Es kostete mir Mühe , die gute Frau zu überzeugen , daß ich sie nicht beleidigen gewollt , da nach den englischen Sitten die Unterstützung des Kirchspiels gar nichts Entehrendes hat . Jetzt kam aber eine Nachbarin und meldete ihr , daß so eben ihr Stückchen Tuch in Aufstrich gebracht werden sollte . - » Nun in Gottes Namen ! « rief sie und brach auf ' s neue in Thränen aus , » so mögen sie mich denn in die blose Erde legen ! - Die Pfund-Note will ich nicht anbrechen . « - » Ihr habt also noch Geld ? « fragte die Nachbarin . - » Ein Pfund , das Jemmy seiner Mutter bestimmte , und das ich ihr noch nicht habe schicken können . « - Ich war zu lang an Reichthum gewöhnt gewesen , um Almosen weise zu verwenden , allein die heldenmüthige Entsagung , mit der diese Frau fremdes Eigenthum ehrte , riß mich hin , ich drängte mich in die Versteigerungsstube , kaufte das Stückchen Leinwand , brachte es Cecilen zurück und erinnerte mich erst jetzt , daß ich , ohne ihr einen wesentlichen Dienst geleistet zu haben , ein für mich höchst empfindliches Opfer gebracht hatte . Die Zeit , wo ich Beifall gab , wenn eine schöne Empfindung meine Seele erhoben hatte , war vorüber , daher legte ich meinem Eifer , Cecilens Wunsch zu befriedigen , keinen Werth bei ; ich hätte mit eben dem Gelde ihre Lage wirklich erleichtern können ; - und sollte ich das nun versäumen ? Diese Mutter mit ihrem Säugling auf den Armen , so fern von ihrer Heimath , schien mir so viel ärmer , als ich , daß es mir grausam bedünkt hätte , ihr nicht zu helfen . - Ich kaufte ihr nothwendigstes Hausgeräth für sie zurück , verschaffte ihr ein Unterkommen , in dem sie eine mildere Jahreszeit abwarten konnte , und kam nun so arm nach Hause , daß mir nur kärglich noch für eine Woche Lebensunterhalt übrig blieb . Ich habe bemerkt , daß es nicht die Erinnerung an gute Handlungen ist , die uns in trüben Tagen Muth gibt . Denn wenn wir in ruhigen Stunden unsre besten Handlungen genau überlegen , so bleibt wohl keine übrig , die aus völlig reinen Beweggründen geschehen wäre , wenn auch im Augenblick selbst ein schöner Enthusiasmus uns erhoben hätte . Wenn unsre Weisheit , oder was einerlei ist , unsre Kraft wankt , so ist ein bedingungsloses Vertrauen in das höchste Wesen , mit dem Bewußtseyn , das Gute gewollt , wenn auch nicht erreicht zu haben , unsre sicherste Stütze . Das erfuhr ich jetzt in den Tagen , die noch bis zur Ankunft von Mistriß Murray ' s Antwort auf meinen Brief vergingen , und noch mehr , wie diese mir sagte , daß sie , durch des Capitains wankende Gesundheit gezwungen , ihm mit ihrer Tochter in ein wärmeres Klima zu folgen , meiner Dienste gar nicht mehr bedürfe . Sie beklagte meine vergebliche Reise und verwies mich zu weiterer Beförderung an ihre Schwester , Mistriß St. Claire . Anfangs verwarf ich diese Schutzempfehlung auf das unwilligste ; das Andenken des herzlosen Empfangs dieser Frau war mir noch zu neu ; aber was sollte ich thun ? Freund- und geldlos , wie ich war , mußte ich meinen Widerwillen bekämpfen und sie nochmals aufsuchen . Wahrlich , sie hatte sich nicht geändert , und der äußerste Grad der Hülflosigkeit hatte mich wohl zu größerer Nachgiebigkeit entschlossen , aber nicht fühllos gemacht . Mit eben der unerschütterlichen Theilnahmlosigkeit , wie das vorige Mal , erklärte sie mir ihre Abneigung , sich meiner anzunehmen , eben so die Unwahrscheinlichkeit , daß es mir gelingen könnte , ein Unterkommen zu finden , und schloß damit , daß , zu meinen Freunden zurückzukehren , für mich wohl das Beste seyn würde . - » Wenn das möglich wäre « , sagte ich , indem mir die Thränen in die Augen stiegen , » so würde ich Sie wohl nie mit meinem Besuche beschwert haben . « - » Hm ! so fehlt es Ihnen wohl an Reisegeld ? « - Gern hätte ich diese übermüthige Frage mit aufwallendem Stolze beantwortet , aber ich war von der Heftigkeit meiner Empfindungen der Stimme beraubt . - » Ich mag fremden Leuten zwar nichts vorschießen , da aber meine Schwester in die Sache verwickelt ist , so gebe ich Ihnen hier fünf Pfund , mit denen Sie Ihre Reise bis London bestreiten können . « So lange über ein Jahr hatte ich nun gearbeitet , meinen Stolz zu beherrschen , und jedes Mal , daß er angegriffen ward , hatte er noch meiner Vernunft die Herrschaft erschwert . So wie sonst die Zuversicht auf meine eingebildeten Vorzüge mich in meinem thörichten Wahn auf eine höhere Wesenstufe gestellt hatte , so fühlte ich jetzt dieser fühllosen Frau gegenüber mich in der Würde meines Unglücks gekränkt ; der Sturm meiner Empfindung brachte mein Blut in so eine heftige Wallung , daß ein heftiges Nasebluten mir vielleicht ein gefährlicheres Uebel ersparte . Unfähig zu jeder Ueberlegung , eilte ich aus Mistriß St. Clairens Zimmer und kam erst in der freien Luft wieder zur Besinnung zurück . Die gutmüthige Neugier des Edinburger Volks setzte mich in eine neue Verwirrung : Männer und Weiber versammelten sich zahlreich um mich , boten mir Hülfe an und thaten Fragen über die vermuthliche Ursache meines Zufalls . Ich flüchtete in den einzigen sich in der Nähe befindlichen Laden und eilte , sobald sich die Menge verlaufen hatte , nach Hause . Es bedurfte nur des gleichern Schlags meines geängsteten Herzens , um mir die Unziemlichkeit , ja das Unrecht meines Betragens einsehen zu lassen . Ich behandelte mich selbst wie ein krankes Kind , dem man die Veranlassung , sich zu schaden , ganz aus dem Weg räumt ; ich drängte alle meine persönlichen Empfindungen jetzt zurück und fragte mich ganz einfach , ob , die Widrigkeit ihrer äußern Erscheinung abgerechnet , Mistriß St. Claire meine Vorwürfe denn wirklich verdiene . Sie , die ich für eine fühllose Frau hielt , hatte die gemeine Pflicht der Menschlichkeit gegen mich erfüllt , ich aber , die nach einer höhern Bildung strebte , hatte das Beispiel unsers erhabensten Lehrers sehr schlecht gegen sie beobachtet . Gedemüthigt in meinen Augen durch meine Schuld , nicht durch Mistriß St. Clairens Mißhandlung , eilte ich den Schritt zu thun , den Menschenliebe und Klugheit gebot ; ich entschuldigte in einigen Zeilen an Mistriß Murray ' s Schwester mein störrisches Betragen , begründete aber die verweigerte Annahme ihres Geschenks auf eine Art , die nicht ganz von dem Gefühl frei war , das meinen Busen in ihrer Gegenwart geschwellt hatte - doch das rachsüchtig bittre Gefühl , das mich in jenem Augenblick empörte , war aus meiner Seele gewichen . Ist nun einer und der andre unter meinen Lesern , der in diesem Wechsel der Empfindung noch keine Selbstherrschaft in meinem Urtheil über Mistriß St. Claire , keine evangelische Milde erkennen will , den warne ich , daß er durch überlegnere Siege über sein individuelles Gefühl nicht in geistigen Hochmuth , durch vorgebliche Feindesliebe nicht zu heuchlerischer Bemäntelung seiner innern Gehässigkeit hingerissen werde . Da es nun durchaus nothwendig geworden war , Mittel zu meinem Lebensunterhalt zu suchen , so beschäftigte ich mich mit der Verfertigung einiger artigen Kleinigkeiten , wie ich sie während meines Aufenthalts bei Miß Mortimer , zwar mit wenig Vortheil , aber doch mit einigem Erwerb verkauft hatte ; allein leider war damals in Edinburg noch keine Verkaufsanstalt für weibliche Betriebsamkeit eröffnet . Jetzt verließ mich mein froher Muth . Ich zweifelte keinen Augenblick an Gottes Fürsorge , ich rief mir die Gelegenheiten zurück , wo sie mich aus drohenden Uebeln errettet hatte , aber mein Kopf schmerzte mir von vergeblichem Sinnen , auf welchem Wege Auskunft aus meinem Elend zu finden sey , bis Thränenströme seine Spannung erleichterten . In einem solchen Augenblick hörte ich eines Morgens Herrn Murray bei meinen Hausleuten nach mir fragen . Es waren nun Wochen vergangen , ohne daß der Anblick eines theilnehmenden Wesens mich erinnert hatte , mein Wohl oder Wehe könne noch irgend Jemandes Aufmerksamkeit erregen ; eben so lange hatte ich den Austausch vernünftiger Gedanken , ja den Laut gebildeter Stimmen entbehrt . Mit klopfendem Herzen zwang ich mich demnach , das meiner Hausfrau gegebne Gebot , diesen jungen Mann abzuweisen , erfüllen zu lassen ; aber freilich empfand ich dabei einen Kummer , den der Gegenstand an und für sich selbst nicht hervorrief und nicht verdiente . Indem ich , meine Gedanken zu zerstreuen , trostlos in meinem kleinen Zimmer umherschaute , erblickte ich mein eignes Bild in dem kleinen Glase , das über meiner einzigen Wäschcommode hing : es zeigte mir eine so zerschlagne Geistergestalt , daß ich froh war , nicht so vor meines Bewunderers Augen erschienen zu seyn . Jedes junge Geschöpf , das , einst blühend und bewundert , durch frühes Unglück sich vor der Zeit verblühen sah , kann wohl nicht dem bittersten Schmerz entgehen ; aber mir , die ehemals in dieser Bewundrung ihr ganzes Glück gefunden , mir , deren Gefühle , so lange in eiteln Bestrebungen unangeregt geblieben , jetzt erst sich zur edlern Thätigkeit entwickelten , mir war ' s vielleicht zu verzeihen , wenn ich meine erloschnen Augen , meine erblaßten Wangen für einen grausamen Raub ansah , den das Schicksal an mir beging . Das einzige menschliche Wesen , das ich jetzt zuweilen aufsuchte , war Cecile Graham mit ihren blühenden Kindern . Wie ich den Ekel vor der Unordnung und dem Schmuz ihrer Wohnung überwunden hatte , fand ich bei ihr so viel Zeitvertreib , wie in den meisten zierlichen Gesellschaften . Ich studirte den Menschen in ihr . Sie war ein Gemisch von gesunder Vernunft und Aberglauben , augenblicklichem Geize und herzlicher Freigebigkeit , scharfsinnigem Beobachtungsgeist und romantischer Fantasie . Alles , was sie sah und hörte , erinnerte sie an eine alte Begebenheit irgend eines tapfern Grahams , oder an die Einwirkung eines Gespenstes oder einer Elfe . Das Andenken an Maitland , dem mancher meiner Augenblicke geweiht war , brachte mich auf den Gedanken , von Cecile die Gaelische Mundart zu erlernen . Mich selbst verspottend , dachte ich mir seine Ueberraschung , wenn ich ihn einst wiedersähe und ihn in seiner Landessprache - von der ich freilich nicht wußte , ob er sie noch verstehe - begrüßen könnte . Indeß Cecile an ihrem Spinnrade saß , ließ ich mir alle möglichen Gegenstände von ihr benennen und schrieb mit einem ungeheuern Aufwand von Selbstlautern die Aussprache auf . Cecile , welche keinen Begriff hatte , daß eine Arbeit ihren Lohn in sich selbst haben könnte , war sehr neugierig , meine Absicht bei dieser Anstrengung zu erfahren ; doch fragte sie mich nicht unmittelbar darum , sondern suchte mich durch Umschweife auszufragen . » Sie wollen wohl selbst in ' s Hochland gehen ? « fragte sie mich einst mit ihrem hellen durchdringenden Blick . Ich versicherte sie , das falle mir nicht ein . » Sie könnten einen braven Mann nehmen , der Sie dahin brächte « , sagte Cecile weiter und setzte mit einer Andacht , als habe sie mir die höchste irdische Glückseligkeit gewünscht , hinzu : » und das gebe Gott ! « - » Ich danke , Cecile , ich habe aber keine Aussicht dazu . « - » Das können Sie nicht sagen . War doch Lady Eredine selbst - mit Erlaub - nichts Bessers , als eine Südländerin . « - Ich mußte lachen , denn Cecile sagte ihr » Erlaub « nur , wenn sie etwas Unanständiges zu entschuldigen zu haben glaubte . - » Wie kam der Lord zu so einer Frau ? « fragte ich . - » Es war des Himmels Wille : er konnte , sie nicht lassen , und Herrn Kenneth ist ' s , wenn er leben bleibt , wie ' s Gott gefallen möge ! auch vorbehalten , eine Landsmännin von Ihnen zu freien . « - » Habt Ihr Ahnungen , Cecile , daß Ihr wißt , was Herrn Kenneth bevorsteht ? « - » Nein , Lady , ich sah nie etwas Ungewöhnliches ; aber wir haben in unsrer Gegend einen Spruch , der sagt : Eine Rehkuh , die aus der Fremde kam , das beste Lager in Glen Eredine nahm , und der weiseste Mann in Killifoildich , und das ist Donald Macjan , sagte mir , die schönste Sachsen-Blume würde in der Halle von Castell Eredine grünen und blühen . « - » Das ist eine hübsche Weissagung . Da sollte ich lieber gleich nach Eredine gehen , mein Glück zu versuchen . « - » Darüber ist gar nicht zu lachen « , fuhr Cecile ernsthaft fort . » Niemand weiß , wo ihm sein Glück blühen wird . Herr Henry selbst könnte Sie wählen , wenn er wüßte , welche gute Dame Sie sind . « - Dieser Herr Heinrich aber war Cecilens Held ; sie räumte zwar Herrn Kenneth , als dem ältesten Sohn , die erste Stelle in ihrer Ehrerbietung ein , allein ihre herzliche Liebe war Heinrich geweiht . Sie hatte mir so viel von ihm , seiner fröhlichen Kindheit , seinem Muth , seiner Abhärtung auf Jagd , bei Seestürmen und allen Gefahren erzählt , daß er mir wie ein alter Bekannter vorkam , und ich , auf Cecilens Wort , alles Gute und Große von ihm erwartete . Allein dieser ihr Abgott besuchte seine Heimath nur zufällig und verstohlen . Die Ursache , warum ein Bergschotte , dem das Feuer seines eignen Heerdes flammte , dem ein betagter Vater jedesmal mit Sehnsucht entgegen sah , in der Fremde lebte , wollte mir Cecile anfangs nicht deutlich erzählen ; wie sie aber meine Theilnahme an ihrem jungen Laird gehörig erprobt zu haben glaubte , gab sie mir folgenden Bericht . » In der Michaelsmesse mag es gegen zwanzig Jahr seyn « , erzählte sie , » als Leute vom Clan Alpine , der , mit Erlaub , nicht viel taugte , die Kühe von Glen Eredine hinwegtrieben , alle , sogar Lady Eredines eigne Kuh , die nach der Lady selbst Lady Eredine hieß . Sie können denken , ob die Erediner das ruhig mit ansahen . Herr Kenneth hielt sich des Studirens wegen in der Stadt auf , deshalb war ' s nicht seine Schuld , daß er nicht für uns focht , aber Herr Henry , er sollte eben auch dahin abgehen , der bat so lange und so dringend , daß ihm der Lord endlich seinen Willen ließ . Donald Macjan stand beim Abschied zunächst an des Lairds Lehnstuhl : Knabe , sagte er und legte seine Hand auf Henry ' s Kopf , du wirst Glen Eredine keine Schande machen und nicht mit leeren Händen heimkehren . Dabei wandte er Donald einen Blick zu , als wollte er sagen : Du bleibst ihm zur Seite ; und Donald sagte mir , ihm habe sein Herz hoch geschlagen , und er habe gedacht : zu kleinen Stückchen sollen sie mich hacken , ehe ich einen Zoll von ihm weiche . - Da zogen sie aus : Donald und noch drei , weil Herr Henry sagte , er wolle nur , was er brauche , denn so klug war er , wenn gleich fast noch ein Kind . Er zog nun der Spur des Viehes nach , durch Moor und Haide , wie ein gemachter Mann nur gekonnt hätte . Augen hatte er , wie ein Adler , und machte den ganzen Tag keine Rast , auch nur , um einen Bissen Brod in den Mund zu stecken , obschon seine Zähne damals länger waren , wie sein Bart ; Nachts wickelte er sich in seinen Plaid und legte sich mit den Andern auf den Boden , wie es mancher wackre Laird that , als die Gasthöfe und Kutschen und dergleichen Hätscheleien noch nicht Sitte waren . Gut ; früh war er vor den Rehen schon wach , und wie er beim Morgendämmern von Bouoghrin herabsteigt , sind die Erediner Kühe , Lady Eredine an ihrer Spitze , das Erste , was er sieht . Neil Roy , Calum Dubh und ein paar Andre , die , mit Erlaub , eben so wenig nutz waren , hüteten sie , und mancher Andre mochte etwa in den Büschen versteckt seyn . Damals waren ' s üble Zeiten . Die rothen Soldaten waren kurz vorher eingebrochen und hatten unsern Männern ihre Wehren genommen , so daß der , welcher geboren war , Schwerter , Schilde und Dolche zu besitzen , genug , um den ganzen Glen Eredine zu bewaffnen , keine Waffe in seiner Hand hielt , als den Haselstock , den er von seiner Hecke geschnitten . Aber ein Graham , Lady , packt seinen Feind , wenn ihm der Tod auch schon die Finger lähmt . Herr Heinrich stand , wie ' s ihm zukam , vornan und gebot Neil Roy , das Vieh friedlich wieder herauszugeben . Aber dieser Schelm , mit Erlaub , war so frech , des Lairds Sohn zu antworten , was er genommen hätte , wolle er behalten . - Wenn Du ' s im Stande bist ! sagte Herr Heinrich , und Neil schlug vor , es sollten die fünf Erediner sich fünf seiner Leute aussuchen und mit ihnen kämpfen . Topp ! rief Herr Heinrich , ich wähle Dich , und Schmach dem Erediner , der nicht den stärksten Feind wählt ! - O Lady , wenn Sie hörten , was Donald von diesem Kampf sagt , das Blut würde in Ihren Adern erstarren ! Herr Heinrich hielt sich so tapfer , daß Neil , ungeduldig , dem Ding gar kein Ende zu sehen , seinen Dolch zog , um ihn in unsers lieben Lammes gutes Herz zu stoßen ; doch er fuhr ihm nur ganz leicht in den Arm . Wie aber Donald ihn bluten sah , ließ er seinen Gegner , sprang dem Neil an die Kehle und würgte ihn mit beiden Händen , bis er den Dolch fallen ließ , wobei Calum Dubh immer auf ihn losschlug , wie auf eine Korngarbe ; allein daran kehrte Donald sich nicht , bis Herr Heinrich aus Edelmuth ihm befahl , ihn loszulassen , wobei er ihm mit eigner Hand vom Boden aufhalf und den Dolch so weit fort in die Haide hineinwarf , daß ihn niemand mehr fand . Die beiden andern Alpiner lagen am Boden , die Erediner hatten also gewonnen und eilten zu dem Vieh . Der eine rief : Lady Eredine ! der andre : Duh Voiach ( schwarze Schöne ) , und die guten Thiere erkannten ihre Stimmen und sprangen ihnen nach . Aber Herr Henry suchte zuerst Janet Donalachs Kuh heraus , weil sie einer Wittwe gehörte und vier Kinderchen von ihr ernährt wurden , aber alle andre kamen auch nach Haus , Huf und Horn , wie Herr Heinrich zugesagt hatte , und keiner der Alpiner durfte sich rühren , denn Neil hatte versprochen , nur fünf gegen fünf sollten kämpfen . « » Aber , Cecile , was hat denn das mit Herrn Heinrichs Verbannung aus der Heimath zu thun ? « - » Das ? ei nun ! die Südlands-Sherifs , die sich in alles mischen zu müssen glauben , so daß sie den Distelflocken nachspüren , wohin sie der Wind trägt , meinten , daß es auch zu ihrem Amt gehöre , zu fragen , warum die Alpiner mit Glen Eredine gefochten . Da mußten die rothen Soldaten Neil Roy und Calum Dubh beim Kopf nehmen , und die wurden auf Stirling Castle gebracht , und nun hieß es , man würde Herrn Heinrich auch abholen . Lady Eredine hatte aber immer gewünscht , dieser solle fremde Länder bereisen ; da lag sie dem Lord so lange an , bis er es erlaubte . Um nun nicht schwören zu müssen und damit Menschenleben zu wagen , verließ Herr Heinrich lieber Freunde und Mitgeborne und Alle , die gern den Boden geküßt hätten , wo sein Fuß geschritten . O wehe mir ! entweder erinnre ich mich noch des Tags , oder ich habe mir ' s so lange erzählen lassen , bis mir zu Sinn geworden ist , als hätte ich ' s gesehen : denn mir ist ' s , als wüßte ich ' s noch , wie meine Mutter mich auf ihre Arme nahm und das Thal hinab ihn begleitete ; Jung und Alt ging mit ihm , und der Pfeifer voraus spielte das Klaglied . Keiner konnte sprechen , meine Mutter konnte ihm kein Lebewohl sagen , sie ging und ging , bis sie nicht mehr fortkonnte , und dann sah sie ihm nach und segnete ihn und weinte . Und die Säuglinge , die diesen Tag auf den Armen getragen wurden , waren , wie er das erste Mal wieder nach Glen Eredine zurückkehrte , schon auf den Beinen und liefen ihm auf eben dem Wege mit Freuderuf entgegen . « - » Was ward denn mit den beiden Gefangenen ? « - » Loslassen mußten sie die . Meinen Sie , ein echter Schotte würde schwören , damit ein Südländer-Sherif sein Müthchen kühlen möge ? Zwei Erediner versteckten sich lange , um dem Zeugniß zu entgehen , Donald und Duncan Bane antworteten so listig , daß der Südländer nichts daraus machen konnte . Da ward Neil frei , und in derselben Nacht - was aber , wie Donald sagte , kein wackrer Erediner gutheißen konnte , - trieb er vier von des Sherifs eignen Kühen in Glen Eredines Triften , um Herrn Heinrich damit zu ehren , aber der alte Laird schickte sie zurück , als haben sie sich allein dahin verlaufen . « Diese Erzählung und zwanzig andre , in welchen Herr Henry immer als Held auftrat , vermehrten meine Theilnahme an einem Volksstamm , dessen Charakter durch zwanzigjährige Unterdrückung seine Hauptzüge noch beibehalten hatte . Man entriß ihm seine Volkstracht , man nahm ihm seine Waffen , die ihm als Schmuck und Wehr gleich theuer waren , - ist es zu verwundern , wenn diese beeinträchtigten Menschen ihre Sicherheit in der Flucht , ihre Stärke im Betrug suchten ? Doch der sorgenvolle Arme ist selten sehr neugierig , und wie theilnehmend ich auch Cecilens Geschichte anhörte , war mein Geist doch noch lebhafter mit der mir drohenden Noth beschäftigt . Ich hatte schon eine , für meine gänzlich erschöpfte Baarschaft , sehr ansehnliche Summe daran gewendet , in öffentlichen Blättern meine Dienste als Lehrerin der Jugend anzubieten . Wahrscheinlich schenkten die Edinburger einer unbekannten Fremden kein Vertrauen . Mein Versuch blieb ohne Erfolg ; nun entschloß ich mich zu dem schwersten Schritt , zu dem bis jetzt die Noth mich genöthigt , ich sammelte mir aus den Zeitungen die Anzeige der verschiednen weiblichen Lehranstalten der Stadt und ging eines Morgens im kalten Winterfroste aus , von Haus zu Haus meine Dienste anzubieten . In dem einen waren die Lehrerinnen schon überzählig , in einem andern bestellte man mich auf ein ander Mal , in einem dritten nahm man keine so jungen Lehrerinnen an , und so kam ich nach einer langen Wanderung hungrig und erfroren in mein ödes Zimmer zurück , wo ich bei der Gluth meiner letzten Kohlen und einem ärmlichen Mahl Gott anflehte , mir den Dank für die Wohlthat zu lehren , daß ich heute noch nicht ohne Feuerung , nicht ohne Nahrung sey . O das ist ein gewaltsamer Zustand , der von wahrer Ergebung noch fern ist ! - Aber das junge Leben , das noch auf tausend Wegen zum Glück gelangen zu können sich bewußt ist , kämpft mit allen Kräften gegen den Gedanken , nur zur Entsagung bestimmt zu seyn . Im Alter ist das leichter , da verlieren sich die Wege einer nach dem andern , und der einzige letzte , den wir noch wallen müssen , führt sicher zum Ziele . Schon hatte ich durch Cecilens Beihülfe in der größten Heimlichkeit einige meiner aus London mitgebrachten Kleidungsstücke verkaufen lassen , um meiner Hausfrau ihre Miethe zu bezahlen , und berechnete ängstlich die Zeit der abnehmenden Winterkälte , um dann irgendwo in einem Landstädtchen bei einer ehrbaren Familie die häuslichen Dienste zu übernehmen ; eine Aufgabe , zu der ich in der rauhen Jahreszeit bei meinen bisherigen Gewohnheiten die physische Möglichkeit nicht einsah . Unter diesen Umständen kam eines Morgens meine Hausfrau zu mir herein , setzte sich ohne Rücksichten , denn zu diesen hielt sie sich gegen ihre arme Hausgenossin nicht verpflichtet , recht breit auf einen Sessel und erklärte mir , » sie habe gehört , daß ich eigentlich in der Absicht ins Land gekommen sey , in einem reichen Hause Erzieherin zu werden ; nun habe sie eine Schwester , die als Stubenmädchen bei Mistriß Boswell diene , einer so reichen Dame , wie nur eine ; der habe sie meine artige Person und sittsames Wesen gerühmt und die saubern Arbeiten , die sie mich machen gesehen , und die habe mich ihrer Herrschaft vorgeschlagen , um Miß Jessy , ihr elfjähriges Töchterchen , zu erziehen . Mistriß Boswell sey auch nicht ganz abgeneigt , und so sollte ich doch ja unverzüglich nach George Square gehen , mein Glück zu versuchen . « Also einer solchen Empfehlung sollte ich meine Versorgung endlich zu verdanken haben ? dachte ich mit schmerzlichem Lächeln . Das ist der Lohn des stolzen Sinnes , der sich lieber in die unfreundliche Fremde begab , als Gefahr laufen wollte , in seiner Heimath vor den Augen seiner Bekannten dienstbar zu werden ! Doch diesen Betrachtungen nachzuhängen , hatte ich nicht Zeit ; ich sah die Nothwendigkeit , die sich mir darbietende Aussicht zu verfolgen , und machte mich unverzüglich nach George Square auf den Weg . Es war noch bei guter Zeit , ich hatte mein ärmliches Frühstück eben erst genossen , meine eigne Einsicht hätte mich belehren sollen , daß die reiche Frau noch im Bette seyn würde . Dennoch kehrte ich bei dem Bescheid , um ein Uhr wiederzukommen , mit gesunknem Muth nach Hause zurück . Um ein Uhr erhielt ich denn wirklich Zutritt . Man führte mich in ein artig aufgeputztes Zimmer , wo mich Mistriß Boswell , halb sitzend halb liegend , auf einem zierlichen Sopha empfing . Ein mageres , eckiges Gesicht , mit einer aufgestülpten Nase und schwarzen Augen , machte , daß sie auf den ersten Blick gescheidt aussah , allein ihr gerade eingeschnittner Mund , ihre borstigen Augenbraunen , ihre niedrige , gedrückte Stirn zeigten beim zweiten den Irrthum . Sie vertrieb sich mit ihrer Tochter , einem schönen lockigen Kinde , die Zeit vor einem großen Schmuckkästchen , aus dem sie Armbänder , Halsketten , Ringe hervornahm und sich und die Kleine so damit behing , daß sie wie Südseeinsel- Prinzessinnen aussahen . An der Wohlgefälligkeit , mit der sie sich in dem seitwärts hängenden Spiegel beschaute , war es sichtbar , daß diese Beschäftigung zu ihrer sowohl wie zu Jessy ' s Kurzweil gereichte . Ich stellte mich ihr bescheiden als die Person vor , welche ihr als Erzieherin ihrer Tochter empfohlen sey . Sie stand nicht auf , beantwortete auch meine Rede nur mit einer Verziehung des Mundes , die sie für ein Lächeln hielt , wovon jene aber auch nicht die fernste Aehnlichkeit hatte : es war eine Verlängerung der Mundwinkel , von welcher Herz und Auge keine Notiz nahmen . Nach einer ziemlichen Pause sagte sie zu dem Kinde : » Jessy , meine Liebe , geh zur Campel und sage ihr , sie soll mir mein Riechfläschchen suchen , und hilf ihr dabei . « - » Nein , nicht ich « , rief die Kleine in heulendem Ton , » ich weiß wohl , daß Du dein Riechfläschchen nicht brauchst , Du willst mich nur fortschicken , um wegen der garstigen Hofmeisterin zu sprechen . « - » Nicht doch , Herzchen ! geh nur ! ich nehme Dich auch mit mir in der Kutsche spazieren , und wir kaufen eine neue Puppe , eine große große mit blauen Augen . « - » Du hast mir schon einmal eine versprochen , wenn ich das O schriebe und hast sie mir doch nicht gegeben . Jetzt wirst Du ' s eben so wenig thun . « - Da ist mir gut in die Hände gearbeitet , dachte ich . Mutter und Kind stritten sich fort , bis Letzteres seinen Willen behielt und die Mutter mir , nun in Jessy ' s Gegenwart , meine Geschicklichkeit abfragte . Das Pianoforte , Singen , alle Wissenschaften zusammen sollten gelehrt werden ; mir ward aber , ehe der Katalog zu Ende war , die Antwort erspart , denn Jessy , die mich von allen Seiten betrachtet hatte , fragte : » Sie sind doch nicht selbst die Hofmeisterin ? oder ja ? « - » Ich hoffe es zu werden , liebes Kind . « - » Ich dachte , Sie wären ein häßliches , grämliches , altes Ding . Sind Sie grämlich ? Sie ? « - » Nein , ich hoffe nicht . « - » Ei , ich glaube , Sie sind lustig und freundlich . « - Mistriß Boswell warf mir einen listigen Blick zu , der ihre Zufriedenheit ausdrücken sollte . » Nun , Liebchen , von der hübschen Lady möchtest Du doch Musik und allerhand Dinge lernen ? « sagte sie zur Tochter . - » Ich will nichts lernen , gar nichts ; aber spielen soll sie mit mir und mich mit dem garstigen Buchstabirbuch nicht quälen . « - » Nun