erforschen . Auch kehrten die beiden Wandelnden am Ende des Ganges um , indem Wilhelm eine Bedenklichkeit äußerte , daß man hier eigentlich nur bis zum Abendmahle , bis zum Scheiden des Meisters von seinen Jüngern gelangt sei . Er fragte nach dem übrigen Teil der Geschichte . » Wir sondern « , versetzte der Älteste , » bei jedem Unterricht , bei aller Überlieferung sehr gerne , was nur möglich zu sondern ist ; denn dadurch allein kann der Begriff des Bedeutenden bei der Jugend entspringen . Das Leben mengt und mischt ohnehin alles durcheinander , und so haben wir auch hier das Leben jenes vortrefflichen Mannes ganz von dem Ende desselben abgesondert . Im Leben erscheint er als ein wahrer Philosoph - stoßet Euch nicht an diesen Ausdruck - , als ein Weiser im höchsten Sinne . Er steht auf seinem Punkte fest ; er wandelt seine Straße unverrückt , und indem er das Niedere zu sich heraufzieht , indem er die Unwissenden , die Armen , die Kranken seiner Weisheit , seines Reichtums , seiner Kraft teilhaftig werden läßt und sich deshalb ihnen gleichzustellen scheint , so verleugnet er nicht von der andern Seite seinen göttlichen Ursprung ; er wagt , sich Gott gleichzustellen , ja sich für Gott zu erklären . Auf diese Weise setzt er von Jugend auf seine Umgebung in Erstaunen , gewinnt einen Teil derselben für sich , regt den andern gegen sich auf und zeigt allen , denen es um eine gewisse Höhe im Lehren und Leben zu tun ist , was sie von der Welt zu erwarten haben . Und so ist sein Wandel für den edlen Teil der Menschheit noch belehrender und fruchtbarer als sein Tod : denn zu jenen Prüfungen ist jeder , zu diesem sind nur wenige berufen ; und damit wir alles übergehen , was aus dieser Betrachtung folgt , so betrachtet die rührende Szene des Abendmahls . Hier läßt der Weise , wie immer , die Seinigen ganz eigentlich verwaist zurück , und indem er für die Guten besorgt ist , füttert er zugleich mit ihnen einen Verräter , der ihn und die Bessern zugrunde richten wird . « Mit diesen Worten eröffnete der Älteste eine Pforte , und Wilhelm stutzte , als er sich wieder in der ersteren Halle des Eingangs fand . Sie hatten , wie er wohl merkte , indessen den ganzen Umkreis des Hofes zurückgelegt . » Ich hoffte « , sagte Wilhelm , » Ihr würdet mich ans Ende führen , und bringt mich wieder zum Anfang . « - » Für diesmal kann ich Euch weiter nichts zeigen « , sagte der Älteste ; » mehr lassen wir unsere Zöglinge nicht sehen , mehr erklären wir ihnen nicht , als was Ihr bis jetzt durchlaufen habt ; das äußere allgemein Weltliche einem jeden von Jugend auf , das innere besonders Geistige und Herzliche nur denen , die mit einiger Besonnenheit heranwachsen , und das übrige , was des Jahrs nur einmal eröffnet wird , kann nur denen mitgeteilt werden , die wir entlassen . Jene letzte Religion , die aus der Ehrfurcht vor dem , was unter uns ist entspringt , jene Verehrung des Widerwärtigen , Verhaßten , Fliehenswerten geben wir einem jeden nur ausstattungsweise in die Welt mit , damit er wisse , wo er dergleichen zu finden hat , wenn ein solches Bedürfnis sich in ihm regen sollte . Ich lade Euch ein , nach Verlauf eines Jahres wiederzukehren , unser allgemeines Fest zu besuchen und zu sehen , wie weit Euer Sohn vorwärts gekommen ; alsdann sollt auch Ihr in das Heiligtum des Schmerzes eingeweiht werden . « » Erlaubt mir eine Frage « , versetzte Wilhelm . » Habt ihr denn auch , so wie ihr das Leben dieses göttlichen Mannes als Lehr- und Musterbild aufstellt , sein Leiden , seinen Tod gleichfalls als ein Vorbild erhabener Duldung herausgehoben ? « - » Auf alle Fälle « , sagte der Älteste . » Hieraus machen wir kein Geheimnis ; aber wir ziehen einen Schleier über diese Leiden , eben weil wir sie so hoch verehren . Wir halten es für eine verdammungswürdige Frechheit , jenes Martergerüst und den daran leidenden Heiligen dem Anblick der Sonne auszusetzen , die ihr Angesicht verbarg , als eine ruchlose Welt ihr dies Schauspiel aufdrang , mit diesen tiefen Geheimnissen , in welchen die göttliche Tiefe des Leidens verborgen liegt , zu spielen , zu tändeln , zu verzieren und nicht eher zu ruhen , bis das Würdigste gemein und abgeschmackt erscheint . So viel sei für diesmal genug , um Euch über Euren Knaben zu beruhigen und völlig zu überzeugen , daß Ihr ihn auf irgendeine Art , mehr oder weniger , aber doch nach wünschenswerter Weise gebildet und auf alle Fälle nicht verworren , schwankend und unstät wiederfinden sollt . « Wilhelm zauderte , indem er sich die Bilder der Vorhalle besah und ihren Sinn gedeutet wünschte . » Auch dieses « , sagte der Älteste , » bleiben wir Euch bis übers Jahr schuldig . Bei dem Unterricht , den wir in der Zwischenzeit den Kindern geben , lassen wir keine Fremden zu ; aber alsdann kommt und vernehmt , was unsere besten Redner über diese Gegenstände öffentlich zu sagen für dienlich halten . « Bald nach dieser Unterredung hörte man an der kleinen Pforte pochen . Der gestrige Aufseher meldete sich , er hatte Wilhelms Pferd vorgeführt , und so beurlaubte sich der Freund von der Dreie , welche zum Abschied ihn dem Aufseher folgendermaßen empfahl : » Dieser wird nun zu den Vertrauten gezählt , und dir ist bekannt , was du ihm auf seine Fragen zu erwidern hast : denn er wünscht gewiß noch über manches , was er bei uns sah und hörte , belehrt zu werden ; Maß und Ziel ist dir nicht verborgen . « Wilhelm hatte freilich noch einige Fragen auf dem Herzen , die er auch sogleich anbrachte . Wo sie durchritten , stellten sich die Kinder wie gestern ; aber heute sah er , obgleich selten , einen und den andern Knaben , der den vorbeireitenden Aufseher nicht grüßte , von seiner Arbeit nicht aufsah und ihn unbemerkt vorüberließ . Wilhelm fragte nun nach der Ursache und was diese Ausnahme zu bedeuten habe . Jener erwiderte darauf : » Sie ist freilich sehr bedeutungsvoll : denn es ist die höchste Strafe , die wir den Zöglingen auflegen , sie sind unwürdig erklärt , Ehrfurcht zu beweisen , und genötigt , sich als roh und ungebildet darzustellen ; sie tun aber das mögliche , um sich aus dieser Lage zu retten , und finden sich aufs geschwindeste in jede Pflicht . Sollte jedoch ein junges Wesen verstockt zu seiner Rückkehr keine Anstalt machen , so wird es mit einem kurzen , aber bündigen Bericht den Eltern wieder zurückgesandt . Wer sich den Gesetzen nicht fügen lernt , muß die Gegend verlassen , wo sie gelten . « Ein anderer Anblick reizte , heute wie gestern , des Wanderers Neugierde ; es war Mannigfaltigkeit an Farbe und Schnitt der Zöglingskleidung ; hier schien kein Stufengang obzuwalten , denn solche , die verschieden grüßten , waren überein gekleidet , gleich Grüßende waren anders angezogen . Wilhelm fragte nach der Ursache dieses scheinbaren Widerspruchs . » Er löst sich « , versetzte jener , » darin auf , daß es ein Mittel ist , die Gemüter der Knaben eigens zu erforschen . Wir lassen , bei sonstiger Strenge und Ordnung , in diesem Falle eine gewisse Willkür gelten . Innerhalb des Kreises unserer Vorräte an Tüchern und Verbrämungen dürfen die Zöglinge nach beliebiger Farbe greifen , so auch innerhalb einer mäßigen Beschränkung Form und Schnitt wählen ; dies beobachten wir genau , denn an der Farbe läßt sich die Sinnesweise , an dem Schnitt die Lebensweise des Menschen erkennen . Doch macht eine besondere Eigenheit der menschlichen Natur eine genauere Beurteilung gewissermaßen schwierig ; es ist der Nachahmungsgeist , die Neigung , sich anzuschließen . Sehr selten , daß ein Zögling auf etwas fällt , was noch nicht dagewesen , meistens wählen sie etwas Bekanntes , was sie gerade vor sich sehen . Doch auch diese Betrachtung bleibt uns nicht unfruchtbar , durch solche Äußerlichkeiten treten sie zu dieser oder jener Partei , sie schließen sich da oder dort an , und so zeichnen sich allgemeinere Gesinnungen aus , wir erfahren , wo jeder sich hinneigt , welchem Beispiel er sich gleichstellt . Nun hat man Fälle gesehen , wo die Gemüter sich ins Allgemeine neigten , wo eine Mode sich über alle verbreiten , jede Absonderung sich zur Einheit verlieren wollte . Einer solchen Wendung suchen wir auf gelinde Weise Einhalt zu tun , wir lassen die Vorräte ausgehen ; dieses und jenes Zeug , eine und die andere Verzierung ist nicht mehr zu haben ; wir schieben etwas Neues , etwas Reizendes herein , durch helle Farben und kurzen , knappen Schnitt locken wir die Muntern , durch ernste Schattierungen , bequeme , faltenreiche Tracht die Besonnenen und stellen so nach und nach ein Gleichgewicht her . Denn der Uniform sind wir durchaus abgeneigt , sie verdeckt den Charakter und entzieht die Eigenheiten der Kinder , mehr als jede andere Verstellung , dem Blicke der Vorgesetzten . « Unter solchen und andern Gesprächen gelangte Wilhelm an die Grenze der Provinz , und zwar an den Punkt , wo sie der Wanderer , nach des alten Freundes Andeutung , verlassen sollte , um seinem eigentlichen Zweck entgegenzugehen . Beim Lebewohl bemerkte zunächst der Aufseher : Wilhelm möge nun erwarten , bis das große Fest allen Teilnehmern auf mancherlei Weise angekündigt werde . Hierzu würden die sämtlichen Eltern eingeladen und tüchtige Zöglinge ins freie , zufällige Leben entlassen . Alsdann solle er , hieß es , auch die übrigen Landschaften nach Belieben betreten , wo , nach eigenen Grundsätzen , der einzelne Unterricht in vollständiger Umgebung erteilt und ausgeübt wird . Drittes Kapitel Der Angewöhnung des werten Publikums zu schmeicheln , welches seit geraumer Zeit Gefallen findet , sich stückweise unterhalten zu lassen , gedachten wir erst , nachstehende Erzählung in mehreren Abteilungen vorzulegen . Der innere Zusammenhang jedoch , nach Gesinnungen , Empfindungen und Ereignissen betrachtet , veranlaßte einen fortlaufenden Vortrag . Möge derselbe seinen Zweck erreichen und zugleich am Ende deutlich werden , wie die Personen dieser abgesondert scheinenden Begebenheit mit denjenigen , die wir schon kennen und lieben , aufs innigste zusammengeflochten worden . Der Mann von funfzig Jahren Der Major war in den Gutshof hereingeritten , und Hilarie , seine Nichte , stand schon , um ihn zu empfangen , außen auf der Treppe , die zum Schloß hinaufführte . Kaum erkannte er sie ; denn schon war sie wieder größer und schöner geworden . Sie flog ihm entgegen , er drückte sie an seine Brust mit dem Sinn eines Vaters , und sie eilten hinauf zu ihrer Mutter . Der Baronin , seiner Schwester , war er gleichfalls willkommen , und als Hilarie schnell hinwegging , das Frühstück zu bereiten , sagte der Major freudig : » Diesmal kann ich mich kurz fassen und sagen , daß unser Geschäft beendigt ist . Unser Bruder , der Obermarschall , sieht wohl ein , daß er weder mit Pächtern noch Verwaltern zurechtkommt . Er tritt bei seinen Lebzeiten die Güter uns und unsern Kindern ab ; das Jahrgehalt , das er sich ausbedingt , ist freilich stark ; aber wir können es ihm immer geben : wir gewinnen doch noch für die Gegenwart viel und für die Zukunft alles . Die neue Einrichtung soll bald in Ordnung sein . Da ich zunächst meinen Abschied erwarte , so sehe ich doch wieder ein tätiges Leben vor mir , das uns und den Unsrigen einen entschiedenen Vorteil bringen kann . Wir sehen ruhig zu , wie unsre Kinder emporwachsen , und es hängt von uns , von ihnen ab , ihre Verbindung zu beschleunigen . « » Das wäre alles recht gut « , sagte die Baronin , » wenn ich dir nur nicht ein Geheimnis zu entdecken hätte , das ich selbst erst gewahr worden bin . Hilariens Herz ist nicht mehr frei ; von der Seite hat dein Sohn wenig oder nichts zu hoffen . « » Was sagst du ? « rief der Major ; » ist ' s möglich ? indessen wir uns alle Mühe geben , uns ökonomisch vorzusehen , so spielt uns die Neigung einen solchen Streich ! Sag ' mir , Liebe , sag ' mir geschwind , wer ist es , der das Herz Hilariens fesseln konnte ? Oder ist es denn auch schon so arg ? Ist es nicht vielleicht ein flüchtiger Eindruck , den man wieder auszulöschen hoffen kann ? « » Du mußt erst ein wenig sinnen und raten « , versetzte die Baronin und vermehrte dadurch seine Ungeduld . Sie war schon aufs höchste gestiegen , als Hilarie , mit den Bedienten , welche das Frühstück trugen , hereintretend , eine schnelle Auflösung des Rätsels unmöglich machte . Der Major selbst glaubte das schöne Kind mit andern Augen anzusehn als kurz vorher . Es war ihm beinahe , als wenn er eifersüchtig auf den Beglückten wäre , dessen Bild sich in einem so schönen Gemüt hatte eindrücken können . Das Frühstück wollte ihm nicht schmecken , und er bemerkte nicht , daß alles genau so eingerichtet war , wie er es am liebsten hatte und wie er es sonst zu wünschen und zu verlangen pflegte . Über dieses Schweigen und Stocken verlor Hilarie fast selbst ihre Munterkeit . Die Baronin fühlte sich verlegen und zog ihre Tochter ans Klavier ; aber ihr geistreiches und gefühlvolles Spiel konnte dem Major kaum einigen Beifall ablocken . Er wünschte das schöne Kind und das Frühstück je eher je lieber entfernt zu sehen , und die Baronin mußte sich entschließen , aufzubrechen und ihrem Bruder einen Spaziergang in den Garten vorzuschlagen . Kaum waren sie allein , so wiederholte der Major dringend seine vorige Frage ; worauf seine Schwester nach einer Pause lächelnd versetzte : » Wenn du den Glücklichen finden willst , den sie liebt , so brauchst du nicht weit zu gehen , er ist ganz in der Nähe : dich liebt sie . « Der Major stand betroffen , dann rief er aus : » Es wäre ein sehr unzeitiger Scherz , wenn du mich etwas überreden wolltest , das mich im Ernst so verlegen wie unglücklich machen würde . Denn ob ich gleich Zeit brauche , mich von meiner Verwunderung zu erholen , so sehe ich doch mit einem Blicke voraus , wie sehr unsere Verhältnisse durch ein so unerwartetes Ereignis gestört werden müßten . Das einzige , was mich tröstet , ist die Überzeugung , daß Neigungen dieser Art nur scheinbar sind , daß ein Selbstbetrug dahinter verborgen liegt , und daß eine echte , gute Seele von dergleichen Fehlgriffen oft durch sich selbst oder doch wenigstens mit einiger Beihülfe verständiger Personen gleich wieder zurückkommt . « » Ich bin dieser Meinung nicht « , sagte die Baronin , » denn nach allen Symptomen ist es ein sehr ernstliches Gefühl , von welchem Hilarie durchdrungen ist . « » Etwas so Unnatürliches hätte ich ihrem natürlichen Wesen nicht zugetraut « , versetzte der Major . » Es ist so unnatürlich nicht « , sagte die Schwester . » Aus meiner Jugend erinnere ich mich selbst einer Leidenschaft für einen älteren Mann , als du bist . Du hast funfzig Jahre ; das ist immer noch nicht gar zu viel für einen Deutschen , wenn vielleicht andere , lebhaftere Nationen früher altern . « » Wodurch willst du aber deine Vermutung bekräftigen ? « sagte der Major . » Es ist keine Vermutung , es ist Gewißheit . Das Nähere sollst du nach und nach vernehmen . « Hilarie gesellte sich zu ihnen , und der Major fühlte sich , wider seinen Willen , abermals verändert . Ihre Gegenwart deuchte ihn noch lieber und werter als vorher ; ihr Betragen schien ihm liebevoller , und schon fing er an , den Worten seiner Schwester Glauben beizumessen . Die Empfindung war für ihn höchst angenehm , ob er sich gleich solche weder gestehen noch erlauben wollte . Freilich war Hilarie höchst liebenswürdig , indem sich in ihrem Betragen die zarte Scheu gegen einen Liebhaber und die freie Bequemlichkeit gegen einen Oheim auf das innigste verband ; denn sie liebte ihn wirklich und von ganzer Seele . Der Garten war in seiner vollen Frühlingspracht , und der Major , der so viele alte Bäume sich wieder belauben sah , konnte auch an die Wiederkehr seines eignen Frühlings glauben . Und wer hätte sich nicht in der Gegenwart des liebenswürdigsten Mädchens dazu verführen lassen ! So verging ihnen der Tag zusammen ; alle häuslichen Epochen wurden mit der größten Gemütlichkeit durchlebt ; abends nach Tisch setzte sich Hilarie wieder ans Klavier ; der Major hörte mit andern Ohren als heute früh ; eine Melodie schlang sich in die andere , ein Lied schloß sich ans andere , und kaum vermochte die Mitternacht die kleine Gesellschaft zu trennen . Als der Major auf seinem Zimmer ankam , fand er alles nach seiner alten , gewohnten Bequemlichkeit eingerichtet ; sogar einige Kupferstiche , bei denen er gern verweilte , waren aus andern Zimmern herübergehängt ; und da er einmal aufmerksam geworden war , so sah er sich bis auf jeden einzelnen kleinen Umstand versorgt und geschmeichelt . Nur wenig Stunden Schlaf bedurfte er diesmal ; seine Lebensgeister waren früh aufgeregt . Aber nun merkte er auf einmal , daß eine neue Ordnung der Dinge manches Unbequeme nach sich ziehe . Er hatte seinem alten Reitknecht , der zugleich die Stelle des Bedienten und Kammerdieners vertrat , seit mehreren Jahren kein böses Wort gegeben : denn alles ging in der strengsten Ordnung seinen gewöhnlichen Gang ; die Pferde waren versorgt und die Kleidungsstücke zu rechter Stunde gereinigt ; aber der Herr war früher aufgestanden , und nichts wollte passen . Sodann gesellte sich noch ein anderer Umstand hinzu , um die Ungeduld und eine Art böser Laune des Majors zu vermehren . Sonst war ihm alles an sich und seinem Diener recht gewesen ; nun aber fand er sich , als er vor den Spiegel trat , nicht so , wie er zu sein wünschte . Einige graue Haare konnte er nicht leugnen , und von Runzeln schien sich auch etwas eingefunden zu haben . Er wischte und puderte mehr als sonst und mußte es doch zuletzt lassen , wie es sein konnte . Auch mit der Kleidung und ihrer Sauberkeit war er nicht zufrieden . Da sollten sich immer noch Fasern auf dem Rock und noch Staub auf den Stiefeln finden . Der Alte wußte nicht , was er sagen sollte , und war erstaunt , einen so veränderten Herrn vor sich zu sehen . Ungeachtet aller dieser Hindernisse war der Major schon früh genug im Garten . Hilarien , die er zu finden hoffte , fand er wirklich . Sie brachte ihm einen Blumenstrauß entgegen , und er hatte nicht den Mut , sie wie sonst zu küssen und an sein Herz zu drücken . Er befand sich in der angenehmsten Verlegenheit von der Welt und überließ sich seinen Gefühlen , ohne zu denken , wohin das führen könne . Die Baronin gleichfalls säumte nicht lange zu erscheinen , und indem sie ihrem Bruder ein Billet wies , das ihr eben ein Bote gebracht hatte , rief sie aus : » Du rätst nicht , wen uns dieses Blatt anzumelden kommt . « - » So entdecke es nur bald ! « versetzte der Major ; und er erfuhr , daß ein alter theatralischer Freund nicht weit von dem Gute vorbeireise und für einen Augenblick einzukehren gedenke . » Ich bin neugierig , ihn wiederzusehen « , sagte der Major ; » er ist kein Jüngling mehr , und ich höre , daß er noch immer die jungen Rollen spielt . « - » Er muß um zehn Jahre älter sein als du « , versetzte die Baronin . - » Ganz gewiß « , erwiderte der Major , » nach allem , was ich mich erinnere . « Es währte nicht lange , so trat ein munterer , wohlgebauter , gefälliger Mann herzu . Man stutzte einen Augenblick , als man sich wiedersah . Doch sehr bald erkannten sich die Freunde , und Erinnerungen aller Art belebten das Gespräch . Hierauf ging man zu Erzählungen , zu Fragen und zu Rechenschaft über ; man machte sich wechselsweise mit den gegenwärtigen Lagen bekannt und fühlte sich bald , als wäre man nie getrennt gewesen . Die geheime Geschichte sagt uns , daß dieser Mann in früherer Zeit , als ein sehr schöner und angenehmer Jüngling , einer vornehmen Dame zu gefallen das Glück oder Unglück gehabt habe ; daß er dadurch in große Verlegenheit und Gefahr geraten , woraus ihn der Major eben im Augenblick , als ihn das traurigste Schicksal bedrohte , glücklich herausriß . Ewig blieb er dankbar , dem Bruder sowohl als der Schwester ; denn diese hatte durch zeitige Warnung zur Vorsicht Anlaß gegeben . Einige Zeit vor Tische ließ man die Männer allein . Nicht ohne Bewunderung , ja gewissermaßen mit Erstaunen hatte der Major das äußere Behaben seines alten Freundes im ganzen und einzelnen betrachtet . Er schien gar nicht verändert zu sein , und es war kein Wunder , daß er noch immer als jugendlicher Liebhaber auf dem Theater erscheinen konnte . - » Du betrachtest mich aufmerksamer als billig ist « , sprach er endlich den Major an ; » ich fürchte sehr , du findest den Unterschied gegen vorige Zeit nur allzu groß . « - » Keineswegs « , versetzte der Major , » vielmehr bin ich voll Verwunderung , dein Aussehen frischer und jünger zu finden als das meine ; da ich doch weiß , daß du schon ein gemachter Mann warst , als ich , mit der Kühnheit eines wagehalsigen Gelbschnabels , dir in gewissen Verlegenheiten beistand . « - » Es ist deine Schuld « , versetzte der andere , » es ist die Schuld aller deinesgleichen ; und ob ihr schon darum nicht zu schelten seid , so seid ihr doch zu tadeln . Man denkt immer nur ans Notwendige ; man will sein und nicht scheinen . Das ist recht gut , solange man etwas ist . Wenn aber zuletzt das Sein mit dem Scheinen sich zu empfehlen anfängt und der Schein noch flüchtiger als das Sein ist , so merkt denn doch ein jeder , daß er nicht übel getan hätte , das Äußere über dem Innern nicht ganz zu vernachlässigen . « - » Du hast recht « , versetzte der Major und konnte sich fast eines Seufzers nicht enthalten . - » Vielleicht nicht ganz recht « , sagte der bejahrte Jüngling ; » denn freilich bei meinem Handwerke wäre es ganz unverzeihlich , wenn man das Äußere nicht so lange aufstutzen wollte , als nur möglich ist . Ihr andern aber habt Ursache , auf andere Dinge zu sehen , die bedeutender und nachhaltiger sind . « - » Doch gibt es Gelegenheiten « , sagte der Major , » wo man sich innerlich frisch fühlt und sein Äußeres auch gar zu gern wieder auffrischen möchte . « Da der Ankömmling die wahre Gemütslage des Majors nicht ahnen konnte , so nahm er diese Äußerung im Soldatensinne und ließ sich weitläufig darüber aus : wie viel beim Militär aufs Äußere ankomme und wie der Offizier , der so manches auf seine Kleidung zu wenden habe , doch auch einige Aufmerksamkeit auf Haut und Haare wenden könne . » Es ist zum Beispiel unverantwortlich « , fuhr er fort , » daß Eure Schläfe schon grau sind , daß hie und da sich Runzeln zusammenziehen und daß Euer Scheitel kahl zu werden droht . Seht mich alten Kerl einmal an ! betrachtet , wie ich mich erhalten habe ! und das alles ohne Hexerei und mit weit weniger Mühe und Sorgfalt , als man täglich anwendet , um sich zu beschädigen oder wenigstens Langeweile zu machen . « Der Major fand bei dieser zufälligen Unterredung zu sehr seinen Vorteil , als daß er sie so bald hätte abbrechen sollen ; doch ging er leise und selbst gegen einen alten Bekannten mit Behutsamkeit zu Werke . - » Das habe ich nun leider versäumt ! « rief er aus , » und nachzuholen ist es nicht ; ich muß zu mich nun schon darein ergeben , und Ihr werdet deshalb nicht schlimmer von mir denken . « » Versäumt ist nichts ! « erwiderte jener , » wenn ihr andern ernsthaften Herren nur nicht so starr und steif wäret , nicht gleich einen jeden , der sein Äußeres bedenkt , für eitel erklären und euch dadurch selbst die Freude verkümmern möchtet , in gefälliger Gesellschaft zu sein und selbst zu gefallen . « - » Wenn es auch keine Zauberei ist « , lächelte der Major , » wodurch ihr andern euch jung erhaltet , so ist es doch ein Geheimnis , oder wenigstens sind es Arcana , dergleichen oft in den Zeitungen gepriesen werden , von denen ihr aber die besten herauszuproben wißt . « - » Du magst im Scherz oder im Ernst reden « , versetzte der Freund , » so hast du ' s getroffen . Unter den vielen Dingen , die man von jeher versucht hat , um dem Äußeren einige Nahrung zu geben , das oft viel früher als das Innere abnimmt , gibt es wirklich unschätzbare , einfache sowohl als zusammengesetzte Mittel , die mir von Kunstgenossen mitgeteilt , für bares Geld oder durch Zufall überliefert und von mir selbst ausgeprobt worden . Dabei bleib ' ich und verharre nun , ohne deshalb meine weitern Forschungen aufzugeben . So viel kann ich dir sagen , und ich übertreibe nicht : ein Toilettenkästchen führe ich bei mir , über allen Preis ! ein Kästchen , dessen Wirkungen ich wohl an dir erproben möchte , wenn wir nur vierzehn Tage zusammenblieben . « Der Gedanke , etwas dieser Art sei möglich und diese Möglichkeit werde ihm gerade in dem rechten Augenblicke so zufällig nahe gebracht , erheiterte den Geist des Majors dergestalt , daß er wirklich schon frischer und munterer aussah und , von der Hoffnung , Haupt und Gesicht mit seinem Herzen in Übereinstimmung zu bringen , belebt , von der Unruhe , die Mittel dazu bald näher kennen zu lernen , in Bewegung gesetzt , bei Tische ein ganz anderer Mensch erschien , Hilariens anmutigen Aufmerksamkeiten getrost entgegenging und auf sie mit einer gewissen Zuversicht blickte , die ihm heute früh noch sehr fremd gewesen war . Hatte nun durch mancherlei Erinnerungen , Erzählungen und glückliche Einfälle der theatralische Freund die einmal angeregte gute Laune zu erhalten , zu beleben und zu vermehren gewußt , so wurde der Major um so verlegener , als jener gleich nach Tische sich zu entfernen und seinen Weg weiter fortzusetzen drohte . Auf alle Weise suchte er den Aufenthalt seines Freundes , wenigstens über Nacht , zu erleichtern , indem er Vorspann und Relais auf morgen früh andringlich zusagte . Genug , die heilsame Toilette sollte nicht aus dem Hause , bis man von ihrem Inhalt und Gebrauch näher unterrichtet wäre . Der Major sah sehr wohl ein , daß hier keine Zeit zu verlieren sei , und suchte daher gleich nach Tische seinen alten Günstling allein zu sprechen . Da er das Herz nicht hatte , ganz gerade auf die Sache loszugehen , so lenkte er von weitem dahin , indem er , das vorige Gespräch wieder auffassend , versicherte : er für seine Person würde gern mehr Sorgfalt auf das Äußere verwenden , wenn nur nicht gleich die Menschen einen jeden , dem sie ein solches Bestreben anmerken , für eitel erklärten und ihm dadurch sogleich wieder an der sittlichen Achtung entzögen , was sie sich genötigt fühlten an der sinnlichen ihm zuzugestehen . » Mache mich mit solchen Redensarten nicht verdrießlich ! « versetzte der Freund ; » denn das sind Ausdrücke , die sich die Gesellschaft angewöhnt hat , ohne etwas dabei zu denken , oder , wenn man es strenger nehmen will , wodurch sich ihre unfreundliche und mißwollende Natur ausspricht . Wenn du es recht genau betrachtest : was ist denn das , was man oft als Eitelkeit verrufen möchte ? Jeder Mensch soll Freude an sich selbst haben , und glücklich , wer sie hat . Hat er sie aber , wie kann er sich verwehren , dieses angenehme Gefühl merken zu lassen ? Wie soll er mitten im Dasein verbergen , daß er eine Freude am Dasein habe ? Fände die gute Gesellschaft , denn von der ist doch hier allein die Rede , nur alsdann diese Äußerungen tadelhaft , wenn sie zu lebhaft werden , wenn des einen Menschen Freude an sich und seinem Wesen die andern hindert , Freude an dem ihrigen zu haben und sie zu zeigen , so wäre nichts dabei zu erinnern , und von diesem Übermaß ist auch wohl der Tadel zuerst ausgegangen . Aber was soll eine wunderlich-verneinende Strenge gegen etwas Unvermeidliches ? Warum will man nicht eine Äußerung läßlich und erträglich finden , die man denn doch mehr oder weniger sich von Zeit zu Zeit selbst erlaubt ? ja , ohne die eine gute Gesellschaft gar nicht existieren könnte : denn das Gefallen an sich selbst , das Verlangen , dieses Selbstgefühl andern mitzuteilen , macht gefällig , das Gefühl eigner Anmut macht anmutig . Wollte Gott , alle Menschen wären eitel , wären es aber mit Bewußtsein , mit Maß und im rechten Sinne : so würden