denn der Wind warf sie immerfort einförmig auf und zu , über der verstarrten Verwüstung hielt die Windsbraut einen lustigen Hexentanz , daß uns der Schnee ins Gesicht wirbelte , es war eine wahre Brockennacht . Ich trank dabei dem Dauernden im Wechsel ein Glas nach dem andern zu und rezitierte mehrere Stellen aus Goethes Faust , die mir mit den Schneewirbeln alle auf einmal eiskalt auf Kopf und Herz zuflogen . Verfluchte Verse ! rief Faber , schweig , oder ich werfe dich wahrhaftig über die Galerie hinunter ! Ich habe ihn niemals so entrüstet gesehn . Ich warf die Flasche ins Tal hinaus , denn mich fror , daß mir die Zähne klapperten . « - Romana antwortete nichts , sondern setzte sich an den Flügel und sang ein wildes Lied , das nur aus dem tiefsten Jammer einer zerrissenen Seele kommen konnte . » Ist das nicht schön ? « fragte sie einige Male dazwischen , sich mit Tränen in den Augen zu Friedrich herumwendend , und lachte abscheulich dabei . - » Ah pah ! « rief Leontin zornig , » das ist nichts , es muß noch besser kommen ! « Er setzte sich hin und sang ein altes Lied aus dem Dreißigjährigen Kriege , dessen fürchterliche Klänge wie blutige Schwerter durch Mark und Bein gingen . Friedrich bemerkte , daß Romana zitterte . Leontin war indes wieder aufgestanden und hatte sich aus der Gesellschaft fortgeschlichen , wie immer , wenn er gerührt war . Wir aber wenden uns ebenfalls von den Blasen der Phantasie , die , wie die Blasen auf dem Rheine , nahes Gewitter bedeuten , zu der Einsamkeit Friedrichs , wie er nun oft nächtelang voller Gedanken unter Büchern saß und arbeitete . Wohl ist der Weltmarkt großer Städte eine rechte Schule des Ernstes für bessere , beschauliche Gemüter , als der getreueste Spiegel ihrer Zeit . Da haben sie den alten , gewaltigen Strom in ihre Maschinen und Räder aufgefangen , daß er nur immer schneller und schneller fließe , bis er gar abfließt , da breitet denn das arme Fabrikenleben in dem ausgetrockneten Bette seine hochmütigen Teppiche aus , deren inwendige Kehrseite ekle , kahle , farblose Fäden sind , verschämt hängen dazwischen wenige Bilder in uralter Schönheit verstaubt , die niemand betrachtet , das Gemeinste und das Größte , heftig aneinandergeworfen , wird hier zu Wort und Schlag , die Schwäche wird dreist durch den Haufen , das Hohe ficht allein . Friedrich sah zum ersten Male so recht in den großen Spiegel , da schnitt ihm ein unbeschreiblicher Jammer durch die Brust , und die Schönheit und Hoheit und das heilige Recht , daß sie so allein waren , und wie er sich selber in dem Spiegel so winzig und verloren in dem Ganzen erblickte , schien es ihm herrlich , sich selber vergessend , dem Ganzen treulich zu helfen mit Geist , Mund und Arm . Er erstaunte , wie er noch so gar nichts getan , wie es ihn noch niemals lebendig erbarmet um die Welt . So schien das große Schauspiel des Lebens , manche besondere äußere Anregung , vor allem aber der furchtbare Gang der Zeit , der wohl keines der bessern Gemüter unberührt ließ , auf einmal alle die hellen Quellen in seinem Innern , die sonst zum Zeitvertreibe wie lustige Springbrunnen spielten , in einen großen Strom vereinigt zu haben . Ihn ekelten die falschen Dichter an mit ihren tauben Herzen , die , uneingedenk der himmelschreienden Mahnung der Zeit , ihre Nationalkraft in müßigem Spiele verliederten . Die unbestimmte Knabensehnsucht , jener wunderbare Spielmann vom Venusberge , verwandelte sich in eine heilige Liebe und Begeisterung für den bestimmten und festen Zweck . Gar vieles , was ihn sonst beängstigte , wurde zuschanden , er wurde reifer , klar , selbstständig und ruhig über das Urteil der Welt . Es genügte ihm nicht mehr , sich an sich allein zu ergötzen , er wollte lebendig eindringen . Desto tiefer und schmerzlicher mußte er sich überzeugen , wie schwer es sei , nützlich zu sein . Mit grenzenloser Aufopferung warf er sich daher auf das Studium der Staaten , ein neuer Weltteil für ihn , oder vielmehr die ganze Welt und was der ewige Geist des Menschen strebte , dachte und wollte , in wenigen großen Umrissen , vor dessen unermeßner Aussicht sein Innerstes aufjauchzte . Ihm träumte einmal , als er in der Nacht einst so über seinen alten Büchern eingeschlummert , als weckte ihn ein glänzendes Kind aus langen lieblichen Träumen . Er konnte kaum die Augen auftun vor Licht , von so wunderbarer Hoheit und Schönheit war des Kindes Angesicht . Es wies mit seinem kleinen Rosenfinger von dem hohen Berge in die Gegend hinaus , da sah er ringsum eine unbegrenzte Runde , Meer , Ströme und Länder , ungeheure , umgeworfene Städte mit zerbrochenen Riesensäulen , das alte Schloß seiner Kinderjahre seltsam verfallen , einige Schiffe zogen hinten nach dem Meere , auf dem einen stand sein verstorbener Vater , wie er ihn oft auf Bildern gesehen , und sah ungewöhnlich ernsthaft - alles doch wie in Dämmerung aufarbeitend , zweifelhaft und unkenntlich , wie ein verwischtes , großes Bild , denn ein dunkler Sturm ging über die ganze Aussicht , als wäre die Welt verbrannt , und der ungeheure Rauch davon lege sich nun über die Verwüstung . Dort , wo des Vaters Schiff hinzog , brach darauf plötzlich ein Abendrot durch den Qualm hervor , die Sonne senkte sich fern nach dem Meere hinab . Als er ihr so nachsah , sah er dasselbe wunderschöne Kind , das vorhin neben ihm gewesen , recht mitten in der Sonne zwischen den spielenden Farbenlichtern traurig an ein großes Kreuz gelehnt , stehen . Eine unbeschreibliche Sehnsucht befiel ihn da , und Angst zugleich , daß die Sonne für immer in das Meer versinken werde . Da war ihm , als sagte das wunderschöne Kind , doch ohne den Mund zu bewegen oder aus seiner traurigen Stellung aufzublicken : » Liebst du mich recht , so gehe mit mir unter , als Sonne wirst du dann wieder aufgehen , und die Welt ist frei ! « - Vor Lust und Schwindel wachte er auf . Draußen funkelte der heitere Wintermorgen schon über die Dächer , das Licht war herabgebrannt , Erwin saß bereits angekleidet ihm gegenüber und sah ihn mit den großen , schönen Augen still und ernsthaft an . Zu solcher Lebensweise kam ein schöner Kreis neuer , rüstiger Freunde , die auf Reisen , an gleicher Gesinnung sich erkennend , aus verschiedenen deutschen Zonen sich nach und nach hier zusammengefunden hatten . Der Erbprinz , der mit einer fast grenzenlosen Leidenschaft an Friedrich hing , wußte den Bund durch seine hinreißende Glut und Beredsamkeit immer frisch zu stärken , so auch , obgleich auf ganz verschiedene Weise , der ältere , besonnene Minister , der nach einer herumschweifenden und wüst durchlebten Jugend , später , seiner größeren Entwürfe und seiner Kraft und Berufes vor allen andern , sie auszuführen sich klar bewußt , auf einmal mehrere brave aber schwächere Männer gewaltsam unterdrückt , ja , selbst seinen eigensten Wunsch , eine Liebe aus früherer Zeit , aufgegeben und dafür eine freudenlose Ehe mit einem der vornehmsten Mädchen gewählt hatte , einzig um das Steuer des Staats in seine festere und sichere Hand zu erhalten . - Eine gleiche Gesinnung schien alle Glieder dieses Kreises zu verbrüdern . Sie arbeiteten fleißig , hoffend und glaubend , dem alten Recht in der engen Zeit Luft zu machen , auf Tod und Leben bereit . Ganz anders , abgesondert und ohne alle Berührung mit diesem Kreise lebte Leontin in einem abgelegenen Quartiere der Residenz mit der Aussicht auf die beschneiten Berge über die weiten Vorstädte weg , wo er , mit Faber zusammenwohnend , einen wunderlichen Haushalt führte . Alle die Begeisterungen , Freuden und Schmerzen , die sich Friedrich , dessen Bildung langsam aber sicherer fortschritt , erst jetzt neu aufdeckten , hatte er längst im Innersten empfunden . Ihn jammerte seine Zeit vielleicht wie keinen , aber er haßte es , davon zu sprechen . Mit der größten Geisteskraft hatte er schon oft redlich alles versucht , wo es etwas nützen konnte , aber immer überwiesen , wie die Menge reich an Wünschen , aber innerlich dumpf und gleichgültig sei , wo es gilt , und wie seine Gedanken jederzeit weiter reichten als die Kräfte der Zeit , warf er sich in einer Art von Verzweiflung immer wieder auf die Poesie zurück und dichtete oft nächtelang ein wunderbares Leben , meist Tragödien , die er am Morgen wieder verbrannte . Seine alles verspottende Lustigkeit war im Grunde nichts , als diese Verzweiflung , wie sie sich an den bunten Bildern der Erde in tausend Farben brach und bespiegelte . Friedrich besuchte ihn täglich , sie blieben einander wechselseitig noch immer durchaus unentbehrliche Freunde , wenngleich Leontin auf keine Weise zu bereden war , an den Bestrebungen jenes Kreises Anteil zu nehmen . Er nannte unverhohlen das Ganze eine leidliche Komödie und den Minister den unleidlichen Theaterprinzipal , der gewiß noch am Ende des Stücks herausgerufen werden würde , wenn nur darin das Wort : » deutsch « recht fleißig vorkäme , denn das mache in der undeutschen Zeit den besten Effekt . Besonders aber war er ein rechter Feind des Erbprinzen . Er sagte oft , er wünschte ihn mit einem großen Schwerte seiner Ahnherrn aus Barmherzigkeit recht in der Mitte entzweihauen zu können , damit die eine ordinäre Hälfte vor der andern närrischen , begeisterten einmal Ruhe hätte . - Dergleichen Reden verstand Friedrich zwar damals nicht recht , denn seine beste Natur sträubte sich gegen ihr Verständnis , aber sie machten ihn stutzig . Faber dagegen , welcher , der Dichtkunst treu ergeben , immer fleißig fortarbeitete , empfing ihn alle Tage gelassen mit derselben Frage : ob er noch immer weltbürgerlich sei ? - » Gott sei Dank « , antwortete Friedrich ärgerlich , » ich verkaufte mein Leben an den ersten besten Buchhändler , wenn es eng genug wäre , sich in einigen hundert Versen ausfingern zu lassen . « » Sehr gut « , erwiderte Faber mit jener Ruhe , welche das Bewußtsein eines redlichen ernsthaften Strebens gibt , » wir alle sollen nach allgemeiner Ausbildung und Tätigkeit , nach dem Verein aller Dinge mit Gott streben ; aber wer von seinem einzelnen , wenn es überhaupt ein solches gibt , es sei Staats- , Dicht- oder Kriegskunst , recht wahrhaft und innig , d.h. christlich durchdrungen ward , der ist ja eben dadurch allgemein . Denn nimm du einen einzelnen Ring aus der Kette , so ist es die Kette nicht mehr , folglich ist eben der Ring auch die Kette . « Friedrich sagte : » Um aber ein Ring in der Kette zu sein , mußt du ebenfalls tüchtig von Eisen und aus einem Gusse mit dem Ganzen sein , und das meinte ich . « Leontin verwickelte sie hier durch ein vielfaches Wortspiel dergestalt in ihre Kette , daß sie beide nicht weiterkonnten . Diese strebende , webende Lebensart schien Friedrich einigermaßen von Rosa zu entfernen , denn jede große innerliche Tätigkeit macht äußerlich still . Es schien aber auch nur so , denn eigentlich hatte seine Liebe zu Rosa , ohne daß er selbst es wußte , einen großen Anteil an seinem Ringen nach dem Höchsten . So wie die Erde in tausend Stämmen , Strömen und Blüten treibt und singt , wenn sie der alles belebenden Sonne zugewendet , so ist auch das menschliche Gemüt zu allem Großen freudig in der Sonnenseite der Liebe . Rosa nahm Friedrichs nur seltene Besuche nicht in diesem Sinne , denn wenige Weiber begreifen der Männer Liebe in ihrem Umfange , sondern messen ungeschickt das Unermeßliche nach Küssen und eitlen Versicherungen . Es ist , als wären ihre Augen zu blöde , frei in die göttliche Flamme zu schauen , sie spielen nur mit ihrem spielenden Widerscheine . Friedrich fand sie überhaupt seit einiger Zeit etwas verändert . Sie war oft einsilbig , oft wieder bis zur Leichtfertigkeit munter , beides schien Manier . Sie mischte oft in ihre besten Unterhaltungen so Fremdartiges , als hätte ihr innerstes Leben sein altes Gleichgewicht verloren . Über seine seltenen Besuche machte sie ihm nie den kleinsten Vorwurf . Er war weit entfernt , den wahren Grund von allem diesem auch nur zu ahnen . Denn die rechte Liebe ist einfältig und sorglos . Eines Tages kam er gegen Abend zu ihr . Das Zimmer war schon dunkel , sie war allein . Sie schien ganz atemlos vor Verlegenheit , als er so plötzlich in das Zimmer trat , und sah sich ängstlich einige Male nach der andern Tür um . Friedrich bemerkte ihre Unruhe nicht , oder mochte sie nicht bemerken . Er hatte heut den ganzen Tag gearbeitet , geschrieben und gesonnen . Auf seiner unbekümmert unordentlichen Kleidung , auf dem verwachten , etwas bleichen Gesichte und den sinnigen Augen ruhte noch der Nachsommer der Begeisterung . Er bat sie , kein Licht anzuzünden , setzte sich nach seiner Gewohnheit mit der Gitarre ans Fenster und sang fröhlich ein altes Lied , das er Rosa oft im Garten bei ihrem Schlosse gesungen . Rosa saß dicht vor ihm , voll Gedanken , es war , je länger er sang , als müßte sie ihm etwas vertrauen und könne sich nicht dazu entschließen . Sie sah ihn immerfort an . » Nein , es ist mir nicht möglich ! « rief sie endlich und sprang auf . Er legte die Laute weg ; sie war schnell durch die andere Tür verschwunden . Er stand noch einige Zeit nachdenkend , da aber niemand kam , ging er verwundert fort . Es war ihm von jeher eine eigene Freude , wenn er so abends durch die Gassen strich , in die untern erleuchteten Fenster hineinzublicken , wie da alles , während es draußen stob und stürmte , gemütlich um den warmen Ofen saß , oder an reinlich gedeckten Tischen schmauste , des Tages Arbeit und Mühen vergessend , wie eine bunte Galerie von Weihnachtsbildern . Er schlug heute einen andern , ungewohnten Weg ein , durch kleine , unbesuchte Gäßchen , da glaubte er auf einmal in dem einen Fenster den Prinzen zu sehen . Er blieb erstaunt stehen . Er war es wirklich . Er saß in einem schlechten Überrocke , den er noch niemals bei ihm gesehen , im Hintergrunde auf einem hölzernen Stuhle . Vor ihm saß ein junges Mädchen in bürgerlicher Kleidung auf einem Schemel , beide Arme auf seine Kniee gestützt , und sah zu ihm hinauf , während er etwas zu erzählen schien und ihr die Haare von beiden Seiten aus der heitern Stirn strich . Ein flackerndes Herdfeuer , an welchem eine alte Frau etwas zubereitete , warf seine gemütlichen Scheine über die Stube . Teller und Schüsseln waren in ihren Geländern ringsum an den Wänden blank und in zierlicher Ordnung aufgestellt , ein Kätzchen saß auf einem Großvaterstuhle am Ofen und putzte sich , im Hintergrunde hing ein Muttergottesbild , vom Kamine hell beleuchtet . Es schien ein stilles , ordentliches Haus . Das Mädchen sprang fröhlich von ihrem Sitze auf , kam ans Fenster und sah einen Augenblick durch die Scheiben . Friedrich erstaunte über ihre Schönheit . Sie schüttelte sich darauf munter und ungemein lieblich , als fröre sie bei dem flüchtigen Blick in die stürmische Nacht draußen , stieg auf einen Stuhl und schloß die Fensterladen zu . Am folgenden Morgen , als Friedrich mit dem Prinzen zusammenkam , sagte er ihm sogleich , was er gestern gesehen . Der Prinz schien betroffen , besann sich darauf einen Augenblick und bat Friedrich , die ganze Begebenheit zu verschweigen . Er besuche , sagte er , das Mädchen schon seit langer Zeit und gebe sich für einen armen Studenten aus . Die Mutter und die Tochter , die wenig auskämen , hielten ihn wirklich dafür . Friedrich sagte ihm offen und ernsthaft , wie dies ein gefährliches Spiel sei , wobei das Mädchen verspielen müsse , er solle lieber alles aufgeben , ehe es zu weit käme , und vor allen Dingen großmütig das Mädchen schonen , das ihm noch unschuldig schiene . Der Prinz war gerührt , drückte Friedrich die Hand und schwur , daß er das Mädchen zu sehr liebe , um sie unglücklich zu machen . Er nannte sie nur sein hohes Mädchen . Später , an einem von jenen wunderbaren Tagen , wo die Bäche wieder ihre klaren Augen aufschlagen und einzelne Lerchen schon hoch in dem blauen Himmel singen , hatte Friedrich alle seine Fenster offen , die auf einen einsamen Spaziergang hinausgingen , den zu dieser Jahreszeit fast niemand besuchte . Es war ein Sonntag , unzählige Glocken schallten durch die stille , heitere Luft . Da sah er den Prinzen wieder verkleidet in der Ferne vorübergehen , neben ihm sein Bürgermädchen , im sonntäglichen Putze zierlich aufgeschmückt . Sie schien sehr zufrieden und glücklich und drückte sich oft fröhlich an seinen Arm . Friedrich nahm die Gitarre , setzte sich auf das Fenster und sang : » Wann der kalte Schnee zergangen , Stehst du draußen in der Tür , Kommt ein Knabe schön gegangen , Stellt sich freundlich da zu dir , Lobet deine frischen Wangen , Dunkle Locken , Augen licht , Wann der kalte Schnee zergangen , Glaub dem falschen Herzen nicht ! Wann die lauen Winde wehen , Scheint die Sonne lieblich warm : Wirst du wohl spazierengehen , Und er führet dich am Arm , Tränen dir im Auge stehen , Denn so schön klingt , was er spricht ; Wann die lauen Winde wehen , Glaub dem falschen Herzen nicht ! Wenn die Lerchen wieder schwirren , Trittst du draußen vor das Haus , Doch er mag nicht mit dir irren , Zog weit in das Land hinaus ; Die Gedanken sich verwirren , Wie du siehst den Morgen rot ; Wann die Lerchen wieder schwirren , Armes Kind , ach , wärst du tot ! « Das Lied rührte Friedrich selbst mit einer unbeschreiblichen Gewalt . Die Glücklichen hatten ihn nicht bemerkt , er hörte das Mädchen noch munter lachen , als sie schon beide wieder verschwunden waren . Der Winter neckte bald darauf noch einmal durch seine späten Züge . Es war ein unfreundlicher Abend , der Wind jagte den Schnee durch die Gassen , da ging Friedrich , in seinen Mantel fest eingewickelt , zu Rosa . Sie hatte ihm , da sie überhaupt jetzt mehr als sonst sich in Gesellschaften einließ , feierlich versprochen , ihn heut zu Hause zu erwarten . Er hatte eine Sammlung alter Bilder unter dem Mantel , die er erst unlängst aufgekauft , und an denen sie sich heut ergötzen wollten . Er freute sich unbeschreiblich darauf , ihr die Bedeutung und die alten Geschichten dazu zu erzählen . Wie groß war aber sein Erstaunen , als er alles im Hause still fand . Er konnte es noch nicht glauben , er stieg hinauf . Ihr Wohnzimmer war auch leer und kein Mensch zur Auskunft da . Der Spiegel auf der Toilette stand noch aufgestellt , künstliche Blumen , goldene Kämme und Kleider lagen auf den Stühlen umher ; sie mußte das Zimmer unlängst verlassen haben . Er setzte sich an den Tisch und schlug einsam seine Bilder auf . Die treue Farbenpracht , die noch so frisch aus den alten Bildern schaute , als wären sie heute gemalt , rührte ihn ; wie da die Genoveva arm und bloß im Walde stand , das Reh vor ihr niederstürzt und hinterdrein der Landgraf mit Rossen , Jägern und Hörnern , wie da so bunte Blumen stehen , unzählige Vögel in den Zweigen mit den glänzenden Flügeln schlagen , wie die Genoveva so schön ist und die Sonne prächtig scheint , alles grün und golden musizierend , und Himmel und Erde voller Freude und Entzückung . - » Mein Gott , mein Gott « , sagte Friedrich , » warum ist alles auf der Welt so anders geworden ! « - Er fand ein Blatt auf dem Tische , worauf Rosa die Zeichnung einer Rose angefangen . Er schrieb , ohne selbst recht zu wissen , was er tat : » Lebe wohl « auf das Blatt . Darauf ging er fort . Draußen auf der Straße fiel ihm ein , daß heute Ball beim Minister sei . Nun übersah er den ganzen Zusammenhang und ging sogleich hin , um sich näher zu überzeugen . Dicht und unkenntlich in seinen Mantel gehüllt , stellte er sich in die Tür unter die zusehenden Bedienten . Er mußte lachen , wie der Marquis soeben im festlichen Staate einzog und mit einer vornehmen Geckenhaftigkeit ihn mit den andern Leuten auf die Seite schob . Er bemerkte wohl , wie die Bedienten heimlich lachten . Gott steh dem Adel bei , dachte er dabei , wenn dies noch seine einzige Unterscheidung und Halt sein soll in der gewaltsam drängenden Zeit , wo untergehen muß , was sich nicht ernstlich rafft ! Die Tanzmusik schallte lustig über den Saal , wie ein wogendes Meer , wo unzählige Sterne glänzend auf- und untergingen . Da sah er Rosa mit dem Prinzen walzen . Alle sahen hin und machten willig Platz , so schön war das Paar . Sie langte im Fluge ohnweit der Tür an und warf sich atemlos in ein Sofa . Ihre Wangen glühten , ihr Busen , dessen Weiße die schwarz herabgeringelten Locken noch blendender machten , hob sich heftig auf und nieder ; sie war überaus reizend . Er konnte sehen , wie sie dem Prinzen , der lange mit Bitten in sie zu dringen schien , tändelnd etwas reichte , das er schnell zu sich steckte . Der Prinz sagte ihr darauf etwas ins Ohr , worauf sie so leichtfertig lachte , daß es Friedrich durch die Seele schnitt . Höchst sonderbar , erst hier in diesem Taumel , in dieser Umgebung glaubte Friedrich auf einmal in des Prinzen Reden dieselbe Stimme wiederzuerkennen , die er auf dem Maskenballe , da er Rosa zum ersten Male wiedergesehen , bei ihrem Begleiter , und dann in dem dunklen Gäßchen , als er von der kleinen Marie herauskam , bei dem einen von den zwei verhüllten Männern gehört hatte . - Er erschrak innerlichst über diese Entdeckung . Er dachte an das arme Bürgermädchen , an Leontins Haß gegen den Prinzen , an die verlorne Marie , an alle die schönen auf immer vergangenen Zeiten , und stürzte sich wieder hinunter in das lustige Schneegestöber . Als er nach Hause kam , fand er Erwin auf dem Sofa eingeschlummert . Schreibzeug lag umher , er schien geschrieben zu haben . Er lag auf dem Rücken , in der rechten Hand , die auf dem Herzen ruhte , hielt er ein zusammengelegtes Papier lose zwischen den Fingern . Friedrich hielt es für einen Brief , da es immer Erwins liebstes Geschäft war , ihn mit den neuangekommenen Briefen bei seiner Nachhausekunft selbst zu überraschen . Er zog es dem Knaben leise aus der Hand und machte es , ohne es näher zu betrachten , schnell auf . Er las : » Die Wolken ziehn immerfort , die Nacht ist so finster . Wo führst du mich hin , wunderbarer Schiffer ? Die Wolken und das Meer haben kein Ende , die Welt ist so groß und still , es ist entsetzlich , allein zu sein . « - Weiter unten stand : » Liebe Julie , denkst du noch daran , wie wir im Garten unter den hohen Blumen saßen und spielten und sangen , die Sonne schien warm , du warst so gut . Seitdem hat niemand mehr Mitleid mit mir . « - Wieder weiter : » Ich kann nicht länger schweigen , der Neid drückt mir das Herz ab . « - Friedrich bemerkte erst jetzt , daß das Papier nur wie ein Brief zusammengelegt und ohne alle Aufschrift war . Voll Erstaunen legte er es wieder neben Erwin hin und sah den lieblich atmenden Knaben nachdenklich an . Da wachte Erwin auf , verwunderte sich , Friedrich und den Brief neben sich zu sehen , steckte das Papier hastig zu sich und sprang auf . Friedrich faßte seine beiden Hände und zog ihn vor sich hin . » Was fehlt dir ? « fragte er ihn unwiderstehlich gutmütig . Erwin sah ihn mit den großen , schönen Augen lange an , ohne zu antworten , dann sagte er auf einmal schnell , und eine lebhafte Fröhlichkeit flog dabei über sein seelenvolles Gesicht : » Reisen wir aus der Stadt und weit fort von den Menschen , ich führ dich in den großen Wald . « - Von einem großen Walde darauf und einem kühlen Strome und einem Turme darüber , wo ein Verstorbener wohne , sprach er wunderbar wie aus dunklen , verworrenen Erinnerungen , oft alte Aussichten aus Friedrichs eigener Kindheit plötzlich aufdeckend . Friedrich küßte den begeisterten Knaben auf die Stirn . Da fiel er ihm um den Hals und küßte ihn heftig , mit beiden Armen ihn fest umklammernd . Voll Erstaunen machte sich Friedrich nur mit Mühe aus seinen Armen los , es war etwas ungewöhnlich Verändertes in seinem Gesichte , eine seltsame Lust in seinen Küssen , seine Lippen brannten , das Herz schlug fast hörbar , er hatte ihn noch niemals so gesehen . Der Bediente trat eben ein , um Friedrich auszukleiden . Erwin war verschwunden . Friedrich hörte , wie er darauf in seiner Stube sang : » Es weiß und rät es doch keiner , Wie mir so wohl ist , so wohl ! Ach , wüßt es nur einer , nur einer , Kein Mensch sonst es wissen sollt ! So still ist ' s nicht draußen im Schnee , So stumm und verschwiegen sind Die Sterne nicht in der Höhe , Als meine Gedanken sind . Ich wünscht , es wäre schon Morgen , Da fliegen zwei Lerchen auf , Die überfliegen einander , Mein Herze folgt ihrem Lauf : Ich wünscht , ich wäre ein Vöglein Und zöge über das Meer , Wohl über das Meer und weiter , Bis daß ich im Himmel wär ! « Funfzehntes Kapitel Schwül und erwartungsvoll schauen wir in den dunkelblauen Himmel , schwere Gewitter steigen ringsum herauf , die über manche liebe Gegend und Freunde ergehen sollen , der Strom schießt dunkelglatt und schneller vorbei , als wollte er seinem Geschick entfliehen , die ganze Gegend verwandelt plötzlich seltsam ihre Miene . Keine Glockenklänge wehen mehr fromm über die Felder , die Wolken zu zerteilen , der Glaube ist tot , die Welt liegt stumm , und viel Teures wird untergehen , eh die Brust wieder frei aufatmet . Friedrich fühlte diesen gewitternden Druck der Luft und waffnete sich nur desto frömmer mit jenem Ernst und Mute , den ein großer Zweck der Seele gibt . Er warf sich mit doppeltem Eifer wieder auf seine Studien , sein ganzes Sinnen und Trachten war endlich auf sein Vaterland gerichtet . Dies mochte ihn abhalten , Erwin damals genauer zu beobachten , der seit jenem Abend stiller als je geworden und sich an einem wunderbaren Triebe nach freier Luft und Freiheit langsam zu verzehren schien . Rosa mochte er seitdem nicht wieder besuchen . Romana hatte sich seit einiger Zeit seltsam von allen größeren Gesellschaften entfernt . - Wir aber stürzen uns lieber in die Wirbel der Geschichte , denn es wird der Seele wohler und weiter im Sturm und Blitzen , als in dieser feindlich lauernden Stille . Es war ein Feiertag im März , da ritt Friedrich mit dem Prinzen auf einem der besuchtesten Spaziergänge . Nach allen Richtungen hin zogen unzählige bunte Schwärme zu den dunklen Toren aus und zerstreuten sich lustig in die neue , warme , schallende Welt . Schaukeln und Ringelspiele drehten sich auf den offenen Rasenplätzen , Musiken klangen von allen Seiten ineinander , eine unübersehbare Reihe prächtiger Wagen bewegte sich schimmernd die Allee hinunter . Romana teilte die Menge rasch zu Pferde wie eine Amazone . Friedrich hatte sie nie so schön und wild gesehen . Rosa war nirgends zu sehen . Als sie an das Ende der Allee kamen , hörten sie plötzlich einen Schrei . Sie sahen sich um und erblickten mehrere Menschen , die bemüht schienen , jemand Hülfe zu leisten . Der Prinz ritt sogleich hinzu ; alles machte ehrerbietig Platz und er erblickte sein Bürgermädchen , die ohnmächtig in den Armen ihrer Mutter lag . Wie versteinert schaute er in das totenbleiche Gesicht des Mädchens . Er bat Friedrich , für sie Sorge zu tragen , wandte sein Pferd und sprengte davon . Er hatte sie zum letzten Male gesehen . Die Mutter , welche sich selbst von Staunen und Schreck nicht erholen konnte , erzählte Friedrich , nachdem er alle unnötigen Gaffer zu entfernen gewußt , wie sie heut mit ihrer Tochter hierher spazierengegangen , um einmal den Hof zu sehen , der , wie sie gehört , an diesem Tage gewöhnlich hier zu erscheinen pflege . Ihr Kind sei besonders fröhlich gewesen und habe noch oft gesagt : » Wenn er doch mit uns wäre , so könnte er uns alle die Herrschaften nennen ! « Auf einmal hörten sie hinter sich : » Der Prinz ! der Prinz ! « Alles blieb stehen und zog den Hut . Sowie ihre Tochter den Prinzen nur erblickte , sei sie sogleich umgefallen . - Friedrich rührte die stille Schönheit des Mädchens mit ihren geschlossenen Augen tief . Er ließ sie sicher nach Hause bringen ; er selbst wollte sie nicht begleiten ,