sagen solle , was er durch Martin von dem Schlosse gehört und wie er selbst zu diesem Geheimnisse gehören möchte aber Martins Tod schwebte ihm vor , er schwieg . - Der Kaiser fuhr nun fort : » Aber Berthold , wenn nun der Papst in dem Bunde mitwirkte , seid Ihr in der Gewalt eines Beichtvaters , oder seid Ihr darüber hinaus ? « - » Die Geistlichkeit « , antwortete Berthold , » hat überall zu viel Ärgernis gegeben , als daß die Leute sich ihnen auf Gnade und Ungnade ergeben ; was gut tut zu sagen , das wird bei uns gebeichtet , vieles aber verstehen die geistlichen Herren nicht und es ist ihnen auch mehr um das Beichtgeld , als um die Geheimnisse zu tun . « - » Das Geld « , sagte der Kaiser , » ist das Blut des Staats und wie der edle Held Perzifal so tiefsinnig wurde beim Anblicke dreier Blutstropfen im Schnee , so wird mir oft beim Anblick eines Kreuzers recht nachdenklich , wie viel Kunst , Taten , Glück und Weisheit durch solch ein Stücklein gefördert und gelähmt werden können ! Wohin hätten wir unsre Fähnlein geführt , wenn es nicht an Gelde gefehlt hätte ! Darum lasse ich auch nicht den Luther verderben , der das deutsche Geld von Rom abschneiden will , und danke Euch , daß Ihr ihm förderlich gewesen seid , von hier fortzukommen . Doch seht , wir sind unbemerkt von einem Umgange umgeben , also kürzlich gesagt , mein lieber Bürgermeister , es ist mir sowohl um meine Feinde , die Hohenstaufen zu tun , als auch um meinen Freund , den Knaben , der jetzt schon ein wackrer Jüngling sein mag , ich meine jenen , der mir das Leben rettete , ich möchte ihm lohnen ; sucht mir von einem oder dem andern Kunde zu schaffen , ich werde Euch danken . « Der Umgang zog singend an ihnen vorbei und endete das Gespräch ; der Kaiser , Berthold und Treitssauerwein schlossen sich an und zogen zur großen Freude der Bauern mit ihnen nach St. Leonhard in die Kirche ; die Bauern meinten , ein so herrlicher Umgang sei nicht gehalten worden , seit Göggingen stehe . Während der Meßandacht wurde Berthold gestört , indem ein neben ihm Knieender , auf den er noch nicht geblickt , ihm in den Finger biß . Ärgerlich sah er hin und staunte , es war eine Jungfrau , es war Anna , gleich war sein Zorn verschwunden und er fragte heimlich , was sie hergeführt . Sie sagte ihm , daß sie ihm Notwendiges zu erzählen habe . Zum Glück beteten und seufzten die Bauern umher so laut , daß sie ihm leise flüsternd alles erzählen konnte , wie es ergangen . Die Mutter hatte am Morgen das Pferd , den Herrn und auch Fingerling in großer Verwunderung vermißt , da weder Fingerling , noch Berthold ihr Vorhaben deutlich gemacht hatten . Da Berthold sie so unerwartet auf dem Ballhause verlassen hatte , so schwankte sie zwischen der Vermutung , Berthold reue seine Verlobung , oder er sei davon durch einen hohen Herrn abgehalten , vielleicht durch den Kaiser selbst , dem noch ein Ruf von Zärtlichkeit , trotz seinem Alter , nachzog . Ihr war gestern durch Kunz bestellt worden , ein höherer Auftrag habe ihn entfernt und er könne sie nicht heimführen . In diesem Zweifel wendete sich erst ihre Härte gegen Anna , die gar nicht begreifen konnte , was ihr fehlte , sie erfuhr erst diese Sorgen der Mutter durch Kugler , der mit einem Braten als Geschenk sich eingestellt hatte , dem sie sich heimlich vertraute , und der Annen sagte , er reite fort , um in Waiblingen Nachfrage zu halten , ob Berthold etwa auch , wie Fingerling dahin zurückgekehrt sei , doch müsse die Mutter und sie sich gleich entschließen , inzwischen seiner Wirtschaft und seinem Fleischscharrn vorzustehen . Dort hatte Anna durch einen Kunden zufällig gehört , er sei mit dem Kaiser auf der Straße nach Göggingen im Gespräche gesehen worden , sie hatte sich unter einem Vorwande fortgeschlichen , mit ihm zu sprechen und von ihm Wahrheit zu hören , denn sie konnte nicht leugnen , daß seine Kette , die sie am Morgen gefunden , ihr wie ein schweigendes Abschiedszeichen erschienen wäre . Berthold beruhigte sie , aber ihre Tränen flossen nun um so häufiger , da sie ihrer Sorge befreit war , und die ehrlichen Bauern meinten , es sei Andacht und Buße . Kaum war die Messe geendet , so schlich sich Berthold mit Annen fort , so schnell , daß weder Kaiser noch Geheimschreiber seinen Weg bemerkten . Aber noch einen Aufenthalt mußten sie überstehen , der Weg führte sie an Stutzers Gartenhause vorbei , der eben beschäftigt war , Pfeffersäcke in ein Vorrathaus packen zu lassen , und dabei sehr emsig die einzelnen ausfallenden Körner auflas , aber die Vorübergehenden nicht weniger fest hielt , ihnen die Pracht seines Landhauses zu zeigen . Dem kleinstädtischen Bürgermeister glaubte er die Augen damit auszuleuchten und Annen für immer unglücklich zu machen , wenn sie nicht ein Gleiches bei Berthold fände . Ein Italiener hatte ihm dies Landhaus nach ganz neuer Art erbaut , die Fassungen der Fenster waren gemalt wie Marmor , alte Götterbilder bedeckten die Flächen im bunten Gemisch mit Heiligen . Berthold erklärte sich ohne Umschweife gegen den malerischen Schein , um fehlende Bauwerke zu ersetzen . » Die Schönheit eines Baus « , sagte er , » liegt wie die Schönheit des menschlichen Antlitzes nicht allein in der Berechnung gewisser Verhältnisse , sondern in dem Ausdruck innerer Vortrefflichkeit ; die Dauerhaftigkeit und Bequemlichkeit der innern Einrichtung mag sich auch gern äußerlich kennbar machen ; die innere Wölbung , die Balkenlage will sich auch äußerlich zeigen . Hier ist alles das gemalt , von einer Seite erscheint es herrlich , von der andern wird die Nichtigkeit um so deutlicher und eine glatte Wand ohne Architektur gäbe wenigstens keinen Arger . « Der gute Stutzer hörte nicht auf die Rede , er sah nur verdrießlich höhnisch ihn an und sagte : » Lieber Herr , entschlagt Euch solchen Gedanken , das hat Pilati aus Florenz gebaut und gemalt . « - » Das macht ihm wenig Ehre « , sagte Berthold , » da kann ich Euch von unserm Meister Fischer manches Bessere zeigen in meinen Zimmern . « - Stutzer wurde innerlich so böse über den stolzen Kleinstädter , führte ihn aber doch ins Haus , dessen weiter Flur von Marmorsäulen mit korinthischem Hauptschmuck glänzte ; Faunen und Silenen trugen die Treppe , welche mit einer Weinlaube überzogen war , an der durch die Wärme hinter den geschlossenen Fenstern der Wein schon blühte . - » Prächtig « , sagte Berthold , » aber ich wundre mich , wie Ihr hier bestehen könnt . « - » Warum ? « fragte Stutzer . - » Einmal « , meinte Berthold , » könnt Ihr keine ehrliche , deutsche Frau hier einführen , es ist ja eben so gut , als ob Ihr sie in das öffentliche Männerbad gebracht hättet , und dann , wie gefallt Ihr Euch als Herr im Hause , da Ihr doch nur winzig und dürr seid , wenn so wohlgenährtes Göttervolk , wie Hunde auf der Treppe vor Eurer Türe harren muß . Ich ginge in Eurer Stelle unter die türkischen Enten und welschen Hähne , die in Eurem Garten so gemächlich wandeln und picken , statt Euch so übermäßig vornehm bedienen zu lassen . « - Der eitle , kleine Kerl wußte nichts zu antworten , denn so war ihm noch keiner gekommen , aber die Rede hatte die gute Folge , daß er die beiden nicht länger zwang , seine Pracht zu beschauen ; mit seiner Zudringlichkeit gegen Anna hatte er die kleine Züchtigung verdient . Als sie zum kleinen Hause der Frau Zähringer kamen , waren beide etwas ermüdet , besonders Berthold , und Anna fürchtete , weil es schon spät , den Zorn der Mutter wegen ihres Ausbleibens . In solchen Betrachtungen setzten sie sich ein wenig ins Gras des Gartens hinter dem Hause , die Sonne schien betäubend warm , die Blumen dufteten mit ihren betäubenden Kräften und beide nickten neben einander ein ; der Geist möchte immer Wunder tun , immer tätig sein , aber der Körper haßt die Wunder und gleicht den einzelnen Menschen mit dem ganzen Geschlechte aus , indem er ihn mit Schlaf oder Krankheit beschwichtigt . Was Frau Zähringer an diesem Tage ausstand , nun auch die Tochter ausblieb und Kuglers Wirtschaft ganz auf ihr lastete , ist schwer zu sagen , insbesondere als Boten des Kaisers , Treitssauerweins , des Kurfürsten Friedrich kamen und nach Berthold fragten , als ob sie ihrer recht spotten wollten . Endlich kam der Abend , der sie den Geschäften entließ , aber um so tiefer in den einsamen Gram ihres Hauses versenkte , bis auch diesen der Schlaf ablöste . Die Sterne glänzten schon scharf auf dem blauen Grunde , als Anna erwachte und durch ihre Bewegung den glücklichen Träumer Berthold mit erweckte . Kaum konnten sie es begreifen , daß es natürlich im Wandel der Zeit jetzt Nacht geworden sei ; sie machten sich bittre Vorwürfe wegen der Mutter und dachten nach , wie sie dem ausweichen könnten , auch scheute sich Anna vor bösem Ruf , wenn eines der Nachbarn sie mit Berthold im Grase liegen gesehen . Nach vergeblichem Beraten entschlossen sich beide , jedes in sein Zimmer zu gehen und zu tun , als ob nicht geschlafen und nichts versäumt sei ; der Morgen werde ihnen der Unruhe ohnehin genug bringen . Anna öffnete die Haustür mit einem Kunststücke : » Das lernte ich , wenn ich für unsre Kuh auf Grasung spät ausblieb « , sagte sie ; dann drückte sie Berthold sanft an sich und drückte ihn von sich , als seine Zärtlichkeit sie zu verraten schien , und ging in das Zimmer der Mutter , wo sie angekleidet in das große Bett schlüpfte , das sie seit dem Davonlaufen des Vaters mit ihr teilte . Die Mutter erwachte nicht , dies erlauschte Berthold , dann ging er leise die Treppe hinauf in seine Giebelstube . Ihm war so heiß , er riß das Fenster auf , öffnete den Wams und fand eine Rose , die ihm Anna unbemerkt hinein geschoben hatte , er konnte das stille Lager im grünen Grasgarten erkennen , das Gras war eingeknickt und erhob sich jetzt , die Worte hüpften ihm im Munde und er sang mit geschlossenen Augen in wehmutsvoller Freude zu den seligen Sternen , die ihm im Herzen aufgegangen waren : Ein Stern der Lieb im Himmelslauf Die offne Brust sanft atmend kühlt , Der Frühling heiß im Herzen spielt , Da blüht die erste Rose auf ; Du bist der Stern , dir unbewußt , Dein Atem kühlet meine Brust , Du bist der Frühling , der mich wärmt , Der in des Herzens Blumen schwärmt , So kühlst du außen , wärmst da innen , Die Glut verschließt dein keusch Besinnen . Gern tat sich Lust in Bitten kund , So lebenswarm wie Herzensblut , Da schloß die Rose mir den Mund Und tut mir duftend hier so gut , Ich schwimme in dem Liebesduft Unendlich scheint das Blau der Luft ; Die Augen füllt ein süßer Drang , O Liebestau , in Tränen Dank , Daß keusche Sterne dürfen scheinen , Und nur zerdrücktes Gras beweinen . Sechste Geschichte Der Mahlschatz Frau Zähringer erwachte , als die liebe Anna eben eingeschlafen war ; sie sah die Tochter neben sich , als sie eben über ihre Abwesenheit nachdenken wollte , und die Begebenheiten des vorigen Tages gewannen das Ansehen eines Traums . Sie stand auf und schlich nach dem Zimmer Bertholds herauf , blickte durch das Schlüsselloch und sah , daß er auch ruhig in seinem Bette liege . Da schien es ihr Gewißheit , daß sie sich nur mit einem bösen Traume geplagt habe . Sie ging herunter und schämte sich , weckte die Tochter , die auch keine Lust hatte , von der Geschichte anzufangen , so wenig wie Berthold , der auch zum Frühstück gerufen wurde . Die Leute Kuglers weckten sie aus dieser guten Meinung , sie verlangten von ihr Rat und nun entwickelte sich das Geheimnis . Berthold erfuhr jetzt erst , daß Kugler ihn in Waiblingen suche , er fürchtete , daß seine Mutter erschrecken möchte , und behauptete , daß er nur durch ein eiliges Nachreisen das Ungewitter zerstreuen könne . Frau Zähringer gab ihm recht , und Anna wußte nichts dagegen zu erinnern , doch äußerte sie die Meinung , daß sie ihn gern begleiten möchte . Berthold faßte das auf und suchte der Mutter und Tochter zu beweisen , daß sie nichts in Augsburg hielte , Kuglers Wirtschaft würde dessen Schwester gern führen , die eigne Wirtschaft sei schnell geordnet , die Mutter kenne Waiblingen , und selbst wenn sie in seinem Hause nicht zu wohnen Lust hätte , so sei doch eben so leicht ein eignes Haus für sie zu finden . In Apollonien sprach eine alte Liebe zu dem Orte für den Vorschlag , aber sie ließ sich noch erst recht lange bitten , bis Berthold ihre Einwilligung erzwang . Es wurde ein Fuhrmann aus der Nachbarschaft gemietet , mit großer Hast alle Kleider , Betten und Leinenzeug eingepackt , so daß alles übrige im Hause durch fremde Leute konnte besorgt werden , wenn sie etwa gar nicht wieder an den Ort ihrer Plage und Arbeit zurückkehren wollte . Die Geschäftigkeit unterdrückte Gefühl und Betrachtung ; nach einer Stunde , als alles eingepackt , alles besorgt war , als die Pferde schon vor dem Wagen ungeduldig die Erde stampften , da fühlte erst Frau Zähringer , daß die Zeit im Unglück , wie im Glück den Menschen an den Boden fesselt , sie konnte nur unter heftigen Tränen die armselige Hütte verlassen . Berthold hatte manches Geschäft abgemacht in aller Eile , Herren Marx und Kunz sich empfohlen , er freute sich recht der Ruhe auf dem Wagen an Annens Seite , ein lag der Reise macht vertraulicher , als ein Monat andrer Umgang , er freute sich , für Mutter und Tochter allerlei Besorgungen übernehmen zu können . Das Stoßen des Wagens setzte manche Erzählung in Umlauf . Berthold suchte Apollonia mit allem bekannt zu machen , was sich inzwischen in Wirtemberg verändert habe , wie der Graf Eberhard , der Bärtige , vom Kaiser zum Herzog gemacht sei und wie jetzt Herzog Ulrich gar seltsam regiere . Frau Apollonia erzählte , daß sie ihn in früheren Jahren einmal zu Augsburg gesehen , er sei ein bauchiger , dickköpfiger Herr gewesen , der sich zuweilen aus Hochmut alles Blut ins Gesicht geblasen und gedrängt habe , wie ein welscher Hahn . - » Er war schon in die Acht erklärt « , fuhr Berthold fort , » aber der Kardinal Lang machte seine Versöhnung mit dem Kaiser und jetzt wirtschaftet er noch rasender mit seinen Räten , welche nach der Bedingung dieser Versöhnung wärend sechs Jahren die Landesverwaltung führen sollten ; ein paar hat er schon unter nichtigem Vorwande foltern lassen und einen im Kohlenfeuer fast gebraten . « » Gott stehe uns bei « , sagte Apollonia . - » Wir können ruhig leben « , antwortete Berthold , » aller Zorn des Herrn ist persönlich , es leiden nur die von ihm , die er kennt , die Räte und Herren vom Hofe , seine Frau und Kinder . « - » Ist nicht seine Frau , die edle Sabina von Bayern , mit der er so prunkvoll Hochzeit gehalten , ihm entflohen ? « fragte Frau Apollonia . - » Freilich « , antwortete Berthold , » wie konnte sie länger das qualvolle Leben ertragen , allen Weibern ihres Gefolgs stellte er nach . Die schrecklichste Geschichte war wohl , als er der Frau des Hans von Hutten nachtrachtete , die ihm aber als eine ehrliche Frau widerstand . Das kränkte ihn , er stellte sich eifersüchtig wegen eines Rings , den Hutten von seiner Herzogin erhalten hatte , um ihn seiner Frau für ihre Standhaftigkeit einzuhändigen , er beschied Hutten in den Beblinger Wald , gebot ihm um Leib und Leben sich zu wehren und durchstach ihn , ehe er noch sein Schwert gezogen hatte . Dann hing er ihn an eine Eiche mit dem Gürtel und machte als Freigraf das Zeichen des heimlichen Gerichts zum Schutz seines sinnlosen Frevels über den Toten . « - Die Geschichte veranlaßte ein langes Gespräch über die Eifersucht , in welchem es sich äußerte , daß die Mutter wohl einige Eifersucht gegen die Tochter , die Tochter aber noch viel mehr gegen die Mutter hege und jeden Händedruck , jeden Kuß Bertholds mißgönne . Berthold aber nahm diese Äußerungen wie einen Scherz auf , er war zu bescheiden , sich so heftige Einwirkung auf die Gemüter zuzuschreiben , zu unbekannt mit sich selbst , um zu fühlen , daß diese Eifersucht Annens wohl einen Grund in ihm haben könnte , denn je mehr er Apollonien sprach , je mehr Erinnerungen der frühen Jahre erwachten in ihnen beiden . Übrigens war es eine schwere Sache , dem Meister Kugler nachzureisen , um die Sorge , die seine Anfrage in Waiblingen verbreiten konnte , durch die Gegenwart des Vermißten zu zerstreuen . Kugler war des Reitens beim Einkauf des Viehs sehr gewöhnt , in seinem Treiben lag immer etwas Rastloses und danach hatte er auch seinen Schecken ausgesucht , der nicht eher vom starken Trabe absetzte bis der Herr ihn hielt . Fingerring war bequemer , sein Pferd geringer und so kam ' s , daß ihm Kugler vorbei geritten , ohne daß einer vom andern etwas gemerkt hätte , da Fingerling sein Pferd in einen Wirtsstall gezogen und selbst einem Mittagsschlummer auf der Ofenbank sich ergeben hatte . Er gewann einen solchen Vorsprung , daß Fingerling ihn selbst dann nicht erreichte , als Kugler einen Handel über ein Paar Lämmer mit einem Bauer abschloß , die Lämmer über den Sattel band und nun doch etwas langsamer seinen Weg fortsetzte . Als er in Waiblingen angekommen , kümmerte er sich wenig um ein Wirtshaus , sondern ließ sich nach dem Hause des Bürgermeisters weisen , wo er wie ein Würgengel mit den Lämmern trabend einritt . Die alte Frau Hildegard trat auf den Lärmen an die Stiege , fragte ihn , was er wolle , und horchte auf seine Antwort sehr aufmerksam , konnte aber nicht klug daraus werden , so wenig war der Mann zur klaren Erzählung geeignet . Bald fragte er nach Berthold , ob ihm ein Unglück geschehen , bald schimpfte er auf ihn , daß er entwichen sei , bald machte er ihr als Mutter Vorwürfe , daß sie ihn nicht besser gezogen habe ; dabei bähten die Lämmer und Kuglers Hund zeigte den neugierigen Haushunden knurrend die Zähne . Nachdem diese Unverständlichkeit etwas gewährt hatte , so glaubte Frau Hildegard ihrem Hausrecht etwas zu vergeben , wenn sie sich von einem Fremden so etwas bieten lasse , sie fing also an , auf Meister Kuglers Pferd zu schimpfen , das ihr den eben gekehrten Torweg verunreinige , auch auf den Hund , der einen ihrer Lieblinge zu zausen Anstalt machte , zuletzt auf den Meister , der kein vernünftig Wort rede . Meister Kugler schonte auch nicht , weil er sich im Recht glaubte ; schon liefen die Leute aus der Schreibstube mit Knütteln herbei , als ein gellendes Jagdhorn durch die Unterhaltung schmetterte . Es war Fingerling , der sich diesen Spaß ausgesonnen hatte , um jeden Widerspruch der Alten mit seinem Jubel über das Geschehene zurück zu weisen und gleichsam die Sache mit Gloria zu verkünden . Der Lärmen schwieg und Fingerling stieg mit seligem Antlitze von seinem Rosse , als ob er eine Tasche voll Rosinen trüge , verkündete mit sehr abgemessener Sprache , vielleicht wohl gar in Reimen , den Turnierruhm , des Kaisers Gnade , die Verlobung Bertholds . Frau Hildegard schlug beide Hände zusammen , sie meinte den Alten wahnwitzig . Aber noch toller war ' s , als jene beiden in Streit gerieten , als Kugler von dem Berthold , als von einem verlornen Manne sprach , der auch wohl ein Ausreißer sein dürfte . Fingerling behandelte ihn als einen eifersüchtigen Toren , der dem ein Bein stellen wolle , der ihn aus beiden Sätteln gehoben , und das kränkte Kugler . Die Schreiberherren halfen dem schwächer gestimmten Fingerling durch ihr begleitendes Chor , die Dienstmägde , die Arbeiter drohten in ihrer Art , schon bissen die Hunde auf Kuglers Hund los und alles schien über Kugler herfallen zu wollen , als Berthold , dessen Wagenrollen niemand bei dem Schreien beachtet hatte , mit seinen beiden Reisegenossen mitten unter ihnen stand . Kugler wollte ihm gleich zu Leibe gehen , da sah er die beiden Begleiterinnen und erstarrte in Verlegenheit . Die Mutter wollte Berthold umarmen , da trat sie scheu zurück vor den beiden Frauen , die er ihr zuführte , alles war verlegen oder verwundert , nur nicht Fingerling , der aus seinem Jagdhorne die süßesten Töne herausdrückte , welche auch das Beißen der Hunde in der Art trennte , daß diese mit allen heulenden Tönen , ihre musikalische Beistimmung gaben . Alles zog sich während dieser Kunstgewalt ins Feierliche , Berthold küßte Frau Hildegard die Hand , auch Anna folgte seinem Beispiele , die Mutter begrüßte sie förmlich , worauf Frau Hildegard alle Zusammengehörigen in ihr Zimmer nötigte . Da geschah in Ordnung die Auseinandersetzung , bei welcher Frau Hildegard sich nicht enthalten konnte , so einige Worte von Verführung junger Leute zu sprechen , und wie sie zwar die Verheiratung des jungen Menschen immer gewünscht , aber sich doch jetzt nicht der Tränen erwehren könne , nun sie so unerwartet , ohne ihre Vermittelung erfolge , daß sie nun nicht mehr über seine Gesundheit im Schlafe wachen könne , nicht mehr ihr Bette neben das seine stellen dürfe . Ihr Argwohn gegen die fremden Frauen , die sie für Abenteuerinnen hielt , welche den Sohn künstlich beschwatzt hätten , verwandelte sich bald in Teilnahme und Rührung , als ihr Apollonia im Verfolg der Erzählung näher bekannt ward , von der sie sonst wie von einem Mädchen gesprochen hatte , zu der ihr Sohn nie aufblicken dürfe , und die nun nach so vielen ausgestandenen Leiden ihren ehemaligen Freund der Tochter abtreten müsse . Ihrem Gefühle nach sollten es sich alle noch überlegen , sie meine , der Sohn müsse Apollonien heiraten , das sei er ihr schuldig , mit ihr komme auch sein Alter überein . Der Vorschlag kränkte Annen und Frau Hildegard hatte Mühe , sie zu trösten , als sie ihr versicherte , daß sie auf den Vorschlag gar nicht bestehe . Der ehrliche Kugler fühlte sich bei der ganzen Sache am überflüssigsten , dachte deswegen auf eine Artigkeit , sich beliebt zu machen , und brachte die beiden Lämmer zum Geschenk , die schön weißgewaschen , wie sie waren , der Frau Hildegard so wohl gefielen , daß sie dieselben aufzuziehen beschloß . - » Wo mag damals in der Schreckensnacht mein Lamm geblieben sein ? « fragte Apollonia . - » Von diesem Lamm stammt eine Herde « , sagte Berthold , » die sich jährlich auf dem Hofe vor der Stadt vermehrt und die feinste Wolle im ganzen Lande trägt . Lernt mich in meiner Treue gegen Tiere kennen , auf jenen Bäumen brüten jährlich und werden von mir gefüttert die Abkömmlinge der Elster , welche mir diese Baustelle zeigte . « Das gab Veranlassung , die Fremden umher zu führen , ihnen die Zimmer zu zeigen , die ihnen bestimmt wären . - So endete der Tag und Frau Hildegard freute sich , dem Sohne im Bette wieder wie sonst die Hand reichen zu können , und in diesem Gefühle gelobte sie zur glücklichen Vermählung desselben , die Mutter Maria mit dem heiligen Kinde , die am Hause nur schlecht gemalt , vom Regen ausgelöscht war , wieder auffrischen zu lassen . Der gute Sohn sann aber inzwischen darauf , wie er seiner Mutter eine stete Gesellschaft lassen könnte und berechnete sich , wie viel Dank er dem alten Fingerling schuldig sei und wie dieser auch so einsam lebe . Da trug er ihr vor , ob sie sich nicht mit dem guten Manne vermählen wolle , im Grunde wären sie doch in Hinsicht aller Wirtschaftsangelegenheiten längst mit einander verbunden ; habe sie wegen ihres Schwindels sich sonst schon gegen ihren Willen vermählt , warum wolle sie jetzt nicht ihrem Alter und ihrer Bequemlichkeit dieselbe Gefälligkeit erweisen . Die Mutter wies das zwar von sich , sie sei schon neunzig Jahre , aber der Sohn meinte dennoch durch zu dringen , weil sie von ihrer Seite den Plan machte , Apollonien mit Meister Kugler zu verheiraten , wenn ihr entlaufener Mann für verschollen erklärt wäre , so daß ein Tag sie alle in gehörige Verbindungen versetzen könne . Der Mensch denkt und Gott lenkt . Am Morgen wurde Anna sehr erschreckt , sie konnte sich nicht gleich erinnern , wo sie erwache , das Zimmer erschien in der Morgenhelle anders , als Abends in der Lampenerleuchtung . Sie rief die Mutter , aber diese hatte schon Zimmer und Bett verlassen , und erst allmählich besann sie sich auf alles . Sie strählte ihre Haare am Fenster und flocht sie auf , des herrlichen Anblicks über den blumenreichen Garten erfreut und darum weniger eilfertig : das alles sollte nun bald ihr Eigentum sein , in dem Gedanken fühlte sie ein stolzes Glück . Ein sanfter Wind wogte mit Ästen und Gesträuchen und wie er diese einmal stärker niederbeugte , sah sie die Mutter auf einer Gartenbank neben Berthold sitzen , wie er sie herzlich küßte . Sie zitterte , sie wollte nicht glauben , aber der Wind trat immer stärker auf und es war nicht zu zweifeln ; mm suchte sie alles auf , Berthold und die Mutter zu entschuldigen , aber nichts wollte die Heftigkeit ihres Zorns erleichtern , als ein Strom von Tränen . Als sie noch weinte und ehe sie sich bezwingen konnte , trat die alte Frau Hildegard an ihrem Stabe ein und ließ durch ein paar Mädchen ein elfenbeinernes Schränkchen auf den Tisch in die Mitte der Stube setzen . Die Mägde gingen fort , die Alte hatte zu schwache Augen , um gleich die Tränen der künftigen Schwiegertochter wahrzunehmen , auch war sie sehr beschäftigt , die Seltsamkeiten des Schränkchens sorgsam auszupacken , so gewann Anna Zeit , sich etwas zu fassen . - » Das Schränkchen « , sagte Hildegard , » enthält den Mahlschatz der guten Mutter unsres Bertholds , wie wird sie sich freuen , wenn ein Blick aus jener Welt ihr gegönnt ist , diese Zeichen ihrer Liebe in Zeichen der Liebe ihres Sohnes verwandelt zu sehen . Ich , die ich viel älter war , als sie , sollte das alles noch vor meinem letzten Stündlein erleben . « - Anna kannte nichts von dem Geräte , freute sich aber an aller zierlichen Arbeit , während sie ungeduldig nach dem Fenster hinblickte , ob ihre schmerzliche Wahrnehmung sich ihr zu größerm Kummer wiederhole . - Frau Hildegard erklärte ihr nun die Bedeutung jeder einzelnen Gabe des Mahlschatzes . » Der Kranz mit drei Eicheln auf einem Stiele bezeichnet « , sagte sie , » die Unschuld , welche bisher unter dem höchsten Schutze der Dreieinigkeit gestanden , ihn überreichst du meinem Berthold am Hochzeittage , wogegen er dir die goldne Kette mit den Rubinen als ein Anerkenntnis deiner Unschuld verehrt . Dies ist das silberne Armgeschmeide , das ihr einander anlegt , als Zeichen , daß eure Hände nicht mehr frei sind . Dies ist der Schaugroschen , den du als Mietsgeld von dem Manne empfängst , ein Zeichen der treuen Dienste , die du ihm und seiner Wirtschaft leisten mußt . Dafür übergibst du ihm in der Hochzeitnacht dies feine Hemd , das du noch mit seinem Namen sauber zeichnest , und für das Hemde gibt er dir am Morgen diesen aus Silberdraht geflochtenen Gürtel , an welchem eine Geldtasche und ein Küchenmesser hängt , als Zeichen , daß du gegen jedermann das dir anvertraute Gut schützen sollst . « - Anna dankte ihr unter Tränen für alle die guten Lehren , sie wolle fleißig und treu wirtschaften , wenn nur Berthold gleiche Treue gegen sie erweise . Das Geheimnis ließ sich der Anfrage Hildegards nicht bergen , und Anna vertraute ihr , was sie eben gesehen und was vielleicht noch geschehe . Hildegard war betroffen , sie sagte , wenn auch jetzt zu diesen Zärtlichkeiten nur die Erinnerung der Stelle , wo er sich zuerst mit Apollonien begrüßt , den Stoff hergegeben habe , so sei freilich eine Rückkehr zu dem Jugendgefühle eine sorgliche Sache , weswegen sie immer noch wünsche , daß jene beiden einander ehelichen möchten und daß Anna einen Jüngling ihres Alters erwähle . Der Rat brachte die Jungfrau auf , sie schwor , daß sie ohne Berthold nicht leben könne , daß sie auch von Luther feierlich eingesegnet sei . Da gab ihr Hildegard den Trost , sie möchte nur schweigen und tun , als ob nichts sie kränke , damit nicht Unfrieden in die Ehe gesäet würde , sie wolle dafür sorgen , daß Apollonia nicht im Hause bleibe , so sei doch der Umgang weniger häufig . Zum Glück sei das artige Haus des Nachbars feil , das solle der Sohn für Apollonien kaufen und einrichten lassen . Sehr unbefangen , wie es der Unschuld ihres Herzens ziemte , traten