Die Wirtin schwatzte gerne ; sie gab ihm in weniger als einer Viertelstunde die Chronik von fünf bis sechs Schlössern aus der Gegend , und bald kam auch Lichtenstein an die Reihe . Der junge Mann holte tiefer Atem bei diesem Namen , und Schob die Schüssel weit hinweg , um seine Aufmerksamkeit ganz der Erzählerin zu widmen . » Nun , die Lichtensteiner sind gar nicht arm , im Gegenteil , sie haben schöne Felder und Wälder , und keine Rute Landes verpfändet : da ließe sich der Alte lieber seinen langen Bart abscheren , obgleich er gar viel darauf hält und ihn immer streichelt , wenn er mit den Leuten spricht . Er ist ein strenger , ernster Mann ; was er einmal haben will , das muß geschehen , und sollte es biegen oder brechen . Er ist auch einer von denen , die es so lange mit dem Herzog hielten ; die Bündischen werden es ihm übel entgelten lassen . « » Wie ist denn seine ... , ich meine Ihr sagtet , er habe eine Tochter , der Lichtenstein ? « » Nein « , antwortete die Wirtin , indem sich ihr sonst so heiteres Gesicht in grämliche Falten zog , » von der habe ich gewiß nicht gesprochen , daß ich es wüßte . Ja , er hat eine Tochter , der gute alte Mann , und es wäre ihm besser , er führe kinderlos in die Grube , als daß er aus Jammer über sein einziges Kind abfährt . « Georg traute seinen Ohren nicht ; was konnte die Wirtin gerade von Marien so Arges denken , daß sie den Vater glücklich pries , wenn er dieses Kind nicht hätte ? » Was ist es denn mit diesem Fräulein « , fragte er , indem er sich vergebens abmühte , recht scherzhaft auszusehen ; » Ihr macht mich neugierig , Frau Wirtin ; oder ist es ein Geheimnis , das Ihr nicht sagen dürft ? « Die Frau zum Goldenen Hirsch schaute aus dem Erker heraus nach allen Seiten , ob niemand lausche , aber die Bürger waren ruhig in ihrem Gespräch begriffen , und achteten nicht auf sie , und sonst war niemand in der Nähe , der sie hören konnte . » Ihr seid ein Fremder « , hub sie nach diesen Forschungen an , » Ihr reiset weiter und habt nichts mit dieser Gegend zu schaffen , darum kann ich Euch wohl sagen , was ich nicht jedem vertrauen möchte . Das Fräulein dort oben auf dem Lichtenstein ist ein - ein - ja bei uns Bürgersleuten würde man sagen , sie ist ein schlechtes Ding , eine lose Dirne - « » Frau Wirtin ! « rief Georg . » So schreiet doch nicht so , verehrter Herr Gast , die Leute schauen sich ja um . Meinet Ihr denn , ich sage , was ich nicht ganz gewiß weiß ? Denkt Euch , alle Nacht Schlag eilf Uhr läßt sie ihren Liebsten in die Burg . Ist das nicht schrecklich genug , für ein sittsames Fräulein ? « » Bedenket , was Ihr sprechet ! Ihren Liebsten ? « » Ja leider , nachts um eilf Uhr ihren Liebsten ; es ist eine Schande und ein Spott ! Es ist ein ziemlich großer Mann , der kommt in einen grauen Mantel gehüllt ans Tor . Sie hat es zu machen gewußt , daß zu dieser Zeit alle Knechte vom Tor entfernt sind , und nur der alte Burgwart , der ihr auch in ihrer Kindheit zu allen losen Streichen half , um den Weg ist ; da kommt sie nun allemal , wenn es drüben in Holzelfingen eilf Uhr schlägt , selbst herunter in den Hof , die Nacht mag so kalt sein als sie will , und bringt den Schlüssel zur Zugbrücke , den sie zuvor ihrem alten Vater vom Bette stiehlt ; dann schließt der alte Sünder , der Burgwart , auf , die Brücke fällt nieder , und der Mann im grauen Mantel eilt in die Arme des Fräuleins . « » Und dann ? « fragte Georg , der beinahe keinen Atem mehr in der Brust , kein Blut mehr in den Wangen hatte ; » und dann ? « » Ja , dann wird Braten , Brot und Wein geholt ; so viel ist gewiß , daß der nächtliche Liebste einen ungeheuren Hunger haben muß , denn er hat in mancher Nacht einen halben Rehziemer rein aufgezehrt , und zwei , drei Nössel Wein dazu getrunken ; was weiter geschieht , weiß ich nicht ; ich will nichts vermuten , nichts sagen , aber das weiß ich « , setzte sie mit einem christlichen Blick gen Himmel hinzu , » beten werden sie nicht . « Georg schalt sich nach kurzem Nachdenken selbst aus , daß er nur einen Augenblick gezweifelt habe , daß diese Erzählung eine Lüge , von irgendeinem müßigen Kopf ersonnen sei ; oder wenn auch etwas Wahres darin wäre , so konnte es doch nichts sein , das Marien zur Unehre gereicht hätte . Wenn es wahr ist , daß die Liebe eines Jünglings in den guten alten Zeiten zwar nicht weniger leidenschaftlich war , als in unseren Tagen , aber mehr den Charakter reiner anbetender Ehrfurcht trug , daß nach der Sitte der Zeit die Geliebte nicht auf gleicher Stufe mit ihrem Verehrer , sondern um eine höher stand , wenn wir den romantischen Erzählungen alter Chroniken und Minnebücher trauen dürfen , die so viele Beispiele aufführen , daß sich edle Männer , wenn sie in Liebe sind , für die Treue und Reinheit ihrer Dame , auf der Stelle totschlagen lassen , so ist es nicht zu verwundern , daß Georg von Sturmfeder wenigstens auf diese Indizien hin , von Marien nichts Schlechtes denken konnte . So rätselhaft ihm selbst jene nächtlichen Besuche vorkommen mochten , so sah er doch klar , es sei weder bewiesen , daß der Vater nichts darum wisse noch daß der geheimnisvolle Mann gerade ein Liebhaber sein müsse . Er trug diese Zweifel auch seiner Wirtin vor . » So ? meint Ihr , der Vater wisse um die Geschichte ? « sprach sie ; » dem ist nicht so . Sehet , ich weiß das gewiß , denn die alte Rosel , die Amme des Fräuleins - « » Die alte Rosel hat es gesagt ? « rief Georg unwillkürlich ; ihm war ja diese Amme , die Schwester des Pfeifers von Hardt , so wohlbekannt ; freilich wenn diese es gesagt hatte , war die Sache nicht mehr so zweifelhaft ; denn er wußte , daß sie eine fromme Frau und dem Fräulein sehr zugetan war . » Ihr kennt die alte Rosel ? « fragte die Wirtin , erstaunt über den Eifer , womit ihr fremder Gast nach dieser Frau fragte . » Ich ? sie kennen ? nein , erinnert Euch nur , daß ich heute zum erstenmal in diese Gegenden komme ; nur der Name Rosel fiel mir auf . « » Sagt man bei Euch nicht so ? Rosel heißt Rosina bei uns , und so nennt man die alte Amme in Lichtenstein ; nun seht , diese hält viel auf mich , und kommt hie und da zu mir , dann koche ich ein süßes Weinmüschen , was sie für ihr Leben gerne ißt , und zum Dank vertraut sie mir allerlei Neues . Von ihr habe ich auch was ich Euch sagte . Der Vater weiß gar nichts von diesen nächtlichen Besuchen , denn er geht schon um acht Uhr zu Bette , die Amme schickte das Fräulein jedesmal um acht Uhr in ihre Kammer . Das fiel nun nach ein paar Tagen der guten Rosel auf . Sie stellt sich , als gehe sie zu Bette , und siehe da , was geschieht ? Kaum ist alles ruhig im Schloß , so macht das Fräulein , das sonst keinen Span anrührt , eigenhändig ein Feuer auf den Herd ; kocht und bratet , was sie kann und weiß , holt Wein aus dem Keller , holt Brot aus dem Schrank , und deckt in der Herrenstube den Tisch . Dann schaut sie zum Fenster hinaus , in die kalte schwarze Nacht , und richtig wenn es drüben eilf Uhr schlägt , rasselt die Zugbrücke nieder , der nächtliche Geselle wird eingelassen , und geht mit dem Fräulein in die Herrenstube ; sie hat auch schon gehorcht , die Rosel , was wohl drinnen vorgehe , aber die eichenen Türen sind gar dick ; dann lugte sie auch einmal durchs Schlüsselloch , sah aber nichts als den Kopf des Fremden . « » Nun , und ist er schon alt ? Wie sieht er aus ? « » Alt ? wo denket Ihr hin ! Die sieht mir auch darnach aus , daß sie es mit einem Alten hätte ! Jung ist er und schön , wie mir die Rosel sagt ; er hat einen dunkeln Bart um Mund und Kinn , schönes gerolltes Haar auf dem Kopf , und sah recht freundlich und liebreich aus . « » Daß ihm der Satan den Bart Haar für Haar auszwicke « , murmelte Georg , und strich mit der Hand über das Kinn , das noch ziemlich glatt war . » Frau ! besinnt Euch , habt Ihr denn dies alles so recht gehört von der Frau Rosel ? hat sie dies alles so gesagt ? machet Ihr nicht noch mehr dazu ? « » Gott bewahre mich , daß ich über jemand lästere ! Da kennt Ihr mich schlecht , Herr Ritter ! Das alles hat mir Frau Rosel gesagt , und noch mehr hat sie vermutet , und mir ins Ohr geflüstert , was eine ehrliche Frau einem schönen jungen Herrn nicht wiedersagen kann . Und denket Euch , wie recht schlecht das Fräulein ist , sie hat noch einen andern Liebhaber gehabt , und dem ist sie also untreu geworden ! « » Noch einen ? « fragte Georg aufmerksam , denn die Erzählung schien ihm mehr und mehr an Wahrscheinlichkeit zuzunehmen . » Ja noch einen ; es soll ein gar schöner , lieber Herr sein , sagte mir die Rosel ; sie war mit dem Fräulein einige Zeit in Tübingen , und da war ein Herr von - von - ich glaube Sturmfittich heißt er - der war auf der hohen Schule ; und da lernten sich die beiden Leutchen kennen , und die Amme schwört , es sei nie ein schmuckeres Paar erfunden worden im ganzen Schwabenland . Sie hat ihn auch ganz schrecklich liebgehabt , das ist wahr und sei sehr traurig gewesen um ihn , als sie von Tübingen ging ; nun ist sie dem armen Jungen untreu geworden , das falsche Herz ; und die Amme heult , wenn sie nur an den schönen , treuen Herrn denkt , er soll noch viel , viel schöner gewesen sein als der , den sie jetzt hat . « » Frau Wirtin , wie oft lasset Ihr mich denn klopfen , bis ich einen vollen Becher bekomme « , rief der fette Herr aus der Trinkstube herauf ; denn die Frau Wirtin hatte über ihrer Erzählung alles übrige vergessen . » Gleich , gleich ! « antwortete sie , und flog an den Schenktisch hin , den durstigen Herrn mit seiner besseren Sorte zu versehen ; und von da ging es zum Keller , und Boden und Küche nahmen sie in Anspruch , so daß der Gast im Erker gute Weile hatte , einsam über das , was er gehört hatte , nachzusinnen . Den Kopf auf die Hand gestützt , saß er da , und schaute unverrückt in die Tiefe seines silbernen Bechers , so saß er am Nachmittag , so saß er am Abend , die Nacht war schon lange eingebrochen , und er saß noch immer so hinter dem runden Tisch im Erker , tot für die Welt umher , nur hin und wieder verriet ein tiefes Seufzen , daß noch Leben und Empfindung in ihm sei . Die Wirtin wußte nicht , was sie aus ihm machen sollte ; sie hatte sich wenigstens zehnmal neben ihn gesetzt ; hatte versucht , mit ihm zu sprechen , aber er hatte ihr gedankenlos mit starren Augen ins Gesicht geschaut und nichts geantwortet ; es war ihr ganz angst dabei geworden , denn geradeso hatte sie ihr seliger Mann angestarrt , als er das Zeitliche gesegnete , und ihr den Goldenen Hirsch hinterließ . Sie beriet sich mit dem fetten Herrn , und auch der Mann mit dem Lederrücken gab seine Meinung preis . Die Wirtin behauptete , entweder sei er verliebt bis über die Ohren , oder man habe es ihm angetan . Sie belegte ihre Behauptungen mit einer schrecklichen Geschichte von einem jungen Ritter , den sie gesehen , und der auch aus lauter Liebe am ganzen Leib erstarrt sei , bis er am Ende gestorben . Der Zerlumpte war nicht dieser Meinung ; er glaubte , dem jungen Mann sei vielleicht ein Unglück geschehen , wie jetzt oft im Kriege vorkomme , und er sei deswegen in so tiefe Trauer versenkt . Der fette Herr aber blinzelte einigemal nach dem stummen Gast im Erker hinauf , und fragte dann mit sehr pfiffiger Miene , von welchem Gewächs und Jahrgang der Ritter trinke ? » Nun ich hab ihm Heppacher gegeben von 1480 . Es ist das Beste , was der Goldene Hirsch hat . « » Da haben wir es ! « rief der kluge Mann ; » ich kenn den Heppacher Achtz ' ger , den kann solch ein Junkerlein nicht führen , und der ist ihm zu Kopf gestiegen . Laßt ihn sitzen , laßt ihn immer sitzen , seinen schweren Kopf in der Hand , ich wette , ehe es acht Uhr schlägt , hat er ausgeschlafen und ist wieder so frisch wie der Fisch im Wasser . « Der Zerlumpte schüttelte den Kopf und sagte nichts dazu , die Wirtin aber belobte den gewohnten Scharfsinn des fetten Herrn , und fand seine Vermutung am wahrscheinlichsten . Es war neun Uhr in der Nacht , die täglichen Zechgäste hatten schon alle die Trinkstube verlassen , und auch die Wirtin wollte sich zum Abendsegen rüsten , als der fremde Herr aus seinem Zustand erwachte . Er sprang auf , machte einige Gänge durchs Zimmer , und blieb endlich vor der Hausfrau stehen . Er sah düster und verstört aus , und die wenigen Stunden vom Mittag bis jetzt , hatten seinen sonst so freundlichen offenen Zügen tiefe Spuren des Grames eingedrückt . Die Wirtin dauerte sein Anblick , sie wollte ihm , eingedenk des klugen fetten Herrn , noch ein heilsames Süpplein kochen , und ihm dann ein treffliches , weiches Bett anweisen , doch er schien für diese Nacht ein rauheres Lager sich erwählt zu haben . » Wann sagt Ihr « , hub er mit leiser , unsicherer Stimme an , » wann geht der nächtliche Gast nach Lichtenstein , und wann kommt er zurück ? « » Um eilf Uhr , lieber Herr , geht er hinein , und um den ersten Hahnenschrei kommt er wieder über die Zugbrücke . « » Lasset mein Pferd satteln , und besorget mir einen Knecht , der mich nach Lichtenstein geleite . « » Jetzt in der Nacht ? « rief die Wirtin , und schlug vor Verwunderung die Hände zusammen . » Jetzt wollet Ihr ausreiten ? Ei geht doch , Ihr treibt Spaß mit mir . « » Nein , gute Frau , es ist mein wahrer Ernst ; aber sputet Euch ein wenig , ich habe Eile . « » Die habt Ihr den ganzen Tag nicht gehabt « , entgegnete jene ; » und jetzt wollt Ihr auf einmal über Hals und Kopf in die Nacht hinaus . Zwar die frische Luft kann nichts schaden bei solchen Kranken ; aber weiß Gott Euer Pferd lasse ich nicht aus dem Stall , Ihr könnt mir herunterfallen oder allerlei Unglück anrichten , und dann hieße es , wo hat denn die Hirschwirtin wieder den Kopf gehabt , daß sie die Leute so laufen läßt . « Der junge Mann hatte ihre Rede ganz überhört , denn er war wieder in sein düsteres Sinnen zurückgesunken ; als sie aufhörte zu sprechen schrak er auf und wunderte sich , daß sie seinen Befehl noch nicht befolgt habe . Er ging , als sie noch immer zauderte , um sein Pferd selbst zu besorgen ; da gedachte sie , daß sie doch keine Gewalt habe , ihn zurückzuhalten und daß es geratener sein möchte , ihn ziehen zu lassen . » Lasset dem Herrn seinen Braunen herausführen « , rief sie , » und der Andres soll sich rüsten , heute nacht noch ein Stück Weges zu gehen ! - Er hat recht , daß er jemand mitnehmen will « , sprach sie für sich weiter ; » der kann ihn doch im Notfall halten ; zwar sagt man , sie haben ein paar Sinne mehr , wenn sie etwas im Kopf haben , und es falle keiner so leicht vom Pferd , wenn er auch hin und her schwankt , wie der Schwingel in der großen Glocke , aber besser ist besser . - Was Ihr schuldig seid , Herr Ritter ? nun Ihr habt gehabt eine Maß Alten , macht zwölf Kreuzer , und das Essen - nun , es ist nicht der Rede wert , was Ihr gegessen habt ; Ihr habt ja mein Huhn kaum angesehen . Nun , wenn Ihr für den Stall und das Essen noch zwei Kreuzer zulegen wollt , so wird Euch eine arme Witfrau schön danken . « Nachdem die Rechnung in dem niederen Münzfuß der guten , alten Zeiten berichtigt war , entließ die Wirtin zum Goldenen Hirsch ihren Gast ; sie war ihm zwar nicht mehr so gewogen wie heute mittag , als er herrlich wie der junge Tag in ihre Trinkstube getreten war , aber dennoch konnte sie sich nicht verhehlen , als er beim Schein der Kienfackeln sich aufs Pferd schwang , daß sie nicht leicht einen schöneren Mann gesehen habe , und sie schärfte daher ihrem Knecht , der ihn begleitete , um so sorgfältiger ein , recht genau auf ihn achtzuhaben , weil es bei diesem Herrn » doch nicht ganz richtig im Kopfe sei « . Vor dem Tor von Pfullingen fragte der Knecht den nächtlichen Reiter , wohin er reiten wolle ; und auf seine Antwort » Nach Lichtenstein ! « schlug er einen Weg rechts ein , der zum Gebirge führte . Der junge Mann ritt schweigend durch die Nacht hin ; er sah nicht rechts , er sah nicht links , er sah nicht auf nach den Sternen , nicht hinaus in die Weite , seine gesenkten Blicke hafteten am Boden . Es war ihm wie damals , als ihn die Mörder am Wege niedergeschlagen hatten , seine Gedanken standen stille , er hoffte nicht mehr , er hatte zu leben , zu lieben und zu wünschen aufgehört . Und doch war ihm damals wohler gewesen , als ihm auf dem kühlen Teppich des Wiesentales , die Besinnung schwand , er war ja entschlummert mit dem erhebenden Gedanken an sie , und die erstarrenden Lippen hatten noch einmal einen süßen Namen ausgesprochen . Aber jetzt war die Leuchte verlöscht , die seinen Pfad durchs Leben erhellt hatte . Es war ihm , als habe er nur noch einen kurzen Weg im Dunkeln hinzugehen , und dann in lichteren Höhen als auf dem Lichtenstein seine Ruhe zu finden ; und unwillkürlich zuckte seine Rechte hie und da ans Schwert , als wolle er sich versichern , daß ihm dieser Gefährte wenigstens treu geblieben sei , als sei dies der gewichtige Schlüssel , der die Pforte sprengen sollte , die aus dem Dunkel zum Lichte führt . Der Wald hatte längst die Wanderer aufgenommen , steiler wurden die Pfade , und das Roß strebte mühsam unter der Last des Reiters und seiner Rüstung bergan ; doch der Reiter bemerkte es nicht . Die Nachtluft wehte kühler , und spielte mit den langen Haaren des Jünglings , er fühlte es nicht ; der Mond kam herauf und beleuchtete seinen Pfad , beleuchtete kühne Felsenmassen und die hohen , gewaltigen Eichen , unter welchen er hinzog , er sah es nicht ; unbemerkt von ihm , rauschte der Strom der Zeit an ihnen vorüber , Stunde um Stunde verging , ohne daß ihm der Weg lang bedünkte . Es war Mitternacht , als sie auf der höchsten Höhe ankamen . Sie traten heraus aus dem Wald , und getrennt durch eine weite Kluft von der übrigen Erde lag auf einem einzelnen , senkrecht aus der nächtlichen Tiefe aufsteigenden Felsen der Lichtenstein . Seine weißen Mauern , seine zackigten Felsen schimmerten im Mondlicht , es war , als schlummere das Schlößchen , abgeschieden von der Welt im tiefen Frieden der Einsamkeit . Der Ritter warf einen düsteren Blick dorthin und sprang ab . Er band das Pferd an einen Baum , und setzte sich auf einen bemoosten Stein , gegenüber von der Burg . Der Knecht stand erwartend , was sich weiter begeben werde , und fragte mehreremal vergeblich , ob er seines Dienstes jetzt entlassen sei ? » Wie weit ist ' s noch bis zum ersten Hahnenschrei ? « fragte endlich der stumme Mann auf dem Steine . » Zwei Stunden , Herr ! « war die Antwort des Knechtes . Der Ritter reichte ihm reichlichen Lohn für sein Geleite , und winkte ihm zu gehen . Er zögerte , als scheue er sich , den jungen Mann in diesem unglücklichen Zustand zu verlassen ; als aber jener ungeduldig seinen Wink wiederholte , entfernte er sich stille nur einmal noch sah er sich um , ehe er in den Wald eintrat , der schweigende Gast saß noch immer , die Stirne in die Hand gestützt , im Schatten einer Eiche , auf dem bemoosten Stein . - V Durch diese hohle Gasse muß er kommen , es führt kein andrer Weg nach Küßnacht - Hier Vollend ich ' s - die Gelegenheit ist günstig . Schiller Man hat zu allen Zeiten viel Schönes und Wahres über die Torheit der Eifersucht geschrieben , und dennoch sind die Menschen seit Urias ' Zeiten darin nicht weiser geworden . Leute von überaus kühler Konstitution werden zwar sagen , wenn jener berühmte jüdische Hauptmann nicht die Torheit begangen hätte , seine schöne junge Frau nur für sich allein haben zu wollen , oder gar auf den König David eifersüchtig zu werden , so wäre der berüchtigte Uriasbrief nie geschrieben worden , und besagter Hauptmann hätte es vielleicht noch weit im Dienste bringen können . Andere aber , denen die Natur heißes Blut und einen Stolz , ein Gefühl der Ehre gegeben hat , das durch Hintansetzung oder Treuebruch leicht aufgeregt und beleidigt wird , werden beim eintretenden Falle jenem unglücklichen Übel unterliegen , wenn sie auch mit allen Beweisgründen der kälteren Vernunft sich selbst die Torheit ihres Beginnens vorpredigen . Georg von Sturmfeder war nicht von so kühlem Blute , daß ihn die Nachricht , die er heute erhielt , nicht aus allen Schranken der Billigkeit und Mäßigung herausgejagt hätte ; er war überdies in einem Alter , wo zwar die offene Seele sich noch nicht daran gewöhnt hat , den Menschen a priori zu mißtrauen , wo aber ein solcher Fall um so überraschender ist , um so gefährlicher wirkt , eben weil das arglose Herz ihn nie gedacht hat . Da kocht das Gefühl der gekränkten Treue , da braust der Stolz auf , der sich beleidigt dünkt ; den prüfenden Verstand , der das Falsche vom Rechten zu sondern pflegt , umziehen trübe , düstre Wolken , und verhüllen ihm das Wahre ; ein Wörtchen Wahrscheinlichkeit in einem Gewebe von Lüge überzeugt ihn ; die Sonne der Liebe sinkt hinab , und es wird Nacht in der Seele . Dann schleichen sich jene nächtlichen Gesellen : Verachtung , Wut , Rache , in das von allen guten Engeln verlassene Herz , und die unendliche Stufenleiter der Empfindungen , welche von Liebe zu Haß führt , hat die Eifersucht in wenigen Augenblicken zurückgelegt . Georg war auf jener Stufe der düsteren , stillen Wut und der Rache angekommen ; über diese Empfindungen brütend , saß er unempfindlich gegen die Kälte der Nacht auf dem bemoosten Stein , und sein einziger , immer wiederkehrender Gedanke war , den nächtlichen Freund » zu stellen , und ein Wort mit ihm zu sprechen « . Es schlug zwei Uhr in einem Dorf über dem Walde , als er sah , daß sich Lichter an den Fenstern des Schlosses hin bewegten , erwartungsvoll pochte sein Herz , krampfhaft hatte seine Hand den langen Griff des Schwertes umfaßt . Jetzt wurden die Lichter hinter den Gittern des Tores sichtbar , Hunde schlugen an , Georg sprang auf und warf den Mantel zurück . Er hörte , wie eine tiefe Stimme , ein vernehmliches » Gute Nacht « sprach . Die Zugbrücke rauschte nieder und legte sich über den Abgrund , der das Land von Lichtenstein scheidet , das Tor ging auf , und ein Mann , den Hut tief ins Gesicht gedrückt , den dunkeln Mantel fest umgezogen , schritt über die Brücke , und gerade auf den Ort zu , wo Georg Wache hielt . Er war noch wenige Schritte entfernt , als dieser mit einem dröhnenden : » Zieh Verräter , und wehr dich deines Lebens « auf ihn einstürzte ; der Mann im Mantel trat zurück und zog ; im Augenblick begegneten sich die blitzenden Klingen und rasselten klirrend aneinander . » Lebendig sollst du mich nicht haben « , rief der andere , » wenigstens will ich mein Leben teuer genug bezahlen ! « Zugleich sah ihn Georg tapfer auf sich eindringen , und an den schnellen und gewichtigen Hieben merkte er , daß er keinen zu verachtenden Gegner vor der Klinge habe . Georg war kein ungeübter Fechter , und er hatte manch ernstlichen Kampf mit Ehre ausgefochten , aber hier hatte er seinen Mann gefunden . Er fühlte , daß er sich bald auf die eigene Verteidigung beschränken müsse , und wollte eben zu einem letzten gewaltigen Stoß ausfallen , als plötzlich sein Arm mit ungeheurer Gewalt festgehalten wurde ; sein Schwert wurde ihm in demselben Augenblicke aus der Hand gewunden , zwei mächtige Arme schlangen sich um seinen Leib und fesselten ihn regungslos , und eine furchtbare Stimme schrie : » Stoßt zu , Herr , ein solcher Meuchelmörder verdient nicht , daß er noch einen Augenblick zum letzten Paternoster habe ! « » Das kannst du verrichten , Hanns « , sprach der im Mantel , » ich stoße keinen Wehrlosen nieder ; dort ist sein Schwert , schlag ihn tot , aber mach es kurz . « » Warum wollt Ihr mich nicht lieber selbst umbringen , Herr ! « sagte Georg mit fester Stimme ; » Ihr habt mir meine Liebe gestohlen , was liegt an meinem Leben ? « » Was habe ich ? « fragte jener und trat näher . » Was Teufel ist das für eine Stimme ? « sprach der Mann , der ihn noch immer umschlungen hielt ; » die sollte ich kennen ! « Er drehte den jungen Mann in seinen Armen um , und wie von einem Blitz getroffen , zog er die Hände von ihm ab : » Jesus , Maria und Joseph ! da hätten wir bald etwas Schönes gemacht ! aber welcher Unstern führt Euch auch gerade hieher , Junker ? was denken auch meine Leute , daß sie Euch fortlassen , ohne daß ich dabei bin ! « Es war der Pfeifer von Hardt , der Georg also anredete , und ihm die Hand zum Gruß bot ; dieser aber schien nicht geneigt , dieses freundschaftliche Zeichen einem Manne zu erwidern , der noch soeben das Handwerk des Henkers an ihm verrichten wollte ; wild blickte er bald den Mann im Mantel , bald den Pfeifer an . » Meinst du « , sagte er zu diesem , » ich hätte mich von deinen Weibern in Gefangenschaft halten lassen sollen , daß ich deine Verräterei hier nicht sehe ? Erbärmlicher Betrüger ! Und Ihr « , wandte er sich zu dem andern , » wenn Ihr ein Mann von Ehre seid , so steht mir , und fallet nicht zu zwei über einen her ; wenn Ihr wißt , daß ich Georg von Sturmfeder bin , so mögen Euch meine früheren Ansprüche auf das Fräulein nicht unbekannt sein , und mit Euch mich zu messen , bin ich hierhergekommen . Darum befehlet diesem Schurken , daß er mir mein Schwert wiedergebe , und laßt uns ehrlich fechten , wie es Männern geziemt . « » Ihr seid Georg von Sturmfeder ? « sprach jener mit freundlicher Stimme und trat näher zu ihm . » Es scheint mir , Ihr seid etwas im Irrtum hier . Glaubet mir ich bin Euch sehr gewogen , und hätte Euch längst gerne gesehen . Nehmet das Ehrenwort eines Mannes , daß mich nicht die Absichten in jenes Schloß führen , die Ihr mir unterleget , und seid mein Freund . « Er bot dem überraschten Jüngling die Hand unter dem Mantel hervor , doch dieser zauderte ; die gewichtigen Hiebe dieses Mannes hatten ihm zwar gesagt , daß er ein Ehrenwerter und Tapferer sei , darum konnte und mußte er seinen Worten trauen aber sein Gemüt war noch so verwirrt , von allem was er gehört und gesehen , daß er ungewiß war , ob er den