ängstigenden Unbestimmtheit vermischt . Überall war sein Denken und Fühlen so schwankend und zerstückt , daß er eine Scheu hatte , in sich selbst zurück zu gehen . Um dieselbe Zeit erhielt Stephano ebenfalls Briefe vom Hofe . Rodrich wußte das , und bemerkte nicht ohne Unruhe , wie er immer zurückhaltender und gezwungener ward . Er fragte ihn einmal nachlässig : ob er nichts Lustiges von der geistlichen Regierung zu erzählen wisse ? O ja , erwiederte jener , Viormona vertheilt die Rollen , du hast ja früher ihr Talent erprobt , und kannst denken , welch reiches Leben nun beginnt . Viormona ? fragte Rodrich . Nun ja , sagte Stephano , ihr gewaltiger Geist begegnete dem Cardinal , oder umgekehrt , wie du willst , genug es ist jetzt alles einig und friedlich , und Therese und ihre Töchter , der Hof , die Stadt , alles giebt sich den neuen Führern hin . Rodrichs Herz zog sich unwillkührlich bei diesen Worten zusammen . Es lag dahinter etwas , das ihn ängstete , und er hatte gleichwohl weder den Muth , noch das Recht , in den vernachlässigten Freund zu dringen , der auch weiter nicht auf ihn zu achten und nur mit eignen Sorgen zu kämpfen schien . Beide hatten indeß nicht lange Zeit , ihren Träumen nachzuhängen . Der General beschloß , die Festung durch einen Überfall einzunehmen , und bestimmte dazu die folgende Nacht . Das tiefe Geheimniß , die Erwartung , der unbestimmte Ausgang , alles lockte sie aus dem langen Winterschlafe hervor , und strömte erfrischend durch den heitern Soldatensinn . Stephano konnte kaum den entscheidenden Augenblick erwarten . Er maaß mit klopfendem Herzen Mauern und Wälle . Ihm war , als schwebe er unaufhörlich auf der letzten Sprosse der Leiter . Endlich rückte die Stunde heran . Alles war vorbereitet , die Nacht dunkel wie das Grab . Der Wind fuhr heulend durch die Wolken , und trieb Schnee und Regen vor den anrückenden Truppen her . Kein andrer Laut drang durch das dumpfe Geräusch hindurch . Niemand wagte zu athmen . So erstiegen sie mühsam den Hauptwall , den der herabströmende Regen schlüpfrig und ungleich gemacht hatte . Rodrich rückte indeß mit der Cavallerie nach dem Thore zu . Noch war alles still . Die Bataillons drangen schweigend herauf , einzelne Posten wurden geräuschlos niedergemacht . Plötzlich fiel ein Schuß , dann noch einer , man hörte wild durch einander rufen , der Lärm nahm zu . Rodrich trabte muthig heran , indem wurde das Thor gesprengt , die Cavallerie fuhr wie ein Blitz hinein , durch die Straßen hin , und hieb nieder , was sich widersetzte , indeß die schwache Besatzung am Thore geworfen , und der Posten von der Infanterie genommen wurde . Bald darauf folgte die zweite und dritte Division . Der Tumult in den Straßen war furchtbar , alles drängte nach der Hauptwache . Hier begann ein neuer , verzweifelter Kampf . Viele mußten bluten , ehe der Platz gewonnen war ; Stephano traf ein Schuß durch die rechte Schulter , er sank ohnmächtig nieder , und sahe nicht , wie die Seinen endlich siegten und alles in ihre Gewalt kam . Eine augenblickliche , zweifelhafte Stille folgte auf den schauderhaften Lärm . Die geängsteten Bewohner lauschten furchtsam in den dunkelsten Winkeln ihrer Häuser , die Ordnung schien indeß hergestellt , man wagte hin und her ein Licht anzuzünden , und sah beruhigt auf die überstandne Gefahr , da flog mit einemmal der losgelaßne Schwarm über Todte und Verwundete an die verschlossenen Thüren . Riegel und Bollwerk mußten der Gewalt weichen , und wo dies nicht glückte , da sprangen die Fenster klirrend auseinander , und öffneten den Eindringenden so den Zugang . Alle Schranken zerfielen , die freigegebene Plünderung trieb Laster und freche Begier über sich selbst hinaus . Das Geheul der Mißhandelten rang schneidend mit dem wilden Geschrei des Üebermuthes . Jedes Band der Menschheit schien sich in dem Augenblicke zu lösen . Der zitternde Bürger mußte den Widerstand der Festung büßen . Frohlockend schwelgten Alt und Jung in dem mühsam errungenen , wohlgeordneten Hausrath , auch das Liebste zerbrach in den rohen Händen ; Ehre , Glück , frohe Zukunft , alles , alles , befleckte , zertrümmerte die wilde Wuth . Rodrich ging mit empörtem Herzen an dem Lärme vorüber . Er war durch und durch erschüttert , zerrissen , so nahe war ihm die ruchlose Willkühr nie getreten , Sitte und Gesetz hatten bis dahin das Gemeinste von ihm abgehalten . Er erschrack vor dem Thierischen im Menschen , und als habe er sich selbst in jener unverhüllten Niedrigkeit erkannt , so ängstlich suchte er sich in einem edlern , höhern Sinne wiederzufinden . Er bemühte sich vergebens , Stephano zu entdecken , den er unter den Verwundeten wußte . Man sagte ihm endlich , viele derselben seyen gleich in die nächste Kirche getragen , um sie vor den Gefahren des ausbrechenden Tumultes zu sichern . Er eilte sogleich dahin . Die hohen , dunkeln Pforten standen weit offen , auf der Schwelle lagen Gewehre , blutige Kleider , Stroh , überall Spuren allgemeiner Zerstörung . Aus dem Hintergrunde dämmerte ein mattes Licht . Rodrich schritt nachdenkend durch die gewölbten Gänge ; allein das Gestöhn der Kranken riß ihn bald aus seinen Träumen . Er nahm die Laterne , die das Bild der Auferstehung Christi flackernd erhellte , vom Hochaltar , und ging suchend umher . Stephano lag in einer Ecke , den Kopf auf einen reich beschlagenen Sarg gestützt . Die kalten Steine , der schneidende Zugwind , und sein starker Blutverlust hatten sein Übel schlimmer gemacht . Rodrich bedeckte ihn sogleich mit seinem Mantel , und eilte , alles Stroh herbeizuschaffen , um ihn weicher zu betten , bis anderweitige Hülfe möglich war . Beim hin und her gehen bemerkte er ein seltsames Rauschen , als spiele der Wind mit einem seidnen Gewande . Er blieb einen Augenblick stehen , das anmuthige Flüstern schien ihm ganz nahe , er bog sich hinter einen Pfeiler , und entdeckte den Eingang zu einer kleinen Kapelle . Ohne weiter viel zu erwägen , trat er hinein , und erblickte eine weibliche Gestalt , die starr und leblos auf einem Grabsteine kniete . Die kleinen Händchen lagen verschlungen auf dem Marmor , und schienen den Obertheil des zarten Leibes , wie den gesenkten Kopf , zu tragen . Schauerliche Grabesluft zog über ihr hin , und wogte spielend in den reichen Locken und dem flatternden Kleide . Dies fremde Leben , was sie so bewußtlos berührte , gab der lieblichen Erscheinung etwas Rührendes , das Rodrich noch schneller zu ihr hinzog . Er glaubte ein schlafendes Kind in Todesarmen zu sehen . Kaum wagte er es , sie zu erwecken , doch umfaßte er sie leise , und fühlte mit Entzücken üppiges , jugendliches Leben in ihren Adern glühen . Bald regte sie sich in seinen Armen , er hob sie vollends empor , und konnte die Augen nicht mehr von dem holden Gesichtchen wenden , sie flüsterte , wie im Schlafe , unvernehmliche Worte , endlich sagte sie deutlich , sich fester an ihn schmiegend : rette mich , mein Bruder , rette mich vor den wilden Kriegern ! Rodrich zitterte vor ihrem völligen Erwachen , er theilte im voraus ihre Angst , und dennoch konnte er sie unmöglich so hülflos verlassen . Bei einer leichten Bewegung mit der Hand , ließ er das Licht hell in ihre Augen fallen ; sie schlug sie plötzlich auf , Unschuld , Furcht , Sehnsucht , Vertrauen , alles spiegelte sich in den himmlischen Blicken . Sie fühlte sich sanft gehalten , und während sie noch immer von unsichtbaren Banden umschlungen zu seyn glaubte , wagte sie in einem Gemisch von Scheu und Ergebung nicht , den Kopf zu wenden . Rodrich hütete sich wohl , das Schweigen zu brechen , doch indem rief ihn Stephano , den sein plötzliches Verschwinden befremdete . Sie fuhr erschrocken auf ; als sie Rodrich erblickte , blieb sie wie betäubt stehen , und schien mit banger , ängstigender Ungewißheit zu ringen . Fürchten sie nichts , sagte er , ehrerbietig vor sie hintretend , während ihn Stephano noch immer wiederholt rief , ich hänge von ihren Winken ab , gebieten sie über mich , wohin soll ich sie führen ? Ach , um der Täuschung willen , sagte sie weinend , die mich so lange bei ihnen fesselte , um der süßen Erinnerung eines geliebten Bruders willen , retten Sie mich vor jedem fremden Auge , das ich jetzt mehr als den Tod scheue . Erwartet sie vielleicht eine Mutter , fiel Rodrich schnell ein , oder sonst eine geliebte Verwandte ? Ach Gott , meine Mutter , rief sie bewegt , meine arme Mutter , wie wird sie ihre Aline suchen ! Was hast du denn hier ? sagte Stephano , der sich mühsam bis zum Eingang der Kapelle geschleppt hatte ; aha ! rief er lächelnd , und wandte sich von beiden ab . Dies Lächeln ging Rodrich durch die Seele ; er sah auf Alinen , die sich zitternd an ihn hielt , und kein Wort hervorbringen konnte . Sie sagen mir wohl , hob er ernsthaft an , wohin ich sie so schnell als möglich führen darf , um sie vor Beleidigung zu sichern . Aline weinte still , ohne aufzusehen . Mein Gott , sagte sie nach einer Weile , ich bin wohl recht kindisch gewesen , aber ich konnte wirklich nicht anders , es zog mich unwiderstehlich hieher zu meinem Bruder , bei dem ich durch mein ganzes Leben gewohnt war , Trost und Rath zu suchen . Wir wohnen ganz nahe bei der Kirche , an welcher mein Oheim Geistlicher ist . Meine Mutter und ich leben seit vielen Jahren bei ihm ; lieber Himmel , er ist wohl ein recht braver Mann , aber wie der Bruder , ist er doch nicht , der ein Schwerdt trug , wie Sie , und uns wohl alle beschützt hätte ! Die Mutter sagte das auch , als wir in der Todesangst so hin und her liefen , und niemand wußte , wohin er sich verbergen sollte . Die Heiligen , dachte ich , haben ja wohl öfter ihre Lieblinge beschirmt , und Benedikt war sicher ein Heiliger ! Ich eilte hieher , und weinte und betete auf seinem Grabe , da ward es plötzlich so laut um und neben mir , ich wollte fliehen , aber es hielt mich fest , und ich sank bewußtlos nieder . Ihr Vertrauen hat sie nicht getäuscht , sagte Stephano , dem ein Blick auf Alinen jeden Schein von Verdacht nahm Wollen sie den Schutz eines Todtkranken annehmen , so geleiten wir beide sie zu den Ihrigen , und sie gönnen mir wohl für diese eine unruhige Nacht ein Plätzchen in ihrem Hause ? Aline betrachtete ihn mit theilnehmenden Blicken . Ihre eignen Sorgen hatte sie über dem bleichen , erschöpften Gesicht , und dem blutenden , schlecht verbundenen Arm vergessen . Was säumen wir denn , sagte sie schnell , kommen sie doch , ich werde ihnen den Weg zeigen . Sie nahm die Laterne , und sorgte , daß Rodrich den Kranken unterstützte . Eine Seitenthür führte sie in wenigen Schritten durch einen kleinen Garten , zu einem stillen , abgelegenen Häuschen . Aline sprang wie ein Reh hinein . Bald darauf kam man ihnen mit Licht entgegen , und führte sie in ein bequemes , gastliches Zimmer . Die Mutter , eine feine , sittige Frau , war entzückt über Alinens Ankunft , die sie indeß , mit ruhigem Vertrauen , bei einer reichen , ihr wohlwollenden Verwandten in Sicherheit glaubte . Wenige Worte machten sie mit dem Vorgange bekannt , sie bezeigte den Eintretenden ihre herzliche Dankbarkeit , und war doppelt bemüht , Stephano ' s Zustand zu erleichtern . Rodrich verlor sich in Alinens anmuthigen Geschäftigkeit , die sie wie im Spiele an ihm vorüber trieb , ohne irgend eine schwerfällige Sorge ahnen zu lassen . Diese leichte Beweglichkeit in den beschränkten Kreisen , hob sie bewußtlos darüber hinaus , und gab dem ganz Gewöhnlichen einen eignen Zauber . Überall fühlte er sich unendlich wohl . Die harmloseste Ruhe wehte ihm hier in den einfachen , in Lieb ' und Eintracht geordneten Umgebungen entgegen . Seine aufgeregten Sinne schlossen sich behaglich an die Einförmigkeit des Ganzen . Er vermißte keine Pracht , und weidete sich an jedem Gegenstand , der vom innern , häuslichen Frieden zeugte . Bald trat auch der nunmehr beruhigte Geistliche herein . Er erschien beiden Freunden mild und angenehm , so sichtlich man auch wahrnahm , daß er kein Streiter dieser Welt sey . Sein stiller Wohnsitz war von den Plündernden übersehen , und er hatte nichts , als die Ruhe dieser Nacht bei dem allgemeinen Schrecken eingebüßt . Während dessen hatte sich der Aufruhr in den Straßen gänzlich verloren . Stephano bedurfte der Ruhe , und Rodrich fühlte , daß er sich von seinen neuen Bekannten losreißen müsse , um nicht lästig zu werden . So schied er denn , von der herzlichen Bitte , recht bald wieder zu kommen , begleitet . Er fand sein Quartier bei einem reichen Rathsherrn , der mit ängstigender Förmlichkeit seinen Wünschen zuvorkam . Auch Stephano erwartete ein ähnliches Loos , allein Rodrich sah voraus , daß er es vorziehen werde , bei seinem liebreichen Wirthe zu bleiben , wenn er ihn anders behalten wolle . Am folgenden Tage erhielt er von allen Seiten Glückwünsche über sein ausgezeichnetes , besonnenes Betragen bei der Einnahme der Stadt , und wie man ihm vorzüglich die Besetzung der wichtigsten Posten verdanke . Auch der General sagte ihm etwas Verbindliches . Rodrich sah sich geehrt , ohne sonderlich darüber erfreut zu seyn . Angenehmer war es ihm , zu erfahren , daß der Feind um Frieden bitte , und daß die Unterhandlungen schon im Gange seien , was indeß Zeit und längern Aufenthalt in dieser Stadt erfodre . Ohne irgend eine Ursach anzugeben , oder sein Gefühl näher zu betrachten , strebte er , sich der Freude , länger in Alinens Nähe zu bleiben , ganz ungestört zu überlassen , und ergötzte sich im Voraus an dem heitern Umgang , der ihn aller anderweitigen Sorgen auf kurze Zeit entrücken sollte . Er glaubte längst darüber mit sich einig zu seyn , daß man vergebens nach Glückseligkeit verlange , und die einzelnen vorüberfliegenden Momente sorgsam auffassen und an einander reihen müsse , um ein erträgliches Ganzes heraus zu bringen . Der Genuß , meinte er , wie jeder gewünschte Erfolg , fliehe der Absichtlichkeit , nur was sich so ungesucht nahe , das solle man getrost auf sich zu kommen lassen . Es werde sich bald zeigen , in wie weit es zu einem gehöre , oder nicht . Alles Streben und Widerstreben lasse die Dinge ziemlich beim Alten , man werde auch gewöhnlich sein eigner Narr bei einer geträumten Konsequenz , die ein unbewachter Augenblick zu Schanden mache . So im Kampfe mit Sinn und Verstand , aller klügelnden Reflexion entfliehend , und doch in ihr verstrickt , Höheres verachtend und kindlicher Sorglosigkeit entwachsen , ging er in schmeichelnden Träumen zu Stephano . Es war ein heller , anmuthiger Wintertag . Die Sonne schien warm in Alinens Fenster , an welchem sie unter Blumen und bunten Vögeln , auf einem niedern Sessel bei ihrer Arbeit saß . Auf das Geräusch bei seinem Eintritt , legte sie schnell den Finger auf den Mund , und zeigte auf den schlafenden Stephano , der am andern Ende des Zimmers in einem Lehnstuhl lag . Rodrich trat leise zu ihr hin . Sie glühete wie ein frisches Röschen in dem blendenden Schnee des weißen Gewandes . Freudige , schuldlose Überraschung , sprach aus Blick und Mienen . Er beugte sich über ihren Sessel , und beide begannen kaum hörbar mit einander zu reden . Aline ward bald unbefangener , und als Rodrich nach den ersten Erkundigungen , Stephano ' s Wohlseyn betreffend , das Gespräch auf den geliebten Benedikt lenkte , erzählte sie mit süßer Vertraulichkeit ihren ganzen kleinen Lebenslauf . Rodrich hörte kaum was sie sprach , das sanfte Wehen ihres Odems , das berauschende Flüstern und all die Unschuld und Lieblichkeit nahm seine ganze Seele hin . Er fühlte nur , wie wahr und anspruchslos sie ihr Inneres aufdecke , und wie nichts , nichts in dem reinen Herzen lebe , was den Blick eines Menschen scheue . Die feste , heilige Liebe für den Bruder , brach oft recht ernst aus dem spielenden Wesen hervor , und zeigte , wie die kindischen Schwingen den Himmel wohl zu erreichen wußten . Er hätte gern ewig so bei ihr gesessen , und sich in ihre Welt hinüber ziehen lassen , allein Stephano erwachte , und bei seiner ersten Bewegung flog Aline an sein Lager . Sie fand ihn bei weitem kränker als zuvor . Brennende Fieberhitze und stechende Schmerzen im Arm , machten ihn auf ' s höchste ungeduldig und verdrüßlich . Rodrich nahete sich ihm theilnehmend . Sein Herz war offen und warm . Die alten , halb zerrissenen Bande schienen sich auf ' s neue fester zu schürzen , es reuete ihn jede Härte gegen den kranken Freund , der ihm so gar nicht im Wege war , dessen Schwächen ihm sehr verzeihlich , ja von tausend herrlichen Eigenschaften überstralt dünkten . Er hätte ihm in diesem Augenblicke gern seine Schuld und seine Reue bezeigt , und so die frühere Vertraulichkeit wieder hergestellt , allein Stephano begnügte sich , die hervorbrechenden , herzlichen Worte , mit einem stummen Händedruck zu beantworten , und sich lächelnd von ihm abzuwenden . Aline kam und ging , und war sorglich um den Kranken bemüht . Bald erschien auch die Mutter , welche häusliche Geschäfte bis dahin entfernt hielten . Rodrich entdeckte heute eine auffallende Ähnlichkeit zwischen ihr und ihrem Kinde . Alter und Erfahrung hatten den rosigen Hauch jugendlicher Sorglosigkeit nicht in ihr verwischen können . Wie bei Alinen Ernst und Leichtsinn in den blühenden Zügen spielte , so leuchtete beides aus dem Wesen der alternden Matrone hervor . Dasselbe Vertrauen , derselbe einfältig fromme Blick über alle ausgedehnteren Verhältnisse des Menschen , die gleiche , gefällige Redseligkeit , und das gänzliche Verlieren in den einzigen , merkwürdigen Hauptmoment ihres Lebens , den Tod des blühenden , geliebten Jünglings , alles fand man in Beiden auf gleiche Weise . Wenn Worte und Gedanken auch nicht über die abgeschlossenen Kreise ihrer einfachen , fröhlichen Wirksamkeit hinaus reichten , so lag dennoch hierin eine Welt von Gefühl . Alles Thun und Treiben erschien wie das bewußtlose Walten der Natur . Man gab sich willig hin , und ließ sich , wie beim Erwachen des Frühlings , allmählig in die harmlosen Erinnerungen der Kindheit hinüber spielen . Gleichwohl fühlte Rodrich einen gewissen Zwang , seit er nicht mehr mit Alinen ohne Zeugen war . Ihre Aufmerksamkeit wurde unwillkührlich getheilt , sie durfte nicht einzig bei ihm verweilen ; sie fühlte das , und sehnte sich , wie Rodrich , nach der stillen vertraulichen Stunde zurück . Indeß blieb mehrere Tage hindurch alles , auch Stephano ' s Befinden , unverändert . - Rodrich hatte daheim bei seinem Rathsherrn eine ganz stattliche Familie , der er täglich einige Stunden geben mußte . Der Mann führte einen guten Tisch , alten Wein , und besaß die vortreffliche Gewohnheit , beides , um eines höflichen Lobes willen , Freund und feindlichen Gästen preis zu geben . Überdem hatte er zwei Töchter , von denen die eine verheirathet , die gute Mutter , und die andere unverheirathet , die Gebildete , nicht ohne Gewandtheit , und mit tiefer innerer Überzeugung spielten . Beide verstanden es , einen Kreis von Bewunderern um sich her zu ziehen , unter denen sich Erwin , ein genialer , ganz frisch auf Universitäten erblüheter Philosoph am meisten hervorthat . Er war ganz ausgebildet , so daß wirklich kein einziges festes Bild in ihm Bestand hatte . Die große Ansicht des Universums dehnte , wogend und flimmernd , die inneren Schwingen , und hob ihn auf einen Standpunkt , vor welchem Hohes und Niederes gleich verschwanden . Die bunte Gestaltung der Welt war ihm nichts , als die Unterbrechung absoluter Einheit , deren wechselndes Spiel er , wie der Arzt das Zucken der Nerven , mit Antheilnehmendem Lächeln durchdrang . Überhaupt sah man ihn immer lächeln , nichts durfte das ruhige Gleichgewicht unterbrechen , er fand sich überall wieder , weil er sich ganz verlor , und kannte weder einen bestimmten Freund , noch eine Geliebte , indem er einzig der Unendlichkeit angehörte . Ihm zunächst stand ein Künstler , der mit hagerer Gestalt und matten Blicken , die Fülle göttlicher Sinnlichkeit in jedem Theetropfen in sich sog , und mit frechen , oft unkeuschen Worten laut werden ließ , wie er sein ganzes Daseyn dem wahnsinnigen Rausche hingebe , und die Muse erst in den üppigen , glühenden Umarmungen der frischen Sinnenwelt erzeuge . Die völlige , rothwangige Laura neigte sich bei ähnlichen Worten zu ihrem jüngsten Kinde , und drückte es mit viel Empfindung an den unverhüllten Busen . Ihre Schwester Beate haßte den unsittigen Schwätzer , und verfehlte nie , ihn mit giftigen Pfeilen ihres Witzes zu verwunden . Überall war sie das anregende Prinzip dieses kleinen Zirkels , und ohnerachtet man sie mehr haßte , als sie es wohl verdienen mochte , so trieb und drängte jeder so lange , bis sie die Rolle der anerkannt Geistreichen , in tausend gesuchten Wendungen durch einen ganzen Abend behauptete . Die Familie nickte dann einander beifällig zu , und jedes sonnte sich behaglich in dem trüben Schein . Ziemlich abgesondert von den Übrigen , und gewöhnlich mit einem großen Windhunde beschäftigt , saß ein ältlicher Offizier , der den biedern Hausfreund machte , und mit einigen polternden Späßen die Wahrheit ziemlich hart traf . Da er indeß gern Wein trank , die Pferde liebte , den Damen huldigte , und einige veraltete , nach Romanzenart in sich unzusammenhängende Kriegslieder sang , so gesellte sich der Neffe des Hauses zu ihm , ein Jüngling , der sich mit der Welt nicht mehr vertragen konnte , und die altväterlichen Sitten hier zu finden meinte . Beide sprachen ganz entgegengesetzte Dinge , und glaubten einander doch zu verstehen . Der junge Mensch sah dabei auf ein schönes unbedeutendes Mädchen , das ihn für etwas toll hielt , und seine verschollene Galanterie mit sichtlicher Scheu ablehnte . Rodrich glaubte zuweilen mitten unter einer Sammlung Karikaturen zu stehen , in denen er , bei genauer Betrachtung , bekannte Züge entdeckte , die verworren und schwankend an ihm vorüber fuhren , und ihm irgend einen befreundeten Nahmen , oft seinen eignen , zuriefen . Er war zu stolz und vornehm , um sich hier mitzutheilen , oder das Ganze für etwas anders , als ein flaches Spiel anzusehen . Wenn er indeß über die grotesken Theaterkünste lachte , mit welchen einer den andern zu täuschen suchte , so fühlte er ganz dunkel , daß auch er dabei eine Rolle spiele , und zwar die des untheilnehmenden , kalten Zuschauers , der gleichwohl alle Augenblicke einmal auf die Bühne trat , und Eitelkeit durch Eitelkeit parodirte . Überhaupt begegnete es ihm so oft , gerade das , was ihm bei Andern aus voller Seele zuwider war , in sich selbst wieder zu finden . Er stritt und kämpfte wohl dagegen , aber die nichtswürdigen Regungen waren dennoch da , kamen immer wieder , und behaupteten ihr Recht in tausend verkappten Gestalten , in denen er sie nicht selten hegte und pflegte , bis die Hülle unversehens herabfiel , und die Fratze ihn höhnisch ansah . Oft glaubte er , das müsse alles so seyn , um ihm die Schlechtigkeit menschlicher Natur recht anschaulich zu machen , und ihn mit Kraft und Verachtung dagegen auszurüsten . Er hielt sich wirklich berufen , das goldne Netz zu zerreißen , womit Thorheit und Eitelkeit die Welt umspinnen . Er griff in jedem Augenblick danach , und verwirrte sich unwillkührlich in das glänzende Gewebe . Er fühlte das mit feindlichem Unwillen gegen sich und Andere , und konnte dennoch die fruchtlose Arbeit nicht aufgeben . Umsonst , meinte er , habe ihn der rächende Erzengel nicht so in seiner Kindheit angezogen . Die mahnende Stimme kehre immer wieder , und er müsse das Recht zu Tage fördern . Nur bei Alinen spührte er nichts von ähnlichen Auffoderungen . Hier war ihm von selbst alles ergeben . Warmer , süßer Liebeshauch wehete ihm überall entgegen . Das Anneigen und Erschließen einer schuldlosen Seele , strömte berauschend in die seinige über . Stolz und Ehrgeiz schwiegen zum erstenmal . Alles gefiel ihm , wie es sich eben zeigte , in einfacher Herzlichkeit . Wenn er aus dem überbildeten Kreise in die stille , behagliche Wohnstube trat , wo Mutter und Tochter ihn mit unverstellter Freude empfingen , und ihn alles anlachte , bis auf die zierliche Magd , die dann gern und eilig den Tisch zu Vieren deckte , dann ging sein ganzes Herz auf , er fühlte die Nähe reiner Menschlichkeit , und nichts konnte ihn stören , selbst der einsylbige Geistliche nicht , den doch hin und wieder ein wohlwollender Blick auf Alinen verschönte . Nur Stephano blieb krank und mit sich selbst beschäftigt . Nach mehrern Tagen fand er bei seiner Ankunft das ganze Haus in großer Bewegung . Der Kranke war plötzlich schlimmer geworden , selbst die Ärzte fürchteten für sein Leben . Er lag in heftigen Krämpfen , die er sich durch eine Erkältung zugezogen hatte . Aline weinte aus voller Seele . Sie kannte nichts Schrecklicheres als den Tod , der ihr einst das Liebste auf Erden entriß , jede Hindeutung auf diesen einzigen Schmerz ihres Lebens , bewegte sie auf ' s gewaltsamste . Rodrich ward sehr erschüttert , als Stephano ' s heftige Natur in die furchtbarsten Zuckungen ausbrach . Bis nach Mitternacht blieb jeder in banger Ungewißheit . Endlich strömte ihm das Blut aus den Adern , ohne daß man sie geöffnet hätte , und wenig Minuten darauf ward er ruhig und besonnen . Die Ärzte erklärten dies für eine wohlthätige Crisis , und nachdem sie noch einige Mittel verordnet hatten , empfahlen sie den Kranken der Obhut seiner Pfleger , und verließen ihn mit der Versicherung baldiger Genesung . Alles um ihn her athmete jetzt freier , die Mutter konnte ihre Theilnahme nicht rührend genug ausdrücken , Niemand sollte ihn die Nacht über verlassen , sie selbst wollte ihn genau beobachten , und schickte sich an , in einem gemächlichen Sessel an seinem Lager zu wachen . Aline saß müde und erschöpft auf einer kleinen Bank zu ihren Füßen ; die Arme über einander geschlagen , senkte sich das zierliche Köpfchen auf die Brust , und schwankte , ohne weiteren Gegenhalt , im Schlafe hin und her . Rodrich betrachtete sie mit unnennbarem Entzücken , und als Stephano und die Mutter endlich auch schliefen , neigte er sich über sie hin , und fragte leise , ob er sie zu einem bequemeren Sitze tragen dürfe . Sie lehnte den Kopf an seine Brust , und sich nach Kinder-Art dehnend , umschlang sie ihn fest mit beiden Armen , indem sie schlaftrunken versicherte , sie sey gar nicht müde . Rodrich fühlte sie an seinem Herzen , ihr erstes unerwartetes Erscheinen trat wieder vor ihn hin . Unbewußt , wie damals , lag sie jetzt in seinen Armen , so ward sie ihm auf ' s neue wieder gegeben , er zog sie fester an sich , sie war sein , kein lebendes Wesen machte sie ihm streitig , die unsichtbaren Mächte führten sie ihm selbst zu , er hielt sich länger nicht , und hauchte alle Liebe und Sehnsucht auf ihre glühende Lippen . Liebe , liebe Aline , rauschte es an ihr vorüber , sie blickte wie im Traume zu ihm auf , und als er sie noch feuriger küßte , füllten sich ihre Augen mit heiligen , wonnevollen Thränen . Liebst du mich ? fragte er schmeichelnd . O , Gott möge es mir verzeihen , sagte sie fromm und wahr , wie du schon lange mein einziger Gedanke bist , und wie ich den guten Benedikt oft darüber vergaß . Sie waren beide an ein Fenster getreten . Die Sterne leuchteten und funkelten in der hellen Nacht , wie tausend geheimnißvolle Blicke . Aline hob betend ihre Hände zu ihnen auf , ihre ganze Seele löste sich in einem wehmüthigen Blicke , mit dem sie , wie bewußtlos über die Erde hinsah , und sich dann schweigend an Rodrichs Busen verbarg . Wie ist dir ? fragte dieser , über den Ernst des lieblichen Kindes erstaunt . Ich fühle , sagte sie bewegt , wie ich jetzt von der ganzen Welt scheide , wie alles , alles mit einemmal ganz anders ist . Ich kann dir das nicht so sagen , aber meine liebsten Hoffnungen und Freuden sehen mich jetzt so todt an , wie ehemals das alte zerbrochene Spielzeug am hellen Weihnachtsabend . Ich komme mir ganz seltsam vor , ich möchte immer weinen , mir ist so wohl , und doch so wehmüthig , fast wie am Tage da Benedikt seine segnende Hand auf mich legte , und unter stillem Gebet verschied . Sieh nur , fuhr sie fort , wie die Mutter und alles um uns schläft , wir sind wohl ganz allein auf der weiten Erde ! Sie schmiegte sich vertrauend an ihn . Rodrich fühlte mit Entzücken ihr Herz an dem seinigen schlagen . Die schuldlose Liebe brach wie ein Maienglöckchen durch die dunkeln Schatten seiner Seele . Süßer , süßer Engel ,