sie beteuerte , sich unschuldig zu wissen , sie rief mich zürnend zum Zeugen auf . Ich war hingerissen von diesem Zauber der Liebe , der sich mir hier zum erstenmal in seiner ganzen Schönheit darstellte . Es ist etwas Schönes um ein Mädchen , das in sanfter , stiller Liebe ist , es ist etwas Heiliges , möchte ich sagen . Aber der Schmerz inniger Liebe , das Zittern zärtlicher Angst , und diese Tränen in den blauen Augen , dieses Flüstern der süßesten Namen von den feinen Lippen , und diese Röte der Angst und der Beschämung auf den zarten Wangen , es ist ein Bild , irdischer zwar als jenes , aber von einer hinreißenden Gewalt . « » Ich kenne das « , unterbrach ich diese rednerischen Schilderungen des verliebten Berliners , dem die Dame seines Herzens in jeder neuen Form wieder lieblicher schien , » ich kenne das , so was Heiliges , so was Weinendes , Madonnenartiges , Grazienhaftes , Süßes , Bitterschmerzliches , kurz so was Klagendes , Anziehendes , ich kenne das ; aber wie war es denn mit dem zornigen Patron , der Euer Wohlgeboren so ähnlich ? « » Er glaubte ihren Versicherungen nicht , war es Eifersucht , war es sein leidenschaftlicher Zorn , den er nicht bemeistern konnte , er stieß sie zurück , er drohte , sie nie mehr zu sehen . Das Mädchen setzte sich weinend auf ihren Stuhl . Die tobende Freude der Römer an dem Pferderennen , ihr Jauchzen , ihr Rufen stand in schneidendem Kontrast mit dem stillen Schmerz dieses Engels . Ich fühlte inniges Mitleid mit ihr , ich fühlte mich tief verletzt , daß ein Mann , eine Dame , ein Liebender , die Geliebte so schnöde beleidigen könne . Mein Herr , sagte ich , das Wort eines Mannes von Ehre kann Sie vielleicht überzeugen , daß die Schuld dieser Szene allein auf mir ruht . Eines Mannes von Ehre ? rief er höhnisch lachend ; so kann sich jeder Tropf nennen . Jetzt glaubte ich die Formen der gesellschaftlichen Höflichkeit nicht weiter beobachten zu müssen . Ich gab ihm ein wohlbekanntes Zeichen , flüsterte ihm meinen Namen , die Nummer meines Hauses und die Straße zu , in welcher ich wohnte , und verließ ihn . Es waren widerstreitende Gefühle , die in meiner Brust erwachten , als ich zu Haus über diesen Vorfall nachdachte . Ich mußte mir gestehen , daß ich unbesonnen , töricht gehandelt hatte , die Rolle eines andern bei diesem Mädchen zu übernehmen . Es ist wahr , der Zufall war so überraschend , die Gelegenheit so lockend , ihre Erscheinung so reizend , so anziehend , daß wohl keiner der Versuchung widerstanden hätte . Aber mußte mich nicht schon der Gedanke zurückschrecken , daß es ihr bei dem Geliebten schaden könnte , traf er uns beide zusammen ? in welch ungünstigem Lichte mußte ich , mußte auch sie ihm erscheinen ! Und doch - wo ist der Mensch , der nicht in einem solchen Falle sich vor sich selbst zu entschuldigen wüßte ; ich fühlte , daß ich dieses unbekannte , reizende Wesen liebe , und wie leicht entschuldigt Liebe ! und weil ich sie liebte , haßte ich den begünstigten Mann . Er war ein Barbar in meinen Augen ; wie konnte er die Geliebte so grausam behandeln ; wie durfte er , wenn er sie wahrhaft liebte , an ihrer Tugend zweifeln , und wer , der jemals in dieses treue , seelenvolle Auge gesehen , wer konnte an der Reinheit dieses Engels zweifeln ? Am Morgen nach dieser Begebenheit bekam ich einen italienischen , schlechtgeschriebenen Brief , er enthielt die Bitte einer Signora Maria Campoco dem Überbringer des Briefes in ihr Haus zu folgen , wo sie mir etwas Wichtiges zu sagen habe . Ich kannte keine Dame dieses Namens , ich fragte den Diener nach der Straße , er nannte mir eine , von welcher ich nie gehört hatte . Eine Ahnung sagte mir übrigens , dieser Brief könnte mit meinem Abenteuer von gestern zusammenhängen ; ich entschloß mich zu folgen . Der Diener führte mich durch viele Straßen in eine Gegend der Stadt , die mir völlig unbekannt war . Er beugte endlich in eine kleine Seitenstraße , ein Brunnen , eine Madonna von Stein fiel mir ins Auge , es war kein Zweifel , ich befand mich an dem Haus , wohin ich Luisen aus den Lamentationen begleitet hatte . Es war ein kleines unscheinbares Haus , dessen Türe der Diener aufschloß ; über einen finstern Gang , eine noch dunklere Treppe , brachte er mich in ein Zimmer , dessen Eleganz nicht mit dem übrigen Ansehen des Hauses übereinstimmte . Nachdem ich eine Weile gewartet hatte , erscholl das Klaffen vieler Hunde , die Türe öffnete sich - aber nicht meine Schöne , sondern eine kleine , wohlbeleibte , ältliche Frau trat , umgeben von einer Schar kleiner Hunde , ins Zimmer . Es dauerte ziemlich lange , bis Tasso , Ariosto , Dante , Alfieri und wie die Kläffer alle hießen , über den Anblick eines fremden Mannes beruhigt waren , und die kleine Dame endlich zum Wort kommen konnte . Sie sagte mir sehr höflich , sie habe mich rufen lassen , um wegen einer Angelegenheit ihrer Nichte , Luise von Palden mit mir zu sprechen . - Das Verlangen , das schöne Kind wiederzusehen , mich bei ihr selbst zu entschuldigen , gab mir eine Notlüge ein : ich fragte sie in so miserablem Italienisch , als mir nur möglich war , ob sie Französisch oder Deutsch verstehe ? Sie verneinte es , ich zuckte die Achsel und gab ihr mehr durch Zeichen als Worte zu verstehen , daß ich der italienischen Sprache durchaus nicht mächtig sei . Sie besann sich eine Weile , sagte dann , ich könne in ihrer Gegenwart mit ihrer Nichte sprechen , und entfernte sich . Wie schlug mein Herz von Erwartung , von Liebe bewegt ! Wie beschämt fühlte ich mich , in ihren Augen als ein Nichtswürdiger zu scheinen , der ihren Irrtum auf so indiskrete Art benützte ! die hündische Leibwache der Signora verkündete , daß sie nahe . Ich fühlte seit langer Zeit zum erstenmal eine Verlegenheit , ein Beben ; ich fühlte , wie ich errötete , jene Sicherheit des Benehmens , das mich jahrelang begleitet hatte , wollte mich in diesem Augenblicke verlassen . Sie kam , sie dünkte mir in dem einfachen , reizenden Negligé lieblicher als je , und ihre Verwirrung , als sie mich sah , der Unmut , den ich in ihrem Auge zu lesen glaubte , vermochte ihre Anmut nicht zu schwächen . Mein Herr ! es ist eine sehr sonderbare Begebenheit , die Sie in dieses Haus führt , sprach sie mit jenen klangvollen Tönen , die ich so gerne hörte ; Sie müssen selbst gestehen , setzte sie hinzu , aber sei es , daß die Erinnerung an jenen Abend sie zu unangenehm berührte , sei es , daß sie einem meiner Blicke begegnete , die vielleicht mehr als Ehrfurcht ausdrückten , sie schlug die Augen nieder , errötete aufs neue und schwieg . Ich faßte mich , ich suchte mich zu entschuldigen so gut es ging ; ich erzählte ihr , wie ich sie hilflos und in Ohnmacht in der Kirche gefunden , wie ich ihren Irrtum nicht habe berichtigen können , aus Furcht , sie möchte meine Begleitung ablehnen , die ihr in ihrem damaligen Zustande so notwendig war . Meine zweite Unbesonnenheit schob ich auf die Maskenfreiheit des Karnevals , ich suchte einen Scherz daraus zu machen , ich behauptete , es sei an diesem Abend erlaubt , jede Maske vorzunehmen , und so habe ich die ihres Freundes vorgenommen . Ich glaubte , sagte ich , in diesen Scherz um so eher eingehen zu dürfen , da wir Landsleute sind , und die Deutschen in Rom als Kinder einer Heimat , nur eine große Familie sein sollten . « » Eine gefährliche Verwandtschaft ! « erwiderte ich dem jungen Berliner , indem ich mich im stillen über seine jesuitische Logik freute ; » wie ? brachte die Dame nicht das Corpus juris und den - --- gegen Sie in Anwendung ? In Schwaben möchte zur Not ein solches Verwandtschaftssystem gelten , oder bei den Juden , welche Herren und Knechte , Norden und Süden unsere Leute nennen ; aber Deutschland ? bedenken Sie , daß es in zweiunddreißig Staaten geteilt ist , wo ist da ein Verwandtschaftsband möglich ? Wenn Sie sich im Himmel oder in der Hölle treffen , so heißen sie nur Österreicher , Preußen , Hechinger und fürstlich Reußische Landeskinder ! « » Luise mochte auch so denken « , fuhr er fort . » Doch nötigte ihr meine Deduktion ein Lächeln ab ; es schien ihr angenehm , über diese Punkte so leicht weggehen zu können . Sie klagte sich selbst an , diesen Irrtum veranlaßt zu haben , sie vergab , sie erlaubte mir , ihre schöne Hand zu küssen . Doch ihre Blicke wurden wieder düster . Sie sagte , wie sie nur zu deutlich bemerkt habe , daß ich tiefbeleidigt weggegangen sei , daß dieser Streit noch eine gefährliche Folge haben könne . Ihr Auge füllte sich mit Tränen , als sie dies sagte . Sie beschwor mich , ihrem Freund zu vergeben , sie suchte ihn zu entschuldigen , ihn , der sie selbst so tief beleidigt hatte , sie sprach mit so zärtlicher Wärme für den Mann , der so ganz vergessen hatte , daß die wahre Liebe glauben und vertrauen müsse , der so niedrig war , dieser reinen Seele gegenüber gemeine Eifersucht zu zeigen . Ich wäre glücklich , selig gewesen , hätte dieses Mädchen so von mir gesprochen ! Ich fragte sie , ob sie in seinem Auftrag mir dieses sage ? Sie war betreten , sie antwortete , daß sie gewiß wisse , daß es ihm leid sei , mir jene Worte gesagt zu haben ; ich versprach , wenn er mir dies selbst sagen werde , nicht mehr an die Sache zu denken . Wie heiter war sie jetzt , sie scherzte über ihren Irrtum , sie verglich meine Züge mit denen ihres Freundes , sie glaubte große Ähnlichkeit zu finden , und doch schien es ihr unbegreiflich , wie sie nicht an meinen Augen , meiner Stimme , an meinem ganzen Wesen ihren Mißgriff erkannt habe . Sie rief ihrer Tante zu , daß sie ihren Zweck vollkommen erreicht habe . Signora Campoco , die während der ganzen Szene am Fenster gesessen , und bald die Leute auf der Straße , bald ihre Hündchen , bald uns betrachtet hatte , kam freundlich zu mir , dankte für meine Gefälligkeit , ihr Haus besucht zu haben , und bemerkte : sie hätte nie geglaubt , daß unsere barbarische Sprache so wohltönend gesprochen werden könne . Sie sehen , ich hatte jetzt nichts mehr in diesem Hause zu tun ; so gerne ich noch ein Stündchen mit Fräulein von Palden geplaudert hätte , so neugierig ich war , ihre Verhältnisse in Deutschland und ihre Lage in Rom zu erfahren - der Anstand forderte , daß ich Abschied nahm , mit dem unglücklichen Gefühle Abschied nahm , diese Schwelle nie mehr betreten zu können . Signora , sie hätte sich vielleicht gekreuzt , hätte sie gewußt , daß ein Ketzer vor ihr stehe , Signora empfahl mich der Gnade der Heil . Jungfrau , und Luise reichte mir traulich die Hand zum Scheiden . Ich fragte sie noch , wie der Herr heiße , mit welchem ich das Glück gehabt habe , verwechselt zu werden . Sie errötete und sagte : Er will zwar hier nicht bekannt sein und so zurückgezogen als möglich leben , doch warum sollte ich Ihnen seinen Namen verhehlen ? Ich möchte so gerne , daß Sie Freunde würden . Er heißt - - - - und wohnt - - - - « So , » etwas breit nach Art der lieben Jugend « hatte mir der junge Mann den weiteren Verlauf seines Abenteuers erzählt , ich hörte ihm gerne zu , obgleich nichts peinlicher für mich ist , als eine lamentable Liebesgeschichte recht lang und gehörig breit erzählen zu hören ; aber interessant war mir dabei die Art , wie er mir erzählte . Sein ausdrucksvolles Auge schien die Glut seiner Gefühle widerzustrahlen , seine Züge nahmen den Charakter düsterer Wehmut an , wenn er sich unglücklich fühlte , und ein angenehmes Lächeln erheiterte sie , wenn er mir die Reize der jungen Dame zu beschreiben suchte . Plötzlich , als er mir eben erzählte , wie er das Haus der Signora verlassen habe , drückte er meinen Arm fester und brach in einen kleinen Fluch aus . » So muß der Teufel diesen Pfaffen doch überall haben « , rief er und wandte sich unmutig um . Ich war erstaunt , welchen Pfaffen sollte ich denn überall haben ? Ich fragte ihn , was ihn so aufbringen könne . » Sehen Sie nicht hin , sonst müssen wir grüßen « , gab er mir zur Antwort , » ich kann ihn nicht ansehen , den Jesuiten . « Ich stellte mich , als befolge ich treulich seinen Befehl , doch konnte ich nicht umhin , einen Seitenblick in die Straße zu werfen , und sah wirklich ein höchst ergötzliches Schauspiel . Die Straße herauf kam ein hoher Prälat der Kirche , der Kardinal Rocco , ein Mann , der schon längst als einer der zweiten Klasse mit dem Prädikat » gut « auf meinen Tafeln verzeichnet ist . Eine große majestätische Gestalt voll stolzer Würde ; sein weißes Haar , von einem einfachen roten Käppchen bedeckt , stach sonderbar ab gegen ein Gesicht , das man eigentlich reich nennen könnte . Gewölbte Brauen , große Augen , eine Adlernase , die Unterlippe etwas übermütig gezogen , das Kinn und die Wangen voll und kräftig . Über das rollende Untergewand trug er einen Talar , dessen eines Ende er in malerischen Falten über den Arm gelegt hatte ; das andere Ende hielt in einiger Entfernung hinter ihm herschleichend sein Diener , ebenfalls ein Mönch , ein dürres bleiches Geschöpf , dessen tückische Augen nach allen Seiten spähten , ob seine Eminenz von den Gläubigen ehrfurchtsvoll , wie es sich gebührt , begrüßt werden . Der Gang des Kardinals war der Gang eines Siegers , und eine solche Erscheinung in diesen Straßen erinnerte nur zu leicht an die Senatoren der » Ewigen Stadt . « » Sehen Sie , wie er hingeht , dieser Pharisäer « , flüsterte der junge Mann mit den Zähnen knirschend . » Sehen Sie , wie der Pöbel sich zum Handkuß drängt , mit welcher Würde , mit welcher Grazie er seinen Segen erteilt . Theaterpossen ! wenn diese Leute wüßten , was ich von ihm weiß , sie würden diesem Pharisäer , diesem Verfälscher des Gesetzes die Insignien seiner Würde vom Leibe reißen , oder sie wären wert , von einem Türken beherrscht zu werden . « » Was bringt Sie so auf ! verehrter Freund ? Wer ist dieser Ehrenmann ? was hat er Ihnen zuleid getan ? hängt er mit Ihren Abenteuern zusammen ? « Ich mußte lange fragen , bis er mich hörte , denn er schaute mit durchbohrenden Blicken der Eminenz nach , und murmelte Verwünschungen wie ein Zauberer . » Ob ich ihn kenne ? ob er mir etwas zuleide getan ? Oh ! dieser Mensch hat ein Leben vergiftet , ein Herz zu Boden getreten , das - doch Sie werden mehr von ihm hören ; es ist der Kardinal Rocco , der Satan ist nicht schwärzer als er ; mit seinem roten Hut deckt er alle Sünden zu , aber trotzdem , daß er geweiht ist , wird ihn dennoch der Teufel holen ! « Da hat es gute Wege , dachte ich ; Nro . 2 , gute Sorte ! doch was konnte dieser Berliner gegen Rocco haben ; unmöglich konnte ich glauben , daß sein Protestantismus so tief gehe , daß er jeden , der violette Strümpfe trug , in die Hölle wünschen mußte . Er hatte sich wieder gesammelt : » Vergeben Sie diese Hitze , Sie werden mir einst recht geben , so zu urteilen , wenn ich Sie erst mit dem Treiben dieser Menschen bekannt mache . Doch jetzt noch einiges zum Verständnis meines Abenteuers . Die Geschichte mit - - - war bald abgetan . Er schickte einen Franzosen zu mir , der mir erklärte , daß jener sich in mir geirrt habe und um Verzeihung bitte . Durch ihn erfuhr ich auch , daß Luisens Geliebter früher Offizier , und zwar in .... schen Diensten gewesen sei . Um diese Zeit kam die Schwester des sächsischen Gesandten nach Rom , sich einige Zeit mit ihrer Familie bei ihrem Bruder aufzuhalten . Ich war am ersten Abend ihres Aufenthaltes zufällig zugegen , und - stellen Sie sich einmal mein Erstaunen vor , als ich hörte , wie sie eine andere Dame fragte , ob nicht ein Fräulein von Palden hier lebe ? Ich wandte mich unwillkürlich ab , um nicht dem ganzen Kreise mein Erröten , mein Entzücken zu zeigen ; es war mir etwas so Neues , so Schönes , Luisens Namen aus einem fremden Munde zu hören . Jedoch keine der anwesenden Damen wollte von ihr wissen , und ich fühlte mich nicht berufen , unaufgefordert mein Geheimnis mitzuteilen . Deutsche , besonders Frauen pflegen immer großen Anteil an Landsleuten zu nehmen ; es konnte daher nicht anders sein , als daß man seine Verwunderung laut darüber aussprach , daß ein deutsches Fräulein in Rom lebe , die auch keinem von allen bekannt sein sollte ? Wer ist sie ? ist sie schön ? wie kommt sie nach Rom ? fragte man einstimmig , und wie lauschte ich , wie pochte mein Herz , endlich über das interessante Wesen etwas zu hören . Sie erzählte , wie sie in ... th Luisen kennengelernt , die damals durch ihr schönes Äußere , durch ihre Liebenswürdigkeit , ihren Verstand die ganze Stadt beschäftigt , ihre näheren Bekannten bezaubert habe . Um so auffallender sei auf einmal ein Liebeshandel gewesen , der sich zwischen einem Offizier , einem bürgerlichen Subjekt , und der Tochter des Geheimen Rats Palden entspann . Dieser Mensch habe außer seiner schönen Figur und einem blühenden Gesicht keine Vorzüge , nicht einmal gute Sitten gehabt . Dem Vater sei diese Geschichte zu ernstlich geworden , er habe den Offizier zu einem Regiment zu versetzen gewußt , das mit einem Teil der französischen Armee nach Spanien bestimmt war . Man habe sich in .... th allgemein gefreut über die Art , wie sich Fräulein Palden in diese Wendung fügte ; doch bald erfuhr man , daß die Verbindung mit dem Offizier nichts weniger als abgebrochen sei , sondern durch Armeekuriere und dergleichen , Briefe gewechselt werden . Es vergingen so beinahe zwei Jahre . Die Armee kehrte zurück , doch nicht mit ihr jener Offizier . Man sagte in Gesellschaften und in Luisens Nähe , er sei wegen einer Ehrensache aus dem Dienst getreten . Seine Kameraden schwiegen hartnäckig hierüber , doch gab es einige Stimmen im Publikum , die von einer vorteilhaften Heirat , andere , die von einer Entführung oder von beiden sprachen , kurz man bemerkte , daß Herr v .... , so hieß der Offizier , seiner Dame ungetreu geworden sei . Um diese Zeit starb der alte Herr von Palden . Seine erste Frau war eine Römerin , das Fräulein entschloß sich auf einmal , zu großer Verwunderung der Stadt .... th zu ihren Verwandten nach Rom zu ziehen . So viel wußte die Schwester des Gesandten von Luisen . Es war mir genug , um ihr Verhältnis zu ..... ganz in der Ordnung zu finden , nur war es mir unbegreiflich , was ihn bewogen haben könnte , nach Rom zu gehen ? oder kam er erst nach ihr hieher ? und warum heiraten sie sich nicht , da doch ihre Hand jetzt frei und von niemand abhängig ist ? Ich quälte mich mit diesen Gedanken . Ich hätte so gerne mehr und immer mehr von dem holden Kind erfahren ; ich fühlte lebhaft den Wunsch , sie wiederzusehen , zu sprechen ; ich wollte ja nicht geliebt werden , nur sehen , nur lieben wollte ich sie . Da fiel mir bei , wie ich dies so leicht möglich machen könnte . Ich durfte ja nur der Schwester des Gesandten sagen , wo sich Luise aufhalte , und dann konnte ich gewiß sein , sie schon in den nächsten Tagen im Hotel des Gesandten zu sehen . Ich tat dies , und mein Wunsch wurde erfüllt . « Ein Bekannter des Herrn von S. gesellte sich hier zu uns und unterbrach zu meinem großen Ärger die Erzählung . Ich machte noch einige Gänge mit ihnen unter den Arkaden ; als ich aber sah , daß der Bekannte sich nicht entfernen wolle , fragte ich den Berliner nach seiner Wohnung , und ging , mit dem Vorsatz , ihn am nächsten Morgen zu besuchen . Ich muß gestehen , ich fing an , die Geschichte des jungen Mannes weniger anziehend zu finden , weil sie mir in eine gewöhnliche Liebesgeschichte auszuarten schien . Doch zwei Umstände waren es , die mir von neuem wieder Interesse einflößten , und mich bestimmten seine Abenteuer zu hören . Ich erinnerte mich nämlich , wie überraschend sein Anblick , sein ganzes Wesen in Berlin auf mich gewirkt hatten . Es war nicht der gewöhnliche Kummer der Liebe , wie er sich bei jedem Amoroso vom Mühlendamm ausspricht , es war ein Gram , ein tieferes Leiden , das mir um so anziehender dünkte , als es nur ganz unmerklich und leise durch jene Hülle schimmerte , womit die gesellschaftlichen Formen die weinende Seele umgeben . Er schien ein Unglück zu kennen , zu teilen , das ihn unausgesetzt beschäftigte , zu welchem ihn die Erinnerung sogar mitten in einem ästhetischen Tee rettungsvoll zurückführte . Das zweite , was mich zu dem jungen Mann und seinem Abenteuer zog , war die Szene , die ich morgens vor der Peterskirche beobachtet hatte . Ich hatte dort bemerkt , daß er sie mit Sehnsucht erwarte ; sie war gekommen , aber es schien kein fröhliches Zusammentreffen . Sie schien ihn etwas mit ihren Blicken zu fragen , das er nicht beantworten , sie schien etwas zu verlangen , das er nicht erfüllen konnte ; wie schwer mußte es ihm werden , in der Ferne zu stehen , und dem holden Mädchen durch keine Silbe zu antworten , er ließ sie gehen wie sie gekommen : aber dann sandte er ihr Blicke voll zärtlicher Liebe nach . Warum sagte er ihr nicht auf der Stelle , wie er sie liebe ? Welche Gewalt mußte sie über ihn ausüben , um ihn in diese engen Schranken einer beinahe blöden Bescheidenheit zurückzuweisen ? Wieviel es sie koste , sah ich an ihrem Auge , in welchem eine Träne perlte , als sie weiterging . Diese Fragen drängten sich mir auf , als ich über den jungen Mann und die rätselhafte Dame nachdachte . Wo nicht ein blindes Fatum waltet , und ein Uhrwerk die Gedanken der Sterblichen treibt , da lernt keiner aus , sei er Gott oder Teufel , wohl sagt der Mensch , der kleinlich nur auf die Resultate seiner Geschichte sieht : » Es wiederholt sich alles im Leben . « Aber wie es sich wiederhole , wie der endliche Geist in seiner kurzen Spanne Zeit wächst und ringt und strebt , und gegen die alte Notwendigkeit ankämpft , das ist ein Schauspiel , das sich täglich mit ewig neuem Reize wiederholt ; und das Auge , das von Weltintrigen gesättigt , vom Anschauen der Kämpfe großer Massen ermüdet ist , senkt sich gerne abwärts zum kleineren Treiben des einzelnen . Drum möge es keinem jener verehrlichen Leute , für die ich meine Memoiren niederschreibe , kleinlich dünken , daß ich in Rom , wo so unendlich viel Stoff zur Intrige , ein so großer Raum zu einem diabolischen Festtagsspiel ist , mit einer Liebeshistorie mich befasse - . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . ! Am Abend dieses Tages fuhr ich mit einigen griechischen Kaufleuten auf der Tiber . Wir hatten eine der größeren Barken bestiegen , und die freien Sitze des Vorderteils eingenommen , weil das Zelt in der Mitte , wie uns die Schiffer sagten , schon besetzt war . Der Abend war schwül und wirkte selbst mitten im Fluß so drückend und ermattend auf diese Menschen , daß unser Gespräch nach und nach verstummte . Ich vernahm jetzt ein halblautes Reden und Streiten im Innern des Zeltes , ich setzte mich ganz nahe hin und lauschte . Es waren zwei Männer und eine Frau , soviel ich aus ihren Stimmen schließen konnte . Sie sprachen aber etwas verwirrt und gebrochen ; der eine hatte gutes , wohltönendes Italienisch , er sprach langsam und mit vieler Salbung , die Dame mischte unter sechs italienische Worte immer zwei spanische und ein französisches ; der andere Mann , der wenig , aber schnell und mit Leidenschaft sprach , hatte jene murmelnde , undeutliche Aussprache , an welcher man in Italien sogleich den Deutschen oder Engländer erkennt . Ein kleiner Riß in der Gardine des Zeltes ließ mich die kleine Gesellschaft überschauen ; und o Wunder ! jene salbungsvolle Rede entströmte dem Kardinal Rocco ! Ihm gegenüber saß eine Dame , schon über die erste Blüte hinaus , aber noch immer schön zu nennen . Ihre beweglichen schwarzen Augen , ihre vollen roten Lippen , ihr etwas nachlässiges Kostüm , dessen Schuld der schwüle Abend tragen mußte , zeigten , daß sie mit den ersten Dreißig die Lust zum Leben noch nicht verloren habe . An ihrer Seite glaubte ich auf den ersten , flüchtigen Anblick Otto von S. zu erkennen . Doch die Züge des Mannes im Zelte waren düsterer , sein Auge blickte nicht so offen und frei , wie das des Berliners - ich war keinen Augenblick im Zweifel , es mußte sein verkörperter Doppelgänger , .... sein . Aber wie ! Die Dame war nicht Luise von Palden ; durfte dieser Mann so traulich neben einer andern sitzen , ohne dieselbe Schuld wirklich zu tragen , die er der Geliebten aufbürden wollte ? » Gilt dir denn meine Liebe , meine Zärtlichkeit gar nichts ? « hörte ich die Dame sagen ; » nichts meine Aufopferung , nichts meine Leiden , nichts meine Schande , der ich mich um deinetwillen aussetzte ? Ein Wort , ein einziges Wort kann uns glücklich machen . Du sagst immer morgen , morgen ! Es ist jetzt Abend , warum willst du morgen doch wieder nicht ? « » Mein Sohn ! « sprach der Kardinal ; » ich will nichts davon sagen , daß Euer langes Zögern , Eure fortwährende Weigerung , für unsere heilige Kirche Beleidigung ist . Ich weiß zwar wohl , nicht Ihr seid es , der diese Zögerungen verschuldet ; der Teufel , der leibhaftige Satan spricht aus Euch ; es ist das letzte Zucken Eurer ketzerischen Irrtümer , was Euch die Wahrheit nicht sehen läßt ; aber beim heiligen Kreuz , den Nägeln und der heiligen Erde beschwöre ich Euch , folget mir ; lasset Euch aufnehmen in den heiligen Schoß der Kirche , zur Verherrlichung Gottes . « Ha ! dachte ich , den haben sie gerade recht in den Krallen . Ein schönes Weib , ein Kardinal Rocco , und ein paar Gewissensbisse , wie der Herr im Zelte zu haben schien . - Da kann es nicht fehlen ! - Er seufzte , er blickte bald die Dame , bald den Priester mit unmutigen Blicken an . » Ich will ja alles tun , ins Teufels Namen , alles tun « , sagte er , » mein Leben ist ohnedies schon verschuldet und vergiftet , aber wozu diese sonderbare Prozedur ? Warum soll ich vor der Welt zum Narren werden , um die Ehre von Donna Ines wiederherzustellen ? « » Mein Sohn , mein Sohn ! wie frevelt Ihr ! zum Narren werden , sagt Ihr ? oh ! Ihr verstockter Ketzer , ihr alle seid von eurer Taufe an , wo der Satan zu Gevatter steht , Renegaten , Abtrünnige ! Es ist also nur eine Rückkehr ; kein Übertritt , keine Ableugnung eines früheren Glaubens . Ihr hattet ja vorher keinen Glauben ; Ihr werdet doch nicht die Ketzerei so nennen wollen , die der Erzketzer in Wittenberg aus den Fetzen , die er dem Heiligtum gestohlen , zusammenstückelte ? « » Lasset mich , Eminenz ! es ist einmal gegen meine Überzeugung ; ich müßte mich ja vor ganz Deutschland schämen . « » O verstockter Ketzer ! Schämen , sagt Ihr ? hat sich der liebe Mann , der Herr von Haller , auch geschämt ? Schämen ! wie ein Heiliger würdet Ihr