kam zurück ins Vaterland ; vor allem eilte er mich wieder in meiner Einsamkeit aufzusuchen , und wir feierten zum zweitenmal mit entzückender , wenn gleich wehmüthiger Freude , das Fest des Wiedersehens . Dann zog er wieder fort , hinaus in die wildbewegte Welt , um ihr Treiben mit eigenen Augen und in der Nähe zu beobachten . Der trügerische Schimmer ächter Freiheit und hoher Bürgertugend , den anfangs die Revolution um sich verbreitete , hatte bei ihrem ersten Erscheinen die edelste Jugend aller Länder verblendet , und auch Bernhard fühlte sich in der Ferne vom allgemeinen Taumel ergriffen ; doch in der Nähe verschwand das Truggebilde gar bald , vor dem richtigen Scharfblick , mit dem die Natur ihn reichlich begabt hatte . Die verbündeten Mächte standen jezt auf , um mit vereinter Kraft die vielköpfige Hyder der wildesten Anarchie in der Geburt zu ersticken , und auch mein Freund gesellte ihrem Heere sich zu , und theilte mit edlen Genossen alles Unheil jener trüben verhängnißvollen Zeit . Tief betrübt eilte er nach dem so traurig beendeten Feldzuge zu mir zurück . Er suchte und fand Trost und Beruhigung bei mir , dem einzigen Wesen dem er in der Welt noch angehörte ; dann wandte er sich wieder ab , um in einen ausgebreiteteren Wirkungskreis zu treten , den die Gnade eines großen Monarchen ihm bot , welchem er wärend jenes merkwürdigen Krieges glücklich genug gewesen war , näher bekannt zu werden . Seine Ordenspflicht , wenn gleich nicht sein Gelübde , wurden in der Zeit so gut wie vernichtet oder doch aufgehoben , denn auch Maltha fiel durch Feigheit und schändlichen Verrath in die Hände der allgemeinen Welträuber . Völlig frei von dieser Seite begann jezt Bernhard ein sehr bedeutendes , ich darf wohl sagen , ein gewaltiges großes Leben zu führen , zu dessen Förderung er seine vielfachen Verbindungen mit ausgezeichneten und mächtigen Zeitgenossen sehr glücklich zu benutzen wußte . Uebrigens bahnten auch sein Geist , seine wissenschaftliche Bildung , seine Lebenserfahrung , das Einnehmende seiner persönlichen Erscheinung überall ihm den Weg . Auch in meiner äußern Lage war indessen eine bedeutende Veränderung vorgegangen . Nach langem Kampfe endlich von seinen irdischen schmerzlichen Banden entfesselt , hatte der edle reine Geist meiner Freundin der ewigen Heimath sich zugeschwungen . Seit Jahren mußte ich unter ihrer Aufsicht alle Pflichten , die ihr als Pröbstin des Stiftes oblagen , für sie verwalten , indem ihre große Kränklichkeit ihr nicht mehr erlaubte , dies selbst zu thun . Gegen mein Erwarten und ohne mein Zuthun , ward ich nach ihrem Tode erwählt , als ihre Nachfolgerin ganz an ihre Stelle zu treten und der mir dadurch zufallende Antheil an der Verwaltung der dem Stift angehörenden weitläuftigen Güter , öffnete mir ein weites Feld zur Uebung aller meiner geistigen Kraft , und bot mir tausendfache Gelegenheit , Gutes zu wirken . Mein Freund lebte indessen als auswärtiger Gesandte seines Monarchen , abwechselnd an mehreren , zum Theil weit entfernten Höfen , und der blendende Glanz der ihn in seinem jezigen Wirkungskreis umgab , verhüllte ihn mir oft . Doch immer blieb er mein auch in der Ferne , immer war ich , und nur ich , die Vertraute seiner Pläne , seiner Ansichten , seiner Handlungen , ich darf sagen jedes Gedankens seiner Seele , und zuweilen gelang es mir sogar durch meinen Rath sowohl als auch auf andere Weise ihm nüzlich zu werden . Die stete , mitunter thätige Theilnahme an Dingen , die gewöhnlich weit außer dem Bereich des Frauenkreises liegen , gab mir mit der Zeit eine bei meinem Geschlechte ungewöhnliche Festigkeit des Sinnes , und eine ganz andre Art von Bildung , als es die meiner Umgebungen war . Mit meiner innern Kraft wuchs auch meine Gewalt über das Gemüth der meisten die mit mir in irgend eine Art von Berührung kamen ; ich führte ein sehr thätiges Leben , das den heilsamsten Einfluß auf meine Gesundheit hatte , und ich darf sagen , ich habe in der langen Zeit manches Gute zu Stande gebracht . Und warum sollte ich es nicht auch euch gestehen , daß ich Viele und zu ihrem Besten beherrscht habe , die angezogen von meiner Art das Leben zu nehmen sich vertrauungsvoll mir ergaben ? Doch mein Freund bewahrte mich vor jedem Uebermuth , denn ich war und blieb stets nur das Echo seines Wesens wie seines Lebens . Nach einigen Jahren kehrte Bernhard aus dem Auslande zurück , um in der Nähe des Monarchen dem er diente , eine sehr bedeutende Stelle zu bekleiden . Wir sahen uns wieder , wir trennten uns von neuem und kehrten wieder zu einander zurück , oft und vielfach im Laufe des Lebens ; doch immer fanden wir einander in unveränderter alter Treue wieder , genau so wie wir uns verlassen hatten . Auch brachte ich jezt zuweilen mehrere Monate in Bernhards glänzender Nähe zu , wenn seine Geschäfte ihm nicht erlaubten , mich zur gewohnten Zeit in meiner Einsamkeit aufzusuchen . Bernhard war jezt wieder reich , es lag in seiner Gewalt sein Gelübde lösen zu lassen , um mir für den Rest unsers Lebens die Hand zu bieten , und gerne hätte er auch vor der Welt bekannt , daß sein Dasein in allem Wechsel seines Geschicks stets einzig mir geweiht gewesen sei . Doch wir beide waren indessen alt geworden ; es fehlte uns der Muth zu einem raschen Entschluß , und eine seltsame Scheu , von welcher keines von uns sich genaue Rechenschaft abzulegen vermochte , hinderte uns an unserm so lange bestandnen , so lange uns beglückenden Verhältniß , etwas abzuändern . So vergieng uns wieder ein Jahr nach dem andern , indessen hätten wir wahrscheinlich doch noch dem bei jeder neuen Trennung lebhafter gefühlten Wunsch nachgegeben , in ungestörtem Beisammensein das Ende unsrer Tage vereint abzuwarten - da trat der Tod zwischen uns . Bernhard starb ferne von mir , in der Schweiz , wohin Geschäfte seines Herrn ihn gerufen hatten . Mein tiefer Schmerz zog mich hin an sein Grab , dort fand ich Thränen und in diesen die erste Erleichterung für meine im bittersten Weh erstarrte Brust . Der Anblick der unbeschreiblich großen Natur in jenem wundervollen Lande , löste zuerst das eiserne Band , welches mir bis zum Erdrücken das Herz zusammenpreßte , und ich glaubte unaufhaltsam mein Leben auf dem Hügel ausweinen zu müssen , der die geliebte Gestalt mir auf immer entzog . Mein erstarrtes Herz ward wieder weich , mein Auge hob sich wieder fromm hoffend mit Ergebung , zu dem Allwaltenden hinauf , der dort auf seinen ewigen Bergen im riesengroßen Bilde der Natur sich den Sterblichen näher offenbaret . Ich blieb lange genug in der Schweiz , um noch Bernhards Todestag an seinem Grabe zu feiern ; das sind nun acht Jahre - eben heute . « Vite ! vite mes enfans , geschwinde ans Fenster ! Ciel de Dieu quel train ! rief Mamsell Virnot , indem sie den Kopf zur halbgeöffneten Thüre des Wohnzimmers hinein steckte , ihn aber auch sogleich wieder zurückzog und davon eilte . Babet und Agathe saßen eben ganz allein am Kamin , mit ihrer Näharbeit emsig beschäftigt . Agathe nach ihrer hastigen Art , warf im Aufspringen den großen Stickrahmen über den Haufen , verwickelte sich in die Fäden der weit über den Fußboden sich verbreitenden Seidenrollen , zerriß alles ohne sich weiter darum zu kümmern , und eilte das Fenster aufzumachen ; denn der immer näher schmetternde Klang vieler unter einander wetteifernder Posthörner lockte sie unwiederstehlich . Auch Babet gesellte sich zu ihr , und beide Mädchen sahen nun mit fröhlicher Neubegier und weit vorgestrecktem Halse dem nahenden Zuge von Reisenden in gespannter Erwartung entgegen . » Fenster zu ! « donnerte Herr Kleeborn , der eben ins Zimmer trat . » Seid ihr von Sinnen , bei dieser Kälte ? wollt ihr die Straße heitzen ? und da liegen auch alle eure Siebensachen auf dem Fußboden umher ! Das ist mir eine feine Wirthschaft . « » Ach Onkelchen , « rief Babet , ohne den Kopf nach ihm umzuwenden , » machen Sie nur geschwinde die Thüre zu , damit es nicht so gräßlich zieht . « » Und schelten Sie nicht so , « sezte Agathe hinzu , indem sie lächelnd ihm winkte . » Kommen Sie lieber selbst und helfen uns zusehen , es langen Bereuter an ! « » Warum nicht gar Bereuter , « sprach Babet mit verächtlichem Achselzucken , » die werden auch im Hotel d ' Angleterre logiren ! Vornehme Herrschaften sind ' s ! « Der durch das Geplapper der Mädchen wirklich selbst schaulustig gewordne Onkel trat indessen hinter sie , um selbst über ihre Köpfe wegzusehen , und auch die Tante , mit Vicktorinen und Angelika , die Herrn Kleeborn ins Zimmer gefolgt waren , ließen von dem zunehmenden Getöse auf der Straße sich in das zweite Fenster locken . Sie erblickten das ganze dem Kleebornschen Hause schräge gegenüber liegende Hotel d ' Angleterre in der allergeschäftigsten Bewegung . Von dem Heere seiner Kellner umgeben , stand sogar der sonst sehr vornehm gesinnte Gastwirth in der dritten Posizion vor der Thüre seines Hauses , zu den allertiefsten Bücklingen bereit , und das sämmtliche Personal schaute mit erwartungsvollen Gesichtern nach der Seite der Straße hin , von wo der Klang der Posthörner immer lauter und lustiger näher kam . Zur Freude der zahlreich versammelten Straßenjugend führte ein eben vom Pferde gestiegener fantastisch bunt gekleideter Jokey sein dampfendes Thier mit der größten Gelassenheit in der engen volkreichen Straße auf und ab , um es verkühlen zu lassen , während die Hausknechte sich gewaltig abarbeiteten , um einen mit vier Postpferden bespannten , und mit allerlei wunderlich geformten Koffern und Mantelsäcken hochbeladnen Packwagen in die Remise zu schaffen . Dieser Packwagen schien augenscheinlich zu einem sehr eleganten ebenfalls vierspännigen Reisewagen zu gehören , der durch dessen Entfernung erst Platz gewann , vor dem Hotel anzufahren . Zwei junge elegant gekleidete Männer saßen darin , hinten auf einem zu diesem Zweck eingerichteten bequemen Sitz ein Bedienter , vorn auf dem Bock ein glänzender Jäger und ein in grellen Farben geputzter Negerknabe . » Das sind sie , « flüsterten die Mädchen einander zu , und stießen sich nur mit dem Ellenbogen an , ohne einander anzusehen ; denn die Fremden , denen der Wirth selbst in tiefster Unterthänigkeit aus dem Wagen half , nahmen alle ihre Aufmerksamkeit in Beschlag . » Ce sont des Mylords anglais , « rief die alte Virnot von unten zum Fenster hinauf , denn auch sie hatte sich von der Neugier in die Hausthüre locken lassen . » Ein junger reisender Prinz oder Graf mit seinem Hofmeister , « sprach hingegen Herr Kleeborn mit großer Zuversicht und war schon im Begriff die Mädchen vom Fenster wegzujagen und dieses zuzumachen ; doch unterließ er es noch einstweilen , da er zu seiner Verwunderung gewahr ward , daß die eben ausgestiegnen Fremden sich nicht ins Haus führen ließen , sondern nebst dem Wirth , den Kellnern und den Bedienten vor demselben stehen blieben , als ob sie auf noch jemanden warten müßten . Zugleich ragten in einiger Entfernung mehrere Pferdeköpfe und Reuter über die zahlreichen Häupter der Zuschauer empor , die im Vorbeigehen , wie das bei solchen Gelegenheiten in großen und in kleinen Städten immer geschieht , auf der Straße stehen geblieben waren . » Höre der Rechte kommt noch , glaube ich , « flüsterte Babet Agathen zu , » wohl gar ein König , und das sind nur seine Minister . « » Ach laß mich ! « erwiederte Agathe , » sieh lieber auf die Pferde , die dort kommen . Die haben ordentlich Mützen mit Ohren auf , und Ueberröcke an , und rothe Brillen auf der Nase . « » Gewiß sind ' s am Ende doch Bereuter , « jubelte die Kleine , und klatschte vor Freuden in die Hände . » Das wäre nun ganz herrlich ! es sind so lange keine da gewesen . « Drei in grauen roth verbrämten Ueberzügen von oben bis unten dicht verhüllte Pferde nahten jetzt von zwei reitenden Stallbedienten geführt , ein stattlicher in einem modernen dunkelfarbigen Ueberrock gekleideter Mann ritt nebenher . » Siehst du , daß ich Recht habe ? « frohlockte Agathe , » das ist der Herr der Truppe , und dort im letzten Wagen sitzen wohl die Damen , die zu ihr gehören . Nicht wahr , Onkelchen , es sind Bereuter ? « fragte sie , indem sie sich diesem lächelnd zuwendete . » Fast sieht es mir selbst so aus , « erwiederte Kleeborn . » Dann ist es wahrscheinlich Tourniaire , der Mann ist reich , wie man sagt , aber wundern thut es mich doch , daß er hier im ersten Hotel der Stadt absteigt , mit all ' den Leuten und Pferden . Das wird ein schönes Geld kosten . « » Nun ? wer hat nun Recht ? « rief jetzt Babet , und bog sich so weit als möglich zum Fenster hinaus . » Wo siehst Du Damen ? Der König oder der Prinz kommt dort erst selbst in dem wunderschönen großen Wagen . « » Nein , es ist eine Dame in Herrenkleidern , eiferte Agathe , die Bereuterinnen reisen immer so ; Du siehst es ja , sie hat den Hund bei sich , und den Affen ; die sollen gewiß im Feuerwerk ihre Künste machen , wie ich das in der Zeitung beschrieben gelesen habe . Die zahmen Hirsche sehe ich noch nicht , die kommen gewiß noch nach , mit dem Uebrigen . Allerliebster bester Onkel , den ersten Tag , wenn die Leute spielen , müssen wir hin ! und wie glücklich ! nun sehen wir sie alle Tage zweimal mit Musik Parade reiten , wenn sie ausziehen , und wenn sie wiederkommen . « Langsam , wegen der ziemlich engen mit Fußgängern erfüllten Straße , obgleich mit sechs Postpferden bespannt , nahte jetzt ein wirklich sehr schöner zurückgeschlagener Landauer Wagen , ohne alle Bedienten darauf . Ein einziger junger Mann saß oder lag vielmehr in der allernachlässigsten Stellung in einer Ecke desselben so bequem hingestreckt , als befände er sich zu Hause auf seinem Sofa . Ein prächtiger Pelz von sonderbarem Schnitt verhüllte ihn bis an die Ohren , und eine grüne Staubbrille , die er trug , lieh seinem blassen , doch nicht unangenehmen Gesicht etwas grauenhaft-gespensterartiges ; dabei studirte er mit der größten Aufmerksamkeit ein Zeitungsblatt , das er in der Hand hielt , ohne nur einmal den Blick davon zu wenden . Neben ihm hatte ein großer schöner getiegerter Hund seinen Platz , und indem dieser die Vorderpfoten auf die Schultern seines Herrn gelegt hatte , kuckte er so emsig und ehrbar mit in die Zeitung hinein , als ob er etwas davon verstände . Auf dem Rücksitz des Wagens stand ein zierliches mit vergoldetem Gitterwerk geschmücktes Häuschen , doch sein an einer langen Kette in demselben befestigter Bewohner , ein kleiner langgeschwänzter Affe , saß oben auf dem Dache seiner Wohnung , wies den mit lautem Jubel den Wagen umschwärmenden Straßenbuben die Zähne , und warf ihnen alle Ueberbleibsel seiner unterweges gehaltnen Mahlzeiten an die Köpfe , ohne daß sich sein Herr dadurch im mindesten in der Lektüre stören lies , bis der Wagen vor dem Hotel d ' Angleterre hielt . Langsam , als erwache er eben vom süßen Schlummer , stieg der Reisende jetzt aus dem Wagen , pfiff seinem Hunde , der ihm auf den Fersen nachfolgte , winkte dem Neger , ihm den Affen nachzutragen , und ging mit stolzem Schritt in den Gasthof hinein , ohne den Wirth und dessen Komplimente nur eines Blickes zu würdigen . Alle folgten ihm ehrerbietigst , der Wirth , die Bedienten , die Kellner , zuletzt auch die beiden kurz zuvor angekommnen Fremden . Die Pferde wurden fortgeführt , die Zuschauer zerstreuten sich , Herr Kleeborn schloß sorgfältig das Fenster , und das ganze Schauspiel hatte einstweilen sein Ende erreicht . » Wie Du Dich nun einmal wieder blamirt hast mit Deinen Bereutern , « sprach Babet jezt zu Agathen ; » das kommt davon , daß Du immer alles besser wissen willst als andre Leute . « » Aber wer sagt uns denn gewiß , daß es keine sind , « erwiederte ziemlich kleinlaut Agathe , » es können doch noch Bereuter sein , aber recht vornehme , die gradezu aus London hergeritten kommen . » Quer über das mittelländische Meer zu Pferde ? nun Du weißt es recht , « rief spöttisch lächelnd Babet . » Stille , stille , um Gotteswillen , « sprach Herr Kleeborn dazwischen , » euer Herr Kandidat möchte auch an Deinen geografischen Kenntnissen wenig Freude haben , wenn er so Dich reden hörte . So viel ist indessen gewiß , Bereuter sind das nun einmal nicht . Sollte einer von den englischen Prinzen ? - Doch die sind ja alle viel älter . Ich weiß was ich thue , ich schicke den Johann hinüber . « Der von seinem Herrn aufs Recognosciren sogleich ausgesandte Bediente kehrte indessen erst zurück , als Kleeborn und die Seinen sich schon eine ziemliche Weile um den reich besetzten Frühstücktisch versammelt hatten , den in großen Handelsstädten das bis in den späten Abend hinausgeschobne Mittagsmahl zu einer Stunde einführte , die in andern Orten schon längst dem Nachmittage angehört . Man hatte schon lange dem Abgesandten ungeduldig entgegen gesehen , denn die Neugier plagte eigentlich den guten Onkel nicht weniger stark als seine Nichten , doch die Nachrichten , welche Johann mitbrachte , waren bei weitem nicht befriedigend . Etwas sehr vornehmes müsse es sein , so viel hatte der Wirth gesagt , weiter aber wußte dieser noch von nichts , als daß die ganze Bel-Etage seines Hauses auf mehrere Wochen in Beschlag genommen worden sei , und daß die in derselben bereits wohnenden Fremden alle über Hals und Kopf andere Zimmer beziehen müßten , was denn natürlicher Weise ohne großen Molest nicht abgehe . » Uebrigens , « erzählte Johann weiter , » übrigens gienge alles im Hotel drunter und drüber , und Koch , Kellner und Stubenmädchen liefen insgesammt mit den Köpfen gegeneinander , um die Fremden nebst ihrer Dienerschaft zu befriedigen , indem alle tausenderlei auf einmal verlangten , und jeder etwas anderes . Agathe und Babet hatten sich indessen dem Fenster wieder genähert , denn der Affe saß drüben auch auf der Fensterbank , und eine Menge Leute war aufs neue vor dem Hause versammelt , um die Grimassen des possierlichen kleinen Thieres zu belachen . » Du ! « flüsterte Agathe , indem sie halb auf den Knien , halb auf einem umgestülpten Fußschemelchen sitzend , ihren Stickrahmen wieder in Ordnung zu bringen suchte , » Du ! höre ! vielleicht ist es der König von Heidi oder wie er heißt , der die sächsische Mamsell heurathen soll , wie man sagt , und der jetzt kommt , um seine Braut abzuholen . Ach wenn er doch den Grafen Limonade oder Schokolade bei sich hätte ! « » Dummes Kind , die sind ja alle gestorben , « belehrte sie Babet . » Ach wie kann ich von allen Leuten wissen , ob sie leben oder todt sind , « erwiederte Agathe , und setzte ergrimmt einer ihr entfliehenden Seidenrolle nach . » Soviel ist gewiß , « sprach nun Babet mit großer Ueberlegung , nachdem Agathe sich wieder zu ihr gesetzt hatte , » soviel ist gewiß , der Fremde hat zuverlässig und auf jeden Fall Addressen an uns , und denn muß doch der Onkel ihm zu Ehren einen Ball geben , das ist wohl das wenigste , was er für einen solchen Herrn thun kann . « » Nun Gottlob ! « rief Agathe und klopfte freudig in die kleinen Hände , » Gottlob , dann kommt doch wieder einmal Leben ins Haus . « » Ja , « sprach Babet , » aber das sage ich Dir , den rosenfarbnen Crepon zieh ich nicht an , die lange Schmidt hat wieder gerade so ein Kleid . Mein neuer Blonden-Tüll muß dazu fertig werden und Du mußt mir dabei helfen . « » Wenn es ein Prinz wäre , so recht ein wirklicher Prinz ! « sprach Agathe sehr bedenklich ; » mein Lebtage habe ich noch keinen so recht in der Nähe gesehen . Und wenn er nun gar mit mir tanzte ! « » Freilich muß er mit uns tanzen , wir sind ja die Damen vom Hause , « verbesserte Babet sie . » Schade nur , daß mein Theodor nicht dabei ist , der käme gewiß vor Eifersucht von Sinnen , wenn er ansehen müßte , wie mir der Prinz die Cour macht ! « » Ich ängstige mich todt , wenn er mit mir tanzt , « rief Agathe , » der tanzt gewiß nichts als Françaisen , wäre nur Monsieur Michaud wieder da , daß man die Pas ein wenig einüben könnte . » Ist ' s ein Engländer , so tanzt er nur Ekossaisen , aber walzen wird er leider nicht können , « setzte Babet hinzu . » Pas de Zéphyr , « rief jezt Agathe , indem sie vor dem großen Spiegel mit hochaufgenommenen Röckchen ihre Pas einzuüben versuchte , » tour de bras , en avant ! Tournez ! rigadon , « rief die sich zu ihr gesellende Babet , » allons , tour de poule . « » Tour de Gans , die paßt für euch am besten , « rief Herr Kleeborn lachend dazwischen , indem er den beiden Kindern mit Vergnügen zusah ; denn sie waren in diesem Augenblick wirklich allerliebst . » Herr Gott , Onkel , der Fremde kommt gerade ins Haus ! « rief jetzt Agathe , die eben einen Blick aufs Fenster geworfen hatte . » Es ist ja der Rechte nicht , « eiferte Babet . » Wie kannst Du das so genau wissen , « erwiederte Agathe . » Allerliebstes , bestes Onkelchen , « setzte sie schmeichelnd hinzu , » thun Sie mir den allereinzigsten Gefallen und lassen ihn hier hereinkommen , ich möchte ihn gar zu gerne in der Nähe sehen . Babet vereinigte ihr Bitten mit dem ihrer Schwester , und der Onkel , der sich eben bei seltner guter Laune befand , that was die Kinder von ihm verlangten . Herr Wilkinson aus London , so hatte der Fremde sich melden lassen , Herr Wilkinson trat herein , und alle erkannten in ihm sogleich einen der beiden Fremden , die in dem ersten Wagen angelangt waren . Es war ein hübscher nach der allerneuesten englischen Mode gekleideter junger Mann , der in der geöffneten Thüre sich sehr zierlich mit allen fünf Fingern der linken Hand in das Himmelansträubende Haar fuhr , während er mit der rechten den Huth abnahm , erst die Damen , dann den Herrn des Hauses mit einem sehr graziosen Kopfnicken begrüßte und zuletzt zwar mit etwas ausländischem Accent , aber doch in sehr verständlichem Deutsch seine Rede anhob . » Sir Charles Wißmann trug mir auf ihn den Damen und Herren Kleeborn hochachtungsvoll zu empfehlen « - » Wißmann , « rief Kleeborn ganz entzückt , und schüttelte dem Neuangekommnen recht kräftig die Hand . - » Wißmann , ei lieber Herr Wilkinson so sein Sie mir doch tausendmal willkommen ! Warum ist er denn nicht gleich bei mir abgestiegen , ich habe ihn doch eingeladen und seine Zimmer stehen bereit . Babet , geh mein Kind , Mamsell Virnot soll aufschließen und einheizen lassen . « - Babet stieß Agathen an daß diese gehen solle , doch keine von beiden bewegte sich von der Stelle , denn keine hatte Lust den Gegenstand ihrer Aufmerksamkeit aus den Augen zu verlieren . » Bemühen Sie das Fräulein ja nicht , « bat Wilkinson indessen , » Sir Charles wünscht die Familie nicht zu derangiren , und da wir ziemlich viel Platz brauchen « - » Ich habe Raum genug für alles , « erwiederte Kleeborn ; » wahrscheinlich sind Sie des jungen Wißmanns Reisegefährte . Nun auch für Sie ist Platz genug da , und Sie sollen mir ebenfalls ein recht werther Gast sein , lieber Herr Wilkinson . Vier Zimmer stehen bereit , damit werden die beiden jungen Herren schon auskommen . Also der junge Mann , der neben Ihnen saß - denn wir sahen Sie vor dem Hotel aussteigen , müssen Sie wissen , - der junge Mann also ist der Sohn meines alten Freundes ? Ey , ey , wer hätte das denken können ! Nun , nun , und Sie ? wahrscheinlich ebenfalls Kaufmann ? Sie haben Recht , das ist der erste Stand der Welt . « » Verzeihen Sie , « erwiederte der Fremde mit sehr gemeßnem Ton , » verzeihen Sie , mein Herr , ich habe das Vergnügen , dem Sir Charles in der Qualität eines Sekretärs attaschirt zu sein , der junge Mensch aber , den ich neben mir im Wagen hatte , dient ihm als sein Homme de Chambre . Eigentlich gehörte auch er auf den Bock , doch auf Reisen , das wissen Sie gewiß , darf man dergleichen so genau nicht nehmen , und überdem ist Marcellin seinem Herrn so treu ergeben , daß ihm schon deshalb manches nachgesehen wird . « Ein halb gepfiffnes , halb geseufztes sehr gedehntes So war Kleeborns erste Antwort , dann setzte er nach einer ziemlichen Pause mit etwas verlängertem Gesicht hinzu , » also ist Wißmann nicht da ? kommt auch vielleicht heute nicht ? « » Verzeihen Sie , « erwiederte Wilkinson abermals , » Sie erwähnten vorhin , daß Sie uns vor dem Hotel aussteigen gesehen haben , nun Sir Charles Landauer folgte dicht hinter meiner Batarde . « » Wie ? das also ? hm hm , « erwiederte Kleeborn mit steigender aber nicht sehr fröhlicher Verwunderung ; » und die Pferde « - » Beim Himmel es sind herrliche Thiere ! « fiel Wilkinson ein , » wie Sie gewiß unerachtet der Decken bemerkt haben werden . Vor allem der Lichtbraune , Sir Charles eignes Leibpferd . Das muthige Thier läßt sich aber auch von keinem regieren , ausgenommen von seinem Herrn und unserm Stallmeister . Es stammt in gerader Linie von des Herzogs von Bedford berühmten Hector ab . Orion war sein Vater , der fünfmal in Newmarket den Sieg davon trug ; die Mutter war Lord Ashfords Molly , die beim letzten Pferderennen in Epsom « - » Sehen Sie einmal ! « Mit diesem Ausruf unterbrach Kleeborn in ziemlicher Verwirrung den plötzlich beredt gewordnen Sekretär , der eben im besten Zuge war ihn auf das umständlichste mit den Stammbäumen und allen Heldenthaten der Pferde seines künftigen Schwiegersohnes bekannt zu machen . » Ey , ey , sehen Sie einmal - nun und Herr Wißmann ? « » Sir Charles , « erwiederte Wilkinson , » Sir Charles hat mir aufgetragen Ihnen und der Familie seine glückliche Ankunft zu melden . Durch eine eigenhändige Note von ihm wäre dies freilich besser und schicklicher geschehen . Doch Domingo hat den Schlüssel zu seines Herrn Schreibekassette verlegt , und so sieht dieser sich genöthigt , Sie durch mich zu bitten , daß Sie den ihm aufgezwungnen großen Verstoß gegen die Regel freundlich entschuldigen mögen ; gewiß nur die Noth konnte ihn dazu veranlassen , denn die Schreibmaterialien , welche der Wirth herbeibrachte , wurden leider sämmtlich total unbrauchbar befunden . « » Das wundert mich , der Mann ist doch sonst so ordentlich , « erwiederte Kleeborn . » Total unbrauchbar , auf Ehre , « wiederholte Wilkinson . » Uebrigens , « sezte er hinzu , » übrigens bittet Sir Charles um die Erlaubniß sich Ihnen und den Damen noch heute Abend nach dem Mittagsessen vorstellen zu dürfen . Er wünscht nur zuvor die Reisekleider abzuwerfen und sich von der Ermüdung ein wenig zu erholen . Denn wir sind gewohnt sehr schnell zu reisen und die Wege hier herum sind fürchterlich schlecht . « Beladen mit Höflichkeitsbezeugungen aller Art verlies der Sekretär endlich das Zimmer und Herr Kleeborn gewann nun Zeit , sich von dem Erstaunen über alles was er vernommen ein wenig zu erholen . Sein Gesicht glich einem Apriltage ; in diesem Augenblick glänzte es im hellsten Sonnenschein der Freude , im nächsten schwebten dunkle nahen Sturm verkündende Wolken des Unmuths darüber hin . Leise pfeifend schritt er aus einer Ecke des Zimmers in die andere , wie er immer zu thun pflegte , wenn irgend etwas ihn aus der Fassung gebracht hatte . Alle übrigen im Zimmer schienen ebenfalls mehr oder weniger gespannt zu seyn . Babet und Agathe standen wie versteinert da , denn der Prinz und der Sekretär , Sir Charles und die Bereuter , wogten mit großem Tumult in ihren Köpfen herum . Angelika , die an allem bisher Vorgegangenen wenig Theilnahme bezeigte , schlich sich jezt leise zu Vicktorinen hin , und über die Lehne ihres Stuhls gebeugt , betrachtete sie die geliebte Freundin mit dem Ausdruck inniger und zugleich sorgenvoller Liebe ; hingegen Vicktorine selbst , obgleich auffallend bleicher als sonst , saß mit stolz erhabnem Nacken und blitzenden Augen neben der Tante , wie jemand der einem nahen schweren Kampf muthig entgegensieht . Um Anna ' s feine Lippen schwebte indessen ein fast unmerkliches ein wenig spöttisches Lächeln , während ihr klares Auge jede Bewegung von Vicktorinens Vater verfolgte . Dieser maß noch ein paarmal mit großen Schritten das Zimmer , blieb dann plötzlich vor Vicktorinen stehen als ob er etwas sagen wollte , kehrte eben so plötzlich wieder um , und begann von neuem seine Promenade . Dabei herrschte eine Todtenstille , die niemand der