begegnete ich Emma ' s Blicken , welche mit einem sonderbaren Ausdruck von Befremden , bald auf Hugo , bald auf Ihrer Freundin , der soviel besprochenen , schönen Präsidentin ruhten . Schneller wie der Blitz stand das Gespenst vor mir , dessen dunkle Nähe mich geängstigt hatte . Sie war es , diese pomphaft angekündigte , gepriesene Dame der Gedanken des Oheims , und nur zu wahrscheinlich auch der des Neffen . Dieser hatte seinen Platz weit von ihr , auf derselben Seite der Tafel genommen , wo ich mich befand , sie saß mir gegenüber . Beide hatten noch nicht ein Wort mit einander gewechselt . Emma hingegen überhäufte sie mit Herzlichkeit . Was bedeutete das Alles ? Was sollten die langen , fragenden Blicke jetzt entdecken ? Ich faßte , von da , den verdächtigen Gegenstand schärfer ins Auge . Die Frau ist schön , und fast bis zum Unscheinbaren einfach . Sie hatte den Comthur an ihrer Seite . Er unterhielt sie mit großer Lebhaftigkeit , ohne gleichwohl ihre Aufmerksamkeit fesseln zu können . Sie schien zerstreut , und wie mir es vorkam , in einer nachdenkenden , bekümmerten Stimmung . Hugo , der alle Schleusen seines witzigen Humors öffnete , hatte sich in Kurzem der Unterhaltung bemächtigt . Er beherrschte , wie es ihm wohl zuweilen glückt , die ganze Gesellschaft , und ließ sie nach Gefallen lachen und sich verwundern . Elise sah ein paarmal mit großem Ernst nach ihm hin . Der Ausdruck ihres Gesichts trug die Spuren schmerzlicher Ungewißheit . Ich ward immer gespannter . Das Herz klopfte mir laut in der Brust . Mein Gesicht verräth augenblicklich , was in mir vorgeht . Emma hatte schon alles darauf gelesen , ich sah es ihr an , auch bemühte sie sich , mich anderweitig zu beschäftigen . Ein junger Baron Wildenau dünkte ihr werth , von mir beachtet zu werden . Sie verflocht uns in ein Gespräch , wozu meine Rückkehr aus Italien und seine früheren Reisen dahin , natürlich Veranlassung gaben . Ohne unhöflich zu sein , konnte ich mich dem nicht entziehen . Der junge Mensch hat überdem so was Ungewöhnliches , das interessirt . Sein dunkles Gesicht zeichnet sich durch Regelmäßigkeit der Züge , und lange , schwarze Augenwimpern aus , die wie ein Schleier das ernste Gesicht beschatten , und zu der stummen Zurückgezogenheit seines Wesens passen . Er spricht leise , bis zur Undeutlichkeit , so daß ich mich ganz zu ihm wenden und anstrengend hinhören mußte , wollte ich nichts von dem verlieren , was er Gutes und Gescheutes sagte . Hierzu kam , daß die Gräfin auf jedes seiner Worte lauschte , sie mit Exklamationen der Bewunderung begleitete , und öfters ihre anderswo beschäftigten Töchter zu gleicher Theilnahme aufrief , weshalb denn der bescheidene junge Mann meist den Blick senkte , und mehr allgemeinhin , als zu mir redete , was der Conversation etwas Drückendes gab . Hierüber hatte ich das , was mir eigentlich viel näher lag , aus den Augen verloren . Die Tafel ward aufgehoben . Man zerstreute sich in den Nebenzimmern . Die Gräfin hielt mich bald beim Fortepiano fest . Ich sollte ihre Töchter singen hören . Der Baron Wildenau , im ganzen Hause auf vertraute Weise , Leontin genannt , mußte diese begleiten . Er hat Kraft und Weichheit der Stimme , einen italienischen Vortrag , Sinn und Gefühl , so daß ich bei meiner unbegränzten Liebe für Musik unwillkührlich gefesselt ward . Die Gräfin schwelgte in meinem Beifall . Leontin soll ein Stückchen Erbschaft , das ihr entgangen , auf ihr Haus übertragen , deshalb projectirt sie eine Heirath zwischen ihm und einer ihrer Töchter . So lange er nicht Nein sagt , nimmt sie das Ja als entschieden an , und fühlt sich in ihm geschmeichelt . Wie immer , überbot sie sich auch heute im Eifer . Das Singen nahm kein Ende . Zuletzt dachte sie auch an das Talent Anderer . Emma und Elise wurden aufgerufen . Die Letztere fehlte in dem Kreise , der sich nach und nach um das Instrument gebildet hatte . Emma sprang mit einer Eile auf , sie zu suchen , die ich an ihr sonst nicht kenne . Verwundert folgte ich ihr mit den Augen . Sie schlüpfte in eine Fenstervertiefung des nächsten Zimmers . Hugo trat eben aus dieser heraus . Einige Minuten darauf folgten die beiden Frauen . Die Gräfin warf einen Blick des Einverständnisses auf ihre Töchter , alle drei lächelten verstohlen , sie umringten darauf Elise , zogen sie zum Clavier , und hießen sie Emma und Hugo accompagniren . Mechanisch that jene , was man wollte . Sie war weder verlegen , noch bemüht , sich zu verbergen . Ganz mit sich und was in ihr vorging beschäftigt , ließ sie die Finger Töne anschlagen , das Auge Noten lesen , und andere daraus machen , was sie wollten . Emma stand indeß mit Fieberröthe auf den Wangen , hinter ihrem Stuhl ; Hugo etwas weiter vor , mehr mit den umzuschlagenden Blättern als dem Gesange beschäftigt , hatte eines der komischen italienischen Duos aufgesucht , das er zu allgemeinem Ergötzen auf das Lustigste vortrug , worin ihn Emma mit einer Selbstverleugnung und Gewandtheit begleitete , die mich einen Augenblick zweifelhaft ließ , was ich hier am meisten bewundern sollte . Von allen Seiten ergossen sich Lobsprüche und schmeichelhafte Ausrufungen . Der Graf verzog den Mund zu einem satyrischen Lächeln , trat dann , wie Jemand , der sein Kunststück gemacht hat und abgefertigt ist , von dem Instrument zurück . Leontin hatte nicht aufgesehen . Es lag etwas in seiner Miene , zu dem ich wohl den Schlüssel haben möchte . Von jetzt an war es um meine Ruhe gethan . Alle Kunst der Gräfin reichte nicht hin , die Verstimmung , welche immer ansteckender um sich griff , wieder zu entfernen . In den Veilchenaugen der Präsidentin standen Thränen . Sie blieb befangen , ich fand sie weder so anziehend noch so ungewöhnlich , als sie mir geschildert ist . Ich sagte das der Gräfin , als diese mich um mein Urtheil über sie befragte . » Sie haben recht , « entgegnete sie , » es ist aber auch eine Veränderung mit der Frau vorgegangen , von der man keine Vorstellung hat . Ich glaube , « setzte sie vertraulich hinzu , » es sind häusliche Unannehmlichkeiten , die jetzt manchen Sturm veranlassen . Der Präsident hat ein Bischen den Herrn gespielt , und der Fahrlosigkeit mit dem einzigen Kinde , einem bildschönen , aber unleidlich verzogenen Knaben , ein Ziel gesetzt . Ein strenger Aufseher für Mama und Sohn ist angekommen , und irre ich nicht , so lockt dieser die Thränen aus den schönen Augen . « » Ach ! « entgegnete ich gelangweilt , » es sind nicht die Domesticalien einer fremden Familie , die meine Wißbegier reizen , ich verweile einzig bei dem , was ich sah , darüber darf ich reden , das Uebrige interessirt mich wenig . « » Nun , « versetzte die Gräfin , den Stich verschmerzend , » ich möchte wohl wetten , sie betrachten die Person nicht so angelegentlich um der bloßen Persönlichkeit willen , man denkt immer noch was hinzu , und bei dieser fällt einem Mancherlei ein . « Sie begleitete das Letzte wieder mit ihrem gewöhnlichen Lächeln . Ich war nur zu gewiß , sie verstanden zu haben . Elise hatte sich indeß entfernt . Sie eilte nach der Stadt zurück . Auch wir brachen nun auf . Hugo war zu Pferde . Ich sah ihn den Abend nicht mehr . Er blieb auf seinem Zimmer , doch erfuhr ich , daß er mit uns zugleich im Schlosse angekommen war . Es ist Bewußtsein und Ueberlegung in dem Allen , und das ist ein gefährliches Zeichen . Die Nacht ließ mich schlaflos in meinem Armsessel . Sie wissen , ich scheue bei der leisesten Bewegung der Seele das Bett , wie eine Marterbank . In den Falten der Vorhänge , in den Decken lauern all die hüpfenden , beweglichen Gedanken , die immer dichter , immer näher gegen mich anrücken , und mich zuletzt ganz toll und verwirrt machen , bis ich aufspringe , und ein Lager fliehe , das eingebildete und wirkliche Sorgen mit brennenden Nesseln bestreuen . Unzähligemale rief ich mir zurück , was ich heute gesehen und gehört hatte . Ich bemühte mich , es ruhig zu betrachten . Es konnte sein , daß ich auf ohngefähre Andeutungen zuviel gegeben , daß ich Zufälliges in falschen Zusammenhang gebracht hatte , es konnte aber auch anders sein . Und was denn ? Sagen Sie doch , Sophie ! was denn ? Ich gestehe Ihnen , es öffnet sich dabei ein Abgrund vor meinen Füßen . Vielleicht deshalb , vielleicht auch , weil mein Gefühl , mein Stolz , meine ganze Natur widerstrebt , das Demüthigendste , was es giebt , zu denken , denke ich es noch nicht deutlich . Aber , aber ! wenn - ! Es ward mir aus Manchem klar , daß ich meinen Verdacht hier sorgfältig verbergen , und eben so unbefangen scheinen müsse , als man es um mich her zu sein bemüht ist . Denn ein Wort , ein einziges Wort reicht hin , das ganze Gebäude künstlicher Harmonie zusammen zu stürzen . Und wenn mein Argwohn grundlos wäre , Sophie ! - Im Stillen arbeiten will ich indeß , einen möglichen Ausweg zu bahnen . Ich habe an den Fürsten geschrieben . Selbst mochte ich ihn nicht in seiner Residenz aufsuchen . Ich werde keinen Schritt thun , der in die Augen fallen könnte . Man giebt mir ja in diesem Hause das beste Beispiel rücksichtsvoller Besonnenheit , denn das wenigstens ist gewiß , daß Hugo seine ganze Lebensweise , seit ich hier bin , verändert hat . Denken Sie doch nur , nicht ein einzigesmal hat er das Schloß in dieser ganzen Zeit verlassen . Wie kommt er zu dieser Stätigkeit , wenn er mich nicht irre zu machen gedächte ? Wüßte ich nur , was er die Nächte über treibt . Seine Zimmer sind unter den meinigen . Ich höre ihn stundenlang gehen , die Fenster öffnen und schließen , zuweilen sprechen . Mit wem spricht er ? Irre ich nicht , so sah ich ihn neulich über die Brücke dem Walde zuschreiten . O die geheimen Wege haben nur ein dunkles Ziel . Mehrere Tage darauf . Der Fürst war hier . Er ging sehr geschickt in das ein , was ich ihm nur andeuten konnte . Eine Jagd in den hiesigen Forsten mußte ihm zum Vorwande seines Besuches dienen . So kam er denn Allen unerwartet , außer mir . Haben Sie eine Vorstellung meines Schreckens ? Er weiß , er weiß mehr , als ich zu ahnden wagte . Ja , ja , Sophie ! Ihre Freundin steht entlarvt vor der Welt . Jedes Kind kennt ihr Verhältniß zu Hugo . Man lacht darüber , wie man immer den pfiffigen Betrug als einen Gegenstand der Kurzweil betrachtet . Alles in mir glüht ! ich habe die witzigen Ausfälle des Fürsten bestritten , weil ich das Ridicul wohl fühle , das auf mich und Emma dadurch fällt . Aber fort muß Hugo von hier ! Und wäre es auch nur des Anstandes wegen . Der Fürst sieht das ein . Der Schlag wird nächstens geschehen . Unvorbereitet soll er Alle treffen . Den Comthur denke ich indeß zu schonen . Ich bin begierig auf die Unterredung mit ihm . Daß ich krank bin , daß ich Zimmer und Bett hüte , denken Sie wohl von selbst . Doch sterben , sterben werde ich jetzt nicht , das darf nicht sein . Tavanelli , der junge Caplan , von dem ich Ihnen einmal schrieb , ist hier , ist im Hause der berühmten Circe . Emma ist seine Beschützerin . Wünschen Sie mir Glück zu dem Funde . Ich will ihn nicht ungenutzt lassen . Leben Sie wohl . Mein Gott ! wie wird das enden ! Elise an Hugo Der Einfall , mir durch den Hausirer zu schreiben , war recht glücklich . Ich empfing Ihren Brief zu einer Stunde , wo ich allein war , und Vieles mit mir abmachen konnte . Sie haben recht , da wo ich Sie verstehe . Allein ich glaube , Sie reden klarer , als Sie schreiben . Ich kann mir wohl vorstellen , daß Sie geschriebene Auseinandersetzungen scheuen . Es wird einem damit unter der Hand anders , als man will ! für Leute , wie Sie und ich , die nicht anders als wahr sein können , ist eine solche Künstelei unerträglich . Allein halbe Andeutungen können auch eine Sünde gegen die Wahrheit werden . Ich bin nicht gewohnt , meine Freunde auf Socken um mich herum schleichen zu sehen . Das hilft auch zu nichts . Ich höre sie kommen , und bin nicht eher ruhig , bis ich weiß , was mir naht . Sie , Hugo , treten an manchen Stellen Ihres Briefes dreist genug hervor . Es kann nicht Ihre Absicht sein , mir zu entschlüpfen . Sie wollen sich eine Mühe ersparen , und ich soll Ihre Aphorismen ergänzen . Ich verstehe das nicht . Mir sind dergleichen Räthsel eine Qual . Kurz und gut , sagen Sie , in einfacher Prosa , ohne Ausrufungen und Phrasen , wie die Gefahr heißt , die Sie heranrücken sehen . Ist sie mehr als ein Luftbild , das in Ihren Burgnebeln schwimmt , so haben Sie unrecht , sich nicht bestimmter darüber auszulassen . Es ist so viel Fremdes in Ihrer pathetischen Beschwörung , nicht weiter forschen zu wollen , daß ich mich erst auf Sie besinnen mußte , ehe ich Sie wieder erkannte . Sie waren zu gespannt , als Sie schrieben , um zu bedenken , was Sie forderten . Genügen soll ich mir lassen , daß Sie wissen , was Sie mir verbergen , ohne es abwehren zu können ? Nun , beruhigen Sie sich . Ich weiß es , und verliere weder Fassung noch Muth . Konnten Sie glauben , man werde mich schonen , wenn man überhaupt den Sinn für Zartheit verläugnet ? Wo die Fähigkeit des Verstehens fehlt , können verletzende Mißgriffe nicht ausbleiben . Es ist viel schwerer , als man denkt , mit gutem Gewissen durch die Welt zu kommen . Die Menschen nehmen an Allem Aergerniß , und ein Herz , wie das meine , möchte das gern Jedem ersparen . Aber das ist vergebene Mühe ! Ich bin unbefangen , und gebe mich so . Die Wenigsten wollen das glauben . Es mag auch wohl für alle diejenigen schwer sein , welche Zwecke und Absichten haben . Ich hatte niemals andre , als mir in jedem Augenblicke treu zu bleiben , das heißt , dem innern Gefühle nicht entgegen zu handeln , das mich zu Offenheit und Wahrheit zwingt . Ich sagte das gestern , bei irgend einer Gelegenheit in des Caplans Gegenwart . Er sah mich überrascht an , ohne etwas zu erwiedern . » Nun ? « fragte ich , aus guten Gründen bemüht , mich mit ihm zu verständigen . » Ich zweifle , « äußerte er bescheiden , » daß es uns gerade durch das Gefühl klar werden könne , was das eigentliche Wahre in uns sei . « » Gerade im Gefühl ! « entgegnete ich lebhaft , » wo dies unverdorben ist , hat es eine Stimme , die uns leise und hörbar zuruft : du belügst dich selbst ! hüte dich ! « » Wo das Gefühl unverdorben ist ? « wiederholte der bleiche Tavanelli . » Wo ist das ? werden unsere Leidenschaften uns nicht auch glauben lassen , wir folgen den Geboten eigenthümlicher Wahrheit , da es doch nur die Lüge geblendeter Sinne ist , die uns eine andere Natur aufzwingt ? « » Ich halte nicht viel , « erwiederte ich kalt , » von den zwei Naturen , zwischen denen man uns herumhetzt , ohne daß das gequälte Gemüth jemals zur Ruhe kommen kann . Das sind Bilder , um die Undeutlichkeit der Begriffe klar zu machen . Es geht damit , wie mit allem Bildlichen , man hält dieses fest , und läßt den Gedanken fahren . « - » Wie ? « unterbrach mich mein Gegner erstaunt . » Sie glauben nicht an ein Doppelwesen in uns , dessen wechselndem Regimente wir erliegen würden , hätten wir nicht eine höhere Vermittlung ? « » Sprechen Sie Ihr Anathema nicht all zu eilig über mich aus , « lächelte ich vertraulich . » Ich bin keine so große Ketzerin , um den Einfluß des Bösen und Guten aus der Welt des Menschen wegphilosophiren zu wollen . Allein ich halte dafür , beides entspringe aus einer Natur , die , ihrem Wesen nach , göttlicher Art ist , und nur durch falsche Beziehungen des Lebens verzerrt und entstellt wird . « Er schüttelte den Kopf . » Wäre es auch so , « sagte er ernst , » was sichert uns , daß wir , unter den unzähligen Trugbildern der Sinne , diese ursprüngliche Natur in uns finden ? « - » Wir drehen uns im Kreise herum , « rief ich aus . » Ihre Frage ist schon durch meine erste Annahme beantwortet . Jenes instinktartige Gefühl , das wir den himmlischen Theil unsers Selbsts nennen sollten , das warnende Wort einer unsichtbaren Stimme , das sichert uns vor aller trügerischen Verwechselung . « Der Caplan wollte mich hier unterbrechen , allein wir verstummten beide vor Eduards Dazwischenkunft . Ihnen aber , Hugo , habe ich das mitgetheilt , um Ihnen zu zeigen , was mich gegen Angriffe stählt , denen Sie nicht sonderlich zu begegnen wissen . Ein Paar schlechte Epigramme aus der Ulmensteiner Klike , eine Wolke auf der Stirne Ihrer Schwiegermutter reichen hin , Sie außer Fassung zu setzen . Sind das Ursachen , um einer Melancholie Raum zu geben , die