, ich bin nie sehr gesprächig , am wenigsten mit Höheren : doch selbst das Wenige , was zwischen uns geredet wurde , reichte hin , uns einander achtungswerth und bekannter zu machen , als man es sonst gewöhnlich in der ersten Unterredung wird . Als der Bischof zurück kam , fand er uns in einem Gespräch über Gegenstände , die in der jetzigen Zeit Jedem wichtig seyn müssen , der nicht blos für den Augenblick lebt . Constantins Unterhaltung straft den ersten Eindruck , den seine Gestalt macht , nicht Lügen , sie hält mehr , als jener verspricht . Wir haben uns seitdem öfters gesehen , und werden es künftig noch mehr ; denn er ist von seinem Vater dem Schutze und Befehl des Cäsar Galerius übergeben , und wir werden den Feldzug zusammen machen . Diese Aussicht ist ein Reiz mehr für mich , Nikomedien , seine Muße , und seine Verhältnisse bald zu verlassen . Ich stehe mit einem tief verwundeten Herzen seltsam unter Menschen , die eine solche gänzliche Umstaltung des Innern für Schwärmerei halten , und nicht begreifen können , daß unmöglich mehr Alles so seyn kann , wie vor anderthalb Jahren . Diese Forderungen , so leise sie angedeutet werden , fühle ich doch , und sie drücken mich , besonders dort , wo ich überall kein Recht zu Forderungen sehe , sie entleiden mir den Umgang , den ich sonst gesucht haben würde , und verschließen mir die kleine Aussicht , die ich für Erheiterung und Zerstreuung vor mir sah . O daß die glücklichen , leichtherzigen Menschen so schwer die Bedürfnisse eines trauernden Gemüthes ahnen können ! Ihnen ist nur dort wohl , wo Alles so leicht , so schwebend ist , als in ihrem Innern ! Was diesem behaglichen Zustand widerspricht , was ihn zu stören droht , fliehen sie aus einer Art von natürlicher Antipathie , und glauben an kein tieferes Gefühl , als das , was sie begreifen können . Es wird mir sehr wohl seyn , wenn ich einmal die Stadt im Rücken haben , und mit Constantin und Tiridates dem kräftig wechselnden Spiel des Lebens im Lager zueilen werde . Du lebe recht wohl , und sieh mir freundlich nach , wenn in den geräuschvollen Stunden , die meiner jetzt warten , meine Briefe seltener und kürzer seyn werden . 41. Eneus Florianus , Centurio der Leibwache des Cäsars Constantius , an Constantin . Eboracum1 , im März 302 . Wenn ich dein Herz nicht kennte , und von der Billigkeit sowohl , als dem Ernste deiner Denkungsart überzeugt wäre : so würde ich gewiß Bedenken tragen , ich , der Mann , den Jüngling , der Lehrer den Zögling , zum Vertrauten einer Angelegenheit zu machen , die sonst nur der junge Mann mit seines Gleichen auszumachen haben sollte . Noch mehr sollte mich die Rücksicht abhalten , daß du selbst , obgleich in der Blüthe der Jugend , und mit allen Ansprüchen auf ein Glück begabt , dem , in deinen Jahren , so Manches aufgeopfert wird , dies nie dafür erkannt , und den Neigungen von einer weicheren zärtlicheren Art nie Eingang in deine . Seele gestattet hast . Doch , mit aller dieser Kälte gegen die Liebe weiß ich doch dein Herz der Freundschaft fähig , und so lege ich meine Sorgen und mein Bekenntniß offen in deine Hand . Du wirst dich des Asinius Ponticus erinnern , den seine Geschäfte oft mit uns in Verbindung brachten . Als du Britannien verlassen , und mein Herz und meine Zeit öde gemacht hattest , besuchte ich zuerst aus Bedürfniß der Zerstreuung sein Haus öfters . Er und seine Frau waren Heiden , aber rechtliche und einfache Menschen ; sie erzogen eine Pflegetochter , Valeria , ein liebliches Geschöpf auf der Grenze zwischen Kind und Jungfrau , mit großer Sorgfalt und Liebe . Des Schulmeisterns gewohnt , zog ich bald dies Kind an mich , und es war mir eine angenehme Beschäftigung , dieses empfängliche Gemüth zum Guten zu bilden . So vergingen drei . Jahre in ungestörter Ruhe ; aber unbemerkt war während meinen Anweisungen das Kind ganz verschwunden , und die Jungfrau stand blühend , verschämt und bedeutend vor mir . Es waren andere Regungen , die nun mein Herz gegen sie bewegten , und ich fühlte die Nothwendigkeit , hier mit Ernst und Festigkeit abzubrechen . Aber bei dem ersten Versuche entdeckte ich , daß auch das ihrige sich seiner bewußt zu werden anfing , und daß Dankbarkeit , täglicher Umgang , und das überströmende Bedürfniß , sich innig an ein theures Wesen anzuschließen , alle edleren Neigungen desselben auf den nächsten Gegenstand , den überraschten Lehrer , geheftet hatten . Mich hatte in Rücksicht ihrer der große Unterschied der Jahre und der Gedanke sicher gemacht , daß ein Mann von meiner Denkart und meinem Betragen keine Ansprüche an die zärtliche Empfindung eines Mädchens von sechzehn Jahren machen könnte . Desto heftiger und tiefer war der Eindruck , den diese Entdeckung in mir hervorbrachte , und ich erröthenicht , zu gestehen , daß ich , im achten Lustrum2 des Lebens , Valeriens Gefühle mit gleichem Feuer erwiederte . Ich erwog ihre Umstände , die ich genau zu kennen glaubte , ich stellte ihr Herz auf mehr als Eine Probe , ich durchspähte jede Falte des meinigen , und nach einer besonnenen Ueberlegung , wie sie dem Manne wohl ziemt , gab ich mich endlich dem reizenden Zuge hin , der mit jedem Tage mich fester an das holde Mädchen , sie inniger an mich band . Ich dachte nun darauf , sie ganz für mich zu bilden , das heißt , ich versuchte in dem heiligen und wichtigen Punkte meine Ueberzeugung zu der ihrigen zu machen . Ihr kindlich frommer Sinn kam mir auf halbem Wege entgegen , und machte mir das Vorhaben , sie in die Geheimnisse unserer Religion einzuweihen , zum anziehendsten , aber auch zum bindendsten Geschäfte . Nun erst , als unsre Seelen zu Einem erhabenen Wesen emporstrebten , und sie Theil an allen Segnungen nahm , die das schöne Vorrecht der Christen sind , nun erst fühlte ich mich innig und untrennbar mit ihr vereinigt , und jetzt entdeckte ich den Eltern meine Wünsche . Der Schrecken , mit dem Asinius meine Bewerbung aufnahm , zeigte mir schnell mein Unglück . Valeria war nicht die Tochter eines seiner Verwandten , wie ich und die Welt bisher geglaubt hatten , und ihre Geburt , der Stand ihres Vaters , der noch lebte , von solcher Art , daß es eben so unmöglich war , ohne sein Wissen über sie zu bestimmen , als vergeblich , seine Einwilligung zu dieser Verbindung zu hoffen . Diocletian , als er vor achtzehn Jahren auf einem Zuge nach Britannien gekommen war , hatte ihre Mutter , die Tochter eines eingebornen Fürsten , kennen gelernt , und - geliebt kann man wohl von solchen Empfindungen nicht sagen - aber dem Präfekten der Prätorianer , in dem man mit Recht den künftigen Kaiser ahnete , widerstand vielleicht selten ein Herz oder eine Tugend . Die Fürstin starb bei der Geburt des Kindes , und Valeria wurde der geprüften Treue einer Kammerfrau übergeben . Diese reichte darauf dem Asinius Ponticus ihre Hand , und theilte sich mit ihm in die Liebe und Pflege dieser Verlassenen , die sie den Mangel der Eltern so wenig empfinden ließen . Als Diocletian den Thron bestieg , und ihm Asinius Nachricht von dem Daseyn seiner Tochter , und unbezweifelte Beweise für die Wahrheit dieser Behauptung sandte , gab ihr der Kaiser den Namen , den er selbst bei der Thronbesteigung angenommen hatte , und befahl , sie in der Stille und unbekannt zu erziehen , bis es ihm gefallen würde , sie anzuerkennen . Ich wußte nun mein Schicksal , und beschloß es männlich zu tragen . Ich entsagte Valerien , und entdeckte ihr die Ursache . Ihre Liebe war stärker , als ihre Besinnung . Sie wollte nichts von Trennung wissen , sie war entschlossen , mit mir zu fliehen , und allen schimmernden Aussichten , die ihre Geburt ihr öffnete , ohne die geringste Reue zu entsagen . Du wirst nicht fordern , daß ich dir die Kämpfe und schmerzlichen Siege dieser Zeit , die so tiefe Spuren in meinem Gemüthe hinterlassen haben , genau schildern soll . Der schwerste aus allen war der gegen Valeriens Liebe und rücksichtslose Aufopferung . Ihre Pflegeeltern sahen die Gefahr , sie fürchteten von Valeriens allzuheftiger Leidenschaft vielleicht kühne Schritte , oder zitterten vor denn Zorn des Augustus - Gott weiß , was die Ursache war - genug , vor fünf Monaten verschwanden sie sammt Valerien plötzlich aus Eboracum , und sehr wahrscheinlich auch aus der ganzen Insel . Wenigstens waren alle meine Nachforschungen , durch deines Vaters Ansehen unterstützt , vergeblich , und ich habe mehr als Einen Grund zu glauben , daß sie Britannien verlassen haben . Ich wende mich nun an dich . Ich habe alle Hoffnung aufgegeben , aber ich wünschte Valeriens Schicksal zu kennen . Du bist am Hofe des Augustus : o so suche nur zu erfahren , ob blos Besorgniß der Eltern , oder ein unmittelbarer Befehl des Kaisers die Ursache dieser eiligen Flucht war . Ich bin versichert , daß ich Nachrichten erhalten werde , wenn du selbst dir welche verschaffen kannst . Ich weiß , daß sie zu nichts führen werden , denn ich habe entsagt : aber es stört meine Ruhe , nichts von einem Wesen zu wissen , das so innig mit mir verbunden war , das ich als einen Theil meiner selbst betrachte , und an dessen Unglück ich vielleicht die größere Hälfte der Schuld trage . Das ist es , was mich quält . Leb ' wohl , Constantin , und erfreue mich bald mit einem Brief ! Wenn er auch nichts von Valerien enthält , so finde ich doch dein Herz darin . Fußnoten 1 In Eboracum , dem heutigen York , war der kaiserliche Palast . 2 Lustrum , ein Zeitraum von fünf Jahren . 42. Constantin an Eneus Florianus . Nikomedien , im April 302 . Es gibt Verhältnisse im menschlichen Leben , besonders in den höheren Regionen desselben , die , wie die Flügel des Schmetterlings , von weitem mit schönen Farben prangen , die man aber nicht kräftig anfühlen und untersuchen muß , wenn nicht der Glanz verschwinden , und ein trübes unscheinbares Gewebe übrig bleiben soll . Von dieser Art , mein väterlicher verehrter Freund ! ist mein Verhältniß an dem hiesigen Hofe zu den Menschen , die den nächsten und unmittelbarsten Einfluß auf mein Schicksal haben . Schon lange fühle ich das , und daß ich es weder dir , noch meinem geliebten Vater entdeckte , war - vielleicht Stolz , vielleicht die Erkenntniß , daß diese Entdeckung zu nichts führen könnte , als Euch am fernen Ufer der Thamisis über Umstände zu beunruhigen , die nur der Gegenwärtige mit Bestimmtheit durchschauen , und mit Kraft zu seinem Vortheil lenken kann . Dein Brief , in welchem du so Manches von meinem Einflusse zu hoffen scheinst , bläst die Asche vom der verborgenen Gluth , und ich zeige dir nun mich selbst , und meine Verhältnisse , wie sie sind . Mein Vater hat mich dem Schutze , der Sorge des Cäsar Galerius übergeben , und es sind , seit ich aus deinen Armen schied , drei ganz leidliche Jahre verstrichen , in welchen er so ziemlich die Rolle eines zwar strenge , aber besorgten Vaters gegen mich behauptete . Auf die Länge wurde ihm entweder die Rolle zu lästig , oder er fand den Pflegesohn nicht ganz so geschmeidig , als er sich im Anfang den unerfahrnen , im Schatten des Privatlebens aufgewachsenen , brittannischen Jüngling gedacht haben mochte . Die Sorge verschwand , die Strenge blieb , und aus dem Vater würde nach und nach ein despotischer Herr geworden seyn , wenn nicht zu diesem Verhältniß zwei Wesen erforderlich wären : ein Gebietendes , und Eines , das sich gebieten läßt . Der Sohn des abendländischen Cäsars fühlte sich durch Geburt , Natur und Glück nicht so tief unter dem morgenländischen ; er sah eine ruhmwürdigere Aussicht vor sich aufgethan , als sein Leben im Sonnenschein fremder Hoheit zu verflattern , und sich mit dem hohlen Ansehen , und kindischen Schimmer zu begnügen , mit dem ihn Galerius so schlau als verschwenderisch umgab . Das erzeugte Furcht , und Furcht gebiert den Haß . Galerius haßt mich , aber er fürchtet mich auch . Er umgibt mich mit Spionen , es kostet manchmal Nachsinnen und gespannte Aufmerksamkeit , einen Brief von hier aus durch die weiten römischen Provinzen , die seinem Scepter gehorchen , bis nach Eboracum unentdeckt , unerbrochen zu bringen . Dieser ist einer von den glücklichen , der seinen Spähern entgehen wird , und darum enthalte er , was viele seiner Vorgänger nicht enthalten konnten . Du hast in dieser treuen Schilderung meiner Lage zugleich die Ursache , warum es mir nicht möglich war , in deiner Angelegenheit thätig zu seyn . Diocletians vorzüglichste Tugend ist Verschlosseuheit ; indeß soll die Kaiserin Prisca mit der ehemaligen Königin des Olymps nicht blos die Eigenschaft gemein haben , die Gattin des Weltgebieters zu seyn , und der Augustus soll sich öfters gezwungen gesehen haben , manche seiner Freuden vor dem Blicke seiner Juno geheim zu halten . Unter diesen Verhältnissen ist es schwer , Erkundigungen über eine so verborgene Geschichte einzuziehen , besonders dort , wo jeder Schritt belauscht , und jeder entdeckte zu den unangenehmsten Verwickelungen führen würde . Ich kann nur mit der größten Vorsicht zu Werke gehen , und Alles , was ich bisher erfahren konnte , ist , daß Asinius Ponticus mit zwei Frauen , die man nicht kannte , bei den letzten Saturnalien in Coloniä Agrippinä gesehen wurde . Von dort soll er sich nach Mantua gewendet haben . Sobald ich mehr erfahre , wird es mir das theuerste Geschäft seyn , dich zu benachrichtigen , wo ich mich auch immer befinden möge ; denn wir brechen in drei Tagen auf , um uns zu dem Heere zu begeben . Dein Vertrauen hat mich sehr geehrt , ich werde desselben würdig zu bleiben streben , und jede Gelegenheit ergreifen , um dir zu beweisen , wie unauslöschlich das Gefühl ist , das in meiner Brust gegen dich glüht , dem ich die zwei köstlichsten Gaben danke , die der Mensch dem Menschen geben kann - freie Liebe , und Anleitung zum Guten . - Leb ' wohl ! 43. Calpurnia an ihren Bruder Lucius Piso in Rom . Nikomedien , im April 302 . Wenn der Mensch nur nichts erwartete ! Wenn man sich nur abgewöhnen könnte , der Zukunft mehr zuzutrauen , als der Gegenwart ! Aber so sind wir nun . Immer blicken wir in die Ferne , vorwärts , und kein Besitz wirklicher Güter dünkt uns so reizend , als die schimmernden Freuden , die uns von Weitem im magischen Lichte der Einbildungskraft entgegenglänzen . Was ich mir mit recht kindischem Sinne für Vorstellungen von diesem Nikomedien und den Freuden machte , die ich hier finden würde ! Was ich mir für Geschichten erzählte , für Scenen träumte ! Es ist nichts , eitel Nichts . Ich bin hier keinen Augenblick besser daran , als in Rom , schlimmer vielmehr , denn ich bin hier fremd und allein . O wer mir das gesagt hätte , als ich mit fröhlichem Muthe in das Schiff stieg , als nur der Abschied von dir mich Thränen kostete , und ich mit hoffnungsreicher Seele die schönen Ufer Hesperiens1 nach und nach verschwinden sah ! Ja , das ist ' s eben , der Mensch ist zur Täuschung geboren . Das wahre Glück ist nirgends als in seiner Einbildungskraft ; in dieser genießt er es voraus , so darf er es denn von her lauen unbedeutenden Gegenwart nicht fordern . Er hat seinen Lohn dahin , wie die Christen zu sagen pflegen . Hier gibt es erstaunlich Viele von dieser Secte ; selbst die Gemahlin des Cäsar Galerius , Valeria , soll dazu gehören . Das ist auch eine Ursache mehr , die mir den hiesigen Aufenthalt verleidet . Es sind kopfhängerische traurige Menschen , die in den unschuldigsten Vergnügungen Gift finden , und sich aus den unbedeutendsten Handlungen ein Gewissen machen . Auch nur ein Körnchen Weihrauch auf den Altar einer unsrer Gottheiten zu streuen , auch nur einen Bissen Opferfleisch zu essen , ist ihnen ein todeswürdiges Verbrechen . Auch leiden ihn Manche lieber , als sie das thun . Ihr Gott muß ein strenges , eifersüchtiges Wesen seyn . Da lobe ich mir unsre Götter und Göttinnen . Eine unzählbare Menge dieser harmlosen Wesen bevölkert Himmel , Erde und Meer . Sie streiten nicht unter einander , sie beneiden einander ihre Opfer nicht , sie nehmen gastfrei jeden Fremdling ihrer Art aus den entferntesten Gegenden unter den abenteuerlichsten Gestalten auf , sey es Zwiebel , Sperber , Affe2 , ein Ungeheuer mit hundert Brüsten , oder ein Ideal menschlicher Schönheit . Alles dulden sie , jedem gönnen sie ein Plätzchen ; dafür duldet man auch sie . Glauben kann sie kein vernünftiger Mensch ; aber der Pöbel bedarf dieses Spielwerks . So laßt es ihm , und thut , was euch euer Herz zu thun erlaubt . Doch was ereifere ich mich um Dinge , die mich nichts angehen , die ich mir eben aus dem Sinne schlagen will ? Ach lieber Bruder ! das ist die Wirkung der nikomedischen Luft . Wenn man von nichts als Religionsstreitigkeiten hört , wenn diese Ideen alle andern verschlingen , jedes Gespräch verderben : so wird man zuletzt selbst mit hineingezogen , und nimmt , so ungern man es auch thut , doch endlich Partei , dafür oder dawider . Auch Agathokles ist von diesem Schwindel ergriffen , und ich fürchte fast , er ist weit mehr Christ , als er selbst gesteht . Du solltest ihn jetzt für die Reinheit und Erhabenheit dieser Lehre , für die beseligenden Wirkungen sprechen hören , die er sich von ihr für die Menschheit verspricht ! Oft muß ich lächeln , noch öfter ärgere ich mich , zuweilen gelingt es aber dem Schwärmer , mich für einen Augenblick hinzureißen . Meinen Vater hat er schon ziemlich auf seiner Seite . Uebrigens hat er nur den Gegenstand gewechselt , und was ihm sonst das alte Rom und die Republik war , ist ihm jetzt das Christenthum , von dessen Verbreitung er sich Ersatz für jene verlornen Tugenden , und die Anregung aller bessern Kräfte im Menschen verspricht . Uebrigens habe ich ihn sehr verändert gefunden , so verfallen , so bleich , daß ich über seinen ersten Anblick erschrak . Das hat die Liebe aus diesem Manne gemacht ; und sie sollte eine beglückende Empfindung seyn ? Nimmermehr ! Ich habe nur erst kürzlich noch ein trauriges Beispiel von ihren Verheerungen gesehen , und hätte ich sie je für etwas Gutes halten können , so würden Sulpicia und Agathokles meinen Wahn heilen . Es sind nun zehn Tage , als Tiridates zu uns kam . Er sieht blühend und schön aus , schöner als ich ihn je sah , und aus den jugendlichen Zügen strahlt Kraft , Muth und Lebensfreude . Er brachte mir einen Brief von Sulpicien . Ein seltsames Gemisch von anscheinendem Glücke , und geheimer Wehmuth sprach aus ihm . Sie bat mich , sie das einzig ungetrübte Glück der Freundschaft genießen zu machen , und sie zu besuchen . Sie schrieb mir , daß sie zu krank sey , um zu mir zu kommen . Mein Entschluß war schnell gefaßt . Mein Vater hatte nicht Zeit , mich zu begleiten . Ich sagte dem Prinzen von Armenien , daß ich am folgenden Tage nach Synthium zurückkehren würde ; um aber doch nicht ganz allein mit ihm zu seyn , bat ich Agathokles , mich zu begleiten . Der seltsame Mensch ! Statt sich durch das Vertrauen geehrt zu finden , das ich auf ihn , und die Achtung , in der er überall steht , zu setzen schien , wagte er es , einige Bedenklichkeiten gegen die Reise eines jungen Mädchens mit zwei unverheiratheten Jünglingen vorzubringen , und ergab sich nur , als er mich unerschütterlich und unempfindlich gegen Alles fand , was die Stadt über mich zu klatschen belieben würde . Dennoch gefiel mir diese Sorge für meinen Ruf , die Freimüthigkeit , mit der er sich äußerte , und mehr noch als vorhin fühlte ich mich , von diesem Augenblicke an , durch seine Begleitung geehrt , und vor jedem ungerechten Tadel geschützt . O wie liebenswürdig könnte er seyn , wenn er minder vollkommen , minder überspannt seyn möchte ! Wir reisten nach Synthium . Mich trugen meine Cappadocier3 in einer offenen Sänfte , meine Gefährten ritten langsam neben mir . Es war ein lieblicher Frühlingsmorgen , die Gegend um uns freundlich , die Luft lau , der Himmel heiter , Alles zu Lust und Fröhlichkeit gestimmt . Scherz und Lachen verkürzte die lange Zeit der Reise , sogar der ernste Freund widerstand nicht dem Zauber , der durch alle Sinne in sein Herz drang ; er gab sich dem fröhlichen Zuge hin , der ihn mit fortriß ; und so kamen wir Alle vergnügt und heiter in Synthium an . Ach , die schöne Stimmung verschwand bald ! Sulpicia kam uns entgegen , ein Bild des geheimen Grams , in der kurzen Zeit um zehn Jahre gealtert . Nun ward mir auf einmal Vieles klar . Ich war kaum einige Tage in Nikomedien gewesen , als das Stadtgeschwätz mich von einigen neuen Liebesgeschichten des leichtsinnigen Tiridates unterrichtete , und zugleich mit lieblosem Spotte seines abenteuerlichen Verhältnisses mit einer entlaufenen römischen Matrone erwähnte . Man wußte nicht , wie nahe mich das Verhältniß anging , sonst würde man wohl vor mir geschwiegen haben . Hier fand ich die Bestätigung von dem , was ich früher nicht glauben wollte . Doch muß ich Tiridates die Gerechtigkeit widerfahren lassen , daß er wenigstens in Sulpiciens Gegenwart keinem Tadel unterliegt . Er begegnet ihr mit der zartesten Achtung , und der liebevollsten Aufmerksamkeit . Sie scheint auch vollkommen zufrieden , es entwischt ihr keine Klage , kein Blick , der auf den wahren Zustand ihres Herzens schließen ließe . Selbst als wir allein waren , und ich sie dringend befragte , gestand ihr Mund nichts , aber eine heftige Bewegung , ein leises Zittern , das ihren ganzen Körper ergriff , zeigte nur zu deutlich , wie sehr sie ihre Lage kennt und fühlt . Aber gestehen wird sie es nie , so kenne ich sie , und sich lieber in stillem Gram verzehren , als zugeben , daß ihr Schritt , mit Tiridates zu entfliehen , unüberlegt war . Ich beklage sie herzlich , aber ich kann sie nicht ganz entschuldigen , eben so wenig , als ich ihn ganz verdammen kann . Sieh , lieber Lucius ! ich bin billig , ich erkenne alle Eure Untugenden , Schwächen und Laster , aber die Wahrheitsliebe erlaubt mir nicht , alle Schuld auf die männlichen Schultern ( die zwar von der Natur eigentlich darum so stark gebaut scheinen ) zu wälzen . Sulpiciens Liebe ist nicht die leichte heitere Flamme , die überall Leben und Freude verbreitet , jedes Verhältniß verschönert , den gemeinsten Dingen Bedeutung , den entferntesten eine angenehme Beziehung gibt , in deren mildem Schein der Mann sein Leben froh verflattert , und sich selbst in sei- nen Entbehrungen glücklich fühlt . Ihre Liebe ist ein dunkel loderndes verzehrendes Feuer , das mit eifersüchtigem Stolz jedes Wort , jeden Blick bewacht , aus Allem Gift saugt , und ohne Rücksicht dieselbe grenzenlose Hingebung , dieselbe gespannte Aufmerksamkeit fordert , die sie selbst leistet , und über die sie sich ein hochmüthiges Zeugniß gibt . Ach , Sulpicia kennt Euer Geschlecht nicht , und hört den Rath derjenigen nicht , deren Erfahrungen sie belehren könnten ! Das Weib , das dem Geliebten die ganze Fülle ihrer Liebe zeigt , handelt höchst unklug ; diejenige aber , die von ihm eine gleiche Stärke und innige Erwiederung fordert , zeigt , daß sie nicht die geringste Menschenkenntniß hat . Tiridates ist jung , schön , beliebt und gesucht , tausend lockende Abenteuer , tausend üppige Gestalten winken ihm auf allen Seiten , und er soll die herkulische Kraft besitzen , dem Allem zu widerstehen , und aus diesen schimmernden Freudenkreisen freudig und ohne Rückblick in die Arme seiner kränkelnden , verblühten , verstimmten Geliebten zu fliegen ? Wahrlich , das ist zu viel von einem so gebrechlichen Wesen gefordert ! In wenig Tagen wird er zum Heere abgehen ; denn der Feldzug ist schon eröffnet . Nun wird Sulpiciens Qual verdoppelt beginnen . Ich fürchte mich darauf , sie nach seinem Abschiede wieder zu sehen , wenn Entfernung , Ungewißheit und Furcht ihr ohnehin bewegtes Gemüth in noch heftigere Spannung bringen werden . Auch Agathokles wird mit ihm Nikomedien verlassen - dann bin ich ganz einsam in der großen menschenvollen Hauptstadt . Er eilt diesmal sehr fortzukommen , es ist , als brennte hier der Boden unter seinen Füßen . Nun wahrlich , von dem Fehler der Eitelkeit , wenn ich ihn je gehabt hätte , würde ich hier ganz geheilt werden müssen . Schreibe mir bald und oft , lieber Bruder ! Deine Briefe werden eine Liebe , eine höchst nothwendige Abwechslung in das tödtende Einerlei bringen , in welchem mein Leben hier dumpf verschleicht . Wahrlich , wenn sich das nicht bald ändert , so werde ich meine ganze Munterkeit verlieren , und ein Gegenstück zu Sulpicien werden . Leb ' wohl ! Fußnoten 1 Hesperien , ein Name von Italien . 2 In den ägyptischen Tempeln standen Symbole , die unter Thier- und Pflanzengestalten allerlei Andeutungen , und geheimnißvolle Lehren für die Eingeweihten enthielten . Der Pöbel betete sie als Götter an . Die Diana von Ephesus , als Sinnbild der allernährenden Natur , wurde als eine hohe Frau mit vielen Brüsten vorgestellt . 3 Cappadocische Sclaven wurden zum Tragen der Sänften gebraucht . 44. Agathokles an Phocion . Hierapolis1 , im Mai 302 . Eine mörderische Schlacht ist vorüber , in der Tausende ihr Leben verloren haben , in der auch mir der Tod furchtbar nahe war , und ohne Constantins heldenmüthige Liebe mich unter die Myriaden seiner Opfer gerissen hätte . Wir sind geschlagen , und stehen am rechten Ufer des Euphrats . Das Lager ist bei Hierapolis aufgeschlagen , ich aber bin meinem Feldherrn , meinem Retter in die Stadt gefolgt , wohin ihn seine Wunde sich bringen zu lassen nöthigte , seine Wunde , die er für mich empfangen hatte . Er schläft im anstoßenden Zimmer , und ich eile dir Bericht von unserem Schicksal und meinem Leben zu geben , damit kein vergrößerndes Gerücht dich beunruhigen , und bei der Gewißheit unsrer Niederlage mein Schweigen dich mit Sorge um mich erfüllen möge . Galerius , der schon das vorige Jahr vergebens auf eine Gelegenheit geharrt hatte , Valerians schimpfliches Ende und die Schmach des römischen Namens durch einen entscheidenden Sieg an den Persern zu rächen , suchte jetzt , vielleicht mit mehr Hast als Klugheit , eine Schlacht zu liefern . Ein unglückliches Verhängniß hieß ihn die unabsehlichen Sandgefilde von Carrhae2 zum Schauplatze wählen , wo schon einst Crassus mit seinen Legionen in dem verrätherischen Boden und der glühenden Hitze seinen Untergang gefunden hatte . War er falsch berichtet , oder traute er sich allzuviel zu , genug , er griff wider den Rath aller seiner Kriegsobersten die weit überlegenen Perser wüthend an . Das Gefecht wurde heiß , die Römer erkannten die Ueberzahl der Feinde , ihre Gefahr , aber auch die Ehre ihres Namens , und die Schmach , die sie zu rächen hatten . Es wurde mit unerhörter Tapferkeit gestritten , allein der sandige Boden wich treulos unter unsern Füßen , und der Sonne senkrechter Strahl entglühte unsre Rüstungen zur unerträglichen Last . Die Perser , stets durch frische Schaaren ersetzt , erneuten sich unaufhörlich , wie das Haupt der Hydra , und boten unsern müden Armen immer frische Gegner dar . Ihre ganze Macht warf sich auf den Mittelpunkt unseres Heeres , wo Galerius befahl , er wurde durchbrochen , und nun war Verwirrung und Unordnung allgemein . Nur Constantin hatte Besonnenheit und Mäßigung genug , um seine Schaaren , unverwirrt von dem allgemeinen Lärmen , in festgeschlossenen Gliedern gegen die Brücke zu ziehen , die über den Euphrat führt , und in ihr die Hoffnung unsres Rückzugs zu erhalten . Die zerstreuten Haufen flohen jetzt in wilder Hast dem Strome zu , und Viele fanden in den Fluthen ihr Grab . Tiridates , auf den , als die Hauptursache des Krieges , jeder Perser seine Aufmerksamkeit gerichtet hielt , und der , zu stolz eine unrühmliche Sicherheit durch Verkleidung zu erkaufen , an Waffen , Helmbusch und der Heroengestalt vor Allen kenntlich , auch jetzt noch durch die Reihen sprengte , und erhielt , was noch zu erhalten war , sah sich auf einmal allein von einem großen Trupp Perser umringe . Widerstand war nicht möglich . Er gab dem Pferd die Sporen , und sprengte an den Euphrat3 . Die Feinde hatten ihn ereilt , keine Rettung blieb als in den Wogen . Er stürzte mit der ganzen Rüstung in die schäumende Fluth , ich hielt ihn für verloren , aber mit Riesenkraft kämpfte er gegen das Element , und erreichte das ziemlich ferne Ufer , wo ihn die Unsrigen mit lautem Freudengeschrei empfingen . Jetzt suchten die Perser unserm kleinen Haufen den Uebergang zu erschweren , aber Constantin vertheidigte die Brücke mit eben so viel Besonnenheit als Muth