strebte , indem sie jene Blumen , so wie das Geheimnis ihrer Herkunft blos ihrer Zudringlichkeit , nicht Erna ' s Geringschätzung seiner Gabe verdankte . Seitdem hatte er weder Mutter noch Tochter eines Wortes wieder gewürdigt , und mit kalter Höflichkeit ihre zuvorkommende Begrüßung erwiedernd , ging er auch jetzt stumm an ihnen vorüber . Wie erstaunte er aber , als er die Gräfin in der lebhaftesten Gemüthsbewegung , und zugleich im Begriff , auszugehen fand . Ah , sind Sie es ? rief sie ihm entgegen , nun Gott sei Dank , so erhalte ich wohl früher als durch mich selbst Aufschluß über die räthselhaften Begebenheiten , die mich quälen , und an die ich nicht eher glauben kann , bis ich sie auf eine Art bestätigt höre , die mir keinen Zweifel mehr gestattet . Was macht Erna ? Das eben glaubt ' ich von Ihnen zu erfahren , erwiederte Alexander , ich sah sie lange nicht . Und auf welche Weise sahen Sie sie zuletzt ? unterbrach ihn die Gräfin , ihre heftig gereizte Lebhaftigkeit nicht mehr im Zaume haltend . Man sagt , wie mir eben Lahnbergs erzählten , daß Linovsky sie kürzlich in einem tête à tête mit einem Liebhaber überrascht , und sogar entdeckt habe , daß sein unschuldiger dreijähriger Knabe bereits als Postillon d ' amour gebraucht worden sei - daß er , Mutter und Kind mishandelnd , auf Scheidung sinne , und öffentlich dem fluche , der , das heilige Recht der Freundschaft misbrauchend , ihm seinen Himmel stahl . Wie vom Blitz getroffen , stand Alexander stumm und starr , bis er in namenlosem Schmerz erbebte . Denn nicht nur die Ruhe , auch den Ruf der angebeteten Frau verunglimpft zu sehen , die so engelrein vor seiner Seele stand , raubte ihm den letzten Rest des inneren Friedens , der sich auf den Glauben stützte , daß wenigstens der Schleier des tiefsten Geheimnisses , ihrem Zartgefühl so wohlthätig , den Mangel ihres häuslichen Glücks bedecke . Man sagt ! fuhr er stürmisch auf , dies heillose Wort ist die giftigste Natter des geselligen Lebens , der feige Hinterhalt der Verläumdung , die die eigenen Erfindungen unter dieser Aegide dreist verbreitet . Daß sehr Viele einem solchen : man sagt , blinden Glauben beimessen , wundert mich nicht . Aber wie konnten Sie , Gräfin , einem bloßen feindseligen Gerücht Ihr Ohr leihen , und an Ihrer Freundin zweifeln ? Ich zweifele nicht an ihrem Werth , versetzte die Gräfin , aber - ungern spreche ich es vor einem Herrn der Schöpfung aus , was ein feiner Menschenkenner schon vor Jahrhunderten von der Mehrzahl meines Geschlechtes behauptete : Gebrechlichkeit , dein Nam ' ist Weib ! - Eine frühe Jugendliebe , die unter der Asche um so beharrlicher fortglimmt , da sie nicht in lichten Flammen auflodern durfte , eine misvergnügte Ehe , nur von der Vernunft , nicht vom Herzen geschlossen - grundlose , und darum eben doppelt ermüdende , doppelt beleidigende Eifersucht , die der Gemarterten jeden freien Aufblick ins Leben wehrt - alles dies kann wohl am Ende selbst einen Engel von seinen himmlischen Höhen auf eine glatte irrdische Bahn herabführen , auf der das Straucheln so leicht ist . Und so viel ist unbezweifelt wahr , daß man Erna sehr krank zur Stadt brachte - freilich unter dem Vorwand , dem Arzte näher zu seyn . Aber aus vielen einzelnen Umständen läßt sich doch mit Sicherheit auf ein Misverständnis , wo nicht auf eine gänzliche Entzweiung zwischen ihr und Linovsky schließen . Diese Nachricht beraubte Alexandern seiner ganzen Fassung . Die Maske indifferenten Gleichmuths , hinter welcher er strebte , zu verbergen , was in seiner Seele vorging , entfiel ihm , und weder die Gluth seiner Neigung , noch seine Angst mehr verhehlend , beschwor er die Gräfin , nachdem er ihr den wahren Vorgang der Sache mitgetheilt hatte , ihm hülfreich zu seyn , und ihm Kunde von Erna ' s wirklichem Zustande zu verschaffen . Eigentlich sollt ' ich mich zu nichts verpflichten , sagte sie , da ich Ihr Vertrauen nur dem Schrecken und der Ueberraschung verdanke . Ich will es jedoch so genau nicht nehmen , und da mich selbst darnach verlangt , mich von dem Befinden der armen Kreuzträgerin zu überzeugen , so erwarten Sie hier meine Zurückkunft , und lassen Sie mich jetzt sogleich meinen schon früher gehabten Vorsatz , sie zu besuchen , ausführen . Sie eilte bei diesen Worten hinweg , und allen Martern der Ungewisheit Preis gegeben , blieb Alexander zurück . XVII Zwischen Furcht und Hoffnung schwankend , hörte er nach einer quaalvoll durchseufzten Stunde den Wagen der Gräfin zurückkommen . Er trat ihr bis ins Vorzimmer entgegen , aber dort , wo er sie von ihren Leuten umgeben fand , durfte er sich keine andere Frage erlauben , als die , die sein forschender Blick an ihre schmerzlich ergriffenen Züge und an die Spuren der Thränen that , die er in ihren Augen bemerkte . Endlich waren sie allein , und nun warf sich die Gräfin erschöpft und weinend in den Sopha . Es ergreift mit doppelter Gewalt , wenn man Menschen , die sonst stets die scherzhafte Seite des Daseyns auffassen , und nur dem Frohsinn und dem Lachen sich gewidmet haben , plötzlich von tiefer Betrübnis durchdrungen sieht . Wie um so heftiger erschütterte es jetzt Alexandern , die Gräfin so zu erblicken , da ihr Schmerz ihm auch ohne Worte das Todesurtheil der Geliebten zu verkünden schien . Reden Sie , rief er mit dem Ungestüm der namenlosesten Seelenmarter , sprechen Sie das Entsetzliche nur aus ! Erna - ich ahne es - ist verloren - sie ist todt . Nein , versetzte die Gräfin , sich sammelnd , noch ist sie es nicht , aber bald , fürchte ich , wird die Vermuthung Ihrer Furcht wie eine prophetische Weissagung sich bestätigen . Ich habe sie sehr krank gefunden , und wie sie im Leben ein holdes Beispiel der Tugend war , so könnte man auch jetzt von ihr zu sterben lernen . Sie erzählte ihm nun , daß Erna von einem schleichenden Fieber ergriffen , in einem Zustande der äußersten Ermattung sich befinde , der dem Arzte wenig Hoffnung , sie zu retten , gebe . Nur noch der Schatten ihrer ehemaligen Gestalt , sei sie auch in der Blässe des nahenden Todes durch ihre sanfte Geduld , ihre fromme Ergebung noch immer eine der anmuthigsten , herzgewinnendsten Erscheinungen , die , nicht vom Farbenschmelz der äußeren Blüthe abhängig , den Stempel einer höheren Abkunft in den verklärten Zügen tragend , flüchtig über die Erde hinweg der besseren Heimath entgegen schweben . Linovsky behandele sie jetzt mit zarter Schonung . Sein düsterer Gram spreche deutlich die Sorge aus , sie zu verlieren , und Erna begegne seinem achtungsvollen Betragen mit aller Dankbarkeit eines liebenden , mit aller Milde eines versöhnten Gemüths . So freundlich sie aber auch ihren Besuch aufgenommen habe , so sei sie doch aufrichtig genug gewesen , ihr die Bitte auszusprechen , ihn nur äußerst selten zu wiederholen , da eine durch keines Fremden Dazwischentreten gestörte Einsamkeit die einzige Bedingung der Ruhe und Zufriedenheit ihres Gatten sei . Dieser Nachsatz erhöhte Alexander ' s Schmerz , denn ach , galt dieser Wunsch schon der Freundin , wie um so viel weiter mußte er ihn von ihr verbannen , ihn , den in Linovsky ' s Augen eine so schwere Schuld belastete , der als der Störer seines häuslichen Glücks in so tiefem Schatten vor seiner Seele stand ! Je leidender er sie wußte , je mächtiger fühlte er sich hingezogen zu dem Kreise , wo sie lebte und litt , und der schauderhafte Gedanke der Möglichkeit , ja sogar der Wahrscheinlichkeit , um nicht Gewißheit zu sagen , sie für immer zu verlieren , kämpfte mit schmerzlicher Gewalt mit allen den Hindernissen , die sich dem kühnen Wagstück , sie noch einmal zu sehen , entgegen stellten . Doch , sich den Vielen anzuschließen , die wenigstens durch Nachfragen nach ihrem Befinden eine blos conventionelle Theilnahme ausdrückten , konnte ihm selbst Linovsky ' s feindselige Gesinnung nicht wehren , und er war überzeugt , daß selbst der Groll seiner Eifersucht in diesen , ach seine Sehnsucht so drückenden Schranken , die er sich anwies , die Gesetze der Höflichkeit ehren müsse , die eine solche bescheidene Aeußerung des wärmsten Antheils wenigstens zu dulden ihn verpflichteten . Jeden Morgen mußte daher der treue Benedikt hingehen , um im Namen seines Herrn die sorgsamste Kunde einzuziehen , wie sie die Nacht zugebracht habe , und ob noch kein Schimmer von Genesung die dunkeln Wolken seiner Furcht erhelle . Aber ach - jeden Morgen kam er wieder , ihm durch die Nachricht , daß die Kranke immer mehr dahin schwinde , den Pfeil des Schmerzes tiefer in die Brust zu stoßen ! XVIII So war der Spätherbst herangekommen . Seine Stürme hatten die Haine entblättert , seine Regengüsse die Spuren der letzten Blumen hinweggetilgt , und öde und winterlich , wie in Alexander ' s Herzen , sah es ringsumher in der Natur aus . Ohne Zweck und Ziel , nur um der inneren Angst zu entrinnen , oder vielmehr um sie zu betäuben , rannte er zuweilen stundenlang durch die Straßen , und so führte ihn der Zufall auch einst an ein Gewächshaus vorüber , hinter dessen hohen Glasfenstern sich die bunteste Blüthenfülle des Sommers vor dem zerstörenden Einfluß des Frostes geflüchtet zu haben schien . Wehmüthig , wie die Träume einer längst verschwundenen Kindheit , begrüßte ihn bei diesem Anblick seine alte Neigung zu der Pflanzenwelt wieder , und er trat hinein , durch die Magie der Unschuld , die unsichtbar im zarten Duft der Blumen weht , die schwarzen Geister der Schwermuth in seiner Seele zu beschwören . Wirklich erheiterte es ihn für Momente , wie durch die Berührung eines Zauberstabs , der rauhen Jahrszeit entrückt und mitten in den reichsten Ueberfluß einer wärmeren Zone sich versetzt zu sehen . Gleich alten , ihm lange aus den Augen entschwundenen Bekannten lächelte er dem reichen Kranze zu , der von blühenden Stauden und Blumen sich um ihn schloß , und wie jeder seiner Gedanken mit dem an Erna verschmolzen war , und selbst die heterogensten Gegenstände ihn an sie erinnerten , so gedachte er auch hier bei dem frischen , kraftvollen Leben , das rings um ihn her grünte und duftete , an sie , die Früh-Verwelkende , der vielleicht eine sorgsam getroffene Auswahl unter diesen Blumen eine momentane Freude auf ihrem Krankenbette gewähren könne . Wie gern hätte er , da er auf andere Weise gezwungen war , gegen sie zu verstummen , die Blumensprache des Orients jetzt benutzen mögen , um in dem Strauß , den er für sie band , seinen Schmerz und seine Sehnsucht auszusprechen , aber zartere Rücksichten , als die gegen sich selbst , ließen ihn unter der Menge nur die wählen , deren milderer Duft nicht narcotisch auf ihre ergriffenen Nerven zu wirken drohte . Einige so schöne Rosen , wie sie kaum der reichste Sommer erzieht , verbunden mit Erna ' s Lieblingsblume , der unscheinbaren , aber Erquickung ausströmenden Reseda , waren am Ende alles , was seine Vorsicht nach einer strengen Prüfung nicht verwarf . Er trug seine Gabe zur Gräfin , die die einzige Vermittlerin war , durch deren Hülfe er hoffen durfte , sie in Erna ' s Hände zu bringen , und er fand sie - gerührt durch die beklommene Angst seines Herzens , die sich in jedem Worte , in jedem Seufzer verrieth - sogleich willig , seinen Auftrag zu übernehmen . Er küßte die Blumen zum Abschied , die nun bald an ihrem Busen duften sollten , und schämte sich der männlichen Thräne nicht , die auf sie herabrollte . Bewegt nahm die Gräfin sie aus seiner Hand . Sie geben Ihren Rosen , was ihnen noch fehlte , sagte sie , auf die Thränen deutend ; das ist der Morgenthau , den kein Treibhaus erzeugt . Ja , versetzte er dumpf und leise , der Morgenthau , der der Verkündiger eines ewigen Schmerzes ist . Nicht mehr erschüttert von dem Wechselfieber banger Furcht und tröstender Hoffnung , wie früher , erwartete er die Zurückkunft der treuen Freundin ; denn er wußte wohl , sie hatte ihm nur die Bestätigung seiner bangen Ahnung , nur die traurigste Gewißheit des nahenden Verlustes , der ihm drohte , zu bringen . Gleichwohl konnte seine Phantasie , durch inneres Grauen vor diesem Schreckenbilde geschützt , sich Erna ' s Tod nicht , als so bald erfolgend , ausmalen , daß nicht noch manche Kunde von ihr die letzten Lichtstrahlen in sein dann verdunkeltes Leben zu werfen vermöchte . Als daher die Gräfin , in Thränen gebadet , zurückkehrte , und durch die lakonischen Worte : nun hab ich Erna zum letztenmal gesehen ! die Wurzel so wie den Gipfel alles Seyns in ihm tödtend zerschnitt , da war ihm , als habe er zum erstenmal in die Ruinen seiner Zukunft geblickt - als sei die dürre Wüste seines Lebens ohne sie jetzt erst in ihrer ganzen schrecklichen Einsamkeit vor ihm geöffnet worden . Theilnehmend suchte die Gräfin ihn zurückzuhalten , als er hinwegstrebte , aber umsonst . Mußte sie selbst doch sich eingestehen , daß keine Besänftigung seines Kummers , keine Linderung seiner Angst in ihrer Macht stehe . Auch bedurfte ihr eigenes Gemüth der Ruhe , um sich von dem erschütternden Anblick der Leiden ihrer nun von den Aerzten aufgegebenen Freundin zu erholen . Daher ließ sie ihn gehen , und er stürzte hinaus , und rannte , von den Furien eines wüthenden Schmerzes gegeißelt , zweck- und sinnlos im Freien umher . XIX Es war ein trüber Novembertag . Voll melancholischen Ernstes senkte sich die schwer bewölkte Himmelsdecke , Nebel aushauchend , auf ihn hernieder - kein Sonnenstrahl durchdrang das Grau der Wolken - finster und verödet , wie in seiner Seele , sah es rings umher in der Natur aus . Lange schweifte er , düster vor sich hinstarrend , umher , bis sein Weg sich dem Kirchhofe näherte , der außen vor der Stadt in einem dunkeln Kranz von Flieder so manchen seiner Bekannten , seiner Freunde sogar , einschloß . Da , im Innersten fast convulsivisch ergriffen , warf er sich auf einen Stein am Eingang nieder , und seine heiße Stirn an das kalte Gitter der Pforte lehnend , rief er verzweiflungsvoll aus : Also hier soll ich Dich künftig suchen , Dich , die Du wie ein schönes Meteor meinem armen Leben nur glühtest , um so früh zu erlöschen ? Hier auf dem feuchten Kirchhof , in den frostigen Gewölben des Todes , in gräßlicher Einsamkeit wird bald Deine Wohnung seyn ! - - Indem hallten traurig die langsamen Pulse der Abendglocke zu ihm herüber . Es war , als ob diese Töne seine Besinnung weckten , seinen Geist ermuthigten , und einen Entschluß in ihm aufriefen , den er faßte , als sei er ihm von oben eingegeben . Noch lebt sie , sprach er zu sich selbst , und was heute noch nicht unmöglich ist , sie zum letztenmal zu sehen , und den Abschiedsgruß des hinscheidenden Engels zu empfangen , wehrt mir bereits der nächste Morgen , der vielleicht schon über ihrer Leiche aufgeht . Alle Bedenklichkeiten , die die Spannung zwischen Linovsky und ihm seinem Wunsch entgegenstellten , alle Hindernisse , die den ungestörten Augenblick , nach dem er sich sehnte , zu unterbrechen drohten - - sonst ihm so wichtig und zurückstoßend scheinend - kamen ihm jetzt leicht zu überwinden und nichtig vor . Er raffte sich auf und ging . Ihm war , als habe der Vorsatz , sich zu ihr hinzudrängen , und sie , allen Schwierigkeiten zum Trotz , wieder zu sehen , sei es auch zum letztenmale , die Welt um ihn her verändert - als knüpfe ihn wieder ein glühender Antheil an die Erde , als wehe eine andere Lebensluft als vorher , neuen Muth und neue Kraft in seine ermattete Seele . Als er in die Stadt zurückkehrte , hatte sich die Dämmerung bereits in Dunkelheit verwandelt . Wie Mistöne , die seinen Schmerz verhöhnten , drang das Kutschengerassel der zerstreuungssüchtigen Menge , die dem Theater zueilte , in sein Ohr . Mühsam wand er sich hindurch , und erreichte die Straße , wo Erna wohnte . Er stellte sich ihrem Haus gegenüber , um sein ungestüm klopfendes Herz erst wieder zu einiger Ruhe zu zwingen . Tiefe Wehmuth bemächtigte sich seiner , und lösete den tobenden Aufruhr seines Innern in mildes Zagen und Trauern auf . Ach - da schimmerte bleich das Licht , das ihre Leiden beschien - vielleicht , dachte er , sind morgen schon diese Fenster dunkel - unwiderstehlich trieb ihn dieser Gedanke an , zu eilen , und ohne auf die abmahnende Stimme der Ueberlegung zu hören , betrat er entschlossen die ihm heilige Schwelle . Hier schien bereits des Todes grauenvolles Schweigen zu herrschen . Alles war öde und still , wie in einem Grabe . Vergebens sah er sich nach irgend einem menschlichen Wesen um , das Erna seine Nähe hätte verkünden können , denn er befürchtete mit Recht das Nachtheilige einer plötzlichen Ueberraschung bei ihrer Schwäche . Endlich trat Auguste leisen Schrittes aus einem der Gemächer . Erschrocken , als habe sie ein Gespenst erblickt , fuhr sie zurück als sie ihn erkannte . Sie hier ? flüsterte sie bebend , und vermochte nichts weiter zu sagen ; denn mit furchtbarem Ernst und völlig entschieden , seinen Willen durchzusetzen , trat Alexander ihr näher . Ja , ich bin hier , sprach er , mit dem Rechte , das der Schmerz mir giebt . Ich muß Erna noch einmal sehen . Bringen Sie , ich beschwöre Sie darum , bringen Sie mich nicht um den unersetzlichen Moment des letzten Abschieds , wie Ihr unversöhnlicher Groll mich einst um das ganze Glück meines Lebens brachte ! Ich möcht ' es Ihnen jetzt schwerer verzeihen , als damals , und es ist gefährlich , dem Verzweifelnden eine Bitte zu verweigern . Sie sollen sie sehen , erwiederte Auguste in einem milden , begütigenden Tone ; denn theils ergriff sein Anblick sie in der wilden Verworrenheit des Sinnes , in der er vor ihr stand , mit grausenerregender Ahnung dessen , was er in dieser Stimmung fähig sei , theils wollte sie so dicht vor dem Gemach der Kranken jede lautere Aeußerung verhüten . Sie drängte ihn daher in ihr Zimmer , wo sie noch immer zitternd , ihn , sich erst zu fassen und zu erholen , bat . Doch Alexander wehrte heftig das sanfte Zureden ab , mit dem sie ihn zu beruhigen suchte . Ihre Beredsamkeit , sagte er bitter , vermag nichts über mich . Schlimm genug , daß diese einst Erna von dem Wege verlockte , auf dem sie glücklich geworden wäre , und glücklich gemacht hätte . Doch - das ist vorüber - aber sparen Sie das gleißnerische Bemühen , mich vielleicht anderen Sinnes machen zu wollen - die Augenblicke sind kostbar - führen Sie mich hin zu Erna ! Da ermannte sich Auguste . Daß ruhige Vernunft , und der heiße Wunsch , eine würdige Wahl möge das Loos meiner Freundin sichern , strenger über Sie urtheilte , als die Liebe , die ich nicht mehr in Erna ' s Brust ahnete , da sie sich in tiefer Verschlossenheit barg - ist das ein Verbrechen , das Sie so hart zu rügen berechtigt sind ? fragte sie . Sie können Ihr früheres Betragen nicht entschuldigen , und es war nur die gerechte Nemesis , die Ihre Strafe dictirte . Mich trifft kein Vorwurf als der , daß ich nicht an die Besserung eines Menschen glaubte , dessen Ruf eben so nachtheilig , als früher seine eigenen Geständnisse , von seiner tiefen Verdorbenheit sprach . Doch lassen wir das ! Hab ich geirrt , indem ich strebte , Erna ' s Schicksal die Richtung zu geben , ach , so büße ich hart genug durch den Anblick ihres Vergehens , der mir bitterer ist , als der eigene Tod mir wäre ! Der Thränenstrom , der bei diesen Worten ihren Augen entstürzte , besänftigte Alexandern einigermaßen . Doch sagte er nichts , sie zu trösten und aufzurichten , sondern erneuerte ungestüm sein schon früher ausgesprochenes Verlangen . Sie werden gewiß der Schonung , die die Leidende bedarf , nicht Ihre Wünsche unbedingt voransetzen , antwortete Auguste . Ihr Anblick , erschien er ihr unerwartet , könnte leicht den ohnehin nur noch matt glimmenden Funken ihres Lebens verlöschen . Daher , wenn es Ihnen nicht genügt , sie durch die Glasthür eines Nebenzimmers zu sehen , muß ich Erna durchaus erst vorbereiten . Alexander beschwor sie , nicht damit zu zögern . Sie öffnete also einen Allcoven , der an das Krankenzimmer stieß , und hieß ihn behutsam eintreten . Leise verschob sie die seidene Gardine von der Glasthür , die ihn nur noch von Erna schied , und er erblickte sie dicht neben sich auf ihrem Lager . XX Das lang entbehrte Glück ihrer Nähe , ach , wie hob es seine Brust in schmerzlichen Athemzügen - wie drängte seine ganze Sehnsucht sich ihr entgegen , die in unbewußter Ruhe sein gedachte , ohne zu ahnen , wie dicht sein Herz neben dem ihrigen schlug . Still in ihren Leiden , in mondheller Blässe lag sie da , in den gefalteten Lilienhänden die Blumen haltend , die er ihr gesendet hatte . Sie war abgezehrt , aber nicht entstellt . Denn ihr Wesen schien frei von der Angst , der sonst sterbliche Naturen am Rande ihres Daseyns unterliegen , und tiefer Friede drückte sich in dem Scheideblick aus , mit dem sie noch auf dem dahin schwindenden Leben verweilte . Träumen süßer Erinnerung hingegeben , erhob sie oft ihr sanftes Auge , und es war , als ob das Anschauen der Welt , die sich in ihrem Innern bewegte , ihren Blicken höheren Glanz , ihrem Lächeln innigere Freudigkeit verliehe . Völlig angekleidet , schien es , als habe nur eine tiefe Ermattung sie zum Ausruhen vermocht , nicht der Kampf mit dem nahenden Tode sie auf das Sterbebette hingestreckt . Da trat Auguste zu ihr hinein . Zärtlich forschte sie mit einer fast mütterlichen Sorgsamkeit nach Erna ' s momentanem Zustand , leitete dann von den Blumen , die Alexander ' s Gabe waren , die Rede auf ihn selbst , und fragte sanft , ob sie , wenn er wünsche , sie zu sehen , ihm wohl einen kurzen Besuch gestatten wolle ? Erna wurde sichtbar durch diese Frage erschüttert . Sie richtete sich auf - ein freudiger Schrecken zitterte bei ' m Klange des geliebten Namens durch alle ihre Nerven , und in ihren Zügen schimmerte die selige Verklärung des Danks zu Gott über die Möglichkeit , ihn noch einmal zu sehen , die sie still gewünscht , aber nie gehofft , und noch weniger jemals ausgesprochen hatte . O , wenn er vielleicht hier ist , so säume nicht , ihn mir zu bringen ! sagte sie . Meine Augenblicke sind gezählt , und mehr als irgend ein Mensch ahnen kann , sehn ' ich mich , ihn noch einmal zu sprechen . Als Alexander diese Worte vernahm , konnte er sich nicht länger zurückhalten . Er öffnete die Thür , die ihn von ihr trennte , und warf sich stumm an ihrem Lager nieder , ihre Hand mit seinen Küssen und Thränen bedeckend . Erna schaute ihn an mit einem Blicke , in dem ihre ganze Seele lag . So seh ich Dich doch noch einmal wieder , ehe ich sterbe , sprach sie , und in himmlischer Ruhe des Bewußtseyns , das mir durch keinen Vorwurf diesen heiligen Moment verbittert . Denn daß ich Dich geliebt habe - Dich allein auf Erden - das wird Gott verzeihen , da ich muthig strebte , mich rein zu erhalten im Kampfe zwischen Neigung und Pflicht . Mein Alexander ! So dicht an der dunkeln Pforte stehend , die hinüber führt ins Land der Vergeltung , wo jedes schwere Opfer sich belohnt , und wo ich nicht vor mir selbst zu erschrecken brauche , oder vor dem , dessen Rechte ich gekränkt haben würde , hätt ' ich meinem Herzen gefolgt - da darf ich Dir es frei bekennen , daß Du der Abgott meiner Seele warst , daß mein erstes , erwachendes Gefühl , so wie das letzte , das nun bald der Tod verlöscht , nur Dich umfaßte . Und auch jenseits noch ! Ja , fest , wie ich an die Fortdauer eines höheren Daseyns glaube , glaub ' ich auch an die Dauer einer Liebe , in der allein ich erst , als sie mir klar wurde , die ganze Tiefe meines Wesens , den ganzen Umfang meiner geistigen Kraft erkannte . Starr vor sich niederblickend , betäubt durch den wonnevollen Schmerz dieses Geständnisses am Rande des Grabes , das , die Geliebte zu verschlingen , sich bereits geöffnet hatte , hörte Alexander ihr zu . So geh voran , Du Himmlische ! da uns hienieden das Glück nicht lächeln wollte , sprach er , geh voran in eine bessere Heimath - ich folge Dir bald ! Da ergriff Erna mit unbeschreiblicher Zärtlichkeit seine Hand , und drückte sie fest an das immer schwerer schlagende Herz . Ja , ich gehe voran , und werde Deiner warten , sagte sie ; aber gelobe mir , mein Geliebter , mir nicht eher zu folgen , ehe Gottes Wille , nicht der rasche Entschluß des Lebensüberdrusses und der Verzweiflung , Dein Ziel steckt . Alexander beugte sich herab auf ihre Hand , und flüsterte leise , in seinem Schmerz verloren : Du willst es - ich werde Dir gehorchen . Und nun laß uns scheiden ! fuhr sie fort . Trage das Leben , wie ein Mann , und gedenke oft dieser Stunde , der ersten und zugleich der letzten , die das Band meiner Zunge lösete , und mir gestattete , Dir zu bekennen , wie theuer Du mir bist . Und wenn dereinst - ach , das Schicksal hat kein Mutterherz ! - wenn meine Kinder - - noch sind sie unter der Obhut ihres Vaters , in dem Schutz , den ihnen die Natur anwies ; aber die Verhältnisse der Menschen sind so wechselnd und schwankend - wenn sie einst verlassen und einsam wären im engen kalten Leben , o dann , Alexander , liebe in ihnen ihre Mutter noch fort - nimm Dich ihrer an , sei ihr Freund , ihr Rathgeber , ihr zweiter Vater . - Betrachte sie immer als das heilige Vermächtnis Deiner Erna . Gelobst Du mir auch dies ? Er erwiederte : ich gelobe es ! Und nun empfange meinen letzten Abschiedsgruß , sprach sie , den innigen Segen eines Herzens , das Dich liebte bis in den Tod ! Ich werde meinem Gatten nicht verhehlen , daß ich Dich sah , aber ungern möcht ich , daß er Dich hier fände . Denn erst mein Grab wird friedlich wieder vereinen , was das Leben so feindselig geschieden hat . Daher erhalte mir die ungestörte Stille , die ich bedarf , um mich zu sammeln , und mein Gemüth würdig zu dem feierlichen Schritte vorzubereiten , der mich aus dieser mangelhaften Welt in eine bessere führt . Sie verhüllte bei diesen Worten ihr Antlitz , als wollte sie ihren Augen wehren , ihn länger anzuschauen . Noch einmal bebte der innige Druck ihrer Hand durch sein ganzes Wesen - dann winkte sie ihm zu , sich zu entfernen , und dumpf , in tonloser Betäubung , ohne sich dagegen aufzulehnen , oder irgend etwas zu erwiedern , folgte er gehorsam diesem stummen Befehle . Und als am andern Morgen Benedikt wie gewöhnlich hingegangen war , nach dem Befinden der Kranken zu fragen , kam er wieder mit der Nachricht , die ihm Auguste ertheilt hatte : Ihr sei jetzt recht wohl , denn bereits um Mitternacht sei sie verschieden . Er scheute sich , seinem Herrn diese Schreckensbotschaft zu bringen ; aber zu seiner Verwunderung nahm sie Alexander gefaßt , ja sogar in stiller Freundlichkeit des Gemüths auf , ohne scheinbar von ihr ergriffen zu werden . Denn mit jener stillen Zufriedenheit , mit welcher man den Piloten auf hohem Meere in seinem leichten Kahn mit den Wellen kämpfen und dann in einen sichern Hafen sich retten sähe , betrachtete er das letzte heilige Asyl , in das sie sich geflüchtet hatte , und das nicht mehr düster ist , sobald der Mensch nur die dunkle Schwelle erst überschritten hat , die dahin führt . Das Gefühl , aus welchem sich ihm die höchste Wonne so wie der bitterste Schmerz entwickelt hatte , erlosch nicht mit der irrdischen Flamme ihres Daseyns - es glühte fort in seiner Seele , und veredelte seinen Charakter immer mehr . Als bald darauf der Krieg endlich ausbrach , kämpfte er tapfer mit für die Freiheit und Unabhängigkeit seines Vaterlandes . Es war ihm wohl oft , als ob ein tiefes , lechzendes Sehnen ihn in den wildesten Sturm der Gefahren trieb - als wenn eine leise Hoffnung ihm zuflüsterte , dort , in blutiger Schlacht , werde sein Leben sich enden . Dann aber vernahm er jedesmal Erna ' s liebkosende Stimme , die ihm gebot , den Tod nicht zu suchen , und in stiller Ergebung sein Loos zu tragen . Seufzend unterwarf er sich der höheren Bestimmung , die vermittelst ihrer Wünsche ihn zu leben zwang , und so viel er des kriegerischen Lorbers auch brach , so war er doch stets nur muthig