, um sie mit seiner unerwarteten Erscheinung freudig zu überraschen , verbannt er sich auf immer aus der menschlichen Gesellschaft , und bildet eine um sich her , wo aus keinem Munde je ein andres Wort erschallt , als die beständige Erinnerung des Todes . Eine Frau an seiner Stelle würde eine milde Stiftung errichtet haben . « - » Ich habe nicht geglaubt , einen so beredten Kenner der weiblichen Natur in dem Manne zu finden , den mir Betty als einen Verächter der Frauen geschildert hat . « - » Diese Ironie ist stark ! « rief Florentin lachend . » Die Frauen haben freilich im Ernst weder Glück noch Unglück meines Lebens bestimmt . Hat Betty mir das abgemerkt , so werde ich auch wohl nicht Gnade gefunden haben vor ihren Augen , das ist natürlich . Ist es aber meine Schuld , wenn es so ist ? Wären die Frauen alle wohltätige Engel , wie Eleonore und Clementina , sie würden der Menschheit jedes Leiden vergüten , das ihr dummes Vorurteil und selbstsüchtige Eitelkeit zufügen . « - » Sie verlangen etwas Unmögliches , diese großen Mittel . « - » Verstehen Sie mich : es ist ja nicht das , was geschieht , sondern der Sinn , in dem es geschieht . Die freudige , glückliche Eleonore macht um sich her alles glücklich . Sie sammelt die Freuden des Lebens , um sie wieder zu spenden . Die erhabene , unglückliche Clementina haucht ihren eignen Schmerz in göttliche Harmonien aus , und fühlt die Schmerzen der andern tiefer , um Trost und Hülfe zu verleihen . Die Liebe ist es und nichts als diese , die hier tröstet , wie sie dort vergnügt . Es scheint die Tugend der weiblichen Langmut immer mit ruhiger Heiterkeit die Folgen des bösen Prinzips unschädlich zu machen ; sich ihm vernichtend entgegenzustellen ist mehr die unsrige . Ist unser Bestreben auch größer , so ist ihr Gelingen desto sicherer ! « Der Doktor hatte Florentin mit großem Vergnügen eigentlich mehr sprechen sehen , als zugehört ; denn so wenig auffallend Florentin gewöhnlich erschien , so wuchs der Ausdruck seiner Gestalt bis zur Schönheit , wenn er im Feuer der Rede sich selbst und alles um sich her zu vergessen schien . - » Sie sollten uns nicht sobald wieder verlassen « , sagte er ; » Sie würden vielleicht in unsrer Mitte eine Laufbahn finden , die Ihnen genügte , und Ihrer würdig wäre ! « - » Das doch noch nicht « , antwortete er gelassen ; » das darf ich noch nicht . Zuerst will ich , um es zu dürfen , damit beginnen , daß ich wirklich trotz jeder Lockung das ausführe , was ich mir vorgenommen , und an dessen Ausführung ich schon soviel Zeit gesetzt . Sie soll nicht so ganz nur verschwendet worden sein . Sie folgen Ihrem Beruf unter den Augen der erhabenen Clementina , und werden vielleicht doch noch einst dauerndes Glück und Lohn aus ihren bildenden Händen empfangen . Mir aber ist es notwendig , das in großer Masse arbeiten zu sehen , was ich , seitdem ich denken kann , in mir trage . Allenthalben , wo man sich befindet , kann man den Krieg für die Freiheit unterstützen und verfechten . Allenthalben steht man auf dem Schlachtfelde , wo Habsucht und Barbarei herrscht , und so hinge man freilich , wenn auch unsichtbar , mit jener großen Masse zusammen ; wäre es mir nur nicht so notwendig , andre Menschen , einen andern Weltteil zu sehen , als den , der sich jetzt der kultivierte nennt . Das Schauspiel eines neuen , sich selbst schaffenden Staats ist mir interessant . Es häufen sich überdies immer mehr innere und äußere Gründe , warum ich in einer übertäubenden Tätigkeit mich selbst zu vergessen suchen muß . « - Nach diesen Worten ward er wieder still , und in sich gekehrt . Bald darauf gingen sie nach dem Haus des Doktors , das wohleingerichtet , zierlich und bequem , am Ufer des Sees , mitten in der Kolonie lag . Hier zeigte er ihm seine vortreffliche Naturaliensammlung , seine reiche auserlesene Bibliothek , die zugleich einen Schatz an seltnen Karten und Reisebeschreibungen enthielt . Florentin sprach über diese Dinge mit einer Sachkenntnis , worüber der Arzt erstaunte , da er ihm dergleichen nicht zugetraut haben mochte ; auch nahm er seitdem sichtbar an Achtung für ihn zu . Er selbst erschien hier bei seinen Heiligtümern im vorteilhaftesten Lichte . Florentin hatte niemals weniger den Mangel an Witz und überraschenden Einfällen in der Unterhaltung vermißt , als bei diesem wahrhaft verdienstvollen Mann . Er ward nicht müde ihn reden zu hören ; auch sprach er immer besser , je mehr er Gelegenheit fand , seine tiefe Gelehrsamkeit und die mannigfaltigen gründlichen Kenntnisse anzuwenden . Seine sonst mehr ruhige Physiognomie ward dann durch Begeisterung erhöht , besonders bei gewissen , ihm heiligen Dingen . So sprach er das Wort Natur immer mit einer Art von Ehrfurcht aus , so wie man im Tempel sich vor dem Namen des Allerhöchsten beugt . Eine neue Welt ging vor Florentin auf bei seinem Gespräch . Nie hatte er sich mehr belehrt gefühlt , nie hatte er größere Achtung für einen Menschen empfunden . Nur zu schnell verging ihm der Abend ; es graute ihm , als er daran dachte , in die Stadt zu dem lärmenden Gasthof zurückzukehren . Es konnte ihm also nichts Erwünschteres begegnen , als da der Doktor ihm anbot , daß er die Nacht in seinem Hause bleiben möchte . Er nahm das Anerbieten ebenso freimütig an , als jener es getan . Siebzehntes Kapitel Sie waren beim Abendbrot im Garten ; von Julianen und Eduard sprachen sie viel . Florentin verbarg es seinem neuen Freunde nicht , wie sehr ihm beide wert waren . Der Doktor gab ihm einige Aufschlüsse über das Rätselhafte in Eduards Charakter , das so tief in ihm lag , daß man lange Zeit mit ihm umgehen konnte , ohne irgend etwas anderes zu ahnden , als den ausgebildeten Weltmann , der das gefühlvollste Herz mit einem hellen Kopf verbindet . » Niemand ahndet in ihm « , fuhr er fort , » diesen Abgrund von Unzufriedenheit und gefährlichem Eigensinn ; seine Bildung liegt wie ein Firnis über diesen scharfen Ecken , die bei weitem noch nicht durch die Erfahrung verarbeitet und abgerundet sind . Auch diese frühe Vermählung lag nicht in Clementinens Absicht , und daß sie dennoch geschieht , ist wahrscheinlich mit ein Grund ihrer letzten verstärkten Krankheit . Sichtbar hat aber der Brief von der Gräfin Eleonore sie beruhigt , denn er sagte ihr , daß es geschehen sei ; niemals bereut oder beklagt sie aber eine Sache , die geschehen ist . « - Er sprach ferner von Julianen mit großem Anteil . » Sie ist Clementinens geliebtester Liebling , doch glaubte sie neulich , die kleine Therese würde vielleicht Julianen einmal übertreffen . « - » Nicht mit Unrecht « , sagte Florentin , » sie ist in der Tat ein seltnes Kind ; ich habe nie soviel Ernst und Tiefe bei einem Kinde wahrgenommen als bei diesem . Ob sie aber eigentlich so wunderbar liebenswürdig , so wahrhaft bezaubernd wird als Juliane , kann man wohl noch nicht bestimmen , und auch in dieser liegt noch so vieles in tiefer Verborgenheit . « - » Clementina sagte einmal , Juliane müßte durch das Leben zur Liebe gebildet werden ; aber Therese würde erst durch die Liebe zum Leben sich ausbilden . « Hier sahen sie Betty , nur von einem Bedienten begleitet , über den See auf einem Kahn zu ihnen kommen . Sie brachte dem Arzt die Nachricht , daß es mit Clementinen recht gut ginge , sie schliefe ruhig . Sie wäre herübergekommen , teils ihm das zu verkünden , teils auch , da sie gehört Florentin sei bei ihm , diesen zu fragen , ob er den Rittmeister nicht irgendwo gesehen hätte ? - » Er hat diesen Abend im Garten zu sein versprochen « , sagte sie , » die bestimmte Stunde ist aber längst vorüber und er ist nicht gekommen . « - Florentin erinnerte sich , daß er , des Versprechens an Betty uneingedenk , die Partie fine mit den andern jungen Leuten verabredet hatte , wozu er selbst mit eingeladen war ; er schwieg aber davon , und erwiderte bloß , er hätte ihn nicht weiter als bei Tische gesehen . - » Aber Doktor « , rief Betty aus ; » lernen Sie doch von Florentin , Fassung zu behalten , wenn man Sie auch stört . Sie machen ja ein so bedenkliches Ungewisses Gesicht , als hätte ich Sie eben bei einer Verleumdung von mir selbst überrascht . Gestehen Sie nur , Sie haben von mir geschwatzt ! Doch was liegt daran ? Florentin hat doch nicht recht acht darauf gegeben , er ist viel zu sehr mit sich selber beschäftigt . « - » Halten Sie mich für so selbstsüchtig , gute Betty ? « - » Ei es wäre mir gar nicht angenehm , wenn Sie es nicht wären . Sie machten dann eine Ausnahme , die Ausnahme müßt ' ich respektieren , das Respektieren macht mir Mühe und die Mühe Langeweile . « - » Nun und Clementina ? « - » Stille wer wird einen solchen Namen unnötigerweise aussprechen ! Hier , setzen Sie sich nieder , und erzählen Sie mir ordentlich und bedächtig , wie es am Hochzeittage auf dem Schlosse war ? War Eduard liebenswürdig ? Wie sah Juliane aus ? « - Florentin machte ihr eine drollige Beschreibung von Julianens Putze , von dem er natürlich nichts zu bestimmen wußte als den Effekt , worüber Betty sich dann totlachen wollte , sie behauptete , ihn durchaus nicht zu verstehen . - » Nun so will ich zeichnen , wenn ich mich mit Worten nicht verständlich machen kann ! « - Er zeichnete darauf eine Karikatur hin , man lachte , und scherzte fröhlich darüber . Betty war noch lustiger als gewöhnlich ; es schien als wollte sie durch die gewaltsame Anstrengung eine innere Kränkung betäuben und unterdrücken . Florentin hatte sie nur noch lieber wegen dieser Kraft ; um so mehr haßte er aber den Urheber dieser Kränkung . Es ward vorgeschlagen , Florentin sollte ihren Schattenriß machen . - » Das nicht « , sagte er , » dies Stumpfnäschen schickt sich schlecht zu einem Schattenriß , aber zeichnen will ich Sie . « - Sie stellte sich in einer leichten angenehmen Stellung vor ihn hin . Mit wenigen Strichen war das Figürchen entworfen , im schwebenden Tanz mit beiden Händen ein Tamburin in die Höhe haltend , Gesicht und Haltung , obgleich nur in flüchtigen Umrissen , zum Sprechen ähnlich . Florentin war vergnügt mit dem Entwurf , er hatte seiner Hand nicht mehr diese Sicherheit zugetraut . Er war noch nicht ganz fertig , als auf einmal der Rittmeister dazu kam . - » Sie haben Gesellschaft Herr Doktor « , rief er im Hereintreten ; » ich begreife nun , warum ich Sie Fräulein , vergeblich gesucht und Sie mein Herr vergeblich erwartet habe ; doch ich hätte es auch wohl erraten können . « - » Sie werden mich entschuldigen « , sagte Florentin , » ich hielt es nicht für ein gegebnes Versprechen ; überdies habe ich den Nachmittag und Abend so angenehm zugebracht . « - » O das glaube ich gern « , unterbrach ihn Walter ; » Sie mein Herr Doktor sind immer die Gefälligkeit selbst . « - Betty war in der schmerzlichsten Verlegenheit ; Florentin und der Doktor waren es ihrentwegen nicht weniger . - » Lassen Sie doch sehen « , fuhr Walter fort , indem er näher zum Tisch trat , wo die Zeichnung lag ; » Sie haben hier eine Akademie wie ich sehe ; die Künste werden doch immer mehr getrieben in der Welt ! « - Florentin kam ihm zuvor , als jener das Blatt in die Hand nehmen wollte . Er verdeckte es schnell mit einem andern Blatt . » Entschuldigen Sie « , sagte er kurz und trocken , » es ist nicht fertig . « - » Mir können Sie es immer halb fertig zeigen , ich bin gar kein Kenner . « - » Um desto weniger Herr Rittmeister ! « - » Es ist Fräulein Betty ihr Porträt , das habe ich gesehen . « - » Allerdings ist es das . « - » Nun so muß ich Ihnen dann sagen : ich habe ein Recht dazu es zu fordern . « - » Das mag sein , aber ich habe kein Recht es Ihnen zu geben , es gehört dem Fräulein . « - » Sie werden also entscheiden Fräulein « , rief er aufgebracht . - » In der Tat lieber Walter ... es war ein Scherz ... ich bat darum . « - » Nun so wird man es doch wenigstens erkaufen können ; was ist ihr Preis ? « fragte er , seine Börse hervorziehend . - Florentin antwortete nicht , und legte das Blatt mit Gelassenheit in sein Taschenbuch . - » Es ist nicht für Bezahlung gemacht , lieber Walter « , sagte Betty wieder . - » Es muß doch auf irgendeine Weise wieder in Ihre Hände kommen , denn weder ich , noch Sie selbst werden zugeben , daß Ihr Bild in der Welt mit auf Abenteuer zieht . « - » Herr Rittmeister ! « sagte hier der Doktor mit fester Stimme , » Sie scheinen zu vergessen , daß Sie hier in meinem Hause sind ! « - » Ich werde diesem ehrwürdigen Hause nicht länger beschwerlich fallen . « - Hohnlachend , und aufgedunsen von wildem Zorn fuhr er zur Tür hinaus . - » O Ihr wißt nicht , was Ihr mir tut ! « rief Betty voller Angst , und ging ihm nach . » Das ist zuviel ! « sagte Florentin . - » Es ist entsetzlich « , sagte der Doktor . » So habe ich ihn noch nie gesehen . Ich vermute beinah , daß er einen Rausch hatte . Offenbar legt er es aber besonders auf Sie an . Sie werden also wohltun ihm auszuweichen . « - » Ich bin ihm ausgewichen « , sagte Florentin ; » doch wenn er mich geflissentlich sucht , so soll er mich finden ! Aber wie dauert mich das gute Kind , daß der schönste Moment , die Blüte ihres Daseins unter einem solchen Einfluß verdorren muß ! Kann man sie nicht losmachen ? Ist es nicht möglich , der Gräfin Clementina Licht über seine Nichtswürdigkeit zu geben ? « - » Diese ist ja nichts weniger als im Irrtum über ihn , aber ich glaube Ihnen schon gesagt zu haben , wie sie darüber denkt . Sie läßt jeden auf seine Gefahr nach seiner Überzeugung handeln , und hält sich durchaus nicht für berechtigt , vermittelst ihrer Autorität andre zu bestimmen , nicht durch Vorstellungen , viel weniger durch irgendein Zwangsmittel . Betty ist es bekannt , wie die Gräfin über Walter denkt , da sie sich aber gebunden glaubt , und in der festen Hoffnung lebt , die Liebe würde ihn erziehen , so hält Clementina es für einen Wink der Vorsehung , für ein unabänderliches Verhängnis , dem sie sich nur sträflicherweise , und dennoch ohne Nutzen entgegensetzen würde . « - » Glaubt Clementina nur an eine göttliche Vorsehung , und nicht zugleich auch an die vernichtende Einwirkung des Teufels , so hat sie doch nur eine halbe Religion , das sollten Sie ihr einmal sagen . Unbegreiflich bleibt immer die verhaßte Schwäche ( denn lassen Sie es uns ja nicht Liebe nennen ) vieler , ja sogar ausgezeichneten Frauen , für Menschen , die ihnen in jeder Rücksicht untergeordnet sind ; es ist hier nicht das erstemal , daß ich einen liebenswerten , achtungswürdigen Mann gegen einen Wicht habe zurücksetzen sehen . Sollte nicht etwa die Täuschung dabei zum Grunde liegen , daß die Achtung , die sie für jenen zu haben sich gezwungen fühlen , ihre Oberherrschaft zweifelhaft macht ? oder daß sie die Würde der Liebe nicht verstehen , und sich ihrer als einer Schwäche vor dem Manne schämen , den sie einer gleichen Schwäche für unfähig halten ? « - » Nichts davon ! Keinen andern Grund kann es in diesem liebereichen , unbefangnen Herzen geben , als unbestechliche Treue , die der Hingebung folgt . Der Verführer verstand es , ihre Sinne gefangenzunehmen ; sie ahndet nicht die Möglichkeit , wie dieses hätte geschehen können , wenn sie ihn nicht liebte . Sie ist unschuldig trotz ihrer Schuld , und ihre Treue höchst achtungswert ! « - » Lernt sie aber nicht endlich diesen Irrtum verachten , und erkennt die Liebe ; tritt an die Stelle der blühenden Unbefangenheit nicht die Reife der Achtung vor sich selber , die eine liebende Frau nur in der Liebe für einen hochverehrten Mann findet , so waren es dennoch taube Blüten , oder ein giftiger Tau hat die edle getötet . Und darum ist es Eure Pflicht , sie , wenn auch unter tausend Schmerzen , vom Verderben zurückzuführen . « » Und nun sagen Sie mir doch , wie kann Clementina , nach allem was ich von ihr gehört habe , in der großen Welt leben ? « - » Schon seit mehrern Jahren lebt sie auch wirklich nicht in der großen Welt . Sie geht nie in Gesellschaften ; schon ihre fortdauernde Kränklichkeit leiht ihr einen Vorwand sich davon auszuschließen ; doch ist ihr Haus immer der guten Gesellschaft offen , auch Fremde besuchen sie ; der feine zwanglose Ton , der in ihrem Hause herrscht , macht , daß es von allen gesucht wird . Die Unterhaltung der Gräfin ist leicht , und geistreich , durch diese allein ahndet man in der Gesellschaft die Frau von außerordentlichen Gaben . So oft sich Gelegenheit zeigt , gibt sie Konzerte und Bälle , wo sich immer eine Menge junger Leute einfinden , deren Vergnügen durch nichts , was die ernste Stimmung der Wirtin verraten könnte , gestört wird . Sie zieht sich freilich immer sehr bald in ihr einsames Zimmer zurück , aber ohne im geringsten die Lust zu unterbrechen , so wie sie niemals irgendeine Art von Aufsehen ihrentwegen erlaubt . « - » Ich denke mir , wie oft diese Güte mag gemißbraucht worden sein , in der Welt ! « - » Dem ist es auch wohl nur allein zuzuschreiben , daß der Zutritt zu ihr so erschwert worden ist , obgleich sie auf keine Weise argwöhnender ward durch den wiederholten Betrug . Die Not der Hülfesuchenden wird jederzeit von ihr selbst geprüft . Dies Geschäft überträgt sie niemals irgendeinem andern ; kann sie nicht selbst prüfen , so hilft sie ohne Untersuchung . Übrigens lebt sie immer allein , obgleich fast stets von Menschen umgeben ; auch wüßte ich nicht , daß sie eine Freundin hätte , der sie sich mitteilt , außer Eleonoren . Da der erste Eindruck gewöhnlich für sie entscheidend auf das ganze Leben bleibt , und sie wohl erfahren haben muß , daß kein Räsonnement und keine Vernunft stark genug ist , diesen jemals bei ihr zu vertilgen , so macht sie so selten als möglich neue Bekanntschaften , und hütet sich gleichsam vor jedem neuen Eindruck . Sie können es als einen ganz besondern Vorzug ansehen , daß sie Sie zu sprechen wünscht . « - Sie sprachen nun noch manches über Eduard und Juliane sowohl als über Betty . Was Florentin an diesem Tage über den verworrnen Zusammenhang ihres Betragens so unzusammenhängend gehört und gesehen hatte , ging ihm wild durcheinander im Kopfe herum . - » Dies sind also « , rief er aus , » die zarten Verwirrungen der feinen Verhältnisse und der tugendhaften Mißverhältnisse der gebildetsten Welt ! O alle ihr Vortrefflichen , Auserkornen , ihr wißt doch mit euren angestrengtesten Kräften nichts anders zu tun , als die zahllosen Plagen zu erleichtern , die ihr euch selbst einander zufügt ! Unter meiner plumpen Hand aber zerrisse dies künstlich gefügte Gebäude , dessen Türme sich prahlend in die Wolken heben , während sein Fuß im Treibsande wankt . Möchte es mir nur einst gelingen mir eine niedre , feste Hütte zu erbauen , die Sturm und Wogen trotzt , und auch dem Rütteln meiner eignen mutwilligen Hand widersteht ! « - » Und wo « , fragte der Doktor lächelnd , » suchen Sie Boden zu diesem Wunderhüttchen ? « - » Gewiß nicht hier , nicht von den wurmzernagten Splittern der feinen Welt gedenke ich es mir zusammenzubetteln . « - » Ruhig lieber Florentin , wer gedenkt sie Ihnen aufzudringen ? Die feinere Ausbildung läßt sich mit jenem geheimnisvollen Berg vergleichen , von dem die Dichter unter dem Namen Venusberg viel Wunderbares erzählen . Berauscht von einer süßtönenden Harmonie , sagen sie , wird man hineingezogen ; wer am Eingange stehenbleibt , ahndet nichts als Schrecknisse in der Verworrenheit , die sein Blick nicht zu durchdringen vermag ; wer aber unerschrocken vordringt , der findet ewige Freuden ; und wer sich voll Ungeduld wieder hinauszusehnen vermag , findet doch sonst nirgend Ruhe , und unaufhaltsam zieht der Zauber ihn wieder zurück . « - » Nun mir scheint dieser Zauber doch in nichts zu liegen , als im Hochmut sich so gern etwas gar Großes zu dünken . Dies ist der Rausch , der ihre Sinne gefangenhält , daß sie in die schwindelnde Tiefe wieder zurück müssen , und in der freien Welt sich nicht zu finden wissen , wo jeder gleicher Rechte sich erfreut , und niemand sich über den andern erheben darf . « - » Nun sehen Sie , so ist es doch nur anders maskierter Hochmut , der es Ihnen so verleidet , unter den Emporstrebenden zu existieren . « - » O guter Gott , es mag wohl sein , nichts ist ansteckender als das Böse ! Doch soll es mir wohl noch gelingen , die schlechten Gewohnheiten wieder abzustreifen . « - » Ich sehe , es ist heute nichts mehr mit Ihnen anzufangen , Sie sind bitter . « - » Das noch nicht ! Wo ist der Tor , der auf ein sicheres , dauerndes Lebensglück rechnet ? Aber lassen Sie es mich Ihnen gestehen : Bettys Schicksal und das Ihrige , das ich so deutlich vor mir sehe , das von Eduard und Juliane , was ich nur ahnde , es hat mich verwirrt und betrübt . Aus welchen losen Fäden ist der Traum eures Glücks gesponnen ! « - » Es lebt dafür in unsrer Seele etwas , das , dem ungebildeten Menschen fremd , uns über jeden Glückswechsel erhebt ! « - » Nein , Siegen oder Untergehen ! « rief Florentin aus , als er allein war . - Und doch hatte die freudige Gelassenheit , mit der der Doktor die letzten Worte gesprochen , etwas in ihm erregt , das ihn nachdenklich machte . Am Ende blieb er aber freilich dennoch überzeugt : daß er seinem jetzigen Plane folgen müsse ; daß es für ihn keine andre Tätigkeit gebe , als in einem neuen Leben das zu vergessen , was ihn im alten gequält hatte . Jene Ahndung war auch noch nicht aus seinem Herzen geflohen : er müsse in der Welt einen Aufschluß über seine Bestimmung und seine Geburt aufsuchen . Den andern Tag , während der Doktor seine Geschäfte in der Stadt verrichtete , war Florentin allein zurückgeblieben , weil er ohne Not nicht gern dort verweilen mochte . Der Doktor schickte ihm sein Pferd und seine übrigen Sachen aus dem Gasthof , und kam zum Mittagsessen selbst wieder zu ihm hinaus . - Er erzählte ihm : Walter habe den Morgen schon einigemal im Gasthofe nach ihm fragen lassen ; ... » was wird er wollen ? « - » Vielleicht eine Ausfordrung « , sagte Florentin . - » Leicht möglich , daß er sich von Ihnen beleidigt hält ! « - » Sie sehen « , sagte Florentin , indem er auf seinen Degen zeigte , » ich habe eine Vorbedeutung gehabt . - Die Uniform ist überhaupt gar nicht übel ; gewisse Menschen haben Respekt vor einer Uniform , weil diese das einzige ist , wodurch sie selbst sich Respekt zu schaffen wissen . « Während sie noch am Tisch saßen , kam folgendes Billett : » Florentin wird es nicht vergessen haben , daß er zur Musik abgeholt wird . Die Tante freut sich sehr , ihn diesen Abend zu sehen . Bereiten Sie ihn darauf vor , lieber Freund , daß er Waltern hier finden wird , und bitten Sie ihn in meinem Namen , des gestrigen fatalen Auftritts nicht weiter zu gedenken . Es war ein Mißverständnis . Walter hat seinen Irrtum eingesehen , und es wird nur auf Florentin ankommen , daß uns der Abend Friede und Freude bringt . Betty . « » Es war also eine Aussöhnung ! « sagte Florentin . - » Ich traue dem nicht so ganz « , sagte der Doktor ; » wegen einer Aussöhnung hätte er sicherlich nicht so oft nach Ihnen fragen lassen . « - » Ich wollte nur , Betty wäre nicht dabei zu schonen , mir ist er im innersten Herzen fatal . « - » Lassen wir ihn jetzt . Die Gräfin ist heiter und sehr wohl ; ich mußte ihr viel von Ihnen erzählen , sie hörte jedes Wort mit ganz besonderem Interesse an . Es sind auch Briefe vom Schloß diesen Morgen gekommen . Juliane und Eduard befehlen Ihnen ja hierzubleiben , bis sie herkommen . « - » Wollen sie kommen ? Wann ? « - » Vielleicht noch heute , in den nächsten Tagen aber gewiß . « Achtzehntes Kapitel Am Eingange des Hauses ward Florentin nach einem Seitenflügel gewiesen . Er trat in einen hochgewölbten Gang ; zwischen den Säulen gingen mehrere Personen still hinauf , nach dem Ende des Ganges , wo sich eine große Flügeltüre öffnete . Es war alles feierlich ernst ; die Schritte hallten von dem Boden wider ; die Idee eines Wohnhauses war verschwunden , es war der Eingang zum Tempel . Jetzt öffneten sich die Flügeltüren für ihn , ein hoher Dom umfing ihn . Er hörte noch die letzten Worte der Messe , die Versammlung erhob sich von ihren Knien , einige einzelne verweilten noch in tiefer Andacht . Der Orgel gegenüber befand sich ein Monument . Florentin ging näher hinzu , um es zu betrachten . Auf einem Sarkophag ruhte ein Genius in Gestalt eines Kindes , die Fackel entsank verlöschend seiner Hand ; es war nicht gewiß , ob er tot oder schlafend abgebildet war . Auf den Seiten des Sarkophags zeigten sich in halb erhobener Arbeit die Horen , die traurend , mit verhülltem Angesicht , eine nach der andern hinschlichen ; über dem Monument befand sich das Gemälde der heiligen Cäcilia , der Beschützerin der Tonkunst und Erfinderin der Orgel . Florentin erschrak fast , als er seine Augen zu dem Bilde aufhob ; es war die göttliche Muse , die in lichter , freudenreicher Glorie des großen Gedankens , über Tod und Trauer siegend schwebte . Das Gemälde jener heiligen Anna , das ihn , als er es zuerst gesehen , so ergriffen hatte , war nur ein schwacher Abglanz dieser Herrlichkeit . Im Anschauen verloren , vergaß er es völlig , daß es Clementinens Porträt sei , von dem er schon soviel gehört hatte . Nichts was an Menschen und Menschenwerk erinnert , war seiner Seele dabei gegenwärtig , nie hatte er die Göttlichkeit der Musik so verstanden , als vor diesem Angesicht . Die Sonne warf im Untersinken noch einen blendenden Strahl durch die hohen Fenster , die weißen Kerzen schimmerten blaß hindurch , alle Gegenstände leuchteten auf eine seltsame Weise , und bewegten sich wie Geister . Der Strahl fiel gerade auf das Gesicht der heiligen Cäcilia ; Farben und Züge waren verschwunden , es war nur ein blendender Glanz ; Florentin hätte in die Knie sinken mögen vor dieser Herrlichkeit . - Die Betenden standen auf : zuletzt erhob sich langsam von den Stufen des Altars die Gräfin Clementina . Es war eine edle schlanke Gestalt , etwas über die gewöhnliche Größe . Ein schwarzes glänzendes Kleid floß in reichen Falten bis zu ihren Füßen herab , und bedeckte die Arme bis zur weißen , feinen Hand . Auf der linken Seite trug sie ein Kreuz von Diamanten ; ein langer schwarzer Schleier verhüllte Kopf und Haare , so daß man nur die erhabene Haltung wahrnehmen konnte , auch das Gesicht war ganz davon verdeckt ; in der einen Hand , die sich auf Betty stützte , hielt sie ein weißes Tuch , die andre trug herabhängend eine Rolle . So wankte sie , sichtbar ermattet , vor Florentin vorüber , ohne ihn wahrzunehmen , ihre Augen blieben fest am Boden geheftet . Neben dem Monument war ein halb vergitterter Sitz , dort setzte sie sich ; Betty und einige junge Mädchen , die ihr gefolgt waren , bemühten sich geschäftig um sie her ; diese entfernten sich , und Clementina blieb allein . Sie hatte ihren Schleier aufgeschlagen , und sah die Blätter durch , die nun aufgerollt vor ihr lagen . Ihr Gesicht zeigte mehr als Reste ehmaliger erhabener Schönheit ; die Züge standen im reinsten , edelsten Verhältnis , aber eine Marmorblässe bedeckte sie . Waren ihre Augen unter den schöngewölbten Lidern gesenkt , so schien sie mit der leuchtenden Stirn , den bleichen , mit