gebunden hat an meines Vaters Wunsch , auf dessen Andenken der Friede sey . Die Zeit ist geflossen dahin , während welcher ich dienen mußte nach dem Beispiele des Erzvaters . Ich habe den Lohn verdient , den wir ausgemacht , und die Perle , die ich wachsen sah , soll mein seyn , nach dem Willen des hochgelobten Gottes und seiner Elohim , die Dein Wort gehört und aufgezeichnet haben . « - Ben David schwieg mit sichtlicher Überraschung eine Weile ; dann antwortete er : » Das siebente Jahr ist noch nicht zu Ende . Der vierzehnte Tag des Mondes Adar , an dem man feiert das Purimfest , ist derjenige , an dem die Frist verfällt . « - » Du sollst nicht zählen die Tage , wenn es ein Gelübde gilt , « erinnerte Zodick unterwürfig : » der Fürst der Barmherzigkeit zählt dann im Thale Josaphat Deine Sünden um so nachsichtiger . « - Ben David drohte ihm ernst und schweigend mit dem Finger . » Es bleibt dabei ; « sprach er : » am gedachten Tage komme wieder und freie mein Kind . « - » So soll mich der Hammer zerklopfen , wie den verfluchten Haman am Purim , wenn ich länger harre ! « brach Zodick in leidenschaftlicher Hitze aus : » So ich mich gedulde bis dahin , so ich sicher noch länger mich gedulden muß ! Du hast gedehnt meine Dienstzeit von drei Jahren auf fünf , von fünf auf sieben . Ich bin es müde . Ich habe Dir gehorcht , als ein redlicher Knecht , will aber nicht mein Lebenlang seufzen unter ' m Joch der Dienstbarkeit , will nicht im Abnehmen meiner Tage eine häßliche alte Reck freien , statt der schönen Rahel . Meine Freunde zu Worms fordern daß ich heimkehre , und ein Weib will ich mitbringen ; darum säume nicht , und gib Deinen Segen . « - Ben David war in unangenehme Verlegenheit versetzt ; nach manchen vergeblichen Winkelzügen , die alle an der Beharrlichkeit des Freiers scheiterten , entschloß er sich , mit der Wahrheit es zu versuchen . » Freund Zodick ! « redete er : » da Du mit Ernst darauf dringst , um jeden Preiß erfahren zu wollen , was ich Dir noch gern verschwiegen hätte , so mag ' s drum seyn . Dein Vater war mir lieb und werth ; ein Gerechter in Israel . Du warst es nicht minder ; aber seit einiger Zeit habe ich überlegt , und gefunden , es möchte gut seyn , wenn nichts würde aus dem Verlöbniß zwischen Dir und Esther . « - » Wie ? « fragte Zodick neugierig und argwöhnisch zugleich . - » Esther ist Dir nicht hold , « fuhr Ben David ruhig fort , » aber als eine gehorsame Tochter würde ihr Mund Ja sagen , wo ihr Herz Nein sagt . Ich würde vor Gott und dem Gesetz die Macht haben , sie zu nöthigen zur Ehe mit Dir ; aber ich fürchte , sie schlägt aus zu Euerm Unheil . Esther ist nicht für Dich , Dein Herz nicht für sie . « - » Was kannst Du aussetzen an meinem Herzen ? « fragte Zodick rasch und übermüthig : » Bin ich nicht immer gewesen ein eifriger Bar Israel ? Hab ich nicht , wie es einem rechten Bechor zukömmt , gehalten meine sechshundert Gebote und Verbote , seitdem ich geworden war ein Sohn des Gebots ? Wer hat fleißiger die Schule besucht zu Worms , denn ich ? Wer hat das gesegnete Hallel eifriger gesungen als ich ? Habe ich einmal versäumt zu beten dreimal im Tage die Gebete Schmone Esra und Knias Schma ? Was kann man mir vorwerfen ? Ich bin ein Eifriger in Israel , denn ich halte das Gesetz ; ich bin ein rechtschaffener Sohn , denn ich faste jährlich am Sterbetage meines Vaters ; ich bin ein getreuer Knecht , denn ich will verlahmen , wenn ich Dich oder einen von unsern Leuten verkürzt habe , um einen Schilling . Ich bin ein sparsamer Mensch , denn der heilige Gott hat meine Arbeit gesegnet , daß ich etwas vor mich gebracht habe ; ich bin wohlthätig , denn ich habe nie unterlassen , Almosen zu geben an die Armen , damit sie den Sabbath heiligen konnten . Was kannst Du mehr verlangen ? Was darf Deine Tochter mehr begehren ? « - » Hoffärtiger Mensch ! « erwiederte ihm Ben David aufgebracht : » Willst Du prahlen mit den Gebräuchen , die Deine Hände verrichten und Dein Mund ? Aber Du magst wissen , daß Deine Hände todt sind , wenn sie sich gleich bewegen , und stumm Dein Mund , wenn er gleich redet . Das Gesetz des heiligen Gottes ruht nicht auf den Zähnen , noch auf den Fingerspitzen , sondern im Herzen . Der böse englische Pfenning ist glänzender als der Gerechte , nichts destoweniger aber falsch . Die Mesusa an der Thüre Deiner Hütten mag noch so schön und richtig geschrieben seyn , und doch geht Sammael über ihre Schwelle , so Deine Seele nicht rein und gesegnet wäre . Zodick ! Zodick ! ich fürchte , Du wandelst auf bösen Wegen , die da nicht führen in das himmlische Zion ; sondern in den Feuerstrom , der unter dem Throne des hochgelobten Gottes herausfließt auf die Häupter der Sünder ! « - » Wie magst Du mich schelten ? « fragte Zodick mit frecher Fassung : » Du schändest mein Haupt , um Dein Versprechen nicht zu halten ! « - » Davon nachher ; « entgegnete Ben David ernst : » Für ' s Erste entscheide meine Tochter ! « Er ging und kehrte nach einigen Minuten , Esther an der Hand , zurück . » Dieser Mann freit um Dich , « sprach er ohne Leidenschaft : » ich zwinge Dein Gefühl nicht ; antworte : willst Du sein Weib werden ? Zum erstenmal redet wohl ein Hausvater in Israel also zu seinem Kinde . Bekenne frei und offen : Willst Du sein Weib seyn ? « - Esther stürzte mit Freudenthränen zu Ben David ' s Füßen . » Da Du mich frei sprichst , Vater , « rief sie frohlockend , » so vernimm es , mein Geständniß ohne Zagen : ich verabscheue diesen falschen Heuchler - ich kann nicht die Mutter seiner Kinder seyn « - Ben David hob sie liebreich auf ; Zodick stand da auf den Kohlen der peinlichsten Beschämung , wort- , bewegungslos . Ben David hatte Mitleiden mit seiner Qual und sandte die jubelnde Esther durch einen Wink seiner Hand hinweg . - » Du wirst nicht begehren , eine , so Dich haßt , in Dein Bette aufzunehmen , « redete er zu Zodick : » siehe aber , ich löse mich von Dir mit diesen zwanzig Mark Silbers . « - Er legte den Sack mit dem kostbaren Metall vor Zodick hin auf den Tisch . - » Verlasse aber jetzt mein Haus ; « fuhr er fort : » es kann Dir hier nimmer wohl seyn . « - Eine tiefdunkle Röthe bedeckte Zodick ' s Gesicht ; seine Brust hob sich mühsam . - » Du gehst mit mir um , wie mit einem aus dem verfluchten Stamme Esau ; « murrte der vor Zorn zitternde Knecht : » hab ich ' s verdient , daß Du also mit mir verfährst ? Ben David ! Ben David ! daß es Dich nicht gereue ! der heilige Prophet Elias und seine Engel sind allenthalben um uns . Sie haben Deine Worte gehört ! zittre vor ihrer Rache ! « - » Zittre Du selbst vor ihnen , Sohn der Unreinigkeit ! « zürnte Ben David : » Ziehe nicht die Heiligen Israels in Deine Händel , während Du mir allein Rache brütest . Der Prophet hört Deine Worte wie die meinen ; er belauscht Deine Schritte wie die meinen . Er sieht Dich , wann Du hinausgehst zur Stunde , wo Lilis , die ungeheure Nachtfrau auf dem Throne sitzt , und ihre Söhne die Teufel aussendet , daß sie die Menschen verblenden . Der Prophet weiß , was Du zu jener Zeit verrichtest , da Du ferne vom Hause umherschwärmst auf dem Pfade verbotner Lust , oder verdammlicher That . Zittre ! geboten ist ' s , zur Nachtzeit die Schulen zu besuchen , wo deren Daseyn erlaubt ist ; geboten ist ' s , den Neumond zu feiern mit Dankgebeten ; erlaubt ist ' s , in der siebenten Nacht unsers Hüttenfestes hinauszugehen in den Mondschein , um den Schatten zu befragen nach der Dauer unsers Lebens ; - aber verboten ist ' s , aus sündlichem Gewerbe herumzustreifen zur Zeit des Schlummers . Dieses thust Du aber unzähligemale , dieses hat mir Dein übles Trachten verrathen , dieses verweist Dich aus meinem Hause ; der Friede des Herrn komme auf Dich , und sein Segen . Geh ' hin , und meide uns . « - Zodick lachte höhnisch dem Scheidenden nach , und ballte in steigendem Ingrimm die kecke Faust . » Du sollst es noch theuer bezahlen , was Du mir gethan , elender Lügner ! « sprach er halblaut vor sich hin mit leidenschaftlicher Geberde : » Was Du Böses an dem verdammten Gojim geübt , das vergelte Dir der hochgelobte Gott mit tausendfältiger Pein , statt mit Wonne , wie unsre Cohenim es lehren . Er verschließe den Schooß Deiner Tochter , daß sie Dein Blut aussterben lasse in Israel , und verstoßen von ihrem Manne dahinwelke in Schmach und Verachtung ! Er schlage Dich mit Jammer wie den aussätzigen Hiob , verwandle Dein Gold in Staub , Dein Haus in Kohle , Deinen Namen in den der krummen Schlange ! Gras wachse vor Deiner Thüre , Hunger sitze an Deinem Tische und Dein Haar werde weiß im Elend ! Sammael lähme Dein Gebein , der Teufel Schafriri Dein Auge , und Deine Zunge bettle das Brod vor den Thüren Amaleks ! Lebe , lebe , lebe unendliche Jahre der Noth und Trübsal , bis der Herr , unser Gott , mit seinem Zorn angethan , Dich hinwegreißt zum ewigen Feuer der Gehenna ! Amen . « Unzähligemale wiederholte der Elende den abscheulichen Fluch , während er seine Habseligkeiten zusammenräumte , um sie wegzuschaffen . Diesen Fluch auf der Zunge schüttelte er vor Ben David ' s Thüre den Staub von seinen Schuhen , und wanderte zum Dorfe Oberrad , wo er bei einem daselbst geduldeten Glaubensverwandten für den Augenblick seine Wohnung nahm . In Ben David ' s Hause war seit des zweideutigen Knechts Abzug eine feierliche Stille und Ruhe eingetreten , nur dann und wann von Jochai ' s bedenklichem Kopfschütteln gestört , der es unverholen mißbilligte , daß sein Sohn sein Versprechen zurückgezogen und auf einen bloßen Verdacht hin , den Esther bestimmten Bräutigam aus dem Hause verwiesen . Er äußerte mit Nachdruck die Vermuthung , die Wormser Judenheit werde gedachtes Verfahren nicht gut aufnehmen , Ben David wohl in Bann thun ; der Letztere blieb indessen unerschüttert . » Wäre ich doch des Paradieses so gewiß , « sprach er , » als Zodick das Gesetz mit Füßen trat . Der sucht die Nacht , der die Sonne scheut und das Ruchtbarwerden seiner That . Was die Schule zu Worms betrifft , so bin ich hier , wo keine blüht , der König meines Hauses , und schalte mit meinem Kinde , wie ich will . Laßt uns den Herrn preisen , der uns aus der Gemeinschaft des Gottlosen brachte , und fröhlich leben in Eintracht . « Ben David ' s , Ruhe erlitt dennoch eine ungemeine Störung , da er in Kurzem gewahr wurde , daß Zodick den Platz zu Frankfurt nicht verlassen hatte , wie er im Anfang geglaubt . Häufig begegnete er dem tückisch lächelnden Rothkopfe auf seinen Handels- und Mäklergängen . Bald war es ihm auch kein Geheimniß mehr , daß derselbe auf die Verkürzung seines Erwerbs ausgehe . Überall kam Ben David , der fleißigste unter den Juden , zu spät ; allenthalben sah er seinen Eifer schlecht belohnt , und allenthalben stack Zodick unter der Decke . Näherte sich Ben David den Tischen , und Hütten auf dem Berge bei St. Niklas , wo die Compsoren ( Wechsler ) saßen , und bot seine Unterhändlerdienste an , so war Zodick schon da gewesen und hatte unter den leichtesten Bedingungen alle Aufträge an sich gerissen ; trat er in Palmstörfer ' s Wechselstube zum Weidenbaum , so ging Zodick gerade heraus , Rechentafel und Beutel unter ' m Arm , und der alte Wechsler und Altbürger Humbrecht sagte ohne Hehl zu Ben David : » Du hast da einen gar guten Spürhund gezogen , Jude . Er läuft wie ein Teufel , schnobert alles aus , und nimmt geringre Zinsen , denn Du . Darum magst Du jetzt feiern , und Dich pflegen . Zodick dient uns besser und luftiger als Du , alter Knabe . « - War auf dem Gewandhause eine Versteigerung , und Ben David dachte dabei sein Heil zu versuchen ... umsonst , Zodick war dabei , kaufte am theuersten , schlug im geringsten Preiße los . Wurde an einem Orte ein Schmuck von edeln Steinen verlangt , und Ben David hatte bei allen Goldschmiden und Juwelenhändlern mit Mühe und Noth die Kleinodien zusammengebracht , so war doch alles vergebens ; Zodick hatte Wind davon gehabt und weit schönere Steine herbeigeschafft . Was die Darlehen - den Haupterwerbszweig der Juden - anbelangte , war Ben David nicht glücklicher . Zodick drängte sich überall auf , und Geld - zu dem er nach seines ehmaligen Herrn Einsichten , unmöglich auf richtigem Wege gelangt seyn konnte , - stand ihm in Hülle und Fülle zu Gebot . Der ausschweifende Sohn des Oberstrichters , der leichtsinnige Neffe des Schultheißen zogen gegen niedere Zinsen die Mittel zu ihrer Verschwendung aus Zodick ' s Beutel . Sogar dem gefangnen Raubritter von Hyrzenhorn streckte der rothköpfige Störefried die zweihundert Gulden vor , welche der Verhaftete um nur loszukommen , der Stadt sammt seinem Haus zu Wettershausen als Lösegeld stellte . Mit einem Worte : Zodick ' s Bemühungen , auf den Verderb seines Lehrherrn losgehend , erreichten vollkommen ihren Zweck . Die größern Geschäfte , wie sie nur etwa den Frankfurter Juden erlaubt waren , riß er zu Ben David ' s und seiner übrigen Glaubensgenossen Nachtheil an sich , und erschlich sich behende das Vertrauen der Bürger , das sich dem Neuen und Wohlfeilern gern zuwendet . Ben David wurde von Tage zu Tage mißmuthiger , und konnte endlich nicht umhin , dem Judenarzte Joseph , einem stolzen aber nicht unverständigen Manne , der ihn einst auf der Straße seiner verdrossenen Miene halber zur Rede stellte , seinen Gram mitzutheilen . » Ei , ei , Ben David ! « erwiederte ihm Joseph mit vornehmem Kopfwiegen : » Die Klugheit , die gerade vom Herrn stammt , hat Euch verlassen , und der List des Leviathan ' s , der eine schlechte Schlange ist , das Feld geräumt . Lasse nie einen Andern gucken zu tief in deinen Becher ! lautet ein alter Spruch . Lehre Deinem Schüler nie Deine besten Künste , auf daß nicht seine junge Wissenschaft Deine bejahrte verderbe , lautet ein andrer . - Da nun aber der Fehler begangen ist , so halte ich dafür , da Euch der Quell des Lebens Reichthum bescheert hat , es sey am Besten , damit auf anderm Boden Euer Heil zu versuchen , bis der , der Euch verderben will , in seinen eignen Schlingen verdarb . « - » Wie meint Ihr das , Rabbi ? « fragte Ben David aufmerksam , und Joseph erwiederte wichtig und den Mund voll nehmend : » Thut doch , was ich Euch schon vor längerer Zeit gerathen . Macht Euch auf gen Costnitz , mit Gelde versehen . Ich weiß aus sichrer Hand , daß der Herzog von Östreich bedeutende Summen sucht , die er hoch verzinsen will , wenn sie unter dem Siegel des Schweigens verabfolgt werden . Bei mehreren altbürgerlichen Geschlechtern dahier ist von ihm Anfrage gehalten worden , allein die haben ihr Baares bereits an den Kaiser und den Kurfürsten von Mainz und Pfalz geliehen . Da wäre ein ansehnlicher Gewinn zu hoffen , und - kehrt ihr zurück , - ist vielleicht schon des undankbaren Dieners Freudenleben zu Ende . Wer so rasch beginnt , endet sicher rasch . Beim Flüchtigwerden oder Falschmünzen hört ' s gewöhnlich auf . « - Ben David dankte dem Rathgeber von Herzen , und begab sich mit bessrer Zuversicht nach Hause , denn es hatte an seinem Leben genagt , daß sein Erwerb zu stocken und in die Hände eines Andern überzugehen drohte . Erheiterten Sinns erklärte er seiner Esther , daß sie zur Reise gen Costnitz sich bereit halten möchte , und fröhlicher denn er die Kunde gab , nahm sie das Mädchen auf . Nachbars Ephraim , ein junger Bursche , der an Zodick ' s Stelle in Ben David ' s Hause getreten war , wurde angewiesen , dem Greise Jochai freundlich und gefällig in Allem zu Diensten zu seyn , und nachdem die Familie noch in häuslicher Eintracht den Freudentag gefeiert hatte , der in den Mond Schebat fällt , fuhren Vater und Tochter , von den Segenssprüchen des Altvaters begleitet , von dannen , im Gefolge eines ansehnlichen Krämerzugs , der nach dem Bodensee trachtete . Gerathen war es , einem bewaffneten Geleit sich anzuschließen , da vor wenig Tagen erst die Junker Bernhard und Wernher von Keseberg , wegen eines Unbilds , das sie in einem Pferdehandel von dem jüdischen Roßtäuscher Gombracht zu Steinheim erlitten zu haben vorgaben , » der ganzen Judenschaft und ihren Hohmeistern , wo sie auch seyen , « Fehde geboten und durch ein nach Frankfurt gesendetes untersiegeltes Schreiben erklärt hatten . Das gedrohte Unheil berührte sonach weder Ben David noch die schöne Esther , die ungehindert ihres Weges zogen , sondern denjenigen , der in seiner Frechheit es am allerwenigsten vermuthet hatte . Zodick nämlich , der wohl von dem am Römer aufgehängten seltsamen Fehdebriefe gehört hatte , sich jedoch auf seine Faust und sein Messer verließ , das er als Vertheidigungswaffe versteckt bei sich trug , weil die Gesetze jedem Juden untersagten , öffentlich ein Gewehr anzuhängen , schlenderte eines Abends bei einbrechender Dämmerung mißmuthig von Frankfurt nach Oberrad . Er hatte erfahren , daß Ben David die Stadt auf unbestimmte Zeit verlassen , und es quälte seine Seele , denjenigen nicht mehr täglich zu sehen , dessen Eigen- und Geldliebe seine Tücke einen so entscheidenden Stoß beigebracht hatte . So sehr es ihn freute , seinen Zweck zum Theil erfüllt zu sehen , wie es die schnelle Entfernung Ben David ' s zur Genüge zu beweisen schien , so war ihm dieser Erfolg keineswegs genug . Den Wohlstand seines ehemaligen Herrn bis auf die Wurzel auszurotten , den Dolch des bittersten Leidens bis an ' s Heft in seine Brust zu stoßen , war seine Absicht , das Ziel seiner glühenden Rache . Doch , wie er so eben in dem Rüsthause seiner boshaften Gedanken wühlte , den Pfeil zu finden , den vergifteten , fernhintreffenden , - fähig , des Gegners Leben zu verletzen , verkröche dieser sich auch hinter den ewigen Eisbergen im Süden - ereilte den Grübler selbst ein feindlich Schicksal . Er war so eben an der deutschen Herren Mühle vorbeigeschritten , als aus dem beschneiten Graben der die Heerstraße von Feldacker trennte , dunkle Gestalten auftaumelten , und ihn umringten . Zodick ' s Hand fuhr nach der Waffe , allein , schon hatte eine Schlinge , um seinen Hals geworfen , ihn zu Boden gerissen , ein Pechpflaster klebte auf seinem Munde ; im Nu war er entwaffnet , gebunden , und querfeldein geschleppt an die Ufer des Mains , von dannen auf wenig betretnen Fährten gen Offenbach . Es war finstre Nacht , als der Flecken erreicht wurde , und die Straßendiebe zerrten ihre Beute in eine abgelegne Hütte , wo einige Männer in ritterlicher Kleidung bei dem elenden Schimmer einer Öllampe Buschkleppertafel hielten , aus der Faust . Die Gebrüder Keseberg und der tolle Veit von Hornberg waren die saubern Herren , die den Gefangnen mit dem Gejohle wilder Freude empfingen . - » Sieh da ! sieh da ! « lachte Wernher : » Ein dicker rother Gimpel zur Fastnachtszeit ! Wackre Vogelsteller , die solches Wild aus dem Schnee zu graben verstehen ! Guten Abend , Judas ! Wir haben nicht umsonst Rechnung auf Dich gemacht . Hast Du viel Geld bei Dir ? « - Zodick schüttelte heftig mit dem Kopfe . Einer der Wegelagerer versicherte indessen seinem gestrengen Herrn , man habe den Juden zwar noch nicht durchsucht ; er trage jedoch eine erkleckliche Geldkatze um den Leib . - » Gut ! « erwiederte Bernhard : » Nehmt ihm die Last ab . Das ist jedoch das Geringste . Wir wissen genau , daß er die Verschreibung unsers Vetters von Hyrzenhorn bei sich trägt . Um diese ist ' s uns zu thun . Hyrzenhorn ist genug zu bedauern , daß er den Frankfurtern sich verschreiben mußte ; er gedenkt aber nicht länger der Schuldner eines schmutzigen Juden zu seyn . Nehmt ihm den Wisch ab , so haben wir unsern Auftrag redlich erfüllt . « Zodick wehrte sich wie ein Rasender mit Händen und Füßen , aber seine unsinnige Wuth mußte der Kraft des Hornbergers weichen , der , in ähnlichem Gewerbe geübt , ihn mit Blitzesschnelle durchsucht , Alles gefunden , und ihm entrissen hatte . - » Verdammter Fetzen ! « schrie der Junker bei der letzten Maulschelle , die er dem Geplünderten gab : » Ich will Dir lehren , wie man sich in Kriegs- und Fehdesitte fügt . « - Er griff nun nach der dickknotigen rindsledernen Sattelpeitsche , und wollte ein fürchterlich Gericht über Zodick ergehen lassen , als Bernhard sich mitleidig darein mischte . » Laß doch den armen Sünder in Ruhe ! « sprach er vermittelnd : » Wir wehren uns auch mit Zähnen und Klaue , wenn man uns an ' s Leben will . Bedenke doch , daß man einem Juden mehr als das Leben raubt , in seinem Gelde . « - » Mein Bruder hat Recht , « setzte Wernher bei : » Auch hat mir der Leuenberger empfohlen , säuberlich mit dem Unkraut zu verfahren . Er hat schon oft unsers Gleichen gute Dienste geleistet durch seine feine Nase . Friede sey darum mit ihm . Nehmt ihm das Pflaster vom Maule . Weiber und Ebräer müssen plaudern , sonst wachsen ihnen die Zähne zusammen . « - So ; setze Dich jetzt zu uns ; Du sollst mit essen , Dich erholen von der ausgestandnen Angst . Hier ist Brod , Käse , Wurst . Lange zu ! - Zodick fuhr mit Abscheu vor dem Dargebotnen zurück . Die Herren wollten borsten vor Lachen über die häßliche Fratze , die der Mißhandelte zog . - » Iß ! « rief der Hornberger , mit dem Jagdmesser nach Zodick ' s linken Auge zielend : » iß , räudiger Hund , oder es kostet Dich ein Auge . « - Der Jude , wissend , daß in solchen Scherzen der fürchterlichste Ernst verborgen lag , nahm ergrimmt einen Bissen von der verbotnen Speise , und würgte ihn zornbebend hinunter . - » Auf einen fetten Bissen gehört ein klarer Trunk ! « witzelte der Hornberger , und machte kurz und gut den Vorschlag , den Juden in den Main zu werfen . - » Recht ! « lachte Zodick mit verzweifelnder Galle : » Schmeißt mich doch lieber in den Fluß , als daß ihr mich zu dergleichen Sünde zwingt . Der Gerechte , der gesäckt wird in Edom , geht doch ein in Kanaan ! « - » Der Teufel verstehe das Kauderwälsch des Brandkopfs ! « brummte Wernher : » Wir gedenken ihm aber nicht zum Marterthum zu verhelfen . « - » Wir haben nur dem Roßtäuscher zu Steinheim den Tod geschworen , « setzte Bernhard bei : » Dir , Zodick , wollen wir wohl , da Du so ein gewandter Stehler bist . Im Grunde galt es nur der Verschreibung , die ich hiemit feierlich an der Lampe verbrenne . Das Geld , das Du zufällig bei Dir trugst , behalten wir für unser Mühewalten . Speise und Trank sey Dir aber vergönnt . Dein Fehler , wenn Du nicht zugreifst . « » Das Gesetz verbietet mir ' s ; « antwortete Zodick ; trotzig vor sich niedersehend . - » Gelt ! unsre Speisen sind nicht koscher , Schuft ? « polterte Veit von Hornberg : » Bist denn Du aber koscher genug , um an unsem Tische zu sitzen ? Nein , sage ich , und Du fährst durch meine Klinge zum Teufel , wenn Du nicht diese Beleidigung unsers Wappens auf der Stelle gut machst . « - Zodick schaute hoch auf , der neuen Laune des Junkers gewärtig , und des Letztern Spießgesellen riefen lachend : » Hoho ! Schwager ! was fällt Dir ein ? was kann der Schurke da gut machen ? Welche Grille kömmt Dir an ? « - » Keine Grille ! « versetzte Hornberg , in dessen Kopfe sich der Wein breit machte : » Aber ich schwörs Euch zu bei meiner Seelen Seligkeit und meines Leibes Urständ , daß ich den vermaledeiten Fuchsbart über den Haufen steche , bevor der Morgen graut , wenn er sich nicht in dieser Nacht noch taufen läßt . « Ein lautes Gewieher war die Antwort auf den überraschend seltsamen Vorschlag , der jedoch im nächsten Augenblick schon den zu allem Abenteuerlichen sattsam aufgelegten Herren völlig zusagte , und mit Begierde von ihnen aufgenommen wurde . » Vortrefflich ! « rief Bernhard . » Herrlich ! « rief Wernher : » der Jude muß sich taufen lassen , und wir wollen des Höllenbratens Pathen seyn . « - » Zodick konnte vor Wuth und ohnmächtigen Ingrimm keine Silbe vorbringen , aber sein giftiges Ausspucken und Kopfschütteln redete an seiner Statt . « - » Wage es , Nein zu sagen , « schrie Veit , ihm den Stahl an die Kehle setzend : » und Du fährst zur Hölle . Niederträchtiger Auswurf , dessen Wohlthäter wir werden wollen , den wir mit eignen Händen aus dem ewigen Pfuhl ziehen ! mukse nicht , oder es ist Dein Letztes . « Verblassend und verstummend stand Zodick wie niedergedonnert . - » Macht fort , Bruder , « sprach Veit gemäßigter weiter : » bestellt Pfarrherrn und Glöckner ; ich will indessen dem Höllenbrand mit dem Dolche das Paternoster einkitzeln . « Die Gebrüder Keherberg eilten schnell von dannen und durchstreiften mit ihren Knechten , wie Gespenster der Nacht , den Flecken , Straße auf , Straße ab , bis sie in der tiefen Dunkelheit Kirche und Pfarrhaus gefunden . Wohl hörten die Bewohner Offenbachs die Schritte und rohen Reden der Nachtgäste , sahen sie wohl mitunter durch die Ritzen der Läden , wie sie Waffenrauschend durch die Gassen lärmten , aber in den damaligen Zeiten des Unfriedens und der Selbsthülfe wagte sich Keiner aus dem Hause , sondern erwartete in ängstlicher Stille , ob der Besuch nur eine vorüberziehende Wetterwolke sey , oder wie der Blitz ihre Hüttendächer entzünden werde . Die Wächter des Schlosses fanden ebenfalls keinen Beruf , sich in das Thun der Fremden zu mischen , hielten sich zur Vertheidigung gefaßt , und blieben ruhig . So gelangten die Junkherren ohne Anstand zum vorgesteckten Ziele . Mit lautem Klopfen wurde der Leutpriester aus dem Schlummer geweckt , an ' s Fenster beschieden . Der von Natur Furchtsame erbebte , da er Bewaffnete vor seinem Hause sah , und fragte demüthig nach ihrem Begehren . - » Heraus , Pfaffe ! « rief ihm Wernher zu : » Lege den Chorrock an , und die Stola . Versieh Dich mit Kerze , Öl , Salz und Honig und komm zur Kirche . Ein Ketzer will sich taufen lassen , und schnell , damit der böse Geist ihn nicht abwendig mache von seinem löblichen Vorsatze . « - » Ein Ketzer ? « fragte der erschrockne Geistliche : » Taufen , in später Nacht , ... wer bürgt mir .. ? « - » Schweig ! « erwiederte ihm Bernhard : » Wir bürgen , drei Edelleute , des Ketzers Taufzeugen . Steig herab ohne Säumen ; bescheide den Glöckner , daß er Dir diene ; aber wofern der Bube Lärm macht , oder den Glockenstrang zu ziehen gedenkt , so ist sein letztes Stündlein da und das Deine . Wir sind zum Trutz gerüstet , und unsere Knechte umlagern schon das Kirchlein . « - Der Pfarrherr , der an Sprache und Keckheit wohl merkte , mit welchen Gesellen er zu thun bekam , und durch das traurige Beispiel mehrerer Amtsbrüder , die so zu sagen am Altare ihren Tod durch Mörderhand gefunden hatten , gewitzigt worden war , säumte nicht , dem gebieterischen Begehren Folge zu leisten . Das Frösteln der Angst in allen Gliedern warf er sich in die kirchlichen Gewänder , beschickte den Meßner , und da er in Begleitung des Letztern , eines altergrauen Männleins , das vor Schreck sich kaum auf den Füßen zu halten vermochte , an die Pforte der Kapelle kam , langte so eben der Hornberger daselbst an , dessen Knechte den Täufling an der Leine führten , wie einen Rüden . Das Kirchlein wurde geöffnet , Wache davor gestellt ; ein Bewaffneter