Anmerkungen gab . So nannte sie Sophie ziemlich unzart eine phantastische Thörin , die unaufhörlich die Liebe mit dem Gegenstande derselben verwechsle , und ihr daher bald Altäre , bald Gräber erbaue . Ich verstehe Sie nicht , sagte Luise empfindlich . Nun , entgegnete sie , alle Frische , Kraft und Göttlichkeit des Gefühls meint sie in dem geliebten Manne zu finden , und wenn denn nun nach und nach die mangelhafte Natur hervorsieht , und das Traumbild ein ordinärer Mensch wird , dann erhebt sie ein Geschrei und hüllt sich in Trauerschleier , und klagt über das trügerische Spiel der Liebe . Warum sieht sie im Sperling den Paradiesvogel ? Ich begreife , fuhr sie fort , daß ein ungeprüfter , vielleicht überall stumpfer Blick sie verwirren kann ; aber was quält sie sich denn noch nach erkannter Täuschung ? und warum will sie diese mit Gewalt auf Kosten ihres eignen natürlichen Gefühls erhalten ? Was ist es denn weiter ? sie hat sich geirrt ; lasse sie den Irrthum fahren und sehe sich nach Wahrheit um . Luise hatte es sich längst des Streitens mit ihr begeben . Sie schwieg , und begnügte sich , wie herabsetzend auch jene Worte klangen , sich nur fester und vertrauender an Sophie anzuschließen , deren zarter Sinn und treue Anhänglichkeit für das einmal Erwählte sie , trotz des sichtlichen Mißgriffs ihrer Wahl , höchst liebenswürdig machte . Luise übersah oder schob auf die allgemeine Verwirrung menschlicher Gefühle und Verhältnisse , was sie nicht billigen konnte , und neigte sich ohne Rückhalt zu einem Herzen , das im Mißverstehn selbst noch so groß und tief empfand . Mehrere Zeit hatte es Luise vermieden , in das Schauspiel zu gehn , aus geheimer Furcht , in dem Unbekannten Fernando wiederum anzutreffen . Endlich mußte sie indeß den wiederholten Bitten ihrer Bekannten nachgeben , und so ließ sie sich wirklich von Auguste in ihre Loge führen . Das erste Störende , was sie von hier aus erblickte , war Werner , der , sie erkennend , ohne Zeichen der mindesten Verlegenheit zu ihnen eilte , und sie ganz in seinem gewohnten Ton begrüßte . Diese Ruhe drückte die ganze Vergangenheit in die dunkelste Tiefe . Luisen war , als sei eine lange Reihe von Jahren verflossen , seit sie Werner sah , und die damals gehemmte Ordnung längst wieder im alten Geleis . Nicht lange darauf trat auch Baron Roll zu ihnen in die Loge . Er that sehr vertraut mit Werner , der ihn mit komischer Freundlichkeit empfing , gleichsam als thue es ihm wohl , die geschärften Blicke eine Zeitlang auf jener flachen Unbedeutendheit ausruhen zu lassen . Das Stück hätte allenfalls Aufmerksamkeit verdient , allein Roll ließ es bei Keinem , außer bei Augusten , um die er sich niemals bekümmerte , zu einen gesunden Gedanken kommen . Sehn Sie um Gottes Willen ! rief er ganz empört , hat die Reinhart nicht rothe Schuhe an ! bei dem großen Fuß ! Es ist , auf Ehre , unbegreiflich ! Sein Mund verzog sich fast wehmüthig . Das allerliebste Mädchen ! rief er , und so schimpfirt ! Kaum gewann ein Lieblingsschauspieler so viel über ihn , daß er einige Augenblicke schwieg ; dann aber beugte er sich zu Werner und sagte ihm vertrauend : wenn ich so glücklich sein könnte , den Richter nur einmal zu frisiren , er sollte wahrhaftig anders aussehn ! Hm - entgegnete jener ganz kalt , das ließe sich vielleicht machen . Luise konnte sich trotz ihres Ingrimms des Lachens nicht erwehren , ein Muthwille , den Roll sehr bald , ohne es zu wissen , rächte , indem er zu Werner sagte : haben Sie schon gehört , daß unser hübscher Italiener wieder hier ist ? Luise fuhr unwillkührlich zusammen . Werner bemerkte es , und sich gegen das Innre des Hauses vorbeugend , sagte er : in der That , da sitzt er ja ! Luise war seinen Blicken gefolgt , die sich nach dem Parterre richteten , und ohne zu wissen wen er meine , heftete sie ihre ganze Aufmerksamkeit auf einen jungen Mann , der , in nachlässiger Stellung , halbliegend saß , den Arm auf die Lehne des benachbarten Sitzes gestützt , und so , das abgewandte Gesicht in der aufwärts gerichteten Hand ruhend , angelegentlich mit einer hübschen Nachbarin sprach . Ich werde ihn morgen bei der Seckingen einführen , sagte hierauf Roll , er wird unsere Damen mit seinen kleinen Talenten amüsiren . Das thun Sie doch , erwiederte Werner , und verließ , da das Stück bald zu Ende war , gleich darauf mit Roll die Loge . Vergebens hatte Luise bis dahin auf eine Wendung des ängstlich beobachteten Kopfes gewartet ; jetzt , da alles aufstand und das Gedränge immer mehr zunahm , schwankten die Gestalten verworren und unsicher umher . Sie konnte nichts bestimmt unterscheiden ; allein je mehr ihr die Mittel fehlten , sich zu überzeugen , je überzeugter ward sie in sich . Es war Fernandos Stellung , sein dunkel gelocktes Haar ; sie durfte nicht zweifeln . Halb entschlossen , die morgende Gesellschaft nicht zu besuchen , gedachte sie mit Unruhe des Obristen , und erwog , wie seltsam , wenn es Fernando wirklich sei , man ihr Ausbleiben deuten , wie auffallend es erscheinen müsse , daß sie früher von seiner Anwesenheit unterrichtet gewesen . Das Für und Wider abwechselnd annehmend , fuhr sie endlich des folgenden Abends sehr spät zu ihrer neuen Freundin . Es ward getanzt , und sie fand alles in fröhlicher Bewegung , als sie mit gesenktem Blick , flüchtig durch die Zimmer hin , in ein kleines Cabinet eilte , wo sie nur ältere Damen am Spieltisch wußte . Bleich und zerstreut setzte sie sich neben die Baronin , welche diese Auszeichnung als eine schuldige Aufmerksamkeit gütig aufnahm . Indem trat Emilie , erhitzt vom Tanzen , herein , und flüsterte ihr leise zu : wissen Sie , wer hier ist ? Ich weiß , ich weiß , entgegnete sie in tödtlicher Angst . Sie wissen ? woher denn ? fragte Emilie . Gestern - erwiederte Luise ; ich kann jetzt nicht . - Denken Sie sich , fuhr jene fort , die Wirthin hat uns dennoch verrathen ; er sah den Abend , als wir aßen , durch die Thür , welche die Wirthin ein wenig auf ließ . Er hat mir ' s selbst gesagt ; gleich auf den ersten Blick hat er mich erkannt - Sie ? fragte Luise , Sie allein ? Nun , er wird Sie auch erkennen , erwiederte Emilie ; aber sehn Sie , da ist er . Luise hatte nicht das Herz , die Augen zu heben . Rolls Stimme zwang sie endlich , aufzublicken . Sie hörte einen unbekannten Namen , sah ein ganz fremdes Gesicht , eine zarte , fast unausgebildete Gestalt . Kaum gewann sie so viel Fassung , ihr Befremden zu verbergen und einige wohlgewandte an sie gerichtete Worte des Fremden zu beantworten . Wen aber , liebe Emilie , meinten Sie denn zuvor ? fragte sie diese , noch ganz unsicher und verlegen , als die beiden Herren sie verließen . Wen ? Nun mein Gott , erwiederte jene , den jungen Cesario , unsern Reisegefährten , den Unbekannten im Gasthofe ; wen anders ? Dieser also war es ! - sagte Luise zerstreut . Gott ja , fiel Emilie ein , ich glaubte Sie wüßten - Freilich , freilich , erwiederte Luise , ohne zu wissen was sie sagte . Dieser also ! wiederholte sie mehreremale vor sich . Es ist doch seltsam ! - Sie erinnerte sich der Worte , die er gesprochen , und daß er bestimmt Fernandos Namen genannt hatte . Sein Freund also , dachte sie , und ein besorgter , zärtlicher Freund ! Aber wie wagt er sich mit dieser Jugend und Unerfahrenheit so allein in die Welt und auf die unsichre Spur eines so beweglichen , ewig getriebnen Menschen ! Des Obristen Blicke , die sie schon längst gesucht , trafen sie hier . Er näherte sich schnell , und fragte fast bekümmert : warum kamen Sie doch so spät ? Ich hatte mich so auf diesen Abend gefreut und nun ist alles voller Widersprüche ! Sophie ist plötzlich unpäßlich geworden , und hat sich entfernt ; auch Sie sehn bleich und angegriffen aus . Darf Ihr Freund wissen , was Sie beunruhigt ? Doch , setzte er lächelnd hinzu , wir sollten uns hüten , die Geheimnisse der Frauen an uns zu reißen , sie verletzen uns oft , ohne daß wir sie verstehn . Weil sie zu unwichtig oder zu bedeutend sind ? fragte Luise . Gewiß das Letztre , erwiederte er . Ihr ganzes Innre ist ein unendlich zartes , geheimnißreiches Gewebe , dessen luftige Fädchen sich so wunderlich verschlingen , daß sie oft ein gewagter Blick zerreißt , und sie sich , wie die Blumen , vor so rauher Berührung verschließen ; der eigentliche Schmuck , der Blüthenstaub ihres Innern , bleibt uns daher fast immer fremd . Ihren Blick , sagte Luise sinnend , wie aus voller Ueberzeugung , würde ich niemals scheuen . Gewiß ? fragte er ; auch dann nicht , wenn ich Sie bäte , mir zu sagen , was Sie gestern so ängstigend im Schauspiel beschäftigte , da Sie niemand , auch Ihre Freunde nicht , erkannten , und noch beim Herausgehn meinen Gruß unerwiedert ließen ? Auch dann nicht , erwiederte Luise nach augenblicklichem Nachdenken , nur fragen Sie jetzt nicht weiter ; morgen , oder wenn Sie wollen . Nein , meine gütige Freundin , erwiederte er bewegt , ich werde nicht weiter fragen . Glauben Sie mir , diesmal habe ich Sie verstanden . Unsre Organe werden feiner , wenn wir sie in das reine Element der Liebe tauchen . Luise erröthete ; er selbst schwieg , wie erschreckt , über das rasch entschlupfte Wort . Nach einer Weile fragte er sie , um sich selbst zu entgehn , ob sie nicht tanze . Nie wieder , sagte sie schnell , in der Erinnrung jenes Abends , da sie Fernando in wilder Heftigkeit von seiner Seite riß . Nie wieder ? entgegnete er ; auch hier , fuhr er fort , liegt Ihr reines Herz so offen da , daß ich Sie um keine Erklärung zu bitten habe . Mich beunruhigt Ihre Schwester , sagte Luise verlegen ; wollten Sie mich wohl zu ihr begleiten ? Sie nahm des Obristen Arm , und eilte in Sophiens Cabinet , wo sie die schöne Frau sehr zerstört , und in sichtlicher Anstrengung , sich wieder herzustellen , fanden . Der Obrist schloß sie gerührt in seine Arme und verließ schweigend das Zimmer ; aber Sophiens Schmerz brach in unzähligen Thränen aus . Klagend sank sie an Luisens Herz . Sie sprach von Horst , ihrer Liebe , seinem jetzigen schneidenden Betragen , und zog zuletzt ein Billet hervor , das sie eben erst , nach vielen vergeblichen Bothschaften , als Entschuldigung seines Ausbleibens , von ihm erpreßt hatte . Luise las Folgendes : » Je déteste les propos du monde , je n ' aime pas à ètre cité , voilà la raison de ma conduite « Wollen Sie mit Ihrem Blut dies welke Herz nähren ? rief sie empört . O um Gottes Willen , achten Sie sich doch höher . Sehn Sie nur , wie die conventionelle Sprache selbst den groben Sinn nicht verbergen konnte , der sicher nie in Ihr Innres drang ! Ach sie sind Alle , Alle nicht anders ! jammerte Sophie . Alle ? fragte Luise ; auch Ihr Bruder ? - Dieser trat eben jetzt wieder herein . Wenn es Dir doch möglich wäre , sagte er , sich zwischen beide Freundinnen setzend , zur Gesellschaft zurückzukehren , man vermißt Dich überall . Du leidest , fuhr er fort ; ich darf nicht fragen , was Dich quält . Liebe Sophie , sei weniger verschlossen ! Sieh ! hier habe ich noch eine Schwester , die meine Theilnahme nicht zurückstößt . Er hatte Luisen bei der Hand gefaßt und blickte gerührt auf sie hin . Muß ich denn , sagte Sophie sanft , mein Innres nicht vor mir selbst verschließen ? Und was gewönnest Du , in die Verwirrung hineinzusehn , wo eines das andre zerstört und keines das rechte ist ? Ganz anders ist es mit Luisen ; ein großer Schlag des Schlag des Schicksals hob sie über so peinigende Kämpfe hinaus . Für sie beginnt ganz eigentlich ein neues Dasein , dem sie mit jugendlicher Ungeduld eine sichre Richtung zu geben sucht . Ihr Gemüth ist frisch und wach , deshalb versteht sie Dich , und scheuet Deinen Blick so wenig , daß es ihr vielmehr wohl thut , ihm zu begegnen . Luise reichte sittig , vor den Obristen hingebeugt , ihre Hand der Freundin , die , bei eignem getrübten Denken , die fremde Brust dennoch klar durchschaute . Mit tiefer , innrer , Bewegung fühlte der Obrist die schöne Gestalt seinem Herzen so nahe . Wie aus sich herausgedrängt , sagte er , die dargebotne Hand schnell erfassend : wenn es wahr wäre , liebe Luise , wenn Sie mich verstanden , wenn Sie mich auch jetzt verstehn - ? Heiliges , fast demüthiges , Entzücken zitterte durch Luisens Seele . Sie hob ihre Augen zu den hellen Blicken , die sie so wahr in ihrem eignesten Wesen auffanden ; nichts trübte , nichts vervielfachte auch jetzt ihr friedliches Licht ; ein Bote des Himmels hatte zu ihr geredet . Einen Augenblick schwieg sie , durch so wundersame Fügungen ergriffen . Nein gewiß , sagte sie endlich , gewiß , ich kann Sie nicht mißverstehn ! O Gott ! rief der Obrist , beide geliebte Wesen sanft umschlingend , so laß mich sterben ! Ihr armen , wunden Seelen , heilt Euch in meiner Liebe , deren stilles Feuer ewig so rein glühen wird . Drittes Buch Jedes , was in unsichtbarem Zusammenhange , unvorbereitet , in das Leben eines Menschen eingreift , und das über dasselbe für den Augenblick bestimmt , scheint die Vergangenheit gänzlich von der Gegenwart loszureißen , und aus dieser eine neue beginnende Welt hervorzurufen . So schwanden auch jetzt alle frühere Störungen aus Luisens Seele . Ohne Kampf , wie ohne große innere Bewegung , gab sie sich der stillen Gewalt einer Neigung hin , die , wie alles Schöne und Herrliche , aus der Wurzel des Daseins entspringend , ihr Gemüth erweiterte und erhellte . Sie sann und erwog weniger als je , aber das Beste stand ihr immer ganz nahe , und sie erkannte und ergriff es mit frischem Sinn . So fügte sich in des Obristen heitrer Nähe alles wie von selbst , und ihr Verhältniß zu ihm , ohne gerade eine bestimmte äußre Form zu haben , ward durch so milden Einfluß unwillkührlich dichter und in sich unauflöslich . Ein auf solche Weise heilig gehaltener , innrer Verein konnte indeß den Augen der Welt nicht entgehn . Der Obrist war eine zu bedeutende Erscheinung in ihr , seine Verbindungen blieben nicht unbeobachtet , und es konnte daher nicht fehlen , daß eine große Auszeichnung als entschiedne Wahl angenommen ward . Allein diese Auszeichnung hob auch Luisen sogleich über jedes Schwanken der Meinungen hinaus . Ihr Platz in der Gesellschaft , durch die Gunst des Schicksals bezeichnet , war nun eingenommen ; jeder Zweifel schnell gelöst , jede Muthmaßung beseitigt . Die Männer schwiegen da , wo nur eine bedeutende Stimme das Recht hatte , zu sprechen ; und die Frauen durch Klugheit gehalten , räumten willig Vorzüge ein , wo ein Tadel ihr Urtheil verdächtig gemacht hätte . Alles trat daher Luisen schmeichlend entgegen . Selbst Auguste hörte auf zu spötteln und ließ sie ruhig gewähren . Aber vor allen war die Baronin bemüht , ihren Beifall zu äußern . Durch häusliche Sorgen und Verwicklungen geängstet , wandte sie sich gern zu der wiederkehrenden Ordnung eines vormals so verworrnen Daseins , und nicht ohne innre Behaglichkeit schrieb sie der eignen Mitwirkung einen Theil dieser heilsamen Veränderung zu . Luise gönnte ihr gern diese kleine Beruhigung , da ohnehin so manches ihren Erwartungen und Plänen entgegenstrebte . Denn es war nicht zu verkennen , wie rücksichtslos auf Stein und andre Verhältnisse sich Emilie einer entstehenden Neigung für den jungen Cesario hingab . Ein launenhaftes , zweideutiges Wesen , das weich und schmeichelnd in die Gunst der Frauen hineinschlüpfte , und sie bald darauf , wie die ganze übrige Welt , in düstrem Ernst zurückwies . Niemand konnte bestimmen , ob innre Unhaltbarkeit oder irgend eine Absicht diesem wechselnden Spiele zum Grunde lag . Allein , wie man auch tadeln mußte , so fühlte sich doch ein Jeder auf irgend eine Weise davon angesprochen . Oft erschien er so mild , aus den feuchten Blicken drang eine Sehnsucht , die sich unwillkührlich an jedes Herz legte . Aber plötzlich sprühete ein wunderliches Feuer aus Aug ' und Mienen , er drang mit Ungestüm aus sich selbst heraus , sang , improvisirte , zog die Gesellschaft in seine bunte Phantasieen hinein , indem er sinnvolle Tänze und Pantomimen anordnete , denen er einen ganz eignen Charakter von Wehmuth und Lust zu geben verstand . Alles strömte dann aus den fernsten Spielzimmern herbei . Man stand in gedrängten Kreisen um ihn , und rief ihm laut und ungetheilt Beifall zu . Nur der Obrist betrachtete ihn schweigend , voll mitleidsvollem Ernst , und sagte einst zu Luisen gewandt : fühlt denn niemand , wie sich das zarte , fast noch kindische , Geschöpfchen zerreißt , um ein innres Uebel zu ertödten ! Luise gedachte ihres ersten Zusammentreffens im Gasthause . Diese Erinnrungen , wie überall die ganze räthselhafte Erscheinung , mußten sie drücken . Es war ihr unmöglich , Cesario ohne ein ängstigendes Gefühl zu betrachten , das vergebens einen bestimmten Eindruck aufsuchte und sich dennoch nicht gleichgültig abwenden konnte . Was sie indeß störte , zog Emilien um so bestimmter an . Ihr kleines Herz ließ sich gern von den neckenden Widersprüchen hin und her werfen . Der Wechsel war ihr rechtes Lebenselement , dem sie freudig Ruhe , häuslichen Frieden , ja selbst den äußren Anstand , aufopferte . Ihre eigenste Natur schien sich in dem Umgange mit Cesario nur erst recht zu entwickeln . Wie ihre zarte , biegsame Gestalt und die Weichheit und Rundung ihrer Bewegungen sie zu seiner steten Gefährtin bei Spielen und Tänzen machte , so fügte sie sich mit der gleichen Leichtigkeit in die scharfen Uebergänge seiner jedesmaligen Stimmung . Ja , sie theilte nicht etwa nur seine Schmerzen und Freuden , sie nahm sie ganz in sich auf , und empfand sie völlig und innig wie er . Stein trug ein klares Bild von Emilien in seiner Brust . Er konnte es sich nicht bergen , wie viel ihr alles Neue , wie wenig er ihr war . Allein die Liebe zu ihr lähmte jeden kräftigen Entschluß . Er weilte in ihrer Nähe , sich überredend , er hoffe auf irgend eine günstige Veränderung ; was überall wandelbar sei , könne sich ja auch zu ihm wenden , und vielleicht sei dann der bunte Kreislauf vollendet , und das Bleibende erzeuge sich von selbst . Dennoch wagte er es nicht , eine festere Verbindung für den Augenblick zu wünschen , ja er rückte den Gedanken daran in die bessere Zukunft hinaus , an die er nicht glauben , auf die er nicht hoffen konnte . So hielt er sich in einem selbst geschürzten Netz gefangen , erwartend und verzweifelnd , mit wundem Herzen und überreiztem Gemüth , das nur einer bestimmten Veranlassung bedurfte , um alle verhaltne Bitterkeit gegen den überlästigen Cesario auszuströmen . Bei weitem ruhiger schien der Maler Emiliens doppelte Treulosigkeit anzusehn . Für den Winter in die Residenz zurückgekehrt , lebte er allein der Kunst , wenig bekümmert um irgend etwas außer ihr . Allein Werners geschärfter , mehr spürender als forschender Blick , der jedes , was er im Laufe des Lebens irgendwo berührte , wieder anfassen und an sich ziehn mußte , hatte ihn in seiner Stille aufgefunden . Er drängte sich an ihn , und führte ihn , unter mehrern Bekannten , auch zu Augusten . Hier hatte Luise öfters Gelegenheit , den Gleichmuth des jungen Künstlers zu bewundern , da niemand , außer ihr , mit seinen Verhältnissen bekannt , es vermied , über Emilien und ihre Verirrungen zu reden . Selbst Auguste schonte ihrer Freundin so wenig , daß sie sich lachend über den Spott des Schicksals ausließ , welches gewollt , daß ein unbärtiger Knabe das Gewebe der klugen Sybille höchst keck zerreiße , und sie zwinge , das Töchterchen in die Arme des ungekannten Fremdlings zu legen , um dem lästigen Gerede Einhalt zu thun . Der Maler schwieg meist ohne ein Zeichen besondrer Theilnahme ; nur diesmal erwiederte er : dahin wird es nicht kommen . Sein Sie versichert , Emilie täuscht sich , und muß in Kurzem selbst davon überzeugt werden . Er sagte das sehr gefaßt , und mit einer Zuversicht , die Werners Aufmerksamkeit erregte . Allein da er sogleich wieder abbrach , so ließen auch die Andren das Gespräch fallen , ohne daß es zu einer nähern Erörterung kam . Wenn Luise die Menschen um sich her , in ihren verschiednen Beziehungen zu einander , betrachtete , und dann auf sich selbst zurücksah , so mußte sie oft erstaunen , wie ganz anders , milder , verwandter , ihr alle erschienen . Recht wie Gestalten , die uns am Vorabend , bei hereinbrechender Nacht , mit unheimlichen Schauern erfüllten , und nun am vollen Tage klar und befreundet auf uns zutreten . Was sie sonst erschreckte und die innre Unsicherheit mehrte , fiel , wie von selbst , von dem vielen Guten und Erfreulichen ab , was sie wohlthuend zu der Welt zog und den Frieden mit ihr begründete . Selbst mit Werner war sie im Herzen versöhnt , seit sie ihm auf keine Weise scheuen durfte . Cesario allein ließ sie niemals frei von jener früher empfundnen Bangigkeit deren sie , mit aller Anstrengung , nicht Herr werden könnte . Als sie sich einmal recht lebhaft dieser Schwäche schämte , da erinnerte sie sich , wie leicht ein geheim gehaltenes Gefühl dem schönsten Verhältniß Gefahr drohe , und wie wohl größeres Vertrauen ihr und Julius Glück gesichert hätte . Sie konnte nicht anstehn , in des Freundes treue Brust die letzte , kleine Sorge niederzulegen . Dennoch geschah es nicht ohne einige Verlegenheit , daß sie ihrer frühesten Bekanntschaft mit Cesario und des belauschten Selbstgesprächs im Gasthofe gegen den Obristen gedachte . Seitdem , fuhr sie mit gesenkten Augen fort , befällt mich eine Unruhe , so oft ich ihn sehe , die jene zurückruft , weiche lange das Unglück meines Lebens machte . Der Obrist hatte ihre Hand gefaßt , und sahe mit leutseligem Ernst in ihr anmuthig verschämtes Gesicht . Meine Luise , sagte er , es ist ja dies ihr eigenthümliches Wesen , daß Sie niemand in Ungewißheit über sich lassen können , als den , der sich selbst täuscht . Sie sagen mir daher nichts Neues . Ich habe Sie immer verstanden . Wie sollte es mir entgangen sein , daß Ihnen Cesario , durch irgend eine innre Ideenverbindung , Fernandos Bild zurückwirft . Ich möchte Sie beruhigen können , wenn ich Ihnen sage , daß die Unklarheit der Erscheinung es ist , welche den trüben Eindruck erzeugt . Offenbar ist etwas da , was Sie anspricht , aber Sie wissen es weder in noch außer sich in einem bestimmten Zusammenhang zu denken . Es steht losgerissen da , und schwankt nach den entgegengesetztesten Richtungen . Das ist es , was Sie verwirrt . Denn gewiß ist es das Unzusammenhängende allein , was uns im Leben stört . Könnten wir die Geschichte der Welt und jedes einzelnen Wesens in ihrer natürlichen Verbindung zu einander entstehn und fortschreiten sehn , der Faden des verworrnen Knäuels ließe sich , ganz leicht , ohne willkührliches Abreißen und Verknüpfen , abrollen , und der Mensch hörte auf , so einzeln und so feindlich der Natur und sich gegenüber zu stehn . Deshalb lassen Sie sich auch jetzt nicht beunruhigen . Haben Sie überall nur Acht auf das , was in Ihnen vorgeht , und können Sie das scheinbar Störende in irgend einen Einklang mit sich selbst bringen , so lassen Sie es ruhig walten . Sie drängen es vergebens weg , wie unbequem es auch die gewohnte Weise durchkreuzt . Luise erinnerte sich ähnlicher Worte Fernandos , zwar in ganz individueller Beziehung gesprochen , aber dennoch geeignet , sie für den Augenblick in eine höchst verwerfliche Ruhe zu wiegen . Wie leicht , unterbrach sie ihn , hintergehn wir uns aber selbst , und sehen das als zu uns gehörig an , was uns zerreißt und zerstört . Dann , erwiederte der Obrist , kehren wir nur das eigentliche Verhältniß um . Wir geben uns dem Fremdartigen blindlings hin , und verleugnen uns so vor uns selbst . Der besonnene Mensch hingegen läßt das Ungekannte auf sich zu kommen , und wie es sich an sein innerstes Leben wagt , faßt er es mit scharfen Blicken an ; ach liebe Luise ! und wie bald zeigt es sich dann , was in höherer Natur über unser Wissen und Wollen gebietet . Mit welchem Rechte sagen wir daher , wir müsse der Stimme des Herzens folgen . Was man insgemein so nennt , das ist es nun freilich wohl nicht , was ich meine . Es spricht so vieles auf den Menschen hinein , daß er sich zuletzt selbst nicht mehr erkennt . Aber was so recht eigentlich aus dem Herzen heraufdringt , dem widersteht sicher Niemand . Wie wahr , fuhr er , sie umschlingend , fort , und wie höchst seltsam hat mich diese Stimme geführt ! In welchem Augenblicke drückte sich Ihr Bild in mein Innres ! Alles gebot mir , es daraus zu verdrängen . Ich versuchte es oft , aber als es immer wiederkehrte , habe ich es heilig gehalten , und treu bewahret wie ein liebes Geschenk des Himmels , das mich still entzücken und nie wieder verlassen sollte ! Luise hatte den Kopf in großer Rührung an seine Brust gelehnt . Er drückte sie fester an sich , und sagte , über sie hingebeugt : hier wird es nun ewig leben ! Wie es auch kommen möge , dies Bild nimmt mir keine Gewalt der Erde , denn es ist mein geworden durch einen friedlichen Bund mit mir selbst . Was soll kommen ? fragte Luise besorgt ; was mein lieber , lieber Freund , soll uns trennen ? Ach , liebe Luise , erwiederte der Obrist , wer darf das wissen wollen ? Die Bedingungen unsers Daseins wie unsers Glückes greifen in Vor- und kommende Zeit hinein , und dennoch ist unser Gesichtskreis so eng gezogen , wir verstehn die Zukunft nie aus der Vergangenheit . Da liegt alles dunkel und in sich verschlungen . Wir dürfen es nicht anrühren , wenn wir die flüchtige Gegenwart nicht verscheuchen wollen . Luise blieb einen Augenblick nachdenkend . Wäre es möglich , sagte sie darauf , daß meine zu große Offenheit Sie beunruhigt hätte ? Behüte mich der Himmel vor solcher Schwäche , fiel der Obrist schnell ein . Nein , o Gott nein ! wie sollte mich beunruhigen , was der schönste Bürge meiner Ruhe ist . Liebe Luise , mißverstehn Sie mich doch ja nicht . Der Mensch thut nur wohl daran , im Uebermaße des Glücks sich den möglichen Wechsel als möglich zu denken . Das war es nicht allein , sagte Luise , es war mehr als das . Ihr Ton drang so wehmüthig durch mein Herz , als ginge er von trüber Ahndung aus . Jeder Blick in die Zukunft , erwiederte er , erinnert uns an die Wandelbarkeit des Glückes . Eben weil wir dort nichts Bestimmtes sehen , so tritt uns so vieles entgegen , wovon eines das andre zernichtet . Aber , was verderben wir denn die lieben , freundlichen Stunden durch so wunderliche Betrachtungen ! Luise war indeß in sich aufgeschreckt . Sie konnte sich nicht wiederfinden . Die Möglichkeit , den geliebten Freund zu verlieren , trat ihr plötzlich so nahe , daß sie ihn gar nicht von sich lassen wollte . Sie fürchtete , jeder Augenblick könne ihn ihr entreißen . Und als er nun ging , und sie ihm aus dem geöffneten Fenster , die Straße hinunter , lange nachsahe , bis er sich unter fremde Gestalten verlor , da war ihr , als sei die Straße der vor ihr liegende Lebensweg , auf dem ihr alles unbekannt erschien , bis auf das eine geliebte Wesen , das sich nun auch abwandte und sie verließ . Sie verlor sich immer mehr in diese Vorstellung , und ward nicht eher wieder froh , als bis der Obrist des folgenden Tages in einem reich verzierten Schlitten vor ihrer Thür hielt . Das Geläut der Glöckchen hatte sie an das Fenster gelockt . Sie schlug freudig in die Hände , als der schöne Mann von dem leichten Fahrzeuge springend , zu ihr hineilte . Ich komme , meine Luise , sagte er im Hineintreten , Sie zu fragen , ob Sie sich wohl eine Stunde meiner Führung anvertrauen , und mich auf einer Spatzierfahrt begleiten wollen . Der klare stille Wintertag erinnert mich so lebhaft an mein Vaterland . Ich möchte diese Erinnerungen gern mit meinen liebsten Freuden vereinen . Könnten Sie sich wohl für Augenblicke mit Ihrem Freunde in den starren Norden versetzen ? Luise willigte ohne Weiteres ein