. » Erschrick nicht vor mir , meine Gabriele , « sprach eine liebe bekannte Stimme , ein paar Arme breiteten sich aus , und Gabriele sank mit einem freudigen Schrei an das treue Herz ihrer Dalling . » Kehrt denn alles , alles heute wieder , was früher mich beglückte ? auch du , auch du ? « rief sie im frohen Taumel des Wiedersehens , während Frau Dalling mit Erstaunen die unglaubliche Veränderung bemerkte , die in der kurzen Zeit mit Gabrielen vorgegangen war . Statt des kaum der Kindheit entwachsenen , bleichen Mädchens , welches sie verlassen hatte , fand sie jetzt Augustens , ihrer Mutter , verklärtes , verschönertes Bild in der Pracht eben erblühender Jungfräulichkeit und wußte kaum , wie sie es anfangen solle , um Gabrielen mit aller der mütterlichen Liebe zu umfangen , die sie im Busen trug , ohne doch die Ehrfurcht zu verletzen , welche diese hohe , schöne Erscheinung von ihr zu fordern berechtigt schien . Während die beiden wieder Vereinten im ersten freudigen Taumel ein fast unverständliches Gespräch mit einander führten und Fragen und Antworten auf die wunderlichste Weise durch einander wirrten , kehrten auch Ernesto , Frau v. Willnangen und Auguste aus der Gesellschaft wieder nach Hause . Niemand hatte an diesem Abende sonderliche Freuden gefunden . Was der General vorher gesagt hatte , war zum Theil eingetroffen , überall hatte es an jemanden gefehlt , der es übernehmen wollte , durch innern Zusammenhang diese Versammlung zu einer Gesellschaft zu bilden . Einige der Anwesenden waren in stummer Unbehülflichkeit neben einander stehen geblieben , andre hatten sich mit ihren Bekannten flüsternd berathen , was denn eigentlich hier vorgehen solle , nur wenigen war der feinere geselligere Zweck dieser Zusammenkunft klar geworden , und diese wenigen hatten sich sogleich dem eigentlichen Kreise der Frau von Willnangen anzuschließen gesucht , ohne sich um die weiter zu bekümmern , welche sich in verlegner oder stolzer Entfernung hielten . Ungeduld trieb endlich den Kapellmeister an das verstimmte Fortepiano , Allwill brachte in der Noth gesellige Spiele in Vorschlag , zuletzt wurden glücklicherweise die Musikanten von der ungewohnten Erleuchtung herbeigezogen und spielten ein paar Walzer auf , mit denen die geselligen Freuden dieses Abends sich endigten . Jubelnd und fröhlich , wie ein Kind , führte Gabriele die sorgsame , treue Pflegerin ihrer ersten Jugend ihren Freunden zu , und war nun doppelt froh , bei jenem verunglückten Versuche zur Beförderung der Geselligkeit nicht gegenwärtig gewesen zu seyn . Ein Unglück weissagendes Gefühl ergriff Frau von Willnangen , als sie Frau Dalling erblickte , aber sie schwieg davon , denn sie sah deutlich , wie es Gabrielen noch gar nicht eingefallen war , daß diese ihr so liebe Erscheinung ihr dennoch unheilbringend seyn könne . Auch Frau Dalling schien über das Wiedersehen ihres theuren Kindes den eigentlichen Zweck ihrer Sendung ganz vergessen zu haben . Sie konnte kein Auge von Gabrielen wenden . In der einen Minute schalt sie sich , daß sie die zu ihrer Gebieterin herangewachsene Jungfrau noch immer wie ein Kind behandle , in der nächsten nahm sie sie wieder liebkosend an ihr Herz und nannte sie mit allen den tändelnden Namen , die sie ihr sonst gegeben hatte , als sie sie noch auf ihren Armen trug . So verging die übrige Abendzeit . Frau Dalling ward späterhin sichtbar ernst , wie jemand , dem etwas trauriges , das er vergaß , plötzlich wieder einfällt ; aber ein bittender Wink der Frau von Willnangen bestimmte sie , ihren Liebling noch diese Nacht dem ungestörten Schlummer zu überlassen , dessen Gabriele nach den mannigfaltigen Begegnissen des Tages augenscheinlich höchst bedürftig war . Erst nachdem diese mit Augusten das Zimmer verlassen hatte , um sich zur Ruhe zu begeben , kam der eigentliche Zweck zur Sprache , welcher Frau Dalling nach Karlsbad geführt hatte . Frau v. Willnangen hatte in ihren Vermuthungen nicht geirrt , sie kam , um Gabrielen auf das schleunigste zu ihrem Vater zu geleiten , der ohne eigentlich gefährlich krank zu seyn , doch höchst ängstlich nach seiner Tochter verlangte . Kurze Zeit vor der Ankunft der Frau Dalling in Karlsbad saß der Baron Aarheim um Mitternacht ganz allein in seinem Laboratorium , so wie er es seit vielen Jahren gewohnt war . Sein starrer Blick ruhte bald auf den Retorten , Gläsern und Tiegeln , welche im Ofen am Feuer standen , bald auf mago-kabbalistischen Figuren , die er an der Wand gezeichnet hatte , und aus denen er den Stand der Sterne , und ob es an der Zeit sey , ersehen zu können glaubte . Alles sagte ihm , es sey an der Zeit , die Stunde der Vollendung sey gekommen , und ein leises Flüstern und Knistern um ihn her bestärkte ihn in diesem Glauben , während es sein zitterndes Erwarten fast bis zur Bewußtlosigkeit steigerte . Nur nichts vergessen ! nur nichts vergessen ! mußte er immerfort innerlich mit wahrer Todesangst wiederholen , während er mit bebenden Lippen unverständliche Formeln stammelte , durch welche er die Elementar-Geister zu bändigen oder zu gewinnen gedachte . Unverwandt blickte er jetzt die Gluth im Ofen an , die Flammen regten sich lustig , er sah wunderliche Gestalten in ihnen spielen . Langbärtige Menschengesichter nickten ihm aus dem Feuer zu und verzogen sich dann grinsend zur gräßlichsten Unform , bis sie in Dampf sich auflösten ; glänzend geringelte , blaue und grüne Schlangen wanden sich hoch empor und reckten die langen , feuerrothen , dreigespitzten Zungen nach allen Seiten aus , immer höher und höher . Aber über alles sah er ein einziges , riesig großes Greisenhaupt sich erheben , mit einem langen , schneeweißen Bart und einer wie Rubin glühenden Krone . So wie der Baron diese Gestalt gewahrte , ward es ihm unmöglich , den Blick von ihr abzuwenden ; sein Haar sträubte sich in der Angst , mit welcher er sich bemühte , an alles , für diese Stunde in seinen Büchern Vorgeschriebne sich zu erinnern , während es ihm immerfort warnend in die Ohren dröhnte : Nur nichts vergessen ! nur nichts vergessen ! Das Riesenhaupt dehnte sich über den Herd des Ofens hinaus , er sah es , wie ihn begrüßend , sich neigen , er sah ganz in der Nähe das gräßliche Durcheinanderflimmern aller Züge desselben , und nun folgte dem Haupte die ganze Gestalt . Der weite , wie aus Feuernebel gewobene Mantel , welcher sie in große bauschende Falten verhüllte , quoll weit über den Herd hinaus und begann allmählig sich im ganzen Gemache zu verbreiten . Der Baron raffte sich mit aller Kraft zusammen , um das Grausen zu überwinden , was ihn ergriffen hatte , und ward wirklich wieder auf einen Augenblick Meister seiner Gedanken . Er warf einen Blick auf den Herd und gewahrte , daß die Flamme dort zu mächtig lodre , er wollte sie dämpfen , aber er vermochte nicht , dieß allein zu vollbringen . Jetzt breitete sich das Feuernebel-Gewand des riesenhaften Greises immer weiter aus , der Baron glaubte , ihn immer zürnender auf sich blicken zu sehen , es war , als ob er ihn in die Falten seines Mantels einwickeln und ersticken wolle ; er versuchte , sich davon loszuwinden , aber der unkörperliche Stoff ließ sich mit Händen nicht erfassen , obgleich er schwer auf ihn drückte . In der höchsten Noth sucht der Mensch immer den Menschen , auch ohne Hoffnung auf Hülfe , und diese hatte der Baron doch noch nicht aufgegeben . Entschlossen riß er die ins Vorgemach führende Thüre auf . » Franz ! « rief er mit donnernder Stimme , » Franz ! « so hieß der alte Bediente , der einzige , welcher mit ihm diesen Flügel des Schlosses bewohnte und zuweilen bei seinen Arbeiten ihm Handreichung leistete . Keine Antwort erfolgte . Der Baron durchschritt mit festem Tritte das Zimmer . Als er an der andern Thüre desselben stand , blickte er sich um und sah mit Entsetzen das feuerrothe Gewand des Greises ihm durch die Thüre des Laboratoriums nachquellen . Pfeilschnell stürzte er durch das zweite Zimmer . Ein Blick rückwärts verrieth ihm abermals , daß das Gräßliche ihm immer langsam nachfolge . Er floh in das dritte Zimmer ; dort lag Franz auf einem Ruhebette , der Baron erfaßte ihn , wollte ihn wach schütteln ; umsonst ! der siebenzigjährige treue Diener lag starr und kalt , ob durch einen Schlagfluß plötzlich entseelt ? ob nur ohnmächtig oder in tiefem Schlaf begraben ? der Baron hatte nicht Zeit , dieses zu untersuchen . Ein furchtbarer Knall schien den Felsen , auf welchem Schloß Aarheim steht , bis in den Grund zu spalten , die alten Mauern erbebten , als stürzten sie zusammen . Der Baron sah das Feuergewand mit Macht hervorquellen , die blauen und grünen Schlangen waren riesengroß geworden und wanden sich dazwischen hin und streckten die feuerrothen Zungen nach ihm , als wollten sie ihn durchbohren . Da öffnete er im wahnsinnigen Entsetzen auch die äußre Thür , floh auf Flügeln der Angst pfeilschnell hinab in den Hof , und sah nun den ganzen Theil des Gebäudes , den er bewohnt hatte , rettungslos flammend gen Himmel lodern . Des Barons erste Bewegung war ein Versuch , in wilder Verzweiflung das eigne Leben auf diesem Scheiterhaufen seines Glücks und seiner Hoffnungen zu opfern , aber er fühlte sich von starken Händen gehalten . Alle Einwohner des Schlosses waren von der heftigen Explosion im nehmlichen Augenblick erweckt worden , und hatten sogleich im ersten Schreck sich in den Hof geflüchtet . Diese seine Diener , von welchen viele ihren Herrn in diesem Moment zum erstenmal erblickten , verhinderten ihn jetzt , den gräßlichen Tod in den Flammen zu suchen , welchen der alte Franz vielleicht im nehmlichen Moment , hoffentlich bewußtlos , starb . Regungslos und ohne alle Besinnung stand nun der Baron , anscheinend ruhig , und blickte wieder in die zischenden , prasselnden Flammen . Im Rauch , im Feuerdampf sah er noch immer das weite erglühende Gewand des Greises und hoch über sich dessen drohendes Haupt ; der weiße , nebelgleiche Bart wehte , wie der Schweif eines Kometen , weit hin durch die Nacht , im Sturmwinde , den die Flammen erregten . An Rettung des brennenden Flügels war nicht zu denken ; es war , als ob er an allen Ecken zugleich sich entzündet habe , er sank in weniger als einer Stunde in sich selbst zusammen ; nur die aus Felsen für eine Ewigkeit aufgethürmten Außenmauern widerstanden , alles Innere verzehrte die wüthende Feuersbrunst . Nichts blieb von allem , worauf der Baron Schwindel erregende Hoffnungen erbaut hatte , und auch die Gebeine des armen alten Franz verglühten mit im allgemeinen Untergang , und seine Asche fand ihr Grab in den Trümmern . Mit Anstrengung aller ihrer Kräfte gelang es den Bedienten und den Bewohnern des Dorfs , das Hauptgebäude des Schlosses vom Untergange zu retten , aber der Baron schien ihr Bemühen und ihre Anstalten gar nicht zu bemerken . Ganz still stand er und sah in das Feuer , bis der letzte Balken einstürzte und alles Zerstörbare vernichtet war . Dann wandte er sich und ging mit feierlichem Schritt , begleitet von seinen vornehmsten Dienern , die große Treppe im Mittelgebäude hinauf , in das ehemalige Zimmer seiner Gemahlin , das er seit dem Tage ihres Todes nicht wieder betreten hatte . Dort setzte er sich an ein Fenster , der dampfenden Brandstätte gegenüber , und schlug nach kurzem Besinnen ein so furchtbar gellendes Gelächter auf , daß alle , die ihn umgaben , sich fast bis zum Wahnsinn davon erschüttert fühlten . Dieser entsetzliche Zustand währte mehrere Stunden , kein Arzt war in der Nähe , der ihn zu mildern versuchen konnte . Das Gesicht des unglücklichen Greises verzerrte sich im furchtbarsten Krampfe , seine ermattete Brust hob sich immer gewaltsamer , während das herzzerreißende unaufhaltsame Lachen immer forttönte , bis die erschöpfte Natur sich endlich seiner erbarmte und ihn nach und nach in ohnmächtiges Erstarren hinsinken ließ , das sich später in tiefen Schlaf auflöste . Erst als am Abende dieses Tages die Sonne sank , erwachte der Baron , aber unglaublich verändert . Die ohnehin tiefen Züge seines Gesichts waren ganz eingesunken , keine Spur mehr von krampfhafter Anstrengung . Er war still und gelassen , jedermann durfte zu ihm kommen , aber er sprach mit niemanden . Ganz in sich gekehrt saß er da , aß und trank , was ihm gereicht ward , und eben nur genug , um das Leben zu fristen , forderte aber nichts . Die Thüre seines Zimmers blieb offen stehen , seine Bedienten , seine Bauern , Fremde , die des Wegs vorbei kamen , alles strömte , theils aus Neugier , theils aus Theilnahme , herbei , alles wanderte ungehindert bei ihm aus und ein , er aber achtete auf niemand , obgleich er auch niemand zurückscheuchte . Seine ganze Haltung war die des tiefsten Nachsinnens über einen höchst wichtigen Gegenstand . Endlich um Mitternacht rief er Frau Dalling herbei und befahl ihr , in möglichster Eile nach Karlsbad zu reisen , um Gabrielen abzuholen und sie zu ihm zu führen . Nach diesem deutlich und bestimmt ausgesprochenen Befehl , versank er wieder in sein voriges Schweigen . Frau Dalling konnte den theilnehmenden Freunden Gabrielens nur den heftigen Schreck über die unglückliche Feuersbrunst als die Ursache von des Barons traurigem Zustande angeben , aus welchem der Wunsch , Gabrielen zu sehen , natürlicherweise entspringen mußte . Denn von dessen lange gehegten und jetzt so furchtbar zertrümmerten Hoffnungen hatte sie noch immer keinen Begriff . Frau von Willnangen und Ernesto hingegen blickten tiefer . Aus dem , was sie von des Barons Aeußerungen und seinem entsetzlichen Anfall nach dem Brande hörten , durchschauerte sie die Ahnung eines Geheimnisses , das ihre Angst , Gabrielen in solchen Händen zu wissen , noch um vieles vermehrte . Der Schmerz der Frau von Willnangen über die plötzliche Trennung von ihrem Lieblinge leidet keine Beschreibung ; er überstieg alle Gränzen , wenn sie an das Schicksal dachte , welches die arme Gabriele im Schloß ihres Vaters erwartete , und dabei keine Möglichkeit sah , es zu mildern . Ihre gewohnte Fassung hatte sie gänzlich verlassen . » Was wird aus dem weichen , liebebedürfenden Gemüth in jener starren Umgebung werden ! « rief sie mit Augen voll Thränen . » Welche Opfer wird der Mann , der das Herz ihrer Mutter mit kalter Hand zerdrücken konnte , nicht von diesem , seiner Willkür ganz preisgegebnen Geschöpf fordern , das wir schutz- und wehrlos ihm ausliefern müssen ! « » Das müssen wir nicht und werden es auch nicht , « erwiederte plötzlich nach einigem Sinnen Ernesto , » denn ich begleite Gabrielen . Das Schicksal und mein Herz haben mich einmal zu Gabrielens Vormund , zu ihrem Beschützer erkoren , ich will es bleiben , solange dieses nur irgend ausführbar ist , ich reise mit ihr . Beide Frauen hörten mit hoher Freude diese Erklärung Ernesto ' s , nur wagte Frau Dalling einige Zweifel wegen der Aufnahme , die Ernesto im Schloß Aarheim finden würde . » Vielleicht , « sprach sie , » hat sich der Baron während meiner Abwesenheit völlig erholt , und dann kehrt er gewiß zu seiner gewohnten Abgeschiedenheit von allen Menschen zurück . « » Weiß ich es doch selbst nicht , ob ich mich werde Gabrielens Vater zeigen wollen oder nicht , « erwiederte Ernesto ; » das mögen die Umstände bestimmen . Ich bleibe auf jedem Fall in ihrer Nähe , ihr Schutz , ihr Freund , ja ich kann sagen ihr eigentlicher Vater , wenn väterliche Liebe zu diesem Namen berechtigen kann . Sorgen Sie nur , daß Gabriele morgen früh ihre Bestimmung auf die schonendste Weise erfährt , und daß sie dann wo möglich in der nehmlichen Stunde abreisen kann . Verkürzen Sie ihr die bittern Stunden des Scheidens , ein langer Abschied ist eine lange Qual , die wir ihren Kräften nicht zumuthen dürfen , sie wird sie nöthiger brauchen . « » Lassen Sie uns übrigens das beste hoffen , « sprach Ernesto zur Frau von Willnangen , sobald er mit dieser allein war . » Nach dem , was ich von des Barons eigentlichem Geschick ahne , und nach dem , was Frau Dalling von der plötzlichen Veränderung in seinem ganzen Wesen erzählt , achte ich ihn seiner letzten Stunde sehr nahe , und leider ist der herbste Verlust für ein glückliches Kind , unsrer armen Gabriele der höchste Gewinn . Sie , die schon Mutterlose , kann nur glücklich werden , wenn sie auch vaterlos ist . Ich wiederhole es Ihnen , ich bleibe in Schloß Aarheims Nähe , und so wie eine günstige Veränderung in Gabrielens Lage eintritt , so wie sie der Fesseln entledigt ist , die jetzt sie drücken , nehme ich sie auf und bringe sie in Ihre schützenden Arme , an Ihr mütterliches Herz . Bis dahin wache ich über sie , ohne zu wanken oder zu weichen . « » Haben Sie Dank , guter , edler Ernesto ! « erwiederte Frau von Willnangen . » Sie wollen mir Trost geben , indem Sie mir die Aussicht für meine Gabriele zu erheitern suchen , aber mein ahnendes Herz will sich nicht zufrieden sprechen lassen . Sie auch künftig in Gabrielens Nähe zu wissen , ist freilich viel ; es ist das Einzige , woran ich in dieser trüben Stunde mich noch halte . Möge ein freundlich Geschick Ihr wohlmeinendes Streben begünstigen ! Ich bete mit Inbrunst darum , aber ich fürchte , sie ist dennoch von nun an verloren , verloren uns und verloren sich selbst . « Mit dem Gefühl , mit welchem ein halb Erwachter sich völlig von den Fesseln eines ängstigenden Traumes loszuwinden strebt , saß Gabriele schon am folgenden Vormittage im Wagen . Unverwandt haftete ihr Blick auf dem raschen Umschwunge der Räder , welche sie einer Bestimmung entgegen führten , von der sie noch vor wenigen Stunden keine Ahnung gehabt hatte . Keiner ihrer Begleiter unterbrach auch nur mit einem einzigen Worte die im Wagen herrschende Stille . Ernesto kannte zu gut das weiche aber auch starke Gemüth seiner Schülerin , um nicht überzeugt zu seyn , daß sie gewiß aus dem schweren Kampf zwischen ihrem Herzen und ihrem Pflichtgefühl als Siegerin hervorgehen würde , wenn man sie nur ungestört sich selbst überließ . Frau Dalling schwieg , weil unaussprechliches Mitleid mit ihrem geliebten Kinde ihr die Sprache hemmte , und die arme Annette hatte genug mit ihrem eignen Schmerz zu thun ; sie weinte ganz in der Stille über sich sowohl als über ihre Herrin . Der Erfolg rechtfertigte Ernesto ' s Erwartungen von Gabrielen . Nach wenigen Stunden richtete sie sich rasch und muthig auf , wie schon oft in ähnlichen Fällen , und suchte von nun an ihre alte Freundin recht liebkosend und hold für das bisherige untheilnehmende Verhalten zu entschädigen . Aber der Geist der Freude blieb dennoch fern von der kleinen Reisegesellschaft . Bei aller gegenseitiger Freundlichkeit saß doch jedes Mitglied derselben trübe und in sich gekehrt da . Keines vermochte sich des Zieles der Reise zu freuen , während alle sich bestrebten , die eignen Besorgnisse den übrigen , so viel es nur möglich war , zu verhehlen . So kam allmählig der letzte Tag der Reise heran . Der Wagen hielt zur Mittagszeit vor einem Eisenhammer , der schon zu den Besitzungen des Baron Aarheims gehörte . Das vom ewigen Rauch und Kohlendampf geschwärzte Gebäude steht in einem von öden Felsen eingeengten Thal , oder vielmehr in einer wilden Schlucht , durch deren Mitte ein schäumender Bach über moosbewachsne Steine hinrauscht . Wenn Mittags die Sonne von ihrem höchsten Standpunkt einige erwärmende Strahlen in diesen , einem Grabe ähnlichen Winkel der Erde herabsendet , dann werfen ein paar halb verdorrte Fichten ihren spärlichen Schatten auf die schwarzen Wellen und auf das moosbedeckte Ufer , die übrige Zeit des Tages liegt alles farbelos und erstorben da . Nichts belebt diese schauerliche Einöde , als das einförmige unaufhörliche Klopfen des Hammers , das Schwirren und Tosen der Räder . Wände und Fußboden der engen dunkeln Gemächer des zu dem Eisenhammer gehörenden Hauses dröhnen und zittern immerwährend . Gabriele und Ernesto eilten deshalb sobald als möglich hinaus ins Freie , um diesem ängstlichen Aufenthalt zu entgehen , Frau Dalling aber blieb zurück , um sich bei den Bewohnern desselben nach dem gegenwärtigen Befinden des Barons zu erkundigen . Gleich beim ersten Schritte außer dem Hause erinnerte sich Gabriele , in früher Kindheit einmal mit ihrer Mutter hier gewesen zu seyn . Am Bach stand noch die alte halb verfallne Bank , wo sie damals an ihrer Seite mit Epheukränzen gespielt hatte , und zum erstenmal auf dieser Reise bemächtigte sich ihrer ein heimathliches Gefühl . Mit wehmüthiger Freude ergriff sie Ernesto ' s Hand , führte ihn zu dem Plätzchen , welches die ehemalige Gegenwart der Mutter ihr zum Tempel geheiligt hatte , und setzte sich dort recht vertraulich neben ihn hin . » Ich fürchte , guter Ernesto ! « hob sie in großer Bewegung an , » ich fürchte , wir werden sobald nicht wieder eines so traulichen , ungestörten Beisammenseyns uns erfreuen können . Umsonst streben wir , es uns zu verbergen , wir müssen scheiden , heute oder morgen , gleichviel . Ich muß mich auch von Ihnen trennen , wie ich mich schon von meiner ewig theuern Willnangen , von meiner geliebten Auguste , von - ach ! von so Vielem trennen mußte , für das mein künftiges Leben mir nie Ersatz bieten kann . Vergebens suchten Sie es mir durch ihre Begleitung auf dieser traurigen Reise zu verbergen , wie ich so ganz verlassen von meinen Freunden künftig seyn werde . Aber ich danke es Ihnen doch , mit dem innigsten Gefühl , daß Sie es mir mitleidig verbergen wollten . Guter , sorgsamer Freund , treuer Beschützer meiner verwaisten Jugend , ich danke Ihnen , mehr kann ich nicht . « » Wollen Sie mich denn fortschicken , liebe Gabriele ? « fragte Ernesto mit etwas gezwungnem Lächeln . » Ich bin noch gar nicht gesonnen , so bald zu gehen . Meine Meinung war , noch recht lange in ihrer Nähe zu verweilen , oder Sie recht bald in Ihre eigentliche Heimath zu Frau von Willnangen zurück zu begleiten . « » Guter Ernesto ! was hülfe es , wenn ich Sie täuschte , und mir selbst Hoffnungen erregte , die doch nie in Erfüllung gehen können ; « erwiederte Gabriele . » Ich weiß es , ich stehe hier an der Schwelle eines sehr dunkeln , sehr einförmigen , und in den Augen der Welt sehr freudenlosen Lebens . Ich muß Sie darauf vorbereiten , ehe Sie die wenigen Stunden zwischen hier und Schloß Aarheim zurücklegen , daß kein Fremder , sogar kein Freund dort gastlich aufgenommen wird . Mein Vater flieht die Menschen , bittre Erfahrungen haben ihn sogar ihren Anblick hassen gelehrt . « - » Ich weiß es , « unterbrach sie Ernesto , » und habe auch nie darauf gerechnet , von ihm freundlich empfangen zu werden ! Dennoch bin ich entschlossen , Sie bis zu ihm zu begleiten . Mein Herz sehnt sich nach dem Orte , wo der Stern meiner Jugend unterging . Ich feiere dort ein theures Andenken und kehre gleich darauf in dieses Thal zurück . Ich denke im Försterhause , das dort in der Felsenecke so malerisch liegt , mich häuslich niederzulassen , und Frau Dalling bemüht sich diesen Augenblick , mit meinem künftigen Hausherrn die deshalb nöthigen Verabredungen zu treffen . Ich bleibe so recht sehr in ihrer Nähe , liebe Gabriele , denn wie ich höre , führt ein Fußsteig in weniger als einer Stunde von hier nach Ihrer Burg , während wir auf dem Fahrwege wohl viermal so viel Zeit brauchen werden , wie das zwischen Bergen so oft der Fall ist . « » Hier wollten Sie bleiben ? Hier in dieser gräßlichen Wüste ? Guter Gott , Ernesto ! wie kann ich je eines solchen Opfers mich werth achten ! « rief Gabriele . » Wie leid ist es mir , daß ich diese bewundernden Ausrufungen nicht verdiene , « sprach Ernesto in seinem gewöhnlichen humoristischen Ton , » denn ich bin leider nicht halb so edelmüthig , als Sie es sich denken . Schon längst wünschte ich die mir oft gerühmte wilde Pracht dieses Gebirges kennen zu lernen . Ich will hier Studien für meinen Johannes in der Wüste nach der Natur malen , den ich , wie Sie wissen , schon längst im Sinne trage . Farben , Leinwand , alles habe ich mitgebracht , vielleicht fange ich morgen schon an , denn seit ich diese Felsengegend sah , bin ich überzeugt , daß ich in der Welt keine beßre Einöde für meinen Heiligen finden kann . « » Sie sollen ihren edlen Willen haben , Ernesto ! ich will thun , als merkte ich nicht , wie Sie meinem Dank ausweichen wollen , « sprach Gabriele und neigte sich kindlich über Ernesto ' s Hand , die sie an ihr Herz drückte . » Aber , « fuhr sie fort , und sah mit ihren klaren Augen recht treuherzig zu ihm auf , » nehmen Sie auch die Beruhigung an , die ich mit aller Aufrichtigkeit Ihnen zu geben im Stande bin . Glauben Sie meiner Versicherung , daß ich auch die abgeschiedenste Einsamkeit , zu der mein Vater mich bestimmen kann , für kein Unglück halte . Vor Langerweile haben Sie und meine Mutter mich durch die Sorgfalt geschützt , mit der beide für meinen Unterricht sorgten ; meinem Herzen bleibt Erinnerung und Liebe , die lassen niemand einsam . Ueber alles tröstend aber ist mir das Gefühl , daß ich hier auf dem einzigen Punkte stehe , auf welchen ich in der Welt hingehöre . Das einzige Kind eines greisen , kränkelnden Vaters darf ja keine andre Freude suchen und kennen , als ihn zu pflegen und die trüben Stunden seines Abends zu erheitern . « » Mein Heldenmädchen ! « rief Ernesto und strebte vergebens , die tiefe Rührung , von der er sich ergriffen fühlte , unter heiterm Lächeln zu verbergen . » Ich weiß , Gabriele ! was Sie zu tragen vermögen , « setzte er sehr ernst hinzu , » und darum fürchte ich so sehr die edle jugendliche Lust , die Sie verleiten kann , das Schwerste zu wählen , weil es das Schwerste ist . Wer weiß , zu welchen unerhörten Opfern man Sie in jener finstern Burg auffordern wird ! Das in langer Einsamkeit , unter der Last eines freudenlosen Alters verhärtete Gemüth Ihres Vaters , wird es sich an Ihrem milden Wesen erwärmen ? wird es sich daran nur erfreuen ? Gabriele ! eine mir selbst unerklärliche Angst verleitet mich in diesem Augenblick , es zu vergessen , daß ich zu der Tochter von ihrem Vater spreche , aber ich kann nicht anders , ich muß Sie bittend warnen . Hier auf dem kalten Boden , wo Ihre Mutter , einsam und verlassen , vor der Zeit hinwelken mußte , wird es hier ihrem zarten jugendlichen Ebenbilde , das sie uns hinterließ , besser ergehen ? « » Was fürchten Sie denn eigentlich für mich von meinem Vater ? lieber Ernesto ! « erwiederte Gabriele . Welches Opfer kann er denn von mir fordern ? doch keines , als das der geselligen Freuden und meiner Zeit , die ich ohnehin von nun an einzig ihm weihen muß ; ich habe ja nichts anders , das ich ihm darbringen könnte . Beruhigen Sie sich . Das hohe Beispiel meiner Mutter leuchtet mir vor auf der Bahn , die ich betrete . Sie sagen : ich gleiche ihr . O lassen Sie mich in Allem ihr immer ähnlicher werden , selbst in ihrem Geschick , wenn es seyn muß , denn was kann ich Höheres wünschen , als zu seyn wie sie war . « » Nun so segne dich Gott , du reines Wesen ! und behüte dich vor gar zu großer Versuchung , dich selbst zu vergessen ! « rief Ernesto , und drückte zum erstenmal Gabrielen an seine Brust . » Nur noch den einzigen Trost gewähren Sie mir , um den ich jetzt Sie bitte , und ich will ruhig seyn , « setzte er hinzu . » Versprechen Sie mir feierlich , ohne meinen Rath , ohne mein Mitwissen keinen Ihre Zukunft bestimmenden Schritt zu thun . Versprechen Sie es mir , Gabriele ! wenn Sie wirklich glauben , daß ich irgend Dank um Sie verdiene ; versprechen Sie es mir , ich muß , ich muß dieses Versprechen von Ihnen erflehen , erzwingen , genug ich muß es erhalten . « » Ich begreife Sie nicht , Ernesto ! warlich ich glaube , diese dunkeln Umgebungen , diese schwarzen Felsen erfüllen ihre Einbildungskraft mit grauenvollen Bildern , « sprach freundlich Gabriele , indem sie ihre Rechte in Ernesto ' s dargebotne Hand legte . » Hier haben Sie mein feierliches Versprechen , wie Sie es wünschen . Es bedurfte dessen nicht , denn wie könnte ich ohne den Rath meines einzig treuen , erfahrnen Freundes irgend etwas wichtiges für mich entscheiden , sobald ich so glücklich bin , ihn in meiner Nähe zu wissen . Ich ehre und liebe meinen Vater , wie es die Pflicht dem Kinde gebeut , aber ich kenne ihn wenig ; ich habe mich nie in meinem Leben vertrauend ihm genaht . Sein ernstes , Ehrfurcht und Gehorsam gebietendes Ansehen schreckte mich stets von ihm zurück , und dieser Eindruck ist bleibend . Aber deshalb rührt es mich eben so