junges Kind , mein zartes auserwähltes Kind , stehe fest in Gott , denn er lässet Dich nicht . 6. Die Mohrin an den Einsiedler Heiliger Vater ! Ich bin demütig und meine Freude ist , allen zu dienen , und doch werde ich verschmähet . Wie können sie mich verachten , da Ihr mich gewürdigt habt der Lehre . Bei der Pfingstprozession traf mich die Reihe ein Fähnlein zu tragen , mit dem Bilde Mariens geschmücket , aber die weißen Schwestern rissen mir die Fahne aus der Hand und ich - wie eine Aussätzige mußte ich hinterher allein gehen , denn auch Therese hatte sich da einer anderen gesellt . Und ich konnte vor Scham nicht rot werden , daß sie ein sichtbar strafend Zeichen ihrer Bosheit sähen ; ich bin schwarz und von Gott zur Nacht verstoßen . Heiliger Vater , wie bedarf ich so sehr Eures Trostes , daß ich auch hier nicht tauge , wo ich meinte selig zu werden ; ich muß weinen um andrer Leute Stolz ; ist das nicht Hochmut ? Ich habe an Euch und an den himmlischen Bräutigam zu denken , und denke immer meiner Mitschwestern , und zwinge mich wohl , für sie zu beten , aber mein Herz wird vom Zorne überwältigt ; umsonst geißle ich mein Fleisch - ich hatte einen schlimmen Herren auf der Insel - es ist zu gewohnt der Schläge und fühlt sie nicht mehr . Hörte ich nur ein Wort von Euch , heiliger Vater , so würde ich ruhig sein . 7. Der Einsiedler an die Mohrin Die Töchter Jerusalems hatten ein Angaffen , daß König Salomos auserwählte Frau schwarz war , und ihm doch wohl unter vierzig und hundert Frauen die liebste . Da antwortete sie ihnen jugendlich : » Ich bin schwarz , aber gar schön wie die Teppiche im Tempel . « - Liebe schwarze Tochter , mir ist lieber eine gnadenreiche Schwarze , denn der Schein einer gnadenlosen Weißen ; wer sich auf der himmlischen Heide ermaiet hat , der achtet nicht viel auf das zeitliche Maiengewand . Mein Kind , mein Kind , werden Dir auch meine Worte was helfen , da Dein Auge voll Wasser , Dein Herz voll Zornes ist . Lieber Gott , es ist so leicht zu sprechen und raten , es tut aber gar wehe , ein Gegenwärtiges zu empfinden . Ach mein Kind , ich muß Dir eines erzählen , daß Du Deines Leides vergessest . Siehe , es geschahe einmal , da war ich in großen verschmäheten Leiden , da saß ich in meiner Zelle und sahe einen Hund , der lief mitten in den Kreuzgang und schleifte da ein Gebetbuch , und warf es nieder und biß darein und spielte damit . Also , liebes Kind , war ich in der Brüder Mund . Das Gebetbuch läßt sich behandeln , wie es der Hund will , aber ich erkannte es und nahm es auf und legte es in mein Käppelein neben meinen Stuhl und schicke es Dir nun zum Troste ; höre an diese edle Trutznachtigall meines Bruders Spee ; das irdische Geschrei muß dieser himmlischen Stimme schweigen , die Dich immerdar mahnt : Hast Du ein Herz wie das meine , so schwinge Dich auf durch Nebel und Schloßen . - Mein Kind , wir sind nicht allein die Verschmähten , die Verstoßenen in der Welt , die Mehrzahl des himmlischen Hofes war es einst viel mehr ; gedenke der vielen Märtyrer . Sind wir den Leuten unnütz ? Das Weidenholz ist auch unnütz ; man schnitzet aber nach dessen Absterben heilige Bildnisse daraus , die man werter hält als Zedernholz . 8. Die Mohrin an den Einsiedler Heiliger Vater ! Ihr wandelt wie die seligen Engel unermüdet weiter und beglücket wunderbar alle Menschen , bei denen Ihr zusprechet , sehet aber nicht zurück auf die , welche beglückt sind durch Euch . Es ist auch christliche Milde den frommen Dank anzuhören und den Lohn seiner Taten zu empfangen . - Mir ist der Friede geworden ; ja es scheinet Gottes Auge über mir zu weilen und mich mit einem Meere lichter Wolken zu erfüllen ; kein Unfall störet mich mehr , und die Schwelle , über die ich erst gefallen , wird mir zu einer Altarstufe , der ich den Anstoß danke , um mich darauf höher zu erheben . Ich bin ungeschickt , es Euch zu sagen , mag auch meine Seligkeit nicht sträflich unterbrechen mit Nachsinnen ; mir ist oft , als wenn ich flöge , wie eine Biene und sammelte den seligen Honig ein , ja der Himmel ist mir offen und das neue Jerusalem , wenn ich daran gedenke . Die ungläubigen Schwestern spotten über meine Gesichte , weil mein Angesicht schwarz ist ; aber mich schmerzt das nicht mehr ; ich weiß , daß ich Ihn habe ; je mehr ich ruhe , je mehr ich begreife ; je länger ich schweige , je mehr Wunder ich wirke in Seiner Macht ; je mehr Seine Lust wächset , je größer meine Hochzeit ; je minniglicher wir uns ansehen , je ungerner wir uns scheiden ; je mehr Er mir gibt , je mehr ich verzehre ; je mehr ich leuchte , je mehr Lob wird Gott zubereitet . Ich war oft so entzückt in seliger Anschauung des Bräutigams , daß ich das Geläute der Metten nicht hörte . Sie schickten mir den frommen Abt , um mich ermahnen zu lassen , und ich sagete ihm , was ich sehe . Und ihm ward wie einer schwebenden Taube und er kniete vor mir . Heiliger Vater , kommt zu mir , es wandelt mich oft eine Furcht an vor meiner Seligkeit und Vollkommenheit , als wenn ich damit nicht leben könnte auf Erden ; als wäre ich schon im Himmel wie eine rote Abendwolke , die alle Gesichter der Menschen rötet . Schon kommen Bedrängte aus ferner Gegend , die von mir gehört haben , und wollen nur , daß ich die Hand auf sie lege , und ich lebe so selig in meiner Klause , daß mir die Welt rings ganz dunkel und öde erscheint . Ich werde von einer inneren Kraft getrieben wie ein Samenkorn und wage nicht , umzuschauen , ob ich Raum habe , meine Blätter zum Himmel zu treiben . Ich sehe die Säulen an unserer heiligen Kirche und traure , daß ihre Knospen nicht blühen ; wenn sich meine Blüte erhebt , da wird die Kirche daran hängen wie ein Stein , der an den Baum gehangen worden , ihn nieder zu drücken ; aber der Baum hebt endlich mit Frühlingskräften den Stein und der Stein drückt ihn nicht mehr nieder . Kommt zu mir heiliger Vater , und vereinigt Euch mit mir ; wie soll ich mich halten gegen die Wunder . Ich will Euch dafür mit aller meiner Kraft und Seligkeit erfüllen . 9. Der Einsiedler an die Mohrin Liebe Tochter . Säße ein Mensch vor einem Keller an einem sommerlichen Tage , schön bedeckt mit des gelaubten Waldes grünem Staate , mit der Blumen heller Schönheit , trüge in seiner Hand einen Zyperwein in dem durchleuchtenden Glase und tränkete sich damit nach des Herzens Begierde ; und ein anderer Mensch säße auf der dürren Heide unter einer rauhen Wacholderstaude und läse Beeren ab , daß er kranke Menschen gesund machte ; entböte jener diesem , wie er sollte tanzen , er spräche : » Der mag wohl trunken sein , mir ist ganz anders zumut « ; wir sind ungleich geführet mein Kind , das mag ich eigentlich zu Dir sprechen von der Botschaft , die Du mir getan : wie eine Fackel entbrennet sei in Deinem Herzen und die Liebe Wunder in Dir wirke . Mein Kind , es steht eine große Freude auf in meinem Herzen , daß sich der Liebliche so lieblich erzeiget , und daß er Dir gibt zu empfinden , was er nur wenigen verleiht ; doch merke liebes Kind , ein Mensch , der nie zu dem Weine kam , dem ist der Wein empfindlicher , als dem , der schon oft getrunken , und gedenke , daß Dir also geschehen sei von der klaren süßen Liebe der ewigen Weisheit , die Dich nun kräftig hat umfangen . Oder ich meine auch , daß Gott Dich reize , weil er Dich bald von hinnen nehmen will in den grundlosen Brunnen , woraus Du ein seliges Tröpflein versuchet . Nehme daher wahr Deiner leiblichen Kräfte , daß Du nicht verzehret werdest vom allzu heftigen Streben nach dieser Seligkeit . Es mag sich auch fügen , daß Du vielleicht bald auf ein Geringes gesetzet wirst , denn nach langer Hitze und Dürre leuchten die Wetter prächtig und tränken die Gefilde mit Himmelsduft , aber dann ist es oft lange kalt . Fülle in Demut Deine Zisterne und versäume nie darüber Dein Gebet , so wird es Dir nie an einem Labetrunk fehlen , den Du mit allen teilen mußt , die da dursten . Liebe Tochter , versäume keinen andern in Deiner Frömmigkeit , indem Du Deine Frömmigkeit und Dein Glück mir anrühmest . Ich wohne hier in der Wüste an einer sanften Quelle , die immerdar in Tropfen fließet , und habe ich ein Stündlein mit ausgestreckter Hand gesessen , so hat sich so viel des Trankes darin gesammelt , als mir gut tut im Alter . Liebe Tochter , es dursten so viele in der Welt unter schwerer Arbeit nach einer himmlischen Labung , danke es Gott durch solchen segenreichen Zuspruch , daß Du nicht wie eine Ehefrau mit Not und Sehnsucht wegen Mann und Kind geplagt bist , sondern daß Dein Sehnen schon Seligkeit und ihre Erfüllung der Himmel sei . Dolores meinte am Schlusse dieser Briefe , Klelia hätte auch solche Heilige werden können , wenn sie in der alten Zeit gelebt hätte ; sie sprachen von ihr , wie es käme , daß sie seit der ersten Nachricht von ihrer glücklichen Ankunft in Palermo noch gar keine Nachrichten erhalten hätten . Wie es sich aber oft so sonderbar mit ersehnten Briefen trifft , so kam der Briefbote während dieser Unterhaltung mit einem dicken Briefe zurück , den Dolores sogleich aus der Aufschrift erkannte : » Sieh Karl , ein Brief von Klelien , den les ich zuerst , nachher sollst du ihn lesen . « So setzte sie sich still hin und der Graf las immer die umgeschlagenen Blätter laut ab : » ... Der Obrist , unser Onkel , hält alle Abend von neun bis ein Uhr eine Pharaobank ; da kommen alle Offiziere des Regiments und die reichsten Leute der Stadt zusammen und ich muß sie unterhalten , ich Unglückliche , der vom Schlafe oft die Augen zusinken , und dabei muß ich sehen , daß sie ihn im Herzen verachten , wenn sie es gleich nicht kund werden lassen . Zwar hege ich das feste Zutrauen zum Onkel , daß er ehrlich spielt , aber ist es nicht schon ein Betrug Bank zu machen , wenn man voraus weiß , daß nach den Vorteilen , die das Spiel erlaubt , und wegen der Unbesonnenheit der meisten Spieler , die Bank immer gewinnen muß . Ich sagte das meinem Onkel , aber er wurde sehr heftig und schwor , daß er doch unmöglich ohne Gewinn seine Pacht an den Staat bezahlen , und sein Vermögen in die Bank stecken könne ... « Hier schlug Dolores um , und der Graf las auf der andern Seite : » ... Die Nonnen sind mein Trost , mit ihnen lerne ich viele schöne Handarbeiten ; da sticken wir zusammen ein herrliches Meßgewand , das Rosaliens Kapelle auf dem Berge geschenkt werden soll ; es ist aus kleinen Blumen zusammen gestickt , und jede der Schwestern kann sticken , welche Blume sie liebt , doch immer , daß es sich wohl ordne . Ich sticke lauter deutsche Vergißmeinnicht , die sie hier nicht achten , und bei jeder denk ich immer ganz allein an einen von euch , oder an unsern alten Bedienten , und lasse manche Träne hineinfallen , und wo es einen Flecken macht , da sticke ich eine Perle drauf , damit die Schwestern nicht böse werden ... « Wiederum wendete Dolores das Blatt und der Graf las : » ... Neulich konnte ich es doch nicht lassen , einen jungen Mann zu warnen , der in törichter Hitze seinen Satz immer verdoppelte , aber was half ' s , jedermann lachte über mich ; der junge Mensch spielte nun aus Eitelkeit noch wilder und bildete sich ein , ich sei in ihn verliebt . Jetzt lauert er mir aller Orten auf , so daß mich seine törichte Leidenschaft oft zu Hause hält ; denn er soll kühn sein und es gibt hier wenig öffentliche Sicherheit . Mein Onkel gab mir einen derben Verweis , wofür mich freilich die Tante so freundlich trösten wollte ; lieben Freunde , sie ist gut , sehr gut , ich verstehe mich aber nicht mit ihr ; ich suche die Stille , sie wünschte in ihrem Hause beständige Neckereien , Herumlaufen , Tanz ... « Dolores drehte wieder das Blatt , der Graf las : » ... So prachtvoll hier alles sein mag , unser liebes Deutschland vergesse ich darüber doch niemals ; oft , wenn ich lange nicht daran gedacht habe , da fällt es mir so schwer aufs Herz , oft weiß ich nicht einmal , wobei es mir so einfällt . Neulich aber war ich ganz trostlos , da komme ich in unsere Küche , wo ich doch schon oft gewesen , und sehe so zufällig in dem knisternden Feuer der grünen Ölbaumäste eine schöne Figur in der eisernen gegossenen Platte , die im Hintergrunde des Herdes aufgerichtet steht ; zwar war sie sehr verrostet , aber ich konnte doch noch deutlich sehen , wie sie aus einem Füllhorne Blumen fallen läßt . Unter der Platte standen nun mehrere lateinische Buchstaben , die ich zusammenbuchstabiere und immer nicht verstehen kann , weil ich auf etwas Lateinisches oder Italienisches rate ; endlich spreche ich es ganz aus , seht , da heißt es Frühling ; unser lieber deutscher Frühling , mit aller seiner Wunderbarkeit , wie er aus dem Schnee hervortritt , kann mich nie so verwundert , so gerührt haben als diese arme Frühlingsgöttin , die vielleicht seit hundert Jahren hieher verbannt , von niemand verstanden worden ; wer wird mich hier finden , der mich versteht , da ich keine Blumen ausstreue wie jene ! Ich habe nicht geruht , bis ich die eiserne Platte in meinem Zimmer aufgestellt habe ... « » Die arme Klelia « , rief der Graf , » wir müssen ihr gleich schreiben , sie muß zu uns ziehen ; wer wird sie aber hieher begleiten ? Ich begreife nicht , Dolores , wie du sie damals hast können wegreisen lassen ; sie gehört so notwendig zu unserm Glücke ; wir haben uns doch zuweilen gestritten und einander erzürnt , sieh , das wäre gar nicht möglich geworden in ihrer Nähe ; sie ist ein Engel , bei dessen Anblicke einem alle Heftigkeit und Bosheit vergeht . « - » Es ist gut , daß sie nicht hier ist « , sagte die Gräfin , » so wie du jetzt gesinnt bist , würdest du sie sicher mir vorziehen ; sie störte dich niemals , widerspräche dir nie ; was du tätest und sagtest , wäre ihr immer recht ; ich bin dir zu aufrichtig , zu freimütig . « - » Liebes Kind , wie du das wieder nimmst « , rief der Graf und fing schon seinen Brief an Klelien an ; » es ist mir gerade das Teuerste an dir , daß du so fest begründet , so sicher in dir lebst , um alle fremde Gesinnung zu verschmähen , um von niemand etwas anzunehmen , um ... « doch da war er schon so vertieft in seinen Einladungsbrief an Klelien , daß Dolores , ohne daß er es merkte , das Zimmer verlassen hatte , während er noch immer einzelne Worte zu ihr redete . Er schrieb gewöhnlich emsig und schnell , und da er nach einiger Zeit jemand neben sich atmen hörte , so glaubte er mit Wahrscheinlichkeit , es sei Dolores , die ungeduldig über sein langes Schreiben ihm über die Schulter sehe . Da der Brief gleich zu Ende ging , das heißt das Blatt , das so gebietend über die Länge der Gedanken entscheidet , so wollte er sie festhalten und sie zugleich beschäftigen , indem er nach ihrer Hand griff . Wirklich faßte er auch eine Hand und drückte sie , und seine Hand wurde zärtlich wieder gedrückt ; zugleich fühlte er einen heftigen Kuß , der auf der Oberfläche der Hand haftete . Das war gegen die Art der Gräfin ; er sah sich um , und fand die tolle Ilse , die ihm Hut und Stock brachte , die er gestern im Zimmer der Gräfin vergessen hatte und ihn mit dieser demütigen Gunst gar rührend anblickte . Der Graf war in Verlegenheit , seine Gesinnung gegen das weibliche Geschlecht hob im wirklichen Leben alle Standesverhältnisse auf ; sie küßte ihm noch einmal die Hand und drückte sie an ihre Brust , deren Pochen er fühlte ; er konnte ihr noch kein Wort sagen , sondern klopfte ihr mit den Händen die Backen , und murmelte so etwas : » Sie ist ein gutes Kind ! « Ilse richtete sich jetzt aus ihrer gebeugten Stellung auf , und fragte : » Haben der liebe gnädige Herr was zu befehlen ? « - » Nichts liebes Kind « , sagte er , und doch brauchte er Licht , um seinen Brief zu siegeln . Sie verließ jetzt das Zimmer mit einer tiefen Verbeugung , und er ging verwundert auf und ab , wie eine neue Schmeichelei so wunderliche Macht über ihn habe ausüben können ; er konnte dem Mädchen nicht mehr Böses nachsagen , wie er bisher getan ; jede Zuneigung , auch die unerwiderte , hat in einem guten Gemüte etwas Verpflichtendes , und jede Abneigung erscheint darin wie ein Unrecht . Die tolle Ilse war wirklich in den Grafen verliebt , wie gemeiniglich alle Dorfmädchen in einen schönen Gutsherrn ; sein Einfluß ist ihnen deutlicher als in den Städten die ganze Macht eines Fürsten , er ist ihnen auch in guter Art viel überlegener ; selbst die allgemeine Meinung gibt einer solchen Verbindung eher etwas Ehrenvolles , und die Kinder , die daraus hervorgehen , werden mit einem Stolze wie junge Halbgötter angesehen , mehr als eheliche Kinder geschmückt und begünstigt . Es ist ihnen ein geheimer Stolz , wenn Sonntags Morgens die Knechte zu ihnen kommen und an den Kasten treten , wo sie den Sonntagsstaat heraus nehmen , mit manchem bunten Silberbande zu prunken , das sie noch wohl an die Mütze stecken könnten ; solch ein Band ist oft mit dem Teuersten bezahlt , und wüßten sich nur die neidischen Mitmägde recht verständlich zu machen , sie bezahlten gern eben so teuer ; aber eben in dieser Unverständlichkeit liegt viel sogenannte Tugend auf dem Lande . Es ist ein Vorteil unsrer Zeiten , daß sie die Verschiedenheit der Stände , wenn auch nicht aufhebt , doch sittlich unabhängiger von einander macht ; so wird auch die sklavische Liebe der Volksehre weichen . Achtzehntes Kapitel Adel . Der Gerichtstag Solche Reihen gleicher Tage , von außen still , voll abwechselnder innerer Bewegung , überspringen wir , denn das Glück lehrt nicht : es ist ein Geheimnis . Selbst einen schönen guten Morgen , wo der Graf die Nachricht von seiner Frau erhielt , daß sie sich von mehreren Nachbarinnen überzeugen lasse , sie sei in gesegneten Umständen , wollen wir ungefeiert lassen . Doch waren sie beinahe über den Namen des Kindes in Streitigkeiten verwickelt worden , da die Gräfin einige Lieblingsnamen aus Wallers Gedichten , die sie besonders achtete , in ihre Familie einführen wollte , und der Graf unabänderlich darauf bestand , daß man in einer Zeit , die so wenig Bestehendes hervorbringe , das Angeerbte durchaus bewahren müsse , wo es nicht dagegen anstieße , denn es ruhe Segen darauf . In diesem Gespräche entwickelte sich eine Verschiedenheit politischer Ansicht , die beiden gleich unangenehm war , weil sie ihnen eine Quelle der Unterhaltungen aus den Zeitungen verschloß . Die Gräfin , ohne irgend stolz aristokratisch zu sein , hatte doch ihre früheren geistig bestimmenden Zeiten unter der eigensinnigen Klasse von Leuten zugebracht , die sich damals in Deutschland bildete , welche blind an eine notwendige Rückkehr derselben Verhältnisse glaubte , die lange ihnen bequem gewesen . Der Graf , der erst auf Universitäten eine bestimmte politische Ansicht gewonnen , hatte dagegen den Kopf voll rascher Weltverbesserungen , weil ihm manches Bestehende in dem Unterrichte verhaßt geworden , insbesondre war es aber sein Lieblingsplan , alles Gute und Ehrenvolle , was sich in den adligen Häusern , nach seiner Meinung entwickelt habe , allgemein zu machen , alle Welt zu adeln . Beides stritt notwendig gegen einander ; dem Grafen war es ein angenehmer Gedanke auf Du und Du mit aller Welt zu sein , der Gräfin war jede Vertraulichkeit niederer Klassen unerträglich , und die tolle Ilse wußte schon dadurch sich ihr einzuschmeicheln , daß sie jeden Vorwitz durch tiefe Demütigungen , durch ein schnelles Rockküssen oder Niederknieen gutmachte . Diese Gesinnung kam erst bei dieser Veranlassung zur Sprache , weil der Graf seine Meinungen über die allgemeineren Begebenheiten , in deren Kreis er nicht eingreifen konnte , nur bei einem bedeutenden Anlasse aussagte . Als ihm die Gräfin heftig widerstritt , glaubte er , sie verstehe ihn nicht ganz , wollte sich aber mündlich darüber nicht weiter einlassen , sondern schrieb ihr in ein Gedenkbuch , das er im Hause gestiftet und wo beide das Bedeutendste einschrieben , was dem ganzen Hause begegnete , neben der frohen Hoffnung auf ein Kind : Still bewahr es in Gedanken Dieses tief geheime Wort , Nur im Herzen ist der Ort , Wo der Adel tritt in Schranken , Wenn die Tugend in den Nöten Hellaut rufet mit Drommeten . In den Schranken stehn die Ahnen , Wenn der Zweifel Kampf beginnt , Wie aus Fels die Quelle rinnt , Frischend ihre Geister mahnen , Geister werden zu Gedanken , Halten fest , wo alle wanken . Geister sind in jedem Hause , Wecken aus dem Schlaf den Mut . Also rinnt das edle Blut , Geistig wie der Wein beim Schmause , Daß vereinet , die getrennet , Eine Lieb in allen brennet . Immer mit dem größten Maße Mißt des Hauses Geist das Kind , Und das Kind sich dehnt geschwind , Will sich zeigen von der Rasse , Was ihm Herrliches bescheret , Zeigt sich höher , sicher währet . Nicht die Geister zu vertreiben , Steht des Volkes Geist jetzt auf , Nein , daß jedem freier Lauf , Jedem Haus ein Geist soll bleiben : Nein , daß adlig all auf Erden , Muß der Adel Bürger werden . Sie wollte ihm diese Grundsätze , die sie für anstößig erklärte , widerlegen , aber es war das erstemal , daß er mit Ernst an die Schranken erinnerte , die einer Frau zugemessen . Sie war überrascht davon , aber nicht überzeugt , besah einige Augenblicke ihre schönen Nägel , die so angenehm rötlich glänzten , und auf deren jedem ein aufgehender Mond zu schauen war ; dann sagte sie spottend : » Du bist heute wohl so ernsthaft , weil du Gerichtstag halten läßt . Hör Karl , einen Gefallen mußt du mir tun : siehst du wohl die alte Frau , die dort mit einem zugebundnen Teller um das Schloß schleicht , es ist eine gute Alte , sie heißt die Petschen und hat eine böse Schwiegertochter , die schlägt sie jetzt , nachdem sie dem Sohne ihr Haus und ihren Garten abgetreten hat . « - » Woher weißt du das ? « fragte der Graf . - » Von meiner Ilse « , antwortete die Gräfin , » die arme Frau bringt ihr für mich kleine Birnen zum Geschenk ; sie hat mich so lieb . « - » Ich will aufmerksam zuhören « , meinte der Graf , » aber in die Aussprüche mische ich mich nicht ; ich suche die Leute zu deutlicher Erklärung zu bringen und ihnen Gerichtskosten zu ersparen , alles übrige ist dem Gerichtshalter überlassen , der mit seinem Eide den Gesetzen strenge gebunden ist . Überhaupt hasse ich dies Gerichtswesen des Adels sowohl wie der Fürsten , die Gerichte müssen im ganzen Lande von den tätigen Gewalten unabhängig sein , ganz auf freier Wahl beruhen und wo Richter nicht genügten , müßten Geschworene zu Hülfe kommen , nur dadurch würde eine nationale Gesetzgebung entstehen , die alles Fremde , alle unnütze Weitläuftigkeit und drückende Kosten aufhöbe . Ich schwöre dir , daß mich oft , wenn ich für einige elende Zeilen , die eine ganz überflüssige Formalität enthielten , ein paar Taler zahlen mußte , eine Wut packte , das Tintfaß dem Justizkommissar in die Zähne zu schlagen , oder daß ich jeden Augenblick wartete , ob nicht ein Himmelsstrahl ihn und sein ganzes Aktengeschmiere aufbrennen würde . Wenn ich das so fühle , wie viel schärfer schmerzt solche Ausgabe die Ärmeren , die vielleicht eine ganze Woche vom Morgen bis in die Nacht für dieses Geld arbeiten mußten . Dazu kommt noch , daß bei den vielen fremden Worten , bei der Heimlichkeit der Verhandlung ihnen die Rechtspflege wie eine Art Magie vorkommt , wie eine Art Zauberspiel , wo der Zufall entscheidet , wogegen sie sich listig verkriechen.5 Die Heimlichkeit der Verhandlung habe ich aufheben können ; der große Saal gestattet jedermann den Zutritt , durch Schranken sind die Zuhörer von den Klagenden getrennt ; mein Gerichtsverwalter ist auch ein braver Mann , der freundlich jedem den Grund des Rechtes deutlich macht ; aber das eine fühl ich sehr beschwerlich in jedem kleineren Kreise der Justizverwaltung , es ist sehr schwer sich alles Rechtsenthusiasmus zu erwehren ; so wie du für die Alte moralisch eingenommen bist , so bin ich ' s für andre . Heute kommt ein wunderlicher Fall vor . Ein Schneider hat von einem Mädchen , das seine Hand ausgeschlagen , schlecht gesprochen : das kommt bei einem Kindtaufsschmause zur Sprache ; die Eltern ärgern sich darüber , holen eine Stiefelbürste und gehen beide in das Haus des Schneiders , stellen ihm recht ernstlich seine Bosheit vor , daß er mit seinem Munde den guten Ruf des Mädchens befleckt ; sie versichern ihm , er habe einen unreinen Mund , sie müßten ihn erst putzen , und fahren mit den schmutzigen Stiefelbürsten , nachdem er sich mit dem Bügeleisen vergebens gewehrt hatte , ihm in den Mund , daß ihm die Nase blutet . « - » Nun da geschah ihm recht « , sagte die Gräfin . - » Ich fühle das auch « , fuhr der Graf fort , » und doch müssen sie bestraft werden ; die Art , wie sie ihn straften , war widerrechtlich . « Der Graf wurde jetzt abgerufen , der Hof stand schon gedrängt voller Leute , die sich hier vor den letzten Stufen des Gerichtssaals noch ärger verhetzten ; viele redeten vor sich , manche waren bleich der Entscheidung harrend , der große Gerichtsdiener schritt mit Wichtigkeit umher und erteilte bedeutsam seinen Rat , während er den Gefängnisturm lüftete und die alten Gerichtswerkzeuge , spanischen Mantel , hölzerne Fiedel und Halseisen , ungeachtet sie nie mehr gebraucht wurden , sonnte , und zum Schauder aller ausstellte ; jeder Bediente des Schlosses erschien den Leuten als eine mächtige Protektion ; er wurde beiseite genommen , von dem streitigen Fall unterrichtet , die Hände gedrückt und ein Schnaps zugetrunken ; nun forderte der Ruf des Gerichtsdieners die Parteien vor und die ganze Protektion war vernichtet . - Der Graf wartete ungeduldig auf die alte Frau , die ihm von der Gräfin empfohlen ; sie kam mit vielen Höflichkeitsbezeugungen ; ihr Sohn , ein kleiner magerer Leineweber , und eine sehr rüstige Schwiegertochter traten ihr entgegen . Es sei uns hier vergönnt , die Leser mit einem sehr traurigen Familienverhältnisse bekannt zu machen , das unter den ärmeren Klassen auf dem Lande häufig hervortritt , wo ein kleines Eigentum , Haus und Garten , selten geeignet ist , mehr als eine Familie zu erhalten . Die Eltern , welche zur Arbeit zu schwach werden , nehmen dann gemeiniglich eins ihrer verheirateten Kinder zu sich , sie bedingen sich ein Dritteil der Gartenfrüchte , einen Sitz auf der Ofenbank und andre ähnliche Vorteile . So lange wenig Kinder in der aufgenommenen Familie sind , geht alles in gutem Frieden ; die Alten halten zwar meist sehr strenge auf ihre Forderungen , aber sie dienen auch mit allem Fleiße in der Wirtschaft ; mehren sich aber die Kinder , dann überwiegt die Liebe zu ihnen die Liebe zu den Eltern , und ihr Tod wird oft ganz laut gewünscht ; dies war auch das Verhältnis zwischen der Alten und ihren Kindern . Die Alte wollte gern ihre Abtretung an den Sohn aufheben , sie glaubte sich durch ein Geschenk an Frühbirnen , das sie der Gräfin durch die tolle Ilse einhändigen ließ , einzuschmeicheln , und durch dies Einschmeicheln ihren Zweck zu erreichen ; auf dem Lande erscheint eine Kammerjungfer , wie eine Oberhofmeisterin an großen Höfen . Ihr Dritteil an den Birnen wollte sie nicht gern allein zu diesem Geschenke anstrengen ; als daher das Birnenschütteln und Teilen nach manchem Probieren auf einen Sonntag angeordnet war , schlich sie sich früh Morgens , als sich die jungen Leute noch im Bette