ausgeschlossen worden , war ihm höchst empfindlich gewesen ; daß Charlotte diesem glänzenden Teil der geselligen Unterhaltung nur unterbrochen beiwohnen können , weil sie sich nicht wohl befand , hatte er gleichfalls mit Bedauern bemerkt . Nun wollte er sich nicht entfernen , ohne seine Dankbarkeit auch dadurch zu beweisen , daß er zur Ehre der einen und zur Unterhaltung der andern eine weit schönere Darstellung veranstaltete , als die bisherigen gewesen waren . Vielleicht kam hierzu , ihm selbst unbewußt , ein andrer geheimer Antrieb : es ward ihm so schwer , dieses Haus , diese Familie zu verlassen , ja es schien ihm unmöglich , von Ottiliens Augen zu scheiden , von deren ruhig freundlich gewogenen Blicken er die letzte Zeit fast ganz allein gelebt hatte . Die Weihnachtsfeiertage nahten sich , und es wurde ihm auf einmal klar , daß eigentlich jene Gemäldedarstellungen durch runde Figuren von dem sogenannten Präsepe ausgegangen , von der frommen Vorstellung , die man in dieser heiligen Zeit der göttlichen Mutter und dem Kinde widmete , wie sie in ihrer scheinbaren Niedrigkeit erst von Hirten , bald darauf von Königen verehrt werden . Er hatte sich die Möglichkeit eines solchen Bildes vollkommen vergegenwärtigt . Ein schöner , frischer Knabe war gefunden ; an Hirten und Hirtinnen konnte es auch nicht fehlen ; aber ohne Ottilien war die Sache nicht auszuführen . Der junge Mann hatte sie in seinem Sinne zur Mutter Gottes erhoben , und wenn sie es abschlug , so war bei ihm keine Frage , daß das Unternehmen fallen müsse . Ottilie , halb verlegen über seinen Antrag , wies ihn mit seiner Bitte an Charlotten . Diese erteilte ihm gern die Erlaubnis , und auch durch sie ward die Scheu Ottiliens , sich jener heiligen Gestalt anzumaßen , auf eine freundliche Weise überwunden . Der Architekt arbeitete Tag und Nacht , damit am Weihnachtsabend nichts fehlen möge . Und zwar Tag und Nacht im eigentlichen Sinne . Er hatte ohnehin wenig Bedürfnisse , und Ottiliens Gegenwart schien ihm statt alles Labsals zu sein ; indem er um ihretwillen arbeitete , war es , als wenn er keines Schlafs , indem er sich um sie beschäftigte , keiner Speise bedürfte . Zur feierlichen Abendstunde war deshalb alles fertig und bereit . Es war ihm möglich gewesen , wohltönende Blasinstrumente zu versammeln , welche die Einleitung machten und die gewünschte Stimmung hervorzubringen wußten . Als der Vorhang sich hob , war Charlotte wirklich überrascht . Das Bild , das sich ihr vorstellte , war so oft in der Welt wiederholt , daß man kaum einen neuen Eindruck davon erwarten sollte . Aber hier hatte die Wirklichkeit als Bild ihre besonderen Vorzüge . Der ganze Raum war eher nächtlich als dämmernd und doch nichts undeutlich im Einzelnen der Umgebung . Den unübertrefflichen Gedanken , daß alles Licht vom Kinde ausgeht , hatte der Künstler durch einen klugen Mechanismus der Beleuchtung auszuführen gewußt , der durch die beschatteten , nur von Streiflichtern erleuchteten Figuren im Vordergrunde zugedeckt wurde . Frohe Mädchen und Knaben standen umher , die frischen Gesichter scharf von unten beleuchtet . Auch an Engeln fehlte es nicht , deren eigener Schein von dem göttlichen verdunkelt , deren ätherischer Leib vor dem göttlich - menschlichen verdichtet und lichtsbedürftig schien . Glücklicherweise war das Kind in der anmutigsten Stellung eingeschlafen , so daß nichts die Betrachtung störte , wenn der Blick auf der scheinbaren Mutter verweilte , die mit unendlicher Anmut einen Schleier aufgehoben hatte , um den verborgenen Schatz zu offenbaren . In diesem Augenblick schien das Bild festgehalten und erstarrt zu sein . Physisch geblendet , geistig überrascht , schien das umgebende Volk sich eben bewegt zu haben , um die getroffnen Augen wegzuwenden , neugierig erfreut wieder hinzublinzen und mehr Verwunderung und Lust als Bewunderung und Verehrung anzuzeigen , obgleich diese auch nicht vergessen und einigen ältern Figuren der Ausdruck derselben übertragen war . Ottiliens Gestalt , Gebärde , Miene , Blick übertraf aber alles , was je ein Maler dargestellt hat . Der gefühlvolle Kenner , der diese Erscheinung gesehen hätte , wäre in Furcht geraten , es möge sich nur irgend etwas bewegen ; er wäre in Sorge gestanden , ob ihm jemals etwas wieder so gefallen könne . Unglücklicherweise war niemand da , der diese ganze Wirkung aufzufassen vermocht hätte . Der Architekt allein , der als langer , schlanker Hirt von der Seite über die Knieenden hereinsah , hatte , obgleich nicht in dem genauesten Standpunkt , noch den größten Genuß . Und wer beschreibt auch die Miene der neugeschaffenen Himmelskönigin ? Die reinste Demut , das liebenswürdigste Gefühl von Bescheidenheit bei einer großen , unverdient erhaltenen Ehre , einem unbegreiflich unermeßlichen Glück bildete sich in ihren Zügen , sowohl indem sich ihre eigene Empfindung , als indem sich die Vorstellung ausdrückte , die sie sich von dem machen konnte , was sie spielte . Charlotten erfreute das schöne Gebilde , doch wirkte hauptsächlich das Kind auf sie . Ihre Augen strömten von Tränen , und sie stellte sich auf das lebhafteste vor , daß sie ein ähnliches liebes Geschöpf bald auf ihrem Schoße zu hoffen habe . Man hatte den Vorhang niedergelassen , teils um den Vorstellenden einige Erleichterung zu geben , teils eine Veränderung in dem Dargestellten anzubringen . Der Künstler hatte sich vorgenommen , das erste Nacht- und Niedrigkeitsbild in ein Tag- und Glorienbild zu verwandeln , und deswegen von allen Seiten eine unmäßige Erleuchtung vorbereitet , die in der Zwischenzeit angezündet wurde . Ottilien war in ihrer halb theatralischen Lage bisher die größte Beruhigung gewesen , daß außer Charlotten und wenigen Hausgenossen niemand dieser frommen Kunstmummerei zugesehen . Sie wurde daher einigermaßen betroffen , als sie in der Zwischenzeit vernahm , es sei ein Fremder angekommen , im Saale von Charlotten freundlich begrüßt . Wer es war , konnte man ihr nicht sagen . Sie ergab sich darein , um keine Störung zu verursachen . Lichter und Lampen brannten , und eine ganz unendliche Hellung umgab sie . Der Vorhang ging auf , für die Zuschauenden ein überraschender Anblick : das ganze Bild war alles Licht , und statt des völlig aufgehobenen Schattens blieben nur die Farben übrig , die bei der klugen Auswahl eine liebliche Mäßigung hervorbrachten . Unter ihren langen Augenwimpern hervorblickend , bemerkte Ottilie eine Mannsperson neben Charlotten sitzend . Sie erkannte ihn nicht , aber sie glaubte die Stimme des Gehülfen aus der Pension zu hören . Eine wunderbare Empfindung ergriff sie . Wie vieles war begegnet , seitdem sie die Stimme dieses treuen Lehrers nicht vernommen ! Wie im zackigen Blitz fuhr die Reihe ihrer Freuden und Leiden schnell vor ihrer Seele vorbei und regte die Frage auf : Darfst du ihm alles bekennen und gestehen ? Und wie wenig wert bist du , unter dieser heiligen Gestalt vor ihm zu erscheinen , und wie seltsam muß es ihm vorkommen , dich , die er nur natürlich gesehen , als Maske zu erblicken ? Mit einer Schnelligkeit , die keinesgleichen hat , wirkten Gefühl und Betrachtung in ihr gegeneinander . Ihr Herz war befangen , ihre Augen füllten sich mit Tränen , indem sie sich zwang , immerfort als ein starres Bild zu erscheinen ; und wie froh war sie , als der Knabe sich zu regen anfing und der Künstler sich genötiget sah , das Zeichen zu geben , daß der Vorhang wieder fallen sollte ! Hatte das peinliche Gefühl , einem werten Freunde nicht entgegeneilen zu können , sich schon die letzten Augenblicke zu den übrigen Empfindungen Ottiliens gesellt , so war sie jetzt in noch größerer Verlegenheit . Sollte sie in diesem fremden Anzug und Schmuck ihm entgegengehn ? Sollte sie sich umkleiden ? Sie wählte nicht , sie tat das letzte und suchte sich in der Zwischenzeit zusammenzunehmen , sich zu beruhigen , und war nur erst wieder mit sich selbst in Einstimmung , als sie endlich im gewohnten Kleide den Angekommenen begrüßte . Siebentes Kapitel Insofern der Architekt seinen Gönnerinnen das Beste wünschte , war es ihm angenehm , da er doch endlich scheiden mußte , sie in der guten Gesellschaft des schätzbaren Gehülfen zu wissen ; indem er jedoch ihre Gunst auf sich selbst bezog , empfand er es einigermaßen schmerzhaft , sich so bald und , wie es seiner Bescheidenheit dünken mochte , so gut , ja vollkommen ersetzt zu sehen . Er hatte noch immer gezaudert , nun aber drängte es ihn hinweg ; denn was er sich nach seiner Entfernung mußte gefallen lassen , das wollte er wenigstens gegenwärtig nicht erleben . Zu großer Erheiterung dieser halb traurigen Gefühle machten ihm die Damen beim Abschiede noch ein Geschenk mit einer Weste , an der er sie beide lange Zeit hatte stricken sehen , mit einem stillen Neid über den unbekannten Glücklichen , dem sie dereinst werden könnte . Eine solche Gabe ist die angenehmste , die ein liebender , verehrender Mann erhalten mag ; denn wenn er dabei des unermüdeten Spiels der schönen Finger gedenkt , so kann er nicht umhin , sich zu schmeicheln , das Herz werde bei einer so anhaltenden Arbeit doch auch nicht ganz ohne Teilnahme geblieben sein . Die Frauen hatten nun einen neuen Mann zu bewirten , dem sie wohlwollten und dem es bei ihnen wohl werden sollte . Das weibliche Geschlecht hegt ein eignes , inneres , unwandelbares Interesse , von dem sie nichts in der Welt abtrünnig macht ; im äußern , geselligen Verhältnis hingegen lassen sie sich gern und leicht durch den Mann bestimmen , der sie eben beschäftigt ; und so durch Abweisen wie durch Empfänglichkeit , durch Beharren und Nachgiebigkeit führen sie eigentlich das Regiment , dem sich in der gesitteten Welt kein Mann zu entziehen wagt . Hatte der Architekt , gleichsam nach eigener Lust und Belieben , seine Talente vor den Freundinnen zum Vergnügen und zu den Zwecken derselben geübt und bewiesen , war Beschäftigung und Unterhaltung in diesem Sinne und nach solchen Absichten eingerichtet , so machte sich in kurzer Zeit durch die Gegenwart des Gehülfen eine andere Lebensweise . Seine große Gabe war , gut zu sprechen und menschliche Verhältnisse , besonders in bezug auf Bildung der Jugend , in der Unterredung zu behandeln . Und so entstand gegen die bisherige Art zu leben ein ziemlich fühlbarer Gegensatz , um so mehr , als der Gehülfe nicht ganz dasjenige billigte , womit man sich die Zeit über ausschließlich beschäftigt hatte . Von dem lebendigen Gemälde , das ihn bei seiner Ankunft empfing , sprach er gar nicht . Als man ihm hingegen Kirche , Kapelle und was sich darauf bezog , mit Zufriedenheit sehen ließ , konnte er seine Meinung , seine Gesinnungen darüber nicht zurückhalten . » Was mich betrifft , « sagte er , » so will mir diese Annäherung , diese Vermischung des Heiligen zu und mit dem Sinnlichen keineswegs gefallen , nicht gefallen , daß man sich gewisse besondere Räume widmet , weihet und aufschmückt , um erst dabei ein Gefühl der Frömmigkeit zu hegen und zu unterhalten . Keine Umgebung , selbst die gemeinste nicht , soll in uns das Gefühl des Göttlichen stören , das uns überallhin begleiten und jede Stätte zu einem Tempel einweihen kann . Ich mag gern einen Hausgottesdienst in dem Saale gehalten sehen , wo man zu speisen , sich gesellig zu versammeln , mit Spiel und Tanz zu ergötzen pflegt . Das Höchste , das Vorzüglichste am Menschen ist gestaltlos , und man soll sich hüten , es anders als in edler Tat zu gestalten . « Charlotte , die seine Gesinnungen schon im ganzen kannte und sie noch mehr in kurzer Zeit erforschte , brachte ihn gleich in seinem Fache zur Tätigkeit , indem sie ihre Gartenknaben , welche der Architekt vor seiner Abreise eben gemustert hatte , in dem großen Saal aufmarschieren ließ , da sie sich denn in ihren heitern , reinlichen Uniformen , mit gesetzlichen Bewegungen und einem natürlichen , lebhaften Wesen sehr gut ausnahmen . Der Gehülfe prüfte sie nach seiner Weise und hatte durch mancherlei Fragen und Wendungen gar bald die Gemütsarten und Fähigkeiten der Kinder zutage gebracht und , ohne daß es so schien , in Zeit von weniger als einer Stunde sie wirklich bedeutend unterrichtet und gefördert . » Wie machen Sie das nur ? « sagte Charlotte , indem die Knaben wegzogen . » Ich habe sehr aufmerksam zugehört ; es sind nichts als ganz bekannte Dinge vorgekommen , und doch wüßte ich nicht , wie ich es anfangen sollte , sie in so kurzer Zeit , bei so vielem Hin-und Widerreden , in solcher Folge zur Sprache zu bringen . « » Vielleicht sollte man « , versetzte der Gehülfe , » aus den Vorteilen seines Handwerks ein Geheimnis machen . Doch kann ich Ihnen die ganz einfache Maxime nicht verbergen , nach der man dieses und noch viel mehr zu leisten vermag . Fassen Sie einen Gegenstand , eine Materie , einen Begriff , wie man es nennen will ; halten Sie ihn recht fest ; machen Sie sich ihn in allen seinen Teilen recht deutlich , und dann wird es Ihnen leicht sein , gesprächsweise an einer Masse Kinder zu erfahren , was sich davon schon in ihnen entwickelt hat , was noch anzuregen , zu überliefern ist . Die Antworten auf Ihre Fragen mögen noch so ungehörig sein , mögen noch so sehr ins Weite gehen , wenn nur sodann Ihre Gegenfrage Geist und Sinn wieder hereinwärts zieht , wenn Sie sich nicht von Ihrem Standpunkte verrücken lassen , so müssen die Kinder zuletzt denken , begreifen , sich überzeugen , nur von dem , was und wie es der Lehrende will . Sein größter Fehler ist der , wenn er sich von den Lernenden mit in die Weite reißen läßt , wenn er sie nicht auf dem Punkte festzuhalten weiß , den er eben jetzt behandelt . Machen Sie nächstens einen Versuch , und es wird zu Ihrer großen Unterhaltung dienen . « » Das ist artig , « sagte Charlotte ; » die gute Pädagogik ist also gerade das Umgekehrte von der guten Lebensart . In der Gesellschaft soll man auf nichts verweilen , und bei dem Unterricht wäre das höchste Gebot , gegen alle Zerstreuung zu arbeiten . « » Abwechselung ohne Zerstreuung wäre für Lehre und Leben der schönste Wahlspruch , wenn dieses löbliche Gleichgewicht nur so leicht zu erhalten wäre ! « sagte der Gehülfe und wollte weiter fortfahren , als ihn Charlotte aufrief , die Knaben nochmals zu betrachten , deren munterer Zug sich soeben über den Hof bewegte . Er bezeigte seine Zufriedenheit , daß man die Kinder in Uniform zu gehen anhalte . » Männer « , so sagte er , » sollten von Jugend auf Uniform tragen , weil sie sich gewöhnen müssen , zusammen zu handeln , sich unter ihresgleichen zu verlieren , in Masse zu gehorchen und ins Ganze zu arbeiten . Auch befördert jede Art von Uniform einen militärischen Sinn sowie ein knapperes , strackeres Betragen , und alle Knaben sind ja ohnehin geborne Soldaten ; man sehe nur ihre Kampf- und Streitspiele , ihr Erstürmen und Erklettern . « » So werden Sie mich dagegen nicht tadeln , « versetzte Ottilie , » daß ich meine Mädchen nicht überein kleide . Wenn ich sie Ihnen vorführe , hoffe ich Sie durch ein buntes Gemisch zu ergötzen . « » Ich billige das sehr , « versetzte jener . » Frauen sollten durchaus mannigfaltig gekleidet gehen , jede nach eigner Art und Weise , damit eine jede fühlen lernte , was ihr eigentlich gut stehe und wohl zieme . Eine wichtigere Ursache ist noch die , weil sie bestimmt sind , ihr ganzes Leben allein zu stehen und allein zu handeln . « » Das scheint mir sehr paradox , « versetzte Charlotte ; » sind wir doch fast niemals für uns . « » O ja ! « versetzte der Gehülfe , » in Absicht auf andere Frauen ganz gewiß . Man betrachte ein Frauenzimmer als Liebende , als Braut , als Frau , Hausfrau und Mutter , immer steht sie isoliert , immer ist sie allein und will allein sein . Ja die Eitle selbst ist in dem Falle . Jede Frau schließt die andre aus , ihrer Natur nach ; denn von jeder wird alles gefordert , was dem ganzen Geschlechte zu leisten obliegt . Nicht so verhält es sich mit den Männern . Der Mann verlangt den Mann ; er würde sich einen zweiten erschaffen , wenn es keinen gäbe ; eine Frau könnte eine Ewigkeit leben , ohne daran zu denken , sich ihresgleichen hervorzubringen . « » Man darf « , sagte Charlotte , » das Wahre nur wunderlich sagen , so scheint zuletzt das Wunderliche auch wahr . Wir wollen uns aus ihren Bemerkungen das Beste herausnehmen und doch als Frauen mit Frauen zusammenhalten und auch gemeinsam wirken , um den Männern nicht allzu große Vorzüge über uns einzuräumen . Ja , Sie werden uns eine kleine Schadenfreude nicht übelnehmen , die wir künftig um desto lebhafter empfinden müssen , wenn sich die Herren untereinander auch nicht sonderlich vertragen . « Mit vieler Sorgfalt untersuchte der verständige Mann nunmehr die Art , wie Ottilie ihre kleinen Zöglinge behandelte , und bezeigte darüber seinen entschiedenen Beifall . » Sehr richtig heben Sie « , sagte er , » Ihre Untergebenen nur zur nächsten Brauchbarkeit heran . Reinlichkeit veranlaßt die Kinder , mit Freuden etwas auf sich selbst zu halten , und alles ist gewonnen , wenn sie das , was sie tun , mit Munterkeit und Selbstgefühl zu leisten angeregt sind . « Übrigens fand er zu seiner großen Befriedigung nichts auf den Schein und nach außen getan , sondern alles nach innen und für die unerläßlichen Bedürfnisse . » Mit wie wenig Worten « , rief er aus , » ließe sich das ganze Erziehungsgeschäft aussprechen , wenn jemand Ohren hätte zu hören ! « » Mögen Sie es nicht mit mir versuchen ? « sagte freundlich Ottilie . » Recht gern , « versetzte jener ; » nur müssen Sie mich nicht verraten . Man erziehe die Knaben zu Dienern und die Mädchen zu Müttern , so wird es überall wohlstehn . « » Zu Müttern , « versetzte Ottilie , » das könnten die Frauen noch hingehen lassen , da sie sich , ohne Mütter zu sein , doch immer einrichten müssen , Wärterinnen zu werden ; aber freilich zu Dienern würden sich unsre jungen Männer viel zu gut halten , da man jedem leicht ansehen kann , daß er sich zum Gebieten fähiger dünkt . « » Deswegen wollen wir es ihnen verschweigen , « sagte der Gehülfe . » Man schmeichelt sich ins Leben hinein , aber das Leben schmeichelt uns nicht . Wieviel Menschen mögen denn das freiwillig zugestehen , was sie am Ende doch müssen ? Lassen wir aber diese Betrachtungen , die uns hier nicht berühren ! Ich preise Sie glücklich , daß Sie bei Ihren Zöglingen ein richtiges Verfahren anwenden können . Wenn Ihre kleinsten Mädchen sich mit Puppen herumtragen und einige Läppchen für sie zusammenflicken , wenn ältere Geschwister alsdann für die jüngern sorgen und das Haus sich in sich selbst bedient und aufhilft , dann ist der weitere Schritt ins Leben nicht groß , und ein solches Mädchen findet bei ihrem Gatten , was sie bei ihren Eltern verließ . Aber in den gebildeten Ständen ist die Aufgabe sehr verwickelt . Wir haben auf höhere , zartere , feinere , besonders auf gesellschaftliche Verhältnisse Rücksicht zu nehmen . Wir andern sollen daher unsre Zöglinge nach außen bilden ; es ist notwendig , es ist unerläßlich und möchte recht gut sein , wenn man dabei nicht das Maß überschritte ; denn indem man die Kinder für einen weiteren Kreis zu bilden gedenkt , treibt man sie leicht ins Grenzenlose , ohne im Auge zu behalten , was denn eigentlich die innere Natur fordert . Hier liegt die Aufgabe , welche mehr oder weniger von den Erziehern gelöst oder verfehlt wird . Bei manchem , womit wir unsere Schülerinnen in der Pension ausstatten , wird mir bange , weil die Erfahrung mir sagt , von wie geringem Gebrauch es künftig sein werde . Was wird nicht gleich abgestreift , was nicht gleich der Vergessenheit überantwortet , sobald ein Frauenzimmer sich im Stande der Hausfrau , der Mutter befindet ! Indessen kann ich mir den frommen Wunsch nicht versagen , da ich mich einmal diesem Geschäft gewidmet habe , daß es mir dereinst in Gesellschaft einer treuen Gehülfin gelingen möge , an meinen Zöglingen dasjenige rein auszubilden , was sie bedürfen , wenn sie in das Feld eigener Tätigkeit und Selbständigkeit hinüberschreiten ; daß ich mir sagen könnte : in diesem Sinne ist an ihnen die Erziehung vollendet . Freilich schließt sich eine andere immer wieder an , die beinahe mit jedem Jahre unsers Lebens , wo nicht von uns selbst , doch von den Umständen veranlaßt wird . « Wie wahr fand Ottilie diese Bemerkung ! Was hatte nicht eine ungeahnte Leidenschaft im vergangenen Jahr an ihr erzogen ! Was sah sie nicht alles für Prüfungen vor sich schweben , wenn sie nur aufs Nächste , aufs Nächstkünftige hinblickte ! Der junge Mann hatte nicht ohne Vorbedacht einer Gehülfin , einer Gattin erwähnt ; denn bei aller seiner Bescheidenheit konnte er nicht unterlassen , seine Absichten auf eine entfernte Weise anzudeuten ; ja er war durch mancherlei Umstände und Vorfälle aufgeregt worden , bei diesem Besuch einige Schritte seinem Ziele näher zu tun . Die Vorsteherin der Pension war bereits in Jahren ; sie hatte sich unter ihren Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen schon lange nach einer Person umgesehen , die eigentlich mit ihr in Gesellschaft träte , und zuletzt dem Gehülfen , dem sie zu vertrauen höchlich Ursache hatte , den Antrag getan , er solle mit ihr die Lehranstalt fortführen , darin als in dem Seinigen mitwirken und nach ihrem Tode als Erbe und einziger Besitzer eintreten . Die Hauptsache schien hiebei , daß er eine einstimmende Gattin finden müsse . Er hatte im stillen Ottilien vor Augen und im Herzen ; allein es regten sich mancherlei Zweifel , die wieder durch günstige Ereignisse einiges Gegengewicht erhielten . Luciane hatte die Pension verlassen , Ottilie konnte freier zurückkehren ; von dem Verhältnisse zu Eduard hatte zwar etwas verlautet , allein man nahm die Sache , wie ähnliche Vorfälle mehr , gleichgültig auf , und selbst dieses Ereignis konnte zu Ottiliens Rückkehr beitragen . Doch wäre man zu keinem Entschluß gekommen , kein Schritt wäre geschehen , hätte nicht ein unvermuteter Besuch auch hier eine besondere Anregung gegeben , wie denn die Erscheinung von bedeutenden Menschen in irgendeinem Kreise niemals ohne Folge bleiben kann . Der Graf und die Baronesse , welche so oft in den Fall kamen , über den Wert verschiedener Pensionen befragt zu werden , weil fast jedermann um die Erziehung seiner Kinder verlegen ist , hatten sich vorgenommen , diese besonders kennenzulernen , von der soviel Gutes gesagt wurde , und konnten nunmehr in ihren neuen Verhältnissen zusammen eine solche Untersuchung anstellen . Allein die Baronesse beabsichtigte noch etwas anderes . Während ihres letzten Aufenthalts bei Charlotten hatte sie mit dieser alles umständlich durchgesprochen , was sich auf Eduarden und Ottilien bezog . Sie bestand aber- und abermals darauf : Ottilie müsse entfernt werden . Sie suchte Charlotten hiezu Mut einzusprechen , welche sich vor Eduards Drohungen noch immer fürchtete . Man sprach über die verschiedenen Auswege , und bei Gelegenheit der Pension war auch von der Neigung des Gehülfen die Rede , und die Baronesse entschloß sich um so mehr zu dem gedachten Besuch . Sie kommt an , lernt den Gehülfen kennen , man beobachtet die Anstalt und spricht von Ottilien . Der Graf selbst unterhält sich gern über sie , indem er sie bei dem neulichen Besuch genauer kennengelernt . Sie hatte sich ihm genähert , ja sie ward von ihm angezogen , weil sie durch sein gehaltvolles Gespräch dasjenige zu sehen und zu kennen glaubte , was ihr bisher ganz unbekannt geblieben war . Und wie sie in dem Umgange mit Eduard die Welt vergaß , so schien ihr in der Gegenwart des Grafen die Welt erst recht wünschenswert zu sein . Jede Anziehung ist wechselseitig . Der Graf empfand eine Neigung für Ottilien , daß er sie gern als seine Tochter betrachtete . Auch hier war sie der Baronesse zum zweitenmal und mehr als das erstemal im Wege . Wer weiß , was diese in Zeiten lebhafterer Leidenschaft gegen sie angestiftet hätte ! Jetzt war es ihr genug , sie durch eine Verheiratung den Ehefrauen unschädlicher zu machen . Sie regte daher den Gehülfen auf eine leise , doch wirksame Art klüglich an , daß er sich zu einer kleinen Exkursion auf das Schloß einrichten und seinen Planen und Wünschen , von denen er der Dame kein Geheimnis gemacht , sich ungesäumt nähern solle . Mit vollkommener Beistimmung der Vorsteherin trat er daher seine Reise an und hegte in seinem Gemüte die besten Hoffnungen . Er weiß , Ottilie ist ihm nicht ungünstig ; und wenn zwischen ihnen einiges Mißverhältnis des Standes war , so glich sich dieses gar leicht durch die Denkart der Zeit aus . Auch hatte die Baronesse ihn wohl fühlen lassen , daß Ottilie immer ein armes Mädchen bleibe . Mit einem reichen Hause verwandt zu sein , hieß es , kann niemanden helfen ; denn man würde sich selbst bei dem größten Vermögen ein Gewissen daraus machen , denjenigen eine ansehnliche Summe zu entziehen , die dem näheren Grade nach ein vollkommeneres Recht auf ein Besitztum zu haben scheinen . Und gewiß bleibt es wunderbar , daß der Mensch das große Vorrecht , nach seinem Tode noch über seine Habe zu disponieren , sehr selten zugunsten seiner Lieblinge gebraucht und , wie es scheint , aus Achtung für das Herkommen nur diejenigen begünstigt , die nach ihm sein Vermögen besitzen würden , wenn er auch selbst keinen Willen hätte . Sein Gefühl setzte ihn auf der Reise Ottilien völlig gleich . Eine gute Aufnahme erhöhte seine Hoffnungen . Zwar fand er gegen sich Ottilien nicht ganz so offen wie sonst ; aber sie war auch erwachsener , gebildeter und , wenn man will , im allgemeinen mitteilender , als er sie gekannt hatte . Vertraulich ließ man ihn in manches Einsicht nehmen , was sich besonders auf sein Fach bezog . Doch wenn er seinem Zwecke sich nähern wollte , so hielt ihn immer eine gewisse innere Scheu zurück . Einst gab ihm jedoch Charlotte hierzu Gelegenheit , indem sie in Beisein Ottiliens zu ihm sagte : » Nun , Sie haben alles , was in meinem Kreise heranwächst , so ziemlich geprüft ; wie finden Sie denn Ottilien ? Sie dürfen es wohl in ihrer Gegenwart aussprechen . « Der Gehülfe bezeichnete hierauf mit sehr viel Einsicht und ruhigem Ausdruck , wie er Ottilien in Absicht eines freieren Betragens , einer bequemeren Mitteilung , eines höheren Blicks in die weltlichen Dinge , der sich mehr in ihren Handlungen als in ihren Worten betätige , sehr zu ihrem Vorteil verändert finde , daß er aber doch glaube , es könne ihr sehr zum Nutzen gereichen , wenn sie auf einige Zeit in die Pension zurückkehre , um das in einer gewissen Folge gründlich und für immer sich zuzueignen , was die Welt nur stückweise und eher zur Verwirrung als zur Befriedigung , ja manchmal nur allzuspät überliefere . Er wolle darüber nicht weitläufig sein ; Ottilie wisse selbst am besten , aus was für zusammenhängenden Lehrvorträgen sie damals herausgerissen worden . Ottilie konnte das nicht leugnen ; aber sie konnte nicht gestehen , was sie bei diesen Worten empfand , weil sie sich es kaum selbst auszulegen wußte . Es schien ihr in der Welt nichts mehr unzusammenhängend , wenn sie an den geliebten Mann dachte , und sie begriff nicht , wie ohne ihn noch irgend etwas zusammenhängen könne . Charlotte beantwortete den Antrag mit kluger Freundlichkeit . Sie sagte , daß sowohl sie als Ottilie eine Rückkehr nach der Pension längst gewünscht hätten . In dieser Zeit nur sei ihr die Gegenwart einer so lieben Freundin und Helferin unentbehrlich gewesen ; doch wolle sie in der Folge nicht hinderlich sein , wenn es Ottiliens Wunsch bliebe , wieder auf so lange dorthin zurückzukehren , bis sie das Angefangene geendet und das Unterbrochene sich vollständig zugeeignet . Der Gehülfe nahm diese Anerbietung freudig auf ; Ottilie durfte nichts dagegen sagen , ob es ihr gleich vor dem Gedanken schauderte . Charlotte hingegen dachte Zeit zu gewinnen ; sie hoffte , Eduard sollte sich erst als glücklicher Vater wiederfinden und einfinden , dann , war sie überzeugt , würde sich alles geben und auch für Ottilien auf eine oder die andere Weise gesorgt werden . Nach einem bedeutenden Gespräch , über welches alle Teilnehmenden nachzudenken haben , pflegt ein gewisser Stillstand einzutreten , der einer allgemeinen Verlegenheit ähnlich sieht . Man ging im Saale auf und ab , der Gehülfe blätterte in einigen Büchern und kam endlich an den Folioband , der noch von Lucianens Zeiten her liegengeblieben war . Als er sah , daß darin nur Affen enthalten waren , schlug er ihn gleich wieder zu . Dieser Vorfall mag jedoch zu einem Gespräch Anlaß gegeben haben , wovon wir die Spuren in Ottiliens Tagebuch finden . Aus Ottiliens Tagebuche Wie man es nur über das Herz bringen kann , die garstigen Affen so sorgfältig abzubilden ! Man erniedrigt sich schon , wenn man sie nur als Tiere betrachtet ; man wird aber wirklich bösartiger , wenn man dem Reize folgt , bekannte Menschen unter dieser Maske aufzusuchen . Es gehört durchaus eine gewisse Verschrobenheit dazu ,